Chapter 6 of 45 · 3048 words · ~15 min read

VI.

Ich las ihnen meinen Roman sogleich bis zum Ende vor. Ich begann nach dem Tee und las bis zwei Uhr nachts. Der Alte legte zuerst die Stirn in Falten. Er hatte etwas unerfaßbar Hohes erwartet, etwas, das er vielleicht überhaupt nicht begreifen könnte: etwas unbedingt Erhabenes mußte es sein. Statt dessen aber war es plötzlich etwas so Alltägliches und so längst Bekanntes, – wirklich: ganz wie alles das, was gewöhnlich um einen herum geschah! Wenn doch der Held wenigstens ein großer oder interessanter Mensch gewesen wäre, oder wenn ich doch etwas Historisches geschrieben hätte ^à la^ Roßlawleff oder Jurij Miloßlawskij, aber so! ... Irgend ein kleiner, verschüchterter und sogar ziemlich einfältiger Beamter, von dessen Uniformrock sämtliche Knöpfe abgefallen sind! – und alles das noch dazu in einer so einfachen Sprache geschrieben, auf ein Haar so wie wir selbst sprechen ... Sonderbar! Die Alte blickte fragend ihren Alten an, setzte sogar eine etwas hochmütige Miene auf, als hätte ich sie gekränkt. „Nein, lohnt es sich denn, so etwas überhaupt zu drucken und anzuhören! Und dafür wird noch Geld gezahlt!“ stand auf ihrem Gesicht geschrieben. Natascha dagegen hörte gierig zu, wandte keinen Blick von meinem Gesicht; sie hing förmlich an meinen Lippen, sah wie ich jedes Wort aussprach, und bewegte hin und wieder unbewußt ihre eigenen reizenden Lippen nach meinem Beispiel. Aber was geschah? Noch hatte ich nicht bis zur Hälfte gelesen, da standen schon in den Augen aller meiner Zuhörer – Tränen. Anna Andrejewna weinte aufrichtig, bemitleidete meinen Helden von ganzem Herzen und wollte ihm in seinem Unglück beistehen, helfen, was ich aus ihren naiven Ausrufen ersah. Der Alte hatte bald alle Erwartungen auf hohe und erhabene Dinge fallen lassen. „Da sieht man gleich, daß es nichts Klassisches ist, eben eine einfache Erzählung; dafür geht sie auch allen zu Herzen,“ sagte er, „dafür ist sie verständlich und begreiflich und erklärt einem, was um uns geschieht, und ist gleichzeitig sozusagen ein Denkmal dieser Geschehnisse. Dafür erkennt man, daß auch der niedrigste Mensch, mag er noch so eingeschüchtert und heruntergekommen sein, doch auch ein Mensch und mein Bruder ist.“

Natascha hörte zu, weinte und drückte mir unter dem Tisch krampfhaft die Hand, natürlich nur heimlich. Ich hatte den Roman zu Ende gelesen. Sie erhob sich; ihre Wangen glühten und Tränen glänzten noch an ihren Wimpern; plötzlich ergriff sie meine Hand, küßte sie und lief aus dem Zimmer. Die beiden Alten tauschten einen Blick aus.

„Hm! Da sieh mal an, wie begeisterungsfähig sie ist,“ sagte der Alte, doch etwas verdutzt. „Übrigens hat das nichts zu sagen, es ist sogar gut, weißt du, sogar sehr gut, ein edler Ausbruch! Sie ist ein gutes Mädchen ...“ brummte er mit einem Seitenblick auf seine Frau, als wolle er Natascha in Schutz nehmen und gleichzeitig auch mich rechtfertigen.

Doch Anna Andrejewna blickte jetzt bereits, obschon sie noch kurz zuvor gerührt und aufgeregt gewesen war, mit einer Miene drein, als wollte sie sagen: „Das ist ja alles ganz schön und gut, aber weshalb denn davon soviel Aufsehens machen?“

Natascha kehrte bald zurück, heiter und glücklich, und im Vorübergehen kniff sie mich heimlich. Der Alte machte sich zwar wieder daran, „ernstlich“ meinen Roman abzuschätzen, entbehrte aber vor Freude der nötigen Charakterfestigkeit und ließ sich hinreißen:

„Na, Freund Wanjä, kein Wort zu reden, es ist gut, sogar sehr gut! Hast uns überrascht, das muß ich sagen! Hast uns sogar so überrascht, wie ich es gar nicht erwartet hatte. Es ist ja nicht Gott weiß wie hoch und erhaben, das sieht man ... Da habe ich zum Beispiel die ‚Befreiung Moskaus‘ – dort auf dem Tisch – ist auch in Moskau verfaßt worden, – nun, das ist was anderes, da merkt man, Freund, schon an der ersten Zeile, daß man sich da, wie man so sagt, wie ein Adler emporschwingen muß, um es zu verstehen ... Aber weißt du, Wanjä, bei dir ist es alles viel einfacher, viel verständlicher. Sieh, und deshalb gefällt es mir auch gerade, weil es verständlicher ist. Es ist wie ... wie vertrauter; als hätte ich das selbst alles erlebt. Das Erhabene aber – was ist denn das schließlich. Das begreift der Schreiber vielleicht selber nicht. Aber weißt du, den Stil würde ich an deiner Stelle doch etwas schleifen; das Buch ist ja gut so, wie es ist, aber sag’ du, was du willst – es ist eigentlich doch wenig Erhabenes darin ... Na, aber was! – jetzt ist es zu spät: ist schon gedruckt. Doch in der zweiten Auflage, ginge es da nicht? Was, Freund, eine zweite Auflage wird’s doch geben? Und dann gibt es wieder Geld ... Hm!“

„Und Sie haben wirklich so viel Geld bekommen, Iwan Petrowitsch?“ fragte mich Anna Andrejewna. „Ich muß sagen – ich sehe Sie an und kann’s immer noch nicht glauben. Ach, du mein Gott, wofür man jetzt alles Geld zahlt!“

„Weißt du, Wanjä,“ fuhr der Alte fort, indem er und seine Phantasie immer lebhafter wurden, „das ist zwar kein Staatsdienst, dafür aber doch eine Laufbahn! Auch hochstehende Persönlichkeiten werden es lesen. Du sagtest doch, Gogol erhalte eine jährliche Unterstützung und sei ins Ausland geschickt worden. Was, wenn du nun auch so etwas erhieltest? Wie? Was meinst du? Oder ist es noch zu früh? Muß dazu noch mehr geschrieben werden? Nun, dann schreib nur, Freund, schreib nur! Ruh dich noch nicht auf deinen Lorbeeren aus. Wozu da Zeit versäumen!“

Und er sagte das alles mit so überzeugter Miene, mit einer so gutmütigen Offenherzigkeit, daß ich mich nicht entschließen konnte, seiner Phantasie einen Dämpfer aufzusetzen: ich hatte nicht das Herz dazu.

„Oder es wird dir zum Beispiel eine Schnupftabaksdose übersandt ... Was! Man kann eben auf verschiedene Art seine Anerkennung bezeugen. Vielleicht will man dir behilflich sein ... Wer weiß, vielleicht wirst du sogar bei Hofe empfangen werden?“ fragte er fast flüsternd und sah mich dabei bedeutsam an und zwinkerte mit dem linken Auge, „oder nicht? Dazu ist’s wohl noch zu früh?“

„Was nicht noch! Nun schon bei Hofe!“ sagte Anna Andrejewna, wie es schien, für den Hof fast gekränkt.

„Es fehlt nicht viel und Sie erheben mich zum General,“ versetzte ich von Herzen lachend.

Da begann auch der Alte zu lachen. Er war gut gelaunt.

„Wünschen Exzellenz nichts zu genießen?“ fragte Natascha schelmisch vom Eßtische her. Dann lachte sie auf, lief zum Vater und umarmte ihn krampfhaft.

„Du guter, lieber Papa!“

Der Alte war ganz gerührt.

„Nun, nun, schon gut, schon gut! Ich rede ja nur so. General hin oder General her – aber gehen wir mal jetzt zu Tisch und essen wir etwas. Ach du, Kleine, sieh mal an, wie leicht du dich rühren läßt!“ sagte er zärtlich, indem er seiner Natascha die rosige Wange klopfte, was er gern bei jeder Gelegenheit tat. „Ich habe ja nur aus Liebe zu dir gesprochen, Wanjä ... Nun, wenn du auch nicht ein General wirst – bis zum General ist es weit! – aber du bist doch immer eine bekannte Persönlichkeit: ein Verfasser.“

„Papa, jetzt sagt man Schriftsteller.“

„So? Nicht Verfasser? Das wußt’ ich nicht. Nun, dann meinethalben Schriftsteller, aber ich wollte nur sagen: zum Kammerherr wird er dafür, daß er einen Roman geschrieben hat, doch nicht ernannt werden; daran ist nicht zu denken; aber schließlich kann er auch so auf die Staffel kommen, zum Beispiel: kann irgend so etwas wie ein Attaché werden, wird vielleicht ins Ausland geschickt, nach Italien, zur Kräftigung der Gesundheit, oder sonstwie – zur Vervollkommnung in der Wissenschaft etwa ... dazu kann man ihn mit Geld unterstützen. Versteht sich: das darf nur in anständiger Weise geschehen, so, daß er auch wirklich etwas dafür leistet, für das Geld und die Ehrungen, nicht aber so irgendwie durch Protektion ...“

„Du, werd’ aber dann nur nicht zu stolz, Iwan Petrowitsch,“ unterbrach ihn lachend Anna Andrejewna.

„Ach, Papa, heften wir ihm doch schnell einen Orden an den Rock, denn sonst – was ist denn ein Attaché!“

Und wieder kniff sie heimlich meinen Arm.

„Da macht sich der Racker wieder mal über mich lustig!“ rief der Alte lachend, während seine Augen liebkosend auf seiner Tochter lagen, deren glänzender Blick und lachende Lippen Glück verrieten. „Ja, wißt ihr, jetzt merk’ ich selbst, daß ich zu weit gegangen bin, Kinderchen, das ist nun einmal mein alter Fehler ... Nun weißt du, Wanjä, es wundert mich doch: du bist ja eigentlich ein ganz gewöhnlicher Mensch, wenn man dich so ansieht ...“

„Ach, mein Gott! Wie soll er denn sein, Papachen?“

„Nein, nein, das war nicht so gemeint. Ich meine ja nur, Wanjä, daß du eben ein Gesicht hast ... das heißt so, so ... eben gar kein poetisches ... So, weißt du, ich meine – man sagt doch immer, sie seien so bleich, die Dichter, so – na ja, mit solchem Haar und in den Augen so was ... Na, du weißt schon, so wie Goethe etwa oder sonst einer von diesen ... ich hab’s vor kurzem in einer Zeitschrift gelesen ... Wie? Was? Habe ich wieder was Falsches gesagt? Da hat der Racker wieder gut lachen über mich! Worüber lachst du denn? Ich, wißt ihr, ich bin kein Gelehrter, ich verstehe nur zu – zu fühlen. Na, Gesicht hin, Gesicht her – was ist schließlich an solch einem Gesicht gelegen! Für mich ist auch dein Gesicht schon lange gut genug, es gefällt mir sogar sehr ... Das war es nicht, was ich sagen wollte ... Nur sei du immer ehrlich, Wanjä, sei ein Ehrenmann, das ist die Hauptsache. Lebe anständig, denke nicht an das glänzende Äußere, nicht darauf kommt es an! Vor dir liegt ein breiter Weg. Diene ehrlich deiner Sache; sieh, nur das wollte ich dir sagen, gerade dieses eine wollte ich dir nur sagen!“

Wundervoll war die Zeit! Alle freien Stunden, alle Abende verbrachte ich bei ihnen. Dem Alten erzählte ich Neues aus der literarischen Welt und von der Literatur, für die er sich plötzlich, ich weiß nicht warum, sehr zu interessieren begann; er las sogar die kritischen Abhandlungen B.s, von denen ich ihm viel erzählt hatte und die er doch fast überhaupt nicht verstand, nichtsdestoweniger aber bis zur Begeisterung lobte, indessen sich bitter über die Feinde B.s beklagte. Die Alte pflegte eifrig auf mich und Natascha aufzupassen, aber es half doch nichts! Zwischen uns war schon das entscheidende Wort gefallen, denn Natascha hatte mit gesenktem Köpfchen und halbgeöffneten Lippen flüsternd „Ja“ gesagt. Dann hatten es die Alten erfahren, sich darüber beraten, nachgedacht; Anna Andrejewna hatte lange ungläubig den Kopf geschüttelt. Sonderbar bange war ihr. Sie glaubte nicht an mich.

„Solange Sie Erfolge haben, Iwan Petrowitsch, ist ja alles gut,“ sagte sie zu mir, „aber wenn der Erfolg ausbleibt – was dann? Wäre es nicht besser, wenn Sie doch irgendwo in Stellung träten!“

„Hör mal an, Wanjä, was ich dir sagen werde,“ entschied der Alte nach langem Nachdenken, „ich habe es ja selbst kommen sehen, längst bemerkt und muß gestehen, daß es mich gefreut hat, du und Natascha ... nun, was ist denn dabei! Siehst du, Wanjä; beide seid ihr aber noch sehr jung und meine Anna Andrejewna hat recht. Warten wir. Du, nehmen wir an, hast vielleicht Talent, bedeutendes Talent ... nun gerade kein Genie, wie sie da anfangs über dich schrieben, sondern so, einfach ein Talent ... (ich habe heute eine Kritik über dich in der ‚Biene‘ gelesen; gar zu schlecht haben sie dich da behandelt; doch was ist denn das auch für eine Zeitschrift!) Ja! Siehst du: das heißt noch kein Geld auf der Sparkasse haben, wenn man Talent hat: ihr seid aber beide arm. Warten wir ein Jährchen oder ein halbes: kommst du inzwischen gut auf deinem Wege vorwärts – so sollst du sie haben; wenn nicht – so sage dir doch selbst ... du bist ein anständiger Mensch, überlege es dir doch einmal! ...“

Und dabei blieb es! Was aber geschah nach einem Jahr:

Ja, gerade nach einem Jahr! An einem hellen Septembertage, kurz vor Abend war es, da erschien ich bei meinen Alten, krank, den Tod in Seele und Körper und sank fast ohnmächtig auf einen Stuhl nieder, so – daß die beiden, als sie sahen in welchem Zustande ich mich befand, sehr erschrocken waren. Nicht etwa deshalb schwindelte mir der Kopf und quälte mich mein Herz, nachdem ich zehnmal an ihre Tür getreten war und zehnmal mich fortgeschlichen hatte, ohne einzutreten, – nicht deshalb weil meine literarische Tätigkeit mir keinen Ruhm gebracht und ich kein Geld besaß; nicht deshalb, weil ich noch kein „Attaché“ geworden und niemand daran dachte, mich der Gesundheit wegen nach Italien zu schicken; sondern deshalb, weil man in einem Jahr zehn Jahre durchleben konnte, und weil auch meine Natascha zehn Jahr in einem Jahr durchlebt hatte. Eine Ewigkeit lag zwischen uns ... Und ich erinnere mich, wie ich dasaß vor meinem Alten und schweigend meinen vertragenen Hut zwischen den Fingern drehte, dasaß und wartete – worauf? Wohl daß Natascha käme?! Meine Kleidung war vertragen, mein Rock saß mir schlecht, mein Gesicht war bleich und eingefallen – und doch war ich noch längst nicht einem Dichter ähnlich und aus meinen Augen flammte kein großer Genius, wie ihn damals der gute Nikolai Ssergejewitsch geschildert hatte. Die Alte sah auf mich mit allzu aufrichtigem, allzu bereitwilligem Mitleid und dachte wohl bei sich:

„Und dieser wäre beinahe Nataschas Verlobter geworden! Gott erhalte und beschütze uns davor!“

„Iwan Petrowitsch, wünschen Sie vielleicht Tee?“ (Der Samowar kochte auf dem Tisch.) „Wie geht es Ihnen denn, Väterchen? Ganz krank sehen sie aus!“ Mir ist, als hörte ich ihre klagende Stimme.

Und vor mir sehe ich sie jetzt noch, wie sie zu mir spricht, eine andere Sorge auf dem Herzen, die auch ihrem Manne am Herzen nagt, der über seiner stehengebliebenen Teetasse seinen Gedanken nachging. Ich wußte, daß sie in diesem Augenblick der Prozeß mit dem Fürsten, der für sie keine günstige Wendung genommen, sehr beschäftigte, dazu kamen noch andere Unannehmlichkeiten, die Nikolai Ssergejewitsch tief im Innersten erregten. Der junge Fürst, der die Ursache der ganzen Geschichte gewesen, hatte vor fünf Monaten eine Gelegenheit gefunden, Ichmenjeffs aufzusuchen. Der Alte, der seinen lieben Aljoscha wie seinen eigenen Sohn gern hatte und sich täglich seiner erinnerte, nahm ihn mit Freuden auf. Anna Andrejewna wurde an Wassiljewskoje erinnert und brach in Tränen aus. Aljoscha kam nun immer öfter und öfter, während er seine Besuche vor dem Vater verheimlichte. Nikolai Ssergejewitsch wiederum, offen und anständig wie er war, wies alle Bedenken und Vorsichtsmaßregeln mit Unwillen zurück. Aus Stolz mochte er gar nicht daran denken, was der Fürst dazu sagen würde, wenn er es erführe, daß sein Sohn wieder Gast des Hauses Ichmenjeff sei und verachtete innerlich jeglichen unsinnigen Verdacht. Der Alte überlegte gar nicht, ob er auch stark genug sein würde, neue Beleidigungen zu ertragen. Der junge Fürst erschien jetzt jeden Tag und erheiterte durch seine Gegenwart die Alten. Oft saß er bei ihnen bis in die Mitternacht. Natürlich erfuhr es der Vater. Es liefen wieder die schrecklichsten Gerüchte um. Der Fürst schrieb wieder Nikolai Ssergejewitsch wie früher einen schrecklich beleidigenden Brief über dieses Thema und verbot dem Sohn endgültig den Besuch bei Ichmenjeffs. Das war ungefähr vor zwei Wochen geschehen. Der Alte war wieder aufs tiefste erschüttert. Wie! Seine unschuldige edle Natascha wagte man von neuem in diese schmutzige Geschichte zu verwickeln! Dieser Mensch wagte es, wie früher ihren Namen in schimpfliche Verbindung zu bringen ... Und alles das, ohne irgend eine Genugtuung zu erhalten! In den ersten Tagen erkrankte er vor Verzweiflung und mußte das Bett hüten. Alles das hatte ich erfahren, die ganze Geschichte bis in alle ihre Einzelheiten, obgleich ich krank und gequält in meiner Wohnung lag und drei Wochen lang bei ihnen nicht erschienen war. Auch wußte ich schon damals ... nein, ich fühlte es voraus, daß außer dieser Geschichte, sie etwas anderes auf der Welt noch viel mehr beunruhigen, ja quälen mußte, und sie taten mir leid. Vielmehr ich quälte mich, fürchtete alles zu erraten und wünschte aus meiner ganzen Kraft, diese verhängnisvolle Minute aufhalten zu können. Und doch war ich nur deshalb zu ihnen gekommen. Mich hatte heute etwas geradezu gezwungen, hinzugehen!

„Ja, Wanjä,“ wandte sich, wie sich plötzlich besinnend, der Alte an mich, „bist du nicht krank gewesen? Warst lange nicht mehr hier? Ich wollte mich nach dir erkundigen, aber ich kam nicht dazu ...“

Und er verfiel wieder in Nachdenken.

„Ich war nicht recht gesund,“ antwortete ich.

„Hm! Nicht recht gesund,“ wiederholte er fünf Minuten nachher. „Also nicht gesund! Habe ich dir damals nicht gesagt, dich gewarnt – du wolltest nicht hören! Hm! Nein, mein lieber Wanjä: die Muse, die hat doch immer im Dachstübchen gehungert und da wird sie auch sitzen bleiben. So ist’s!“

Ja, der Alte war wahrlich nicht bei Laune! Aber wäre er nicht selbst so tief in seinem Herzen verwundet gewesen, dann hätte er wohl nicht so hart von der hungernden Muse gesprochen! Ich betrachtete ihn näher: seine Gesichtsfarbe hatte einen gelben Ton und in seinen Augen lag eine quälende Frage, die zu beantworten er keine Kraft mehr zu haben schien. Er war zerstreut, unruhig, und offenbar sehr verbittert. Seine Frau betrachtete ihn mit Unruhe und schüttelte über ihn heimlich den Kopf. Als er sich umwandte, machte sie mir ein Zeichen.

„Wie geht es Natalja Nikolajewna? Ist sie zu Haus?“ fragte ich die besorgte Anna Andrejewna.

„Zu Haus, mein Lieber, zu Haus,“ bestätigte sie, doch ganz, als fiele es ihr schwer, diese Frage zu beantworten. „Sie wird gleich kommen, um dich zu begrüßen. Ist es denn ein Spaß, dich drei Wochen nicht zu sehen! Hat sie sich darum etwa so verändert, man weiß wirklich nicht, ist auch sie krank oder ist sie gesund! Gott mit ihr!“

Und sie warf einen scheuen Blick auf ihren Mann.

„Wieso? Was soll ihr fehlen?“ warf Nikolai Ssergejewitsch kurz und abgebrochen ein, „sie ist gesund. Das Mädchen kommt in die Jahre, wo man die Kinderschuhe auszieht, das ist alles. Wer kann aus diesen Mädchenlaunen klug werden?“

„Nun ja, jetzt sind’s schon Launen!“ griff Anna Andrejewna in gekränktem Tone die Bemerkung auf.

Der Alte schwieg und trommelte mit seinen Fingern auf den Tisch.

„Mein Gott, sollte wirklich schon etwas zwischen ihnen vorgefallen sein?“ dachte ich mit Schrecken.

„Nun, und wie steht es denn da mit euch?“ begann er von neuem. „Schreibt B. immer noch seine Kritiken?“

„Ja, er schreibt,“ antwortete ich.

„Ach, Wanjä, Wanjä!“ rief er aus, mit der Hand abwinkend, „was sollen uns hier die Kritiken!“

Die Tür öffnete sich und herein trat Natascha.