Chapter 31 of 45 · 3169 words · ~16 min read

V.

Am andern Morgen erzählte mir Nelly eigenartige Dinge vom gestrigen Besuch. Es war übrigens schon sonderbar, daß Masslobojeff sich gerade den Abend ausgesucht hatte, an dem, wie er wissen mußte, ich nicht zu Hause war; ich hatte ihn noch bei unserem letzten Zusammensein davon unterrichtet, ich erinnere mich dessen nur zu gut. Nelly behauptete, daß sie am Anfang nicht habe öffnen wollen, weil sie sich gefürchtet, – es sei bereits acht Uhr abends gewesen. Er habe sie hinter der Tür angefleht, ihm zu öffnen, da er etwas sehr Wichtiges für mich zu melden habe, und es mir morgen sonst sehr schlecht ergehen könne. Gleich, nachdem er eingetreten, hatte er sich an meinen Schreibtisch gesetzt, um mir den Zettel zu schreiben, darauf war er aufgestanden und hatte sich zu ihr auf den Diwan gesetzt. „Ich stand auf und wollte nicht mit ihm sprechen,“ erzählte Nelly, „ich fürchtete mich sehr; er begann von der Bubnowa zu erzählen, wie sie wütend sei, daß sie mich jetzt für immer verloren und darauf lobte er Sie; er sagte, Sie seien sein guter Freund und er habe Sie bereits als Kind gekannt. Da verlor ich meine Angst und habe mit ihm gesprochen. Er reichte mir Konfekt; ich wollte es aber nicht annehmen. Er versicherte mir, daß er kein schlechter Mensch sei, daß er zu tanzen und zu singen verstehe; er stand sofort auf und fing an zu tanzen. Ich mußte lachen. Darauf sagte er, daß er noch ein wenig bleiben wolle, – um Wanjä abzuwarten – und bat mich sehr, ihn nicht zu fürchten, und mich neben ihm hinzusetzen. Ich setzte mich, doch wollte ich kein Wort mit ihm sprechen. Er sagte mir, daß er Mama und Großpapa gekannt habe und ... da habe ich denn gesprochen. Er saß noch lange ...“

„Und wovon habt ihr denn gesprochen?“

„Von Mama ... von der Bubnowa ... und von Großpapa.“

Nelly schien es mir nicht sagen zu wollen, wovon sie gesprochen. Ich fragte sie auch nicht weiter aus, denn ich hoffte alles durch Masslobojeff zu erfahren. Allem Anscheine nach hatte Masslobojeff Nelly allein antreffen wollen. „Wozu nur das?“ dachte ich.

Sie zeigte mir lachend die drei Konfektstückchen, die er ihr gegeben. Das waren schlechte in einem Schmierladen gekaufte Bonbons.

„Warum hast du sie nicht gegessen?“ fragte ich.

„Ich wollte nicht,“ antwortete sie finster, mit gerunzelten Brauen. „Ich habe sie nicht genommen, er hat sie auf dem Diwan liegen lassen ...“

Ich hatte an diesem Tage viele Gänge zu machen und mußte Nelly bereits wieder verlassen.

„Hast du es langweilig allein?“ fragte ich sie beim Fortgehen.

„Langweilig und auch nicht langweilig. Langweilig, weil Sie immer so lange fortbleiben.“ Und sie sah mich mit großer Liebe an. Sie hatte mich bereits den ganzen Morgen zärtlich angesehen und schien halb fröhlich, halb zärtlich, halb verlegen zu sein; auch war in ihr etwas Scheues, als fürchtete sie, mich irgendwie zu ärgern oder mein Wohlwollen zu verlieren ...

„Also ... und warum auch _nicht_ langweilig?“ fragte ich sie, unwillkürlich über sie lächelnd, so lieb und teuer war sie mir geworden.

„Das kann ich nicht sagen,“ antwortete sie lächelnd und verschämt.

Wir standen an der Schwelle bei offener Tür. Nelly stand vor mir mit gesenkten Augen, mit einer Hand an meinem Rockärmel zupfend.

„Das ist also ein Geheimnis?“ fragte ich sie.

„Nein ... das nicht ... ich ... ich habe Ihr Buch zu lesen angefangen,“ sagte sie mit leiser Stimme und richtete ihren zärtlichen Blick über und über errötend auf mich.

„Ah, sieh mal an! Nun, gefällt es dir?“

Als Autor war ich außer mir vor Freude, doch ich hätte weiß Gott was gegeben, wenn ich sie in diesem Augenblick hätte küssen können. Doch das war nicht möglich. Nelly schwieg.

„Warum, warum mußte er sterben?“ fragte sie mit einem Ausdruck tiefster Trauer, heimlich mich ansehend, um dann plötzlich wieder die Augen niederzuschlagen.

„Wer denn?“

„Dieser junge Mann ... an der Schwindsucht ... im Buche, da?“

„Es mußte so sein, Nelly.“

„Durchaus nicht,“ antwortete sie fast flüsternd, doch plötzlich brach sie ab, halb böse, halb schmollend und hartnäckig die Augen zu Boden gerichtet.

Es verging eine Minute.

„Und sie ... nun sie, alle beide, das Mädchen und der Alte,“ flüsterte sie kaum hörbar und zupfte mich immer heftiger am Ärmel, „bleiben sie zusammen? Und werden sie nicht mehr arm sein?“

„Nein, Nelly, sie fährt weit fort und wird die Frau eines Gutsbesitzers, er aber bleibt ganz allein,“ es tat mir wirklich leid, daß ich ihr nichts Beruhigenderes mitteilen konnte.

„Wenn es so ist ... so werde ich jetzt nicht mehr weiterlesen!“

Sie stieß meine Hand von sich, kehrte mir den Rücken, ging an den Tisch und blieb so von mir abgewandt stehen. Sie atmete unregelmäßig vor heftiger Erregung.

„Du hast dich also geärgert, Nelly?“ Ich trat an sie heran, „das ist doch alles nicht wahr, das habe ich mir doch nur ausgedacht. Worüber bist du denn böse, empfindsame Kleine!“

„Ich bin nicht böse,“ sagte sie bescheiden und mich traf ein heller, liebevoller Blick. Plötzlich ergriff sie aber meine Hand, preßte ihr Gesicht an meine Brust und fing an zu weinen.

Doch im selben Augenblick lachte sie auch schon wieder, lachte und weinte zusammen. Auch mir war es so komisch und doch – so süß zumute. Doch sie wollte um nichts in der Welt ihr Köpfchen aufheben, und je mehr ich mir Mühe gab, es von meiner Brust loszureißen, um so mehr preßte sie es an mich und lachte immer heftiger und heftiger.

Endlich machten wir dieser gefühlvollen Szene ein Ende. Wir verabschiedeten uns voneinander und ich eilte davon. Nelly, ganz rot im Gesicht und verschämt mit glänzenden Augen, lief mir noch nach auf die Treppe und bat mich, bald wieder zu kommen. Ich versprach ihr, zu Mittag zurück zu sein.

Zuerst ging ich zu den Alten. Beide waren erkältet. Anna Andrejewna war sogar ganz krank. Nikolai Ssergejewitsch war in seinem Kabinett. Er hörte, daß ich kam, doch wußte ich, daß er nach seiner Gewohnheit erst eine Viertelstunde später erscheinen würde, um uns miteinander Zeit zur Aussprache zu geben. Ich wollte Anna Andrejewna nicht zu sehr aufregen und schwächte meine Erzählung über den gestrigen Abend nach Möglichkeit ab, doch konnte ich die Wahrheit nicht verheimlichen; zu meiner Verwunderung jedoch nahm die Alte die Nachricht von der Möglichkeit eines Bruches ohne jede Verwunderung hin.

„Nun, mein Lieber, das wußte ich doch,“ sagte sie. „Als du damals fortgegangen warst, habe ich mir noch lange alles überlegt, daß es nicht sein kann. Wir haben es beim lieben Herrgott nicht verdient und er ist doch ein so gemeiner Mensch; kann man denn von ihm etwas Gutes erwarten. Ist es denn ein Spaß, daß er von uns umsonst zehntausend Rubel nimmt; er weiß es, daß er sie umsonst bekommt, und doch nimmt er sie. Unser letztes Stück Brot nimmt er uns und Ichmenjeffka wird verkauft. Nataschenka ist klug und gerecht, daß sie ihm nicht glaubt. Ja, weißt du, mein Lieber,“ fuhr sie fort, ihre Stimme dämpfend; „der Meine, der Meine ... ist durchaus gegen die Hochzeit. Ich beredete ihn: er will nicht, sagt er! Zuerst dachte ich, er verstellt sich; doch nein, es ist so. Was soll dann aus ihr, meinem Täubchen, werden? Er würde sie dann verfluchen. Nun, und dieser da, der Aljoscha, was tut er?“

Und lange fragte sie mich noch aus, nach allem, wie es so ihre Gewohnheit war, seufzend und murrend. Ich hatte überhaupt bemerkt, daß sie in letzter Zeit fassungslos und verworren war. Jede Nachricht erschütterte sie. Das Leid um Natascha tötete ihr Herz und ihre Gesundheit.

Der Alte erschien in Schlafrock und Pantoffeln; er klagte über Fieber, behandelte aber seine Frau, die ganze Zeit über, die ich bei ihnen verbrachte, mit großer Zärtlichkeit, sah ihr zärtlich in die Augen, pflegte sie und sorgte sich um sie. Ihre Krankheit hatte ihn sehr erschreckt, auch fühlte er, daß er alles im Leben verlieren würde, wenn er sie verlöre.

Ich saß bei ihnen über eine Stunde. Als ich mich von ihnen verabschiedet hatte, kam er mit mir hinaus ins Vorzimmer und fragte nach Nelly. Er hatte die ernste Absicht, sie zu sich ins Haus zu nehmen. Er wollte sich mit mir beraten, wie man Anna Andrejewna dafür gewinnen könne. Mit großem Interesse fragte er mich, ob ich nicht noch etwas Neues über sie erfahren hätte? Ich erzählte ihm in aller Kürze, was ich wußte. Meine Erzählung machte auf ihn einen großen Eindruck.

„Wir wollen noch darüber reden,“ sagte er in bestimmtem Tone, „– bis dahin ... übrigens, ich werde noch selbst zu dir kommen, wenn meine Gesundheit es mir erlauben wird. Dann wollen wir sehen ...“

Punkt zwölf Uhr war ich bei Masslobojeff. Zu meiner großen Verwunderung war die erste Person, der ich begegnete, der Fürst. Er zog im Vorzimmer gerade seinen Mantel an und Masslobojeff half ihm geschäftig dabei und reichte ihm seinen Stock. Er hatte mir ja von seiner Bekanntschaft mit dem Fürsten erzählt, aber diese Begegnung setzte mich doch in Erstaunen.

Auch der Fürst schien ein wenig konfus zu sein, als er mich erblickte.

„Ach, Sie sind es!“ rief er mit übertriebener Freundlichkeit. „Welch eine sonderbare Begegnung! Übrigens habe ich soeben von Herrn Masslobojeff erfahren, daß Sie mit ihm bekannt sind. Es freut mich, es freut mich sehr, Ihnen begegnet zu sein, ich möchte Sie sprechen und hoffe, so bald als möglich zu Ihnen zu kommen; Sie erlauben doch? Ich habe eine Bitte an Sie: helfen Sie mir, erklären Sie mir unsere jetzige Lage. Sie sind dort befreundet, Sie kennen den ganzen Gang der Angelegenheit; Sie haben Einfluß ... Es tut mir leid, jetzt nicht mit Ihnen bleiben zu können ... Geschäfte! In den nächsten Tagen jedoch, oder noch früher, werde ich das Vergnügen haben, bei Ihnen zu erscheinen. Doch jetzt ...“

Er schüttelte schon gar zu herzlich meine Hand, warf Masslobojeff einen verständnisvollen Blick zu und verschwand.

... „Sage mir doch, um Gotteswillen,“ begann ich, ins Zimmer tretend.

„Nichts werde ich dir sagen,“ unterbrach mich Masslobojeff, der eilig nach der Mütze griff und ins Vorzimmer stürzte – „ich habe zu tun! Ich, Bruderherz, muß selbst eilen, habe mich verspätet! ...“

„Du hast mir doch geschrieben, um zwölf Uhr zu kommen ...“

„Was will das heißen? Das habe ich dir gestern geschrieben, heute aber hat man mir geschrieben ... ich sage dir, daß mir der Kopf brummt – vor Geschäften! Man erwartet mich. Verzeih, Wanjä. Alles, was zu deiner Genugtuung geschehen kann, ist, daß du mich durchprügeln kannst, weil ich dich umsonst herbemüht habe. Wenn es dir gefällt, so haue mich nur, doch um Christi willen, schnell! Halte mich nicht auf, man wartet auf mich ...“

„Wozu soll ich dich verhauen? Hast du Geschäfte, nun so laufe, Unvorhergesehenes kann jedem passieren. Nur ...“

„Von dem _Nur_ werde ich dir schon erzählen,“ unterbrach er mich, stürzte ins Vorzimmer und zog seinen Mantel an. (Auch ich zog mich an.) „Deinetwegen habe ich eine sehr ernste Sache zu erledigen; dieser Sache wegen habe ich dich hergebeten, sie betrifft dich und deine Interessen. Da ich dir aber jetzt in einem Augenblick nicht alles erzählen kann, so gib mir, bitte, um Christi willen, dein Wort, daß du heute um punkt sieben Uhr, nicht früher und nicht später, zu mir kommst. Ich werde dann zu Hause sein.“

„Heute noch,“ sagte ich unentschlossen, „nun, Bruderherz, heute abend wollte ich doch dahin gehn ...“

„Dahin, mein Lieber, wo du am Abend gehn wolltest, gehe jetzt und am Abend komme zu mir. Denn, Wanjä, du kannst dir nicht vorstellen, was für eine Sache ich dir mitzuteilen habe.“

„Na, schön, schön; was ist es denn? Ich gestehe, daß du mich neugierig gemacht hast.“

Wir traten aus dem Haustor und standen auf dem Trottoir.

„Du wirst also kommen?“ fragte er.

„Ich habe gesagt, daß ich komme.“

„Gib dein Ehrenwort.“

„Warum, wozu? Nun, ich gebe dir mein Ehrenwort.“

„Das ist anständig. Wohin gehst du?“

„Dahin,“ antwortete ich, und zeigte nach rechts.

„Nun, und ich muß dorthin,“ und er zeigte nach links. „Lebe wohl, Wanjä, vergiß nicht ... sieben Uhr ...“

„Sonderbar, höchst sonderbar,“ dachte ich und sah ihm nach.

Am Abend hatte ich eigentlich zu Natascha gehen wollen. Doch da ich jetzt Masslobojeff mein Wort gegeben hatte, zu ihm zu kommen, so beschloß ich, jetzt zu ihr zu gehn. Ich war überhaupt überzeugt, daß ich jetzt Aljoscha bei ihr antreffen würde. Und wirklich, er war dort, und freute sich außerordentlich über mein Kommen.

Er war sehr nett, fröhlich und außerordentlich zärtlich zu Natascha. Natascha tat alles, um fröhlich zu erscheinen, doch sah man es ihr an, daß es ihr schwer fiel. Sie sah krank und bleich aus; sie hatte die Nacht nicht geschlafen. Zu Aljoscha war sie gezwungen zärtlich.

Aljoscha sprach und erzählte sehr viel, offenbar wollte er sie belustigen und ihren Lippen ein Lächeln abringen. Er erwähnte aber in seinem Gespräche weder Katjä noch seinen Vater. Wahrscheinlich war ihm sein gestriger Versöhnungsversuch nicht gelungen.

„Weißt du, Wanjä? Er möchte furchtbar gern von mir fortgehen,“ flüsterte mir Natascha in aller Eile zu, als Aljoscha hinausging, um Mawra irgend etwas aufzutragen. – „Doch er fürchtet sich, mich zu kränken. Und auch ich selbst fürchte mich, ihm zu sagen, daß er gehen soll, denn dann versteift er sich erst recht darauf zu bleiben, und am meisten fürchte ich mich, daß er sich bei mir langweilt und mich überhaupt zu lieben aufhört! Was soll ich tun?“

„Gott, in welche Lage ihr euch selbst bringt! Und wie mißtrauisch einer den andern verfolgt! Erklärt euch doch gegenseitig einfach und damit abgemacht. Durch solches Verhalten werdet ihr euch wirklich gegenseitig zur Last fallen.“

„Was soll ich tun?“ rief sie erschrocken aus.

„Warte, ich werde schon alles in Ordnung bringen.“

Ich ging in die Küche unter dem Vorwand, Mawra zu bitten meine Galoschen zu reinigen.

„Vorsichtig, Wanjä!“ rief Natascha mir nach.

Kaum war ich in der Küche, als Aljoscha sich auf mich stürzte, als hätte er mich erwartet.

„Iwan Petrowitsch, Lieber, was soll ich tun? Raten Sie mir: ich habe noch gestern mein Wort gegeben, um diese Zeit bei Katjä zu sein. Ich darf es nicht verfehlen! Ich liebe Natascha mehr als alles, ich bin bereit für sie durchs Feuer zu gehen, aber Sie sehen doch ein, daß ich die andere jetzt nicht ganz ...“

„Nun, so fahren Sie doch ...“

„Was wird Natascha dazu sagen? Ich werde ihr wehetun ... Iwan Petrowitsch, helfen Sie mir ...“

„Meiner Meinung nach ist es besser, daß Sie fahren. Sie wissen, wie sehr Natascha Sie lieb hat: sie wird sich fürchten, daß Sie sich bei ihr langweilen, wenn Sie sich zwingen bei ihr zu bleiben. Übrigens, kommen Sie, ich werde Ihnen helfen.“

„Lieber Iwan Petrowitsch, wie gut Sie sind!“

Wir kehrten zurück, nach einem Augenblick sagte ich zu ihm:

„Ich habe soeben Ihren Vater gesehen.“

„Wo?“ rief er ganz erschrocken aus.

„Zufällig auf der Straße. Er redete mich an und fragte nach Ihnen, ob ich nicht wüßte, wo Sie seien? Er müßte Sie durchaus sprechen.“

„Ach, Aljoscha, fahre zu ihm, suche ihn auf,“ unterstützte mich Natascha, die sofort begriff, was ich damit wollte.

„Wo kann ich ihn denn jetzt antreffen? Wird er zu Hause sein?“

„Nein, ich glaube, er sagte, daß er bei der Gräfin sein würde.“

„Aber, wie soll ich denn ...“ bemerkte naiv Aljoscha und sah Natascha traurig an.

„Ach, Aljoscha, was tut es denn!“ sagte sie. „Willst du denn wirklich diese Bekanntschaft aufgeben, um mich zu beruhigen. Das wäre doch kindisch. Erstens wäre es unmöglich, und zweitens wäre es einfach Undankbarkeit Katjä gegenüber. Ihr seid befreundet: kann man denn freundschaftliche Bande so brutal zerreißen. Und mich beleidigst du einfach, wenn du glaubst, daß ich so eifersüchtig sei. Fahre also, fahre unverzüglich, ich bitte dich! Ja, und auch dein Vater wird sich beruhigen.“

„Natascha, du bist ein Engel und ich bin deines kleinen Fingers nicht wert!“ rief Aljoscha voll Begeisterung und Reue zugleich. „Du bist so gut, und ich ... ich ... ich habe soeben Iwan Petrowitsch in der Küche gebeten mir zum Fortgehen zu verhelfen. Er hat sich das ausgedacht. Verurteile mich nicht, Natascha! Doch fühle ich mich gar nicht so schuldig, denn ich liebe dich tausendmal mehr als alles auf der Welt und ich habe mir da etwas Neues ausgedacht: ich will wieder alles Katjä anvertrauen, ihr unsere jetzige Lage mitteilen, und alles was gestern passiert ist. Sie wird sich etwas zu unserer Rettung ausdenken, denn sie ist uns mit ganzer Seele zugetan ...“

„Nun, so beeile dich,“ antwortete ihm lächelnd Natascha, „und weißt du, mein Freund, auch ich möchte ihre Bekanntschaft machen. Wie soll man das arrangieren?“

Aljoschas Begeisterung war grenzenlos. Er erging sich sofort in Plänen, wie es sich machen ließe. Doch das Problem löste er sofort dadurch, daß Katjä es schon machen würde. Er wollte in zwei, drei Stunden Natascha die Antwort bringen und den Abend bei ihr verbringen.

„Wirst du wirklich kommen?“ fragte ihn ungläubig Natascha.

„Wie kannst du daran zweifeln? Lebe wohl Natascha, meine Liebe – meine ewig Geliebte! Lebe wohl, Wanjä! Ach, mein Gott, ich habe Sie zufällig Wanjä genannt. Hören Sie, Iwan Petrowitsch, ich liebe Sie – warum sagen wir nicht _Du_? Wollen wir uns duzen?“

„Schön.“

„Gott sei Dank! Wie oft habe ich daran gedacht. Ich habe nur immer nicht gewagt, es Ihnen zu sagen. Sehen Sie, auch jetzt sage ich wieder _Sie_. Es ist zu schwer, sich an das Du zu gewöhnen. Das ist so gut bei Tolstoi, glaube ich, beschrieben: Zwei geben sich gegenseitig das Wort ‚_Du_‘ zu sagen, und können sich nicht daran gewöhnen, da vermeiden sie immer die Sätze, in denen sie es anwenden müssen. Ach, Natascha! Lesen wir einmal zusammen ‚Kindheit und Alter‘; das ist so schön!“

„Geh nur, geh!“ trieb ihn Natascha zur Eile an, „jetzt redest du wieder so viel vor lauter Freude ...“

„Leb wohl! In zwei Stunden werde ich wieder bei dir sein!“

Er küßte ihre Hand und stürzte hinaus.

„Siehst du, siehst du, Wanjä!“ rief sie, und brach in Tränen aus.

Ich blieb zwei Stunden bei ihr, tröstete und beruhigte sie. Sie hatte natürlich in allen ihren Befürchtungen recht. Mir tat das Herz weh, wenn ich an ihre jetzige Lage dachte; ich fürchtete für sie. Doch, was war hier zu machen?

Sonderbar schien mir auch Aljoscha: er liebte sie nicht weniger als früher, vielleicht sogar noch mehr, quälender vor Reue und Dankbarkeit. Doch zu gleicher Zeit setzte sich die neue Liebe immer mehr in seinem Herzen fest. Ich selbst war neugierig, Katjä kennen zu lernen, auch versprach ich Natascha ihre Bekanntschaft zu vermitteln.

Zum Schluß wurde sie sogar heiter. Unter anderem erzählte ich ihr alles über Nelly und Masslobojeff; von der Bubnowa und meiner Begegnung des Fürsten bei Masslobojeff und von meiner Verabredung um sieben Uhr bei ihm; alles interessierte sie sehr. Auch von den Alten teilte ich ihr alles mit, nur schwieg ich über die Absichten Nikolai Ssergejewitschs; das Duell hätte sie erschrecken können. Ihr schienen die Beziehungen des Fürsten zu Masslobojeff höchst sonderbar, sein Wunsch, mich kennen zu lernen, erklärte sich wohl durch die Verhältnisse ...

Um drei Uhr nachmittags kehrte ich zurück nach Hause. Nelly empfing mich mit strahlendem Gesichtchen ...