Chapter 29 of 45 · 2161 words · ~11 min read

III.

Sie erhob sich und sprach stehend, ohne es in ihrer Erregung zu bemerken. Der Fürst hörte sie an und erhob sich gleichfalls von seinem Platze. Die ganze Szene nahm daher einen vielleicht etwas zu feierlichen Charakter an.

„Erinnern Sie sich selbst an Ihre Worte am Dienstag. Sie sagten, Sie hätten Geld nötig, Beziehungen zur großen Welt ... nicht wahr?“

„Ja.“

„Nun wohl, um Geld und Erfolge zu erhalten, die Ihnen aus den Händen zu gleiten drohten, kamen Sie am Dienstag hierher, und dachten sich die Verlobung aus, weil Sie dadurch hofften, alles wiederzugewinnen, Herr über die Situation zu werden.“

„Natascha,“ rief ich. „Bedenke was du sprichst!“

„Alles wiederzugewinnen! Aus Berechnung!“ wiederholte der Fürst mit äußerst gekränkter Würde.

Aljoscha saß da wie niedergeschmettert, als begriffe er nicht, was vor sich ging.

„Ja, ja, unterbrechen Sie mich jetzt nicht, ich habe geschworen, alles zu sagen,“ rief Natascha gereizt aus. „Das ganze halbe Jahr haben Sie sich Mühe gegeben, ihn von mir zu entfernen. Er hat sich Ihrem Einfluß nicht ergeben. Und plötzlich kam Ihnen der Gedanke, als es nicht mehr so weiter ging, ihm die Erlaubnis zur Heirat zu geben, da die Zeit drängte, und die Braut und das Geld, – hauptsächlich das Geld, die drei Millionen Mitgift zu verlieren ...; Sie durften diese günstige Gelegenheit nicht vorübergehen lassen ... Was sollten Sie tun: Aljoscha mußte sich in die Braut verlieben, die Sie für ihn bestimmt hatten, dann würde er von mir lassen ...“

„Natascha, Natascha!“ rief Aljoscha voll Trauer aus, „was redest du!“

„Das war Ihr Plan, das führten Sie aus,“ fuhr Natascha fort, ohne sich um Aljoscha zu kümmern, „also die alte Geschichte, ich störte Sie wieder! Doch eines gab Ihnen Hoffnung: als erfahrener und schlauer Mensch der Sie sind, hatten Sie bemerkt, daß Aljoscha die frühere Anhänglichkeit zu mir hin und wieder lästig zu empfinden anfing. Sie wußten, daß oft fünf Tage vergingen, ohne daß Aljoscha mich besucht hätte. Sie hofften schon am Ziel zu sein, als plötzlich am Dienstag die Handlung Aljoschas einen Strich durch Ihre Rechnung machte. Was sollten Sie tun! ...“

„Erlauben Sie,“ rief der Fürst, „im Gegenteil, diese Tatsache ...“

„Ich spreche jetzt,“ unterbrach ihn Natascha mit Nachdruck. „An dem Abend fragten Sie sich: ‚was soll man nun tun?‘ und beschlossen, nicht in der Tat, doch anscheinend in eine Heirat mit mir einzuwilligen, um Aljoscha zu beruhigen. Den Termin der Hochzeit konnte man ja aufschieben, so lang als man wollte, unterdessen würde die neue Liebe das ihre tun. Und da haben Sie auf diese neue Liebe alle Ihre Pläne aufgebaut.“

„Romane, alles Romane,“ sagte der Fürst halblaut vor sich hin. „Einsamkeit, Grübelei und Romane!“

„Ja, auf diese neue Liebe setzten Sie all Ihre Hoffnungen,“ wiederholte Natascha, ohne seinen Worten Beachtung zu schenken, wie im Fieber und immer aufgeregter – „und was für Chancen hatte diese neue Liebe! Sie begann bereits damals, als er alle Vorzüge dieses jungen Mädchens noch nicht einmal kannte! Sie begann in demselben Augenblick, als er an dem Abend ihr das Geständnis machte, daß er sie nicht lieben kann und darf, weil eine andere Liebe und die Pflicht es ihm gebietet, – und dieses Mädchen plötzlich ihm gegenüber so viel Edelmut erweist, so viel Mitgefühl für ihn und ihre Gegnerin empfindet, so viel Vergebung, daß er, wenn er auch von ihrer Schönheit überzeugt gewesen war, bis zu dem Augenblick doch nicht gewußt hatte, daß sie so reizend sein konnte. Als er damals zu mir kam, sprach er nur von ihr, so sehr hatte sie ihn in Erstaunen gesetzt. Freilich, er mußte ein unüberwindliches Verlangen haben, dieses reizende Geschöpf, wenn auch nur aus Dankbarkeit, am nächsten Morgen wiederzusehen. Ja, und warum sollte er denn nicht zu ihr fahren? – Seine frühere Liebe litt doch jetzt nicht mehr, ihr Schicksal war beschlossen, ihr würde er doch sein ganzes Leben hingeben, jener nur einen Augenblick ... Und wie undankbar wäre diese Natascha, wenn sie auf diesen Augenblick eifersüchtig sein sollte! Und unbemerkt entzieht man dieser Natascha statt Augenblicke Tage, den ersten, zweiten, dritten ... In der Zeit geschieht es, daß das junge Mädchen sich noch von einer ganz neuen, unerwarteten Seite zeigt. Sie ist edel und enthusiastisch, zu gleicher Zeit naiv wie ein Kind, und darum so passend für Aljoscha. Sie schwören sich gegenseitig Freundschaft, Bruderschaft, und wollen sich ihr ganzes Leben lang nicht mehr trennen. ‚In einigen fünf, sechs Stunden Beisammenseins‘ öffnete sich seine Seele ganz den neuen Empfindungen und er gibt sich ihnen mit seinem ganzen Herzen hin ... Es wird die Zeit kommen, denken Sie, wo er seine alte Liebe mit den neuen Eindrücken vergleichen muß. Dort ist alles alt und bekannt, dort weint man, ist eifersüchtig ... hier ist alles jung, frisch und beherrschend ... dort liebkost man ihn fast wie ein Kind ... und die Hauptsache ... alles ist ja gewesen ... bekannt ...“

Tränen drohten ihre Stimme zu ersticken, doch raffte sie sich noch einmal auf und fuhr fort:

„Und dann? Alles weitere überläßt man dann der Zeit; bis zur Trauung ist es noch weit hin und mit der Zeit kann sich alles ändern ... Worte, Bemerkungen, Andeutungen tragen das ihre dazu bei. Man kann diese Natascha verleugnen, kann sie in ein unvorteilhaftes Licht stellen und ... und wie sich das alles noch lösen wird ... ist noch ungewiß, doch der Sieg gehört Ihnen! Aljoscha! vergib mir, mein Freund! Sage nicht, daß ich deine Liebe nicht zu schätzen weiß. Ich weiß, daß du mich auch jetzt noch liebst und meine Klagen nicht verstehen kannst. Ich weiß, daß ich schlecht getan, mich jetzt so rücksichtslos auszusprechen. Doch was soll ich tun, wenn ich es auch selbst weiß, so liebe ich dich doch noch immer mehr ... und mehr ... bis zum Wahnsinn!“

Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, fiel in ihren Sessel zurück und weinte wie ein Kind. Aljoscha schrie auf und stürzte zu ihr. Er konnte sie nicht weinen sehen, ohne selbst zu weinen.

Dieser leidenschaftliche Ausbruch kam dem Fürsten sehr gelegen. Nataschas heftige Anklagen, ihre Ausschreitungen ihm gegenüber, hätte er anstandshalber als Beleidigung auffassen müssen, jetzt konnte man alles auf einen Ausbruch gekränkter Liebe, auf Eifersucht, auf eine krankhafte Anwandlung zurückführen und ihr sogar eine gewisse Teilnahme zeigen ...

„Beruhigen Sie sich doch, Natalja Nikolajewna,“ versuchte sie der Fürst zu trösten, „das sind alles Phantasiegespinste, Folgen der Einsamkeit ... Sie sind gereizt durch sein leichtsinniges Betragen ... Doch, wenn das nur Leichtsinn seinerseits ist ... Die Hauptsache ist doch die Tatsache am Dienstag, sie muß Ihnen doch seine grenzenlose Hingebung an Sie – gezeigt haben und Sie im Gegenteil ...“

„O, bitte, sagen Sie nichts mehr, quälen Sie mich jetzt nicht noch!“ unterbrach ihn Natascha, bitterlich weinend.

„Mein Herz hat mir schon alles gesagt! Glauben Sie denn wirklich, daß ich es nicht fühle, daß seine frühere Liebe dahin ist ... Hier, in diesem Zimmer, immer allein ... von ihm verlassen und vergessen, habe ich alles erlebt, erlitten und durchdacht ... Was sollte ich da tun! Ich beschuldige dich nicht, Aljoscha ... Warum wollen Sie mich täuschen? Glauben Sie denn etwa, daß ich nicht versucht habe, mich zu täuschen! ... O, wie oft, wie oft! Kenne ich denn etwa nicht den Klang seiner Stimme? Verstehe ich denn nicht auf seinem Gesicht, in seinen Augen zu lesen? Alles, alles ist vorbei, alles begraben ... Oh, ich Unglückliche!“

Aljoscha lag vor ihr auf den Knien und weinte.

„Ich, ich bin an allem schuld! An allem ich!“ rief er unter Schluchzen.

„Nein, beschuldige dich nicht, Aljoscha ... unsere Feinde sind’s ... Sie allein, – allein!“

„Aber, bitte, erlauben Sie doch,“ begann der Fürst ungeduldig – „woraufhin schreiben Sie mir alle Verbrechen zu? Das sind alles nur Ihre Annahmen, aber Beweise ...“

„Beweise!“ Natascha sprang vom Sessel. „Beweise wollen Sie, Sie falscher Mensch! Sie konnten nur mit dieser Absicht zu mir kommen! Sie mußten Ihren Sohn beruhigen, sein Gewissen übertäuben, damit er sich ruhiger und freier Katjä ergeben sollte; denn sonst hätte er mich nicht vergessen können, und es langweilte Sie zu warten: Sollte denn das nicht wahr sein!“

„Ich muß gestehen,“ antwortete ihr der Fürst mit sarkastischem Lächeln, „wenn ich Sie wirklich hätte betrügen wollen, so hätte ich tatsächlich darauf gerechnet; Sie sind sehr ... klug, doch müssen Sie es erst beweisen können, bevor Sie es unternehmen, einem Menschen solche Vorwürfe zu machen ...“

„Beweisen! Und Ihr früheres Verhalten, als Sie ihn mir abspenstig machten! Derjenige, welcher seinen Sohn auffordert mit solchen Pflichten, um des Vorteils und des Geldes wegen, zu spielen – demoralisiert ihn! Was sagten Sie vorhin von der Treppe und der schlechten Wohnung? Haben nicht Sie ihm das Taschengeld entzogen, um uns durch Not und Hunger zu zwingen, auseinander zu gehen? Ihre Schuld ist diese Treppe und diese Wohnung, Sie aber machen ihm Vorwürfe, Sie falscher Mensch! Und woher sollten denn plötzlich an diesem Abend diese neuen und Ihnen so fernliegenden Überzeugungen kommen? Und warum hatten Sie mich auf einmal so nötig? Ich bin hier diese vier Tage lang auf und ab gegangen und habe mir alles überlegt und habe alles abgewogen, jedes Ihrer Worte, das Mienenspiel Ihres Gesichtes, und habe mich davon überzeugt, daß alles nur Scherz und eine niedrige, beleidigende und unserer unwürdige Komödie gewesen ist ... Ich kenne Sie bereits längst! So oft Aljoscha von Ihnen zu mir kam, habe ich an seinen Mienen alles erraten, was Sie ihm gesagt hatten. Alle Ihre Schachzüge gegen mich, habe ich durch Ihr Verhalten zu ihm erfahren! Nein, mich können Sie nicht mehr täuschen! Es ist möglich, daß Sie sonst in diesem Augenblick noch andere Berechnungen gegen oder durch mich im Sinn führen – doch das läßt mich gleichgültig! Die Hauptsache ist, daß Sie mich betrogen haben! Das mußte ich Ihnen noch ins Gesicht sagen!“

„Also das allein sind Ihre Beweise? Bedenken Sie doch, exzentrisches Fräulein, durch meinen Antrag am Dienstag hatte ich mich doch vollständig gebunden. Es war also zu leichtsinnig von mir gewesen ...“

„Wodurch, wodurch haben Sie sich gebunden? Was will denn das in Ihren Augen besagen, mich zu hintergehen? Mich Unglückliche, Schutzlose, vom Vater Verstoßene, deren Leben auf immer zerstört! Lohnt es sich da, mich zu schonen, wenn dieser Scherz dazu noch was einbringt!“

„In welche Lage stellen Sie sich selbst, Natalja Nikolajewna, bedenken Sie doch! Sie wollen durchaus darauf bestehen, daß ich Sie meinerseits beleidigt habe. Diese Beleidigung jedoch ist so erniedrigend und so weittragend, daß ich nicht verstehen kann, wie man sie überhaupt annehmen, noch auf ihr bestehen kann. Man muß in allen Lebenslagen gar zu unerfahren sein, um so etwas überhaupt zuzulassen. Entschuldigen Sie, bitte, ich bin durchaus im Recht, Ihnen diese Vorwürfe zu machen, denn Sie reizen meinen Sohn gegen mich auf: wenn er jetzt für Sie einsteht, so ist sein Herz eben gegen mich ...“

„Nein, Papa, nein!“ rief Aljoscha, „wenn ich bis jetzt mich nicht gegen dich geäußert habe, so geschah es deshalb nicht, weil ich nicht glauben kann, daß du zu einer solchen Beleidigung fähig seiest!“

„Haben Sie gehört?“ rief der Fürst aus.

„Natascha, an allem bin ich schuld, bitte, beschuldige ihn nicht. Das wäre schrecklich, das wäre Sünde!“

„Hörst du, Wanjä? Er ist schon gegen mich!“ rief Natascha.

„Genug!“ sagte der Fürst. „Wir müssen dieser unangenehmen Szene ein Ende bereiten. Dieser verblendete und heftige Ausbruch Ihrer grenzenlosen Leidenschaft zeigt mir Ihren Charakter in einem ganz neuen Licht. Ich bin gewarnt, eines besseren belehrt. Ich habe mich in der Tat sehr übereilt. Sie bemerken es nicht einmal, wie sehr Sie mich beleidigt haben. Wir haben uns übereilt ... übereilt ... freilich, mein Wort bleibt bestehen, doch ... als Vater wünsche ich meinem Sohne Glück ...“

„Sie sagen sich also los von Ihrem Wort,“ rief Natascha außer sich. „Sie benutzen den Zufall! Doch wissen Sie, daß ich selbst hier vor zwei Tagen beschlossen habe, ihn von seinem Wort zu entbinden, was ich jetzt in Gegenwart aller tue. Ich gebe ihn frei!“

„Das heißt vielleicht, daß Sie in ihm die frühere Unruhe wieder heraufbeschwören wollen, das Gefühl der Pflicht Ihnen gegenüber – wie Sie sich noch soeben ausgedrückt haben – um ihn dadurch wieder an Sie zu fesseln. Nach Ihrer Theorie müßte es sich wenigstens so ereignen; ich sage es ja auch nur deshalb; doch genug davon; die Zeit wird alles entscheiden. Ich werde einen ruhigeren Augenblick abwarten, um mich mit Ihnen auszusprechen. Ich hoffe, daß wir unsere Beziehungen nicht endgültig abbrechen werden. Ich hoffe gleichfalls, daß Sie mich noch besser schätzen lernen. Ich wollte Ihnen noch heute ein Projekt mitteilen, wonach Ihre Eltern ... doch genug! Iwan Petrowitsch!“ er trat auf mich zu, „jetzt werden Sie mir mehr denn je von Nutzen sein können, ich möchte Sie näher kennen lernen, es ist ja mein langgehegter Wunsch. Ich hoffe, daß Sie mich verstehen werden. Ich werde Sie in diesen Tagen aufsuchen; Sie erlauben?“

Ich verneigte mich. Mir selbst schien es, daß ich jetzt einer Bekanntschaft mit ihm nicht mehr ausweichen konnte. Er reichte mir die Hand, verbeugte sich stumm vor Natascha und verließ, mit dem Ausdruck gekränkter Würde, das Zimmer.