Chapter 20 of 45 · 2834 words · ~14 min read

V.

„Ah! Das bist du, Masslobojeff!“ rief ich, in ihm plötzlich einen Schulkameraden aus der Provinz erkennend. „Das ist mal eine Begegnung!“

„Ja, sechs Jahre haben wir uns nicht gesehen. Das heißt, begegnet sind wir uns schon öfter, aber Eure Hochwohlgeboren haben nicht geruht, mich eines Blickes zu würdigen. Sie gehören doch jetzt zu den Literaturgenerälen, ja–a ...“

Er lächelte ironisch.

„Nun, Freund Masslobojeff, du lügst einfach,“ unterbrach ich ihn. „Erstens gibt es in der Literatur keine Generäle und die würden außerdem nicht so aussehen wie ich, und zweitens laß dir sagen, daß ich dir ein paarmal auf der Straße begegnet bin, aber du schienst mir selbst aus dem Wege zu gehen – sollte ich dir da noch nachlaufen? Und weißt du, was ich glaube? Wenn du nicht soeben einen Rausch hättest, so würdest du mich auch heute nicht angeredet haben. Stimmt, nicht? Nun, wie geht es dir? Ich bin sehr froh, lieber Freund, daß ich dir begegnet bin.“

„Wirklich? Aber kompromittiere ich dich nicht durch ... mein Äußeres, sozusagen? Doch jetzt lohnt es sich nicht mehr, danach zu fragen: ich denke, Bruder, immer daran, was du für ein guter Kamerad warst. Dich hat man einmal meinetwegen durchgeprügelt. Du schwiegst aber und verrietest mich nicht, und statt dir zu danken, habe ich dich noch eine ganze Woche lang gefoppt. Du gute Seele! Umarmen wir uns! Wieviel Jahre schlage ich mich schon – Tag und Nacht – allein durch die Welt, doch habe ich das alte nie vergessen. So etwas vergißt man nie! Und du, was machst du? ...“

„Ja, und ich, ich tue dasselbe ...“

Er sah mich lange an, mit dem rührseligen Blick eines betrunkenen Menschen. Im übrigen war er ein guter Kerl.

„Nein, Wanjä, du bist nicht wie ich,“ sagte er endlich in tragischem Ton. „Ich habe doch gelesen, Wanjä, gelesen! ... Höre mich an: sprechen wir aufrichtig und von Herzen! Hast du Eile!?“

„Ich habe allerdings Eile; und ich muß dir gestehen, daß mich etwas ungemein beschäftigt. Sage mir besser, wo du wohnst?“

„Ich werde es dir gleich sagen. Doch das ist nicht besser. Soll ich dir aber sagen, was besser ist?“

„Nun, was?“

„Siehst du dort?“ Und er wies auf ein Schild, zehn Schritt von uns entfernt, „siehst du: Konditorei und Restaurant, das ist ein guter Ort. Ich sage dir, es ist ein gutes Lokal, und der Schnaps – es gibt nichts Besseres! Mir Schlechtes vorzusetzen, das wagt man nicht so leicht. Man kennt Filipp Filippytsch. Ich heiße so, Filipp Filippytsch! Wie, genierst du dich? Laß mich zu Ende reden. Jetzt ist es gleich ein Viertel nach elf, in einer Viertelstunde gebe ich dich wieder frei. Zwanzig Minuten kann man einem alten Freunde doch schenken, nicht?“

„Wenn es nur zwanzig Minuten sind – gut; denn, liebe Seele, ich schwöre dir, ich kann nicht ...“

„Nun, wenn es geht, dann komme. Aber vor allem muß ich dir sagen, daß dein Gesicht keinen guten – na ... Ausdruck hat, hast du dich etwa geärgert, wie?“

„Ja, du hast recht.“

„Das habe ich doch sofort erraten. Ich habe mich jetzt, Bruder, auf die Physiognomik gelegt, das ist auch eine Beschäftigung. Nun, gehen wir, reden wir miteinander. In zwanzig Minuten habe ich Zeit, mir einen ‚Admiral‘ in die Kehle zu gießen, das heißt einen Birken-, dann einen Pomeranzenschnaps und darauf einen parfait-amour und zu guter Letzt wird sich schon auch noch was anderes finden. Ich trinke viel, Bruder! Nur an den Feiertagen, vor dem Gottesdienst bin ich nüchtern. Du halte es, wie du willst. Ich brauche nur dich. Trinkst du auch, – willst du mir diese Ehre erweisen, so komm! Wechseln wir ein paar Worte, und dann gehen wir wieder auseinander, vielleicht – auf zehn Jahre. Ich passe ja doch nicht zu dir, Wanjä!“

„Rede nicht so viel, gehen wir lieber. Wie gesagt, zwanzig Minuten und dann ...“

Zum Restaurant führte eine Holztreppe in die zweite Etage. Auf der Treppe begegneten wir zwei ganz betrunkenen Herrn. Als sie uns erblickten, machten sie nur wankend Platz.

Einer von ihnen war ein noch ganz junger Mensch, bartlos und mit einem ganz leichten Anflug von Schnurrbart und mit einem besonders dummen Gesichtsausdruck. Angezogen war er ungemein komisch, wie ein Modegeck, doch zugleich war es, als stecke er in einem ihm fremden Anzug. Ringe trug er an den Fingern und eine kostbare Busennadel trug er im Halstuch. Er hatte einen Scheitel, der seinen dummen Gesichtsausdruck noch erhöhte und lächelte und kicherte ununterbrochen. Der andere war ein Mann schon von fünfzig Jahren, dick und aufgedunsen, nachlässig gekleidet, kahlköpfig, doch trug auch er eine kostbare Nadel im Halstuch. Der Ausdruck seines Gesichts war sinnlich und roh, seine bösen, mißtrauischen, kleinen Augen schwammen im Fett und blickten wie aus ein paar Spalten. Beide schienen Masslobojeff zu kennen. Der Ältere verzog bei der Begegnung mit uns sein Gesicht zur Grimasse und der andere lächelte widerlich-süßlich – er lüftete seine Mütze.

„Entschuldigen Sie, Filipp Filippytsch,“ murmelte er, ihn süßlich ansehend.

„Was wünschen Sie?“

„Verzeihung, dort sitzt Mitroschka. Ihrer Meinung nach, Filipp Filippytsch, ist er jetzt ein Schuft.“

„Was wollen Sie damit sagen?“

„Nur so ... Ihm aber (er wies mit dem Kopf auf seinen Kumpan) hat man in der vorigen Woche auf Mitroschkas Veranlassung an einem gewissen unanständigen Ort das ganze Gesicht mit Sahne eingeschmiert ... khi!“

Der Dicke stieß ihn ärgerlich mit dem Ellenbogen.

„Würden Sie nicht mit uns, Filipp Filippytsch, wieder mal ein halbes Dutzend trinken, können wir darauf hoffen?“

„Nein, das ist jetzt nicht möglich,“ antwortete Masslobojeff. „Ich habe jetzt zu tun.“

„Kchi! Auch ich habe mit Ihnen eine Angelegenheit zu besprechen.“

Der andere stieß ihn wieder mit dem Ellbogen.

„Nachher, ein anderes Mal!“

Masslobojeff bemühte sich augenscheinlich, sie nicht anzusehen. Als wir in den ersten Raum eintraten, in dem sich ein reich beladenes Büfett befand, brachte mich Masslobojeff sofort in eine Ecke und sagte zu mir:

„Dieser junge Mensch ist ein Sohn Ssisobrjuchoffs, eines reichen Kaufmanns, der jetzt nach dem Tode des Vaters dessen Millionen durchbringt. Er war jüngst in Paris und hat dort sein halbes Vermögen vergeudet, nach einem Jahr wird er auf der Straße sein. Dumm ist er wie eine Gans. – Manchmal verkehrt er nur in den besten Restaurants, dann wieder in Kellern und Kabacken, mit Schauspielerinnen ... jetzt will er zu den Husaren – hat eine Bittschrift eingereicht. Der andere, alter Lebemann, – Archipoff, ist auch Kaufmann oder Verwalter, eine echte Bestie und ein Schelm, jetzt gut Freund mit Ssisobrjuchoff, Judas und Falstaff in einem, ein doppelter, falscher Bankrotteur und sinnlicher Wurm. Ich weiß von ihm eine Sache ... Es freut mich, daß ich ihm hier begegnet bin; ich hatte darauf gewartet ... Archipoff plündert natürlich den Ssisobrjuchoff. Er weiß und kennt alle Spelunken. Darum ist er für diesen Jüngling ein sehr genehmer Kumpan. Ich, Bruder, lauere ihm schon lange auf, auch Mitroschka, dieser junge Mensch dort in reicher Kleidung – der dort am Fenster steht mit dem Zigeunergesicht. Er handelt mit Pferden und ist mit allen Husaren bekannt. Ich sage dir, das ist ein solcher Betrüger, vor deinen Augen wird er Papiere fälschen, du siehst es mit eigenen Augen und glaubst ihm doch. Er geht jetzt im Samtkaftan, wie ein Slawophile; (der steht ihm aber fein) zieh ihm aber einen Frack an oder etwas Ähnliches und gehe mit ihm in den englischen Klub und sage von ihm, das ist, sagen wir, ein Graf Barabanoff, so wird man ihn dort tatsächlich für einen Grafen halten: er wird Whist spielen und sich wie ein Graf benehmen und keiner wird den Betrug bemerken. Schade, er wird sicher schlecht enden. Nun also, dieser Mitroschka ist auf den Dicken wütend, weil es ihm jetzt etwas faul geht und der Alte ihm Ssisobrjuchoff, seinen früheren Kameraden, abspenstig gemacht hat, noch bevor dieser ihm das Fell über die Ohren ziehen konnte. Wenn sie hier alle drei zusammen gewesen sind, dann haben sie wieder mal ein Stückchen vor. Ich weiß sogar, um was es sich handelt, denn Mitroschka hat mich davon unterrichtet, weshalb Archipoff und Ssisobrjuchoff sich hier herumtreiben. Eine Gemeinheit ist es. Ich will diese Gelegenheit ausnutzen und habe meine Gründe dazu. Mitroschka soll nichts davon bemerken, sieh nicht zu ihm hinüber, bitte. Wenn wir fortgehen werden, wird er wohl selbst zu mir kommen und mir das Nötige sagen ... Doch jetzt gehen wir ins andere Zimmer, Wanjä! Stepan,“ wandte er sich an den Kellner, „du weißt, was ich wünsche.“

„Ich verstehe.“

„Und wirst du mich befriedigen?“

„Ich werde Sie befriedigen!“

„Nun, so tu es! Setze dich, Wanjä. Warum siehst du mich so an? Ich habe schon lange bemerkt, daß du mich sonderbar ansiehst. Wundere dich nicht, mein Lieber. Alles kann einem Menschen passieren, auch, was ihm nie geträumt, und besonders nicht damals ... als wir den Kornelius Nepos studierten. Doch glaube mir, Wanjä, wenn Masslobojeff auch vom Wege abgeraten ist, sein Herz ist doch dasselbe geblieben ... Nur die Verhältnisse haben sich geändert. Wenn ich selbst auch nichts vorstelle, Schaden bringe ich niemandem. Zuerst wollte ich Arzt werden, dann unter die Lehrer gehen, habe sogar einen Artikel über Gogol geschrieben, dann wollte ich Goldarbeiter werden, mich verheiraten – sie willigte ein, obgleich ich nichts besaß. Zur Trauungszeremonie hatte ich mir schon Stiefel gepumpt, meine eigenen waren voll Löcher ... Doch kam es nicht dazu. Sie wurde die Frau eines Lehrers, ich ging in ein Kontor. Da entstand eine ganze Musik, und, wenn ich auch keine Stellung mehr habe, so verdiene ich mir doch genügend Geld: ich lasse mir nämlich Sporteln zahlen und zeuge für die Wahrheit auf Erden. Vor dem Dummkopf bin ich der Gerechte, und vor dem Gerechten bin ich der Dummkopf. Die Regel kenne ich jetzt, ein Krieger im Felde macht keinen Krieg aus. Meine Arbeit ist mehr eine unsichtbare ... Du begreifst?“

„Du bist doch nicht am Ende ein Polizeispitzel?“

„Nein, das bin ich nicht, doch gebe ich mich mit manchen Sachen ab, zum Teil offiziell, zum Teil aus Liebe zum Beruf. Siehst du, Wanjä, ich bin ein Trinker. Da ich aber niemals meinen Kopf vertrinke, so bin ich mir meiner Zukunft bewußt. Meine Zeit ist dahin, einen Mohren wirst du nicht weiß waschen. Eins nur muß ich sagen, wenn sich nicht in mir noch etwas Menschliches regte, so wäre ich heute nicht zu dir gekommen, Wanjä. Du hast recht, wenn ich dich auch schon des öfteren gesehen, so wagte ich doch nicht, dich anzureden, ich schob es immer auf. Ich bin deiner nicht wert. Und die Wahrheit zu gestehen, Wanjä, ich tat es auch heute nur, weil ich nicht nüchtern war. Doch alles das ist Unsinn, was ich rede, – sprechen wir lieber von dir. Nun, mein Lieber, ich hab’s gelesen. Ich, mein Freund, spreche von deinem Erstgeborenen. Als ich’s gelesen hatte, Bruder, wollte ich beinah ein anständiger Mensch werden! Doch habe ich es bald wieder aufgeben müssen. So ist es ...“

Und in dieser Weise redete er noch eine ganze Weile und wurde immer mehr und mehr betrunken. Zuletzt war er bis zu Tränen gerührt. Masslobojeff war immer ein guter Bursch gewesen, doch leider über seine moralischen Kräfte hinaus entwickelt; schlau, hinterlistig, verschmitzt schon von Kindheit an, war er doch im Grunde genommen ein guter Mensch – ein verlorener Mensch. Solcher Typen gibt es viele unter uns Russen. Gewöhnlich sind sie außerordentlich begabt, doch verwirrt sich die Welt in ihnen, und sie sind zu charakterlos, um nach ihrem Gewissen zu handeln. Meistenteils verkommen sie, und meistens wissen sie es selbst, daß sie zugrunde gehen. Masslobojeff zum Beispiel ging mit Bewußtsein am Schnaps zugrunde.

„Höre mich an, mein Freund, noch ein Wort,“ fuhr er fort. „Auch ich erlebte es, wie dein Ruhm zuerst wuchs; habe alle deine Kritiken gelesen; (ich habe sie wirklich gelesen; du glaubst wohl, ich lese nicht) begegnete dir darauf, du warst in schlechten Stiefeln, ohne Galoschen im Schmutz, mit altem Hut. Nun, dachte ich, so geht er unter die Journalisten?“

„Ja, Masslobojeff.“

„Also, ein Postgaul bist du geworden?“

„So etwas Ähnliches.“

„Nun, darauf will ich dir erwidern, Bruder: Trinker ist besser! Sieh, ich betrinke mich, lege mich in meinem Zimmer auf den Diwan (ich habe einen schönen, weichen Sprungfederdiwan) und denke mir, daß ich irgendein Homer oder Dante bin, oder auch Friedrich Barbarossa – denn vorstellen kann man sich ja alles. Du aber darfst dir nicht vorstellen, daß du Homer oder Dante bist, denn du willst du selbst sein und alles ‚wollen‘ ist dir verboten; du bist ein bezahlter Postgaul. Ich lebe in der Einbildung, du in der Wirklichkeit. Höre, seien wir aufrichtig – brauchst du Geld? Ich habe Geld. Mache keine Grimassen. Nimm das Geld und kaufe dich los von deinen Verlegern, wirf die Fesseln ab, befreie dich für ein ganzes Jahr, um deiner Lieblingsidee zu leben, schaffe eine große Sache! Wie? Was meinst du?“

„Höre, Masslobojeff! Dein freundschaftliches Anerbieten schätze ich sehr, doch kann ich dir jetzt noch nichts Bestimmtes darauf antworten – warum – davon ein anderes Mal. Es gibt da gewisse Umstände. Ich danke dir für deinen Vorschlag, ich verspreche dir, noch einmal darauf zurückzukommen. Doch handelt es sich jetzt um etwas anderes, du bist zu mir aufrichtig gewesen, darum habe ich mich entschlossen, auch dich um Rat zu bitten, um so mehr, da du, wie es scheint, in diesen Sachen sehr bewandert bist.“

Und ich erzählte ihm die ganze Geschichte von Smitt und seiner Enkelin. Sonderbar: an seinen Augen glaubte ich zu bemerken, daß ihm der Vorfall nicht ganz unbekannt war. Ich fragte ihn darnach.

„Ich habe,“ antwortete er, „nur vom Tode eines alten Smitt in einer Konditorei gehört. Doch Madame Bubnowa kenne ich ganz genau. Von dieser Dame habe ich schon vor zwei Monaten Sporteln genommen. ^Je prends mon bien où je le trouve^, in der Beziehung bin ich ganz wie Molière. Obgleich ich ihr damals schon hundert Rubel abgenommen habe, so habe ich mir doch das Wort gegeben, von ihr noch weitere fünfhundert Rubel zu erpressen. Ein schlechtes Weib das. Handelt mit unlauteren Sachen. Dabei wäre ja nichts, wenn sie es nur nicht zu toll triebe. Halte mich, bitte, nicht für einen Don Quichotte. Die Sache kann mir gelingen. Als ich nämlich Ssisobrjuchoff hier vor einer halben Stunde antraf, war ich sehr zufrieden. Ssisobrjuchoff hat sicher der alte Archipoff hierhergeschleppt, und da ich weiß, mit welchen Dingen Archipoff handelt, so schließe ich daraus ... Na, ich werde ihn schon kriegen! Ich bin sehr froh, daß ich etwas über das kleine Mädchen erfahren habe; jetzt bin ich auf eine Spur gekommen. Ich, Bruder, habe die verschiedensten Privataufträge, und du glaubst nicht, mit welchen hochstehenden Leuten ich bekannt bin! Unlängst habe ich in Sachen eines Fürsten nachgespürt, ich sage dir – eine Affäre, die man von einem Fürsten nicht erwarten kann. Oder, soll ich dir noch eine andere Geschichte erzählen? Du, Bruder, komme mal zu mir, ich kann dir Sachen erzählen, die man erdichtet, aber nicht für wahr hält ...“

„Wie lautet der Name des Fürsten?“ unterbrach ich ihn ahnungsvoll.

„Wozu willst du’s wissen? Walkowskij.“

„Pjotr?“

„Ja. Kennst du ihn?“

„Ja, ich kenne ihn, doch nur so ein wenig. Nun, Masslobojeff, wegen dieses Herrn werde ich des öfteren zu dir kommen,“ sagte ich, mich erhebend, „jetzt hast du meine Neugierde erregt.“

„Siehst du, alter Freund, du kannst mich ausforschen, so viel du willst. Und viel kann ich dir erzählen, doch nur bis zu einer gewissen Grenze, verstehst du? Denn Kredit und Ehre darf ich in meinem Beruf nicht aufs Spiel setzen, du verstehst mich, und so weiter ...“

„Doch soweit es die Ehre erlaubt.“

Ich war in großer Erregung. Er bemerkte es.

„Aber wie denkst du über die Geschichte, die ich dir soeben erzählt habe? Hast du dich zu etwas entschlossen, oder nicht?“

„Bei der Geschichte? Warte einen Augenblick, ich werde bezahlen.“

Er ging ans Büfett und traf da wie zufällig mit dem jungen Mann zusammen, den sie einfach Mitroschka nannten. Mir schien es, daß Masslobojeff näher mit ihm bekannt war, als er es mir gegenüber zugegeben. Wenigstens trafen sie sich augenscheinlich nicht zum erstenmal.

Mitroschka war dem Äußeren nach ein sehr origineller Bursche. In seinem russischen Samtrock und dem roten Seidenhemde mit seinen scharfen, doch edlen Zügen, von brauner Gesichtsfarbe, mit stolzen, blitzenden Augen, machte er einen interessanten und äußerst anziehenden Eindruck auf mich. Seine Gesten waren lebhaft, trotzdem er sich in diesem Augenblick ersichtlich Mühe gab, sachlich, solid und wichtig zu erscheinen.

„Höre, Wanjä,“ sagte Masslobojeff, zu mir zurücktretend, „komme heute abend um sieben Uhr zu mir, ich werde dir manches mitteilen können. Allein ... habe ich ja nichts mehr zu bedeuten; früher bedeutete ich etwas, seitdem ich jedoch ein Trunkenbold geworden, habe ich mich auch von den Geschäften mehr zurückgezogen. Doch sind mir noch meine früheren Beziehungen geblieben, und ich kann vieles erfahren und die Sachen beschnuppern ... Doch genug davon ... Meine Adresse ist Schestilawotschnaja ... Jetzt noch einen Goldenen, Bruder, und dann nach Haus, sich hinlegen! ausschlafen! Wenn du kommst, stelle ich dich Alexandra Ssemjonowna vor, und wenn wir Zeit haben, sprechen wir auch noch von der Literatur.“

„Und davon?“

„Vielleicht auch davon.“

„Dann komme ich vielleicht, oder nein, ich komme bestimmt ...“