Chapter 40 of 45 · 3628 words · ~18 min read

IV.

Kaum war ich auf der Straße, ohne mir noch klar zu werden, wohin ich mich wenden sollte, als plötzlich vor unserem Haustor eine Droschke hielt; aus der Droschke stieg Alexandra Ssemjonowna, gefolgt von Nelly, die sie fest an der Hand hielt, als fürchtete sie, daß Nelly noch einmal entlaufen könnte. Ich stürzte auf sie zu.

„Nelly, was hast du, wo warst du?“ rief ich.

„Warten Sie, gehen wir so schnell als möglich zu Ihnen, dort werden Sie alles erfahren,“ sagte Alexandra Ssemjonowna. „Was ich Ihnen für Sachen zu erzählen habe, Iwan Petrowitsch,“ flüsterte sie mir unterwegs zu. „Wundern kann man sich ... Kommen Sie nur, Sie sollen alles sofort erfahren.“

Ihrem Gesicht konnte man ansehen, daß sie außerordentliche Neuigkeiten mitzuteilen hatte.

„Gehe, Nelly, gehe, lege dich schlafen,“ sagte sie zu ihr, als wir ins Zimmer traten, „du mußt müde sein. Es ist doch kein Spaß, nach der Krankheit so herumzulaufen! Lege dich, Täubchen, lege dich hin. Wir aber wollen hierher gehen, um sie nicht zu stören ...“

Und sie winkte mir zu, mit in die Küche zu kommen.

Doch Nelly legte sich nicht, sie setzte sich auf den Diwan und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen.

Wir verließen das Zimmer. Alexandra Ssemjonowna berichtete mir so schnell als möglich den Tatbestand. Später erfuhr ich noch weitere Einzelheiten.

Nachdem sie mir den Zettel geschrieben, war Nelly zwei Stunden vor meiner Rückkunft davongelaufen und hatte sich zuerst zum alten Doktor begeben. Seine Adresse hatte sie sich schon beizeiten gemerkt. Der Doktor, wie er erzählte, war einfach starr vor Schreck gewesen, als er plötzlich Nelly bei sich sah und die ganze Zeit während ihres Daseins habe er „seinen Augen nicht trauen können.“ „Ich kann es auch jetzt noch nicht glauben,“ fügte er zum Schluß seiner Erzählung hinzu, „und werde es nie und nimmer für wahr halten.“ Er saß ruhig im Schlafrock in seinem Kabinett und trank Kaffee, als sie plötzlich hineinstürzte und, ehe er zur Besinnung gekommen war, sich ihm um den Hals warf. Sie klammerte sich an ihn, weinte, küßte ihm die Hände und bat ihn bedingungslos sie zu sich zu nehmen, mit der Begründung, daß sie bei mir nicht mehr leben wolle noch könne und darum von mir fortgegangen sei; daß sie leide; daß sie nie mehr über ihn lachen noch von neuen Kleidern sprechen werde, sondern sich gut aufführen und lernen wolle, – offenbar hatte sie sich unterwegs ihre Rede ausgedacht – und daß sie überhaupt gehorsam sein und jeden Tag, so viel er wolle, Pulver einnehmen würde. Der gute Alte war vor Schreck so erstarrt, daß er mit offenem Munde dasaß. Als er endlich zu Wort kam, war ihm die Zigarre ausgegangen.

„Mademoiselle,“ sagte er endlich, „Mademoiselle, so wie ich Sie verstanden habe, wünschen Sie, daß ich Sie bei mir aufnehme. Doch, das ist – unmöglich! Sie sehen, ich lebe hier sehr beengt und verfüge über wenig Mittel ... Und überhaupt, so plötzlich, ohne sich’s zu überlegen ... Das ist schrecklich! Und außerdem sind Sie, so weit es mir scheint, einfach davongelaufen. Das ist durchaus nicht lobenswert ... Und schließlich habe ich Ihnen nur erlaubt, an hellen Tagen ein wenig spazieren zu gehen, unter der Aufsicht Ihres Wohltäters, Sie aber verlassen Ihren Wohltäter und laufen einfach zu mir, wo Sie sich doch schonen und ... und ... Medizin einnehmen sollten. Und schließlich ... schließlich, verstehe ich überhaupt nichts ...“

Nelly ließ ihn nicht aussprechen. Sie fing wieder an zu weinen, ihn anzuflehen, doch es half nichts. Das Erstaunen des Alten nahm immer mehr zu und er konnte schließlich nichts mehr verstehen. Endlich gab es Nelly auf und lief aus dem Zimmer. „Ich war den ganzen Tag unwohl,“ schloß der Alte seine Erzählung, „und nahm zur Nacht ein Pulver ein.“

Nelly begab sich von dort zu Masslobojeffs. Obgleich ihr die Adresse bekannt war, fand sie die Wohnung doch nur mit großer Mühe. Masslobojeff war zu Haus. Alexandra Ssemjonowna schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als Nelly ihre Bitte, sie zu sich zu nehmen, vortrug. Auf ihre Fragen: warum es ihr Wunsch sei und ob sie es bei mir so schwer habe, antwortete Nelly nicht, sondern warf sich schluchzend in einen Stuhl. „Sie schluchzte so sehr, so sehr,“ erzählte mir Alexandra Ssemjonowna, „daß ich fürchtete, sie könne daran sterben!“ Nelly flehte, sie als Köchin, als Stubenmagd aufzunehmen, versicherte, daß sie waschen und plätten könne. Darauf schienen sich alle ihre Hoffnungen aufzubauen. Die Meinung Alexandra Ssemjonownas war gewesen, sie so lange bei sich zu behalten, bis die Dinge sich allmählich aufklärten und man mich davon benachrichtigt hätte. Doch Filipp Filippytsch hatte sich dem durchaus widersetzt und befohlen, mir den Flüchtling sofort einzuhändigen. Unterwegs habe Alexandra Ssemjonowna Nelly umarmt und getröstet, doch dabei habe sie wieder noch mehr zu weinen angefangen. Auch Alexandra Ssemjonowna hatte dann vor Rührung geweint.

„Warum, warum willst du denn nicht bei ihm bleiben; hat er dich denn etwa beleidigt, wie?“ fragte sie Nelly unter Tränen.

„Nein, er hat mich nicht beleidigt ...“

„Nun, warum willst du denn ...“

„So, ich will nicht mehr bei ihm leben ... ich kann nicht ... ich bin so böse zu ihm ... er aber ist gut ... bei Ihnen würde ich nicht böse sein, ich würde arbeiten,“ antwortete sie, krampfhaft schluchzend.

„Warum bist du denn so böse zu ihm, Nelly?“

„So ...“

„Und ich konnte von ihr nur dieses ‚so‘ erfahren,“ schloß Alexandra Ssemjonowna, ihre Tränen trocknend. „Warum ist sie nur so trübsinnig? Wohl von Geburt so? Was denken Sie, Iwan Petrowitsch?“

Wir kehrten zu Nelly zurück; sie lag, das Gesicht in den Kissen vergraben, und weinte. Ich kniete an ihrem Bett nieder, nahm ihre Hände und küßte sie. Sie entriß sie mir aber und schluchzte noch heftiger. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. In dem Augenblick trat plötzlich der alte Ichmenjeff ins Zimmer.

„Guten Tag, Iwan, ich komme zu dir in Geschäften!“ Verwundert sah er uns alle an.

Der Alte war in der letzten Zeit krank gewesen, war ganz zusammengefallen, sah blaß und mager aus. Er wollte aber auf die Ermahnungen seiner Frau nicht hören, legte sich nicht, sondern fuhr fort – wie er sagte – „seine Geschäfte zu erledigen“.

„Leben Sie jetzt wohl,“ sagte Alexandra Ssemjonowna mit neugierigen Blicken auf den Alten. „Filipp Filippytsch hat mir befohlen, so schnell als möglich zurückzukommen. Am Abend, in der Dämmerstunde, werde ich auf ein paar Stündchen zu Ihnen kommen.“

„Wer ist sie?“ flüsterte mir der Alte zu, offenbar an ganz was anderes denkend.

Ich beantwortete ihm seine Frage.

„So, hm? Ich bin in einer besonderen Angelegenheit zu dir gekommen, Iwan ...“

Ich wußte, in welcher Angelegenheit, und hatte seinen Besuch bereits erwartet. Er kam wegen Nelly. Anna Andrejewna hatte endlich eingewilligt, die Waise in ihr Haus zu nehmen. Das war nach einem geheimen Übereinkommen zwischen mir und Anna Andrejewna geschehen: ich hatte sie davon überzeugt, daß der Anblick dieses Waisenkindes, deren Mutter gleichfalls von ihrem Vater verflucht worden war, sein Herz rühren und seinen Sinn ändern würde. Dieser Plan hatte ihr so gefallen, daß sie jetzt selbst in den Alten drang, Nelly ins Haus zu nehmen. Er seinerseits wollte natürlich vor allem seine Anna Andrejewna befriedigen und dann hatte er selbst ein besonderes Ziel im Auge ... Davon werde ich später ausführlicher erzählen ...

Ich sagte bereits, daß Nelly den Alten gleich seit seinem ersten Besuch nicht gern hatte. Ihr Gesicht drückte sogar einen gewissen Haß aus, wenn man seinen Namen nannte. Der Alte trug denn auch sofort ohne alle Umstände sein Anliegen vor, indem er auf Nelly zuging, die ihr Gesicht noch immer in die Kissen preßte, ihre Hand ergriff und sie fragte: ob sie an Stelle seiner Tochter zu ihm kommen wolle?

„Ich hatte eine Tochter, die ich mehr liebte, als mich selbst,“ schloß der Alte, „doch jetzt ist sie nicht mehr vorhanden. Sie ist tot. Willst du ihren Platz in unserem Hause ... in meinem Herzen einnehmen?“

Und in seinen Augen, die vom Fieber entzündet waren, erglänzte eine Träne.

„Nein, ich will nicht,“ antwortete Nelly, ohne den Kopf zu erheben.

„Warum denn nicht, mein Kind? Du bist doch ganz allein in der Welt. Du kannst doch nicht immer bei Iwan bleiben, bei mir aber hättest du es wie im Elternhause.“

„Ich will nicht, weil Sie böse sind. Ja, böse, böse!“ fügte sie hinzu, richtete sich auf und setzte sich dem Alten gegenüber aufs Bett. „Ich selbst bin böse, böser als alle, aber Sie sind noch böser als ich! ...“

Dabei erbleichte sie, ihre Augen funkelten; sogar ihre Lippen erbleichten und zitterten, ihr Mund verzog sich vor innerer Erregung. Der Alte sah sie ganz verwundert an.

„Ja, böser als ich, denn Sie wollen Ihrer Tochter nicht vergeben; sie wollen sie auf immer vergessen und an ihrer Stelle ein anderes Kind annehmen ... kann man denn sein eigenes Kind vergessen? Werden Sie mich denn je lieben können? Wenn Sie mich ansehen werden, so müssen Sie sich erinnern, daß ich Ihnen fremd bin, daß Sie aber eine Tochter hatten, die Sie vergessen wollten, Sie grausamer Mensch! Ich will nicht bei so grausamen Menschen leben; ich will nicht, ich will nicht! ...“

Nelly verstummte plötzlich und warf nun mir einen Blick zu.

„Übermorgen ist Ostern!“ fuhr sie fort. „Christ ist erstanden, alles umarmt sich, alles versöhnt sich, allen wird vergeben ... Nur Sie ... Sie allein ... wollen es nicht tun, Sie Grausamer! Gehen Sie fort!“

Sie brach in Tränen aus. Auf diese Rede schien sie sich bereits lange vorbereitet zu haben, für den Fall, daß der Alte sie noch einmal auffordern sollte, zu ihm ins Haus zu kommen. Der Alte war vollständig erbleicht, auf seinem Gesicht zeigte sich tiefes Leid.

„Und warum, warum, kümmern sich alle um mich? Ich mag’s nicht!“ rief Nelly plötzlich außer sich. „Ich werde ... werde ... betteln gehen!“

„Aber Nelly, was ist dir? Was hast du Nelly?“ rief ich unwillkürlich aus, doch goß ich damit nur Öl ins Feuer.

„Ja, ich werde lieber auf der Straße betteln gehen, als daß ich hierbleibe!“ schluchzte sie auf. „Auch meine Mutter hat gebettelt und als sie starb, sagte sie zu mir: sei arm und gehe lieber betteln, als ... Zu betteln ist keine Schande, denn ich bitte nicht nur einen Menschen, sondern ich bitte alle Menschen. Von allen bitten ist keine Schande, das hat mir eine alte Bettlerin gesagt; und ich bin klein und kann mir nichts verdienen. Ich werde alle bitten, alle, ich bin böse, böse, böser als alle; seht, wie böse ich bin!“

Und dabei griff Nelly ganz unerwartet nach einer Tasse auf dem Tisch und warf sie zu Boden.

„Da, da ist sie zerschlagen,“ fügte sie triumphierend hinzu, – „da ist ja noch eine Tasse – ich werde auch die andere zerschlagen ... Woraus werden Sie dann Tee trinken?“

Sie war wie besessen, und es schien ihr eine Wollust, sich in dieser Besessenheit gehen zu lassen. Sie fühlte wohl, daß es nicht gut und eigentlich eine Schande für sie war, darum hetzte sie sich selbst innerlich immer mehr und mehr dazu auf.

„Sie ist krank, Wanjä, das ist der Grund,“ sagte der Alte, „oder ... oder ich begreife dieses Kind schon nicht mehr. Lebe wohl!“

Er nahm seinen Hut und reichte mir die Hand zum Abschied. Er war wie zerschlagen; Nelly hatte ihn furchtbar gekränkt; ich war außer mir.

„Und er tat dir nicht leid, Nelly!“ rief ich aus, als wir allein waren; „du solltest dich schämen, schämen! Nein, du bist nicht gut, du bist wirklich schlecht!“

Und, so wie ich war, ohne Hut, lief ich dem Alten nach. Ich wollte ihn wenigstens bis zum Haustor begleiten, um ihm ein paar Worte zur Beruhigung zu sagen. Bevor ich hinauslief, bemerkte ich flüchtig Nellys erblaßtes Gesichtchen.

Ich hatte Ichmenjeff bald eingeholt.

„Das arme Kind leidet und hat seinen eigenen Kummer, und mir fiel es ein, noch von meinem zu reden,“ sagte er, bitter lächelnd. „Ich rührte an ihre Wunde. Man sagt, der Satte könne den Hungrigen nicht verstehen und ich sehe, Wanjä, daß selbst der Hungrige den Hungrigen nicht verstehen kann. Nun, lebe wohl!“

Ich wollte auf ihn einreden; doch er winkte mir bloß mit der Hand ab.

„Laß doch, mich willst du beruhigen; siehe lieber, daß sie dir nicht davonläuft; sie sieht mir danach aus,“ fügte er mit Erbitterung hinzu und beeilte sich so schnell als möglich fortzukommen, wobei er mit seinem Spazierstock laut vernehmbar auf den Steinen aufschlug.

Er ahnte es wohl selbst nicht, wie richtig seine Prophezeiung gewesen.

Was mit mir geschah, als ich zurückkehrte und Nelly nicht im Zimmer vorfand, weiß ich selbst nicht. Ich suchte sie auf dem Treppenflur, auf der Treppe, rief ihren Namen, wollte schon beim Nachbar anklopfen; ich konnte und wollte es nicht glauben, daß sie wieder davongelaufen sei. Und wie konnte sie fortlaufen? Es gab doch nur ein Haustor; sie mußte also an mir vorbeigeschlüpft sein, als ich mit dem Alten gesprochen? Doch bald darauf kam mir der Gedanke, daß sie sich hier auf der Treppe versteckt haben mochte, um meine Rückkehr abzuwarten, und um dann hinter meinem Rücken hinauszulaufen. Jedenfalls konnte sie dann noch nicht sehr weit gekommen sein.

Mit großer Unruhe machte ich mich auf den Weg, sie zu suchen, und ließ die Wohnung auf alle Fälle offen.

Zuerst begab ich mich zu Masslobojeffs, traf sie aber nicht zu Haus, weder ihn noch Alexandra Ssemjonowna. Ich hinterließ ihnen einen Zettel, in dem ich Nellys neue Flucht meldete und bat sie, falls Nelly zu ihnen kommen sollte, mich zu benachrichtigen. Darauf ging ich zum Doktor: der war gleichfalls nicht zu Haus, nur die Magd erklärte mir, daß niemand dagewesen sei. Was sollte ich tun? Ich begab mich zur Bubnowa und erfuhr dort von der Frau des Sargmachers, daß die Wirtin seit dem gestrigen Tage sich auf der Polizei befinde. Nelly hatte man aber seit jenem Tag nicht mehr wiedergesehen. Müde, gequält, lief ich von dort wieder zu Masslobojeffs zurück; dieselbe Antwort: niemand zu Hause. Mein Zettel lag noch auf dem Tisch. Was sollte ich tun?

In tödlicher Angst mußte ich mich schließlich nach Hause begeben. Ich mußte diesen Abend zu Natascha gehen, sie selbst hatte mich bereits am Morgen rufen lassen. Auch hatte ich den ganzen Tag noch nichts genossen; der Gedanke an Nelly hatte nichts anderes in mir aufkommen lassen.

„Was soll das bedeuten?“ dachte ich. „Sollten das wirklich nur die Folgen der Krankheit sein? Hat sie nicht am Ende ihren Verstand verloren? Doch, mein Gott, – wo, wo soll ich sie jetzt suchen!“ Kaum hatte ich das gedacht, als ich plötzlich Nelly einige Schritte von mir entfernt auf der W-Brücke erblickte. Sie stand dort an einem Laternenpfosten und sah mich nicht. Ich wollte auf sie zulaufen, doch blieb ich plötzlich stehen: „Was mag sie hier machen?“ dachte ich und ich beschloß, da ich sie jetzt nicht mehr aus dem Auge verlieren konnte, hier zu warten und sie zu beobachten. Es vergingen ungefähr zehn Minuten, sie stand immer noch und blickte auf die Vorübergehenden. Endlich kam ein gut angekleideter, alter Herr und Nelly ging auf ihn zu: der zog, ohne stehen zu bleiben, etwas aus der Tasche und gab’s ihr. Sie schien ihm zu danken. Ich kann es nicht beschreiben, was ich in diesem Augenblick empfand. Schmerzhaft zog sich mein Herz zusammen, als wäre etwas Teures, das ich liebte und hegte, in diesem Augenblick, vor mir beschmutzt und beschimpft worden. Mir stiegen die Tränen in die Augen.

Ja, Tränen über Nelly, zu gleicher Zeit fühlte ich etwas Unversöhnliches gegen sie: sie hatte nicht aus Not gebettelt; sie war durchaus nicht der Macht des Schicksals überlassen gewesen, sie war nicht ihren Peinigern entlaufen, sondern ihren Freunden, die sie liebten und hegten. Als hätte sie jemand damit schrecken und in Erstaunen setzen wollen, ja, fast schien sie damit zu prahlen! In ihrer Seele war etwas Geheimnisvolles aufgetaucht ... Der alte Ichmenjeff hatte recht, sie war verwundet, und ihre Wunde wollte nicht vernarben; sie schien durch dieses geheimnisvolle und mißtrauische Verhalten uns gegenüber geradezu in ihrem Schmerz wühlen zu wollen, – als gewähre ihr dieser Schmerz, dieser _Egoismus des Leidens_, wenn ich mich so ausdrücken darf, eine besondere Genugtuung. Dieses Gefühl der Genugtuung begriff ich durchaus: denn viele Erniedrigte und Beleidigte, die vom Schicksal niedergeworfen und sich der Ungerechtigkeit desselben bewußt sind, müssen es empfinden. Doch über welche Ungerechtigkeit konnte sich Nelly uns gegenüber beklagen? Sie schien mit ihren Launen, mit ihren wilden Ausbrüchen uns gegenüber sich geradezu selbst überbieten zu wollen! Doch warum hatte sie jetzt gebettelt, da sie sich von uns nicht gesehen glaubte? Fand sie denn wirklich darin einen Genuß? Wozu brauchte sie dieses Geld?

Als sie das Geld von dem Fremden in Empfang genommen hatte, verließ sie die Brücke und blieb vor den hellerleuchteten Fenstern eines Ladens stehen, um es zu zählen; ich stand zehn Schritt von ihr entfernt und konnte sehen, wie sie eine Menge Geldstücke in der Hand hielt. Offenbar hatte sie bereits vom Morgen an gebettelt. Darauf ging sie auf die andere Seite der Straße hinüber und trat in einen Laden. Ich folgte ihr sofort, blieb an der Tür des Ladens, die offen war, stehen, um zu sehen, was sie dort tun würde.

Ich sah, wie sie ihr Geld auf den Ladentisch legte und man ihr dafür eine Teetasse zeigte, eine ganz billige Tasse, ähnlich derjenigen, die sie zerschlagen. – Sie wollte mir und dem alten Ichmenjeff doch zeigen, wie böse sie sein konnte. – Die Tasse kostete vielleicht im ganzen nur fünfzehn Kopeken, vielleicht sogar noch weniger. Der Kaufmann wickelte sie in ein Papier ein, umschnürte das Päckchen und übergab es Nelly, die eilig und mit zufriedenem Gesicht aus dem Laden trat.

„Nelly!“ rief ich, als sie sich mir näherte. „Nelly!“

Sie sah auf und zuckte zusammen, die Tasse entglitt ihrer Hand, fiel aufs Pflaster und brach in Scherben. Nelly erblaßte; als sie mich ansah und erriet, daß ich alles gesehen, errötete sie plötzlich; es war die Röte einer quälenden Scham. Ich nahm sie an der Hand und führte sie nach Hause; wir waren nicht mehr weit davon entfernt. Unterwegs sprach keiner von uns ein Wort. Nach Hause gekommen, setzte ich mich hin; Nelly blieb vor mir stehen, finster, nachdenklich und bleich stand sie da, die Augen zu Boden geschlagen. Sie konnte sich nicht überwinden mich anzusehen.

„Nelly, du hast gebettelt?“

„Ja!“ flüsterte sie, kaum hörbar.

„Du wolltest Geld sammeln, um die zerschlagene Tasse wieder zu ersetzen?“

„Ja ...“

„Habe ich dir denn dieser Tasse wegen Vorwürfe gemacht? Siehst du denn wirklich nicht, Nelly, wieviel selbstzufriedene Bosheit in deiner Handlung liegt? Ist das wirklich gut von dir gehandelt? Schämst du ...“

„Ich schäme mich,“ flüsterte sie kaum hörbar und über ihre Wange rollte eine Träne.

„Du schämst dich ...“ wiederholte ich. „Nelly, meine Liebe, wenn ich vor dir schuldig bin, so vergib mir und wir wollen uns wieder versöhnen!“

Sie sah mich an, brach in Tränen aus und umschlang mich mit ihren Ärmchen.

In diesem Augenblick kam Alexandra Ssemjonowna.

„Wie! Ist sie wieder zu Haus? Ach, Nelly, Nelly, was tust du uns an! Ein Glück, daß sie nun wenigstens wieder da ist ... Wo haben Sie sie gefunden, Iwan Petrowitsch?“

Ich gab Alexandra Ssemjonowna zu verstehen, daß sie mich nicht fragen sollte, und sie schwieg sofort. Ich verabschiedete mich zärtlich von Nelly, die immer noch bitterlich weinte und bat die gute Alexandra Ssemjonowna, bis zu meiner Rückkehr bei ihr zu bleiben, ich selbst lief zu Natascha. Ich hatte mich bereits verspätet und mußte eilen.

An diesem Abend sollte sich unser Schicksal entscheiden: obgleich ich mit Natascha von vielen anderen Dingen zu reden hatte, erzählte ich ihr doch alles, was sich mit Nelly zugetragen. Meine Erzählung setzte Natascha geradezu in Erstaunen.

„Weißt du, Wanjä,“ sagte sie nachdenklich, „mir scheint es, daß sie dich liebt.“

„Wieso ... wie?“ rief ich ganz erstaunt.

„Ja, mit der Liebe einer Frau ...“

„Was du sagst, Natascha! Sie ist doch noch ein Kind!“

„Das bald vierzehn Jahre alt sein wird. Ihre Verbitterung kann nur daher kommen, weil du deinerseits ihre Liebe nicht bemerkst und sie ihrerseits wiederum sich selbst nicht versteht; ihre Verbitterung äußert sich wohl ganz kindlich, ist aber darum nicht weniger ernst und quälend für sie. Und dann – sie ist auf mich eifersüchtig. Du bist so mit mir beschäftigt, daß du zu Hause wohl nur an mich denkst und von mir sprichst, ihr aber wenig Aufmerksamkeit schenkst. Sie hat das bemerkt und ist gekränkt. Sie hat vielleicht das Bedürfnis, ihr Herz vor dir auszuschütten, versteht es aber nicht, schämt sich und wartet auf eine Gelegenheit. Du aber verstehst sie nicht, läßt sie immer allein, sogar während ihrer Krankheit bist du zu mir gekommen und hast sie tagelang allein gelassen. Sie weint darüber, ihr tut es weh, daß du ihren Kummer nicht bemerkst. Auch in diesem Augenblick hast du sie meinetwegen wieder allein gelassen. Sie wird noch morgen davon krank sein. Und wie hast du sie jetzt nur allein lassen können. Gehe doch sofort zu ihr ...“

„Ich hätte sie vielleicht nicht allein gelassen, aber ...“

„Weil ich dich gebeten hatte zu kommen. Doch jetzt gehe ...“

„Ich werde gehen, doch glaube ich natürlich von alledem nichts.“

„Weil es so ungewöhnlich scheint. Bedenke aber, was sie durchgemacht, bedenke, daß sie anders aufgewachsen ist als wir ...“

Es war trotzdem spät geworden, als ich zurückkehrte. Alexandra Ssemjonowna erzählte mir, daß Nelly wieder, wie an dem Abend, viel geweint habe und unter Tränen eingeschlafen sei, ganz wie damals.

„Ich muß jetzt gehn, Iwan Petrowitsch,“ fügte sie hinzu, „so hat mir Filipp Filippytsch befohlen. Der Arme, er wartet auf mich.“

Ich dankte ihr und setzte mich an Nellys Lager. Mir selbst lastete es schwer auf der Seele, daß ich sie in einem solchen Augenblick verlassen hatte. Lange, bis in die Nacht hinein, saß ich grübelnd an ihrem Bettchen – es war eine schwere, verhängnisvolle Zeit.

Doch muß ich jetzt erzählen, was sich in diesen vierzehn Tagen ereignete.