Chapter 5 of 45 · 1710 words · ~9 min read

V.

So waren denn Ichmenjeffs nach Petersburg übergesiedelt.

Über mein Wiedersehen mit Natascha will ich mich weiter nicht verbreiten. Ich hatte sie in diesen vier langen Jahren nicht vergessen, im Gegenteil, ich hatte nur zu oft an sie gedacht. Natürlich war ich mir selbst nicht völlig im klaren über jenes eigentümliche Gefühl, mit dem ich an sie zurückdachte; als wir uns dann aber wiedersahen, erriet ich, daß das Schicksal sie für mich bestimmt hatte. In der ersten Zeit schien es mir, daß sie sich in diesen Jahren wenig entwickelt habe, ich dachte, sie sei dasselbe kleine Mädchen geblieben, das ich früher gekannt hatte. Dann aber begann ich, mit jedem Tage etwas Neues an ihr zu entdecken, etwas bis dahin noch nie an ihr Bemerktes, das gleichsam absichtlich vor mir verborgen worden war, als wolle das Mädchen sich vor mir verstecken – ... und welch eine Wonne dieses Entdecken war!

Ichmenjeff war in der ersten Zeit nach der Ankunft sehr übel gelaunt und dementsprechend reizbar. Seine Sache stand ziemlich schlecht, und da ärgerte er sich denn fortwährend, fuhr aus der Haut, sobald ihm etwas ungelegen kam, beschäftigte sich den ganzen Tag mit seinen Akten und Geschäftspapieren und hatte überhaupt wenig Sinn für uns. Anna Andrejewna dagegen ging umher, als könne sie sich in den neuen Verhältnissen noch immer nicht und niemals zurechtfinden. Petersburg ängstigte sie. Sie seufzte und fürchtete sich, weinte und sehnte sich nach ihrem früheren Leben in Ichmenjeffka, machte sich auch wegen Natascha Sorgen, da sie doch schon erwachsen sei und dabei so gar keine Aussicht habe, – kurzum, sie schüttete mit erstaunlicher Offenherzigkeit ihr ganzes Herz mir aus, freilich nur deshalb gerade mir, weil sie sonst niemanden hatte, der für solche freundschaftlichen Ergüsse geeigneter gewesen wäre.

In eben der Zeit, oder vielmehr kurz vor ihrer Ankunft in Petersburg, hatte ich meinen ersten Roman beendet, jenes Erstlingswerk, mit dem ich meine Laufbahn begonnen, und als Neuling wußte ich natürlich nicht, wo ich ihn unterbringen sollte. Bei Ichmenjeffs ließ ich jedoch kein Wort davon verlauten; sie aber waren mir ernstlich böse darob, daß ich ein müßiges Leben führte, d. h. weder im Staatsdienst stand, noch sonst wo eine Anstellung suchte. Der Alte machte mir deshalb mitunter sogar bittere Vorwürfe, wozu ihn selbstverständlich nur seine väterliche Zuneigung zu mir bewog. Ich aber schämte mich einfach, ihnen zu sagen, womit ich mich beschäftigte. Und wie hätte ich ihnen auch so offen sagen sollen, daß ich überhaupt nicht in Staatsdienst treten, sondern Schriftsteller werden wolle? Deshalb zog ich es denn auch vor, sie inzwischen noch zu täuschen, und sagte ihnen, ich fände keine Anstellung, obgleich ich mich nach Kräften um eine solche bemühte. Der Alte hatte keine Zeit, mein Tun und Lassen zu beobachten. Ich entsinne mich noch, wie Natascha mir einmal, nachdem sie ein diesbezügliches Gespräch zwischen ihm und mir angehört hatte, heimlich einen Wink gab, ihr ins Nebenzimmer zu folgen, und wie sie mich dann unter Tränen beschwor, doch an meine Zukunft zu denken, und wie sie mich ins Verhör nahm: sie wollte wissen, was ich treibe. Und als ich auch ihr nichts von meiner Schriftstellerei mitteilte, da mußte ich ihr schwören, daß ich mich nicht als Faulpelz dem Schlendrian ergeben und mich zugrunde richten würde. Doch wenn ich ihr auch nicht gestand, was ich trieb, so hätte ich doch – dessen entsinne ich mich noch genau – alle Kritiken, selbst die schmeichelhaftesten Äußerungen der berühmtesten Literaturkenner über meinen Roman hingegeben für ein einziges aufmunterndes Wort von ihr. Eines Tages war dann das Buch endlich erschienen. Schon lange vor seinem Erscheinen war in Literaturkreisen viel von dieser Neuerscheinung gesprochen worden. B. hatte sich wie ein Kind gefreut, als er mein Manuskript gelesen. Nein! wenn ich jemals glücklich gewesen bin, so war ich es nicht in jener Zeit der ersten berauschenden Augenblicke meines ersten Erfolges, sondern damals, als ich mein Manuskript noch niemandem gezeigt, niemandem vorgelesen hatte: in jenen langen Nächten während der Arbeit, in jener Begeisterung, zwischen Hoffnungen und Träumen, und in der leidenschaftlichen Liebe zur Arbeit, als ich mich mit meinen Phantasiegebilden, mit den Menschen, die ich geschaffen, so eingelebt hatte, als wären es lebende, als wären es wirkliche Menschen gewesen; ich liebte sie von ganzer Seele, ich teilte ihr Leid wie ich ihre Freude teilte, mitunter vergoß ich aufrichtige Tränen über meinen unschlauen, einfältigen Helden. Wie sehr sich die Alten über meinen Erfolg freuten, läßt sich kaum beschreiben, obschon sie die Tatsache zuerst vor lauter Verwunderung gar nicht so recht fassen konnten: sie waren gar zu überrascht. Anna Andrejewna wollte zuerst überhaupt nicht glauben, daß der neue von allen gerühmte Schriftsteller – dieser selbe Wanjä wäre, der doch usw., usw., und sie schüttelte nur in einem fort den Kopf. Auch der Alte ergab sich nicht so bald, sprach langes und breites von verpfuschter Karriere im Staatsdienst, sprach auch von dem nicht einwandfreien Lebenswandel der Schriftsteller im allgemeinen. Doch die immer wieder auftauchenden neuen Urteile und Gerüchte, die zu ihm drangen, die Besprechungen in den Tageszeitungen und schließlich einige lobende Äußerungen hochstehender Persönlichkeiten, denen er alles ehrfurchtsvoll aufs Wort glaubte, zwangen ihn mit der Zeit doch, seine Auffassung von der Sache zu ändern. Als er dann gar sah, daß ich plötzlich Geld besaß, und als er erfuhr, wieviel Geld man mit literarischer Arbeit verdienen konnte, da schwanden auch seine letzten Zweifel und Bedenken. Als er aber einmal die Zweifel hatte fahren lassen, da gab er sich sogleich dem vollsten Glauben überhaupt hin, ja sogar richtiger Begeisterung. Wie ein Kind freute er sich über mein Glück und bald spann er die schönsten Zukunftsträume, indem er seiner Phantasie ohne Bedenken die Zügel schießen ließ. An jedem Tage, den Gott werden ließ, dachte er sich etwas Neues aus, schmiedete er neue Pläne für mich – und was das für Pläne waren! Er begann sogar, mir eine gewisse Hochachtung zu bezeugen, was er bis dahin natürlich nicht getan hatte. Dennoch gab es Augenblicke, in denen wieder ein Zweifel mißtrauisch sein Haupt erhob und er mitten im begeisterten Phantasieren inne hielt und mit sich selbst nicht recht im klaren war.

„Hm!“ meinte er dann: „Schriftsteller! Dichter! ’s ist doch sonderbar ... Wann sind denn die Dichter große Männer gewesen, werden sie je Exzellenz? Weiß Gott, sie sind doch immer nur solche Tintenkleckser, so ’n unzuverlässiges Volk!“

Wie ich bemerkte, kamen ihm diese beunruhigenden Gedanken, die so kitzlige Fragen aufwarfen, gewöhnlich in der Dämmerung, die für ihn überhaupt eine gefährliche Stunde zu sein schien: er wurde dann eigentümlich nervös, empfindsam und mißtrauisch. O, wie gut ich mich noch dieser ganzen Zeit entsinne! Natascha und ich, wir kannten seine Schwächen und lächelten im stillen. Ich erzählte ihm literarische Anekdoten, erzählte, wie Dershawin[2] eine Schnupftabaksdose mit Golddukaten erhalten und wie die Zarin persönlich Lomonossoff[3] besucht hatte; erzählte zum Schluß auch noch von Puschkin und Gogol.

„Ja, ja, Freund, ich weiß, ich weiß alles, das ist ja sehr gut und sehr schön, aber ...“ versetzte der Alte, der diese Geschichten vielleicht zum erstenmal hörte, „aber ... Hm! Aber weißt du, Wanjä, ich bin doch froh, daß dein Geschreibsel da nicht in Versen ist. Verse, weißt du, Freund, die sind doch barer Unsinn; da widersprich du mir nur nicht, das kannst du mir altem Manne ruhig glauben, ich will ja nur dein Bestes. Wie gesagt: barer Unsinn, nichts als Zeitverschwendung! Gymnasiasten – die können noch Verse schmieden, denen kann man es noch allenfalls gestatten ... Aber im allgemeinen können Verse euch junges Blut nur in die Irrenanstalt bringen ... Nun ja, gewiß, Puschkin war ein Genie, das wird niemand bestreiten, doch davon reden wir nicht. Aber immerhin sind es schließlich doch nur Gedichte, die er geschrieben hat, nichts weiter, so hm! – ephemerisch nennt man’s wohl ... Übrigens habe ich nur wenig von ihm gelesen ... Ja Prosa – sieh, das ist etwas ganz anderes! Hier kann der Verfasser sogar belehren, – na, da, gleichviel ... kann von der Liebe zum Vaterlande reden, oder so ... na überhaupt, von der Tugend ... Ja! Ich, weißt du, Freund, ich verstehe mich nur nicht auszudrücken, aber du begreifst auch so, was? Ich rede ja nur aus Liebe zu dir. Nun, nun, lies vor!“ schloß er plötzlich mit einer gewissen Gönnerhaftigkeit, als ich endlich das Buch gebracht und wir uns alle nach dem Tee an den runden Tisch gesetzt hatten, „also lies mal, was du dort zusammengeschrieben hast. Es wird ja soviel Aufhebens von dir gemacht! Jetzt werden auch wir es einmal zu hören bekommen.“

Ich schlug das Buch auf und schickte mich an, mit dem Vorlesen zu beginnen. Gerade an dem Tage war mein Roman im Druck erschienen, und nachdem ich endlich ein Exemplar erhalten, war ich sogleich zu Ichmenjeffs geeilt, um ihnen meinen Erstling vorzulesen.

Wie oft hatte ich mich darüber geärgert, daß ich ihnen das Werk nicht früher, nicht aus dem Manuskript, das beim Verleger war, vorlesen gekonnt! Natascha hatte vor Ärger sogar geweint und mir bitter vorgeworfen, daß jetzt fremde Menschen meinen Roman früher lesen würden als sie ... Doch da war nun endlich der große Augenblick gekommen. Wir saßen am Tisch. Der Alte machte ein ungewöhnlich ernstes und kritisches Gesicht. Er wollte offenbar gewissenhaft zu Gericht sitzen, wollte unerbittlich streng urteilen, und vor allem „sich selbst überzeugen“. Die Alte blickte gleichfalls ungemein feierlich drein; fast hätte sie zu diesem Vortrag ihre neue Haube aufgesetzt. O, sie hatte schon längst bemerkt, wie zärtlich ich ihren Liebling Natascha betrachtete, daß mir der Atem stockte und es mir vor den Augen dunkel wurde, wenn ich mit ihr sprach, und daß auch Natascha mich mit helleren Blicken ansah als früher. Ja! Endlich war auch diese Zeit angebrochen, gerade im Augenblick der Erfolge, der goldenen Hoffnungen und des größten Glücks, – alles zusammen, alles auf einmal! Auch war es ihr nicht entgangen, daß ihr Alter mich ganz verdächtig zu loben begann und mich und seine Tochter oft mit so eigenen Augen betrachtete ... aber da erschrak sie: ich war doch kein Graf, kein Fürst, kein Erbprinz, oder zum mindesten ein Kollegienrat und Doktor der Rechte, auf dessen junger Brust Orden glänzten und der eine schöne Erscheinung war! Die gute Anna Andrejewna liebte es nicht, Halbes zu wünschen.

„Da wird der Mensch nun gelobt und gelobt,“ dachte sie, „weshalb, wofür aber – das weiß niemand. Schriftsteller! Dichter! – was ist denn aber solch ein Schriftsteller?“