Chapter 41 of 45 · 4254 words · ~21 min read

V.

Seit dem denkwürdigen Abend, den ich mit dem Fürsten im Restaurant B. zugebracht hatte, lebte ich in einer ewigen Furcht um Natascha. „Womit bedrohte dieser gemeine Mensch sie und wodurch wollte er sich an ihr rächen?“ fragte ich mich jeden Augenblick und erging mich in den unmöglichsten Kombinationen. Ich kam nur immer zu dem Schluß, daß seine Drohungen ernst gemeint waren, und daß er Natascha so lange sie noch zu Aljoscha hielt, viel Schlechtes antun konnte. Denn er war kleinlich, rachsüchtig, berechnend und wirklich gefährlich, das wußte ich. Es war daher auch durchaus nicht anzunehmen, daß er die Kränkung durch Natascha vergessen würde. In einem Punkte hatte er sich auch mir gegenüber entschieden ganz unzweideutig ausgesprochen: er verlangte die Lösung des Verhältnisses zwischen Natascha und Aljoscha, und erwartete von mir, daß ich Natascha auf die nahbevorstehende Trennung vorbereite, damit es keine sentimentalen Szenen gebe, wie er sagte. Dabei war es ihm natürlich nur darum zu tun, daß Aljoscha mit ihm zufrieden blieb und ihn nach wie vor für einen zärtlichen Vater hielt. Damit mußte er durchaus rechnen, um über Katjäs Vermögen verfügen zu können. So stand ich denn vor der Aufgabe, Natascha auf die Trennung von Aljoscha vorzubereiten. Auch in Natascha hatte ich in letzter Zeit eine starke Veränderung bemerkt; ihre frühere Aufrichtigkeit zu mir hatte sie ganz verloren; und nicht nur das, sie schien sich geradezu mißtrauisch zu mir zu verhalten. Mein Trösten quälte sie nur; meine Fragen ärgerten sie, verbitterten sie sogar. Oft saß ich bei ihr ohne ein Wort zu sprechen. Sie ging, die Hände über die Brust gekreuzt, im Zimmer auf und ab, düster, bleich, abwesend, als hätte sie meine Anwesenheit ganz und gar vergessen. Fiel dann einmal zufällig ihr Blick auf mich, so konnte sie ihr Gesicht ungeduldig und geärgert abwenden. Ich begriff, daß sie wohl selbst über den Ausgang der bevorstehenden Trennung nachgedacht, und konnte sie es denn ohne Schmerz, ohne Qual tun? Daß sie aber die Trennung beschlossen, davon war ich überzeugt, mich quälte und beunruhigte nur ihre finstere Verzweiflung. Zudem wagte ich nicht mit ihr darüber zu sprechen und erwartete mit Bangen, wie sich das alles entscheiden würde.

Was ihr Verhalten zu mir anbetraf, so quälte und beunruhigte es mich sehr, doch zweifelte ich nicht an dem Herz meiner Natascha; ich sah, wie schwer sie es hatte und wie sehr sie litt. In solchem Zustande ist das Einmischen von nahestehenden Menschen, die in unsere Geheimnisse eingeweiht sind, um so schmerzlicher. Doch war ich andererseits fest davon überzeugt, daß Natascha im letzten Augenblick doch zu mir kommen würde, um bei mir Trost und Frieden zu suchen.

Über meine Unterredung mit dem Fürsten schwieg ich natürlich, denn ich hätte sie damit nur noch aufgeregt und gekränkt. Ich sagte ihr so nebenbei, daß ich zusammen mit dem Fürsten bei der Gräfin gewesen wäre und mich davon überzeugt hätte, daß er ein gemeiner Mensch sei. Ich war sehr froh, daß sie mich auch weiter gar nicht über ihn ausfragte; um so mehr aber interessierte sie meine Erzählung über die Begegnung mit Katjä. Wenn sie auch nichts sagte, so bedeckte doch ihr bleiches Gesicht eine Röte, und sie war den Tag über in erregter Stimmung. Ich verheimlichte ihr nichts von Katjä und gestand ihr offen, daß Katjä reizend sei und einen großen Eindruck auf mich gemacht hätte. Und wozu sollte ich es ihr verhehlen? Natascha hätte ja doch die Wahrheit erraten und wäre mir böse gewesen. Ich bemühte mich daher, alles so ausführlich als möglich zu erzählen und versuchte alle ihre Fragen im voraus zu beantworten, da ihr das Fragen in ihrer Lage nicht leicht fiel.

Ich glaubte, es wäre ihr nicht bekannt, daß Aljoscha auf besonderen Befehl des Fürsten mit der Gräfin und Katjä aufs Land fahren sollte, und ich bemühte mich daher, ihr das so schonend als möglich mitzuteilen, um den Schlag abzuschwächen. Doch wie groß war meine Verwunderung, als Natascha bei meinem ersten Worte darüber mich unterbrach und mir erklärte, daß es nicht nötig sei, sie zu trösten, es sei ihr alles schon seit fünf Tagen bekannt.

„Mein Gott!“ rief ich, „wer hat es dir denn gesagt?“

„Aljoscha.“

„Wie? Er selbst?“

„Ja, und ich habe mich zu allem entschlossen, Wanjä,“ fügte sie mit Nachdruck hinzu, aus dem klar hervorging, daß sie eine Fortsetzung dieses Gespräches nicht wünschte.

Aljoscha besuchte jetzt Natascha öfter, doch immer nur auf ein paar Augenblicke; einmal nur war er während meiner Abwesenheit mehrere Stunden bei ihr geblieben. Meist erschien er in trauriger Stimmung und sah sie schuldbewußt und zärtlich an; doch Natascha empfing ihn dann immer so liebenswürdig und zärtlich, daß er bald alles vergaß und heiter wurde. Auch mich besuchte er jetzt häufig, fast jeden Tag. Er quälte sich furchtbar und konnte daher keinen Augenblick allein sein, sondern lief zu mir, um sich Trost zu suchen.

Was sollte ich ihm sagen? Er warf mir Gleichgültigkeit, Kälte und sogar Bosheit ihm gegenüber vor; klagte und jammerte und ging dann schließlich zu Katjä, wo er denn auch immer Trost fand.

An dem Tage als ich von Natascha erfuhr, daß sie von der Abreise Aljoschas unterrichtet sei (es war eine Woche nach meinem Gespräch mit dem Fürsten), kam er in Verzweiflung zu mir, umarmte mich, fiel mir um den Hals und weinte wie ein Kind. Ich schwieg und wartete, was er sagen würde.

„Ich bin ein niedriger, ein gemeiner Mensch, Wanjä,“ begann er, „rette mich vor mir selbst. Ich weine nicht darüber, daß ich gemein und niedrig bin, sondern daß Natascha durch mich unglücklich wird. Denn ich überliefere sie dem Unglück ... Wanjä, mein Freund, sage du mir, wen ich mehr liebe: Katjä oder Natascha?“

„Das kann ich nicht bestimmen, Aljoscha,“ antwortete ich ihm, „das mußt du besser wissen als ich ...“

„Nein, Wanjä; ich würde dir doch nicht eine so dumme Frage stellen, wenn ich’s wüßte, aber das ist es ja doch, daß ich es nicht weiß. Ich frage mich und kann mir selbst keine Antwort darüber geben. Du aber hast alles miterlebt, und kannst es eher wissen, als ... Und, wenn du es auch nicht weißt, so sage mir doch wenigstens, wie es dir scheint?“

„Mir scheint es, daß du Katjä mehr liebst.“

„Das scheint dir! Aber nein, nein, das ist nicht so! Du hast es nicht erraten. Ich liebe Natascha grenzenlos und kann sie nie und nimmer verlassen. Ich habe es Katjä gesagt und Katjä ist durchaus damit einverstanden. Warum schweigst du? Ich sah soeben, wie du lachtest. Ach, Wanjä, wie hast du mich getröstet, wenn es mir zu schwer wurde ... Lebe wohl!“

Er lief aus dem Zimmer, was einen großen Eindruck auf die verwunderte Nelly machte, die schweigend unserem Gespräch zugehört hatte. Sie war damals immer noch leidend, hütete das Bett und brauchte Medizin. Aljoscha sprach bei seinen Besuchen niemals mit ihr, er schenkte ihr überhaupt keine Aufmerksamkeit.

In zwei Stunden erschien er wieder, und ich wunderte mich über sein erfreutes Gesicht. Er umarmte mich wie vorher.

„Jetzt ist die Sache beschlossen!“ rief er. „Alle Mißverständnisse beseitigt. Von Ihnen bin ich geradewegs zu Natascha gegangen: ich war gequält und konnte ohne sie nicht mehr auskommen. Ich kam zu ihr, fiel vor ihr auf die Knie und küßte ihre Füße. Ich mußte es tun, sonst wäre ich vor Kummer gestorben. Sie weinte und umarmte mich schweigend. Da habe ich es ihr aufrichtig gestanden, daß ich Katjä mehr liebe als sie.“

„Was sagte sie?“

„Sie antwortete mir nichts darauf, streichelte und beruhigte mich – mich, der ich ihr das eben gesagt! Sie versteht zu trösten, Iwan Petrowitsch! O, ich habe vor ihr all meinen Kummer ausgeweint, ihr alles gestanden. Ich habe ihr einfach gesagt, daß ich Katjä sehr liebe, doch wie lieb ich sie auch hätte, so könnte ich doch ohne sie, ohne Natascha, nicht leben, sondern müßte elendiglich umkommen. Ja, Wanjä, nicht einen Tag könnte ich ohne sie verleben! Und darum haben wir beschlossen, uns unverzüglich trauen zu lassen; da man es aber jetzt in den großen Fasten nicht tun kann, so müssen wir es auf den Juni verschieben, wenn ich wiederkomme. Papa wird es erlauben, daran besteht kein Zweifel. Und Katjä? Was soll ich tun, ich kann ohne Natascha nicht leben ... Wir werden uns trauen lassen und dort leben, wo Katjä ist ...“

Arme Natascha! Wie mußte es ihr ums Herz sein, diesen Knaben zu trösten, seine Bekenntnisse anzuhören und diesem naiven Egoisten zu seiner Beruhigung noch Märchen von einer baldigen Heirat auszudenken! Aljoscha war auch wirklich auf ein paar Tage beruhigt. Er ging doch nur zu Natascha, weil sein schwaches Herz nicht imstande war, diesen Kummer allein zu tragen. Als aber die Zeit der Trennung immer mehr heranrückte, kam wieder die frühere Unruhe über ihn; wieder kam er öfter zu mir um seinen Kummer auszuweinen. In der letzten Zeit hatte er sich so an Natascha angeschlossen, daß er sie nicht auf einen Tag verlassen konnte, geschweige denn auf anderthalb Monate. Doch war er bis zum letzten Augenblick fest davon überzeugt, daß er sie nur auf anderthalb Monate verlassen würde, um dann zur Trauung wiederzukehren. Natascha dagegen ihrerseits begriff durchaus, daß es eine Trennung auf immer sei, und daß es so kommen mußte!

Es kam der Tag. Natascha war krank, bleich; mit fieberglänzenden Augen und trockenen Lippen sprach sie hin und wieder wie zu sich selbst, dann sah sie mich plötzlich mit durchbohrenden Blicken an, weinte nicht, antwortete nicht auf meine Fragen und erzitterte wie ein Blatt am Baume als sie die helle Stimme des eintretenden Aljoscha hörte. Feuer übergoß ihre Wangen, sie lief zu ihm, umarmte ihn krampfhaft, küßte ihn und lachte ... Aljoscha sah sie erstaunt an, fragte sie beunruhigt, ob sie auch gesund wäre und versuchte sie damit zu beruhigen, daß er bald zur Hochzeit zurückkehren würde ... Mit ganzer Kraft suchte sich Natascha zu bezwingen und ihre Tränen zu unterdrücken. Sie weinte nicht ...

Einmal hatte er ihr gegenüber die Bemerkung gemacht, daß er ihr für die Zeit seiner Reise Geld hinterlassen würde, und sie solle sich darüber nicht beunruhigen, da ihm sein Vater viel Geld für die Reise versprochen. Natascha wurde finster. Als wir darauf allein blieben, sagte ich ihr, daß für sie auf jeden Fall hundertfünfzig Rubel bereit ständen. Sie fragte nicht woher das Geld kam. Das war zwei Tage vor Aljoschas Abreise, kurz vor der ersten und letzten Begegnung Nataschas mit Katjä. Katjä hatte durch Aljoscha einen Brief geschickt, in dem sie Natascha um die Erlaubnis gebeten, sie morgen zu besuchen; auch mir hatte sie geschrieben und mich gebeten, bei der Begegnung zugegen zu sein.

Ich beschloß, ungeachtet aller Hindernisse, um zwölf Uhr bei Natascha zu sein; denn Hindernisse gab es viele. Ganz abgesehen von Nelly hatten mich auch die alten Ichmenjeffs sehr in Anspruch genommen.

Vor einer Woche hatte ich von Anna Andrejewna einen Brief erhalten, mit der Bitte, in einer wichtigen Angelegenheit so schnell als möglich zu ihr zu kommen. Ich eilte zu ihr und traf sie allein zu Hause an: in zitternder Erwartung ihres Mannes ging sie in fieberhafter Aufregung im Zimmer auf und ab. Wie gewöhnlich, konnte ich auch diesmal nicht sofort erfahren, was geschehen und warum sie so erschrocken war, wo es vielleicht keinen Augenblick zu verlieren gab. Endlich nach heißen und gar nicht zur Sache gehörigen Vorwürfen: „warum ich nicht zu ihnen gekommen sei und sie wie Waisen in ihrem Kummer allein gelassen habe,“ so daß schon „weiß Gott was ohne mich hätte passieren können,“ erklärte sie mir, daß Nikolai Ssergejewitsch in den letzten drei Tagen so aufgeregt gewesen sei, „daß es unmöglich zu beschreiben wäre“.

„Er ist sich einfach selbst nicht mehr ähnlich,“ erzählte sie, „in der Nacht schleicht er sich von mir fort, um auf den Knien vor dem Gottesbild zu beten, im Schlaf phantasiert er, bei Tage ist er nur halb bei Verstand: gestern aßen wir Kohlsuppe und er konnte seinen Löffel nicht finden, der neben seinem Teller lag: frägt man ihn dies, so antwortet er das.

„Jeden Augenblick geht er aus dem Haus: ‚immer in Geschäften,‘ sagt er, ‚um einen Advokaten zu suchen;‘ schließlich hatte er sich heute morgen in seinem Kabinett eingeschlossen: ‚ich habe,‘ sagte er, ‚einen Geschäftsbrief zu schreiben.‘ Nun, denke ich, ‚was wirst du für einen Geschäftsbrief schreiben, wenn du nicht einmal deinen Löffel neben dir auffinden kannst?‘ Ich spähte durch den Türspalt: da saß er, schrieb und – weinte. ‚Schreibt man denn so einen Geschäftsbrief?‘ dachte ich. ‚Oder tut es ihm so leid um Ichmenjeffka; also müssen wir unser Ichmenjeffka doch auf immer verloren haben!‘ Plötzlich aber springt er vom Stuhl und wirft die Feder auf den Tisch, feuerrot im Gesicht, mit blitzenden Augen greift er nach dem Hut und stürzt zu mir hinaus. ‚Ich, Anna Andrejewna, komme sofort wieder,‘ sagte er und ging hinaus. Ich aber habe dann auf seinem Schreibtisch unter den vielen Papieren, die da in Stößen herumliegen, gesucht. Wievielmal habe ich zu ihm gesagt: ‚erlaube, daß ich deine Papiere in Ordnung bringe und vom Tisch den Staub abwische.‘ Doch, daran war nicht zu denken, er winkte mit Händen und Füßen ab: so ungeduldig, solch ein Schreier ist er hier in Petersburg geworden. So ging ich also zum Tisch und fing an zu suchen, was er soeben geschrieben. Denn ich wußte zu genau, daß er es nicht mitgenommen, sondern unter die anderen Papiere gesteckt hatte. Da, mein lieber Iwan Petrowitsch, da ist’s, da ...“

Und sie reichte mir einen Bogen Postpapier, der zur Hälfte beschrieben und stellenweis so unleserlich beschrieben war, daß man ihn kaum entziffern konnte. Der arme Alte! Bei den ersten Worten konnte man erraten, an wen er gerichtet war. Es war ein Brief an seine Natascha, an seine geliebte Natascha. Er begann warm und innig; er verzieh ihr alles und rief sie zu sich. Nur war es unmöglich, alles zu entziffern, was er geschrieben, die Sätze waren abgerissen und alles verwischt. Man fühlte nur, daß er aus heißem Drang zur Feder gegriffen und die ersten Zeilen tiefempfunden den hatte, aber auf die ersten Zeilen folgten einige anderer Art. Er machte seiner Tochter Vorwürfe, beschrieb in grellen Farben ihr Verbrechen, hielt ihr Eigensinn vor, beschuldigte sie der Gefühllosigkeit, daß sie garnicht daran gedacht, was sie ihren Eltern angetan. Für ihren Stolz aber verfluchte er sie und befahl ihr unverzüglich ins Elternhaus zurückzukehren, dann erst würden ihre Eltern „nach stillem, musterhaftem Leben im Schoße der Familie ihr vielleicht Vergebung gewähren,“ schrieb er. Man sah, daß er sein erstes Gefühl für Schwäche gehalten, sich dessen geschämt hatte und gequält und beleidigt in seinem Stolz mit wütenden Drohungen schloß. Die Alte stand vor mir mit zusammengelegten Händen und erwartete in Angst und Schrecken was ich sagen würde.

Ich sagte ihr alles aufrichtig, so wie es mir schien. Nämlich: daß der Alte nicht mehr imstand sei, ohne Natascha zu leben, und daß man wohl annehmen müsse, daß es zu einer baldigen Versöhnung kommen werde; doch hänge das selbstverständlich alles von den Verhältnissen ab. Auch habe ihn der schlechte und für ihn unglückliche Ausgang des Prozesses erschüttert und gereizt, und durch den Triumph des Fürsten wäre er in seiner Eigenliebe empfindlich getroffen. In solchen Augenblicken sucht die Seele nach Mitgefühl, und er sehnte sich um so mehr nach derjenigen, die er über alles in der Welt am meisten liebte. Außerdem habe er wahrscheinlich erfahren, (da er ja doch von allem unterrichtet ist), daß Aljoscha sie jetzt verlassen wird. Auch aus seiner Lage heraus begreift er, wie sehr sie Trost und Hilfe brauchte. Doch konnte er sich diesesmal doch noch nicht ganz und gar überwinden, da er sich durch sie gekränkt und erniedrigt fühlt. Ihm kam der Gedanke, daß nicht sie es ist, die zu ihm kommt, und daß sie vielleicht garnicht an ihn denkt und nach seinem Troste durchaus nicht verlangt. Darum habe er wohl den Brief nicht beendigt, auch vielleicht aus Furcht vor neuen Beleidigungen die Versöhnung noch länger aufgeschoben ...

Die Alte hörte mir zu und weinte. Als ich ihr nun sagte, daß ich sofort zu Natascha müßte und mich bereits durch sie verspätet hätte, zuckte sie zusammen und erklärte mir, daß sie die _Hauptsache_ noch garnicht erzählt hätte. Als sie nämlich den Brief unter den Papieren hervorgezogen hatte, war das Tintenfaß umgefallen. Die eine Ecke des Briefes war wirklich ganz mit Tinte übergossen und nun fürchtete sie sich sehr, daß der Alte durch diesen Klecks erkennen würde, daß sie den Brief an Natascha gelesen. Ihre Furcht war durchaus gerechtfertigt: denn bereits der Gedanke, sie wisse sein Geheimnis, hätte ihn so in Zorn und Wut bringen können, daß er aus Stolz bei seinem Trotz verharren würde.

Ich sah mir die Sache an und konnte die Alte insofern beruhigen, daß er in dieser großen Erregung sich kaum dieser Kleinigkeiten erinnern dürfte, und denken würde, er habe selbst den Fleck gemacht. Nachdem sich nun Anna Andrejewna ein wenig beruhigt hatte, legten wir den Brief vorsichtig an seinen früheren Platz zurück, und bevor ich fortging, wollte ich noch einmal in der Angelegenheit Nelly ernst mit ihr reden. Mir schien es, daß das arme verlassene Kind, deren Mutter von ihrem eigenen Vater verflucht worden war, den Alten rühren und ihm großmütigere Gefühle einflößen könnte. Denn alles war in ihm dazu bereit; der Gram um seine Tochter hatte seinen Stolz und seine beleidigte Eigenliebe überwunden. Es fehlte nur noch der Anstoß dazu und die günstige Gelegenheit, und diese konnte vielleicht durch Nelly gegeben werden. Die Alte hörte mir mit besonderer Aufmerksamkeit zu: Hoffnung und Begeisterung belebten ihr Gesicht. Sie machte mir natürlich sofort Vorwürfe, warum ich ihr das nicht bereits früher gesagt hätte, fragte mich ungeduldig über Nelly aus, und versprach feierlich, daß sie nun selbst Ichmenjeff bitten würde, die Waise ins Haus zu nehmen. Ja, sie liebte Nelly bereits aufrichtig, bedauerte, daß sie krank war, wollte mir für Nelly einen Topf Apfelmus mitgeben, lief in die Kleiderkammer und brachte mir aus ihrer Rocktasche fünf Rubel, für den Fall, daß ich kein Geld für den Doktor hätte, und als ich diese nicht annahm, beunruhigte es sie sehr, ob Nelly auch Kleider und Wäsche hätte und ob sie ihr da nicht nützlich sein könnte, woraufhin sie sofort ihren Kleiderkasten um und um wühlte, um Sachen herauszusuchen, die sie der armen Waise schenken könnte.

Ich aber ging zu Natascha. Als ich die Treppe zu ihrer Wohnung emporstieg, sah ich jemand vor ihrer Tür stehen, der soeben anklopfen wollte, doch als er meine Schritte hörte, sich abwandte. Endlich nach einigem Zögern schien er seine Absicht aufzugeben. Er kam die Treppe hinunter und begegnete mir auf der letzten Stufe vor dem Treppenabsatz. Wie groß war aber meine Verwunderung, als ich in ihm Ichmenjeff erkannte. Auf der Treppe war es auch am Abend dunkel. Er drückte sich an die Wand, um mir Platz zu machen, und ich erinnere mich noch jetzt des seltsamen Glanzes seiner Augen, die er fest auf mich gerichtet hatte. Mir schien es, daß er errötete; wenigstens war er sehr verwirrt und wußte nicht, was er sagen sollte.

„Ach, Wanjä, du bist es!“ fragte er mit unsicherer Stimme ... „Ich suchte einen Menschen ... einen Schreiber ... in einer Angelegenheit ... ich suche ihn überall ... er ist nicht hier, nicht da ... Hier scheint er auch nicht zu sein. Habe mich geirrt. Lebe wohl.“

Und er ging schnell die Treppen hinunter.

Ich beschloß, Natascha einstweilen von dieser Begegnung nichts zu sagen, es ihr aber gleich nach Aljoschas Abreise, wenn sie allein war, mitzuteilen. Gegenwärtig war sie so abgespannt, daß, wenn sie auch die ganze Tragweite dieses Aktes begriffen hätte, sie ihn doch nicht so in sich hätte aufnehmen können, wie später in einem Augenblick der letzten Verzweiflung. Dieser Augenblick war jetzt noch nicht gekommen.

Ich hätte noch am selben Tage zu Ichmenjeffs gehen können, doch tat ich es absichtlich nicht: Dem Alten mußte jetzt eine Begegnung mit mir sehr schwer fallen. Ich ging erst am dritten Tage zu ihm; er war sehr niedergeschlagen, begrüßte mich aber ganz frei und sprach viel von seinen Angelegenheiten.

„Sag doch, wen hast du denn damals besucht, so hoch oben, weißt du noch, wo wir uns begegneten ... vor drei Tagen war’s,“ fragte er mich plötzlich in nachlässigem Tone, obgleich er trotzdem meinen Blicken auswich.

„Einen Freund,“ antwortete ich und blickte gleichfalls zur Seite.

„Ah! Ich suchte meinen Schreiber Astaffjeff; man hatte mir dieses Haus angegeben ... es war ein Irrtum ... Um also auf meinen Prozeß zu kommen: im Senate hat man entschieden ... usw. usw.“

Er errötete sogar, als er von seinem Prozeß zu sprechen begann.

Ich erzählte es noch an demselben Tage Anna Andrejewna, um die Alte zu erfreuen, bat sie aber doch unter anderem, ihm nicht besonders ins Gesicht zu schauen, nicht zu seufzen und keine Anspielungen darauf zu machen, kurz durch nichts zu zeigen, daß sie davon unterrichtet war. Die Alte war so erstaunt und erfreut, daß sie mir zuerst nicht glauben wollte. Ihrerseits erzählte sie mir, daß sie Nikolai Ssergejewitsch von Nelly gesprochen hätte, er aber habe geschwiegen, wo er sie doch sonst früher immer selbst dazu überredet hatte. Wir beschlossen, daß sie ihn morgen direkt darum bitten sollte ohne jegliche Umschweife. Doch am nächsten Tage waren wir seinetwegen in schrecklicher Angst und Pein.

Ichmenjeff hatte am folgenden Morgen einen Beamten gesprochen, der in seiner Sache unterrichtet war. Der Beamte hatte ihm nun erklärt, daß er den Fürsten gesprochen, und daß dieser wohl Ichmenjeffka in Besitz nehmen würde, doch infolge „gewisser Familienangelegenheiten“ dem alten Ichmenjeff die zehntausend Rubel schenken würde. Nach dieser Nachricht kam der Alte geradewegs zu mir gelaufen, aufgeregt mit wutblitzenden Augen. Er rief mich, ich weiß nicht warum, hinaus auf die Treppe und verlangte von mir, daß ich sofort zum Fürsten ginge und ihn zum Duell fordere. Ich war so erschrocken, daß ich mich zuerst gar nicht zu fassen wußte. Ich fing, glaube ich, an, ihn zu bereden. Doch der Alte geriet so außer sich, daß ihm schlecht wurde. Ich lief nach einem Glas Wasser; als ich zurückkam, fand ich ihn bereits nicht mehr auf der Treppe.

Am nächsten Tage ging ich zu ihm, traf ihn aber nicht zu Hause; er war damals auf zwei Tage verschwunden.

Am dritten Tage erfuhren wir erst, was sich mit ihm ereignet hatte. Von mir aus war er geradewegs zum Fürsten gegangen, und weil er ihn nicht zu Hause angetroffen, hatte er ihm einen Zettel hinterlassen; in dem Schreiben teilte er ihm mit, daß er durch diesen Beamten von seinen Worten unterrichtet sei und sich durch sie tödlich beleidigt fühle, daß er, der Fürst, ein gemeiner Mensch wäre, und er ihn darum zum Duell fordere. Zum Schluß warnte er ihn noch, die Aufforderung zum Duell etwa abzulehnen, da er dann gezwungen wäre, ihn öffentlich zu beleidigen.

Anna Andrejewna erzählte mir, er sei in solcher Aufregung zurückgekehrt, daß er sich sofort hingelegt und auf alle ihre zärtlichen Fragen nichts geantwortet hätte. In fieberhafter Ungeduld schien er irgend etwas zu erwarten. Am nächsten Morgen kam ein Stadtbrief; als er ihn gelesen, schrie er auf und faßte sich an den Kopf. Anna Andrejewna erstarrte fast vor Schreck und Angst. Er griff sofort nach Hut und Stock und lief hinaus.

Der Brief war vom Fürsten. Trocken, kurz und höflich erklärte er Ichmenjeff, daß er über seine Worte, die er dem Beamten gegenüber ausgesprochen, niemand Rechenschaft schuldig sei. Obgleich er Ichmenjeff sehr bedaure, seinen Prozeß verloren zu haben, könne er doch trotz allem Mitgefühl es nicht für zulässig finden, daß der Verurteilte das Recht hätte, seinen Prozeßgegner aus Rache zum Duell herauszufordern. Was endlich die ihm angedrohte „öffentliche Beschimpfung“ beträfe, so bäte er Ichmenjeff, sich darum nicht zu beunruhigen, da von einer öffentlichen Beschimpfung gar nicht die Rede sein könne, da er seinen Brief sofort der Polizei vorlegen würde, die zur bestimmten öffentlichen Ordnung und Ruhe die entsprechenden Maßregeln treffen muß.

Ichmenjeff stürzte, mit dem Brief in der Hand, sofort zum Fürsten. Der Fürst war wieder nicht zu Haus; dem Alten gelang es aber durch den Lakaien zu erfahren, daß der Fürst sich beim Grafen N. befinde. Ohne sich zu besinnen, begab er sich sofort zum Grafen. Der Portier des Grafen hielt ihn zurück, als er auf die Treppe hinaufsteigen wollte. Der alte Ichmenjeff geriet in Wut und schlug mit dem Stock um sich ... Man ergriff ihn sofort und übergab ihn der Polizei. Der Vorfall wurde dem Grafen sofort gemeldet. Als nun der anwesende Fürst dem alten Wüstling von Grafen mitteilte, daß der alte Ichmenjeff der Vater der Natalja Nikolajewna sei, so begann der Graf zu lachen und sein Zorn wandelte sich in Milde: er befahl Ichmenjeff sofort zu befreien; doch geschah das erst in drei Tagen, wobei man (wohl auf Befehl des Fürsten) Ichmenjeff mitteilte, daß der Fürst selbst den Grafen um Nachsicht für ihn gebeten.

Halb wahnsinnig nach Hause zurückgekehrt, warf sich der Alte aufs Bett und lag eine ganze Stunde bewegungslos; endlich erhob er sich, und erklärte feierlich zum Schrecken Anna Andrejewnas, daß er seine Tochter auf immer und ewig verfluche!

Anna Andrejewna verlor fast ihre letzte Besinnung; zum Glück mußte für den Alten gesorgt werden. Die ganze Nacht wachte sie an seinem Bette, machte ihm Eiskompressen, und konnte daher über ihr Unglück weiter nicht nachdenken. Er lag im Fieber und phantasierte. Ich verließ sie um drei Uhr nachts. Am nächsten Morgen stand Ichmenjeff auf und kam zu mir wegen Nelly. Von der Szene zwischen Nelly und ihm habe ich bereits erzählt; diese Szene erschütterte ihn endgültig. Nach Hause zurückgekehrt, legte er sich wieder zu Bett. Das geschah am Karfreitag, an dem Tage, an welchem die Begegnung zwischen Katjä und Natascha stattfinden sollte, am Tage vor Aljoschas Abfahrt aus Petersburg. Bei dieser Begegnung war ich zugegen. Das war am Morgen von Nellys erstem Fluchtversuch.