Chapter 21 of 45 · 1879 words · ~9 min read

VI.

Anna Andrejewna hatte mich schon lange erwartet. Das, was ich ihr gestern von Nataschas Brief erzählt, hatte sie so sehr erregt, daß sie mich bereits früh am Morgen, wenigstens seit zehn Uhr erwartete. Als ich nun endlich um zwei Uhr bei ihr erschien, hatte die Qual der Erwartung bei ihr den höchsten Grad erreicht. Außerdem wollte sie mir ihre neuen Hoffnungen mitteilen, die ihre Seele seit gestern erfüllten und mir von Nikolai Ssergejewitsch erzählen, der sich seit gestern abend krank fühlte, zu ihr aber außerordentlich zärtlich gewesen war. Sie empfing mich mit unzufriedenem, kaltem Gesichtsausdruck, sprach sehr abgemessen und zeigte nicht die geringste Neugierde, etwas von mir zu erfahren. Fast hätte sie mir die Frage gestellt: „Warum bist du gekommen? Macht es dir wirklich Vergnügen, jeden Tag hierher zu laufen?“ So ärgerte sie sich über mein spätes Kommen. Doch ich ließ mich nicht stören und erzählte ihr jede Einzelheit der gestrigen Szene bei Natascha. Als nun die Alte vom Besuch des Fürsten und dessen feierlicher Werbung hörte, vergaß sie ganz ihren Ärger. Es läßt sich nicht beschreiben, wie glücklich sie war, wie sie sich zugleich bekreuzte, weinte, lachte und vor dem Heiligenbild auf die Kniee fiel. Sie umarmte mich außer sich vor Freude und wollte sofort zu Nikolai Ssergejewitsch gehen, um ihm alles mitzuteilen.

„Lieber Junge, er ist ja doch krank von all diesen Erniedrigungen und Beleidigungen; wenn er es nun erfahren wird, daß Natascha volle Genugtuung widerfährt, so wird er im Augenblick alles vergessen.“

Nur mit Gewalt konnte ich sie davon abhalten. Die gute Alte kannte ihren Mann noch nicht, trotzdem sie fünfundzwanzig Jahre mit ihm zusammen gelebt. Sie wollte auch sofort mit mir zusammen zu Natascha fahren. Ich stellte ihr vor, daß nicht nur Nikolai Ssergejewitsch sehr ungehalten darüber sein würde, sondern daß wir, durch eine so übereilte Handlung, der ganzen Sache schaden könnten. Endlich beruhigte sie sich, hielt mich aber wohl noch eine halbe Stunde mit unnötigem Gespräch auf und sprach die ganze Zeit davon, „daß sie nun mit ihrer Freude ganz allein in ihren vier Wänden sitzen solle“. Ich konnte sie endlich davon überzeugen, wie eilig ich es hatte, und daß Natascha mich schon längst erwarte. Die Alte bekreuzte mich auf den Weg, schickte Natascha ihren Segen und begann fast zu weinen, als ich ihre Bitte, heute abend bei ihr zu erscheinen, wenn bei Natascha etwas Besonderes vorfallen sollte, abschlagen mußte. Nikolai Ssergejewitsch sah ich dieses Mal überhaupt nicht; er hatte die ganze Nacht über nicht geschlafen, klagte über Kopfweh und lag jetzt in seinem Zimmer.

Auch Natascha hatte mich seit dem Morgen erwartet. Als ich bei ihr eintrat, ging sie wie gewöhnlich mit gekreuzten Armen, in Nachdenken versunken, im Zimmer auf und ab. Auch jetzt noch, wenn ich an sie denke, sehe ich sie immer allein in diesem ärmlichen Zimmer, einsam, verlassen, auf etwas wartend, mit gekreuzten Armen und gesenkten Augen, ziellos auf- und abgehen.

Sie fuhr auch jetzt fort, leise auf- und abzugehen, und fragte nur, warum ich so spät gekommen sei. Ich erzählte ihr in aller Kürze meine Erlebnisse, doch sie hörte mich kaum. Offenbar war sie mit etwas ganz anderem beschäftigt.

„Was gibt’s Neues?“ fragte ich sie.

„Neues? Nichts!“ antwortete sie mir mit einer sonderbaren Betonung, der man es sofort anhörte, daß sie nur auf mich gewartet, um mir dieses Neue mitzuteilen. Doch wußte ich, daß sie es nach ihrer Gewohnheit nicht sofort tun würde, sondern erst beim Abschied.

So war es immer bei uns gewesen. Ich bereitete mich schon darauf vor und wartete.

Wir sprachen natürlich zuerst vom gestrigen Erlebnis. Es wunderte mich, daß wir beide der gleichen Meinung über den Fürsten waren: er mißfiel ihr, mißfiel ihr heute weit mehr noch, als gestern. Als wir alles Gestrige durchgesprochen hatten, bemerkte plötzlich Natascha:

„Weißt du, Wanjä, es pflegt aber immer so zu sein, und es ist das beste Zeichen, wenn ein Mensch einem zuerst nicht gefällt – dann gefällt er einem später. Mir ist es des öfteren so gegangen.“

„Gott gebe es, Natascha. Meine endgültige Meinung ist es übrigens, wie ich es mir auch hin und her überlege, daß der Fürst, obwohl er ein Jesuit ist, eure Ehe jetzt doch in Wirklichkeit zu wünschen scheint.“

Natascha blieb inmitten des Zimmers stehen und sah mich streng an. Ihr ganzes Gesicht veränderte sich; ihre Lippen zitterten leicht.

„Wie hätte er denn in _diesem_ Falle ... lügen können?“ fragte sie in verhaltenem Unwillen.

„Gewiß, gewiß!“ beeilte ich mich, ihr zu versichern.

„Natürlich hat er nicht gelogen. Daran zu denken ist einfach unmöglich. Aus welch einem Grunde sollte er es getan haben? Und schließlich, was bin ich denn in seinen Augen, wenn er sich in solchem Grade über mich lustig machen kann? Kann denn ein Mensch wirklich einer solchen Beleidigung fähig sein?“

„Freilich, freilich ist das unmöglich!“ bestätigte ich meinerseits, bei mir aber dachte ich: „Gerade darüber denkst du jetzt nach, meine Arme, also mißtraust du ihm mehr noch als ich.“

„Ach, wie wünschte ich, daß er schneller zurückkehrte!“ sagte sie. „Den ganzen Abend wollte er bei mir verbringen ... Es muß doch eine wichtige Angelegenheit sein, wenn er alles läßt und fortfährt. Weißt du nichts davon, Wanjä? Hast du nichts darüber gehört?“

„Gott weiß es. Er soll alles Geld verleben. Was wissen wir von Geldsachen, Natascha.“

„Nichts. – Aljoscha sprach von einem Brief.“

„Von irgendeiner Nachricht. War Aljoscha hier?“

„Er war hier.“

„Früh?“

„Um zwölf Uhr; er schläft ja so lange. Ich schickte ihn zu Katherina Fedorowna, ich konnte doch nicht anders, Wanjä?“

„Hatte er selbst denn nicht die Absicht hinzugehen?“

„Ja, er selbst ...“

Sie wollte noch etwas hinzufügen, doch verstummte sie. Ich sah sie erwartungsvoll an. Ihr Gesicht war traurig. Ich hätte sie gern darum gefragt, doch war ihr das oft nicht angenehm.

„Ein sonderbarer Mensch ist er doch,“ sagte sie endlich. Sie verzog ein wenig ihren Mund zu einem bitteren Lächeln und vermied es, mich anzusehen.

„Wieso? Was ist denn vorgefallen?“

„Nichts, nur so ... Er war übrigens sehr nett ... Nur zu ...“

„Jetzt haben alle seine Sorgen ein Ende ...“ sagte ich.

Natascha sah mich lange forschend an. Sie schien mir selbst gern antworten zu wollen: „Welche Sorgen machte er sich denn früher,“ doch in meinen Worten lag schon derselbe Gedanke. Sie schwieg gekränkt.

Übrigens war das nur eine vorübergehende Regung. Sie war sehr bald wieder freundlich, liebenswürdig, und von ihrer alten stillen Art. Ich blieb bei ihr wohl eine Stunde lang. Sie war sehr unruhig, ihr graute vor dem Fürsten. An einigen ihrer Fragen bemerkte ich, daß es ihr sehr darum zu tun war, zu erfahren, welchen Eindruck sie auf ihn gemacht haben könne. Wie sie sich verhalten? Ob sie ihre Freude nicht zu auffällig gezeigt? Ob sie nicht allzu zurückhaltend, oder im Gegenteil, zu zuvorkommend gewesen sei? Hatte er sich nicht am Ende über sie lustig gemacht? Oder Verachtung für sie empfunden? ... Bei dem Gedanken schoß ihr das Blut wie Feuer in die Wangen.

„Kann man sich wirklich so darüber aufregen, was ein schlechter Mensch über einen denkt? Soll er doch denken, was er will!“ sagte ich.

Natascha war mißtrauisch, aber von Herzen rein und aufrichtig. Sie war stolz und konnte es nicht ertragen, das, was sie hoch hielt, verspottet zu sehen. Die Verachtung eines Menschen hätte sie gleichfalls mit Verachtung beantwortet, doch ihr Herz hätte es nicht ertragen, daß jemand über ihr Heiligstes gelacht. Das war keine Folge von Charakterschwäche, sondern nur von geringer Kenntnis des Lebens und der Menschen. Sie hatte ihr ganzes Leben in ihrem Winkel verbracht, ohne ihn jemals zu verlassen. Und schließlich ist es eine Eigenschaft aller gutmütigen Charaktere – eine Eigenschaft, die vom Vater auf sie übergegangen – stets einen Menschen besser zu machen als er ist, nur Gutes in ihm zu sehen: diese Eigenschaft war in ihr sehr entwickelt. Derartige Menschen leiden dann sehr, wenn sie sich getäuscht fühlen, um so mehr, weil sie selbst schuld daran sind. Sie fordern mehr, als andere geben können. Und darum ist es besser, wenn sie in ihren Winkeln bleiben und nicht in die Welt gehen. Übrigens hatte Natascha zu viel Leid und Erniedrigung erfahren. Sie war ein kranker Mensch geworden, den man nicht beschuldigen darf – wenn in meinen Worten überhaupt etwa eine Anklage liegt ...

Doch ich hatte Eile und erhob mich, um fortzugehen. Sie war ganz erstaunt darüber und wäre fast in Tränen ausgebrochen, obgleich sie die ganze Zeit sich mir gegenüber sehr kühl verhalten hatte, kühler als gewöhnlich. Doch jetzt küßte sie mich zärtlich und sah mich lange an.

„Höre,“ sagte sie. „Aljoscha war zu sonderbar heute und hat mich wirklich in Erstaunen gesetzt. Er war sehr nett und schien sehr glücklich zu sein, doch kehrte und drehte er sich die ganze Zeit vor dem Spiegel wie ein Fant. Er ist schon etwas gar zu nachlässig in seinem Betragen geworden ... Auch war er nicht lange hier. Stelle dir vor, er hat mir Konfekt gebracht!“

„Konfekt? Das ist ja sehr naiv und nett von ihm. Ach, was ihr beide für Menschen seid! Er ist ja noch immer der lustige Schulbub von früher. Aber du, du!“

Jedesmal, wenn Natascha ihren Ton veränderte und zu mir mit irgendeiner Klage über Aljoscha kam, oder irgendwelche Zweifel von mir gelöst haben wollte, oder mit einem Geheimnis kam, das ich selbst erraten mußte, so sah sie mich immer mit offenem Munde flehend an, mit der unausgesprochenen Bitte, alles so zu lösen, daß ihrem Herzen leichter wurde. In diesen Augenblicken nahm ich dann immer einen strengen Ton an, als wollte ich sie ausschelten, und sonderbar, es gelang mir fast immer. Meine Wichtigkeit und Strenge taten jedesmal ihre Wirkung. Der Mensch empfindet manchmal geradezu das Bedürfnis, eine Strafpredigt zu hören. Wenigstens Natascha verließ mich nach solchen Augenblicken immer vollkommen getröstet.

„Nein, siehst du, Wanjä,“ fuhr sie fort, die linke Hand auf meine Schulter legend und meinen Blick erhaschend, „mir schien es, daß er schon ganz daran gewöhnt ist ... er schien mir schon zu – naiv ... weißt du, als ob wir schon zehn Jahre Mann und Frau gewesen wären. Ist das nicht viel zu früh? ... Er lachte, drehte und kehrte sich, als ob ich ihm eigentlich ganz gleichgültig wäre, nicht so wie früher ... Er beeilte sich schon zu sehr, zu Katherina Fedorowna ... Ich spreche zu ihm, er hört mich nicht und spricht von ganz anderem, weißt du, in dieser häßlichen, weltmännischen Manier, von der wir ihn schon glücklich abgebracht hatten. Kurz, er war so ... so gleichgültig ... Doch was tue ich! So bin ich – was sind wir doch alle anspruchsvoll, Wanjä, was für eigensinnige Despoten! Das merke ich erst jetzt! Wir verzeihen dem Menschen keine einzige Veränderung, und Gott weiß allein den Grund, warum er sich verändert hat! Du tust recht, Wanjä, mich auszuschelten! Daran bin nur ich allein schuld! Wir selbst erdenken uns alle Qualen der Welt und dann klagen wir noch über sie ... Habe Dank, Wanjä, du hast mich vollkommen beruhigt. Ach, wenn er doch nur heute käme! Vielleicht hat er sich noch geärgert!“

„Wie, habt ihr euch denn gezankt?“ rief ich verwundert aus.

„Nein, er hat nichts bemerkt! Nur war ich ein wenig traurig und er wurde plötzlich nachdenklich und verabschiedete sich ein wenig trocken von mir. Ich werde nach ihm schicken ... Kommst du heute, Wanjä?“

„Ich komme bestimmt, wenn ich nicht abgehalten werde.“