Chapter 2 of 45 · 772 words · ~4 min read

II.

Damals, vor einem Jahre, schrieb ich noch für mehrere Zeitungen Artikel verschiedener Art und glaubte fest daran, daß es mir einst gelingen würde, etwas Großes und Schönes zu schaffen. Ich arbeitete zugleich an einem großen Roman, doch das Ende von allem war – daß ich jetzt im Krankenhaus liege und wahrscheinlich bald sterben werde. Wenn ich aber sowieso bald sterben muß, wozu diese Aufzeichnungen?

Unwillkürlich muß ich ununterbrochen an dieses letzte schwerste Jahr meines Lebens denken. Ich bin gezwungen, alles Erlebte niederzuschreiben, um nicht aus Gram darüber zu sterben. All die empfangenen Eindrücke erregen und beschäftigen mich bis zur Qual. Unter der Feder werden sie immerhin einen ruhigeren, geordneteren Charakter annehmen, und weniger Hirngespinsten und Alpdrücken ähnlich sein. So hoffe ich wenigstens. Schon allein die mechanische Beschäftigung des Schreibens ist viel wert. Es beruhigt, es kühlt das erregte Blut, es weckt in mir frühere schriftstellerische Gewohnheiten und meine Erinnerungen und krankhaften Vorstellungen werden in Tätigkeit umgesetzt, verarbeitet ... Eine famose Idee ... und mit dem Papier kann man im Krankenhause die Doppelfenster zum Winter bekleben! ...

Doch habe ich meine Erzählung in der Mitte begonnen. Um alles zu erzählen, muß man von Anfang beginnen. So sei es denn! Übrigens wird ja meine Autobiographie ganz kurz sein.

Ich bin nicht hier geboren, sondern weit von hier entfernt, im Gouvernement X. Es ist anzunehmen, daß meine Eltern brave Leute gewesen sind, nur verwaiste ich schon in frühester Kindheit und wuchs im Hause Nikolai Ssergejewitsch Ichmenjeffs auf, eines kleinen Gutsbesitzers, der mich aus Mitleid aufgenommen. Er hatte nur ein einziges Kind, eine Tochter, Natascha, die drei Jahre jünger war als ich. Wir wuchsen wie Geschwister auf. O, süße Kindheit! Traurig, wenn man mit 25 Jahren nur an dich allein mit Begeisterung und Dankbarkeit denken kann! Am Himmel leuchtete damals eine so helle Sonne – nicht die Sonne Petersburgs. Mutwillig und fröhlich schlugen unsere kleinen Herzen. Um uns herum lagen Wiesen und Wälder und kein Gewicht toter Steine lastete auf uns, wie jetzt. Wie herrlich der Garten und der Park von Wassiljewskoje waren! Nikolai Ssergejewitsch war nämlich Verwalter des Gutes. In diesem Garten spielten ich und Natascha, und hinter ihm lag ein großer, feuchter Wald, in dem wir uns einmal als Kinder verirrten ... Goldene schöne Zeit! Das Leben schien so lockend und geheimnisvoll, und es war so süß, es kennen zu lernen. Damals, als hinter jedem Strauch und jedem Baum etwas Geheimnisvolles und Unbekanntes lebte und die Märchenwelt sich mit der Wirklichkeit verwebte! In der tiefen Ebene ballte sich der Abendnebel zu grauen gewundenen Bändern, die sich an die Sträucher unseres großen steinigen Abhangs hängten. Natascha und ich standen am Flußufer, hielten uns beide die Hände und sahen mit ängstlicher Neugier in die tiefe Ferne. Mit gespannter Ungeduld erwarteten wir etwas, das aus den Nebeln und aus der Tiefe aufsteigen, uns rufen und die Erzählungen der Njänjä[1] wahr machen würde. Einmal in späteren Jahren erinnerte ich Natascha daran, wie man uns ein „Kinderbuch“ schenkte und wir gleich zu unserer Lieblingsbank unter dem dichten alten Ahorn am Teich liefen, um das Zaubermärchen „Alfons und Delinde“ zu lesen. Auch jetzt kann ich nicht kaltblütig an die Erzählung zurückdenken und noch vor einem Jahr zitierte ich Natascha die ersten Zeilen mit Tränen in den Augen: „Alfons, der Held meiner Erzählung, war in Portugal geboren; Don Ramir, sein Vater usw.“ Ich muß wohl Natascha etwas sonderbar vorgekommen sein in meiner Begeisterung, denn sie lächelte so eigentümlich. Übrigens, zu meiner Beruhigung griff sie auch sofort selbst die alten Erinnerungen wieder auf, ich erinnere mich noch dessen. Ein Wort gab das andere, sie selbst begeisterte sich dafür, wir erzählten uns alles, was wir durchlebt hatten. Es war ein herrlicher Abend ... Und als man mich in die Gouvernementsstadt in Pension gab ... Gott, wie sie damals weinte! ... Und unsere letzte Trennung, als ich Wassiljewskoje auf immer verließ ... Ich hatte das Gymnasium beendet und begab mich nach Petersburg, um mich zur Universität vorzubereiten. Ich war siebzehn Jahre alt, sie war im fünfzehnten Jahr. Natascha sagt, daß ich damals ein so hoch aufgeschossener und linkischer Jüngling war, den man ohne zu lachen gar nicht ansehen konnte. Beim Abschied wollte ich ihr noch etwas sehr Wichtiges sagen, doch die Zunge war steif und klebte wie am Gaumen. Unser Gespräch stockte. Ich wußte nicht, wie ich es ihr sagen sollte – sie hätte mich vielleicht gar nicht verstanden. Ich weinte nur bitterlich, als ich fortfuhr, ohne etwas gesagt zu haben. Wir sahen uns erst lange nachher wieder, hier in Petersburg. Das war vor zwei Jahren, als der alte Ichmenjeff eines Prozesses wegen hierher gekommen war und ich meine literarische Tätigkeit kaum begonnen hatte.