X.
Ich begab mich geradewegs zu Aljoscha. Er lebte bei seinem Vater in der Kleinen Mosskaja. Der Fürst bewohnte ein ganzes Stockwerk, obgleich er ganz allein lebte. Aljoscha hatte zwei schöne große Zimmer dieser Wohnung inne. Ich war sehr selten bei ihm gewesen, ich glaube, nur ein einziges Mal. Er dagegen besuchte mich öfter, besonders zu Anfang seiner Verbindung mit Natascha.
Er war nicht zu Haus. Ich trat in sein Zimmer und schrieb ihm folgenden Brief:
„Ich glaube, Aljoscha, Sie sind von Sinnen. Als Ihr Vater Dienstag abend selbst Natascha bat, Ihnen die Ehre zu erweisen, Ihre Frau zu werden, waren Sie über diese Bitte sehr erfreut, wovon ich Zeuge war. Sie werden zugeben, daß Ihr Benehmen jetzt äußerst seltsam erscheint. Wissen Sie auch, was Sie Natascha gegenüber tun? Jedenfalls wird mein Brief Sie daran erinnern, daß Ihr Betragen Ihrer zukünftigen Frau gegenüber höchst merkwürdig und leichtsinnig erscheint. Ich weiß sehr wohl, daß ich kein Recht habe, Ihnen Vorstellungen zu machen, doch ist mir das ganz gleichgültig.“
„P. S. Von diesem Briefe weiß Natascha nichts und hat überhaupt nicht mit mir von Ihnen gesprochen.“
Ich schloß den Brief und ließ ihn auf Aljoschas Tisch. Auf meine Frage antwortete der Diener, daß Alexei Petrowitsch jetzt fast nie zu Hause sei und nur in der Nacht, kurz vor Sonnenaufgang, zurückkehre.
Mit Mühe schleppte ich mich bis nach Haus. Der Kopf schwindelte mir, die Füße waren schwach und zitterten; die Tür zu meiner Wohnung war offen. Bei mir saß Nikolai Ssergejewitsch Ichmenjeff und wartete auf mich. Er saß am Tisch und sah schweigend mit Verwunderung Helene an, die ihrerseits ihn nicht weniger erstaunt und mißtrauisch betrachtete. „Wie muß sie ihm wohl sonderbar erscheinen,“ dachte ich.
„Siehst du, mein Lieber, eine ganze Stunde erwarte ich dich schon, ich hätte nicht gedacht, dich so zu finden ...“ Er sah sich im Zimmer um, und wies mit den Augen zwinkernd kaum merklich auf Helene.
In seinen Augen lag Verwunderung. Als ich ihn näher ansah, bemerkte ich, daß sein Gesicht erdfahl war und Kummer und Unruhe in ihm lag.
„Setze dich, setze dich,“ forderte er mich mit besorgter Miene auf. „Ich beeilte mich, zu dir zu kommen, habe eine Angelegenheit mit dir zu besprechen, doch was fehlt dir? Wie siehst du aus?“
„Ich fühle mich unwohl. Seit dem Morgen schwindelt mir der Kopf.“
„Sieh mal an, sei doch vorsichtiger. Hast du dich nicht erkältet?“
„Nein, das ist wohl nur so ein Nervenanfall. Das habe ich des öfteren. Und Sie, wie fühlen Sie sich?“
„Nichts, nichts! Ich habe etwas mit dir zu besprechen. Setze dich zu mir.“
Ich zog einen Stuhl herbei und setzte mich ihm gegenüber an den Tisch. Der Alte beugte sich vor und begann mit halblauter Stimme:
„Sieh sie nicht an, damit sie nicht bemerkt, daß wir über sie sprechen. Was ist das für ein Gast, den du da hast?“
„Nachher davon, Nikolai Ssergejewitsch. Das ist ein armes Mädchen, eine Waise, Enkelin desselben Smitt, der hier lebte und der in der Konditorei gestorben ist.“
„Also, er besaß eine Enkelin! Nun, mein Freund, ist das aber ein sonderbares Geschöpf! Die sieht einen so an, so! Wirklich, ich sage dir, wenn du in fünf Minuten nicht gekommen wärst, so hätte ich es hier nicht mehr ausgehalten. Mit Mühe konnte ich sie nur dazu bringen, daß sie mir die Tür öffnete; sie spricht kein Wort mit mir, es wird einem einfach unheimlich, mit ihr allein. Sie ist ja gar nicht einem Menschenkinde ähnlich. Wie ist sie denn zu dir gekommen? Ach, ich verstehe, sie ist wohl zum Großvater gekommen, hat es nicht gewußt, daß er gestorben ist?“
„Ja, es ist ein unglückliches Kind. Der Alte erinnerte sich ihrer noch, bevor er starb.“
„Hm! Wie der Großvater, so die Enkelin. Nachher erzählst du mir alles. Vielleicht kann ihr geholfen werden, wenn sie doch so unglücklich ist ... Doch jetzt, mein Lieber, könnte man ihr nicht sagen, daß sie fortgeht, denn ich muß ernstlich mit dir reden.“
„Ich kann sie nirgendwo hinschicken. Sie lebt hier bei mir.“
Ich erklärte dem Alten alles so schnell als möglich in ein paar Worten und fügte hinzu, daß man ruhig alles in ihrer Gegenwart sprechen könne, da sie ein Kind sei ...
„Nun, ja ... freilich ein Kind. Doch du hältst mich wohl zum besten, mein Freund. Sie lebt bei dir, sagst du? Gott im Himmel!“
Und der Alte sah sie noch einmal verwundert an. Helene fühlte, daß man von ihr sprach, sie saß schweigend da, den Kopf auf die Brust gesenkt und spielte mit ihren Fingerchen an der Diwanschnur. Sie hatte bereits ihr neues Kleidchen angezogen, das ihr sehr gut stand. Die Haare waren sorgfältig gekämmt, sorgfältiger als früher, vielleicht aus Anlaß des neuen Kleides. Wäre sie nicht von dieser sonderbaren scheuen Art gewesen, so hätte man sie für ein allerliebstes Kind halten müssen.
„Also, kurz und bündig, die Sache ist die,“ begann der Alte von neuem ...
Er saß in sich versunken, mit strenger und wichtiger Miene da und ungeachtet seines „kurz und bündig“ konnte er den Anfang nicht finden. „Was kann er wohl haben?“ dachte ich.
„Siehst du, Wanjä, ich bin mit einer großen Bitte zu dir gekommen. Doch bevor ich sie ausspreche – ich sehe es jetzt selbst ein – muß ich dir erst die näheren Umstände erklären ... Umstände, sehr peinlicher Art ...“
Er hüstelte und sah mich forschend an, darauf errötete er; errötete und ärgerte sich über seine Ungeschicklichkeit, ärgerte sich und fuhr fort:
„Doch wozu da noch alles erklären wollen! Du wirst es von selbst verstehen! Kurz, ich will den Fürsten fordern, und dich bitte ich, diese Sache zu arrangieren und mein Sekundant zu sein.“
Ich sprang fast von meinem Stuhl auf und starrte ihn außer mir vor Verwunderung an.
„Nun, was starrst du mich an? Ich habe noch nicht den Verstand verloren.“
„Doch erlauben Sie, Nikolai Ssergejewitsch! Unter welchem Vorwand, zu welchem Zweck? Und schließlich, ist es denn möglich? ...“
„Vorwand! Zweck!“ schrie der Alte. „Das ist ’mal schön! ...“
„Gut, schon gut, ich weiß, was Sie sagen werden; doch was werden Sie damit erreichen? Welch einen Ausgang kann das Duell nehmen? Ich gestehe, daß ich nichts davon begreife.“
„Ich dachte es mir, daß du nichts davon begreifen würdest. Höre: unser Prozeß ist zu Ende, d. h., wird in diesen Tagen zu Ende sein; es bleiben nur noch die Formalitäten. Ich bin verurteilt. Ich muß an zehntausend Rubel zahlen; so hat man beschlossen. Für sie wird Ichmenjeffka in Beschlag genommen. Folglich hat dieser gemeine Mensch das Geld bekommen und ich, der ich mit Ichmenjeffka bezahlt habe, bin aller Verpflichtungen ledig. Jetzt kann ich wieder meinen Kopf hoch heben. ‚Sie, verehrter Fürst, haben mich zwei Jahre lang beleidigt; Sie haben meinen Namen beschimpft und die Ehre meines Hauses mit Füßen getreten, und ich habe alles von Ihnen ertragen müssen! Ich habe Sie dazumal nicht fordern können. Sie hätten mir sagen können: Schlauer Mensch, du willst mich erschießen, um das Geld nicht herausgeben zu müssen, zu dem du früher oder später verurteilt werden wirst! Nein, erst wollen wir den Prozeß beenden und dann kannst du mich fordern. Jetzt, verehrter Fürst, ist der Prozeß zu Ende, jetzt, bitte, hier an die Barriere.‘ Siehst du, so ist die Sache. Und deiner Meinung nach soll ich nicht im Recht sein, endlich mich für alles, alles rächen zu wollen!“
Seine Augen blitzten. Ich sah ihn lange schweigend an. Ich wollte gern seine geheimsten Gedanken erraten.
„Hören Sie mich an, Nikolai Ssergejewitsch,“ wandte ich mich an ihn. Ich hatte mich entschlossen, ihm gegenüber grenzenlos aufrichtig zu sein, denn sonst wären wir beide keinen Schritt weiter gekommen. „Können Sie gegen mich vollkommen aufrichtig sein?“
„Gewiß kann ich’s,“ antwortete er mit Festigkeit.
„Sagen Sie mir ehrlich: ist es nur das Gefühl der Rache, was Sie dazu treibt, oder verfolgen Sie dabei auch noch andere Ziele?“
„Wanjä,“ erwiderte er, „du weißt, daß ich es niemanden erlaube, im Gespräch mit mir an gewisse Punkte zu rühren; doch dieses Mal sei eine Ausnahme gemacht, da du mit deinem hellen Verstand sofort erraten hast, daß es unmöglich ist, diesen Punkt zu umgehen. Ja, du hast recht, ich verfolge dabei noch ein Ziel: meine verlorene Tochter zu retten und sie von dem unheilvollen Wege abzuhalten, auf den sie durch die letzten Verhältnisse getrieben worden ist.“
„Wie wollen Sie denn Ihre Tochter durch dieses Duell retten, das ist die Frage?“
„Indem ich dadurch alles vernichte, was sie dort planen. Höre mich an: glaube nicht, daß irgendeine väterliche Zärtlichkeit oder irgendeine andere Schwäche aus mir spricht. Das ist alles Unsinn. Das Innerste meines Herzens zeige ich niemanden. Auch du kennst es nicht. Meine Tochter hat mich verlassen, hat das Elternhaus mit ihrem Liebhaber verlassen und ich habe sie aus meinem Herzen gerissen, an demselben Abend – du erinnerst dich? Wenn du mich auch damals über ihrem Bilde weinen sahst, so folgt daraus noch nicht, daß ich ihr vergeben habe. Ich habe es auch damals nicht getan. Ich weinte über mein verlorenes Glück, doch nicht über sie, wie sie jetzt ist. Ich habe vielleicht jetzt oft geweint und schäme mich nicht, es einzugestehen, ebenso wie ich eingestehe, daß ich mein Kind früher über alles in der Welt liebte. Alles das scheint offenbar mit meinem Vorhaben in einem gewissen Widerspruch zu stehen. Du kannst mir sagen: wenn dem so ist, daß Sie sich zum Schicksal Ihrer Tochter gleichgültig verhalten und Ihre Tochter als solche schon nicht mehr anerkennen, warum mischen Sie sich dann jetzt in ihre Angelegenheiten? Ich tue es: erstens, weil ich diesem niedrigen und gemeinen Menschen den Triumph lassen will und zweitens, einfach aus Menschenliebe. Wenn sie auch nicht mehr meine Tochter ist, so ist sie doch ein schwaches, schutzloses und betrogenes Wesen, das man noch mehr zu betrügen beabsichtigt, um sie schließlich gänzlich zu vernichten. In die Sache selbst kann ich mich nicht einmischen, doch mittelbar, durch das Duell, kann ich es tun. Wenn man mich totschießt und mein Blut vergossen wird, wird sie dann wirklich über meine Leiche schreiten und mit dem Sohne meines Mörders zum Altare gehen, wie jene Zarentochter über die Leiche ihres Vaters schritt? Ja, und schließlich, wenn es zum Duell kommen wird, so werden unsere Fürsten die Ehe selbst nicht mehr wünschen. Kurz, ich wünsche diese Ehe auf keinen Fall und werde alles tun, um sie zu verhindern. Hast du mich jetzt verstanden?“
„Nein. Wenn Sie Natascha Gutes wünschen, warum wollen Sie dann ihre Ehe verhindern, nur sie allein kann ihren guten Namen wieder herstellen. Sie hat noch ein langes Leben vor sich. Sie braucht ihren guten Namen wieder.“
„Auf die Meinung der Welt sollte sie spucken, das müßte ihre Gesinnung sein! Sie sollte erkennen, daß die größte Schmach für sie diese Ehe wäre, die Verbindung mit diesem gemeinen Menschen und dieser jämmerlichen Gesellschaft. Stolz – das müßte ihre Antwort an die Gesellschaft sein! Dann würde auch ich ihr wieder meine Hand reichen und dann wollen wir sehen, wer es wagen wird, mein Kind zu beschimpfen!“
Dieser maßlose Idealismus machte mich staunen. Doch ich erriet, daß der Alte in diesem Augenblick außer sich war und jeder kühlen Berechnung unfähig.
„Das ist zu ideal, und einfach grausam. Sie verlangen von ihr Kräfte, die Sie ihr als Vater bei ihrer Geburt vielleicht nicht gegeben haben. Und willigt sie denn in diese Ehe ein, nur um Gräfin zu werden? Sie liebt doch; es ist Leidenschaft; es ist ihr Verhängnis. Und schließlich verlangen Sie von ihr Verachtung der gesellschaftlichen Meinung und beugen sich selbst vor dieser Meinung. Der Fürst hat Sie öffentlich verdächtigt, durch Betrug zu seinem fürstlichen Hause in Beziehung treten zu wollen und Sie denken: wenn sie jetzt diesen formellen Antrag ausschlägt, so ist das die beste Widerlegung aller früheren Klatschereien. Das ist es, was Sie wollen, Sie wollen dem Fürsten beweisen, daß er sich geirrt hat. Sie wollen ihn in eine lächerliche Lage bringen, wollen sich an ihm rächen und opfern dafür das Glück Ihrer Tochter. Ist denn das kein Egoismus?“
Der Alte saß lange finster und mürrisch da und sagte kein Wort.
„Du bist gegen mich ungerecht, Wanjä,“ sagte er endlich langsam, und Tränen glänzten in seinen Augen – „ich schwöre es dir, daß du gegen mich ungerecht bist, doch lassen wir das! Ich kann vor dir nicht mein Herz umkehren und ausschütteln,“ fügte er hinzu und griff nach seinem Hut, „ich sage dir nur eines: du hast soeben vom Glück meiner Tochter gesprochen. Ich glaube nicht an dieses Glück, außerdem wird diese Ehe auch ohne mein Zutun niemals zustande kommen.“
„Wieso! Warum glauben Sie das? Haben Sie etwas Besonderes darüber erfahren?“ rief ich begierig aus.
„Nein, ich weiß nichts Besonderes darüber. Doch dieser verfluchte Fuchs wird sich niemals dazu entschließen können. Das ist alles Unsinn, das sind Fallen. Ich bin fest davon überzeugt, denke an meine Worte! Und zweitens, wenn diese Ehe gegen seinen Willen zustande kommen sollte, oder wenn dieser Schuft irgendeinen mir unbekannten Vorteil aus dieser Ehe zu ziehen glaubt – so sage dir doch selbst, frage dein eigenes Herz: kann sie denn in dieser Ehe glücklich werden? Diese Vorwürfe und Erniedrigungen, als Freundin des Jungen, der bereits ihre Liebe als einen Zwang zu empfinden anfängt, und wenn er sie heiratet sie nicht mehr achten noch hochhalten wird, bei ihr dagegen wird die Leidenschaft in dem Maße wachsen, in dem seine Liebe abnimmt. Eifersucht, Qualen, Hölle, vielleicht noch Verbrechen ... nein, Wanjä! Wenn du dabei noch mithilfst, so wirst du vor Gott verantwortlich werden, und dann wird es zu spät sein! Lebe wohl!“
Ich hielt ihn zurück.
„Hören Sie, Nikolai Ssergejewitsch, halten wir’s vorläufig so: warten wir ab. Seien Sie überzeugt, nicht meine Augen allein verfolgen die Entwicklung dieser Dinge, und vielleicht wird sich alles von selbst zum besten kehren, ohne künstliche Mittel, wie zum Beispiel dieses Duell. Die Zeit ist der beste Richter! Und außerdem, erlauben Sie mir, daß ich Ihnen sage, daß Ihr Projekt sowieso aussichtslos ist. Haben Sie wirklich auch nur einen Augenblick daran glauben können, daß der Fürst Ihre Herausforderung annehmen wird?“
„Wieso nicht? Bedenke, was du sagst!“
„Ich schwöre es Ihnen – er würde es nicht tun; und seien Sie überzeugt, er würde schon ein Mittel finden, es zu rechtfertigen, und Sie werden der Blamierte sein ...“
„Aber, Wanjä, besinne dich doch, was du sagst! Wie kann er es denn überhaupt – nicht annehmen? Nein Wanjä, du bist einfach ein Dichter: ein echter Dichter! Du glaubst doch nicht etwa, daß ich nicht satisfaktionsfähig bin? Ich bin doch nicht schlechter als er! Ich bin fast ein Greis, bin der beleidigte Vater; du, mein Sekundant, ein russischer Schriftsteller, der Anspruch auf höhere Achtung erheben kann, und ... und ... Ich wüßte nicht, was noch nötig wäre ...“
„Nun, Sie werden sehen. Er wird mit solchen Gründen kommen, daß Sie selbst, Sie zuerst Ihre Forderung zurückziehen werden.“
„Hm! ... nun gut, mein Freund, mag es so sein, wie du es denkst. Ich werde warten, bis zu einem gewissen Zeitpunkt, versteht sich. Wollen wir abwarten. Doch noch eines: gib mir dein Ehrenwort, daß du weder dort, noch Anna Andrejewna ein Wort von unserem Gespräch mitteilst.“
„Selbstverständlich.“
„Zweitens, tue mir den Gefallen, Wanjä, niemals mehr darüber mit mir zu sprechen.“
„Gut, ich gebe Ihnen mein Wort.“
„Und schließlich noch eine Bitte: ich weiß, mein Lieber, daß du es bei uns vielleicht langweilig hast, doch besuche uns trotzdem des öfteren. Meine arme Anna Andrejewna hat dich so lieb und ... und ... ohne dich grämt sie sich ... du verstehst, Wanjä?“
Er drückte mir fest die Hand. Ich gab ihm von ganzem Herzen das Versprechen.
„Und jetzt, Wanjä, noch eine peinliche Frage: hast du Geld?“
„Geld!“ wiederholte ich voll Verwunderung.
„Ja,“ der Alte errötete und schlug die Augen nieder, „für deine Wohnung ... und für deine Bedürfnisse ... und dann, denke ich, daß du noch besondere Ausgaben haben könntest (besonders zu dieser Zeit) ... siehst du, da dachte ich – hundertfünfzig Rubel auf alle Fälle ...“
„Hundertfünfzig Rubel, jetzt, wo Sie den Prozeß verloren haben!“
„Wanjä, ich sehe, daß du mich gar nicht verstehen willst! Auf alle Fälle, verstehe doch. In manchem Falle bedeutet Geld haben, Unabhängigkeit der Lage, Unabhängigkeit des Entschlusses. Vielleicht hast du in diesem Augenblick kein Geld nötig, bewahre es auf für den Fall, wo du es nötig haben könntest! Wenigstens behalte es bei dir. Das ist alles, was ich dir geben kann. Wenn du es nicht brauchen wirst, kannst du es mir zurückgeben. Und jetzt lebe wohl! Mein Gott, wie du erschöpft bist! Ja, du bist ja ganz krank ...“
Ich erwiderte nichts und nahm das Geld. Es war ja nur zu deutlich, wozu er es mir überließ.
„Ich kann mich kaum auf den Füßen halten,“ antwortete ich ihm.
„Nimm dich in acht, Wanjä, mein Lieber, nimm dich in acht! Gehe heute nicht mehr aus. Ich werde Anna Andrejewna sagen, wie du dich befindest. Hast du nicht den Doktor nötig? Ich werde mich morgen nach dir erkundigen; wenigstens werde ich mich bemühen, es zu tun, wenn ich mich nur selbst noch auf den Füßen halten kann. Lege dich jetzt hin ... Lebe wohl. Adieu Kleine! Hörst du, Wanjä, hier sind noch fünf Rubel für das Kind. Sage ihr nicht, daß ich sie dir gegeben habe. Gib sie für sie aus. Kaufe ihr Stiefelchen, Wäsche, was sie brauchen kann! Leb’ wohl, mein Lieber ...“
Ich begleitete ihn bis zur Tür. Ich mußte den Hausknecht nach Essen schicken. Helene hatte noch nichts genossen.