Chapter 4 of 45 · 2009 words · ~10 min read

IV.

Ich erwähnte schon vorhin, daß er Witwer war. Er hatte sehr jung geheiratet, und zwar – nur des Geldes willen. Von seinen Eltern, die sich in Moskau vollständig ruiniert hatten, erhielt er so viel als gar nichts. Wassiljewskoje war verpfändet und über und über verschuldet. Der zweiundzwanzigjährige Fürst war genötigt, in eine Kanzlei in Moskau einzutreten, weil er keine Kopeke besaß. Die Ehe mit einer überreifen Kaufmannstochter rettete ihn aus dieser Situation. Der Kaufmann betrog ihn natürlich bei der Mitgift, doch konnte er immerhin mit dem Gelde seiner Frau das elterliche Gut kaufen und auf die Füße stellen. Die Kaufmannstochter, die er geheiratet, verstand weder zu lesen noch zu schreiben und konnte beim Sprechen kaum zwei Worte miteinander verbinden; außerdem war sie sehr häßlich, doch hatte sie einen großen Vorzug, sie war gut und fügte sich in alles. Der Fürst nützte diesen Vorzug auch vollkommen aus; nach dem ersten Jahre der Ehe, als seine Frau ihm einen Sohn gebar, ließ er sie bei ihrem Vater in Moskau und siedelte selbst in ein anderes Gouvernement über, wo er durch die Protektion eines hohen Petersburger Verwandten einen bedeutenden Posten erhielt. Seine Seele dürstete nach Auszeichnungen und einer glänzenden Laufbahn und da er sich sagen mußte, daß er mit seiner Frau weder in Petersburg noch in Moskau leben konnte, so beschloß er, in Erwartung eines Besseren, seine Karriere in der Provinz zu beginnen. Man erzählte sich, daß er im ersten Jahre der Ehe seine Gemahlin durch Mißhandlungen fast zu Tode gequält hätte. Dieses Gerücht erregte den Zorn Nikolai Ssergejewitschs und er verteidigte den Fürsten eifrig, den er solcher rohen Handlungsweise nicht für fähig hielt.

Endlich, nach siebenjähriger Ehe starb die Fürstin, und ihr verwitweter Gemahl siedelte jetzt sofort nach Petersburg über. Hier machte er von sich reden. Schön, jung, vermögend, mit glänzenden Eigenschaften begabt, geistreich, geschmackvoll, unerschöpflich heiter, trat er hier nicht als armer Glückssucher auf, sondern als eine blendende Erscheinung. Man erzählte sich, daß etwas Starkes, Siegreiches, ja ein unwiderstehlicher Zauber von ihm ausging. Er gefiel den Frauen außerordentlich, und ein Abenteuer mit einer Schönheit der hohen Gesellschaft brachte ihm denn auch glücklich einen skandalösen Ruhm ein. Ungeachtet seiner angeborenen Sparsamkeit warf er mit Geld um sich, verlor große Summen im Spiel, ohne eine Miene zu verziehen. Doch nicht darum war er nach Petersburg gekommen, um sich zu vergnügen: ihm war es darum zu tun, seine Karriere zu einem glänzenden Abschluß zu führen. Und das erreichte er. Ein hoher Verwandter, Graf Nainskij, der ihm seine Aufmerksamkeit nicht geschenkt hätte, wäre er als gewöhnlicher Bittender zu ihm gekommen, hielt es, entzückt durch die Erfolge des Fürsten in der Gesellschaft, für nötig, dessen siebenjährigen Sohn zur Erziehung in sein Haus zu nehmen. In die Zeit fiel die Fahrt des Fürsten nach Wassiljewskoje und seine Bekanntschaft mit Ichmenjeff. Durch Vermittlung des Grafen erhielt er dann eine bedeutende Stellung an einer der wichtigsten Gesandtschaften und begab sich ins Ausland. Ungenaue, dunkle Gerüchte drangen bis zu uns in die Heimat: man sprach von einem unangenehmen Konflikt im Auslande, doch konnte niemand sagen, worin er bestanden. Tatsache war damals nur der Kauf des Gutes von vierhundert Seelen, von dem ich bereits erzählt habe. Nach mehreren Jahren kehrte er dann mit erhöhtem Rang aus dem Auslande zurück und erhielt sofort einen bedeutenden Posten in Petersburg. In Ichmenjeffka verbreitete sich die Nachricht, daß er sich zum zweitenmal zu verheiraten beabsichtige, und zwar mit einer Tochter aus bedeutendem alten Adelsgeschlecht. Nikolai Ssergejewitsch rieb sich, außer sich vor Vergnügen, die Hände.

Ich besuchte damals gerade in Petersburg die Universität und erinnere mich noch, daß Ichmenjeff sich mit der Bitte an mich wandte, Erkundigungen über die Vermählung des Fürsten einzuziehen. Er hatte auch an den Fürsten geschrieben und um seine Protektion für mich gebeten, doch ließ der Fürst diesen Brief unbeantwortet. Ich wußte nur, daß sein Sohn, der zuerst beim Grafen erzogen wurde und dann das Lyzeum besuchte, im Alter von neunzehn Jahren sein erstes Examen machte. Ich teilte dies Ichmenjeff mit und fügte hinzu, daß der Vater seinen Sohn sehr liebe, sehr verwöhne und schon jetzt um seine Zukunft besorgt sei. Ich hatte es von anderen Studenten, meinen Kameraden erfahren, die den jungen Fürsten kannten. Um diese Zeit erhielt Nikolai Ssergejewitsch eines schönen Tages einen Brief vom Fürsten, der ihn außerordentlich verwunderte ...

Der Fürst, der sich bis dahin, wie ich schon erwähnte, in seinen Beziehungen zu Nikolai Ssergejewitsch nur auf eine trockene Geschäftskorrespondenz beschränkte, schrieb ihm jetzt plötzlich in ausführlicher, aufrichtiger und freundschaftlicher Weise über seine Familienangelegenheiten, beklagte sich über seinen Sohn, wie sehr dieser ihm durch seine schlechte Aufführung Sorgen mache ... Freilich müsse man die Unarten eines Knaben nicht allzu ernst nehmen, (er bemühte sich offenbar, ihn zu rechtfertigen) doch habe er beschlossen, seinen Sohn dafür zu strafen und ihn auf einige Zeit zu Ichmenjeffs ins Dorf zu schicken. Er schrieb ferner, daß er sich ganz auf seinen „guten, edlen Nikolai Ssergejewitsch verlasse, im besonderen aber auf Anna Andrejewna,“ bat sie beide, seinen Jungen in die Familie aufzunehmen, ihn in der Einsamkeit zu Vernunft zu bringen, wenn möglich, ihn zu lieben und vor allem aber seinen leichtsinnigen Charakter zu bessern und „ihm heilsame, strenge, im menschlichen Leben so notwendige Gesetze“ einzuflößen. Es versteht sich, daß der alte Ichmenjeff sich in allem Ernst und mit Begeisterung der Sache annahm. Der junge Fürst erschien und wurde wie ihr eigener Sohn von ihnen aufgenommen. In kurzer Zeit gewann ihn Nikolai Ssergejewitsch so lieb, wie seine Tochter Natascha; auch nachher, nach vollkommenem Bruch mit dem Fürsten, gedachte der alte Ichmenjeff mit besonderer Freude seines Aljoscha, wie er gewohnt war, den Fürsten Alexei Petrowitsch zu nennen. Dieser war in der Tat ein reizender Jüngling: schön, schwach und nervös wie eine Frau, doch harmlos und gutmütig, liebenswürdig und hochherzig, – so wurde er der Abgott des ganzen Hauses. Ungeachtet seiner neunzehn Jahre war er noch ein vollständiges Kind. Man konnte es gar nicht begreifen, warum der Vater ihn fortgeschickt hatte, der ihn, wie alle behaupteten, doch so sehr liebte. Man sagte, daß der Junge in Petersburg sich sehr leichtsinnig aufgeführt, nichts getan und sich auch mit nichts habe beschäftigen wollen, was den Vater sehr erzürnt hätte. Nikolai Ssergejewitsch fragte Aljoscha nicht weiter darüber aus, da der Fürst selbst ihm den wahren Grund nicht mitgeteilt hatte. Dazu liefen Gerüchte um von dem leichtsinnigen Verhältnis Aljoschas zu einer Dame, von einer Herausforderung zum Duell, von einem kolossalen Spielverlust, das Gerücht ging sogar so weit, daß es ihm nachsagte, er habe fremdes Geld unterschlagen. Wieder andere behaupteten, daß der Fürst seinen Sohn nur aus egoistischen Gründen entfernt habe. Die letzte Behauptung empörte besonders Nikolai Ssergejewitsch, um so mehr, als Aljoscha, der seinen Vater von Kindheit an nicht gekannt hatte, für ihn schwärmte, ihn liebte, sich für ihn begeisterte; offenbar war er ganz unter seinem Einfluß. Aljoscha plauderte zuweilen auch von einer Gräfin, die sie beide, Vater und Sohn verehrt hatten, und daß sie ihn, Aljoscha, bevorzugt habe, worüber der Vater sehr erzürnt gewesen wäre. Er erzählte des öfteren davon in kindlicher Offenherzigkeit und mit hellem Lachen; doch Nikolai Ssergejewitsch gebot ihm dann jedesmal, zu schweigen. Aljoscha bestätigte auch das Gerücht, daß der Vater ihn verheiraten wollte.

Er lebte schon fast ein Jahr in der Verbannung, schrieb von Zeit zu Zeit dem Vater vernünftige und respektvolle Briefe und hatte sich in Wassiljewskoje so gut eingelebt, daß, als der Vater im Sommer selbst auf das Gut kam, (er hatte Ichmenjeff seine Ankunft gemeldet) der Verbannte den Vater selbst bat, ihn noch einige Zeit in Wassiljewskoje zu lassen, da das Landleben, wie er versicherte, seine einzige Bestimmung wäre. Alle Neigungen und Entschlüsse Aljoschas kamen aus einer außergewöhnlichen, nervösen Empfänglichkeit, aus seinem feurigen Herzen, aus einer Leichtsinnigkeit, die bis an Gedankenlosigkeit grenzte, aus der Fähigkeit, sich jedem äußeren Einfluß zu ergeben und aus gänzlicher Abwesenheit irgendeiner Willenskraft. Der Fürst dagegen verhielt sich sehr mißtrauisch zu seiner Bitte ... Auch Nikolai Ssergejewitsch konnte nur mit Mühe seinen früheren „Freund“ wiedererkennen, denn Fürst Pjotr Alexandrowitsch Walkowskij hatte sich sehr verändert. Er war plötzlich besonders kleinlich in seinem Verhalten zu Nikolai Ssergejewitsch geworden; bei der Revision der Rechnungen zeigte er sich mißtrauisch, habgierig, in gewisser Hinsicht fast geizig. Der gute Nikolai Ssergejewitsch nahm sich das alles sehr zu Herzen und bemühte sich, selbst nicht daran zu glauben. Dieses Mal wickelte sich der Besuch in umgekehrter Folge ab, als vor vierzehn Jahren. Dieses Mal besuchte der Fürst alle seine vornehmeren Nachbarn, nur zu Nikolai Ssergejewitsch kam er nie und behandelte ihn wie einen Untergebenen. Und plötzlich geschah etwas Unbegreifliches: ohne jeglichen Grund kam es zu einem vollständigen Bruch zwischen dem Fürsten und Nikolai Ssergejewitsch. Heftige, erregte Worte, die beiderseits gefallen waren, hatte man beiden hinterbracht. Ichmenjeff verließ sofort Wassiljewskoje, doch war die Geschichte damit noch nicht zu Ende. In der ganzen Umgegend erzählte man sich die schrecklichsten Klatschgeschichten. Man behauptete, Nikolai Ssergejewitsch habe den Charakter und die Fehler des jungen Fürsten zu seinen Gunsten auszunützen verstanden; seine Tochter Natascha (die damals siebzehnjährige) habe den zweiundzwanzigjährigen Junker in sich verliebt gemacht, und beide, der Vater wie die Mutter förderten diese Liebe, indem sie sich das Ansehen gaben, als bemerkten sie nichts, vor allem nicht, daß die schlaue und „sittenlose“ Natascha diesen noch ganz jungen Menschen das ganze Jahr über, durch ihre Bemühungen, der Bekanntschaft aller benachbarten „anständigen“ Fräulein aus guter Familie entzogen habe. Man behauptete endlich, daß zwischen den Liebenden die Trauung im Dorfe Grigorjeff, fünfzehn Werst von Wassiljewskoje entfernt, heimlich schon verabredet worden sei, und daß die Eltern dabei Natascha mit guten Ratschlägen unterstützt hätten. Kurz, ein ganzes Buch hätte das nicht zu fassen vermocht, was die Gouvernementsklatschbasen beiderlei Geschlechts bei Gelegenheit dieser Geschichte sich ausdenken konnten. Ich wundere mich nur, daß der Fürst ihnen Glauben geschenkt hatte und tatsächlich infolge eines anonymen Briefes aus der Provinz nach Wassiljewskoje gekommen war. Selbstverständlich hätte niemand, der Nikolai Ssergejewitsch wirklich kannte, diesen Geschichten Glauben schenken können, doch statt dessen, wie das so zu geschehen pflegt, ereiferten sie sich alle, schüttelten die Köpfe und ... verurteilten ihn auf immer und endgültig. Ichmenjeff war viel zu stolz, um sich und seine Tochter vor diesen Klatschbasen zu rechtfertigen und befahl auch strengstens Anna Andrejewna, sich den Nachbarn gegenüber in keine Erklärungen einzulassen. Natascha selbst, die vielverleumdete, erfuhr von alledem nichts, wußte kein Wort von diesen Klatschereien. Man verheimlichte vor ihr die ganze Geschichte und so blieb sie heiter und unschuldig, wie ein Kind.

Der Konflikt spitzte sich indessen immer mehr und mehr zu. Diensteifrige Geister ruhten nicht und brachten es so weit, den Fürsten davon zu überzeugen, daß die langjährige Verwaltung des Gutes sich keineswegs durch musterhafte Ehrlichkeit ausgezeichnet hatte. Und nicht genug: vor drei Jahren sollte Nikolai Ssergejewitsch beim Verkauf eines Wäldchens zwölftausend Rubel für sich behalten haben, was durch die allerklarsten Beweise vor Gericht bezeugt werden könnte, um so mehr, als er zum Verkauf des Wäldchens keine gesetzliche Vollmacht des Fürsten besaß, sondern dabei aus eigener Initiative gehandelt hätte, um dann erst hinterher den Fürsten von der Notwendigkeit des Verkaufes zu überzeugen und ihm eine geringere Summe als die für das Wäldchen erhaltene einzuhändigen. Alle diese Verleumdungen entbehrten selbstverständlich jeglicher Basis, wie es sich in der Folge klar auswies, doch nichtsdestoweniger hatte der Fürst ihnen Glauben geschenkt und in Gegenwart von Zeugen Nikolai Ssergejewitsch einen Dieb genannt. Ichmenjeff brauste auf und schleuderte ihm eine gleich kräftige Beleidigung zurück. Es kam zu einer furchtbaren Szene, die dann zu einem Prozeß führte. Nikolai Ssergejewitsch, der keine genügenden schriftlichen Beweise hatte, und was die Hauptsache war, keine Protektion und keine Erfahrung in Gerichtssachen besaß, verlor den Prozeß sofort, in der ersten Instanz. Sein Gut wurde beschlagnahmt. Der erschütterte Alte aber ließ alles liegen und siedelte nach Petersburg über, um für seine Sache persönlich zu wirken. Sein Gut überließ er einem Sachverständigen. Dem Fürsten freilich schien es bald klar geworden zu sein, daß er Ichmenjeff grundlos beleidigt hatte. Doch waren beiderseits solche Kränkungen gefallen, daß von einem friedlichen Ausgleich nicht mehr die Rede sein konnte und der erbitterte Fürst auch seinerseits alles tat, um die Sache zu seinen Gunsten zu wenden, das heißt, seinem früheren Verwalter das letzte Stück Brot zu nehmen.