Chapter 1 of 25 · 3967 words · ~20 min read

Part 1

======================================================================

Anmerkungen zur Transkription.

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.

Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~

=======================================================================

Kornelius Vanderwelts Gefährtin

Kornelius Vanderwelts Gfeährtin

Roman

von

Rudolf Herzog

2.-50. Tausend

[Illustration: MDCXL]

1 · 9 · 2 · 8

J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger Stuttgart und Berlin

Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten Für die Vereinigten Staaten von Amerika: Copyright, 1928, by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin

An Emma Elisabeth

1

Das Mädchen stand mitten auf der Landstraße, als Kornelius Vanderwelts Wagen in weiter Ferne wie eine winzige Staubwolke sichtbar wurde. Die Hände hielten das im Winde flatternde Mäntelchen in den Taschen am Körper fest. Der kleine Handkoffer ruhte wohlbehütet vor dem Straßenschmutz auf den Stiefelspitzen.

Das Mädchen stand mit einem gesammelten Ausdruck des Gesichtes und sah dem Wölkchen entgegen. Die schmale Gestalt hielt sich, als wäre es so und nicht anders selbstverständlich, aufrecht in den Schultern. Aber die kräftig betonte Linie dieser Mädchenschultern und die kleinen, festen Bogen der Brüste, die der hastige Flußwind in das Gewand kerbte, zeigten wohl, daß die Schmalheit der Gestalt eher einer Herbheit der Erdentage als einer Mißgunst des Schöpfungstages zuzuschreiben sei.

Die Augen, von dem hellen Grau durchtränkt, das dem dämmernden Tageslicht gleicht, schlossen sich zu einem schmalen Spalt, sammelten blitzschnell ihr Licht und ließen es frei. Der Ausdruck des Gesichtes änderte sich keine Sekunde. Nicht verschlossen, unaufgeschlossen erschienen die merkwürdig ruhigen Züge, von einem Mädchentum zusammengehalten, das, sich selber unbewußt, nach Art scheuer Tiere eine Schutzfarbe sucht.

Es war, als ob nur die Augen atmeten, der Körper sprungbereit gehalten würde.

Das Flußbett der Ruhr zur Linken, herbstroten Buschwald zur Rechten, kam Kornelius Vanderwelts Wagen näher und näher. Der Fahrer, wohl auf Geheiß des Herrn, schlug ein langsameres Zeitmaß an, und Kornelius Vanderwelt saß mit bloßem Kopfe am heruntergesenkten Fenster, ließ den Wirbelwind in seinem Haar wühlen und trank mit den Augen die weltabgewandte Flußlandschaft in sich hinein. Keine andere Erfrischung war ihm lieber zwischen den lauten Stunden der Schifferbörse und der nachmittäglichen Kontorzeit.

Kornelius Vanderwelt lachte lautlos vor sich hin, als er diesem Gedanken Raum gab. Sein Gesicht bräunte sich. Fast hätte er als ehrlicher Mann die heißen Zecherstunden der Nächte vergessen.

»He, Wilm! Was ist los?«

Das Mädchen auf der Landstraße hatte den Arm gehoben. Das freigewordene Mäntelchen flatterte wie schlagende Flügel hoch in der Luft, und der Wind preßte das Kleid fest zwischen die überschlanken Knie.

»Bitte!« rief das Mädchen dem Fahrer zu, ohne sich um den Herrn zu kümmern.

»Was will sie denn, Wilm?«

»Ob das hier richtig wär, nach Ruhrort!«

Kornelius Vanderwelt beugte sich ein wenig vor. Seine breiten Schultern füllten das Fenster. Er sagte nichts, aber seine Augen schossen ein lustiges Licht auf das gestraffte Menschlein, das ihm der Kuppler Wind in allen Linien preisgab.

»Geht hier der Weg nach Ruhrort?« rief die Stimme des Mädchens den Fahrer noch einmal an.

»Mein gnädiges Fräulein,« erwiderte Kornelius Vanderwelt, »der Fahrer ist stumm und auch taub, wenn er den Herrn fährt. Wie es sich gehört. Sie müssen also schon mit mir fürlieb nehmen.«

Das Mädchen wandte den Kopf und sah den Herrn an. Es sah in den hellgefärbten Mannesaugen den Spott und mit dem unbeirrbaren Tastgefühl, das unerweckter Jugend gleich den Schlafwandlern zu eigen ist, daß der Spott nur ein Übermut sei.

»Geht hier der Weg nach Ruhrort?« rief die Mädchenstimme zum dritten Male, und keine Schwingung in ihr war anders als zuvor.

»Gewiß, mein stolzes Fräulein. Seit den Tagen der alten Römer geht hier der Weg.«

»Wie weit noch --?« fragte sie zurück.

»Wenn Sie die Fußwanderung vorziehen: zwei Stunden. Mit dem Wagen: knapp eine halbe.«

»Danke!« klang es durch den Wind. Und als sie sich bückte, um die Handtasche von den Stiefelspitzen aufzunehmen, sprang der Wind wie ein meckernder Kobold sie im Wirbel an, von links und von rechts, von vorne und im Rücken, wie sie sich auch wenden mochte, um den Mantel zu haschen, um das aufflatternde Kleid über die Knie niederzuschlagen. Über der geraden, schmalrückigen Nase grub sich eine Furche steil in die breitgelagerte Stirn. In den grauen Augen saßen, tief auf dem Grunde, heiße Lichter.

»Einsteigen!« gebot Kornelius Vanderwelt. Und als das Mädchen nicht alsogleich im Kampf mit dem Winde nachzulassen vermochte, öffnete er den Wagenschlag von innen und sprang hinaus.

Sie reckte sich augenblicks hoch und ließ flattern, was wollte. Dicht voreinander standen sie, und ihr Scheitel, von einer dunklen Wollmütze bedeckt, reichte dem Vierzigjährigen bis ans Herz.

»Sind Sie so klein?«

»Nein. Sie sind so groß!«

»Richtig. Es kommt immer auf den eigenen Standpunkt an.«

Er nahm sie um die Mitte und hob sie ohne Widerrede in den Wagen. Die leichte Tasche hielt sie mit beiden Händen an sich gezogen.

»Mit halber Kraft auf Ruhrort. Los, Wilm.«

Der Wagenschlag schnappte zu. Vorwärts ging's. Links schimmerte in Schlangenlinien der weiße Wasserspiegel der Ruhr. Rechts lohte in heißer Herbstfeier der Buschwald in Rot und Gold.

Kornelius Vanderwelt streckte die Beine und äugte über die Schulter hin auf seinen Fahrgast. Der saß schmal und steif in die Ecke gerückt und hielt die Reisetasche auf den Knien.

»So setzen Sie sie doch hin. Ich stehle keine Reisetaschen. Vielleicht fresse ich von Zeit zu Zeit junge Mädchen.«

Aus ihrer Kehle stieg ein einzelner Ton. Nie im Leben wurde sich Kornelius Vanderwelt darüber klar, ob es ein Lachen oder ein Knurren gewesen sei.

»Zeigen Sie doch mal Ihren Mund. Nein. Nicht die Zähne. Das sind wahrhaftig alle Zweiunddreißig. Was tun Sie denn mit einem so herrlichen Gebiß?«

»Beißen,« sagte sie halblaut und zog die Muskeln des Leibes zusammen. Wie ein Tier, das sich zum Sprunge schickt.

Diesmal aber wußte Kornelius Vanderwelt mit Bestimmtheit, daß es ein drohendes Knurren war.

»Ach so. Das war die Antwort auf den ›Menschenfresser‹.«

Da lachte sie ein kinderhohes, erlöstes Lachen.

»Ja,« fuhr er fort, als hätte er bisher den Erklärer gemacht, »und nun wundern Sie sich wohl, daß dieses paradiesische Landschaftsbild der Vorhof zur schwarzen Hölle Ruhrort ist. Aber das muß wohl so sein. Als ausgleichende Gerechtigkeit. Die in der Hölle braten, haben den Himmel am nötigsten. Zeigen Sie doch mal Ihre Augen her.«

Starr, die Haltung versteift, sah sie ihm mitten in die Augen.

Er tat, als gewahre er die Abwehr nicht. Er forschte in Ruhe weiter.

»Hm -- grau. Ist das nun grauer Himmel oder -- ist es der Vorhang zum Himmel?«

»Fragen Sie doch die eigenen Augen! Sie sind so grau wie die meinen!«

»Kind, Kind, das hätten Sie sich nicht wünschen sollen. Auch nicht im Zorn. Wenn ich danach meine grauen Augen frage -- weiß Gott, Sie haben recht, im Grunde sind sie grau wie die Ihrigen -- wenn ich danach meine grauen Augen frage, werden sie blitzblau vor lauter wilder Freud'. Denn nur sie wissen, was hinter ihrem Vorhang steckt. Bitte -- nehmen Sie doch mal die Mütze ab.«

»Weshalb --?«

»Weshalb? Weil ich glaube, daß wir auch von der gleichen Haarfarbe sind. Menschen, die durch die höhere Bildung jeden Blick verloren haben, nennen es Tizianblond. Wir aber wissen, daß es das heiße Blond unserer Vorfahren gewesen ist, denen Sonne und Seewasser abwechselnd den Schädel peitschte. Die meinen waren Seeräuber. Fraglos! Und die Ihren?«

»Vielleicht nicht weit davon.« -- --

Sein Auge, voller Belustigung unter dem erkünstelten Ernst, prüfte sie genauer. Wen hatte er sich da aufgeladen? Was lief denn zu Fuß mit einer Reisetasche stundenweit über die Landstraße und ließ sich zerzausen? Eine kleine Arbeiterin oder eine kleine Abenteurerin? In Kornelius Vanderwelt kämpfte der scharfe Geschäftsmann, für den er über das ganze Hafengebiet Ruhrort hinaus bis zu den Zechen und Hochöfen im weiten Umkreis galt, mit dem noch schärferen, laut bejubelten und heimlich getadelten Lebensbezwinger einen nur kurzen Kampf und unterlag in der Freude am Augenblick.

»Seltsam. Da reden sich die Menschen ein, nur die ungleichen Pole zögen sich an. Die Hellen und die Dunklen. Die Starken und die Schlappen. Die Glückseligen, die ihr Blut wie Götter verspüren, und die Armseligen, denen die Angst den Magen verstört. Ewige Eselei. Als ob der königliche Löwe -- nein, werden wir nicht hochtrabend -- als ob der starke Wolf mit einer anderen Kumpanin jagen könnte als mit einer Wölfin. Stimmt meine Rechnung? Wie alt bist du eigentlich, Kind?«

»Das Kind,« wiederholte sie, und durch die Nüstern pfiff der Atem, »das Kind ist zwanzig Jahre alt.«

In ihrer Mädchenentrüstung schien sie ihm zum jungen Weibe zu wachsen. Das gefiel ihm.

»Hältst du auch das Fahrgeld bereit?«

»Das -- Fahrgeld?«

»Aber -- aber! Ein jeder Gast muß doch das Fahrgeld im voraus entrichten. Auf der Eisenbahn und in der Postkutsche. Selbst im Gasthof, wenn er ein gänzlich Unbekannter ist.«

Ihr Gesicht, das in der Ruhe verharrt hatte, erblaßte vor innerer Erregung. Noch schmaler schien es. Noch schmaler die gerade Nase, der dunkle, fest zusammengepreßte Mund. Die Augen aber funkelten aus dem Blaß in einem noch tieferen und heißeren Grau.

»Was kostet mich die Fahrt?«

Ihre Hände nestelten an der Reisetasche. Sie suchten das Schloß zu öffnen. Und Kornelius Vanderwelt sah auf diese Hände und sah, daß sie feingegliedert und in jedem Glied ausdrucksvoll waren, wie ein erlesen Kunstwerk, oder doch wie erlesenes Werkzeug, der Kunst die feinsten Quellen zu erschließen. Er nahm die beiden Hände in seine starken, gut gehaltenen Manneshände und schloß sie darin ein, daß sie wie Edelmetall im Erzgestein lagerten. In der Landschaft draußen war der silberhelle Fluß, war das Paradiesgärtlein verschwunden. Auf schwarzgesprenkelter Halde wuchsen statt lodernder Purpurbäume rauchende Schlote auf, einzeln erst, dann in Heeresmassen, fernhin von den Festungstürmen speiender Hochöfen umgrenzt.

»Was die Fahrt kostet?« fragte Kornelius Vanderwelt zurück. »Nein, nicht in Mark und Pfennigen ausrechnen. Im Märchen geht es immer um Sternentaler. Und die heilige Zahl ist drei. Zuck' nicht mit den Fingerlein. Gib dein Mündchen. Einmal -- zweimal -- dreimal -- -- --«

Und er küßte sie kräftig auf die linke Wange und küßte sie kräftig auf die rechte Wange und küßte sie ganz zart nur, als wär es ein Streicheln, über die Linie des Mundes.

Ein Ruck -- ihre Hände waren frei, schlugen nach ihm, zu Fäusten geballt, in entfesseltem Zorn.

»Einmal -- zweimal -- dreimal!«

Er wischte die Fäuste wie Blumenblätter von der Stirn, kämmte die Fingerlein durch und sagte nur: »Falsch. Beim dritten Mal hab' ich nur gestreichelt, du aber hast auch zum drittenmal geschlagen. Nun hat das Märchen einen falschen Ausklang, und wir müssen es wiederholen.«

Da schossen ihr die Zornestränen aus den Augen ...

Schmal und steif saß sie in die Ecke gerückt und hielt die Reisetasche auf den Knien. Aber die Muskeln des Leibes zogen sich zusammen.

»Bitte!« bat Kornelius Vanderwelt, und er bat wie ein großer, ungestümer Junge, der sein Ungestüm bereut und doch vor einem kleinen Mädchen nicht die Segel streichen möchte. »Bitte! Keine Tränen weinen! Tränen kann ich nicht sehen! Hörst du auch? Oder ich muß sie alle fortküssen. Alle. Aus deinen Augen. Von deinen Wangen. Und wenn sie dir zwischen die Brüstlein laufen, dann hilft es nichts: ich muß sie -- alle -- alle --«

Was war geschehen?

Der Wagen kreuzte in der Vorstadt eine elektrische Straßenbahn. Er fiel ein paar Sekunden in Schritt. Und schon hatte der Fuß des Mädchens die Türklinke niedergedrückt, hatte das Knie des Mädchens den Wagenschlag weit aufgestoßen. Ein geschmeidiges Tier konnte nicht schneller in der Freiheit sein.

Wo sie untergetaucht war im Gewühl, vermochte Kornelius Vanderwelt in den wenigen Augenblicken, die ihm belassen wurden, nicht zu ergründen. »Wagenschlag schließen! Wollen Sie Kleinholz machen?« donnerte ein Schutzmann, erkannte Kornelius Vanderwelt, legte die Hand an den Helm und grüßte mit seinem fröhlichsten Gesicht.

Und Kornelius Vanderwelt grüßte mit seinem fröhlichsten Gesichte wieder, mit den hellen und übermütigen Augen, die ihm die Liebe alles Hafenvolkes gewannen und den Neid aller eigenen Kreise, zog den Wagenschlag ins Schloß und rief den Fahrer an.

»Zum Kontor. Los, Wilm.«

Er saß, die Beine übereinandergeschlagen, das Kinn in der aufgestützten Hand versenkt, grübelnd im Polster. Aber er grübelte nicht über das verschwundene Mädchen. Hatte er auf seiner Entspannungsfahrt überhaupt ein Mädchen zu Gesicht bekommen? Oder gar ein paar Herzschläge lang im Arm gehalten? Unsinn. Die Wasser des Rheins stiegen, und die Frachten würden fallen zu Berg und zu Tal, gen Mannheim und gen Rotterdam. Aber da war die selten so günstige Arbeitslage auf dem Kohlenmarkt. Jeder Zeche, jedem Großhändler mußte an der Ausnutzung gelegen sein, und die bedrohten Frachtlöhne würden sich wieder hochreißen lassen.

Kornelius Vanderwelt saß im Lederpolster seines Wagens und seine Gedanken fuhren sieghaft rheinauf und rheinab und weit über die schiffbefahrene See -- --

Träumte er und wachte er zu gleicher Zeit? Konnte er seine Wachheit in Traumländer hinüberspielen und aus seinen Traumbildern heraus haarscharf den wachen Tag überblicken? Der Wagen bog in die Straßen Duisburgs, glitt durch gepflegte Anlagen, wand sich durch das Gewirr der langen Häuserzeilen, die angefüllt waren mit dem Verkehrstreiben und der geschäftlichen Anspannung der arbeitschwangeren, arbeitgebärenden Großstadt. Und Kornelius Vanderwelts Augenlider öffneten sich, sobald sie sich öffnen mußten, und senkten sich, sobald die Achtsamkeit nicht verlangt wurde. Jetzt neigte er in höflichem Ernst den Oberkörper, und der Gruß galt einem vorüberbrausenden Zechenherrn und schien zu sagen: Hier haben Sie den Mann für die schnellste Verfrachtung Ihrer Förderungen. Jetzt hob er grüßend die Hand, und der kurze Wink rief einem eifrig dahintrottenden Geschäftsfreunde zu: Halbpart, mein Junge, oder du kommst über Bord. Jetzt zeigte er nur in vertraulichem Lachen die Zähne, und der Schiffer, der in Strickweste und weiten Manchesterhosen breitbeinig eine Hafenbrücke überquerte, drehte bei, lüftete grinsend die Mütze und machte die Gebärde des Schnapsverholens, eine Gebärde, die von Kornelius Vanderwelt in einem schönen Gleichmaß wiederholt wurde, gleichsam als füge er ein Prosit hinzu. Und wiederum schlossen sich träumerisch die Augenlider bis auf einen schmalen Schlitz, durch den er den wachen Tag einließ.

Enger und rauchiger wurden die Straßen, als der Wagen die letzte der Hafenbrücken hinter sich gelassen hatte. Ein Gewirr von Gassen und Wasserzeilen tat sich auf. Geschwärzte Giebel schwammen auf kohlenschwarzen Wasserspiegeln. Und Schiffsrumpf an Schiffsrumpf. Plump, riesenstark, mit unersättlich geöffneten Mäulern.

Ruhrort -- das schwarze Venedig.

Und Kornelius Vanderwelt dachte aus Träumen und Wachen, als der Wagen in eine Toreinfahrt bog und stand: Immer mehr Land muß noch verschwinden, immer mehr Wasser sich breiten, Rheinwasser und Ruhrwasser, in Hafenbecken und Kanälen, und die Kanäle sollen die Kohlen aus den Zechenfeldern saugen, und die Ruhrhäfen sollen sie aufschlucken und unermüdlich die Beute dem Herrn überantworten, dem Rhein, und dem Herrn des Rheins -- uns -- uns, uns!

Aufrecht, nur noch die Wachheit des Tages in den Augen, stieg Kornelius Vanderwelt aus dem Wagen und schritt ins Kontorgebäude. Die schreibenden und rechnenden Herren an den Pulten grüßten kurz und fuhren ungestört in ihren Arbeiten fort. Wortlos war Kornelius Vanderwelts Gegengruß. Ein lautes Wort, und ein überflüssiges zumal, konnte eine Berechnung über den Haufen werfen.

Aus einer holzvergitterten Nische erhob sich der bevollmächtigte Geschäftsführer und folgte mit einem Bündel Papiere dem Geschäftsherrn in das Sonderkontor. Kornelius Vanderwelt reichte ihm die Hand, hing seinen Hut an den Haken und ließ sich in seinem Drehsessel nieder. Stumm nahm er das Bündel Papiere entgegen, glättete es auf dem Schreibtisch und begann es durchzusehen. Kaum daß die Blicke abglitten, zog die Rechte Bleistift und Papierblock heran, schrieb kurze Merkworte nieder, Zahlen, Gleichungen. Die Blätter raschelten und schichteten sich zur Seite.

»Setzen Sie sich doch, Beckenried.«

Der ergraute Mitarbeiter nahm geräuschlos an der gegenüberliegenden Breite des Tisches Platz. Er sah stumm auf die hin und her gleitende Schreibhand des Herrn. Nur wenn die Schreibhand innehielt oder die Fingerknöchel auf den Tischrand trommelten, vergewisserte er sich des Papieres, das eben vorlag, und mit einem kurzen Aufblick der Gesichtszüge des Herrn.

»Mehr Schiffsraum heran, mehr Schiffsraum. Bevor die Zechen in ihren Kohlenhalden ersticken, verschreiben sie sich mit Haut und Haaren dem Herrn Eisenbahnminister. Und den kann von uns aus der Teufel holen.«

»Dann müßt' sich der Teufel selber holen.«

»Was soll das? Ach so, Sie meinen: Der, dem man sich mit Haut und Haaren verschreibt, müßt' unbedingt auch ein Teufel sein. Lieber Beckenried, nur für Ihr mathematisches Hirn. In Wirklichkeit ist die Sache gottlob oft anders. Weiter im Text. Mit Frachtaufträgen sind die Herrschaften verdammt freigebig, wenn der Winter vor der Tür steht und der kleinste Kanonenofen nach Kohlen schreit. Mit den Frachtpreisen aber zähe wie Hinterleder. Ne, ne, ich schimpfe ja nicht! Wozu wären ~wir~ denn da?«

Er ließ auf dem Papierblock eine Reihe Zahlen aufmarschieren und hielt sie seinem Mitarbeiter hin.

»Stimmt das mit den Ihren? Vergleichen Sie mal.«

»Es stimmt. Wie immer.«

»Wollen Sie mit diesem ›wie immer‹ ~mir~ eine Schmeichelei sagen oder Ihrer eigenen Person? Schön, die unbedingt notwendige Tonnenzahl stände fest. Was ist in Summa an Kahnraum und Schleppdampfern heute früh angeboten? Sind die Abmachungen, die ich von der Schifferbörse herübergab, ausreichend? Tonnengehalt! Pferdekräfte! Los, lieber Beckenried.«

»Mit den nachbörslichen Aufträgen brauchen wir das Doppelte. Das ist nicht im Handumdrehen zu beschaffen, denn es ist nicht nur die Firma Kornelius Vanderwelt auf der Jagd nach Schiffsraum.«

»Beckenried! Wie oft soll ich Ihnen diese Wahnvorstellungen noch ausreden! ~Nur~ die Firma Kornelius Vanderwelt braucht Frachtkähne und Schlepper. ~Nur~ die Firma Kornelius Vanderwelt ist auf der Jagd nach Schiffsraum. ~Für uns nur Kornelius Vanderwelt!~ Alle übrigen können uns -- nun, Beckenried, befleißigen wir uns im Verkehr mit der Geschäftswelt der ausgesuchtesten Höflichkeit -- also sie können es auch unterlassen.«

Beckenried verbeugte sich kühl.

»Ich habe übrigens ›sie‹ klein geschrieben,« sagte Kornelius Vanderwelt sachlich. »Und nun fahren Sie fort.«

»Abgemacht,« erklärte der im Geschäft Ergraute, ohne eine Miene zu verziehen, »der Schiffsraum ist nur für ~uns~ da. Aber die verschiedenen Arten von Schiffsraum? An der einen Sorte ist viel und an der anderen ist wenig zu verdienen, besonders wenn es, wie gerade jetzt, um scharfe Berechnungen geht.«

»Mein verehrter Freund und Mitarbeiter ist mal wieder unzufrieden mit mir?«

»Wenn ich ein Feigling wäre, was ich aber ~nicht~ bin, und hätte Angst vor Ihnen,« sagte Beckenried, hauchte auf die Gläser seines Kneifers und putzte sie spiegelblank, »so würde ich mir bei jeder Maßnahme des Oberhauptes denken: der Herr ist klüger als du. Oder sonst was.«

»Das ›oder sonst was‹ verbitte ich mir. Weiter.«

»Halte ich mich aber in Wirklichkeit für Ihren Freund und Mitarbeiter, so ergibt sich für mich daraus die unbedingte Geschäftspflicht, aus allen Unternehmungen die höchsten Gewinne herauszuwirtschaften.«

»Mir ganz aus dem Herzen gesprochen, lieber Beckenried.«

»Ich will Ihnen aber gar nicht aus Ihrem Herzen heraussprechen, sondern von Hirn zu Hirn.«

Kornelius Vanderwelt hob langsam den Kopf. Es war ein schmaler, fester Kopf mit weitausladenden Stirnknochen. Das dichte blonde Haar trug einen schimmernden Glanz, wie der lichte Schnurrbart, den er behutsam mit den Fingerspitzen strich. Und nun hob er langsam die Augenlider und lächelte seinen Ratgeber mit dem hellsten Hell seiner grauen Augen an.

»Von Hirn zu Hirn, Beckenried. Das ist ein Wort. Aber was wäre das Hirn ohne Herz? Eine Maschine unter Druck bis zum Bersten. Ein Reiter ohne Buddel. Ein Mädchen ohne Liebe. Was nützte dem Reiter alle Schenkelkraft und dem Mädchen alle Schönheit, wenn nicht zum Ausgleich irgendwo eine derbe Erdenfreude winkte. Mein kaufmännisches Hirn treibt mich zu den Schiffsparks der Großreeder. Dort wickeln sich die Geschäfte schneller und einträglicher ab. Darum habe ich aber doch mein Herz, das seine Freude will, für die Kleinschiffer entdeckt, für die Herren ›Partikuliers‹, wie sie sich so bieder und eigentumsstolz benennen, und wo für die Krippengäule gedroschen wird, bleiben wohl auch ein paar Hände voll für das lustige Federvieh.«

»Es ist nicht ~mein~ Geschäft,« sagte der Vertraute, steckte den Kneifer ein und legte die Papiere zusammen. »Ich habe hier nur Rat zu erteilen.«

»Gut,« entgegnete Kornelius Vanderwelt. »Sie haben ihn erteilt. Und nun will ich Ihnen auch einen Rat erteilen. Sie waren einmal ein fröhlicher Bursche. Bitte, keine erstaunten Augen. Sie haben mit mir manche Flasche leergetrunken und sich manche Ruhrorter Nacht um die Ohren geknallt, als Sie noch jünger waren und die Firma noch unbedeutend. Hüten Sie sich vor dem Verknöchern. Es tritt ein, wenn wir das Geld nur noch um des Geldes willen einscheffeln und nicht mehr wegen seiner befreienden Eigenschaften. Ich bin weiß Gott ein scharfer Rechner und rieche einer Mark an, ob ein Taler darin steckt, wenn die anderen sie noch mißtrauisch in den Fingern herumdrehen. Aber letzten Endes doch nur, um auch mehr Spaß im Leben davon zu haben als die Pfennigfuchser, die ihren Spaß im Geldschrank aufhäufen, bis ihnen jäh der Sargdeckel auf die Nase fällt. Lieber Freund, nur das Leben erhält jung, und dazu gehört das Lebenlassen.«

»Sie sind entweder eine Dichternatur oder ein ~ganz~ Gerissener.«

»Also bleiben Sie bei dem Ganzgerissenen, da Ihnen die Künste im Kaufmannsleben ein Greuel sind.« Er erhob sich, legte dem kleineren den Arm um die Schulter und wiegte ihn hin und her. »Also denken Sie, daß ich für meine Liebe zu den Herren Partikuliers nicht nur poetische, sondern auch sehr eigensüchtige Gründe habe. Daß es mir nicht nur auf die Saufnächte mit den urwüchsigen Kerls ankommt, sondern auch -- auf ihre Gegenliebe -- am nüchternen Tag -- auf der Schifferbörse -- bei den Abstimmungen -- und so weiter! -- Verstanden? -- Verstanden? -- Und nun stecken Sie sich mal diese Zigarre an und lassen Sie mich arbeiten.«

Der Arbeitsgefährte kniff die Augen ein. Das Hin- und Hergewiegtwerden hatte ihn schwindlig gemacht.

»Ich verstehe. Ich verstehe. Und ich verstehe immer: Volkstribun. Soweit mir aus meiner unerfreulichen Schulzeit her noch bekannt ist, haben Volkstribunen immer noch den Hals gebrochen. Aus Verschwendungssucht, um volkstümlich zu bleiben. Oder aus Herrschersucht, um die Patrizier kleinzukriegen. Den Hals aber hat's immer gekostet.«

Kornelius Vanderwelt dehnte sich in den breiten Schultern. Und die Augen des Tadlers freuten sich, ob sie wollten oder nicht, an dem straffen, muskelharten Körper.

»Lassen Sie das meine Sorge sein, Beckenried. Ob Sie einmal aus Altersschwäche, sozusagen stückweise in den Himmel kommen, oder durch einen wilden Sprung -- doch das gehört nicht ins Kontor. Liegt nichts Wichtigeres mehr vor, so können wir unsere Besprechung beenden. Bei den Einzelkähnen der Partikulierschiffer bleibt es.«

»Die Rotterdamer Maatschappij fragte durch den Fernsprecher an, ob sie dem nächstfälligen Schleppzug Rückfrachten geben könnte. Preise nach den Ruhrorter Frachtkursen.«

Ein Blitzstrahl schoß aus den grauhellen Augen. Und der Blitzstrahl verzehrte jählings den Volkstribunen und ließ ebenso jählings den Geschäftsherrn Kornelius Vanderwelt erscheinen.

»Hält uns die Rotterdamer Maatschappij für Hinterwäldler? Solch eine Dummpfiffigkeit. Ruhrorter Frachtkurse! ~Rotterdamer~ Frachtkurse, und wenn die Seeschiffe nicht zur Stunde den Rotterdamer Hafen anlaufen, und die Übernahme der Rückfrachten sich nicht wie ein Uhrwerk vollzieht, gesalzene Aufschläge!«

»Die holländischen Gesellschaften sind großmächtige Leute, Herr Vanderwelt. Vor dieser Gefahr kann man nicht die Augen verschließen. Und bevor wir die Kähne leer nach Hause schleppen lassen, sollte man den kleinen Gewinn ...«

»Jawohl. Das sollte man. Wenn kein größerer herauszuschlagen wäre. Und der ~ist~ herauszuschlagen. Hier«, er pochte auf ein paar Zettel, »in diesen frischen Drahtnachrichten liegen die letzten Wetter- und Wasseransagen vor. Schneefälle in der Schweiz und im Schwarzwald. Pegelstand bei Kehl und bei Mainz leicht steigend. Nur dieser verrückte Wind braucht sich noch zu legen, und Sie sollen mal was von Regengüssen erleben. Ich sage Ihnen, innerhalb einer Woche haben wir einen Meter Wasser mehr im Rhein, und das Frachtgeschäft drängt bis zur Atemlosigkeit zu Berg und zu Tal und reißt den letzten Kahn mit, der noch zu schwimmen vermag.«

»Was soll ich nach Rotterdam sagen?«

»Ich besorg's schon selbst. Meine Stimme ist zuweilen verständlicher.«

Er nahm den Hörer vom Fernsprecher. »Kontor? Stellen Sie doch eine dringende Verbindung mit der Rotterdamer Maatschappij her. Danke.« Er legte den Hörer auf die Gabel. »So, Beckenried, und nun wollen wir einmal in den Rotterdamer Großherrenschädeln das Wetter aufklaren. Großmächtige Leute! Holländische Gefahr! Für die Rheinschiffahrt und das Frachtengeschäft! Alles wahr. Alles unzweifelhaft richtig, wenn ihr Ruhrorter euch vor jedem holländischen Gulden klein macht, statt, wenn's darauf ankommt, drauf zu pfeifen.«

»Geschäft ist Geschäft, Herr Vanderwelt.«