Part 6
Sie schritt neben ihm her, das Kinn erhoben, mit dem zusammengerafften Ausdruck, den stolze Kinder vor dem Glanz fremder Häuser anzunehmen pflegen. Und Kornelius Vanderwelt sah es und freute sich.
Wieder saß sie, wie in der Nacht, im Arbeitszimmer des Hausherrn und ihre Augen tasteten die Wände ab, Bilder und Bücherreihen, langsam und ernsthaft, als müßten sie sich Zoll um Zoll der neuen Umwelt zu eigen machen.
Kornelius Vanderwelt hatte dem Hausmädchen geklingelt. »Ist Fräulein Bilsenbach für mich frei?«
»Fräulein Bilsenbach ist gerade nach oben gegangen, ins Gastzimmer, Herr Vanderwelt.«
»Sagen Sie Fräulein Bilsenbach, ich ließe sie, sobald sie frei wäre, zu mir bitten.«
Aha, dachte er, sie hält Besichtigung ab. Und er wandte ein wenig das Gesicht, damit der Gast nicht das vergnügliche Schmunzeln gewahr werde.
Dann kamen schnelle Schritte über den Gang, und Fräulein Bilsenbach klopfte und trat ein.
Kornelius Vanderwelt sah ihr in Spannung entgegen und sah, was er erwartet hatte: Augen, die das Erstaunen rundete und ärgerlich schienen, weil sie verblüfft worden waren.
»Ich möchte Ihnen unsere neue Hausgenossin, Fräulein Angela Freydag, vorstellen, Fräulein Bilsenbach. Ich hoffe, es wird Fräulein Freydag gelingen, Ihre Gunst zu erringen.«
Der Gast hatte sich augenblicks erhoben und wartete achtungsvoll auf die Begrüßung der Älteren. Und die Ältere sah der Jüngeren unruhig ins Gesicht, sah mit fliegendem Blick die Überschlankheit der Glieder und erkannte den Hunger.
»Ich begrüße Sie im Hause Herrn Vanderwelts herzlich,« murmelte sie und streckte die Hand vor. Und das Mädchen legte die schmalen Finger hinein, knickste tief und beugte einen Herzschlag lang die Stirn über die hartgewordene Hand.
Das alternde Fräulein starrte auf den flimmernden Scheitel. Scheu fuhr es darüber hin. Und die beiden Frauen standen und schauten sich in die Augen.
»Sie haben eine anstrengende Nacht gehabt, Fräulein Freydag. Herr Vanderwelt liebt nur die ~raschen~ Entschlüsse.«
Da lachte das fremde Mädchen so heiter, daß es die andere fast in Verwirrung brachte.
»Menschen wie ich sind ja ~auch~ auf die raschen Entschlüsse angewiesen, und ich habe diesen nicht bereut.«
Der Blick der Älteren flatterte zu dem Hausherrn hinüber, der einen Brief geöffnet hatte. Sie rang um eine Fortführung des Gesprächs. Und leise sagte sie und im Tone des Vorwurfs: »Sie haben ja schon Ihr Zimmer in Ordnung gebracht. Weshalb haben Sie das nicht dem Mädchen überlassen?«
»Dem Mädchen? Ich bin doch auch ein Mädchen, Fräulein Bilsenbach, und habe noch immer für mich selbst gesorgt.«
»Ich meine, ich meine -- weil Sie doch von der gehetzten Fahrt sicher müde waren?«
»Aber diese gehetzte Fahrt ging doch ins Leben!«
Kornelius Vanderwelt schloß einen Augenblick über dem Brief die Lider. Er lauschte angestrengt den hastigen Worten des Mädchens nach. Wo kamen sie her? Aus seinem eigenen Innern? Nur ein Widerhall --?
Da dröhnte die Haustür ins Schloß. Da stürmten rücksichtslose Stiefel über den Gang. Krähend flog eine Jungmädchenstimme auf. »Heda, heda, wird heute nicht gegessen?« Zwei Knabenstimmen hetzten hinein. »Fräulein Bilsenbach! Fräulein Bilsenbach! Unser Hungertod über Ihr strenges Haupt!«
»Bande!« sagte Kornelius Vanderwelt vor sich hin.
»Wirtschaft! Wirtschaft! Wirtschaft!« Die Tür zum Arbeitszimmer wurde aufgerissen. »Der Papa -- -- --!«
»Seit wann wird an meiner Zimmertür nicht mehr geklopft, wie? Seit wann ist mein Arbeitszimmer Wartehalle für lärmendes Jungvolk?«
»Verzeihung, Papa. Wir ahnten nicht, daß -- daß -- du -- so ganz ausnahmsweise -- --«
»Meine ›ausnahmsweise‹ Anwesenheit entschuldigt euch nicht. Dieses Zimmer hat kein einziger ohne meine Erlaubnis zu betreten. Und nun bitte ich um die gebräuchliche Begrüßung.«
Die Knaben küßten der Hausdame flüchtig die Hand, hinter ihnen knickste Juliane. Und schon rannten sie auf den Vater zu und warfen ein Gewirr von Armen um ihn.
»Dort steht wohl ~noch~ eine Dame,« tadelte Kornelius Vanderwelt und drehte die Knaben an den Schultern herum.
»Justus Vanderwelt.« -- »Thomas Vanderwelt.« -- Die Stiefelabsätze klappten.
»Juliane,« sagte spitz die Kleine und knickste sehr zurückhaltend.
»Fräulein Angela Freydag,« stellte Kornelius Vanderwelt mit kurzer Handbewegung vor. »Unsere neue Hausgenossin, die euch in der Kunst des Klavierspiels zu vervollkommnen gedenkt.«
»Gleich hab' ich's geahnt,« flüsterte die Schwester den beiden zu.
Angela Freydag reichte einem jeden die Hand. »Guten Tag,« sagte sie freundlich. »Guten Tag,« antwortete Justus nach einem raschen Überblick. »Die Arbeiten für die Obersekunda lassen leider nur knappe Zeit.« Und die zungengewandte Juliane schloß sich eilig an. »Ich habe auch noch den Tanzunterricht und Tennisstunden und -- und --« »Guten Tag,« schloß Thomas die Reihe. »Ich spiele gern Klavier, aber nicht gern wie die anderen.«
»Ich auch nicht,« stimmte ihm Angela Freydag bei und schüttelte ihm mit einem Aufblitzen der Augen die Hand.
»Nun?« fragte Kornelius Vanderwelt. »Sind es nicht vielversprechende Zöglinge?«
»Wir haben Hunger, Papa!«
»Hunger? Kennt ihr euch in eurem Schiller nicht aus? Was erhält denn das Getriebe? Der Hunger und die Liebe! Hungrig muß der Mensch sein, hungrig, hungrig auf alles, was noch im Nebel liegt.«
»Auch das Mittagessen liegt noch im Nebel, Papa!«
»O über eure grobe Sinnlichkeit! Dürfen wir, Fräulein Bilsenbach? Ich bitte um Ihren Arm.«
»Mach' zu,« raunte Justus dem Bruder Thomas zu. »Ich nehme die Juliane.«
Und der junge Thomas Vanderwelt verneigte sich höflich vor dem Gast, bot ihm den Arm und folgte feierlich dem Vater. Hinter ihnen wisperten Bruder und Schwester um die Wette.
Kornelius Vanderwelt saß zwischen der Hausdame und der Fremden. »Wollen Sie sich«, fragte er den Gast, »unseren Hausgewohnheiten gleich anpassen? Wir pflegen zu den Mahlzeiten nur Wasser zu trinken, um den Kopf arbeitsklar zu halten. Wein erst nach Feierabend.«
Das aufwartende Mädchen reichte die Speisen. Es reichte sie streng der Reihe nach. Der Hausdame, weil es der Herr nicht anders wünschte, zuerst, dann dem Herrn, daraufhin erst dem fremden Fräulein und zum Schluß den Kindern.
»Entschuldigen Sie,« bat Kornelius Vanderwelt die stumm gewordene Nachbarin, »daß ich ein wenig haste. Ich brause sonst zwischen den Geschäftsstunden im Wagen durch die Wälder und Felder und verschlinge höchstens« -- er hustete -- »was die Landstraße bietet. Am Abend erst gesell' ich mich zur Familie -- solange sie nicht schlafsüchtig ist. Heute machte ich eine Ausnahme. Um Sie gebührend einzuführen.«
Angela Freydag hatte nicht mit der Wimper gezuckt, als er die Landstraße erwähnte. Jetzt hob sie die Stirn. »Darf ich noch vorspielen ...?« fragte sie.
»Ja, Fräulein Freydag. Darum wollte ich Sie jetzt bitten.«
Er stand auf, verbeugte sich nach rechts und nach links und schritt voran ins Musikzimmer. Allein der große Flügel wuchtete im Gemach. Als Sitzgelegenheiten ein paar geschnitzte Lehnsessel, ein paar geschnitzte Kirchenbänke. Und über dem Flügel hing als einziges Bild ein Schleierreigen schlanker Frauenkörper von Hans Deiters' Meisterhand.
Angela Freydag trat dicht hinter Kornelius Vanderwelt ein. Sie ging, ohne sich umzusehen, geradeaus. Als wäre nur der Flügel und sie allein in dem Gemach, und der Flügel riefe sie.
Kornelius Vanderwelt trat zur Seite und schaute auf sie. Die Hand hob er hoch, damit die Nachdrängenden auf den Zehenspitzen gingen, sich geräuschlos niederließen. Und schaute mit schwerem Atem wieder auf die Fremde.
Jetzt hatte Angela Freydag den Flügel erreicht. Jetzt stand sie still, öffnete die Lippen, und ihre Zähne schimmerten.
Jetzt beugte sie sich vor, strich mit den Händen hauchfein über das spiegelnde Holz und öffnete den Deckel.
Ganz aufrecht saß sie auf dem Klavierstuhl. Ihre Gestalt schien zu wachsen -- und sank plötzlich vornüber, nur noch den Händen hingegeben, die mit aufzuckenden Fingern aus Tasten Töne und aus Tönen ~Beethoven~ schufen.
Und schon hatte die Spielerin vergessen, für wen sie spielte und um was sie spielte. Und schon hatten die jäh Aufhorchenden die unscheinbare Gestalt der Spielerin vergessen und sahen nur noch den eigenwillig strengen Kopf und den blutroten Strich des Mundes. Und dann versank für Kornelius Vanderwelt auch der Kopf, und er sah nichts als die Hände, die feingegliederten, ausdrucksstarken, die wie Falterfächeln des Einsamen Herzweh sangen, wie Quellenrieseln sein stilles Sehnen, sich zusammenkrallten vor der Fratze des Schicksals und sich wie Pantherkatzen in das Dunkel warfen, anspringend, zerfleischend, um mit steilem Titanentrotz das Siegeslied anzustimmen, das sich durchrang zum hinreißenden Menschenjubel der Erlösung von sich selbst.
Noch rangen und riefen die Geister übermenschlichen Liebesrausches, der Selbstvernichtung um der Liebe willen, in der Luft. Noch saß die Spielerin in sich zusammengesunken mit schlaff herniederhängenden Armen und horchte aus totenblassem Gesicht dem verklingenden Leben nach, das in die Auferstehung langte.
Das Spiel war aus, und keiner rührte sich.
Und dann stand Kornelius Vanderwelt von seinem Sitze auf, trat hinter der Spielerin Stuhl und schlug ihr wie Pranken die Hände in die Schultern.
Sie hob langsam den gesenkten Kopf, hob ihn höher und bog ihn langsam nach hinten, bis sein Gesicht über ihr stand. Und sie wußte nichts von dem schmerzenden Griff und lachte ihn lautlos an.
»Das war es,« sagte Kornelius Vanderwelt, »das war es.« Und nickte den anderen zu und verließ Zimmer und Haus.
Eine Weile harrten die Kinder noch aus. Juliane entschlüpfte zuerst, und Justus, der älteste, folgte ihr nach kurzer Überlegung. »Ich habe viel für die Schule zu arbeiten,« entschuldigte er sich bei Fräulein Bilsenbach. »Bleibt mir noch Zeit für den Klavierunterricht, so melde ich mich.«
Dann saß nur noch Thomas Vanderwelt auf seinem Platz, strich sich mit einer langsamen Gebärde das helle Haar aus der Stirn zurück, lugte nach der Fremden und ersah ihre Hände, unbewußt, wie es der Vater getan hatte.
Und hinter Angela Freydags Rücken sagte eine benommene Knabenstimme: »Das war schön ... Nein, es war nicht nur anders -- es war die Schönheit. Ja ...«
Angela Freydag horchte auf die liebenswürdige Stimme. Sie hörte die Klangfarbe des Vaters heraus, nur weicher und ungefestigt. Und der Klavierstuhl wandte sich der Stimme zu, und Angela Freydag saß Auge in Auge mit dem Jungen. Nein, es war doch nicht der Vater. Es war ein feiner, frühmüder Junge, der seiner Gelangweiltheit den Ausdruck der Überlegenheit zu geben wußte. Oder war die Überlegenheit das echte und der Ausdruck der Gelangweiltheit der Schein? Dann stak doch wohl Kornelius Vanderwelt am meisten in diesem seinem Sohne.
»Freut Sie die Musik, Thomas?«
»Ich kann nicht sagen, ob es die Musik ist. Vielleicht ist es nur das Verlangen, sich in eine andere Welt hinüberzutäuschen. Hier ist alles so plump und lächerlich.«
»Wie alt sind Sie, Thomas? Vierzehn? Und Untersekundaner? Da wird Ihnen als dem Sohne Kornelius Vanderwelts auch diese Welt noch rosiger aufgehen.«
»Ach, nein, Fräulein Freydag. Die ganze Vanderweltsche Kraft liegt beim Vater. Für uns bleibt nicht viel übrig.«
Angela Freydag blickte den Frühreifen aus dem Augenspalt an.
»Man kann auch aus eigener Kraft, Thomas. ~Neben~ dem Vater. Nur irgendwo mit Willenskraft beginnen. Wollen wir es mal bei der Musik anpacken? Nicht um uns einzulullen -- um uns zu befreien.«
»Ich bring's nicht heraus, Fräulein Freydag. Ich meine nicht das Notenspielen. Ich meine das, was ich ausdrücken möchte und was immer schlapp wird, wenn der große Ansprung kommt. Das meiste lohnt ja nicht, weil es lächerlich ist.«
»Spielen Sie mir einmal vor,« gebot Angela Freydag und machte den Sitz frei.
Der junge Thomas dankte höflich und nahm den Platz ein. »Es muß ja wohl sein, wenn Sie mir Klavierunterricht erteilen sollen. Viel Freude werden Sie nicht an mir erleben.«
»Das wollen wir der Zukunft überlassen. Jedenfalls bin ich dazu da, um Ihr Spiel zu verbessern.«
Er nahm ein Notenheft vor, blickte hinein und schlug lässig an. Es war die Mozartsche Sonate, die er geübt hatte. Lässig spielten die Hände die perlenden Tonfolgen und wischten den Schmelz von den Perlen.
»Sie spielen im Regen, und Mozart zauberte in Sonne, Thomas.«
»Mozart lebte in Wien, und ich lebe in Ruhrort, Fräulein Freydag.«
»Das sind rein körperliche Dinge. Der Geist fragt nicht danach und fliegt auch von Ruhrort aus in die Sonne.«
Ein leichtes Rot lief über des Jungen Gesicht. Unmerklich raffte er sich in der Haltung zusammen, überwand er die Hemmungen und suchte für sein Spiel die stärkeren Ausdrucksmöglichkeiten, dem Meister nach. Die Töne quollen heller, die Farben langten nach dem Goldschimmer, die Läufe erheiterten sich an ihrem Perlenfall. Und langsam, ganz langsam brach aus dem Notengespiele eine Knabensehnsucht hervor.
Angela Freydag sprach kein Wort mehr hinein. Sie rückte einen Stuhl dicht neben den seinen, ließ den Blick nicht von seinen beschwingter werdenden Fingern, griff nur plötzlich nach seinen Handgelenken und zwang sie, zu verweilen, mit jäh verdoppelter Kraft ein Tongewoge aus den Tasten zu schlagen, mit aufgelöster Kraft die Wogen zur Ruhe zu streicheln. Angela Freydag spielte, und des jungen Thomas Hände rührten die Tasten.
»Das haben ~Sie~ gespielt, nicht ich,« sagte der junge Thomas tief aufatmend.
»Ich habe Sie nur in die weitgeöffneten goldenen Fluren hineingestoßen,« sagte die junge Lehrerin, und ihr Atem sprang nicht minder.
»Ich kam aber bedenklich vom Wege ab. Oft ging's ohne Weg und Steg.«
»Auf die musikalische Ausschöpfung kommt's an! Nicht auf die einzelne ordnungsmäßige Note!«
»Ist das im Leben wirklich gerade so, Fräulein Freydag?«
»Ich weiß es nicht. Aber die Musik ist Spiegelbild und Widerhall der Natur, Thomas, und die Hingabe an die Natur heißt Befreiung und nicht neuer kleinlicher Fesselnkram.«
»Wie Sie das trefflich sagen. Wo haben Sie das nur gelernt?«
»Das innerste Wesen der Befreiung? Nun werden Sie lachen, Thomas. Ich habe es in den Fesseln des Lebens gelernt.«
Der junge Thomas streifte mit schnellem Blick die Magerkeit ihrer Gestalt, die billige Kleidung, und schaute geradeaus.
»Soll ich Ihnen jetzt die Juliane zum Vorspielen schicken? Der Justus ist nur schwer heranzukriegen, aber ich werde ihm zureden.« Und er erhob sich, ohne eine Antwort abzuwarten, verbeugte sich höflich und küßte seiner Lehrerin die Hand.
Angela Freydag saß und wartete auf das Mädchen. Und während sie wartete, liefen ihre Gedanken dem Jungen nach. Klug war er über seine Jahre. Klug und verwöhnt. Und weil er vom Leben verwöhnt war, reckte sich seine Klugheit in die Frühreife und nahm die Geschehnisse des Lebens nicht für ernsthaft.
War Kornelius Vanderwelt in seinem Sohne?
Die zwölfjährige Juliane stand vor ihr, und sie hatte sie nicht eintreten hören. Mit kecken Augen, kurzen Gebärden.
»Thomas sagt, ~ich~ wär' an der Reihe.« Und sie hockte sich auf den Sitz und spielte auswendig darauflos.
»Was ist es, Juliane? Wer hat denn das in Musik gesetzt?«
»Ach, Fräulein Freydag, Namen kann ich so wenig behalten wie die Jahreszahlen in der Geschichtsstunde. Hauptsache ist doch, daß man Musik macht.«
»Ja, mein kleines Mädchen: wenn man Musik ~machen~ könnte. Du kannst einen Lärm von Tönen machen oder ein Gehack auf dem Klavier, wie der Holzhauer Holz hackt, aber Musik kannst du nicht machen, du kannst sie nur in der Seele empfinden, so dankbar empfinden, daß du sie weiterleiten möchtest in andere Menschenseelen.«
Das kleine Mädchen aber war ärgerlich, weil es ein kleines Mädchen genannt worden war.
»Seele!« wiederholte es geringschätzig. »Seele! Man spielt doch zum Vergnügen. Wollen Sie einen Walzer hören?«
Nein. Angela Freydag wollte keinen Walzer hören. »Ich weiß jetzt, was du kannst und wo instandgesetzt werden muß, Juliane. Am besten, wir beginnen morgen ganz von neuem und bauen von unten auf. Wenn wir fleißig sind -- und wir ~sind~ fleißig, Juliane -- haben wir das, was du heute zu können glaubst, in sechs Wochen wieder. Aber nicht nur äußerlich, Juliane.«
Und das kleine, vorlaute Fräulein fragte spöttisch: »Ja, üben wir denn Klavier oder üben wir Seele?«
»Ich fürchte, du und ich, wir werden nur Klavier üben. Das aber, ich verspreche es dir, gründlich.«
Da duckte sich die Kleine, sah furchtsam nach der steilen Furche in der Stirn, knickste und schlüpfte hinaus.
Wie kam Kornelius Vanderwelt zu dieser Tochter? Berechnung und Gefallsucht hatte dieser Mann doch nicht zu vererben? Oder stümperte die Natur und brachte in der Entwicklung Sprünge in den Guß, ließ die Sprünge zu weiterfressenden Fehlern werden, schuf Künstlertum um in kaltes Laientum? Nein, sie stümperte nicht, die Natur, nur rücksichtslos offen zeigte sie, daß es ihr genug sei mit dem einen und daß für die Geschlechtsnachfolger nur die Überreste des Gießererzes zur Verfügung stünden.
Und dann kam Justus, der älteste, stolz und zufahrend, wissend und seines Namens bewußt. Angela Freydag fuhr aus der Verkettung der Gedanken auf, als sie seinen Schritt vernahm, der wie der Schritt des Vaters erklang.
»Bitte, Fräulein Freydag, machen Sie es gnädig mit mir. Ich habe einen Krach mit dem Lateinlehrer, und nun soll er in meiner Rüstung auch nicht den geringsten Riß finden, seinen Dolch hineinzustoßen.«
»Das nenn' ich eine ritterliche Rache, Justus.«
»O nein. Ärgern soll er sich. Nun erst doppelt und dreifach.«
Auch er spielte die Mozartsche Sonate. Er spielte sie geläufig und mit verblüffender Kunstfertigkeit, aber es war für Angela Freydags Sinnenempfindsamkeit wohl ein Feuerwerk, aber nicht das Feuer. Nicht das echte Feuer, das darum hinreißt, weil es sich selber hingibt.
»Ich danke Ihnen, Justus. Ich weiß für heute genug und möchte Ihre Rachepläne nicht stören.«
»Ich werde ihm schon seine Anrempelungsgelüste legen,« sagte der Junge hochfahrend, machte seine knappe Verbeugung und ließ Angela Freydag am Flügel allein. Und während Angela Freydag mit ausgestreckten Händen eine Trübung von den Tasten strich, ohne die Tasten zu berühren, suchte sie auch diesen Sohn in ein Gleichnis zu seinem Vater zu bringen, und er erschien ihr als der unähnlichste, weil er sich der ähnlichste dünkte.
Sie fror. Und sie dachte an Kornelius Vanderwelt und spürte eine strömende Wärme.
Das war es.
Ihre Finger streckten sich aus und brachten ein paar Tasten zum Klingen. Mehr, mehr. Aus dem Klingen wurde ein Klang. »Das war es.« So hatte auch Kornelius Vanderwelt gesprochen, so und nicht anders, als seine Hände wie Pranken in ihre Schultern griffen. Wahrhaftig, dachte sie, die Schultern schmerzen. Aber es ist ein Schmerz, den man nicht eintauschen möchte gegen tausend Schmeicheleien. Weil er wie ein Ritterschlag ist.
Immer belebter wurde ihr Spiel, immer kraftvoller, hinreißender. Sie spürte nicht, daß die frühe Dunkelheit des Herbsttages in das Zimmer einbrach und alle Ecken füllte. Sie spürte nicht, daß das alternde Fräulein eintrat, schweigend verharrte und schweigend das Zimmer wieder verließ. Angela Freydag spielte, spielte aus dunkel empfindendem, sehnsüchtig begehrendem, jungem, jungem Herzen heraus, was in ihm wogte und nach Licht begehrte, nach Leben. Dem Leben, für das sie nach dem kümmerlichen Hinleben und Lebenfristen keinen anderen Namen wußte als: das Leben.
Und brach mitten im Spiele ab und fuhr steil in die Höhe.
»Sind Sie so schreckhaft, Fräulein Freydag, oder sind Sie es nur vor mir?« fragte neben ihr Kornelius Vanderwelts Stimme.
»Schreckhaft?« wiederholte sie. »Schreckhaft? Nein, ich weiß gar nicht, was Angst bedeutet.«
Und in ihr lachte die Freude, daß der Helfer aus der Not wieder neben ihr war.
»Sie hatten sich so dicht in ihre Tonbilder versponnen, daß Sie mich gar nicht gewahr wurden, Fräulein Freydag.«
Doch, doch. Auf der Stelle war sie ihn gewahr geworden. Mitten im wuchtigsten Tongewoge, das sie zerriß, um ihn sehen zu können. Und sie sah ihn in der Dunkelheit wie bei Tage.
Plötzlich füllte blendendes Deckenlicht ihre Augen. Aber die Augen schlossen sich nicht und hielten stand.
»Es schmerzt nicht,« sagte er und hielt seine Hand über ihre Augen. »Man muß Licht und Dunkel gleichermaßen ertragen können.« Und sie schüttelte hinter seiner Hand den Kopf und wiederholte. »Es schmerzt nicht. Es tut wohl.«
»Was haben Sie mit dem Nachmittag begonnen, Fräulein Freydag?«
Seine Hand sank nieder. In zwei Kirchensesseln saßen sie sich gegenüber, und Angela Freydag berichtete von ihren Prüfungsversuchen und Erfahrungen. Aufmerksam hörte Kornelius Vanderwelt ihr zu.
»Es ist keine Kleinigkeit mit Ihren Schülern. Fahrig sind sie alle drei. Und doch grundverschieden. Bei dem einen wird vielleicht einmal, wenn das Leben gründlich hämmert, eine Goldquader zutage treten, während es bei den anderen« -- er strich sich über die Stirn -- »bei Glimmer oder Katzengold verbleiben wird. Nun, die Zeit wird es lehren. Haben Sie nach dem Ausfall Ihrer Prüfungen noch den Mut, auch noch den Schöpfer dieser drei Herrlichkeiten als Schüler anzunehmen?«
»Das ist nicht Ihr Ernst, Herr Vanderwelt ...«
»Halten Sie mich für einen so hoffnungslosen Fall?«
»Ich halte Sie für einen -- für einen hochstehenden Kulturmenschen, der sich über mich lustig macht.«
»Dann führen Sie diesem Kulturmenschen mal die Kraft und Größe Ihrer Natur vor die Augen.«
In ihre Stirn sprang die Furche, in ihre Augen der aufflackernde Funke.
»Ich werde mit Ihnen spielen, wenn Sie es wünschen, Herr Vanderwelt.«
»Nun wollen wir zu Tisch gehen. Fräulein Bilsenbach wird schon unglücklich sein. Ein geschäftliches Wort noch, und dann nichts mehr davon: Das Entgelt für Ihre Mühen finden Sie an jedem Monatsersten auf Ihrem Zimmer vor. Eine Bestätigung ist überflüssig. Und jetzt schnell meinen Arm.«
Da schoß ihr vor Freude das Blut ins Gesicht und machte sie schwer und unbeholfen an seinem Arm.
»Was haben Sie?« fragte er und beugte sich besorgt über sie.
Und sie riß sich zusammen und schritt federkräftig an seiner Seite.
»Es war nur der Wechsel,« sagte sie, und ein fernes Lachen schwang mit. »In den ›Fünf Erdteilen‹ gab es gestern ganz andere feierliche Gebräuche.«
Es war das erste Mal seit Jahren, und das alternde Hausfräulein wußte sich nicht des Tages zu entsinnen, wann es gewesen sein könnte, daß Kornelius Vanderwelt nach der gemeinsamen Abendmahlzeit sich nicht in sein Zimmer zurückzog, daß er nicht nach kurzer Ruhepause, die er einem Buche widmete, das schlummerversunkene Haus wieder verließ. Schon hatten sich die Kinder zur Nacht verabschiedet, schon hatte das Hausmädchen das Geschirr abgetragen, und immer noch saß der Hausherr vor der Flasche Wein, die auf seinen Wink vor ihn hingestellt worden war, füllte die Gläser nach, die vor seinen Nachbarinnen standen, tat selber zuweilen einen behaglichen Zug und lockte durch sein fröhliches Plaudern zuletzt sogar das Geplauder der zurückhaltenden Frauen hervor.
Einmal entdeckte er, wie sich die Hand des arbeitsmüden Fräulein Bilsenbach verräterisch zum Munde hob.
»Noch einen Abschiedsgesang an den Tag,« bat er. »Ein Erntedanklied. Nein, Fräulein Bilsenbach, ich mute es Ihnen nicht zu, noch eine Stunde im Musikzimmer auf der Bank zu sitzen. Sie haben des Tages Last und Mühen mehr als wir alle getragen. Seinen Kleinkram nämlich. Gute Nacht, schlafen Sie recht wohl.«
Er erhob sich gemeinsam mit den beiden Frauen und forschte in den Augen der jüngeren, und er sah, daß die Augen Angela Freydags so wach waren, wie am hellen Tage. Er winkte ihr zu, und sie beugte sich über die Hand der älteren und folgte ihm.
Das Musikzimmer lag feierlich still im Glanz der Deckenlichter. Als schritten sie durch eine Kapelle, so schritten sie hindurch zum Hochaltar des Flügels. Kornelius Vanderwelt schlug ein Notenbuch auf, blätterte und rückte es auf den Notenhalter. »Brahms?« fragte sie leise und froh. Er nickte. »Seine Gedanken über Händel. Ein Gespräch zwischen zwei Geistesriesen. Es ist zu vier Händen gesetzt.«
Er vertauschte den Klavierstuhl mit einer kurzen Bank. Und sie saßen dicht nebeneinander, daß der eine den Bluttakt des anderen wie den gleichen Pulsschlag fühlte. Angela Freydag neigte das Haupt. Sie begannen.
Schwer und spröde rangen sich die Bekenntnisse der Brahmsschen Seele hervor und huldigten dem Geiste des großen Abgeschiedenen. Und aus der Unsterblichkeit antwortete der deutsche Riese, und was er dem jüngeren zurief, übersetzte der Schwerblütige in die eigene Sprache, bis sie, des unsterblichen Geistes voll, sich freirang von der Erdenschwere und sich in Klängen ausströmte über Menschenworte hinaus von Geist zu Geist.
Die Hände ruhten. Eine Röte flackerte über Kornelius Vanderwelts Stirn, und Angela Freydags Stirn war erblaßt.
»Man darf nicht nachlassen, man darf nicht nachlassen,« murmelte der Mann. »Die Schale mag so rauh und widerborstig sein, wie sie will -- irgendwo, irgendwo findet der Suchende doch den süßen Kern. Ach, über das ewige Suchen!«
Er klappte den Deckel zu. Seine Augen schweiften nach der Diele. Eine Wanduhr schlug.
»Sie wollen schlafen gehen --?« fragte das Mädchen scheu.
»Schlafen? Suchen gehen will ich. Suchen. Mit der Gewißheit, nur leere Schalen zu finden, die man mit Wein hinunterspülen muß.«
Da tastete das Mädchen nach des Mannes Hand und wußte selber nicht, woher es seinen Mut nahm.
»Tun Sie es nicht, Herr Vanderwelt. Bitte, tun Sie es nicht. Sie sind zu gut dazu.«
»Wozu?« fragte er barsch zurück. »Und was wissen Sie von meiner Gutheit? Nein, lassen Sie Ihre Hand nur liegen, wo sie liegt. Sie redet greifbarer als Ihre Worte. So muß die Hand Brahms' geredet haben, wenn ihm der Erdenmund versagte.«
Ganz locker lagen ihre Finger um seine große Hand. Sie wartete mit der Geduld eines Kindes.