Part 2
»Ach, Beckenried, ich habe Sie höher eingeschätzt. Sie haben doch so manche Nacht mit mir gesoffen, als Sie noch nicht verledert waren, und der Wein fördert die Stimme der Natur. Da hätten Sie aus der meinen lernen können. Geschäft ist Geschäft nur für Schreiberseelen, denen es Hekuba ist, von wem Sie befehligt werden, wenn nur am Monatsletzten bei Heller und Pfennig die Löhnung auf dem Tische liegt. Ein jedes Geschäft ist aber noch lange kein Geschäft für die Kapitänsseelen, die unter fremder Flagge Schiffsjungendienste verrichten sollen, und wenn sie noch soviel Geld verdienen und Sonntags sogar den Kapitänsrock tragen dürfen. Geld ist gut. Aber Herrenrecht im Hause ist besser. Hallo, der Fernsprecher.«
Mit kühlen Augen nahm er den Hörer von der Gabel.
»Kornelius Vanderwelt. Ja, selbst. Welche Zeche? Ah, guten Tag, Herr Direktor.«
Seine Hand tastete nach Bleistift und Papierblock, während sein Ohr dem Sprecher folgte. Jetzt setzte die Hand einige Zahlen aufs Papier. Der Blick überflog sie.
»Vielen Dank. Ein schöner Auftrag. Fast zu schön, um ihn zu bezwingen. Wie meinen, Herr Direktor? Ein Hexenmeister wie ich? Sie kennen doch das Dichterwort: ›Wächst mir ein Schleppzug auf der flachen Hand?‹ Und für zwanzigtausend Tonnen brauche ich gut und gern drei Schleppzüge, wenn ich für je fünf große Kähne in der heutigen Bedrängnis drei starke Schleppdampfer auftreibe. Nun, für Geld ist alles zu haben.«
Er horchte aufs neue in den Hörer hinein. Seine Augen lachten stillverschwiegen.
»Natürlich gebe ich Ihrem Auftrag den Vorzug vor allen anderen. Ich bin sogar bereit, ein großes Geschäft mit Rotterdam Ihretwegen schwimmen zu lassen. Bitte, bitte, das ist eine Selbstverständlichkeit. Deutsche an die Front! Aber wenn ich Ihnen behilflich sein kann, daß Sie mit zwanzigtausend Tonnen vor Ihren Mitbewerbern in Mannheim landen und die höheren Preise hereinholen können, so müssen Sie mir auch ein paar Pfennige mehr für die Schiffer bewilligen. Wie meinen? Jaja. Nennen Sie es nur ruhig Bestechungsgelder. Der Name tut wirklich nichts zur Sache.«
Und als Kornelius Vanderwelt wieder in den Hörer horchte, waren seine Augen falkenscharf.
»Abgemacht. Versicherung und Verladekosten zu Ihren Lasten. Es wird ein Beutezug für Sie werden, für den ich gutsage, und ich freue mich auf die Flasche Hallgartener Nußbrunnen Auslese, zu der Sie mich im Namen Ihrer Aktiengesellschaft in der ›Erholung‹ einladen werden. Frohes Wiedersehen!«
Beckenried schrieb den Auftrag nieder, wie Kornelius Vanderwelt ihn vorsprach. Er schüttelte den Kopf.
»Kein Schiffsbefrachter Ruhrorts wird den Laderaum in so knapper Zeit, wie hier gewünscht wird, zusammenbekommen. Verlassen Sie sich darauf.«
»Ich werde mich lieber auf den Volkstribunen verlassen,« sagte Kornelius Vanderwelt und blickte durch das Fenster über den Hafendamm ins Weite.
Noch einmal schrillte die Glocke des Fernsprechers. Schriller. Anhaltender. Mit der Erregung, mit der sie eine Auslandsverbindung anzeigt. Die Rotterdamer Maatschappij meldete sich.
»Hier Kornelius Vanderwelt in Person. Jawohl, danke sehr, Ihre Anfrage wurde mir übermittelt. Leider, leider ist es so gut wie eine Unmöglichkeit, die Kähne auch nur vierundzwanzig Stunden über die Ausladezeit im Rotterdamer Hafen liegen zu lassen. Wir bekommen großes Wasser, und das Frachtengeschäft hier in Ruhrort hat sich über Nacht zum Hochbetrieb entwickelt. Die Schifferbörse war noch von der Plötzlichkeit überrumpelt, aber morgen schon werden wir den erfreulichen Umschwung an den Frachtkursen verspüren. Wie hoch ich die allgemeine Steigerung berechne?. Sie wird bis hundert Prozent gehen. Und Sie werden es uns nicht verargen, daß wir allen Leerraum von draußen schleunigst zurückpfeifen und an der hohen Welle teilhaben lassen.«
Kornelius Vanderwelt sprach über den Fernsprecher hinweg. Er richtete seine Ausführungen unmittelbar an seinen Mitarbeiter Beckenried, der sie mit einem verlegenen Lächeln entgegennahm.
»Ob ich das Angebot der Maatschappij annehme? Oh, das meinen Sie nicht ernsthaft. Ich verstehe nicht. Bei unserer alten und bewährten Geschäftsverbindung? Ja, das ist auch ~mein~ Stolz, daß sich unsere alte Verbindung bei gutem und bei schlechtem Wetter bewährt hat, und ich will es, wenn Sie sich umgehend entschließen, auf meine Gefahr nehmen, Ihnen die Kähne mit nur fünfzig Prozent über heutigen Ruhrorter Kurs zur Verfügung zu lassen. Wie? Was? Entschuldigung, ich erhalte gerade eine Nachricht. Eine unserer großen Kohlenzechen verlangt von mir dringendste Anschaffung von zwanzigtausend Tonnen Schiffsraum. Das ist schon der Anfang. Alle Mann an Bord und jeder Kahn heran!«
Und Beckenried jedes Wort auf den Kopf zusagend, wiederholte Kornelius Vanderwelt den Rotterdamer Zuruf.
»Mit fünfzig Prozent über heutigen Ruhrorter Kurs. Gut, ich schließe ab, um Ihnen meine Dienstfreundlichkeit zu zeigen. Selbstverständlich der gleiche erhöhte Satz für Wartezeit und Ladezeit. Nein, nein, daran ist nicht zu rütteln. Und nun hoffe ich, daß Sie mich und meine Dienste zu allen Zeiten bevorzugen. Glückauf!«
»Glückauf,« wiederholte er und machte seinem Geschäftsführer eine tiefe Verbeugung.
»O ja. O ja doch. Wenn man Kornelius Vanderwelt ist und sein eigener Herr und Meister --«
»Wenn die Beckenrieds nicht mal über das kleine Einmaleins Herr und Meister werden können, können sie keine Vanderwelts werden, die nur im großen Einmaleins tief Atem holen. Darum keine Feindschaft und jeder an seinem Platz. Lassen Sie im Kontor die Berechnungen durchführen und die Güterversicherungen. Überprüfen Sie sie bis in die letzte Pore. Ich unterschreibe blindlings. Mann, wenn ich Sie nicht hätte, Ihr Kornelius Vanderwelt könnte Partikulierschiffer werden auf seinem Kohlenkahn.«
Ein Lächeln glitt um Beckenrieds gekniffenen Mund. Ein Lächeln stiller Zustimmung und Selbstbewertung. Er nahm die Hand, die Kornelius Vanderwelt ihm rasch entgegenstreckte, und empfahl sich.
Bis zum Abend saß Kornelius Vanderwelt über seine Arbeit gebeugt. Seine Schriftzüge bedeckten Seiten. Seine Zahlenreihen füllten Bogen an. O nein, es war keine Rede von blindlings erteilten Unterschriften. Es war nur die Rede gewesen von der Kunst der Menschenbehandlung. Früh brach die Dunkelheit in das enge Hafenviertel. Gewohnheitsmäßig suchte die Linke den Lichtschalter der Tischlampe, während die Rechte unbeirrt weiterschrieb. Flog der Blick durch das Fenster, so sah er die Lichter aufflammen in allen Geschäftsräumen der Häuser ringsum, die Bordlichter an den Kähnen, die Fahrt- und Haltlaternen an den Masten der Schlepper. Die Festbeleuchtung des schwarzen Venedigs.
Kornelius Vanderwelts Atem ging tiefer. Für Sekundenlänge sog er das Bild in sich hinein, horchte er, als wäre es ein feingesetztes Musikstück, auf die grellen Pfiffe, die aus der Dunkelheit ins Licht stießen, auf das Gerassel ferner Ankerketten, das Anrollen der Eisenbahnwagen, das Aufkreischen der Verladekipper, die mit unaufhörlichem Hungergestöhn den Inhalt der Wagen schluckten und ihn lustbrüllend in die Kähne spien. Und in seinen Augen lagerte der Widerschein des Musikstückes, während er rechnete und schrieb, während er den Hörer vom Fernsprecher hob und kurze Gespräche mit diesem und mit jenem unsichtbaren Kapellmeister führte oder mit einem der Musikanten selbst. Wieder und wieder öffnete sich die Tür zu seinem Sonderkontor, wurden Stöße von Briefen, Bestätigungsschreiben, Versicherungsscheinen zur Unterschrift auf seinen Arbeitstisch geschoben, wartete der Bote, bis der Herr scharfäugig die Zahlen verglichen, die Briefe durchflogen, unterschrieben oder zur Abänderung zurückgegeben hatte. Ein Kleines noch, und im Hauptkontor scharrten Schuhe eilig den Boden, klappten Türen, wurde es kirchenstill.
Das gelbliche Gesicht Beckenrieds blickte durch den Türspalt, sah fragend auf den arbeitversponnenen Herrn.
»Sie haben wohl Durst, Beckenried? Den verdanken Sie mir.«
»Ich verdanke Ihnen eine Leberanschoppung, Herr Vanderwelt.«
Kornelius Vanderwelt schloß den Schreibtisch. Er reckte die Glieder wie ein Soldat nach der Schlacht. Und gähnte, bis die Kiefern knackten.
»Ne, Geliebter, die verdanken Sie Ihrer Unmäßigkeit. Meinethalben der -- der -- falschen Gewichtsverteilung. Da neigt sich der Kahn zu Wasser. Zum kohlenschwarzen Wasser, Beckenried, statt zum himmelsgoldenen Wein. Ich will ein Menschenfreund sein und Sie noch einmal in die Lehre nehmen.«
»Gott soll mich bewahren. Zerrütten Sie Ihre Gesundheit auf eigene Rechnung. Meine Leber haben Sie doch in früheren Jahren genug mißhandelt.«
»Gute Nacht, undankbarer Schüler. Und was meine Gesundheit betrifft --« er spannte die Brust und schlug lachend mit der Faust auf die Wölbung. »Nun? Hört sich das wie Zerrüttung an?«
»Ich müßte lügen, Herr Vanderwelt. Es hört sich an wie eine Weinkanne.« Und er ließ den Geschäftsherrn an sich vorüberschreiten, um hinter ihm die Kontortür zu schließen.
»Gehen Sie schlafen, Beckenried. Ihnen fehlt jede Begabung für die Musik des Lebens.«
»Gute Nacht, Herr Vanderwelt.«
Kornelius Vanderwelt schritt den Damm entlang, verharrte am Hafenmund und schnupperte den teerdurchtränkten Herbstwind ein. Südwind, dachte er, aber es ist schon ein Hauch von Feuchtigkeit darin, und morgen werden wir Westwind haben. Westwind. Regen. Großes Wasser. Ruhrorter Frühlingsluft -- --!
Die Häfen lagen ausgestorben. Der Feierabend hüllte sie in seine warmen, weichen Schwingen. Nur die Hochöfen gluteten im weiten Rund wie ruhlos fiebernde, schweratmende Vulkane.
Von einem Holländer Kahn glitten die Klänge einer Harmonika ins Dunkle. »Wilhelmus von Nassauen« spielte der Schiffer.
Von einem Oberländer Kahn klang die heimatgefärbte Antwort.
»Bald gras' i am Neckar, bald gras' i am Rhein, Bald hab' i ein Schätzel, bald bin i allein ...«
schluchzte die Harmonika und ging in einen handfesten Gassenhauer über. Irgendwo auf einem Kahn schlug ein Spitz an. Ein zweiter, ein dritter, ein Dutzend antworteten. Eine Minute lang beherrschte das hellgestimmte Gekläff das weite, nächtliche Hafengebiet und brach jäh ab.
Eine Weile noch horchte Kornelius Vanderwelt in das Schweigen hinein. Dann sah er im Scheine der Hafenlaternen nach der Taschenuhr, bog in die gartengeschmückte Rheinallee ein und schritt ausholend der mächtigen Brücke zu, die den dahinflutenden Strom des Rheines überspannt und Ufer an Ufer reißt, Menschen zu Menschen, Arbeit zu Arbeit, Freude zu Freude, und stand vor seinem Hause.
Durch einen Vorgarten ging er hindurch. Rosensträucher, noch einmal aufjauchzend in heißer Blütenpracht, boten dem Herbstwind Trotz. Eine hochaufragende Weide, Wacht und Schönheit in eins, warf aus verkuppelter Krone undurchdringbares Zweigegewirr, silbrig wogende Schleier über das weiße, schlichte Landhaus, lockend und bergend.
Kornelius Vanderwelt spannte das Gehör, als er den getäfelten Hausflur betrat. Er verzog den Mund, wie von Schmerzen befallen. Klavierspiel drang an sein Ohr. Vorschriftsmäßig in der Taktgestaltung, aber hart im Anschlag, unverstanden im Wesentlichsten, dem Geist. Und zu dem Kinderspiel gebot eine trockene Frauenstimme unablässig: »Eins, und -- zwei, und -- drei, und --!« und legte der silbern hüpfenden Sonate des göttlichen Wolfgang Amadeus Mozart ein Zwangsleibchen an.
In wenigen Sätzen war Kornelius Vanderwelt die Treppe hinauf, stand er im Musikzimmer am Flügel. »Mörder!« schrie er, »Schwerverbrecher! Wen soll ich zuerst erwürgen?«
»Mich, Papa! Mich!« Die Stimme des zwölfjährigen Mädels überschlug sich vor Entzücken. »Damit die Quälerei zu Ende geht!«
»Vom Klavierbock herunter, Juliane! Ist der Flügel eine Fleischbank, auf der Wolfgang Amadeus Mozart zu Wurstfleisch zerhackt wird?«
»Sag's doch Fräulein Bilsenbach! Sag's ihr,« hetzte das Mädel ausgelassen.
»Ich muß doch sehr bitten, Herr Vanderwelt, vor dem Kinde mein Ansehen zu wahren.«
»O Fräulein Bilsenbach, nichts für ungut, aber das Ansehen Mozarts geht vor. Außerdem! Wer so bezaubernd kocht, braucht auf das Ansehen anderer Künstler wirklich nicht neidisch zu sein. Ja, da lächeln Eure Gnaden. Wie gut Sie das kleidet -- --«
Und er saß auf dem Klavierbock, legte mit leisem Streicheln die Hände auf die Tasten und blickte über das Notenblatt. Ein Quellengeplauder hob an unter seinen Fingerspitzen. Ein blitzendes Bächlein sprang eigenwillig und doch von der Schönheit eingebettet durch die Blumenwiesen. Mit einem Seufzer der Liebeslust sprang es dem aufrauschenden Fluß in die Arme, der bewimpelte Schiffe trug und auf den Schiffen vor Seligkeit singende Menschen. Und der Fluß ward zum Strom durch tausend Quellen, die ihm ihr blitzendes Wasser brachten und die Elfenlieder von den Blumenwiesen, und strömte durch goldene Mittagssonne und purpurnes Abendgold und strömte aus in einem Meer von Mondlicht und Sternenreigen.
Das Antlitz des alternden Fräuleins hatte sich gerötet, und diese Röte war angefacht von Beschämung und zwiefach dazu von aufquellender Lust.
»Herr Vanderwelt, ich will doch lieber, wenn Sie es erlauben, Ihnen zuhören, als den Kindern meinen nur alltägigen Unterricht erteilen. Der Haushalt und die Überwachung der Kinder verlangen die ganze Kraft.«
Kornelius Vanderwelt träumte noch ein weniges den Mozartschen Weisen nach. Jetzt wandte er den Drehstuhl und gewahrte das gerötete Fräulein.
»Friedlich, friedlich, Fräulein Bilsenbach. Nicht gleich die Flinte ins Korn werfen. Sie sind in der Musik eine so taktsichere Frau, wie Sie es im Leben sind. Nur daß der Takt oft gerade die seltensten Melodien in der Blüte verkümmern läßt. Denken Sie sich einmal die Liebe im Takt. Das muß flüstern, stammeln, pausieren, drauflosgehen wie der Deibel! Oh -- Entschuldigung.«
»Wenn Sie es wünschen, können wir zu Tisch gehen, Herr Vanderwelt.«
»Darf ich um Ihren Arm bitten, Fräulein Bilsenbach?« Und ritterlich neben ihr schreitend, fragte er sie nach den Mühen des Tages, nach den Sorgen um die Kinder.
Im Speisezimmer fanden sie die Kinder vor. Wie es der Vater liebte, standen sie aufrecht hinter ihren Stühlen. Dann aber war des Haltens nicht länger.
»Papa! -- Papa!«
Zwei Jungen hielten ihn zu gleicher Zeit umschlungen, vierzehn- und fünfzehnjährige schlanke Burschen. Und der Kopf des zwölfjährigen Mädels kuschelte sich unter seinen Arm.
»Guten Abend, Justus. Guten Abend, Thomas. Ob die Juliane schon ihren Kuß weggekriegt hat, weiß ich wirklich nicht.«
»Nein! Nein! Nein! Gib ihn mit Zinsen!«
»Hüt' dich, Mädel, hüt' dich! Wer als erstes an die Zinsen denkt, denkt als letztes an den Anlagebetrag.«
»Hier hast du meinen Mund!«
»Ist das nun ein liebender Mädchenmund oder ein rechnender?«
»Ach, so küss' ihn doch nur, wenn ich ihn doch hinhalte ...«
»Wenn du so freigebig bist, hast du meistens eine leere Geldtasche.«
»Geraten! Geraten! Und da ich dich in so gute Laune gebracht habe, gibst du mir ordentlich. Gelt, du Lieber?« --
»Juliane,« rief der fünfzehnjährige Justus, »du beträgst dich wie ein Gassenmädel.«
»Sieh mal an, das große Brüderlein. Kennt schon Gassenmädel.«
»Nicht doch,« wehrte sanft und überlegen Thomas, der Vierzehnjährige. »Sie hat im Religionsunterricht von der Salome gehört und spielt sie uns ein bißchen vor.«
»Mund gehalten, ihr Drei!« Kornelius Vanderwelt schluckte das Lachen nieder, das fröhlich mittun wollte, richtete sich auf und zeigte drohende Augen. »Ich bitte mir drei Muster tadellosester Erziehung aus.«
Die Kinder huschten hinter ihre Stühle. Sie standen in Reih und Glied, die Hände auf den Lehnen, die Köpfe nach dem Vater gerichtet.
»Fräulein Bilsenbach, ich bitte. Niedersetzen,« gebot er.
Und die Kinder saßen auf den Stühlen, aufrecht und regungslos, bevor der Hausherr den Stuhl des Fräuleins angerückt hatte und den eigenen Sitz einnehmen konnte. Und ein dreifach Gelächter begrüßte den Nachzügler.
»Rangen, habt ihr nicht mehr Ehrfurcht vor eurem alten, steifgewordenen Vater?«
»Alt! Steifgeworden! Ach, das arme Väterchen! Schon ganz verhutzelt sieht er aus.«
»Wenn man einen Stuhl auf den Tisch stellt, kann er kaum noch drüberspringen.«
»Jeden Abend um acht muß er ins Heiabettchen.«
»Ruhe! Ich bitte mir die vollkommenste Ruhe aus.«
»Heute morgen,« lief das Plappermäulchen des Mädchens weiter, »heute morgen in der Schule sagte noch Antonie Ausdemwerth zu mir, und alle Mädchen hörten zu, ihre Mama habe gesagt --«
»Juliane, was Antonie Ausdemwerth sagte und was ihre Mama gesagt hat, ist sozusagen ausgesagt, wenn ich gesagt habe, es wird nichts mehr gesagt.«
»Sagte, sagte, sagte,« spotteten die Brüder der Schwester nach.
Die zeigte ihnen blitzschnell die Zungenspitze und wischte sich, als sie den empörten Blick des Fräuleins gewahrte, seelenruhig mit dem Zünglein die Lippen. »Ach, einen Hunger hab' ich -- --«
Ein älteres Hausmädchen trug die Speisen auf, bot sie dem Fräulein zuerst, dann mit einem freundlichen, wie um Entschuldigung bittenden Lächeln dem Hausherrn, auf dessen Anordnung die Reihenfolge geschah, und den Kindern der Altersstufe nach. Kornelius Vanderwelt nickte ihr mit gleicher Freundlichkeit einen ›Guten Abend‹ zu. Alle seine Hausangestellten waren seit langen Jahren im Dienst, noch aus den Zeiten der schönen Frau Vanderwelt, die nach der Geburt ihres Mädels allzu rasch in das gesellschaftliche Treiben zurückverlangt hatte und an zu stark gesteigertem Leben verschieden war.
»Nun dürft ihr wieder reden,« erlaubte der Hausherr, der die Kinderstimmen liebte und an den sprunghaften Einfällen der jungen Gehirne seine Freude hatte. »Aber bitte nicht im Chor. Da weiß man nie, wer die größte Dummheit vorgebracht hat. Also Justus, wie war's in der Schule?«
»Ausgezeichnet, Papa. Der Lateinlehrer konnte vor Katzenjammer nicht unterrichten, und ich habe ihm den nassen Klassenschwamm aufs Pult gelegt.«
»Edler Samariter. Hat er sich stürmisch bedankt?«
»Das nicht. Aber er hat mich ins Klassenbuch geschrieben.«
»Justus,« tadelte der Vater kopfschüttelnd, »wann wirst du lebensklug werden? Der Herr Lateinlehrer wird den Schwamm nehmen und sich damit seine letzte Zuneigung zu dir aus dem Schädel wischen.«
»Pah -- ich stehe in der Klasse prima.«
»Und wenn du primissima ständest wie der liebe Gott: die Rache ist mein, spricht der Herr Lehrer, und seine Wege sind unerforschlich.«
Die Kinder stießen sich unter dem Tische an. Ihre Augenbrauen waren hoch hinaufgezogen.
»Thomas, erzähl ~du~ mir einmal von deinem heutigen Schulerleben. Hoffentlich war es lobenswerter.«
»Wir haben den deutschen Klassenaufsatz zurückbekommen, Papa. Er lautete: Der Charakter der Jungfrau von Orleans. Der meine erhielt eine Eins. Aber mit einer Bemerkung in roter Tinte.«
»Was wünschte die rote Tinte, Thomas?«
»Der Verfasser möge sich in Zukunft in der Beurteilung von Frauencharakteren mehr in acht nehmen.«
»Von Frauencharakteren? Ich denke, es handelt sich um eine Jungfrau?«
Die Kinder hielten den Atem an. Das Fräulein räusperte sich und nestelte das Schnupftuch hervor.
»Das ist nämlich ein Unterschied. Der Charakter einer Jungfrau ist wie ein Saitenspiel, das auf den Harfner wartet. Es kann auf Dur und Moll und klar oder verworren abgestimmt sein, erst in der Hand des Harfners liegt es, den Ton zu bestimmen und zu gestalten, so er ein rechter Künstler ist. Und der Charakter einer echten Frau wird, ganz gleich, wie sie als Jungfrau gedacht und empfunden hat, immer die getreue Widerspieglung des Mannes sein, in dessen Hände sie sich auf Glück oder Verderb gegeben hat. Auf die Manneshände kommt es an.«
»Das dürfte wohl für die Kinder zu abwegig sein,« sagte das Fräulein, um der Verlegenheit Herr zu werden.
»Vielleicht für heute, Fräulein Bilsenbach. Aber im Unterbewußtsein schwingt es weiter und wird dann eines Tages zur Stelle sein, wenn es in der Auswirkung gebraucht wird.«
»Was ist das: Unterbewußtsein?« fragte die kleine Juliane in Spannung.
Da lachte Kornelius Vanderwelt erlöst und erheitert auf.
»Hör' einmal, Jungfer Naseweis: wenn du dich gleich in dein Bett begibst, voll bewußt aller deiner Tugenden und Vorzüge, und irgend etwas redet dir in deinen Schlaf hinein: ›Juliane, du hast mal wieder deine Schularbeiten nicht gemacht‹, so ist das das Unterbewußtsein. War das deutlich, mein Mädchen?«
»Ich hab' sie aber -- fast alle.«
»Das freut mich über die Maßen, Juliane. Und den kleinen Rest wirst du nachher in meinem Arbeitszimmer erledigen. Ich möchte nun auch gern von dir einmal etwas über die wichtigsten Schulereignisse hören.«
Das Mädchen wetzte mit der Zunge flink die Lippen. In den Augen jagte die Ungeduld.
»Heute morgen sagte Antonie Ausdemwerth in der Schule zu mir, und alle Mädchen hörten zu: ihre Mama habe gesagt --«
»Sagte, sagte, habe gesagt,« spotteten die Brüder ihr nach.
»Papa,« rief die Kleine zornig, »du hast ~mich~ gefragt und nicht den Justus und den Thomas!«
»Ich habe ~dich~ gefragt. Fahre ruhig fort.«
»-- ihre Mama habe gesagt: es gäbe nur einen Mann in Ruhrort, und die anderen wären Kohlentrimmer, und der Mann hieße Kornelius Vanderwelt. So, ihr weisen Jungs, nun sagt, ob ihr was Besseres wißt.«
Die Jungen gaben sich geschlagen. Sie prosteten dem Schwesterchen mit den Wassergläsern zu.
»Frau Ausdemwerth ist eine sehr liebenswürdige Dame,« meinte Kornelius Vanderwelt und spürte ein leises Erröten vor den Kindern, »aber man muß nicht auf Schmeicheleien hören, sondern die Tatsachen für sich reden lassen. Und für dich, meine aufmerksame Juliane, sollen sie jetzt einmal durch die Schulaufgaben reden. Ich wünsche allerseits eine gesegnete Mahlzeit. Fräulein Bilsenbach, ich habe letzthin in Amsterdam nicht besser gegessen. Und die Holländer sind stolz auf ihre Küche.«
Noch einmal hingen sich die Jungen gute Nacht wünschend an Kornelius Vanderwelts Hals. Dann suchte der Hausherr sein Arbeitszimmer auf, und Fräulein Bilsenbach nahm das schweigsam gewordene Mädchen bei der Hand und folgte ihm nach.
»Nun, mein Mädelchen? Da du ~fast~ alles schon gelernt hast, wird's ja im Handumdrehen getan sein. Um was handelt es sich denn in der Hauptsache?«
»Um die französischen unregelmäßigen Zeitwörter.«
»Potztausend. Das ist ja eine ganze Menge. Die paukt man doch nicht mit einem Male in sich hinein?«
»Sie lernen schon seit Wochen daran,« sagte das Fräulein, »aber Juliane bringt ihnen nicht die nötige Beachtung entgegen.«
»Französisch lerne ich einmal in Lausanne,« erklärte die Kleine hochmütig. »Und Englisch auf der Insel Wight. Papa gibt mich ja doch in die allerfeinsten Erziehungsanstalten. Da brauch' ich doch nicht hier schon mit den dummen unregelmäßigen Zeitwörtern geplagt zu werden.«
Kornelius Vanderwelt winkte dem aufbegehrenden Fräulein freundlich ab. Er wandte sich an Juliane.
»Mein liebes Kind, was dein Vater einmal tun wird oder nicht tun wird, darauf kommt es hier nicht an, sondern was ~du~ tun wirst. Ein jeder Mensch hat sich nur auf sich selber zu verlassen. Denn die väterlichen Geldbeutel können über Nacht ein Loch kriegen, und dann heißt es, nach dem Schulsack greifen und Nachschau halten, ob der gut gefüllt ist. Ist er's, so bist du für das Leben gesichert und bleibst Dame in den schwierigsten Verhältnissen. Hast du aber ~nicht~ vorgesorgt, so sinkst du wie Blei auf den Grund, und wenn dein Vater tausendmal Kornelius Vanderwelt war. Denn ein jeder Mensch steht nur für sich. Nur!«
Das vom Leben gerüttelte alte Fräulein nickte kurz vor sich hin. Es ließ sich im Winkel des Arbeitszimmers nieder und zog das Kind an sich heran. »Ihre Gegenwart dürfte schon genügen,« sagte der Blick, der den Herrn des Hauses traf, und bald füllte ein leises Gemurmel das Gemach, einförmig, zuweilen nur ärgerlich sich steigernd. »+Venir, tenir, vouloir, s'en aller, s'asseoir, prendre, battre, mettre+ ...«
Rauchend saß Kornelius Vanderwelt im Ledersessel und überflog die Abendzeitungen. Die Börse war leidlich, eher zurückhaltend. Da hieß es achtgeben, denn man schien zu einem überraschenden Schlag auszuholen. Von den städtischen Nachrichten fanden nur die neuen Hafenplanungen seine regere Anteilnahme, und auch diese schienen seinem Vorwärtsdrängen noch nicht aus dem größten Augenwinkel erfaßt. Die Politik? Er hatte unter den erwählten Volksboten genügend brave Seifensieder kennengelernt, von denen er wohl seine Seife, aber nicht seine politische Weisheit bezogen haben würde. Ah ... Er lehnte sich bequemer zurück. Hier stand über die Großen im Reiche der Kunst zu lesen. Klavierabende. Beethovensche Symphonien. Uraufführungen neuer Opern. Ein Wogen und Wallen war um ihn, ein Kämpfen und Erlösen, Aufschreie der Menschennatur, Zurruhestreicheln, Jubel oder Untergang.
Längst saß er vornübergebeugt, das starke Kinn vorgeschoben, die Nüstern geweitet. Und mit einem Male knüllte er mit einem Griff die Zeitung zusammen und warf sie in den Papierkorb.
Sofort erhob sich das Fräulein, nahm das aufstrahlende Kind bei der Hand und näherte sich ihm.
»Es geht jetzt leidlich, Herr Vanderwelt. Wir können uns zurückziehen.«
Kornelius Vanderwelt hatte sich höflich erhoben. »Gute Nacht,« sagte er. »Es war sehr lieb von Ihnen, daß Sie mir die unregelmäßigen Zeitwörter abgenommen haben. Man hat sich im eigenen Leben genug damit abzuplagen. Gute Nacht, kleine Juliane. Auswendiglernen ist noch das leichteste.«
Er küßte sie auf die schlafmüden Augen und stand, bis die Tür ins Schloß gefallen war.
»Allein,« sagte er vor sich hin. »Mutterseelenallein. Man kann doch nicht auch noch in der Nacht von Kohlenladungen reden ... Herrgott, ständ' ich doch am Steuer eines Seeschiffes, all das tausendmal durchgeackerte Philisterland hinter mir, neues Inselland vor mir, mit nackten Menschen, unverkleideten Leidenschaften, unberührt, unberührt. O du wilde, du zarte, du zärtliche Schöpferfreude ... Geh in ein Wirtshaus, Kornelius Vanderwelt.«
Vor einem Bilde verharrte er noch, vor einem strahlend fröhlichen Frauenbild.
»Ja, ja, Du warst wild, du warst zart, du warst zärtlich und warst alles in eins bis zur Selbstvernichtung. Mit dir lohnte es noch.« -- --
Er ging und verließ trotz später Stunde das Haus.
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