Part 21
Die hochaufgeschossenen Jungen standen in ihren Schulanzügen mit einem Trauerflor am Arm und zwangen sich zur Männlichkeit. Aber der Aufruhr der Gefühle tat sich in den zuckenden Mundwinkeln kund, und die Augenlider färbten sich feuerrot, feuchteten sich heiß und ließen langsam schwere Tränen niedertropfen, die schimmernd auf des Toten Händen haften blieben. Und durch Angela Freydags Seele zog die erste wehmütige Freude.
Juliane trat heran und schob die Knaben zur Seite Sie warf den Schleier zurück, hob die Arme und öffnete den Mund zu einem Schrei. Angela Freydags Hände drückten die erhobenen Arme nieder, und der Schrei erstarrte.
»Wir wollen seine Ruhe nicht mehr stören, Frau Juliane. Er hat sie um uns alle verdient.«
»Sie wollen mein Unglück doch nicht zum Vorwand nehmen, mich für seinen Tod mitverantwortlich zu machen.«
»Ich sprach wohl von uns allen. Es mag sich jeder seinen Teil herauswählen.« Sie wandte sich um, und ihr Blick haftete auf der scheuen Antonie. »Treten Sie näher, Frau Vanderwelt. Auch von Ihnen nimmt der Tote seinen Abschied.«
Antonie Vanderwelt wehrte mit den Händen. Ihr Blick hatte den Toten nur gestreift, er heftete sich mit dem Ausdruck unerklärlicher Furcht auf die steinernen Züge der Frau, die sie an die Seite des Toten befahl. Und von einem Weinkrampf geschüttelt, mußte sie von Thomas Vanderwelt aus dem Zimmer geführt werden.
Angela Freydag deckte das Tuch über das Antlitz des Toten.
»Nun können wir gehen,« sagte sie. »Was noch zu besprechen ist, besprechen wir am besten in einem anderen Raum.«
Im Arbeitszimmer trafen sie Thomas Vanderwelt und seine in Stößen aufschluchzende Frau. Mit schmalgepreßten Lippen ging Juliane auf den Bruder zu.
»Wir werden jetzt die Begräbnisanordnungen treffen, Thomas. Es dürfte sich vielleicht empfehlen, daß ich bis zur Erledigung der Hinterlassenschaftsgeschäfte im Hause wohnen bleibe.«
Mit blutrotem Kopf blickte der Bruder auf Angela Freydag, die wortlose Zuhörerin war.
»Ich bitte, meine Schwester zu entschuldigen. Ich bitte sehr darum. Der unerwartete Todesfall scheint sie um die Besinnung gebracht zu haben. Die Hinterlassenschaft steht in dieser Stunde gar nicht zur Besprechung. Und was die Anordnungen zum Begräbnis betrifft, so liegen sie in Händen, denen wir nicht genug danken können.«
»Ich bitte, in allen Dingen befragt zu werden,« beharrte Juliane scharf.
»Ich fürchte, liebe Schwester, daß nicht allzuviel zu befragen übrigbleibt. Augenblicklich befindet sich noch der Herr im Haus, wenn auch mit geschlossenen Augen.«
»So wollen wir den Wortlaut der Traueranzeigen festsetzen und die Listen aller --«
»Es ist nicht im Sinne des Vaters,« unterbrach sie der Bruder. »Die Anzeige in der Zeitung muß uns genügen. Ich habe sie bereits aufgestellt und abgegeben, Juliane.«
Die Schwester fuhr zornig auf.
»Du hast dich gut beraten lassen, lieber Thomas. Das mag bei kleinen Leuten von Nirgendwoher der Brauch sein, in unseren Kreisen hat man sich an die vorgeschriebenen gesellschaftlichen Formen zu halten und nur danach zu handeln.«
Thomas Vanderwelt trat dicht auf sie zu. Seine Lippen bebten vor Scham.
»Wir ~sind~ kleine Leute. Vergiß das nun nicht mehr und richte dich danach ein.«
Julianes Augen liefen mit hungrigem Ausdruck vom einen zum anderen. »Und Sie?« fragte sie die steinerne Zuhörerin schroff. »Was sagen Sie dazu, da Sie doch nun mal unserer Beratung beiwohnen?«
»Ihr Bruder«, sagte Angela Freydag, »hat als Oberhaupt Ihrer Familie vorläufig alle Bestimmungen zu treffen.«
»Oberhaupt! Er ist es ja nicht einmal in -- Nun ja. Vorläufig, haben Sie gesagt. Vorläufig mag es dabei sein Bewenden haben.«
Angela Freydag blickte den Sohn Kornelius Vanderwelts an. Seine zusammengesunkene Gestalt reckte sich ein wenig.
»Der Sarg wird heute abend in die Friedhofskapelle überführt. Die Beisetzung findet übermorgen nachmittag statt. Wer irgendwelche Wünsche und Fragen hat, möge sich voll Vertrauen an Frau Engel wenden.«
»Du meinst wohl an Fräulein Freydag, lieber Thomas.«
»Nach deinem Belieben, Juliane. Du wendest dich also an Fräulein Freydag.«
Er trat auf Angela Freydag zu, beugte sich lange nieder und küßte ihr die Hand.
»Auf Wiedersehen am Abend, Engel. Ich werde pünktlich zur Stelle sein. Vielen Dank.« --
Gegen Abend fuhr der Totenwagen vor das Haus, lud seine Last ein und fuhr von dannen. In einem geschlossenen Gefährt folgten ihm Angela Freydag, Thomas Vanderwelt und die beiden Knaben. Vor dem Friedhofstor harrten die Träger mit der Bahre. Hinter dem schwankenden Brette her schritten die vier Menschen. Und sie blieben, als die Träger gegangen waren, wohl noch eine Stunde in der Kapelle und kränzten den Sarg mit einem Gewinde aus Immergrün und allen dunklen Rosen, die Kornelius Vanderwelts Garten hervorgebracht hatte.
Der Beisetzungstag kam. Und wieder fuhren sie denselben Weg, und Juliane und Antonie fuhren mit ihnen. Da die Schleier der beiden Frauen nicht gedrückt werden durften, kauerten die beiden Knaben eng aneinandergeschmiegt neben dem Fahrer.
»Es gleicht einer Bettelmannsbeerdigung,« tadelte Juliane heftig. »Nun ja, wir brauchen uns wenigstens nicht vor einer großen Teilnehmerschar zu schämen, denn in der Zeitungsanzeige war ja wohlweislich die Stunde der Beerdigung weggelassen worden.«
Antonie Vanderwelt lehnte in der Ecke des Wagens, von den Fenstervorhängen verborgen. Sie wünschte nicht, von ihren Freunden in dieser Lage gesehen und beurteilt zu werden.
Angela Freydag entstieg als erste dem Wagen. Und es fiel Thomas Vanderwelt, der ihr folgte, auf, wie hoch und voll ihre Gestalt geworden war. Ihre Züge waren nicht zu erkennen. Dicht lag der schwarze Schleier vor ihrem Gesicht.
War noch ein anderes Begräbnis für diese Stunde angesetzt? Der Platz vor der Friedhofskapelle war gefüllt von Menschen. Spiegelnde Seidenhüte mischten sich mit Schlapphüten und sonntäglichen Schiffermützen. Es war ein Gewoge wie vor der Schifferbörse, wenn Kornelius Vanderwelt mit jugendstarkem Schritt und hellen Augen die Massen durchquert hatte, nur lautloser und ohne Kornelius Vanderwelts anfeuernden Zuruf.
Und die Massen bildeten eine Gasse und ließen Angela Freydag hindurchschreiten, wie sie einst Kornelius Vanderwelt hatten hindurchschreiten lassen, und die Vanderwelt-Kinder und -Enkel gingen vor ihr oder hinter ihr, sie wußte es nicht.
Sie wußte nur, daß diese Hunderte hier ~un~gerufen gekommen waren, in Erinnerung an seinen Lebensübermut, in Ehrfurcht vor seinen vollbrachten Werken, in Teilnahme an seinem Endkampf um Sein oder Nichtsein des Hauses. Und eine Stimme in ihr sprach, und sie sprach zu dem geliebten, schlummermüden Mann: »Kornelius, dies hier ist dein Guthaben. In hunderten Gemütern. Nun ziehst du es ein, und was man dir je auf die Schuldseite geschrieben haben sollte, es ist entlastet, und das Guthaben bleibt und verzinst sich.«
Das aber machte sie über die Maßen froh und aufrecht in ihrem Schmerz, daß er die Ungerufenen zu sich gezwungen hatte.
Die Träger hatten das Gestänge der Bahre ergriffen. In endlosen Zügen folgten die Menschen zum Erbbegräbnis der Vanderwelts und umringten es. Die Kinder und Enkel standen vor der offenen Gruft. Neben ihnen, und doch wie auf einer Insel allein, die ehrfürchtig angestaunte verschleierte Gestalt der Frau, die Kornelius Vanderwelts Leben aus den Niederungen zu den einsamen Höhen begleitet hatte.
Und Angela Freydag sah trotz des schwarzen Schleiers alle, die gekommen waren, und vergaß keinen. Sie hörte die Nachrufe der Werks- und Handelsherren, der Börsenmitglieder und der Schiffergilde, und das Niederrascheln ihrer Kranzgewinde. Sie sah die Herren der ›Erholung‹ unter ihrem Vorsitzenden und die Kumpanei aus den ›Fünf Erdteilen‹ unter Führung des Matthes. Kapitäne und Partikuliers, Rudersleute, Matrosen und Hafenangestellte. Und selbst die Bräute der Matrosen gewahrte sie in achtungsvoller Entfernung, für die Kornelius Vanderwelt so oft die Harmonika hatte spielen lassen. Es kam ihr gar nicht in den Sinn, in die Gruft zu starren, die den Sarg aufgenommen hatte. Sie mußte ja alle diese Dinge wissen, um sie ihm einst berichten zu können. Das nur war es.
Und nun war es still.
Vom Friedhofstor tönte das Rollen der Wagen herüber, die die Handelsherren und Werksleiter zu ihren täglichen Geschäften entführten, von der Straße dröhnte noch der Schritt der abziehenden Massen und verlor sich. Mit stolz geröteten, vom hindernden Schleier längst befreiten Gesichtern gingen Juliane und Antonie ihren Kindern voran zu dem harrenden Wagen, und nur Thomas Vanderwelt wartete auf Angela Freydag, die noch einmal an die verlassene Gruft getreten war.
Sie hob den Schleier, und ihre Augen suchten irgend einen Punkt irgendwo. Und nie vergaß Thomas Vanderwelt das hinreißende Lächeln, das über ihr Antlitz zog.
Als sie ihren Abschied genommen hatte, ging er unhörbar fast auf sie zu und bot ihr den Arm. Sie nahm ihn, und sie folgten den anderen und fuhren mit ihnen in das vereinsamte Haus.
Die Knaben waren zu ihren Schularbeiten heimgeschickt worden. Die Erwachsenen hatten ihre Anzüge geordnet, einen Imbiß genommen und sich alsdann im Arbeitszimmer schweigend niedergelassen.
Das Schweigen wurde drückend, und Thomas Vanderwelt erhob verwirrt den Kopf, als habe ihn jemand angerufen.
»Es bleibt nichts anderes übrig,« sagte er mit einem müden Seufzer, »die letzten Willensäußerungen des Vaters müssen verlesen werden.« Und er nahm den Schlüsselbund vom Schreibtisch und schloß die Tischlade auf.
Sein Auge fiel auf den großen versiegelten Umschlag, der die gesuchte Aufschrift trug. Seine Hände waren schwer und zitterten, als er die Siegel vorzeigte und den Umschlag öffnete. Buchstaben und Zahlen tanzten vor seinen Blicken. Es war Kornelius Vanderwelts Rechnungsablage, die er in Händen hielt.
Und es ergab sich, daß das Vermögen verausgabt war, bis auf weniges. Verausgabt für die Lebensführung der Kinder. Da standen die Beträge, die Justus als seine Vermögensanteile vorweg erhalten und in Abenteuern verschleudert hatte. Da standen die Beträge, die Thomas hingegeben worden waren, um ihn und die Seinen über das trübe Wasser zu halten. Da standen endlich die Beträge, die alle anderen verschlangen, gezahlt für die Prahlsucht Julianens, für ihre Wechselverbindlichkeiten, für die Ablösung ihres Sohnes und die Abfindung der Beckenrieds. Was blieb, war das Eigentumsrecht an den beiden verheuerten Frachtkähnen, an Einrichtungsgegenständen und ein kaum nennenswerter Barbetrag.
Jeden Posten hatte Kornelius Vanderwelts sichere Hand gegen den anderen verrechnet und die überschießenden Schulden der Tochter wettgemacht durch die Übertragung der Frachtkähne und der noch verbleibenden Einrichtungsgegenstände an den Sohn. Der Flügel, Hans Deiters' Meisterbild, Noten und Bücher sollten Angela Freydag ausgehändigt werden als ein kleines Zeichen des großen Dankes.
Die Verlesung war zu Ende. Mit fahrigen Händen suchte Thomas Vanderwelt die Blätter zusammen. Sein Gesicht war weiß.
»Wir haben -- den Vater -- sehr enttäuscht,« murmelte er vor sich hin.
»Nein!« schrie Juliane auf. »Uns hat er enttäuscht! Uns! Uns!«
»Schweig stille, Juliane.«
»Weshalb soll ich stillschweigen? Weil ich in meiner Unwissenheit Schulden gemacht habe? Jawohl! In meiner Unwissenheit! Wußte ich denn anders, als daß der Vater ein großmächtiger Geschäftsmann sei und Gelder über Gelder verdiene? Und daß er mich dem jungen Beckenried zur Frau gab, weil er auch über die Beckenriedschen Vermögensverhältnisse Bescheid wußte und sie glänzend für mich fand? Und jetzt? Das ist ja alles nur ein Wahnsinn.«
»Wir werden alle arbeiten müssen, Schwester.«
»Ja, du! Als Inhaber der Firma! Wie hoch ist denn überhaupt die Firma bewertet? Das steht nirgendwo geschrieben.«
»Deine Unwissenheit, Juliane«, sagte Thomas Vanderwelt, und der müde, spöttische Ton wagte sich wieder hervor, »scheint sich nur auf solche Dinge zu erstrecken, die dir Schaden verursachen. Aber der Gedanke an die Bewertung der Firma braucht dir auch fernerhin den Schlaf nicht zu rauben. Der Name steht nur noch auf dem Papier. Auf Einstampfpapier, Juliane.«
»Was heißt das?«
»Es heißt, daß dein einstiger Gatte und dein einstiger Schwiegervater nicht an Weichherzigkeit zugrunde gehen werden. Daß sie Geschäftsleute und nichts als Geschäftsleute sind und den Abgang des unbequemen Kornelius Vanderwelt von der Bühne dazu benutzt haben, ganze Arbeit zu machen. Heute vormittag erhielt ich die Anzeige, daß der Mietvertrag des Geschäftshauses für die Erben Vanderwelt nicht erneuert werde, daß er vielmehr an die neugegründete Firma Beckenried Sohn übergegangen sei, die sich auch die Kräfte der bisherigen Mitarbeiter gesichert habe. Auf meine Mitarbeit wurde höflich Verzicht geleistet. Sie gilt nun einmal nicht als Kräftezuwachs.«
»Thomas! Darum fehlten die Beckenrieds beim Leichenbegängnis.«
»Thomas ...« wimmerte Antonie Vanderwelt.
»Ich habe nicht das Geld,« erwiderte er ablehnend, »um das Geschäft an anderer Stelle wieder flott zu machen. Ich werde mich als armseliger Schreiber verdingen oder als Schiffer fahren müssen.«
»Und was -- was wird aus mir?« rief Juliane fassungslos.
»Du wirst so gut hungern müssen wie wir, liebe Schwester, wenn du ein bißchen Arbeit nicht vorziehst.«
»Und wer -- wer wird unsere Wohnung bezahlen?«
»Leute, die kein Geld besitzen, werden die Wohnung aufs schnellste räumen müssen.«
Antonie Vanderwelt wimmerte auf.
»Man wirft uns auf die Straße -- man wirft uns auf die Straße. In welche Hände bin ich geraten!«
Mit halbgeschlossenen Augen, als wollten sie die anspringenden Bilder von sich weisen, wandte sich Thomas Vanderwelt ab, und seine Kehle schluckte mühsam den Ekel hinab. Und Angela Freydag sah, daß sie alle versagten, die den Namen trugen, und keiner sich mühte, des Vatersnamens würdig zu werden.
»Hören Sie mich an,« sagte sie, und ihre Stimme wollte nicht wärmer werden. »Es ist ein furchtbarer Sturz, den Sie tun, und eine Probe auf Ihre Lebensfähigkeit. Aber ich sehe einen Ausweg. Bleiben Sie ruhig sitzen, Frau Juliane, ich bin erst beim Beginn und weiß nicht, wie Ihnen das Ende bekommen wird. Und auch Ihnen, Frau Vanderwelt, empfehle ich, auf jedes Wort achtzugeben. Es kommt darauf an, sich zu sammeln und den Lebenskampf mit verkleinerten Mitteln aufzunehmen. Mit stark verkleinerten Mitteln. Von ganz unten müssen wir nach oben. Das hat ja auch der Vater gekonnt. Wenn wir uns und unsere Mittel zusammentun und einer dem anderen unter die Achseln greift, muß es gelingen.«
»Der Ausweg -- der Ausweg --« hastete Juliane.
»Ihre Wohnungen haben Sie nur durch den Zuschuß des Vaters halten können,« fuhr Angela Freydag fort, als erstattete sie einen kühlen Bericht. »Thomas hat zunächst als erwerbslos zu gelten. Der Verkauf der Möbelstücke, die noch zurückgeblieben sind, dürfte die fünf Personen Ihrer Familie vielleicht ein Jahr lang bei größter Sparsamkeit über Wasser halten, wenn Sie keine Auslagen für die Wohnung haben. Und diese Wohnung biete ich Ihnen.«
»Sie --? Uns --? Woher wollen Sie sie nehmen?«
»Ich habe mir durch meine Konzertreisen eine Summe ersparen dürfen. Aus einer Laune heraus, die hier nicht zur Erörterung steht, wurde ich Eigentümerin des Grundstückes ›Zu den fünf Erdteilen‹. Es ist nur eine Gastwirtschaft zweiten oder dritten Grades. Aber für Anspruchslose genügen die Zimmer, und Ansprüche sind wohl bis auf weiteres nicht mehr zu stellen.«
»In eine Kneipe!« rief Juliane. »In eine Kneipe sollen wir!«
»In eine Matrosenkneipe!« rief Antonie und schüttelte sich vor Lachen.
Angela Freydag trat dicht vor die überreizten Frauen hin.
»Schweigen Sie,« herrschte sie sie an. »Schweigen Sie, oder, bei Gott, ich lasse Sie verhungern.«
Da krochen die Frauen in sich zusammen, und ihr schrilles Lachen erstarb in einem Wimmern.
»Hören Sie mich noch einmal an,« sagte Angela Freydag kalt. »Ich sprach vorher von einem Jahr. Sie werden sich schon ohne mich keinen Monat über Wasser halten können, wenn Sie erst -- Ihre Schulden bezahlt haben werden. Ich will in Thomas Vanderwelt das Zutrauen setzen, daß er ein Mann wird. Und von Ihnen verlange ich, daß Sie sich einfügen und in sich selbst Wandel schaffen. Für Abenteuer öffne ich das Haus nicht, sondern für die Besinnung. Von der Besinnung zum Aufstieg ist dann nur noch ein Schritt. Hier meine Hand, Thomas.«
Thomas Vanderwelt hob die schwergewordenen Augenlider. Langsam legte er seine Hand in die dargebotene. »Nun dürfen wir wohl gehen, Engel. Die Erschütterungen häufen sich ein wenig.«
Noch am späten Abend sandte Angela Freydag das Mädchen zum Gastwirt Matthes und ließ ihn zu einer Unterredung zu sich bitten. In der Nacht fand die Unterredung statt.
»Ich bin die Besitzerin Ihres Hauses. Sie werden es von Ihrem Freunde erfahren haben. Sonst gibt Ihnen das Grundbuch Auskunft. Weshalb Kornelius Vanderwelt so handelte, ist seine Angelegenheit. Wir wollen seine stillen Gründe achten und nie ein Wort darüber verlauten lassen. Sie werden mich gleich verstehen. Ich übernehme die Wohnung, die Kornelius Vanderwelt in den ›Fünf Erdteilen‹ mietete, für mich und die Nachkommen Kornelius Vanderwelts, bis sie das Gehen und Stehen gelernt haben. Sie rechnen dagegen die Zinsen auf, die Sie mir vierteljährlich zu zahlen haben. Vielleicht kann ich mich auch sonst in Ihrem Hauswesen nützlich machen.«
Den Gesichtszügen des Matthes war keine Überraschung anzumerken. Er sprach, als setzte er eine Unterhaltung fort, die er vor Tagen mit Kornelius Vanderwelt geführt hatte. »Die Gastzimmer stehen längst leer. Die Ledigen un Jungen, die keine Bleibe haben, denken heut all amerikanisch un verlangen fließend Wasser un sonst noch wat für ihre Schlamperei. Selbst die Kneipe bleibt halb leer, weil ich dat Geld für dat Gefiedel scheu' und bei der Harmonika geblieben bin. Wann woll'n Sie einziehen? Für mich is et en Geschäft.«
»In nächster Woche. Sobald der Verkauf aller entbehrlichen Gegenstände stattgefunden hat.«
»Abgemacht. Dat Sie sich mit der Nachkommenschaft einen bösen Packen aufbürden, is Ihre Sache.« Er nickte ihr kurz zu, ging zur Tür und wandte sich noch einmal nach ihr um. Seine Augen blinkerten. »Aber en Staatsweib, dat sind Sie.«
In dieser Nacht verfaßte Angela Freydag ihre letztwillige Verfügung, in der sie ihr Grundstück und ihre gesamte Hinterlassenschaft für den Fall ihres Todes Thomas Vanderwelt, seinem Sohn Nikolaus und seinem Neffen Martin unter Ausschaltung jedes anderen Erben überschrieb. Und anderen Tages hinterlegte sie das Schriftstück bei dem zuständigen Gericht.
Sechzig Jahre hatte Kornelius Vanderwelt erreicht, als er aus seiner Kraft und seiner Liebe abberufen wurde, und Angela Freydag zählte vierzig Jahre. --
Der Einzug in die ›Fünf Erdteile‹ war in den Nachtstunden vor sich gegangen. Der Matthes war mit ein paar älteren Schiffern erschienen, und die Arbeit war bald getan. Die Knaben hatten ein gemeinsames Zimmer erhalten, Thomas Vanderwelt und Frau zwei weitere, und Frau Juliane bewohnte wie auch Angela Freydag ein Einzelzimmer. Die Küche des Wirtshauses war auch die ihrige.
Angela Freydag schritt durch die einfach eingerichteten Räume und wies einem jeden sein schmales Reich an. Die Frauen waren kleinlaut geworden, Thomas Vanderwelt zeigte sein altes, belustigtes Lächeln, und nur die beiden Jungen freuten sich offen und arglos über das romantische Zwischenspiel.
Angela Freydag hantierte zwischen dem geringen Hausrat, als wäre sie in ihre Kindheit zurückversetzt und hätte für den abgehetzten Vater, die ruhelose Mutter zu sorgen. In derbem Hauskleid verrichtete sie die Arbeit, die keiner ihr abnahm oder erleichterte, und hatte alles von sich getan, was an vergangene bessere Zeiten zu erinnern vermochte. Sie wollte ganz sein, was sie war, und mehr als der Schein. Darum auch hatte sie den Flügel hingegeben und das Bild und die Bücher bis auf wenige, und das Geld auf die Sparkasse gelegt. Es war ihr letzter und schwerster Abschied. Aber sie blickte auf ihre Hände, die arbeitshart geworden waren und ungelenk für die hohen Anforderungen der Kunst, und die Hände strichen langsam an den starken Hüften hinab, und sie freute sich ihrer Stärke.
Es war kein Leichtes gewesen, das Mißtrauen der gedemütigten Frau des Matthes zu besiegen, aber auch dies hatte sie vollbracht. Als sie der alten Frau am Küchenherd stillschweigend die schweren Kessel aus der Hand nahm und ihr zu einem kärglichen Aufatmen verhalf. Noch immer schielte die Frau argwöhnisch nach der straffen Gestalt der neuen Mieterin, bis Angela Freydag ohne ein Lächeln die Hand über das Herz legte und zu ihr sprach: »Es ist für immer vergeben.« Seit dieser Stunde war eine seltsame Freundschaft zwischen ihnen, die wenig Worte machte.
Aber es lebte noch ein anderes Mitglied der Familie Matthes im Hause, das nicht wortkarg war und sich mit dem ganzen Drang der Jugend an Angela Freydag, die bald schon im Hause allüberall Frau Engel gerufen wurde, anschloß. Es war das des Matthes Enkelin, das Kind seiner in Düsseldorf verstorbenen Tochter, und da es keinen Vatersnamen besaß, hieß es Magdalene Matthes. Die Zwanzigjährige war tagsüber auf einem Handelskontor beschäftigt und verdiente sich, was sie brauchte, und der Großvater Matthes mußte sein Schmälen unterlassen, da sie auf Heller und Pfennig für Kost und Wohnung zahlte.
Das mutige Ding war voll Ansporn und Leben, und da das Leben mit seiner Fülle nicht zu ~ihm~ gekommen war, so kam das Mädchen mit seiner Fülle zum Leben, und es war nicht anders, als ob es Gott und die Welt mit seinem Vorhandensein beschenken wollte.
»Lassen Sie mich Ihnen helfen, die Zimmer in Ordnung bringen, bitte, Frau Engel. Dafür erteilen Sie mir in den Abendstunden ein wenig Unterricht.«
»Worin sollte ich Sie wohl unterrichten können, Magdalene.«
»In allem, was ich brauche, um eine Frau zu werden wie Sie.«
»Dazu gehört nur ein wenig Mut und viel, viel Liebe, kleine Schwärmerin.«
Sie schüttelte die Locken, und in ihre Mädchenstirn grub sich die Falte des frühreifen Ernstes, die Angela Freydag wie ein geschwisterliches Zeichen wiedererkannte. Wie oft war Kornelius Vanderwelts Hand darübergeglitten.
»Ich bin keine Schwärmerin, Frau Engel. Nein, gewiß nicht. Ich weiß, daß ich vor viele, harte Kämpfe gestellt bin. Aber ich bin jung und kräftig und will mir meinen Glauben nicht verkümmern lassen.«
»Ich muß Sie einmal ganz schnell in die Arme nehmen,« sagte Frau Engel. »Und nun helfen Sie in Gottes Namen.«
»Mut,« wiederholte das Mädchen. »Mut und viel Liebe ... Ich denke, darin kann ich schon ein ganzes Teil Bestellungen entgegennehmen.« Und sie machte sich mit lautem Gesang an die Arbeit.
Es war für Angela Freydag eine Wohltat, die frisch beherzte Angreiferin um sich zu haben, denn die beiden Frauen Juliane und Antonie rührten keine Hand, es sei denn für sich selbst und die Ausschmückung ihrer Kleider, die sie verstohlen wieder hervorgeholt hatten und in denen sie sich zum Abend in den Straßen wieder zu zeigen begannen. Oft und öfter geschah es schon, daß die beiden Frauen heimlich miteinander tuschelten und kicherten und jäh die Gleichgültigen spielten, wenn Angela Freydag durch die Zimmer ging.
Einen Monat und länger hatte Thomas Vanderwelt mit der Auflösung der noch schwebenden Geschäftsverbindlichkeiten zu tun gehabt. Sie hatten sich ohne Schwierigkeiten vollzogen. Der gute Wille, der absterbenden Firma Kornelius Vanderwelt die letzten Ehrenbezeigungen zu erweisen, trat unverkennbar zutage, und ein Willensstarker hätte die freundliche Meinung auszunützen verstanden und sich außer neuen Aufträgen wohl auch die Leihsumme der fehlenden Betriebsgelder zu verschaffen gewußt. Aber Thomas Vanderwelt war kein Willensstarker. Was an Willen in ihm schlummern mochte, lag im Albdruck unter der Puderschicht, die vom Wesen seiner Frau auf ihn hinübergeglitten war.
Ein paar Wochen noch ging er Tag für Tag hinaus, um sich eine Stellung in den Schoß fallen zu lassen oder sich am Hafen nach seinen Kähnen umzusehen, um mit Wilm über die Heuer der Fahrten zu verhandeln oder ein anderes minder wichtiges Geschäft als Vorwand zu nehmen. Dann blieb er, als die Herbstregen rauschten, mehr und mehr daheim und erhob sich nur lauschend, wenn Antonie das Haus verlassen hatte, um ihr hinter den Fenstervorhängen nachzublicken und ihr auf demselben Wege zu folgen.
»Ich könnte Ihnen eine Stelle besorgen,« redete ihn an einem Abend, als sie ihn allein traf, Magdalene Matthes ohne Umschweife an.
»Ich Ihnen auch, mein Fräulein. Aber ob sie für ein so stolzes Fräulein gut genug wäre --«
»Das sind Kindereien, Herr Vanderwelt, die Ihnen schlecht zu Gesicht stehen. Sie wollen natürlich damit sagen, daß für einen so stolzen Herrn, wie den Herrn Vanderwelt, nicht jede beliebige Stelle passend erschiene. Jede Stelle aber ist ein Sprungbrett.«
»Ich habe gegen Ihre Denkrichtung nichts einzuwenden,« sagte er und lächelte freundlich zu ihrem flammenden Unwillen. »Sie scheinen mir sehr begabt, und begabte Frauen zählen zu den Seltenheiten.«
Jetzt aber flammte sie ihn wirklich an.
»Wie Sie zu Ihren traurigen Betrachtungen über die Frauen kommen, weiß ich nicht, und ob ich begabt bin oder nicht begabt bin, geht Sie nichts an. Sicher aber ist, daß ich mir eine Gelegenheit zur Arbeit nicht aus der Hand schlagen lassen würde und eher eine Meile liefe als einen Schritt zurück täte.«
Sie wandte sich auf dem Absatz, und Thomas Vanderwelt schaute ihr gedankenverloren nach, wie sie die Stufen der Treppe nahm und in ihrem Zimmer verschwand.
»Ich glaube, er weiß nicht einmal, wie ich aussehe, der Sterngucker,« eiferte sie, als sie Frau Engel ihren Bericht erstattet hatte. »Oder er hält uns Frauen für so minderwertig, daß es den hohen Herrn eine Zumutung dünkt, sich von einer Frau behilflich sein zu lassen. Spottvogel, der.«
»Es kommt wohl auf die Frau an,« sagte Frau Engel. »Und nun haben Sie genug geschimpft.«