Part 20
»Ziehen Sie ihm die Stiefel aus. Vorsichtig. Und nun wollen wir ihn in sein Schlafzimmer bringen. Stieren Sie mich nicht an. Ich habe Kräfte genug, ihn allein zu tragen. Aber da Sie einmal da sind -- wir tragen ihn im Sessel hinauf.«
Alle Sehnen spannte sie an. Die Zähne gruben sich ihr in die blutenden Lippen, und es gelang. »Warten Sie unten auf mich.« Und als der Matthes auf Zehenspitzen hinaus war, entkleidete sie den Erschöpften und bettete ihn.
Wieder war sie unten, und der Matthes berichtete flüsternd: »Ich sah et schon, wie er in die Wirtschaft trat und mich in et Nebenzimmer rief. Fieberheiß. Un et Sprechen wurd' ihm nich nur schwer, weil et seinen Stolz so verdammt mitnahm. Ich sollt' ihm die Gastzimmer für eine Wohnung ausräumen, bis er Besseres hätt', un als wir mit Handschlag abgeschlossen hatten, fiel er gegen die Wand. Ich hab' ihn die paar Schritte hergebracht, damit et nich hieß, der Herr Kornelius Vanderwelt wär' in der Wirtschaft liegen geblieben.«
»Ich danke Ihnen. Und nun holen Sie den Arzt.«
»Alte Kameradschaft, Madam, und den Arzt bring' ich sofort.«
Wieder huschte sie die Treppen hinauf, und der Erschöpfte öffnete die Augen, als sie sich über ihn beugte.
»Hab' ich dir -- einen argen Schrecken -- eingeflößt, Engel?«
»Sprich jetzt nicht. Der Arzt wird gleich hier sein.«
»Der Arzt? Was soll denn der hier? Ich muß nur einmal ausschlafen.«
»Schlaf, Kornelius.«
Er schloß die Augen unter ihrer kühlen Hand. Aber der Atem kämpfte schwer in der Brust. Und sie horchte auf den Atem und horchte hinaus auf die Straße. Bis der Matthes mit dem Arzte kam und die Haustür öffnete.
Sie ließ den Arzt in das Zimmer, und der Kranke redete aus seinen Fieberträumen heraus. Der Name Engel kehrte immer wieder. In immer neuen Bildern, in immer neuen Beteuerungen.
»Spricht er immer so viel?« fragte der Arzt und trat näher.
Der Kranke hob horchend den Kopf. Die fremde Stimme hatte ihn sofort geweckt.
»Waren Sie noch nie verliebt, Doktor? Nie verliebt? Goethesche Gedichte möchte man hersagen -- und sie fallen einem nicht ein. Ach was! Sie wagen sich nicht hervor. Nicht hervor vor dem einen Namen. Dem einen -- Namen ...!«
Der Arzt prüfte den Puls. Er behorchte das Herz und maß das Fieber. Der Kranke lächelte über ihn hinweg seine Pflegerin an. Als wären sie ganz allein.
»Sie müssen Ihre Kräfte schonen, Herr Vanderwelt,« gebot der Arzt. »Was Ihnen not tut, ist Ruhe. Nichts als Ruhe, damit sich die Erschöpfung der Nerven verliert. Das Fieber beruht auf einer Erkältung, die Sie sich wohl durch eine Unachtsamkeit zugezogen haben. Nehmen Sie heute und morgen ein Schlafmittel, und in zwei Tagen ist alles überstanden.«
Er ging, und der Matthes war auch gegangen, und das Schlafmittel war zurückgeblieben.
»Laß den Doktor -- nicht mehr -- zu mir herein, Engel. -- Du bist mein Arzt -- meine Ruhe -- mein -- alles.« --
Sie bettete sein Haupt in die Kissen, aber er verlangte wortlos nach ihrem Arm, und sie bettete sein Haupt in ihren Arm und wartete, bis er vor Erschöpfung entschlummert war.
Am Morgen erst schlug er die Augen auf. Sie glänzten fiebrig wie in der Nacht. Aber sein Bewußtsein war rege.
»Bist du nicht zu Bett gewesen, Engel?«
»Mein Kopf lag auf deinem Kissen, Kornelius. Wir schliefen beide fest.«
»Willst du mir zu trinken geben, Engel? Ich fühle mich viel wohler und danke dir.«
Sie hatte den Tee schon bereitet und gab ihm zu trinken. Er wunderte sich über nichts. Er lachte sie nur an.
»Wie schön das ist, müde zu sein und nichts zu spüren als dich. Ewig möchte ich so müde sein, Engel.«
Im Laufe des Vormittags fuhr er auf und blickte verwundert umher.
»Ich war wieder eingeschlafen, Engel. Und auf einmal rüttelte mich die Angst auf, ich hätte deine Anwesenheit verschlafen. Kannst du mir die Stirn abtrocknen, Engel? Ich ertrinke.«
Sie trocknete ihm die Stirn und trocknete ihm die Brust. Und unablässig sprach er.
»Wie kann das nur sein, Engel? Tausendmal hab' ich mir gesagt: tiefer hinein und höher hinauf geht die Liebe nicht. Und nun mein' ich: erst in dieser Stunde gehörtest du mir ganz.«
»Sollen wir einst sagen, Kornelius: vor zwanzig Jahren haben wir uns über alles geliebt, während wir uns heute nur noch -- ›liebhaben‹? Wir, Kornelius? Wir folgen einer anderen Bahn als die Herzschwachen.«
»Die Herzschwachen,« wiederholte er. »Weißt du noch, wie ich dich meine Herzbrust taufte?«
»Ich weiß alles und jedes, Kornelius, und werde nie einen Laut vergessen.«
Am Nachmittage wurde er unruhiger. Er hatte den Schritt des Arztes gehört und wehrte ab.
»Mir zuliebe, Kornelius,« bat sie.
»Dir zuliebe. Dann mag er jede Stunde kommen.«
»Es bleibt nichts als die Ruhe,« sagte der Arzt, als er die Untersuchung beendet hatte. »Er muß seine Kräfte aus dem Schlafe zurückgewinnen.«
»Weiß das Kontor, daß ich unpäßlich bin, Engel?« fragte Kornelius Vanderwelt, als der Arzt sich verabschiedet hatte. »Bitte, ruf den Thomas an. Aber ich will mit dir allein bleiben.«
»Ich habe ihm dein Fernbleiben heute morgen schon gemeldet, Kornelius. Und wir bleiben allein.«
»Dann ist alles gut.«
Er schloß die Augen. Aufs neue trug ihn die Erschöpfung in den Dämmerzustand hinüber und hielt ihn zwischen Schlaf und Traum die halbe Nacht hindurch. Angela Freydag saß an seinem Bette, den Blick fest auf seine Züge gerichtet, jede Sekunde bereit, zu helfen, zu lindern, Leib und Seele aufzurichten. So still war es, daß sich das Ticken der Taschenuhr schmerzhaft in ihr Hirn bohrte.
Plötzlich lachte der Kranke gellend aus der Wirrnis der Träume auf.
»Hahaha! Ich sterbe? Wahrhaftig? Das Leben ist aus? Soviel Sorge um die kurze Spanne? Ist das alles?«
Sie drückte hastig ihre Lippen auf seinen Mund, und er erwachte.
»Bin ich nicht tot, Engel? Ach, du, ich bäumte mich auf gegen den Wahnsinn: zu leben, um sterben zu müssen.«
Sie strich über seine Augen, über seine Wangen.
»Für uns gibt es keinen Tod, Kornelius. Für uns gibt es nur ein Beisammensein.«
Er griff nach ihren Gelenken und zog sich in den Kissen hinauf.
»Tod, Engel ... Du läßt mich nicht, und ich lasse dich nicht. Nicht hier und nicht dort ...! Tod ... Denke dir, er käme und nähme den einen oder den anderen hinweg. Und dann wäre ein sonnenschöner Tag, oder ein Erfolg, ein Ruhm, und man möchte hinlaufen und ihn dem anderen bringen und stutzt und erstarrt: Der andere -- der andere lebt ja nicht mehr! Engel!«
Sie wiegte ihn an ihrer Brust und hörte sein Herz dahinjagen, als hörte sie den Hufschlag hinjagender Pferde.
»Ich habe dich und ich halte dich und gebe dich nicht her, Kornelius. Und jetzt sprich von allen deinen Fröhlichkeiten.«
»Von meinen Fröhlichkeiten ...« murmelte er. »Dann muß ich von dir sprechen.«
»Erzähl' aus deiner Jugend, von deinen Meerfahrten, von schönen, fremden Frauen.«
»Du nennst sie richtig, Engel. Schön waren sie, aber fremd. Du kennst ihren Körper, wie du eine tickende Uhr kennst. Und sie tickt wirr in die deine hinein und läuft vor oder nach, und du bringst sie nicht mit der deinen auf den gleichen Schlag, weil dir das Uhrwerk fremd geblieben ist und du den Wert nicht prüfen kannst. Nein, ich will nicht schmähen. Es waren lustige Liebchen darunter, wie die Jugend sie sich wünscht oder der Mannesübermut. Ja, du, der Mannesübermut. Du hast ihn ja erfahren. Als er dich auf der Landstraße stellte. Sie waren mir lieb, die schönen, fremden Frauen. Waren! Waren!« Seine Erregtheit suchte nach einem wegwerfenden Wort. »Der Teufel hole sie.«
Und sie sprach in seine flackernden Augen hinein, um ihm das Lachen und die Beruhigung zu bringen: »Hör', du, Kornelius -- mich auch?«
Und seine Erregung ging in ein wildes Lachen über.
»Du, Engel! Ach, du! Du willst mich beleidigen. Und wenn der Vater im Himmel nach seinen Erzengeln riefe: ›Holt sie mir!‹ Vorspringen würd' ich, die Erzengel bei den Flügeln packen und gegeneinander klatschen.«
»Recht so, recht so!« rief sie ihm zu, fröhlich, ihn fröhlich zu sehen. »Daß der Kornelius sich im Himmel herumtreibt, ist eine Selbstverständlichkeit!«
»Also gut denn, Engel. Wenn der Urian in der Hölle seinen Teufeln zurufen sollte: ›Holt sie mir!‹ Vorspringen würd' ich, sie anschreien: ›Brennt mich zu Weißglut! Mich, mich! Aber noch ein Mal zu meiner Wölfin! Noch ein Mal zu meinem Engel!‹« Seine Gedanken verwirrten sich. Er rang nach dem Faden, der ihm entflattern wollte. »Noch ein Mal -- ein -- ein Mal -- -- ~Engel~!«
Aus den Kissen hochgeworfen, den Brustkasten vorgereckt, preßte er den letzten Atem mit wilder Macht in dies eine Wort.
Mit beiden Armen hielt sie ihn. Seine Hände griffen, haltsuchend, in ihr Gewand. Ihre Brust drängte sich ihm entgegen.
»Kornelius! Kornelius! Ich dank' dir ...«
Seine Augen tranken sie in sich hinein. Und von einem jähen Blitz gefällt, stürzte er an sie, in ihre Arme, an ihre Brust.
Starr stand sie über ihn gebeugt, ungläubig, daß ihr heißer Blick nicht mehr imstande sein sollte, das Licht seiner Augen neu zu entfachen. Und dann warf sie sich über ihn und küßte ihn, als müßte der letzte Hauch seines Atems ihr Eigentum bleiben.
»Geliebter -- Geliebter -- -- Geliebter -- -- --!«
10
Mit übernächtigen Augen und wirrem Haar, wie er aus dem Schlafe aufgefahren und in die Kleider gehastet war, stand Thomas Vanderwelt vor Angela Freydag. Die erste, fahle Morgendämmerung war mit ihm ins Haus gekommen.
»Sie haben mich angerufen, Frau Engel. Was ist mit dem Vater?«
Seine Stimme kämpfte mit der Atemnot, und seine Augen waren voll Schrecken.
»Ihr Vater, Thomas -- Ihr Vater -- ist heimgegangen -- --«
Er packte sie bei den Armen. Als ob er sie wachrütteln, als ob er selbst einen Halt suchen wollte. Sein Gesicht stand dicht vor dem ihren.
»Was heißt das -- heimgegangen --?«
»In das Land seiner Vergangenheit -- in das Land seiner Vorfahren, seiner Lieblingsträume. Thomas! Thomas! Er ist tot!«
Der Sohn fiel gegen ihre Schulter. Sie stemmte sich fest auf ihre Füße und trug die Last. Und dachte: es ist Kornelius Vanderwelts Erbe, und du mußt es in seinem Sinne zu wahren suchen.
»Tu die Augen auf, Thomas, du mußt deiner Herr werden. Kornelius Vanderwelt hat einen Sohn hinterlassen, und das bist du.«
Ein Zittern durchlief seinen Körper. Wie ein krampfhaftes Weinen, das alle Tore verschlossen findet.
»Und das bist du,« wiederholte Angela Freydag und mühte sich in eine Ruhe hinein. »Laß den Vater nicht warten.«
»Ich?« fragte er zurück und wunderte sich nicht über das Du, das sie ihm geboten hatte. »Ich? Ein sauberer Erbe, Engel. Ein verwahrloster Abkömmling. Eine Drohne, wie alle seine Kinder, Engel, Drohnen, die ihm die Blüten leersogen, bevor sie Frucht ansetzen konnten. Und ich sein Erbe!«
»Es kommt nicht darauf an, Thomas, wie und was du warst, sondern ob du ein Erbe sein wirst!«
»Nein, ich bin kein Erbe. Nein, ich bin kein Erbe,« wiederholte er in gleichmäßigem Tone. »Ich war es einmal, als ich sein Kind war. Sein geliebtes Kind, wie wir alle. Das ist lange her. Das ist so lange her, wie ich Antoniens Mann wurde. Habe ich ›Mann‹ gesagt? Der Tote mög' es mir verzeihen. Ihr Aushängeschild, ihr durchlöchertes, ausgehöhltes, von meinem Spott überkleistertes. Und ich hatte doch auch den Namen geerbt, den Namen Vanderwelt, und ließ ihn von Affen- und Narrenhänden durchlöchern und aushöhlen. Ich, ich, der Erbe.«
»Wenn des Vaters Geist noch im Hause weilt,« sagte Angela Freydag und schloß die Augen, um den aufquellenden Schmerz um ihren Toten zu bändigen, »so wird ihm die Einkehr des Sohnes ein Trost im Ausgang sein.«
»Einkehr? Halte ich Einkehr, Engel? Ich bringe Schmutztapfen ins Haus, und in dieser Abschiedsstunde sehe ich sie mit einer Deutlichkeit, wie ich sie noch nie gesehen habe. Das ist alles.«
»Nein, das ist der Anfang.«
»Es ist das Ende. Auch das Ende hat einen Anfang. Und der Anfang liegt in den Schmutztapfen, die jetzt so sichtbar werden, weil der Schatten des Vaters sie nicht mehr verdeckt.«
»Es soll wahr sein, Thomas,« sagte die Frau. »Des Vaters Licht leuchtet nicht mehr und wirft auch keine verhüllenden Schatten mehr. Nimm die Erbschaft an dieser Stelle auf. Laß sein Licht das deine entzünden und zu einer Flamme anfachen, in deren Schatten das Vergangene verdunkelt wird, abstirbt und vergeht. Und nun komm zu ihm.«
»Es ist ja alles zu spät,« murmelte Thomas Vanderwelt und folgte ihr dennoch.
Droben aber, in Kornelius Vanderwelts Schlafgemach, warf er sich über des Vaters Bett und umklammerte ihn mit Armen und Händen. Und als er Angela Freydags schmerzstillende Hände über seinen Nacken gleiten fühlte, wurden ihm die Pforten aufgetan und ein wildes Sohnesweinen brach hervor, überstürzte die Dämme und gelangte in den ruhiger fließenden Strom allen Geschehens.
Unten schlug die Glocke der Haustür an. Angela Freydag richtete den stiller Schluchzenden auf.
»Es ist der Arzt, Thomas. Ich rief ihn an, als ich dich anrief. Vergiß nicht, daß unser Schmerz uns allein gehört.«
Und sie ging hinab, öffnete und kehrte mit dem Arzt zurück.
Thomas Vanderwelt empfing ihn mit einer stummen Verneigung. Und der Arzt trat ans Bett und neigte sich über den Toten. Als er sich wieder erhob, blickten seine Augen ernst.
»Es war ein Herzschlag,« sagte er so leise, als fürchte er, die Erhabenheit des Todes zu stören. »Eine Überspannung der Nerven. Ein Übermaß von Kräften dagegen angesetzt. Das Herz mußte es zahlen.«
Mein Herz, hämmerte es hinter Angela Freydags Stirn, mein -- mein Herz. Mit seinem Tode noch gab er es mir allein.
Sein Herz, schrie es in Thomas Vanderwelt auf. Er gab es mir, und ich ließ es wegen eines Zunders verkommen.
Der Arzt drückte ihnen die Hand. Er ging zur Tür und fragte flüsternd, wo er den Totenschein ausstellen dürfe. Und Angela Freydag geleitete ihn die Treppe hinab und verharrte schweigend hinter seinem Stuhl, während er an Kornelius Vanderwelts Schreibtisch saß und das Papier ausfüllte.
Wieder betrat sie das Sterbegemach, und Thomas Vanderwelt saß am Bette des Vaters und hielt mit seinen fiebrigen Händen die kalten umspannt. Als sie seine Schulter berührte, sah er kaum auf.
»Du mußt mich jetzt eine Weile mit ihm allein lassen, Thomas. Es ist Morgen geworden, und die anderen sollen ihn nur in der Verklärung sehen.«
»Die anderen. Ach ja, da gibt es noch die anderen. Darf ich nicht helfen, Engel?«
»Es ist Frauensache, Thomas. Und du wirst es verstehen.«
Er erhob sich schwerfällig, stand vor ihr und suchte in seinem Hirn nach einem Wort.
»Es ist Sache der Liebe, Engel,« und er ging mit müden Schritten hinaus, die Treppe hinab und in das Arbeitszimmer seines Vaters. Am Schreibtisch saß er nieder, horchte eine Zeitlang ins Leere und ließ den Kopf auf die Arme sinken, die kraftlos über der Tischplatte lagen.
Mit mühsam verhaltenem Atem hatte Angela Freydag den Schritten gelauscht, die sich weiter und weiter entfernten und verhallten. Jetzt wandte sie langsam den Kopf. Nach ihm. Ihre Füße bewegten sich. Ihre Knie stießen an das Bett. Und sie ließ sich in die Knie sinken und wühlte ihren Kopf in die Kissen, die sein Haupt trugen.
»Dank, Dank, Dank!« Und immer wieder dasselbe Wort, und kein anderes wußte sie.
Wange an Wange lag sie mit ihm, und die Zeit rann dahin, und die Sonnenstrahlen kamen und kränzten sie beide.
»Dank, Dank, Dank, Kornelius.« -- -- --
Die Sonnenstrahlen liefen über ihre Stirn und flirrten über ihre Augen. Es ist Tag, dachte sie wie aus einem Erwachen heraus, und es war bei ihm und mit ihm kein Tag, der leer war. Bis die anderen ihr Anrecht bewiesen haben, habe ich dein Erbe zu verwalten.
Beide Hände legte sie ihm um die Schläfen und starrte ihm in das stillgewordene Kämpferantlitz. Immer näher kam ihm ihr zuckendes Gesicht. Und dann preßte sich ihr heißer Mund auf seine kalten Lippen, als könnten sie sie erwärmen, als könnten sie sie mit glühendem Leben füllen, mit hinreißendem Lachen und dem Glücksjubel, den nur Kornelius Vanderwelt gekannt hatte.
»Du! Du! Ich bin nur hiergeblieben, weil du noch hier sein mußt. Weil das Tagewerk noch nicht zu Ende ist. Weil dein Name noch gesichert werden muß in deinem Fleisch und Blut. Nicht meinetwegen, Kornelius, nein, das weißt du besser. Ich bin nur dein ander Teil. Aber es wird ausreichen, dein Tagewerk zu Ende zu führen. Das schwör' ich dir.«
Sie löste sich von seinen Lippen und stand in der Sonne des Morgens. Einen gurgelnden Atemzug tat sie noch, und dann blickte sie mit weit sich öffnenden Augen in den Tag und schritt hinein.
Mit Frauenhänden, die voll starker Liebe waren, wusch sie des Toten Antlitz, Brust und Hände, strich sie ihm sorgsam das Haar, bettete sie ihn in frische Kissen. So lange war ich wie sein Kind und mehr, dachte sie. Nun ist er das meine -- und mehr.
Durch die geöffneten Fenster flutete die Frühsommersonne wie eine Woge, und Kornelius Vanderwelt lag in der Woge mit lächelndem Mund. Denn er wußte, daß es die Liebe war. --
Als Angela Freydag in Ergriffenheit das Arbeitszimmer betrat, fand sie Thomas schlafend. Sie trat leise hinter ihn und betrachtete ihn lange und gewahrte, was ihr früher nie so sehr zum Bewußtsein gekommen war, daß er die Gestalt des Vaters hatte, etwas hagerer nur vom unzweckmäßigen Leben, und denselben schmalen Schädel mit der breitgelagerten Stirn. Sie preßte die Lippen, als die Bilder des Vergleichs sich drängten. Wie eine Bitterkeit kam es über sie. Denn der dort oben im ewigen Schlafe lag, schien ihr im Tode noch um ein Vielfaches größer und stärker als der Namenserbe, der sich hier unten zurückschlief in das Leben des Tages.
Sie rührte ihn an, und er erwachte.
»Nicht böse sein, Engel. Es warf mich hin. Das traurige Geschäft schon erledigt? Ich weiß es wohl, an dem Punkte, an dem die Männer ermüden, erwachen die Frauen. Nur daß es so wenig Frauen gibt wie Männer.«
»Es liegt in der Macht eines jeden einzelnen, es zu ändern, Thomas. Und du hast nun ein einzelner zu werden.«
»Ich -- habe? Weshalb nennst du mich seit dieser Nacht ›Du‹, Engel?«
»Weshalb?« Ihre Stimme wurde so hart, daß er betroffen zu ihr aufschaute. »Weil ich das Vertrauen in dich setze, Kornelius Vanderwelts Nachfolger zu werden. Hüte es, Thomas.«
Über den Grund ihrer Augen sprang ein Blitz. Für Sekunden legte sie die Hand darüber hin, als schmerze sie das Licht. Und mit ihrer ruhig schwingenden Stimme sprach sie weiter.
»Geh jetzt, Thomas, und hole Juliane her und deine Frau und die beiden Jungen. Präg' ihnen ein, sie sollten hier keinerlei Lärm erheben, denn der Lebende hätte ihn nie in seinem Hause geduldet, und sein Wille sollte heiliggehalten werden. Kommt gegen Mittag. Ich werde inzwischen den Sarg bestellen, und am Abend wollen wir den Vater in aller Stille in die Friedhofkapelle überführen.«
»In aller Stille, Engel? Soll auch die Beisetzung in aller Stille erfolgen?«
»Ich möchte dich bitten, deiner Schwester gegenüber, wenn es sich als nötig erweisen sollte, ein Machtwort zu sprechen. Dein Vater hat, wie alle überragenden Naturen, für seine Größe Zahlungen leisten müssen. Als er um Justus und Julianes wegen für den Bestand seines Hauses kämpfen und sich beschränken mußte, wurde ihm seine frühere Überlegenheit als Überheblichkeit und seine frühere Freigebigkeit als Verschwendungssucht angerechnet. Das ist nun einmal der kaufmännische Brauch, und er mag meisthin seine Berechtigung haben. Aber ich fürchte, dein Vater würde aus dem Sarge hinaus sein unfeierlichstes Lachen erschallen lassen, wenn er alle die Abwendigen als feierliches Trauergeleit verspürte.«
»Ja, Engel,« sagte Thomas Vanderwelt, nahm ihre Hand und beugte sich über sie. Und wie sie ihm durch die Fensterscheiben nachblickte, sah sie, daß er aufrecht und gesammelten Blickes über die Straße schritt.
Als sie dem Mädchen eingeschärft hatte, keinem die Tür zu öffnen, wer es auch sei, ging auch sie in die Stadt hinein und wählte die letzte Behausung für den stillen Gefährten und ließ den eichenen Sarg in die Wohnung schaffen. Bei der Rückkehr fand sie eine Gestalt im Garten vor. Wie ein abenteuerliches Wesen stand die Vierschrötigkeit des Matthes im schwarzen, altväterlichen Leibrock vor ihren Augen.
»Sie gestatten, Madam. Er war mein Freund. Schon aus unseren Seemannstagen her. Auf keinen bin ich so verdammt stolz gewesen wie auf den Kornelius. Sie gestatten deshalb, Madam.«
»~Was~ soll ich gestatten?« fragte Angela Freydag zurück.
»Daß ich ihn noch mal zu sehen kriegen darf. Nur auf so lang, daß ich ihm ›Auf Wiedersehen‹ sagen kann. Nichts für ungut, Madam, aber er war doch nun mal mein Freund.«
»Kommen Sie,« sagte Angela Freydag und schritt ihm in seltsamer Erregtheit voran.
Der Mann stand vor dem Entschlafenen. Seine schweren Finger drehten den Rand des Trauerhutes. Seine Kiefern bewegten sich, formten an einem Wort, stießen es endlich heraus.
»Kornelius ... verdammt noch mal ... Kornelius -- --«
Die Augäpfel quollen ihm. Aber er hielt stand und ließ keinen Ton mehr zwischen den Zähnen durch.
Es war ein Scharren und Schieben auf der Treppe. Die Leute brachten den Sarg, und Angela Freydag ging hinaus und gebot ihnen, ihn vor dem Sterbezimmer niederzustellen. Als sie in das Zimmer zurücktrat, fand sie den Matthes unbeweglich vor dem Toten.
Für eine Sekunde suchte sie sein Auge. Und sie sah in dem Auge des grobgearteten Menschen einen Schein aufleuchten, der wie ein Abschiednehmen war von der Jugend. Auch diesem Rohen war er das Erinnerungsbild aller Freude und Frohheit, dachte sie. Selbst diesem. Der Dank wird dich freuen, Kornelius.
»Sie sollen mir helfen,« sagte sie, »Ihrem Freunde den letzten Dienst zu erweisen. Wir wollen ihn zusammen in den Sarg legen.«
Der Mann wandte langsam den Kopf. Er glaubte, nicht recht verstanden zu haben.
»Sprachen Sie zu mir, Madam?«
»Ich sprach zu Ihnen,« und sie wiederholte ihre Worte und wartete auf seine Antwort.
Der Mann stellte seinen Trauerhut auf den Boden. Seine Hände zitterten ein wenig.
»Das vergess' ich Ihnen nicht, Madam. Die Ehre nicht. Obwohl ich glaub', der Kornelius Vanderwelt hätt' sich auch bei mir nicht gescheut und keinen Unterschied gekannt. Ich steh' zu Ihren Diensten.«
Sie trugen gemeinsam den Sarg vom Vorflur ins Zimmer, und der Mann sah bewundernd auf die Muskelkraft der Frau. Und Angela Freydag breitete ein weiches Bett in die letzte Lagerstatt, die sie auf eine teppichbehangene Bank gehoben hatten, und glättete mit den Fingerspitzen wieder und wieder das Kissen. Dann streckte sie den Körper und schritt ruhig auf den Toten zu, bettete ihn an ihr Herz und trug ihn mit starken Armen, während der Helfer den Arm unter des Freundes Knie hielt wie eine eiserne Stange.
Ausgestreckt lag Kornelius Vanderwelt in seinem letzten Bett und lächelte sie an. Seine vergangene Jugend in dem Mann und seine Ewigkeitsjugend in der Frau. Und Angela Freydag fühlte seinen Gruß.
Der Matthes hatte seinen Hut vom Fußboden aufgenommen und war mit einem Kopfnicken hinausgegangen. Sie hörte, wie die Haustür hinter ihm ins Schloß fiel. Und sie breitete eine Decke über die Füße des Toten, trug einen Stuhl heran und setzte sich in stummer Zwiesprache zu ihm. Kein Ohr vernahm sie.
So fand sie Thomas, der mit Juliane und Antonie und den beiden Knaben um die Mittagszeit das Zimmer betrat.
Die Frauen trugen ihre Trauergewänder mit einer leidvollen Anmut. Die feinmaschigen Schleier gaben den Gesichtern den Ton der Blässe, doch schweiften unter dem Gewebe die Augen Julianens forschend umher, während das Gefunkel in Antoniens Blicken von scheuem Schrecken gedämpft wurde.
Angela Freydag schlug die Augen zu ihnen auf. Jetzt erst wurde sie inne, daß sie ihr Alltagskleid noch nicht getauscht, daß sie die äußeren Zeichen der Trauer noch nicht angelegt hatte. Sie erwiderte die geflüsterte Begrüßung der Frauen durch ein Neigen des Kopfes und streckte den beiden Knaben die Hände entgegen.
»Guten Morgen, Tante Engel,« sagten die Knaben leise und schmiegten sich trostsuchend an sie.
»Ihr kommt, um euch vom Großvater zu verabschieden?« fragte sie still und freundlich. Und sie nahm sie bei den Händen und führte sie an das Kopfende des aufgebahrten Sarges. »Prägt euch sein Bild ein, Martin und Nikolaus. Kein besserer, kein tapferer und ritterlicherer Mann hat je gelebt.«