Part 12
Mit unhörbaren Schritten ging sie von einem der alten Möbelstücke zum anderen, verharrte ein paar Herzschläge lang, ließ ihre Hände darüber gleiten und ging unhörbar weiter, von den Möbeln zu den Bildern an den Wänden, von einem zum anderen, verharrte, hob die Hände und streichelte darüber hin.
Jetzt wandte sie sich nach ihm um. Ein Lächeln kehrte aus weiter Ferne auf ihre Lippen zurück.
»Es hat sich nichts verändert, während ich fort war, Kornelius. Nichts.«
»Nur ich habe graue Haare bekommen, Angela.«
»Ich glaub' es nicht.«
»Und die Gicht vom Saufen.«
»Nun brauchst du es nicht mehr zu tun.«
Er stand vor ihr, und unter seinem Blick reckte sie sich langsam und unwillkürlich in den Schultern.
»Jetzt ist die Reihe an mir, Ausschau und Einschau zu halten, Angela-Engel. In Köln tat ich es nur blindlings, auf der Fahrt halb träumend. Das also -- das ist die Wirklichkeit.«
Er trat näher, und sie rührte sich nicht. Ihr Blick lag in dem seinen. Nur ihre Brust atmete schneller.
»Es sind dieselben Augen,« murmelte er, »dieselbe Tiefe und Furchtlosigkeit, nur das Grau ist stählerner geworden, und Stahl blitzt am stärksten, wenn er tötet.«
»Nur was dir feind ist, Kornelius.«
»Deine Stirn ist wie eine Kuppel der Klugheit geworden, die schöne gerade Nase wie ein Ausrufungszeichen deines Willens, dein blutroter Mund spricht von Liebe und Verachtung.«
»Er verachtet die Schwächlinge, die es dir gleichtun möchten.«
»Wie wunderbar stolz die Liebe spricht. Laß mich weiter sehen. Es ist noch so vieles. Ich sehe deinen lieben, schlanken Leib, und starkes Frauentum schwellt königlich, was einmal scheues Mädchentum war. Ich sehe deine liebe, geliebte Brust, und ich bebe vor Freude. Und ich sehe deine schlanken Füße und deine noch schlankeren Hände, die ich über alles liebe, weil sie Leidenschaften entflammen und seligkühlende Ruhe ausströmen lassen können. Aus den Saiten des Flügels und den unsichtbaren der Seele. Ich sehe Angela Freydag, wie sie war und wie sie ist, und nichts hat sich verändert, als daß die Gewißheit des Weibes das Versprechen des Mädchens übertrifft.«
»Und -- meine Seele -- --?«
»Ich halte Angela Freydags Seele seit einem Dutzend Jahren in den Händen und habe sie keinen Atemzug lang losgelassen. Es ist eine Seele, die keine Veränderungen kennt. Ein Zweifel wäre ein Frevel. Sieh selber nach.«
Und er breitete die Arme aus, und sie warf sich hinein.
»Engel, mein Engel. Ich weiß es, du wirst immer wieder kommen.«
»Ich habe dich nicht eine Sekunde lang verlassen,« stieß sie hervor, hob ihr Gesicht und zog das seine hernieder.
In die lange Stille schlug eine Uhr. Sie horchte in seinen Armen auf, und er gewahrte es.
»Sie schlägt nicht für dich und nicht für mich. Heute ist Feiertag.«
»Sie schlug,« sagte sie nachsinnend, »als du mich zum erstenmal in deinem Hause zur Ruhe brachtest. Hier an diesem Tische gabst du dem ausgehungerten Mädel zu essen und zu trinken.«
Er stutzte, ließ sie aus seinen Armen los und lachte sie an wie ein ertappter Junge.
»Angela! Engel! Und heute laß ich dich verhungern und verdürsten. Das ist Mannesart. Um vier Uhr wirst du aufgestanden sein. Ohne Frühstück? Ah, einen Apfel. Am Bahnhof in der Morgenkühle eine halbe Stunde auf den herrlichsten der Liebhaber gewartet. Gut. Weniger gut, daß dich der herrlichste der Liebhaber zwei Stunden in wilder Wagenfahrt durch die Lande führt und dir am Ziele ein Schock Küsse anbietet statt eines festlichen Mahles. Setz' dich nieder und denk nach Frauenart: ›es ist nur die erste Enttäuschung‹. In zwei Minuten soll im Speisezimmer das Frühstück aufmarschiert stehen.«
»Kornelius -- bitte hier, bei dir, wie damals -- --«
»Dein Wunsch ist mein Wunsch, Engel,« und er ging zur Tür.
»Kornelius!«
Er wandte sich um, und sie winkte ihm mit den Augen, noch einmal zu ihr zurückzukommen.
»Ich möchte doch lieber noch einen Kuß von dir haben, Kornelius.«
Und die feierliche Getragenheit der Liebesbekenntnisse ernster Menschen ging unter im lebendigen Leben.
Das Hausmädchen kam auf Kornelius Vanderwelts Anruf, grüßte freundlich und deckte den Tisch im Arbeitszimmer.
»Unsere liebe Verwandte, Fräulein Freydag, wird längere Zeit bei uns bleiben, Martha. Sorgen Sie nach besten Kräften, daß sie sich wohl fühlt.«
Das Mädchen knixte vor dem Gast, der ihr die Hand entgegenstreckte, und ging.
»Kein Mensch auf der Erde ist mir so nahe verwandt wie du. Es war keine Unwahrheit, Angela.«
Sie saßen hungrig und durstig am Frühstückstisch und langten zu. Wie gesunde Menschen, die dem Tage geben, was des Tages ist. Nur daß der eine den anderen zu bedienen suchte und ein Wettstreit entstand, den anderen nicht hungern zu lassen. Dann nannte Angela Freydag den Namen Fräulein Bilsenbachs, die Namen der Kinder.
»Später, später. Wenn es dir recht ist, kann das Mädchen abräumen.«
»Ich fragte nur jetzt schon, weil ich glaubte, du müßtest zum Hafen hinaus.«
»Sagte ich dir nicht, du liebe Sorgerin, daß heute Festtag ist? Wir werden noch genug vom Alltag mitbekommen. Aber ich will deine Sorge beschwichtigen.«
Er nahm den Hörer des Fernsprechers auf, nannte dem Amt die Nummer.
»Schon zur Stelle, Beckenried? Ach, Sie alter Prahlhans, diesmal war ich früher auf den Beinen, wenn darin die geistige Überlegenheit steckt. Was liegt vor? So, so. Aber ich habe heute Wichtigeres, und an der Schifferbörse können sich heute einmal unsere jungen Leute die Sporen verdienen. Ja, ja, ich meine die Herren Klaus und Thomas, die viellieben Schwäger. Was? Wenn sie's nicht können, sollen sie's lernen. Deshalb schicke ich sie ja hin. Und den Rest werden Sie mit gewohnter Umsicht erledigen. Auf morgen, Beckenried.«
»Klaus und Thomas? Die viellieben Schwäger?« fragte Angela Freydag.
»Später, später.« Und Kornelius Vanderwelt öffnete die Tür zum Musikzimmer. »Tritt in dein Reich, Angela.«
Wie mit gefesselten Füßen trat sie ein. Und dann eilte sie auf den Flügel zu, legte beide Hände auf den Deckel, preßte das Kinn auf den Notenhalter und starrte geradeaus.
Von der Wand grüßte in unvergänglicher Schöne Hans Deiters' Meisterbild »Der Reigen«, aus edlen Frauenkörpern gewoben. Leise zog Kornelius Vanderwelt hinter ihrem Alleinsein die Tür ins Schloß.
Jetzt wandte sie über die Schulter den Kopf nach ihm. »Komm,« baten ihre Augen.
Er trat hinter sie und legte den Arm um sie. Die Hände auf den Flügeldeckel gestemmt, drückte sie sich tief in den Arm hinein.
»Hier habe ich dich mir erobert, Kornelius. Und konnte nichts gegen jetzt.«
»Wir sind beide gereift, Angela. Vielleicht auch in den Ansprüchen aufeinander. Nenn' du mir dein Wachstum.«
»In der Liebe zu dir! Darin liegt es, darin! In der Liebe zu dir! Damit ist alles gesagt.«
»Wenn ich mir,« sagte Kornelius Vanderwelt ernst, »nach Ansicht meiner Mitbürger ein paar Verdienste erworben haben sollte, so habe ich heute den Lohn erhalten.«
Sie schüttelte heftig den Kopf. In ihre Stirn grub sich, wie in Mädchentagen, die steile Furche.
»Nein, nein. Was dir die Allgemeinheit schuldet, ist ihre Sache und geht mich nichts an. Es ist dein Stolz, der dich bescheiden macht. Und er macht mich mit dir stolz. Aber was ~ich~ dir schulde, Kornelius -- ach, mir ist die Seele zum Überlaufen voll, und die Frau sucht vergebens nach Worten, die es dir rückhaltlos aussprechen könnten und sie doch nicht beschämen, und die Künstlerin kommt sich neben der Frau ganz armselig vor, daß sie auch ein Wort sagen möchte und das doch in dieser Stunde so nebensächlich ist, wie draußen das Wetter.«
»Wie stark und leidenschaftlich du geworden bist, Angela?«
»Geworden? Bin ich es geworden? Ich bin das geworden, wozu du mich geformt hast. Und nun bin ich nichts als der Dank.«
»Meine alte, junge, ewig gleiche Angela. Das ist das Frauenwunder, das wir anstaunen und doch nichts anderes ist, als die Wahrhaftigkeit der Seltenen.«
»Heb' mich nicht zu hoch, Kornelius. Meine Füße stehen so fest auf der Erde, daß ich die Erde treten kann, wenn ich es will. Und ich will es, wenn du es willst. Wenn sie uns von unseren Höhen herunterholen wollen, Kornelius.«
Er strich ihr leise und glättend über das strenggewordene Gesicht, und sie erhaschte die Hand und drückte sie gegen ihren Mund.
»Setz' dich nieder, Engel. Hier auf die alte Kirchenbank, auf der wir so oft aneinandergerückt saßen, wenn wir vierhändig ein Werk der Meister spielten. Heute brauchen die Tasten nicht zu tönen. Heute ist so viel Gesang in uns selber, daß wir das Handwerkszeug ruhen lassen können. Sitzt du gut? Lehn' dich nur fest mit der Schulter an. Heute brauchen wir keine Geheimnisse mehr voreinander zu bewahren.«
In die alte Kirchenbank geschmiegt, saßen sie Schulter an Schulter und ließen die Minuten rinnen, als wäre der gemeinsame Quell ihrer Stunden unversieglich. Weil ihr Blut ineinanderrann.
»Wachst du noch, Kornelius?« fragte Angelas Stimme mit einem schlummermüden Ton.
»Ich höre dir ununterbrochen zu. Erzähle nur weiter, Engel.«
»Ich habe ja gar nicht gesprochen, du. Du hast zu mir gesprochen, und ich habe kein Wort überhört.«
»Dann, Engel, ist jetzt die Reihe an dir. Und ich will schweigen wie ein Stummer.«
Eine Weile besann sie sich. Dann war sie wieder in der Welt.
»Ich werde kein Wörtchen überschlagen, wenn du es für wert genug hältst. Aber vorher sprich mir von deinen Kindern, von Fräulein Bilsenbach, von deiner Umwelt hier, damit ich weiß, wo ich gehe und stehe, wenn sie kommen werden.«
»Fräulein Bilsenbach wird nicht mehr kommen, Angela. Sie ist immer geräuschloser geworden in den langen, heftigen Jahren, und ich habe sie bei der Hand gehalten, als sie im letzten Sommer starb.«
Angela Freydag saß, ohne sich zu regen, Schulter an Schulter mit dem berichterstattenden Manne. Hinter ihrer Stirn arbeiteten die Gedanken und woben das Bild des einsam gealterten Fräuleins aus den Erinnerungen.
»Sie hatte einen Lohn zu beanspruchen für so viel Unausgesprochenes, Kornelius. Du hast ihn ihr ohne Zögern ausbezahlt. Als du sie vor der schwarzen Pforte bei der Hand nahmst und ihr die letzten Schritte so leicht machtest, daß sie ein Leben aufwogen.«
»Woher weißt du das, Angela?« fragte er erstaunt. »Wie kannst du das wissen?«
»Ich weiß es, weil ich eine Frau bin und weil ich mich nicht fürchte, es auszusprechen. Auch ich würde dich lieben, wenn ich alt geworden wäre und hätte dich jahraus, jahrein vor Augen gehabt. Wie du mich in deinem Alter noch lieben wirst, wenn du keinen Makel an mir gefunden hast. So hat dich die einsame Seele des gealterten Fräuleins geliebt, und es ist nicht lächerlich.«
»Nein,« sagte Kornelius Vanderwelt, »es ist nicht lächerlich. Liebe ist mehr, als Jugend weiß.«
»Nun sprich mir von der Jugend,« bat Angela Freydag freundlich, »von deinen Kindern, Kornelius.«
Kornelius Vanderwelt legte die Hand um die Stirn. Unbewußt preßte er sie zwischen den Fingern, daß sie schmerzte.
»Von meinen Kindern, Angela ... Ganz recht, von meinen Kindern. Ja, wo soll ich da beginnen und wo enden ... Es sind keine Kinder mehr, Engel, und es gibt Zeiten, in denen ich mich wundere, daß sie einmal meine Kinder gewesen sein sollen. Nicht, als ob ich meine Liebe von ihnen abgezogen hätte. Liebe ist vielleicht ein falsches Wort und müßte mit Naturtrieb übersetzt werden. Es ist der natürliche Trieb, der das eigene Blut wittert und sich dagegen aufbäumt, es vor die Hunde gehen zu lassen.«
Ihre Hand tastete sich in die seine, zog sie von der Stirn, legte sie auf ihr Knie und hielt sie fest.
»Liebe ...« wiederholte er, und die Wallung seiner Pulse wurde ruhig unter ihren kühlenden Händen. »Ich habe so viel Liebe in mir, daß ich meine Kinder lebenslang reich damit machen könnte. Aber Liebe will erwidert, gewünscht und gewartet sein. Wir sind nicht alle so anspruchslos wie ein Fräulein Bilsenbach. Nun wohl, Angela, meine Kinder hatten recht frühzeitig schon das, was sie für Liebe hielten, für sich selber nötig und ihren mehr oder weniger ergötzlichen Zeitvertreib. Juliane und Thomas, dein besonderer Freund, wurden hintereinander kriegsgetraut. Juliane mit achtzehn Lenzen. Thomas in der stolzen Mündigkeit seiner einundzwanzig Jahre. Nach neun Monaten pünktlich waren sie Mutter und Vater. Jeder von einem munteren Jungen. Jetzt sind die Jungen fünf Jahre alt.«
»Wie meinst du, Angela? Ja so, ich habe die Partner vergessen. Julianes glücklicher Ehegatte ist Klaus Beckenried. Der Sohn meines knochentrockenen Geschäftsführers. Geschäftstüchtig wie sein Vater. Infolge des Altersunterschiedes natürlich noch mit einigen Sehnsuchtsbildern behaftet, die der alte Beckenried längst zum alten Eisen geworfen hat und die, wie ich fürchte, der junge in nicht allzu langer Zeit auf denselben Kehrichthaufen werfen wird. Bleibt der Thomas. Des Thomas glückliche Ehegattin ist Antonie Ausdemwerth, die Schulfreundin der Juliane. Ich weiß Schönheit zu schätzen, und ich sehe mit Männeraugen, daß das Frauenzimmer schön ist wie ein lockender Apfel, fallreif. Aber sie ist immer fallreif, und es lungern viele unterm Apfelbaum.«
Er schwieg, und dann lachte er hart vor sich hin.
»Meine zornmütige Angela wird denken, die Schwiegerkinder wären die schwarzen und meine eigenen Kinder die weißen Schafe. Ach, Engel, es ist nicht so, und wenn ich eine Mohrenwäsche vornähme. Möglich, daß der junge Beckenried, übrigens ein Mann von einigen dreißig Jahren, zu früh die leuchtende Hochzeitsweste ausgezogen und sich vom sparsamen Blut der Beckenrieds erwiesen hat. Zu früh für eine Frau von der Großdamenhaftigkeit einer Juliane. Sie braucht das Geld, wie andere die Luft zum Atmen brauchen, und wenn man es ihrer eitlen Putzsucht vorenthält, so verschafft sie es sich, ohne wählerisch zu sein. Und ich weiß wirklich nicht, was ich mehr verabscheuen soll: die kühle Berechnung, aus der sie es tut, oder das geile Sündenblut der Antonie.«
»Damit wären wir beim Thomas, Engel, den du mir immer am ähnlichsten fandest. Darin, daß er das heimliche Allerweltsdirnchen nicht auf die Straße warf, nach der sie doch verlangt, darin ähnelt er mir wohl am wenigsten. Und ebensowenig, daß er aus seiner Schlaffheit eine Art Sportbelustigung macht, jeden Schritt vom Wege bei seiner Frau vorhersieht, ihn mit der Gründlichkeit und Ausdauer eines Forschers verfolgt, zergliedert und zerlegt und sich höchlichst ergötzt fühlt, wie ein Sieger und Triumphator über die in der eigenen Falle Gefangene frohlocken zu können.«
»Du siehst, Angela, die Beichte war aufrichtig und vollkommen, und nun ist mir der Mund trocken.«
»Der Thomas«, sagte Angela Freydag, »weiß nicht ein und aus. Weil er noch als Junge in die Ehe gegangen ist und sich vom Zeitgeist hat vorpredigen lassen, die Freizügigkeit von Mann und Frau gehörte zum guten Ton und wäre ein Erkennungsmerkmal der Freigewordenen. Laß ihn aus dieser Zeit und ihrem billigen Geist hinauswachsen, und er wird den Abscheu empfinden wie du und der Sohn des Vaters werden.«
»Wie schön ist meine Angela in ihrer Milde.«
»Weshalb verspottest du mich, Kornelius? Ich kenne doch die Quelle des Vanderweltschen Blutes, ich kenne doch dich. Und da soll ich glauben, das Wasser der Bäche tauge nichts? Wind und Wetter können es getrübt, können es sogar verschlammt haben, aber das klärt sich, wenn die warme Sonne wieder scheint. Es war viel Wind und Wetter in Deutschland.«
»Ich verspotte dich nicht. Ich muß nur immer wiederholen: wie schön ist meine Angela in ihrer Milde.«
Ihre Augen färbten sich dunkel. Über den tiefen Grund liefen leuchtende Funken.
»Ich hatte es als Spott empfunden. Du bist erfahrener als ich in allen Dingen, und der Spott wird bei dir zum Lächeln und Belächeln. Ich bin noch nicht so weit wie du, und es ist gewiß Frauenart, daß wir hassen, was ihr mit einem Lächeln abtut. Kornelius, du sagtest mir einmal, mit einem Ziegelstein schlügst du den Menschen tot, der nach mir schielte, und wenn du ihm nach bis Australien müßtest. Und da hältst du mich für kleiner, obwohl ich inzwischen um einen Fuß gewachsen sein soll? Ich bin so milde, Kornelius, daß ich jeden, der dich oder deinen Namen beleidigen möchte, mit diesen Händen zerreißen würde.«
Er griff nach ihren Händen, die sie in Erregung schüttelte, und zog sie an seine Lippen.
»Glücklicher Kornelius Vanderwelt.«
Sie sah ihn an. Und als sie sah, daß der Ernst aus ihm sprach, legte sie den Kopf ruhig an seine Brust.
»Wohnt Thomas nicht mehr im Hause? Und Juliane?«
»Thomas haust in der Wohnung seiner Frau, die bei ihrer törichten Mutter lebt. Und Juliane ist von ihrem zürnenden Mann in das Haus des Vaters Beckenried verbracht worden, damit ihre Geldangelegenheiten unter doppelter Aufsicht stehen. Mögen sie sich zurechtfinden. Wie man sich bettet, so muß man liegen.«
»Welchen Beruf haben die Männer? Können sie ihre Frauen mit ihrer Arbeit ernähren?«
»Ach, Engel, sie haben den Beruf, meine Geschäftsnachfolger zu werden. Das ist vielleicht nicht der schlechteste Beruf. Sie arbeiten auf meinem Kontor und gehen heute zum erstenmal auf die Schifferbörse, um die Flagge des Hauses Vanderwelt zu zeigen. Ob aber ihre Arbeit ausreicht, um ihre Frauen zu ernähren, das glaube ich nie und nimmer.«
»Und wenn du ihr Gehalt steigertest, Kornelius?«
»So würden ihre Frauen ihre Forderungen an die Männer um das Dreifache steigern. Ausprobiert, Angela.«
Sie ließ den Gesprächsstoff fallen. Sie fühlte, daß sein Stolz mehr litt, als er zeigte. Nur eine Frage wagte sie noch.
»Und Justus? Du sprachst mir noch nicht von deinem Ältesten, Kornelius.«
»Ja, Justus -- --. Es wär' mir lieb, ich erführe selber mehr von ihm. Du weißt es, er hatte einen hochfahrenden Sinn. Aber in guten Zeiten wäre bei seinen raschen Aufnahmefähigkeiten wohl ein Großer aus ihm geworden, wenn auch ein herrischer. Für die schlechten Zeiten aber war seine Anschauungswelt nicht gewappnet, und der Ausgang des Krieges hat ihn zu einem Zerrissenen gemacht, der bald hier, bald dort, wo in den Ostländern um Rußland herum eine Flamme auflodert, dabei sein muß, um zu versuchen, sich und die Welt wieder zusammenzuflicken.«
»Er schreibt dir wenig?«
»Zuweilen wie ein Held, zuweilen wie ein Verzweifelter. Das ist heute die marktgängige Mischung unter den Entwurzelten, die so leicht das, was dem Vaterland frommt, mit dem, was ihnen selber frommen würde, verwechseln und darum keine Geduld und keinen Blick für den ›Wechsel auf Sicht‹ haben.«
»Hilfst du ihm, wenn er ruft?«
»Fragt das meine Angela?«
»Verzeih mir,« bettelte sie, »es war nur ein Vergreifen im Wort. Ich wollte fragen, ob er dich zur Hilfe ruft.«
»Der Held nie. Der Verzweifelte immer. Dann fragt der Vater nicht lange, ob es zu vaterländischen Zwecken oder zu eigenen geschieht, und er hilft. Ich sagte dir schon, es ist der Naturtrieb, der das eigene Blut wittert.«
Sie strich ihm mit den Fingern durch das Haar. Hin und her, her und hin.
»Nicht böse sein, Kornelius, daß ich dir diesmal nicht glaube. Nein, nicht böse sein. Dein Naturtrieb ist ja die Güte. Das hab' ich ja an mir selbst verspürt, als ich hageres und mageres Menschlein durch den Straßenschmutz zu dir kam. Alle starken Menschen sind gütige Menschen, sonst gäb's ja keinen Weg zu ihrer Welt. Und dein Sohn Justus brauchte nicht dein Sohn und könnte ein Niemandssohn sein, und du würdest ihm helfen, wenn er dich beim rechten Namen rief.«
»Ich habe ihn mehr geliebt, als ich es aussprechen kann,« sagte Kornelius Vanderwelt leise. »Denn wie du in Thomas, so habe ich in ihm mein Ebenbild erhofft. Und nun wird meine Eitelkeit mit einem arbeitsunlustigen Landfahrer gestraft.«
»Es ist noch nicht aller Tage Abend, Kornelius.« Und sie wiederholte es: »Es ist noch nicht aller Tage Abend,« bis das Streicheln ihrer Finger alle Schwere aus seinem Haupte hinweggenommen hatte.
»Darf ich mir eine Zigarre anzünden, Engel? Du siehst, ich streiche die Jahre aus und behandle dich nicht als feierlichen Gast.«
»Das erst macht mir den Festtag, daß du mich nicht feierlich nimmst.«
»Wollen wir wieder in mein Arbeitszimmer? Komm, Engel. Feierlich, sagst du? Feierlichkeit ist der Tod der Natürlichkeit und damit aller Menschenfreude. Das hat mir als Kind den Sonntag so zuwider gemacht, daß ich im feierlichen Zuge mit zur Kirche schreiten, mit feierlichem Gesichte bei Tische sitzen, in feierlicher Haltung am Spaziergang der Erwachsenen teilnehmen mußte und was sonst noch alles. Als ob der liebe Gott gestorben wäre und nicht auf seinem Sonntagsthron aus Sonne, Mond und Sternen säße und Ausschau hielte, ob sich auch seine Menschen aus Leibeskräften über ihre Erde freuten! Rauchst du?«
Sie waren in sein Arbeitszimmer hinübergegangen, und er wies auf die Zigarrenkisten und Zigarettenschachteln. »Nun?« fragte er.
»Ich muß dir ja doch«, erwiderte sie mit rotem Kopf, »mein Laster eingestehen. Als ich durch den Ausbruch des Weltkrieges in Amerika zurückgehalten wurde, ganz besonders aber, als auch Amerika in den Krieg eintrat und wir, die ihr Deutschtum nicht verraten wollten, als Gefangene behandelt wurden, da hab' ich mir das Rauchen angewöhnt, um über das endlose Warten und das noch endlosere Wandern der Gedanken hinwegzukommen. Wenn ich rauchte, wurde es ruhiger in mir. Aber wenn du es bei einer Frau nicht gern siehst, kann ich es unterdrücken.«
»Wozu die Entschuldigungen, Engel? Wer weiß, ob du nicht mal wieder in Gefangenschaft gerätst und das Rauchen brauchst.«
Sie wählte eine Havannazigarette mit einem Tabakdeckblatt.
»Erschrick nicht zu sehr, Kornelius. Die Papierzigaretten sind mir zu verschwommen.«
Er reichte ihr Feuer und lachte ihr in die Augen.
»Ich hab's mir fast gedacht. ›Entweder -- oder!‹ lautet die Losung bei Angela Freydag. Wie schön du erröten kannst.«
Sie ließ sich in einen der tiefen Ledersessel nieder und rauchte in ruhigen Zügen. Und Kornelius Vanderwelt saß ihr gegenüber und sah durch den feinen Rauchschleier seiner Zigarre ihr Bild wie aus Nebelfernen zu ihm hinüberlangen.
»Nun bist du für deine Erzählung aus fernen Weiten in die rechte Beleuchtung gerückt. Nun erzähle du, Angela.«
»Muß ich vom Tage meines Abschieds an beginnen, Kornelius?«
Er nickte. »Seitdem du von mir gingst, Engel.«
»Ich hinterließ dir einen Brief, als ich ging. Darin schrieb dir das Mädchen sein Weshalb.«
»Der Brief des Mädchens ruht in des Mädchens alter Reisetasche, die sie mir einmal als Weihnachtsangebinde auf mein Zimmer stellte.«
Eine Weile blieb es still im Sessel Angela Freydags, und der Lauscher hörte nur einen tiefen Atemzug.
»Ich kehrte nach Köln zurück,« begann die Stimme aus der Nebelferne der Erinnerungen heraus. »Ich nahm die Stunden mit verdoppelten, mit verdreifachten Kräften auf. Ich war von dir gegangen, nein, vor mir selber davongelaufen, weil ich so stolz auf dich und deine Hinneigung zu mir war, daß ich nicht nur dein kleines Liebchen werden wollte. Denn so wäre es geworden, Kornelius.«
Diesmal war es die Lauscherin, die aus dem Sessel Kornelius Vanderwelts nur einen tiefen Atemzug vernahm.
»Der Professor nahm mich mit Freuden als seine Meisterschülerin. Das Geld, das ich mir in deinem Hause erworben hatte, reichte bei richtiger Verwendung für zwei Jahre aus. Anschaffungen zu machen, hatte ich nicht nötig. Du hattest mich zu Weihnachten und zum Geburtstag für den Alltag und die ersten Konzertreisen überreich ausgestattet. So konnte ich mich ohne Hemmungen meiner Arbeit hingeben.«
»Es war nicht ganz so leicht, wie es heute scheint. Aber du halfst mir, Kornelius. Auch wenn der Lehrer liebenswürdiger werden wollte, als der Unterricht verlangte. ›Nicht,‹ sagte ich, ›ich bin heimlich getraut. Der Mann, der mich in seinen Händen hält, kann Hufeisen zerbrechen.‹ Da beließ er es beim Unterricht.«
Kornelius Vanderwelt sprach kein Wort. Ihm fielen die Verse ein vom Reiter auf dem Bodensee. Mit keinem Gedanken hatte sein sicherer Sinn an eine Gefahr gedacht.
»Nach einem Jahre«, fuhr die Erzählerin fort, »durfte ich zum erstenmal öffentlich spielen. In einem Kurkonzert der verträumten Badestadt Honnef am Rhein. Es gelang über Erwarten. Der kunstverständige Arzt des Städtchens schrieb in seiner Besprechung von einem Licht auf einem hohen Berge. Dieses Licht wollte ich nun in die Täler der Menschen tragen. So spielte ich im folgenden Winter zum zweitenmal in Koblenz, und der verstärkte Erfolg führte mich bald nach Mainz und nach Mannheim, nach Karlsruhe und nach Basel. Damit war ich im Auslande.
»Gewiß, es war die kleine Schweiz. Aber in Zürich schon spürte ich, daß sich hier alle Völker ein Stelldichein geben, und in Lausanne und Genf vernahm ich die Stimme Frankreichs, und ich folgte ihr nach Paris.
»Nach Paris. Wie habe ich die Augen, wie habe ich die Ohren, wie habe ich alle Sinne geöffnet, um alles in mich hineinzutrinken, was die Stadt an Kunst mir bot. Alle die ungezählten Möglichkeiten, die sie dem Lernbegierigen hinhält zum Wachsen und Werden, und die mit jedem neuen Tage wechseln und neue Weiten bieten.
»Und wieder standst du neben mir, Kornelius, und hieltst mich bei der Hand. Und ich wußte Tag und Nacht, warum ich hier sei.