Part 19
»Wie heißt es doch in der Feldherrnsprache? Getrennt marschieren und zusammen schlagen. Soll ich nicht wieder auf Konzertreise gehen und auch für meinen Teil Geld, viel Geld zu verdienen suchen. Und --«
Sie kam nicht weiter. Seine Augen starrten sie wie entgeistert an.
»Ist es schon so weit? Steht es schon so erbarmungswürdig um mich, daß ich die Frau auf den Hausierhandel schicken muß?«
Sie preßte ihre Lippen auf seinen Mund. So fest, daß er nicht weitersprechen konnte.
»Nein, Kornelius, ich brauch' nicht wieder fort? Ich bin dir jetzt ja noch viel nötiger. Denn wir werden allein hausen, und ich werde deine Dienerin und du wirst mein Diener sein. Schau' dir nur meine Hände an, auf die du mich immer so eitel gemacht hast. Jahre werden dazu gehören, um sie wieder gelenkig zu machen und sie wieder zu schulen, daß sie gleichzeitig gehorchen und Befehle erteilen können. Nein, Kornelius, du mußt mich schon als Kugel am Bein mit dir schleppen.«
»Du,« grollte er, »das sind Scherze, die tödlich verlaufen können.«
»Wenn wir nur dabei der Liebe in die Augen sehen! Wer von den Narren der Welt kann das sagen ...«
»Her mit deinen Augen! Her mit ihnen! Nein, mein Angela-Engel, mit einer Trennung ist es vorbei.«
An diesem Tage sprachen sie nicht mehr von zeitlichen Geschäften. Sie blieben eng beieinander, und wenn sie durch das Zimmer schreiten mußten, berührte der eine den anderen heimlich mit der Hand.
Am zweiten Ostertage rief Kornelius Vanderwelt Angela Freydag an seinen Schreibtisch.
»Daß ich es nicht vergesse, Engel. Das Gasthaus zu den ›Fünf Erdteilen‹ ist dein Eigentum. Es war in der Zeit, als ich noch glaubte, das Trinken könnte mich dein Fernsein vergessen machen. Aber ich wollte nicht beim Matthes trinken, sondern nur auf des Engels Grund und Boden. So querköpfig hat mich das Alleinsein gemacht. Und als der Matthes Geld brauchte, kaufte ich ihm Haus und Grundstück ab und ließ es im Grundbuch auf deinen Namen schreiben. Morgen wollen wir aufs Amt und deine Unterschrift nachtragen.«
»Muß das sein, Kornelius?«
»Es ist bereits gewesen, Engel. Vor einem Dutzend Jahre, als du noch in Amerika weiltest. Der Wert der Giftmischerbude ist nur ein rein begrifflicher. Für uns beide, meine ich. Von dort aus holte ich dich unter meinem Regenmantel im Triumphe ein. Ach, diese gottgesegnete Regennacht! Freilich, wird die Eckschenke einmal zugunsten eines Geschäftsgebäudes niedergelegt, so ist der günstig gelegene Platz sein Vielfaches wert.«
»Ich brauche kein Geld, Kornelius, zum Klavierunterricht langt es auch mit steifen Fingern noch.«
»Hältst du es für richtig, Engel, daß Kornelius Vanderwelts geliebte, geliebteste Frau sich nach seinem Tode in fremden Häusern herumdrückt und den Rangen die Nasen putzt? Dann können wir natürlich die Sache fallen lassen.«
Sie stand an seinem Knie, reckte überlegen den Körper hoch und spannte die Hände um die Hüften.
»Jetzt versucht es der große Räuberhauptmann, sein Opfer bei der Ehre zu fassen. Ich habe zwar nicht die Großartigkeit des Vanderweltschen Blutes, aber ich habe es ungezählte Jahre an meinem Herzen gefühlt und bin dadurch für die übrige Welt in Grund und Boden verdorben. Für die Kleinen und für die Großen in den fremden Häusern, du! Hörst du wohl?« Und sie griff ihm mit beiden Händen in sein Haar. »Hörst du es wohl, Kornelius? Auch ohne daß du den Tod heraufbeschwörst, tue ich, was du von mir verlangst. Und wenn ich die Wirtin in den ›Fünf Erdteilen‹ spielen soll, so tue ich das auch für dich. Für dich. Und damit hört es auf.«
»Ich spiele nicht mit dem Todesgedanken,« erwiderte ihr Kornelius Vanderwelt. »Man bestellt sein Haus gegen Diebstahl, Brand und Sterben, nur darf vom Sterben nicht gesprochen werden. Denn das ist unzart und bringt das Gefühl des Hörers in Verlegenheiten. Zum Teufel mit der falschen Rücksichtnahme. Der Überlebende muß wissen, wie er aus den Verlegenheiten herauskommt, um im Geist mit dem Verstorbenen vereint zu bleiben. Und wenn auch die ›Fünf Erdteile‹ in ihrer augenblicklichen Verfassung nicht mehr als einen Erinnerungswert darstellen, niedergelegt und mitsamt dem Wirtschaftshof für ein hochherrschaftliches Kohlen- oder Eisenkontor freigelegt, und der Kaufschilling trägt eine Rente, die wenigstens vor dem Verhungern und dem Mitleid der Menschen schützt. Mehr verlange ich nicht.«
»Ach, großer Hexenmeister, ich bin dir ja schon zu Willen.«
Wie wenig Worte die beiden Menschen brauchten, um sich die veränderten Lebensverhältnisse nahezubringen. Es war -- und war nicht anders. Darum lag an der Würde der Anpassung mehr als an jedem Wort.
Die weiße Motorjacht war in den Besitz eines Düsseldorfer Sportsmannes übergegangen und hatte bereits den Heimathafen gewechselt. Den Wagen hatte ein Kölner Autohaus übernommen und nun auch schon abgeholt. Der Fahrer Wilm stand vor seinem Herrn.
»Wilm,« sagte Kornelius Vanderwelt, »zuerst mal Ihre Hand. Keinem hab' ich so vertraut wie Ihnen. Keiner war es so wert. Mit Ihnen stirbt einmal ein ganzes Geschlecht aus. Das Geschlecht der Schweigenden. Und dann besteht das Leben nur noch aus dem Allgemeinheitsbrei. Haben Sie noch einen Wunsch, Wilm?«
»Jawohl, Herr Vanderwelt. Wieder bei Ihnen angestellt zu werden, wenn der Wind beidreht.«
»Und bis dahin --?«
»Bis dahin möchte ich Ihre beiden Frachtkähne heuern, Herr Vanderwelt, wenn's erschwinglich ist.«
»Haben Sie denn eine Schifferprüfung gemacht, Wilm? Man läßt nicht einen jeden auf dem Rheine gondeln.«
»Schon vor zwanzig Jahren, Herr Vanderwelt. Mein Vater war Partikülier. Sein Kahn liegt im Binger Loch. Es kann höchstenfalls eine Nachprüfung verlangt werden. Die erledige ich im Schlaf.«
»Melden Sie sich morgen zur Nachprüfung. Die Kähne können Sie sofort übernehmen. Glückauf!«
»Glückauf, Herr Vanderwelt. Und ich dank' auch für all Ihr Vertrauen.«
Und nun wurde auch der stille schöne Vanderweltsche Besitz in der Rheinallee zugunsten des Bankhauses aufgelassen. Kornelius Vanderwelt war in den Räumen, die die Marke seines Lebens trugen, nur noch ein Geduldeter. Man hatte ihm die Wohnerlaubnis gelassen bis zur Ermittlung einer anderen, seinen Wünschen entsprechenden Wohnung. Aber er fühlte sich nicht mehr wohl in den Räumen, die einem fremden Herrn unterstanden, und die Dienstboten waren bis auf ein Mädchen entlassen. Weniger noch zog ihn das Geschäftskontor an. In zwei, drei Wochen sollte an Gerichtsstelle die Scheidung der Ehe Klaus Beckenrieds von Juliane, geborenen Vanderwelt, ausgesprochen werden. Mit diesem Tage würden Vater und Sohn Beckenried endgültig das Geschäft verlassen.
»Wo bist du, Engel? Was tust du jetzt den ganzen Tag in der Küche?«
»Ich koche.«
»Ich hätt' es mir eigentlich denken können. Nicht etwa, weil man in der Küche kein Klavier zu spielen pflegt, sondern weil sich unsere Mahlzeiten überraschend verbessert haben. Dein tiefer Knicks soll mich wohl ausspotten? Spotte du nur, aber koche so weiter.«
Es war ein Maientag voll Sonnengold und weicher, schmeichelnder Wärme. Über die Wasser des Rheins lief ein Glitzern, als hätte eine Frauenhand darüber hingestrichen und die Wasser erbebten vor ihrem eigenen Glanz. Kornelius Vanderwelt kam vom Hafen herauf und trat zu ungewohnter Stunde in sein Haus.
Er traf auf eine kräftige Frauengestalt im weißen Schürzenkleid, das Haupt zum Schutz der Flechtenkrone mit einem weißen Handtuch turbanartig umwunden. Auf einer Leiter stand sie in seinem Arbeitszimmer und stäubte hurtig die Bilderrahmen.
»Laß dich zu mir nieder, Engel. Auf der Wolke, die dich umschwebt. In vielerlei Gestalten erscheinst du dem Heimatsuchenden, wie Pallas Athene dem vielgewanderten Odysseus. Spring mir an den Hals.«
»Die Leiter könnte brechen ...«
»Spring!«
Da sprang sie, und er fing die Atemlose auf.
»Was ist heute für ein Tag, Engel?«
»Ein Sonntag. Weil du so früh heimkommst, weil du so fröhlich bist und weil die Sonne scheint.«
»Ein Sonntagskind ist nur der Mann allein, der ein gutes Weib besitzt. Ich besitze viel mehr. Ich muß also schon eine Art Maiensonntagskind sein. Und das wollen wir feiern.«
»Warte, ich streife nur Turban und Schürzenkleid ab und feiere mit.«
»Pack' deinen kleinen Koffer, Engel. Wir fahren nach Orplid.«
»Ich fahre mit, wohin du willst, und es sollte mich nicht wundern, wenn der liebe Gott selber den Himmel aufhielt.«
»Er tut's, Engel. Wie ich ihn kenne, tut er's. Und ein Gesangverein wird auch zur Stelle sein und ihn ansingen, so daß wir beide uns mäuschenstill halten dürfen. Kannst du in einer Stunde reisefertig sein?«
»In einer halben, in einer Viertelstunde! Ich bin immer reisefertig, wenn's mit ~dir~ geht!«
»Keine Kurkonzertgewänder, Engel. Der Wilm spielt nur die Harmonika, und wir tanzen auf den geteerten Planken. Pack' Wäsche, ein paar derbe Kleiderröcke und dein Ölzeug ein. Wir machen auf dem Frachtkahn eine Maienreise zum Oberrhein!«
Sie gurgelte einen Ton der Freude hervor und hing an seinem Hals.
»Kannst du denn abkommen in dieser Übergabezeit? Wird es dir nicht schaden?«
»Eine Woche Ferien? Ferien mit dem Engel? Mit dem Engel auf dem Rhein, Wasser unter sich, Himmel über sich, wandelnde Ufer um uns her? Und wir auf dem Rücken liegend, alle viere streckend, nichts, nichts als in Sonne blinzelnd? Das soll mir schaden, Engel? Und ob ich abkommen kann? Wann werde ich in absehbarer Zeit abkommen können, wenn die Beckenrieds mich erst verlassen haben? Denn wenn mir ihre Philistergesichter auch auf den Tod verhaßt sind, verläßliche Arbeiter waren sie jederzeit. Fort damit, fort, fort! Ferien, Engel, Ferien! Ja, willst du denn wirklich zu Hause bleiben?«
Sie rüttelte und schüttelte ihn an den Schultern, ließ ihn los und rannte die Treppen hinauf.
»Bleib unten,« rief sie über das Geländer zurück. »Ich packe deine Handkoffer mit!«
Und die nüchternen Worte klangen durch das Haus wie eine Liedstrophe.
Jetzt klingelte es an der Haustür. Der Schiffsjunge erschien und forderte die Gepäckstücke, die er sich an einem handbreiten Riemen um den Hals hängte. Er trottete vorauf, und Kornelius Vanderwelt folgte ihm mit Angela Freydag bis zum Hafendamm, wo sie ein Boot nahmen und zu dem harrenden Schlepperzug übersetzten.
»Welcher Kahn ist der unsere, Kornelius?« fragte sie, und ihre Wangen glühten wie Mädchenwangen.
»Der Schleppzug ist von mir zusammengestellt. Daraus folgt, du große Rechenkünstlerin, daß der letzte Kahn der unsere ist und wir von unserem Achterdeckplatz nichts als die schäumende Kielspur sehen. Wir sind dort sozusagen ganz allein auf der Welt.«
Der Wilm empfing sie. Seine ausgestreckte Hand half ihnen an Bord. Er trug die blaue Schiffermütze und hatte sich einen Silberring ins Ohr gekniffen, um nicht als Neuling genommen zu werden. Sein Mund schwieg, wie er immer geschwiegen hatte, aber seine Augen strahlten vor Freude, als Hauswirt auftreten zu dürfen.
Die Kajüte war durch einen Wandschirm in zwei Hälften geteilt. Die Lederbank links und rechts diente in der Nacht als Bettgestell. Der Wilm schlief mit dem Mann, mit dem er das Ruder teilte, und dem Jungen in den Hängematten des Matrosenverschlags. Aus der kleinen Küche quoll der Duft von frischer Suppe.
Die Leute mußten an ihre Plätze zurück. Der Schleppdampfer gab mit der Sirene ein Zeichen. Ein Zittern lief durch Rippen und Bohlen des tief beladenen Kahns. Ein Seufzen und Abschiedsstöhnen, und nun gab der Wilm das Ruder frei, die Stahltrossen zogen klirrend an, und der Kahn folgte als letzter in der Reihe und schwenkte in den Strom.
»Leg' dich nieder, Engel. Platt hin auf die dicken Decken. Halt, erst die alte Öljacke an. Eitelkeiten gibt's hier nicht, denn der Kaminruß und der Kohlenstaub machen selbst aus der allerzartesten Prinzessin hier eine Mulattin. Ach, Engel, es gibt auch sehr liebenswerte Mulattinnen. Doch darüber später, wenn erst die Mütze auf dem Kopf festgesteckt ist und dir der gerollte Mantel bequem im Nacken liegt. Hat die Prinzessin noch weitere Wünsche?«
»Ich hätte schon noch einen ... Aber ich weiß nicht, ob er sehr prinzessinnenhaft ist.«
»Vielleicht können wir uns einen Kuß geben, wenn wir uns die Pfeifen anzünden, Engel.«
»Das ist wahr. Die Pfeifen stecken im Handkoffer. Ich werde sie holen.«
»Liegen bleiben! Nicht Hand und nicht Fuß rühren! Oder du kullerst über Bord!«
Er ging mit dem wiegenden Schritt, der das Gleichgewicht sucht, über das geschrägte Deck und tauchte in die Kajüte hinein. Wenige Minuten, und er kehrte mit den in Brand gesetzten Pfeifen zurück und kniete neben Angela hin. »Heb mal dein Mäulchen, Engel.« Und sie hob es ihm entgegen. Und als er sich über sie beugte, um ihr die Pfeife zwischen die Lippen zu schieben, blieb sein Mund auf ihren Lippen haften ...
»Es sind bald zwanzig Jahre, Engel, daß wir uns kennen,« überlegte er, als er neben ihr auf der Decke hingestreckt lag und den blauen Rauch gen Himmel blies. »Das wäre ja weiter nicht verwunderlich. Aber daß uns auch heute noch jede List und Tücke recht ist, um uns um den Hals zu fallen, das gibt zu denken.«
»Also denken wir nach, Kornelius,« sagte sie und blies wie er den blauen Rauch gegen den Himmel.
Sie dachten nach und sprachen nicht, und nur die Hände, die sich auf der Segeltuchdecke begegneten, hatten sich unermeßlich viel zu sagen.
Kaiserswerth mit der Burg Pippins -- Düsseldorf mit dem Turm der heißblütigen Jakobe von Baden -- Zons mit Mauern und Warten und mittelalterlichen Toren -- es zog vorbei, wie Wandelbilder sich entrollen. Und wo eine Lücke war, wuchs ein hämmerndes, ratterndes, feuerfauchendes Werk, wuchsen die himmelhohen Kamine wie ein Mastenwald im Hafen.
Einmal erschien der Schiffsjunge und meldete, daß die Suppe fertig sei.
»Bring einen Napf voll her und zwei Teller. Halt, warte, ich werde dich das erstemal begleiten und dir zeigen, wie man einen Napf trägt, ohne mit dem Daumen hineinzufahren.«
Angela Freydags glückliches Lachen flog hinter ihm her.
Vor Köln machte der Schleppzug seine erste Nacht. Es war eine Maiennacht, in der das Märchen mit der Sage einen Reigen schlang, dicht über den Augen der Schauenden. Dort geisterte der Dom in den sternenhellen Himmel und stach mit seinen Spitzen in die Sternenkränze, daß es den Anschein erweckte, als glitten sie ihm wie Heiligenscheine um die Helmzier. Dort wuchtete der gewaltige Sankt Martin, und er sah eher wie ein Türke aus, denn wie ein Christ, denn er hatte sich den halben Mond zur Leuchte an den Helm gesteckt. Dort glitzerten die Kuppeln, Türme und Dachreiter der ungezählten Kirchen und Kapellen, und der Rathausturm mischte sich darunter und begann ein Gespräch über die alte und die neue Zeit und ihre Bürgermeister. In den Straßen aber kicherten die Legenden und trieben sich mit den Heinzelmännern gassenab zum Rhein, purzelten ins Wasser und wurden pfeilschnell von den jungen Nixen bei den Ohren genommen, die auf den Ankertauen turnten und Angela Freydags mondhelles Antlitz betrachteten.
Kornelius Vanderwelt lag auf Achterdeck neben ihr, die Ellbogen aufgestützt und den Kopf in den Händen. So lag er wohl schon eine Stunde und hatte des wunderbaren Städtebildes nicht acht vor dem wunderbaren Menschenbilde.
Was mag es sein, das sie so schön macht? dachte er. Es gibt sicherlich ebenso schöne Frauen und schönere, und doch gehst du achtlos an ihnen vorüber. Und als ihre Brust im Atmen auf und nieder stieg, daß er glaubte, den ruhigen und starken Schlag ihres Herzens zu hören, da kannte er den Kern des Geheimnisses und des Rätsels tiefste Lösung: es war die Ruhe und Kraft, die ihrer Schönheit den Glanz der Firnen verlieh, und alle Ruhe und Kraft der Erde war ihr gegeben, weil sie ihre Schönheit nur für einen trug.
In dieser Maiennacht erklangen in Kornelius Vanderwelts innerstem Menschen Worte, die wie Worte eines Dankgebetes waren, während die nächtliche Natur im Frühlingsrausche erzitterte.
Gegen Morgen erst, als mit dem ersten Licht die Kühle kam, gingen sie in die Kajüte, und Kornelius Vanderwelt half ihr aufs schmale Lager und versorgte sie nach Seemannsbrauch gegen Windzug und Feuchtigkeit, bevor er sich auf das andere Lager warf. Aber nach Stunden schon waren sie beide wieder wach, denn die Sirene des Schleppdampfers hatte zur Obacht gerufen, die Kähne holten ihre Anker ein und der Rudersmann packte das Steuerruder. Angela Freydag kniete auf ihrem Lager und lugte durch die runden Kajütenfenster. Und Kornelius Vanderwelt stand hinter ihr und hatte den Arm um ihren Leib gelegt, damit sie bei einer jähen Wendung der in Fahrtlinie einbiegenden Frachtkähne nicht das Gleichgewicht verliere. Und sie lehnte ihren Körper fest und sicher in seinen Arm.
Den Morgenkaffee tranken sie stehend vor der Küche, stritten, ob es zum Mittag Linsen mit Wurst oder Wurst mit Linsen geben sollte, und lagen ausgestreckt auf Sonnenseite, als der Kahn an Bonns Altem Zoll vorüberzog, vorüber an der winkenden Godesburg und mitten hinein in das Bannland der Sieben Berge.
Das Siebengebirge prangte im Grün des Maien und im Gold der Maiensonne. Wie ein selig Beben liefen die Höhen dahin und verloren sich im weiten Hügelmeer des weiten Westerwaldes. Und auf der linken Rheinseite das geschwisterliche Stück des Bildes. Dem Drachenfels des Siebengebirges gegenüber gelagert der Fels des Rolandsbogens, und über vulkanisches Land hinweg Wellenlinie auf Wellenlinie der zu Stein erstarrten Eifelmassen.
»Die Porta Rhenana,« sagte Kornelius Vanderwelt, als sie durch das Tor der Schönheit fuhren, und er wies ihr hüben und drüben die verträumten Städtlein, deren Antlitz in wechselndem Mienenspiel die schweigenden Parks der weltflüchtigen und die singenden und klingenden Gaststätten der Weltsuchenden aufblitzen ließ. Dann aber zog Strom und Kahn zwischen den Inseln Nonnenwerth und Grafenwerth dahin, feierlich, als wölbten sich die Baumkronen von rechts und links hoch über sie hin zum gotischen Kirchendach.
Angela Freydag wandte den Kopf und suchte den Blick ihres verstummten Begleiters. Der kam aus tiefen Augenhöhlen, und sie setzte sich mit einem Rucke auf und griff nach seiner Hand.
»Was ist dir, Kornelius?«
»Es lief mir so über die Seele,« sagte er, »und es ist nichts als ein Unsinn.«
»Was ist ein Unsinn?«
»Daß die uralte Natur alljährlich in den Frühling zurückkehren darf, während ihr jüngstes Geschöpf, der Mensch, in den Herbst seines Lebens hinein und nicht wieder hinausgeführt wird. Ach, du, Engel, alles das noch eine Spanne, noch eine Spanne erleben können! Die Sehnsucht steigert sich, und steigert sich doch nur in eine wilde Einsamkeit hinein.«
»Ich bin bei dir, Kornelius,« sagte sie und nahm seinen Kopf an ihre Brust.
Er hörte nicht hin und sprach in Erregung weiter.
»In eine wilde Einsamkeit, in eine Menschenverachtung hinein, die kaum ein Lichtpünktlein mehr findet. Wir leben in einer Menschenunverbundenheit dahin, kein Mensch kennt den anderen, und in Wahrheit kümmert sich auch keiner um den anderen.«
»Ich bin bei dir, Kornelius,« erklang ihre Stimme.
Da hob er die Arme wie ein Ertrinkender und schlang sie ihr um den Hals. -- --
Er schlief an ihrem Herzen, und sie bewachte seinen Schlaf und war voll tiefer Freude, daß er ihr seine Schwäche gezeigt hatte. Denn ihr Frauengefühl ertastete mit nachtwandlerischer Sicherheit, daß diese Schwäche nichts anderes war als eine sich aufbäumende Lebenskraft, die sich ihres Lebens eroberten Inhalt, den Wert zu leben, das Weib seines Lebens und seiner Liebe zu sein, nicht nehmen lassen mochte durch eine Herbstlaune des Schicksals, und doch es mußte.
Vor Koblenz, nahe der Einmündung der Mosel in den Rhein, gingen zur Nacht die Anker nieder. Kornelius Vanderwelt schlug die Augen auf und rührte sich nicht an ihrem Herzen.
»Ist dir wohl?« sprach sie und strich ihm wieder und wieder das Haar aus der Stirn.
»Wie einem Kindlein an der Mutterbrust, Engel. So wohl. Ei, du, hatte ich vorhin nicht einen Schwermutsanfall? Das werden doch nicht die ersten Alterserscheinungen sein? Nein, nein, umgekehrt ist es, wie ich es dir vordichtete: die Welt wird alt, und ihre Jahre rinnen unablässig und unaufhaltsam. Wir aber bleiben Kinder trotz eines Greisenalters, und rückschauend zerfließen die Jahre in nichts. Was ist, das lebt, und wir beide sind, Engel.«
»Zuweilen meine ich, ich wäre gar nicht mehr, solange schon bin ich in dir aufgegangen.«
»Sprich kein Wort mehr, oder ich verschling' dich. Herrgott, hab' ich einen Hunger.«
»Und ich! Und ich!«
Und einer half dem anderen auf, und das Gleichgewicht suchend schritten sie über das schräge Deck und gewannen die Küche und bedrängten den Wilm, den Rudersmann und den Jungen.
In heller Morgensonne stampfte der Schleppzug an Boppard vorbei. Und je weiter er sich vorwärts arbeitete gegen den Strom, umso reicher öffneten und offenbarten sich die Bilder der Berge und Burgen, der Städtchen, Kirchen, Klöster und Kapellen, die den Blick von der Wirklichkeit abwenden und traumhaft hinübergleiten lassen in die Flüchtlingsbezirke der Romantik.
Dicht aneinandergeschmiegt lagen die beiden Flüchtlinge aus Wirklichkeitslanden auf dem Hinterdeck des Frachtkahnes und sprachen nicht und ließen nur die Augen aufleuchten, wenn ein neuer Gruß von den Ufern sie traf. Jetzt Sankt Goar, jetzt der niederstürzende Fels der Lorelei, jetzt die wellenumschäumte Pfalz bei Caub, die türmereichen Städtlein Oberwesel und Bacharach, Aßmannshausen mit dem Dichter- und Künstlerheim, der ragenden Kronenwirtschaft, und durch das brausende Binger Loch hindurch, links Rüdesheim, rechts, vom Mäuseturm verkündet, Bingen, die uralte Stadt. Der Mond kam über Burg Klopp hervor und erzählte flüsternd vom vierten Kaiser Heinrich, den der eigene Sohn in den festen Mauern gefangenhielt, und von blutigen Jahrtausendkämpfen, geführt um das lachende Land des Rheingaus. Der Schleppzug lag vor Anker. Die beiden Menschen auf dem Hinterdeck des letzten Kahnes hatten einer dem anderen den Arm unter den Nacken geschoben und schliefen einen Kinderschlaf.
Als sie am nächsten Tage am goldenen Mainz vorüberfuhren, vorüber an der Nibelungenstadt Worms, waren ihre Lippen ganz verstummt. Wie eine unsagbar tiefe Dankbarkeit stieg es auf vom Grunde ihrer Seelen, und das Gefühl ihrer Zusammengehörigkeit brauchte keine Worte mehr.
So erreichten sie Mannheim, den Bestimmungshafen, und gingen schweigend an Land. -- -- --
Im Gebrause fuhr ein Schleppdampfer mit wenigen Leerkähnen als Gefolgschaft zu Tal. Die Dämmerung sank über ihn hin und über die beiden Menschen, die in die gespensternde Kielspur des letzten Kahnes starrten. Ein silbriges Licht kämpfte sich hindurch und erfüllte die Dämmerung mit Glanz und Leuchten. Der Mann reckte sich auf, als machte er seine Schultern stark für neue Arbeitsbürden. Und die Frau erfaßte fest seine Hand.
Ruhrort -- -- --
Hand in Hand gingen sie durch die Stille der Nacht in ihr Haus, wie sie so oft gegangen waren. -- --
In den Tagen, die da folgten, sah Angela Freydag ihren Gefährten nicht anders als in den späten Abendstunden. Das Urteil im Scheidungsverfahren war gesprochen. Die Familien Vanderwelt und Beckenried hatten sich für immer voneinander gelöst. Juliane behielt den Sohn unter Verzichtleistung auf jeden geldlichen Anspruch an ein Beckenriedsches Erbe. Die Lebenssorge für Tochter und Enkel war auf Kornelius Vanderwelt übergegangen.
Kornelius Vanderwelt zog den Schlußstrich. Kein Mensch gewahrte eine Unruhe an ihm. In diesen Tagen, die ihm die Verkleinerung seines Geschäftsumfanges, die Belastung der gebliebenen Kräfte, den Verlust seines Wohnhauses brachten, wuchs er so still und stark über sich selbst empor, daß Angela Freydags Liebe mit ehrfürchtigen Augen ihm folgte. Aber ihre Augen sahen auch, daß er stumm die Kräfte bis zum letzten spannte, und es flackerte oft in ihnen auf wie wilder Brand.
In später Nacht saß sie und wartete. Sie wartete auf Kornelius Vanderwelt, der noch nicht von der Wohnungssuche heimgekehrt war. Und sie wußte, daß er sich als letztes die ›Fünf Erdteile‹ aufgespart hatte, die Zimmer, die über der Gastwirtschaft lagen.
Wie sauer ihm der Gang sein wird, dachte sie finster, und sie hätte aufspringen und zu ihm laufen mögen, um die Arme um seinen Hals zu schlingen.
Sie schritt ans Fenster und horchte hinaus. Und von einer Unrast getrieben, durchmaß sie das Zimmer hin und her.
Du bist stärker geworden, Angela, glitt es ihr durch den Sinn. Deine Glieder schwellen an Kraft. Könntest du sie doch zum Lastentragen gebrauchen, um seine überbürdeten Schultern zu erleichtern.
Und wieder war sie am Fenster. Das eiserne Tor hatte geklirrt. Männerschritte kamen schlurfend durch den Garten.
Mit einem Sprunge war sie an der Haustür. Das elektrische Licht blitzte auf unter ihrer suchenden Hand. Sie öffnete die Tür und sprach leise hinaus.
Da stand die vierschrötige Gestalt des Matthes und an ihn gelehnt die hohe, jetzt vornübergebeugte Gestalt Kornelius Vanderwelts. Angela Freydag griff ohne zu zaudern zu. Von ihrem Arm umschlungen, tat Kornelius Vanderwelt die letzten Schritte ins Haus, die wenigen Schritte über die Diele in sein Arbeitszimmer.
»Tun Sie ihm nix,« sagte der Matthes grimmig. »Vom Trinken kommt dat nich.«
»Gehen Sie.«
Kornelius Vanderwelt saß in einem Sessel, das totenbleiche Antlitz hintenüber ins Polster gereckt, als suche er Luft. Mit fliegenden Fingern befreite ihn Angela Freydag von dem Druck des Kragens.
»Sie tun schon besser, mich nich fortzuschicken,« knurrte der Matthes. »Allein werden Sie nich fertig, Madam.«