Part 14
Wenn er morgens das Frühstückszimmer betrat, harrte sie schon im weißen Kleide am weißgedeckten Tisch, und alles wehte ihn wie weiße Frische an und ließ ihn frische Atemzüge tun. Ihre Hände, die jedem Gegenstand Ausdruck verleihen konnten, als wären es die singenden Tasten des Flügels, maßen den Tee in die Kanne, ließen das aufkochende Wasser über die Teeblätter sprudeln, füllten die Tassen und schnitten die Brote. Wenn er zum Mittag heimkehrte, fand er sein Arbeitszimmer blitzblank in der Ordnung, und keine Hand als die ihre war über den Schreibtisch gewandert, keine Hand als die ihre hatte gesorgt und gesichtet, zurechtgerückt und doch alles in der alten Stellung belassen. In schlichtem, kleidsamem Gewande, immer ein paar Blumen an der Brust, saß sie mit ihm zu Tisch, und während er ihr sein Erlebtes berichtete und sie kein Wörtlein davon verlor, schoben ihre schmiegsamen Hände ihm in der Stille zu, was seine Augen suchten, das Brot, den Wein, eine Frucht. Betrat er aber in der Feierabendstunde sein Haus, ein wenig müde vom Tag und doch erwartungsvoll vor dem, was er finden würde, so fand er sein Haus erleuchtet und den Abendtisch geschmückt und inmitten von Licht und Farben das schöne Geschöpf Gottes in der starken und gebändigten Freude, dem Manne eine Freudenbringerin sein zu dürfen und sein bestes Teil. Nie erwartete sie ihn zu dieser Stunde anders als in einem frohen und frohmachenden Abendgewande, und der festliche Grundton ihres Beisammenseins war angeschlagen, bevor sie sich zu Tische setzten, und hallte in verstärkten Schwingungen fort, wenn sie, ihren Arm in dem seinen, das Musikzimmer betraten zum ineinanderklingenden Zusammenspiel. Oder, was er immer heißer liebte, zum Einzelspiel und zur Offenbarung ihrer machtvoll gesteigerten Natur.
Solcher Gestalt waren die Tage und Nächte, die das edle Ebenmaß hielten und doch in Farbe und Gestaltung vom Heute zum Morgen wechselten, wie die Rose dem Flieder folgt und der glühende Herbststrauß den Rosen und Syringen.
Solcher Gestalt und immer in sich verschieden.
Denn der schnelle Wagen blieb nicht im Gewahrsam und führte sie auf weiten Fahrten landein und landaus in still träumende Landschaften und lautwogende Städte. Und die weiße Motorjacht zerrte nicht vergebens im Getaue und wußte Einblicke und Ausblicke auf den ungezählten Meilen der Wasserbahn, die mit den Pferdekräften der Maschine spielend zu gewinnen waren. Oft rötete sich im Osten der Morgenhimmel, und die schlanken Uferpappeln streckten ihre Spitzen in das Purpurgold, wenn sie heimkamen und mit verschlungenen Armen das Haus betraten.
Noch war kein Auge in die Verschmolzenheit ihres Lebens, in das Geheimnis ihrer Kraft und Schönheit eingedrungen.
»Es wird Zeit,« sagte Angela an einem Morgen und strich ganz zart über seine glücklichen Augen, »es wird Zeit, Kornelius, daß ich deine Kinder sehe.«
»Meine Kinder sind erwachsene Menschen, wie du bist und ich bin, und gehen ihre eigenen Wege.«
»Sie sollen nicht glauben, wir versteckten uns im Garten Eden, Kornelius.«
Seine Augen flammten herrisch auf, und sie bedeckte sie rasch mit beiden Händen.
»Ruhig, ruhig bleiben,« bat ihre Stimme.
»Wenn ich deine lieben Hände spüre, bin ich es, Engel. Und nun will ich ganz ruhig sprechen. Meine Kinder haben zeit ihres Lebens nur von ihren Rechten Gebrauch gemacht und nie an ihre Pflichten gedacht. Sie haben sich aufs Geratewohl ihr Leben gezimmert, wie es sie am angenehmsten dünkte, und meine Wünsche in den Wind geschlagen. Kann ein Mensch oder eine höhere Gewalt von mir verlangen, daß ich die Gleichstellung, die sie so früh erzwungen haben, noch unterbiete und mich freiwillig unter ihre Vormundschaft begebe? Nein und nie, Angela.«
Er nahm ihre Hände von seinen Augen, legte sie eine Sekunde lang gegen seinen Mund und schritt zum Schreibtisch, um die Aufschriften der eingelaufenen Morgenpost anzusehen.
Sie folgte ihm mit den Blicken, bis er das Briefpaketlein wieder auf die Tischplatte gleiten ließ und sich nach ihr umwandte. Ihre Blicke ruhten ineinander.
»Konntest du mich wirklich mißverstehen, Kornelius? Nicht wahr, diese Frage klingt schon ganz unmöglich? Es war nur dein rascher Zorn, der den Unbilligkeiten anderer galt und mich dabei streifte. Nein, nein,« wehrte sie in seiner schnellen Umarmung. »Es tut nicht weh. Wie könnte mir die Liebe wehe tun? Und den Garten Eden habe ich ja gar nicht ihrer Bevormundung unterstellen wollen. Eher brennte ich ihn mit eigenen Händen nieder. Ja, du, ich wäre imstande dazu. Umgekehrt habe ich es gemeint. Unser Garten Eden steht mir so hoch und unantastbar, daß nicht einmal der Glaube an ein Versteckenspielen in anderen Köpfen auftauchen darf, ohne eine Beleidigung zu sein. Unsere Stammeltern sind nicht aus dem Paradiese vertrieben worden, weil sie vom Baum des Lebens aßen, sondern weil sie feige waren und sich vor Gott versteckt hielten, als er sie rief.«
»Und du? Und du?« rief er, hielt ihren Kopf von sich und sah ihr groß in die Augen.
»Ich?« fragte sie zurück. »Ich oder du, es ist das gleiche. Wenn dieser Baum unseres Lebens gefällt werden sollte, so würden wir mitgefällt. Denn er ist nicht im Paradiese, sondern aus Dornen und Disteln gewachsen und aus allem Unglauben unseres Lebens, so hoch, daß wir lebensgläubig werden sollten.«
»Wie stark und furchtlos dein Glaube ist, Angela-Engel.«
»Wenn ich einem Menschen das Erdenglück bringen und tief empfinden darf, wie es im Wechsel in mich zurückflutet, so weiß ich, daß ich auf dem rechten Wege zum Himmel bin, soweit es Menschenkinder wissen können.«
»Mit deinen reinen Händen, Angela. An deinen reinen Händen liegt es.« -- --
Selten war Kornelius Vanderwelt so hochgemut über die Straßen geschritten wie an diesem Morgen. Noch lag der Widerschein des Erlebnisses auf seiner Stirn, als er das Geschäftshaus betrat und durch die Pultreihen hindurch sein Sondergelaß aufsuchte.
Durch den Fernsprecher rief er zum Hauptkontor hinüber.
»Ich bitte Herrn Beckenried mit den Eingängen zu mir.«
Die Verbindungstür öffnete sich und schloß sich. Schritte kamen näher und hielten an. Kornelius Vanderwelt wandte den Kopf.
»Ah, ihr seid es? Guten Morgen, Klaus. Guten Morgen, Thomas. Weshalb kommt Vater Beckenried nicht?«
»Mein Vater,« hob Klaus Beckenried an, »läßt sich entschuldigen. Er liegt krank zu Bett.«
»Oh -- das bedaure ich. Wieder einmal ein Anfall seines alten Leberleidens?«
»Diesmal ist es die Galle.«
Kornelius Vanderwelt hob die Augen von den Briefschaften. Er sah dem jungen Manne auf den zusammengekniffenen Mund.
»Du betonst das Wörtchen ›diesmal‹ so eigentümlich, Klaus? Hat es einen Grund?«
»Ich wollte damit sagen, daß es einmal ein Leberleiden und einmal ein Gallenleiden ist, was der Vater als Belohnung von dannen trägt. Diesmal ist es die Galle.«
»Entspricht es deinem besonderen Wunsche, Klaus, daß Thomas unserer Unterhaltung beiwohnt? Ich pflege sonst den Kreis der Zuhörer selber zu bestimmen.«
Der junge Beckenried blickte in die Zimmerecke.
»Es entspricht meinem besonderen Wunsch. Er kann nur daraus lernen, wie ein Mitglied der Familie Vanderwelt sich ~nicht~ zu benehmen hat. Jawohl, das behaupte ich.«
»Darf ich fragen, um welches Mitglied der Familie Vanderwelt es sich handelt.«
»Um Juliane handelt es sich.«
»Da bedauere ich recht herzlich. Juliane ist auf dein leidenschaftliches Begehren vor sechs Jahren aus der Familie Vanderwelt ausgeschieden, um ohne Aufschub zu einem Mitglied der Familie Beckenried zu werden. In diesem Falle müßte sich also ein Mitglied der Familie Beckenried schlecht benommen haben.«
»Es handelt sich hier nicht um Spitzfindigkeiten,« brauste der Erbitterte auf.
»Nein, es handelt sich in meiner Gegenwart um Ruhe und guten Ton. Wenn deine Angelegenheit wieder einmal keinen Aufschub verträgt, wie vor sechs Jahren bei der Kriegstrauung, so nimm Platz und erzähle mir, durch welche Umstände sich dein Vater ein Gallenleiden zugezogen hat.«
Er wies höflich auf einen Stuhl, und der junge Beckenried setzte sich widerwillig auf die Kante.
»Darf ich mich jetzt beurlauben,« fragte Thomas Vanderwelt, und über sein verblaßtes Gesicht lief der Spott.
»Da dein Schwager Klaus dich bestimmt hat, mit einzutreten, so mag er weiter bestimmen.«
»Ich weiß ja nicht einmal mehr, was ich selber hier soll,« murmelte der junge Beckenried und hob die Achseln, »nach der geschickten Wendung, die du dem Gespräch gegeben hast.«
Kornelius Vanderwelt strich sich über die Stirn. Und es war ihm, als ob er Angelas kühlende Hand fühlte.
»Es freut mich, Klaus, daß du meine Geschicklichkeit, ein Gespräch ohne Umschweife in die rechte Bahn zu lenken, anerkennst. Du tust es ein bißchen grimmig. Aber verärgerte Leute haben das Recht des Grimmes voraus. Also deine Frau hat dir Grund zur Unzufriedenheit gegeben, und du möchtest meine Erfahrenheit um Rat fragen. Ich bin ganz Ohr.«
»Die schlechte Mädchenerziehung Julianes«, stieß der Erzürnte hervor, »trägt in der Ehe von Jahr zu Jahr herrlichere Früchte. Ach, was sage ich! Von Tag zu Tag! Von Tag zu Tag wird ihr Betragen unerträglicher. Erst hat sie mir das Geld aus der Tasche genommen. Jetzt, da ich mich vorsehe, nimmt sie es dem Vater. Und gestern --«
»Halt einmal,« ersuchte Kornelius Vanderwelt und winkte mit der Hand kurz ab. »Die schlechte Erziehung meiner Tochter steht hier nicht zur Untersuchung, sondern das schlechte Benehmen deiner Ehefrau. Bitte, ~ich~ habe das Wort, du hast das unfertig erzogene Kind gewollt, wie es ging und stand und aus der Schweizer Erziehungsanstalt weggelaufen war. Acht Tage eines ziemlich ungebundenen Zusammenseins schienen dir vollauf zu genügen, um ihr liebenswertes Gemüt so schwärmerisch zu ergründen, daß es eine Kriegstrauung auf Knall und Fall geben mußte. Ich habe dich ernst gefragt und dich ernst gewarnt, und du hast dich verantwortungsfroh vor mich hingestellt und mir deine und ihre Vorzüge aufgezählt. Noch höre ich dein Wort im Ohr: ›Herr Vanderwelt, ich enttäusche Sie nicht‹ und meine Antwortfrage: ›Wissen Sie denn nach einer wilden Reise von acht Tagen, daß Juliane Sie nicht enttäuschen wird?‹ Aber mein Rat, das Ende des Feldzuges abzuwarten, wurde rückhaltlos zur Seite geschoben. Nun ~suchst~ du Rückhalt.«
»Ich suche keinen Rückhalt! Ich ersuche dich um dein väterliches Eingreifen!«
»Lieber Klaus, das wäre! Eheangelegenheiten liegen immer nur zwischen zweien. Die seligen Tage wie die weniger beseligenden. Wenn du einer Frau noch nicht gewachsen warst, so hättest du das Heiraten unterlassen sollen. Aber keinen Dritten hineinziehen. Keinen Dritten, wenn dir an Glück und Ehre gelegen ist.«
»Predige es doch deinem Sohn Thomas! Seine Ehre kann es weit mehr noch gebrauchen als die meine!«
Thomas Vanderwelt zog die Lippen von den Zähnen.
»Ich beklage mich ja auch nicht. Ich belustige mich höchstens. Auch an dir, teurer Schwager Klaus.«
Kornelius Vanderwelt lehnte sich mit kühler Stirn im Stuhle zurück.
»Die persönlichen Unterhaltungen sind hiermit beendet. Was habt ihr mir Geschäftliches vorzutragen?.«
Der jüngere Beckenried erhob sich straff von seinem Stuhl, und auch Thomas Vanderwelt ließ seine Lässigkeit fahren und stand in aufrechter Haltung vor dem Geschäftsherrn. Das Geschäft regierte die Stunde.
Der junge Beckenried trug die eingegangenen Aufträge vor. Nach jeder einzelnen Nennung wartete er die Bemerkungen des Geschäftsherrn ab und machte sich seine Aufzeichnungen. Thomas Vanderwelt berichtete über das Angebot des Schiffsraumes, nannte die Eigentümer der Kähne und ihre Forderungen. Dann waren sie entlassen, und Kornelius Vanderwelt arbeitete für sich, prüfte die Verteilungspläne, Lade- und Löschzeiten und die Möglichkeiten der Rückfrachten. Oft hob die Hand den Fernsprecher ab, verhandelte er kurz mit den Werken, Zechen und Reedereien, rief er die Auftraggeber am Oberrhein, in Holland, an den Kanalplätzen an und schrieb und rechnete aufs neue. Jeder Gedanke war scharf auf die Schiffsverfrachtungen gerichtet. Nicht einer sprang ab und suchte einen Haken auf das persönliche Gebiet zu schlagen. Die Willenskraft des Mannes hielt sie ans Stichwort gebannt.
Um die elfte Morgenstunde überschritt er den Hafendamm und stand eine Weile eingekeilt zwischen den angesammelten Schiffern. Hände legten sich auf seine Schultern, Zurufe wirrten in seinem Ohr.
»Wir finden bei dem Geschäft keine Rechnung mehr, Herr Vanderwelt! Wenn wir glücklich im Bestimmungshafen anlegen, is et Geld entwertet! Wat tun wir mit den steigenden Frachtlöhnen, wenn der Geldwert noch schneller fällt. Dat is Beutelschneiderei! Da soll der Deubel fahren, aber nich wir!«
»Vernunft behalten!« rief ihnen Kornelius Vanderwelt entgegen, »wenn der Deubel fährt, könnt ihr die Asche kratzen. Es ist die verfluchte Zeit, die Beutelschneiderei betreibt, nicht der Handel. Aber es muß ein Ausweg geschaffen werden.«
»Herr Vanderwelt, Sie haben so oft unsere Sache in Ihre Hände genommen, helfen Sie uns aus dem Dreck!«
»Wenn ihr Zutrauen zu mir habt --«
»Haben wir alle!«
»Ein weiser Mann hat einmal gesagt: Getretener Quark wird breit, nicht stark. Und nun laßt mich hineingehen.«
Ein paar Hochrufe erschallten. Und Kornelius Vanderwelt wußte nicht, ob sie dem Weisen von Weimar galten oder seiner Mittlerperson.
Er betrat die Halle der Schifferbörse und suchte den Vorstand auf.
»Wollen wir keine Stockungen im Handels- und Schiffsverkehr, so schlage ich die Gutschrift der Löhne in Gulden vor, meine Herren, bis sich die deutsche Reichsmark wieder sehen lassen kann. Wir stehen erst am Beginn der Wertsenkung und es wird im Vaterlande ein wüstes Durcheinander werden. Erhalten wir uns die Kahnführer arbeitsfreudig, mit einigen Opfern am Kursgewinn kann es geschehen, und die Schiffahrt wird oben schwimmen, wenn es mit den meisten anderen Unternehmungen in den dicken Nebel oder jäh in die Tiefe geht.«
Der Vorstand beschloß, sofort die in den Ruhrhäfen verladenden Firmen und die in den Ruhrhäfen verkehrenden Einzelschiffer, die ›Partikuliers‹, zu einer Börsenversammlung einzuberufen und dem drohenden Unwetter vorzubeugen.
Die Masse der Schiffer hatte sich noch nicht vom Platze bewegt, als Kornelius Vanderwelt wieder aus der Halle trat. Die Leute schauten ihn schweigend, aber mit gekniffenen Augen an.
»Börsenversammlung! Mit abgekürzter Einladefrist!« rief er den Nächststehenden zu. »Kerle, die in Wind und Wetter ihren Mann stehen, werden es wohl auch bei dem bißchen Geblase an Land. Also ruhig und würdig, Leute. Mit dem Koller fährt man auf und mit der Kaltblütigkeit wirft man das Schiff ins Fahrwasser herum. Wollen mal sehen, was mit dem holländischen Gulden zu machen ist, he? Die Einzelschiffer stimmen gleichberechtigt mit den Firmen.«
Die Nächststehenden hatten Satz für Satz weitergegeben. Es wurde still, und die gekniffenen Augen weiteten sich friedlich. Ein Alter, der den Bart als Schifferkrause von Ohr zu Ohr trug und baumelnde Ringe in den Ohren, trat vor und streckte Kornelius Vanderwelt die rissige Hand entgegen.
»Schönen Dank auch, Herr Vanderwelt. Wir vergessen nix.«
Allein wie er gekommen war, schritt Kornelius Vanderwelt seinem Geschäftshause zu. Zu Erholungsfahrten war in diesen unruhigen Tagen nicht die Zeit. Und der Sommer näherte sich schon dem Herbst, bevor sie wieder hinaus konnten in die Nähe und Weite, die Gefährtin eng an des Mannes Seite.
Angela Freydag aber hatte längst ihre einstige Schülerin aufgesucht, und Kornelius Vanderwelt hatte nichts mehr dawider gehabt.
»Du giltst in der Stadt als eine Verwandte, die nach Fräulein Bilsenbachs Tod mein Hauswesen leitet. Soweit man bei unserer Abgeschlossenheit überhaupt Vermerk von dir zu nehmen geruht hat. Die Kinder haben mich noch nicht ein einziges Mal befragt, so sehr sind sie mit der Fülle ihrer eigenen Angelegenheiten beschäftigt.«
»Ich denke, die Stadt nimmt auch weiter keinen Vermerk von mir. Mein Tag ist mit dir ausgefüllt.«
»Es liegt im Wesen einer Hafenstadt, Engel, daß man sich die übliche Neugier ein wenig abgewöhnt, richtiger, daß sie einem abgewöhnt wird. Jeder Tag bringt hundert neue Schiffe und mit den Schiffen hundert neue Gesichter. Keiner weiß: Sah ich dies Gesicht schon oder wann sah ich es zuletzt? Sind es Gäste, Durchreisende, Geschäftsfreunde oder Angestellte? Und so schwindet die Achtsamkeit schnell.«
Zu einer Vormittagsstunde wurde Juliane Beckenried der Besuch eines Fräulein Freydag gemeldet.
»Wie sieht sie aus?« fragte sie leichthin und vertraulich das Mädchen. »Wie eine Dame oder nur wie eine Geschäftsdame?«
»Rechnungen hat sie nicht bei sich, gnädige Frau.«
»Liebes Kind, antworten Sie nächstens genauer auf meine Frage. Ihre Dummheit in Ehren. Ich lasse das Fräulein bitten.«
Angela Freydag trat über die Schwelle, im schlichten, ruhigen Straßenkleid. Sie sah nicht das weiße Rokokozimmer mit den farbigen Bildflecken an den Wänden. Ihre Augen waren verwundert auf die überschlanke Gestalt im kniefreien, buntseidenen Morgengewand gerichtet, auf das jungenhaft verschnittene, mit wenigen Strichen zurechtgekämmte Haar, auf die forschenden Augen mit den fein nachgezogenen Schattenrändern.
»Sind Sie es, Juliane?«
Juliane Beckenried warf einen flüchtigen Blick auf die Besuchskarte und trat einen Schritt näher.
»Sie reden mich bei meinem Vornamen an? Haben wir uns denn einmal gekannt, gnädiges Fräulein?«
»Also ganz in Ihrem Gedächtnis erloschen? Freilich, es sind wohl ein Dutzend Jahre, und Sie waren noch ein kleines Schulmädchen und sind heute eine Frau, die wohl selber schon einen kleinen Schuljungen ausschickt. Ich hieß aber damals, wie ich heute heiße, Angela Freydag, und erteilte Ihnen ein Jahr lang Klavierunterricht.«
»Ach, Sie sind das? Ich habe vielerlei Klavierlehrerinnen gehabt. Aber Ihrer entsinne ich mich jetzt. Natürlich, Sie wohnten doch eine Zeitlang in unserem Hause, wenn ich mich recht erinnere? Ja, doch! Papa beschenkte Sie zu Weihnachten mit einem ganzen Aussteuerkoffer. Und ich war furchtbar neidisch.«
»Also das wissen Sie doch noch ...?«
Juliane Beckenried legte den Kopf zurück. Ihre Augen schlossen sich zu einem Spalt.
»Und nun wollen Sie nachfragen, mein Fräulein, ob ich meinem Sohn Klavierunterricht erteilen lassen will? Er ist wirklich noch ein wenig unbedeutend, und die Musik, die Sie lehrten, dürfte auch überholt sein.«
»Gestatten Sie, daß ich für die kurze Dauer meines Besuches Platz nehme?« fragte Angela Freydag freundlich.
»Oh -- ganz nach Belieben. Ich erwarte nämlich meine Schneiderin. Das ist heute eine wichtige Angelegenheit.«
»Nicht wahr? Wichtig und verwunderlich bei den paar Handbreit Stoffen.«
Sie saß bequem in einem Halbsessel zurückgelehnt und plauderte.
»Nein, Juliane, auf welche Gedanken Sie kommen. Ihr kleiner Junge hat nichts von meiner Klavierkunst zu befürchten. Ich betreibe sie sozusagen nur zu meiner und weniger anderer Freude. Beethoven, wissen Sie, nicht Jazz. Aber das wollen wir ruhig als persönliche Liebhabereien gelten lassen.«
Juliane Beckenried hatte sich in aufquellender Neugier einen zweiten Halbsessel herangezogen.
»Oh -- ich habe sehr um Entschuldigung zu bitten. Durch die Kleidung wird es einem heute so schwer gemacht, eine Dame von einem berufstätigen Fräulein zu unterscheiden. Denken Sie, ich wurde kürzlich für ein niedliches Ladenmädchen gehalten und von einem Ladenjüngling zum Tanz aufgefordert.«
»Hoffentlich haben Sie ihn gebührend in seine Schranken gewiesen.«
»Ach, wieso denn? Der Junge war so belustigend und übernimmt einmal das Damenkleidergeschäft seines Vaters.«
»Ja, wenn er das tut -- dann ist es freilich eine andere Sache.«
Juliane lachte. Sie wurde nicht recht warm mit der Besucherin, die selbst beim Scherzen den ernsten Mund behielt.
»Sie befinden sich auf der Durchreise in Ruhrort, Fräulein Freydag?«
»Das wohl nicht. Sowenig wie vor zwölf Jahren. Ihr Herr Vater behauptet, ein Recht aus einer Verwandtschaft herzuleiten, die uns von früher verbindet, und hat mich nach Fräulein Bilsenbachs Tod noch einmal in sein Haus gerufen.«
»Papa sollte uns sein Haus übergeben und eine nette Junggesellenwohnung beziehen. Dann wäre ihm und uns geholfen und er brauchte keine Verwandte zu behelligen. Übrigens -- Verwandte? Ich kenne wirklich keine mehr.«
Angela Freydag sah die Befragerin lächelnd an.
»Die Verwandtschaft liegt wohl schon um ein paar Ecken und Winkel herum. Aber Ihrem Herrn Vater genügt sie.«
»Der Papa wird alt,« seufzte Juliane, »er täte gut, das Geschäft langsam in die Hände meines Mannes übergehen zu lassen. Auch Thomas würde sich freuen.«
»Ich habe Thomas noch nicht wiedergesehen«, sagte Angela Freydag, »und vermag mir daher ein Urteil über seine Anschauungen noch nicht zu bilden. Aber ich will gern das Meine tun, in Ihrem Herrn Vater den Glauben an die Jugend zu erhalten.«
Juliane verstand nicht recht.
»Meinen Sie damit, den Glauben an uns? Dann reden Sie ihm doch zu, ihn etwas stärker zu beweisen und -- und -- in die Wirklichkeit umzusetzen. Liebes Fräulein Freydag, wenn Sie meine Freundin werden wollen -- Sie sehen, ich falle mit der Tür gleich ins Haus -- so überreden Sie Papa, daß er mir in diesem schrecklich teuren Leben ein wenig Luft schafft. Ich bin für jede Summe dankbar, die er mir zuwendet. Am liebsten für ein festes Monatsgeld, damit ich weiß, wie weit ich springen kann. Und wenn Ihr Sinn einmal aus der alltäglichen Langweiligkeit hinaus in die Fröhlichkeit reizender junger Menschen steht, so rufen Sie es mir durch den Fernsprecher zu und ich nehme Sie mit und führe Sie ein. Es braucht ja nicht gerade Ruhrort zu sein.«
»Bei meinem hohen Alter, Juliane? Wollen Sie mich etwa als Ihre ehemalige Lehrerin vorstellen?«
»Ach, das wird schon gemacht. Es tun noch Ältere mit, und Sie wirken ganz jugendlich. Das ist doch heute kein Kunststück.«
»Sehr schmeichelhaft, Juliane. Trotzdem fürchte ich, Sie werden wenig Ehre mit mir einlegen.«
»Hauptsache ist: bringen Sie recht viel Geld mit. Sie werden es dem alten Herrn schon abschmeicheln können.«
Angela Freydag erhob sich. Soviel Oberflächlichkeit des Wesens, soviel einfältige Selbstsucht hatte sie nicht einmal nach Kornelius Vanderwelts Erzählungen zu vermuten gewagt. Eine Bitterkeit stieg ihr auf die Lippen, die, stieg sie noch um ein geringes, den ersten Keim der Feindschaft in sich trug.
»Ihr Herr Vater ist jünger als Sie und ich. Von dem reizenden Kreis junger Menschen ganz zu schweigen, die nur durch das väterliche Geld zu ihrem Reiz gelangen. Und er ist auch klüger und wertvoller als dieser ganze Kreis, denn sonst hielte er nicht mit seinem Gelde und seinen Gesinnungen zurück. Gehen Sie zu Ihrem Vater, Juliane, und ergeben Sie sich ihm.«
Auch Juliane hatte sich heftig erhoben. Ein gereiztes Rot stieg ihr in das hübsche Gesicht.
»Darf ich vielleicht fragen -- was mir denn eigentlich -- die Ehre Ihres Besuches verschafft?«
»Dazu haben Sie gewiß das Recht,« sagte Angela Freydag und knöpfte ruhig ihren Handschuh zu. »Ich vermochte nicht zu glauben, daß eine Tochter so sehr von ihrem Vater verschieden sein könnte, und wollte versuchen, der Tochter den Weg zur Rückkehr anzubahnen. Ich wiederhole darum: Gehen Sie zu Ihrem Vater, Juliane, und ergeben Sie sich ihm.«
»Ja, meine hochverehrte Lehrerin, dann hätten wir uns wohl weiter nichts mitzuteilen.«
»Mögen Sie Ihre Abweisung nie bereuen.«
»Wenn Sie damit sagen wollen, daß Sie im warmen Nest sitzen und Papa dazu bewegen könnten, sein Testament zu meinen Ungunsten abzuändern --«
»Lassen Sie das!«
Juliane tat einen Schritt zurück. Die blitzenden Augen standen dicht vor ihr. Sie duckte den Kopf, wie aus einer feigen Furcht, die Fremde möchte sie anspringen und niederreißen.
Draußen ging die Flurtür. Ein schneller Schritt, und die Tür zum Empfangszimmer wurde aufgestoßen.
»Ah, Klaus! Zu so ungewöhnlicher Zeit?«
»Wer ist die Dame?« fragte eine schroffe Stimme. »Willst du mich nicht vorstellen?«
»Meine ehemalige Klavierlehrerin, Fräulein Freydag. Mein Mann. Ein andermal, Klaus. Du siehst, daß ich Besuch habe.«
»Ich bin im Begriff zu gehen, Herr Beckenried.«
»Ein andermal?« wiederholte Klaus Beckenried ohne die geringste Rücksicht auf die fremde Dame. »Besuch? Soll ich das vielleicht auch der Menschensorte sagen, bei der du das Geld schuldig bleibst und die mich vor den Geschäftsangestellten lächerlich macht? Die sogenannte Klavierlehrerin kann zuhören, denn was mit dir verkehrt, kann's vertragen! Eine unerhörte Rechnung über Wagenfahrten wird mir überreicht. Hab' ich denn eine Verrückte zur Frau? Ich habe die Tochter Kornelius Vanderwelts geheiratet, und dieser Geizhals -- dieser Geizhals --«
»Sie sind ein Lügner,« sagte Angela Freydag und ging hinaus. --
Das also war die Frauenblüte Julianes. Das also war ihr Gatte Klaus Beckenried. Und ein wildes und schmerzhaftes Mitleid mit dem Manne überfiel sie, der soviel Unwürde und Unritterlichkeit aus seinem Hause auskehren mußte, um -- ein Einsamer zu werden. Nein! schrie es in ihr. Nie ein Einsamer! Nie, nie, solange ich lebe.
Zu Hause warf sie sich an Kornelius Vanderwelts Brust und umschlang ihn mit beiden Armen.
»Was hast du, Engel?«
»Was ich habe? Ich habe dich bisher noch lange nicht lieb genug gehabt und dachte doch schon, weiter ginge keine Liebe.«
Er strich ihr ein Strähnchen des hellen Haares aus der Stirn, wickelte es um seinen Finger wie einen Ring, strich es wieder glatt.
»Liebe erkennt keine Grenzen an. Das ist das einzige, was wir sicher wissen. Und ich will dich nicht weiter befragen.«
Sie warf den Kopf in den Nacken und sah ihm in die Augen. Seine Arme hielten sie.
»Frag' nur immer, Kornelius. Du wirst nie erleben, daß ich nicht antworten möchte. Ich war bei deiner Tochter Juliane, und ich habe auch ihren Gatten kennengelernt, und nun wollen wir nicht mehr darüber sprechen.«
Aber der Tag sollte nicht zur Neige gehen, ohne daß noch einmal der Name Beckenried fiel. Gegen den Abend hin stellte sich der junge Thomas Vanderwelt ein, mit einem Strauße auserwählt schöner Rosen, den er Angela Freydag feierlich überreichte.