Part 23
Sie öffnete die Hand, die immer noch geballt vor ihr auf der Tischplatte lag, und streckte sie flach auf den Tisch.
»Sie war einmal eine liebe Hand. Als dein Vater sie so nannte, Thomas, und sie schön fand. Ja, das war. Jetzt muß sie so hart wie ein Hammer sein, um eines Tages -- eines Tages -- wieder schön gefunden zu werden.«
Er ergriff die Hand, und sie ballte sich schmerzhaft fest um die seine.
»Erst das erlösende Wort sprechen, Thomas, sonst wäre jede Dankbezeigung ein rührseliger Unsinn.«
»Engel,« rang er mühsam hervor, »soll ich es ihr wie eine Kugel vor den Kopf schleudern?«
Die Klammer ihrer Hand rührte sich nicht. Und er fühlte, daß sie die Wahrheit gesprochen hatte, daß ihre Hände unerbittlich hart geworden waren.
»Du kannst es ihr«, gebot sie, »in zwei Malen sagen. Das erste Wort heißt: Bis hierher und nicht weiter mehr. Und das zweite Wort: Aus! -- Du kannst es auch deiner Schwester Juliane sagen.«
Noch einmal rüttelte er an ihrer Hand. Und sie sprach ganz langsam in seine erregten Augen hinein: »Im Namen deines Vaters, Thomas.«
»Aus!« schrie er auf. Und er drückte sein Gesicht auf ihre Hand, und sie ließ sie ihm.
Ärger hat nicht Jakob mit dem Herrn an der Wasserfurt gerungen, dachte sie, bis der Herr ihn segnen mußte. -- --
Es ging nur langsam aufwärts in der Seele Thomas Vanderwelts. Seine Lebenswelt war zu viele Jahre abwegig gewesen, und die Staubschicht zu dick, als daß er sie mit wenigen Atemstößen hätte hinwegblasen können. Sein Geist aber hatte die Schärfe der Dornen und Disteln, unter denen er sich so lange zu Hause gefühlt hatte, und sah das Unschöne schneller als das Gedeihliche. So tat er oft mißtrauisch die Schritte wieder zurück, die er eben erst vorwärts getan hatte, und glaubte, ein heimlich Grinsen zu gewahren, wo ihm ein ermunterndes Lächeln entgegengetreten war.
An einem Vorfrühlingsabend begegnete er Magdalene Matthes auf der Haustreppe. Sie wollte mit freundlichem Gruß an ihm vorüber, aber er verstellte ihr den Weg.
»Weshalb haben Sie Ihren Besuch nicht wiederholt? Weshalb weichen Sie mir aus? Fürchten Sie sich vor mir?«
»Ha,« sagte sie fröhlich, »ich wollt', ich könnt' es, mich vor Ihnen fürchten. Dann erkennte ich doch Ihre Überlegenheit an. Aber ich will gern wiederkommen, wenn Sie mir versprechen, mich gruseln zu machen.«
»Liebes Fräulein Magdalene, wollen wir wie ernste Menschen miteinander reden?«
»Gern, Herr Vanderwelt, und damit Sie sehen, wie hoch ich Männer achte, die ernste Gespräche führen wollen, bitte ich Sie in mein Zimmer. Treten Sie ruhig ein. Ich befinde mich unter Ihrem Schutz.«
Er tat, wie sie es wünschte. Er trat ruhig ein und setzte sich an den kleinen Fenstertisch. Dort stand ihr weißes Bett und dort ihr Kleiderschrank, und er wartete geduldig, bis sie Jacke und Hut abgestreift und in den Schrank gehängt hatte.
Sie saß ihm gegenüber und sah ihn ohne Verlegenheit an. Wie einen guten Gast, der zu Besuch gekommen ist.
»Sie sind ein junges Mädchen von einundzwanzig Jahren, Fräulein Magdalene. Sie brauchen sich nicht zu wundern, daß ich es weiß. Sie waren zwanzig, als wir ins Haus zogen, und das ist bald ein Jahr. In meinem Gedächtnis haben Nebensächlichkeiten leider immer die größte Rolle gespielt.«
»Ja,« antwortete sie, »ich bin mündig geworden.«
»Und ich, Fräulein Magdalene, zähle vierunddreißig Jahre und kann das letztere immer noch nicht von mir behaupten.«
»Sie können es nachholen, wann Sie wollen, Herr Vanderwelt.«
»Ich bin nur bei Ihnen eingetreten, um Ihnen zu sagen, daß ich will. Nur finde ich das Wollen leichter als das Vollbringen, und ich schäme mich nicht, mich mit Ihnen über das Wie und Wo zu unterhalten.«
»Ich verstehe Sie ganz gut, Herr Vanderwelt. Weil ich aus dem Geschäftsleben komme, meinen Sie.«
»Ja, weil Sie mitten im Geschäftsleben stehen. Weil Sie bei all Ihrer Lebenslustigkeit helle und ernste Augen haben, und weil mir mit den billigen Redensarten vom ›Steineklopfengehen‹ und ›Sandkarren‹ nicht gedient ist.«
»Ich freue mich ganz -- ganz unbändig über Ihren Besuch, Herr Vanderwelt.«
»Ich werde mich ebenso unbändig mit Ihnen freuen, wenn etwas Nennenswertes dabei herausgekommen ist.«
»Darf ich sprechen?« fragte sie.
»Nur um Sie zu hören, sitze ich hier in Ihrem Stübchen.«
»Herr Vanderwelt, nicht ungeduldig werden, wenn nicht alles über Hals und Kopf geht. Und auch nicht grimmig werden, wenn ich die Dinge beim rechten Namen nenne. Sie haben gelassen zugesehen, wie man Ihnen ein Ruder nach dem anderen aus der Hand nahm, und ebenso gelassen zugesehen, wie der Kahn von dannen schwamm und versackte. Nun heißt es, ihn mit Geduld wieder heben und flott machen.«
»Geduld. Ich bin vierunddreißig Jahre und habe die Sorge für zwei Knaben.«
»Das ist schön, daß Sie sie beide nennen. Aber das gehört jetzt nicht hierher. Erst müssen Sie den Kahn heben, und dann können Sie die Sitzplätze verteilen. Nun wollen wir einmal überlegen, Herr Vanderwelt.«
Den Kopf in die Hände gestützt, blickte sie zum Fenster hinaus und die Gasse entlang zum dämmerigen Hafendamm.
»Überlegen wir nicht schon seit einer halben Stunde?« murmelte der Besucher.
Sie überhörte seine Ungeduld. Sie sann hinaus, als müßten aus dem Nebel des Stroms die Bilder steigen. Und die Bilder stiegen wie Schatten auf, und sie mühte ihr Hirn, den Schatten schärfere Umrisse zu geben, und die Furche, die sich ihr in die Stirn grub, gab ihrer Mädchenhaftigkeit das Gesicht einer reifen Frau.
Er saß mit zusammengelegten Händen und sah sie an. Und es wurde heller und heller in seinen Gedanken, und mit Staunen wurde er gewahr, daß seine Gedanken dieselben Wege gingen wie die ihren, seit sie das Gleichnis vom Kahn gebraucht hatte.
»Sie meinen den Rhein?« fragte er leise.
Sie nickte. »Ich meine den Rhein. Ich meine ihn zu Berg und zu Tal, von Mannheim bis Rotterdam, und so Gott will, darüber hinaus. Und ich meine Ruhrort als den Hafen. Und wenn man nicht die Möglichkeit hat, Kähne zu befrachten, so kann man -- so kann man sie steuern. Wenn man Kähne hat.«
»Ich habe Kähne,« sagte er. »Ich habe zwei. Der Wilm hat sie geheuert.«
»Wir wollen den Wilm nicht vom Brote jagen. Frau Engel hält ihn hoch in Ehren. Aber mir ist immer -- ist immer, als kämen von diesen Kähnen Taue herüber an Land, an denen man an Bord klettern könnte. Und einmal an Bord, geht man mit auf Fahrt und lernt das Handwerksgeschäft und das Errechnen von Gewinn und Verlust und das Wiedereinholen jedes Verlustes durch gewinnbringende Ausnutzung der Rückfrachten. Nein, durch Ausnutzung der eigenen Persönlichkeit. Dahin, daß man in persönlichen Verkehr zu den Kunden an allen Plätzen tritt. Dahin, daß man sich die Kunden zu persönlichen Freunden gewinnt. Und aus dem ›Partikülier‹ wird der Verlader.«
»Ha,« rief er, »und aus dem Verlader wird der König von Ruhrort! Das ist die Geschichte von der Eierfrau, die auf die Nase fiel.«
»Lassen Sie sie doch ruhig auf die Nase fallen,« erwiderte sie und behielt die nachdenkliche Furche bei. »Wie ich die Eierfrauen kenne, sind sie zäh wie die Katzen, und aus dem nächsten Korb Eier blökt schon wieder das Kalb heraus. Es wird sich sicherlich nicht alles wie an der Schnur abspielen, aber ein Herr Thomas Vanderwelt wird sich ja auch nicht von einer Eierfrau in den Schatten stellen lassen, und wem das Goldene-Pläne-Machen Freudenstunden bereitet, der muß auch die Nackenschläge in den Kauf nehmen können.«
In seinen Augen wurde es heiter. Aber es war nicht die Heiterkeit der Überlegenheit, sondern die währende Freude an der Stunde, von der ihr Mädchenmund gesprochen hatte.
»Es sitzt sich gut bei Ihnen,« sagte er und rückte näher an den Tisch. »Irgend etwas springt von Ihnen zu mir herüber. Was, weiß ich noch nicht, aber ich glaube, es ist Ihr unbekümmerter Jugendmut.«
»Finden Sie nicht, Herr Vanderwelt, daß ›Wir mit den leeren Taschen‹ die glücklichsten Menschen von der Welt sind? Wir dürfen alles das planen, was die anderen schon besitzen, und dürfen es viel schöner noch planen, und wenn nachher nur ein Bruchteil davon in Erfüllung geht, so bleibt es immer ein Gewinn und ein gewaltig schöner Glücksfall.«
»Ja, ja,« murmelte er, »es hat seine Reize. Nur darf man den Glücksfall nicht dem Zufall überlassen.«
Sie streckte ihm aus einem lebhaften Drange heraus über den Tisch die Hand entgegen, und er nahm sie.
»Das ist es, Herr Vanderwelt. ~Dem~ Wort sind ~Sie~ auf die Spur gekommen, und es bringt uns einen Sprung weiter. Von morgens früh bis abends spät am Steuer stehen, jeden Wind ausnutzen, jede steigende Wasserwelle. Und wäre es auch nur, um sich sagen zu können: ›Ich tat meinen Teil‹, und damit die anderen sich sagen können: ›Auf den ist Verlaß!‹«
»Ich möchte morgen früh beginnen, Fräulein Magdalene.«
Sie schüttelte seine Hand hin und her, als sollte er noch mehr erwachen.
»Sie haben ja schon begonnen. Sie haben ja heute abend schon begonnen. Und morgen früh ist Fortsetzung, und jeden Tag einen Schritt weiter. Ach, Herr Vanderwelt, was für eine Freude werden wir von unserer heimlichen Verschwörung haben.«
»Wir? Wollen Sie denn auch weiter mittun?«
»Natürlich will ich weiter mittun. Sie sind ja seit Jahr und Tag aus dem Ruhrorter Geschäfts- und Hafenbetrieb heraus. Glauben Sie, der hätte stillgestanden, seitdem Sie auf die Seite traten? Da kennen Sie die Geschäftsgewaltigen von Duisburg-Ruhrort und was dazu gehört schlecht. Ich bin nur eine kleine graue Maus in dem Riesenbetrieb, aber gerade die Mäuse haben die feinsten Ohren, und es heißt nicht umsonst bei wichtigen Anlässen: ›Könnt' ich da nur Mäuschen sein!‹«
»Mädel, Mädel, wo nehmen Sie nur den verteufelten Wagemut her?«
»Ich könnte sagen, Herr Vanderwelt: aus meinen leeren Taschen. Aber das träfe den Nagel nur halb. Den besseren Teil nehme ich aus meiner Liebe -- zu --«
»Zu --?«
»Zu Frau Engel, Herr Vanderwelt. Zu der Frau, die nur das hohe Ziel kennt und sich darum nie erniedrigt. Und wenn sie Wäsche spülen müßte. Solch ein Vorbild sollten Sie sich auch wählen.«
Er schwieg. Und nach einer Weile sagte er ruhig: »Ich möchte selbst eins werden. Das scheint mir jetzt notwendiger.«
Sie waren aufgestanden, und die Worte fehlten zwischen ihnen. Er griff nach dem Hut.
»Von morgen an gehe ich in den Hafen. Aber mit offenen Augen. Was ich an Ballast führe, geht über Bord.«
»Von morgen an«, sagte Magdalene Matthes, »werde ich mit Ihren Augen ins Geschäft gehen. Aber ich werde meine Kündigung einreichen müssen, um vor mir selber nicht als Ausspäherin gelten zu müssen.«
»Ich verpflichte Sie hiermit als meine Buchhalterin, als meine Schriftführerin, als die Gesamtheit meiner Mannschaft. Bis Ihre Kündigungsfrist abgelaufen ist, muß an meiner Seite Platz für Ihre Tätigkeit sein. Glückauf, Fräulein Matthes.«
»Glückauf, Herr Vanderwelt,« antwortete sie zukunftsfroh und drückte ihm herzhaft die Hand. --
Angela Freydag sah ihn am nächsten Morgen das Haus verlassen und mit gleichmäßigen Schritten dem Hafen zugehen. Und sie sah Magdalene Matthes das Haus verlassen, und ihre Augen begegneten sich.
»Keine Sorge,« sprachen die Augen des Mädchens, »ich bin mit am Werk.«
»Halt aus, Mädchen,« sprachen die Augen der Frau. »Aushalten ist Frauensache.«
Von diesem Morgen an kam eine Abgeklärtheit über Angela Freydag, die sie nicht mehr verlassen sollte. Wie bisher sorgte sie für Haus und Wirtschaft, aber zuweilen war ihr, als sei sie nur noch als Gast geladen, dessen Besuchszeit in absehbaren Tagen abliefe, und sie übe ihre Tätigkeit nur als eine Gegenleistung der Gastfreundschaft.
Kamen diese Gefühle zu ihr, und sie kamen immer öfter und heiterer, so gab sie sich ihnen nicht träumerisch hin, sondern nahm sie als Ansporn, das, was ihr in diesem Hause noch zu tun übrigblieb, mit geschärfteren Sinnen zu durchdenken und den Hebel ihrer Persönlichkeit mit gesteigertem Nachdruck einzusetzen.
Häufiger als in früheren Tagen pflegte sie die gemeinsame Kammer der Knaben aufzusuchen, denn die Klingel in der Wirtsstube schlug am Nachmittage kaum an, und die Versorgung des bettlägerigen Matthes hatte sich die wiedererstandene Frau als ihr ureigenes Recht ausbedungen, das die einst so Demütige mit giftigen Worten verteidigen konnte.
»Ich hab' mit dem Mann noch meine Abrechnung. Geschenkt wird ihm nix.«
Angela Freydag hörte darüber hinweg. Was ging sie die Abrechnung der Alten an? Sie hatte mit den Jungen zu tun. Und die Jüngsten der Jungen waren die beiden Knaben, waren Martin und Nikolaus, die vor fast einem Jahre das Gedicht an den Großvater, an Kornelius Vanderwelt geschrieben hatten und ihren jungen Geist in die Höhe steigen ließen.
Zu Ostern, in wenigen Wochen, würden sie die Obertertiaklasse erobert haben. Ein Jahr zu früh für den regelmäßigen Arbeitsgang und doch für ihre begeisterungsfähigen Seelen nicht früh genug.
In Angela Freydags Augen waren sie beide mutterlos. Selten oder nie hatte sie Frau Juliane oder Frau Antonie in der Kammer der Knaben angetroffen, es sei denn, daß eine der Frauen mit wichtigem Auftrag die Knaben aus der Arbeit aufschreckte und mit einem Brieflein durch die halbe Stadt entsandte. Thomas Vanderwelt aber war nun dabei, sich draußen im Hafen sein Floß zu zimmern, um den freien Rhein zu gewinnen. Da blieb die Sorge um die Knaben Angela Freydag, und es war ihre liebste Sorge.
»Was treibt ihr?« fragte sie, wenn sie beim Eintritt in die Kammer mit Jubelgeheul bewillkommnet wurde.
»Setz' dich einmal nieder, Tante Engel. Hierher an den Tisch. Nikolaus, wirf die Scharteken vom Stuhl. Sitzest du gut, Tante Engel? Das Publikum muß in eine freundliche Gemütsverfassung gebracht werden.«
»Narren ihr! Sammelt die Schulbücher vom Boden auf und zeigt mir eure Hausaufgaben.«
»Muß das sein, Tante Engel? Hat's nicht Zeit? Inzwischen verpufft die ganze Begeisterung.«
»Recht so, Jungens. Da habt ihr die Probe aufs Beispiel, und die haltet mir fest. Was verpufft, ist nicht echt und nicht lebensfähig. Das schillert nur in allen Regenbogenfarben und zerplatzt.«
»Baus!« machten die Jungen und suchten ihre Bücher zusammen.
»Das Aufgabenheft brauche ich nicht,« sagte Angela Freydag und schob es zurück. »Zwischen uns herrscht Vertrauen. Ich belüg' euch ja auch nicht. Außerdem predigt euch euer heller Verstand, daß der Wissende der Herr ist und der Unwissende der Knecht. So, das wäre die Mathematik. Verstehe ich nicht, aber die Zeichnungen sind sauber. Und das wäre das Latein. Verstehe ich auch nicht, aber es sind zwei Seiten voll und wird wohl genügen. Und das -- das ist Griechisch, und ich verstehe es noch viel weniger. Wollt ihr euch lustig machen, ihr Sonntagsreiter?«
»Sonntagsreiter hat sie gesagt, Martin! Sonntagsreiter! In der Woche braucht man den Klepper nicht, und Sonntags hoppelt man darauf herum. Tante Engel, du hättest nur ~unsere~ Reihenfolge bestehen lassen sollen.«
»Wißt ihr es denn nicht mehr aus eurer Kinderzeit? Erst mußtet ihr den Lebertran schlucken, dann kam die Backpflaume als Belohnung. Schmäht mir den Lebertran nicht. Er fördert den Knochenbau. Wie das Lateinische und Griechische Verstand und Geist. Die Kunst aber ist die große goldene Feierabendsonne.«
»Gilt sie nur für den Feierabend?« fragten die Knaben enttäuscht.
»Ihr habt mich mißverstanden, ihr lieben, heißen Jünger. Am Abend geht sie auf und gibt die Kraft für die Nacht und den ganzen neuen Tag. Damit der Mensch den Werktag durchhält und mit jeder Arbeit, die er hinter sich bringt, der Freude näher kommt. Sonst müßte er ja glauben, die Sonne am Himmel schiene nur für die Müßiggänger.«
»Schreib's auf, Nikolaus, für die nächste Nummer.«
»Es kann noch in diese, Martin. Wir machen den Leitspruch daraus. Los. Ein jeder für sich.«
Der eine saß am Fensterbrett, der andere am Bettpfosten und strichelte Buchstaben aufs Papier. Jetzt lief der eine zum anderen, und sie verglichen die Blätter. Aus Rand und Band geraten, schlugen sie sich auf die Schultern, hin und her. Die Prägung der Worte war fast die gleiche geworden und bedurfte nur geringer Feilung.
»Erfahre ich nun bald,« fragte Angela Freydag, »was für Narrheiten ihr treibt?«
»Tante Engel, du mußt unser Mitarbeiter werden. Wir verpflichten dich feierlich. Eigentlich wollten wir es ja ganz alleine machen, aber was wir nur unter Hochdruck zutage fördern, das sagst du so ganz selbstverständlich daher.«
»Ist es wahr, Tante Engel, daß es ›geborene Künstler‹ gibt? Die ganz und gar Kunst sind?«
»Ja, ihr Jungen. Es gibt Menschen, die aus ihrem bloßen Leben das größte Kunstwerk gestalten. Sie sind noch seltener als die namhaften Künstler, und Kornelius Vanderwelt, euer Großvater, war einer von ihnen.«
Die Knaben kamen ihr näher. Ihre Augen leuchteten, als sie von ihrem Vorfahren vernahmen, der ein so großer Künstler gewesen war. Es wurde ihnen zumut, als ginge ein Schein von seinem stolzen Haupte auf ihre Jugendlocken über.
»Tante Engel, du bist doch auch eine berühmte Künstlerin gewesen. Auf dem Konzertflügel.«
»Ihr wollt mich wohl nicht ganz leer ausgehen lassen, wenn ihr an den Großvater denkt?«
»Der Großvater und du, Tante Engel, das ist doch derselbe Begriff. Seit wir denken können, haben wir euch immer zusammen gesehen, und der Martin, als er noch ganz klein war, hat mich einmal gefragt, ob du der Großvater seiest oder der große Mann da.«
»Tante Engel, es war der Nikolaus. Er wollte dich damals heiraten, aber er wußte nicht, ob das anginge, da du doch der Großvater seiest.«
»Weil du die Piep rauchtest, Tante Engel.«
Angela Freydag saß zwischen Kornelius Vanderwelts Enkeln und ließ sich die Jugendwogen warm und wohlig zu Herzen gehen. Ihre Hände griffen in die blonden Schöpfe, ihre Augen lachten in die Knabenaugen.
»Muß ich nun zum dritten Male fragen, was es mit euren Heimlichkeiten auf sich hat? Ich muß doch wissen, ob ich an einer Sprengbombe mitarbeiten soll oder an Apollos Sonnenwagen.«
Die Knaben blickten sich an. Dann sprangen sie gemeinsam an den Tischschubkasten und suchten einen Stoß geschriebener Blätter hervor. »Mit der ersten großen Einnahme wird eine Schreibmaschine gekauft. Natürlich eine ›gebrauchte‹,« erklärten sie beruhigend.
Angela Freydag nahm die Blätter entgegen. Ihr wurde froh und sogar ein wenig feierlich zumute, als sie auf die beschriebenen Seiten blickte. »Aus Sehnen und Leben« benannte sich die handschriftliche Zeitung, die sie in den Händen hielt. Ob nicht der junge Kornelius Vanderwelt, bevor ihn das Sehnen nach dem Leben auf die Weltmeere getrieben hatte, auch eine solche Schülerzeitung gedichtet und geschrieben haben mochte?
Die erste Seite in zwei Spalten geteilt. Auf jeder ein Gedicht, beide in genau der gleichen Verszahl. Links Martins, rechts Nikolaus' Name.
»Tante Engel, das war ein Spaß. Dort saßen wir, wo wir eben saßen. Der eine am Fensterbrett, der andere auf der Bettkante. Eins -- zwei -- drei -- und los! Da schwirrten die Saiten. Der Martin war mit seinem Gedicht zuerst zu Rande gekommen, dafür hatte es bei näherem Zuschauen eine Strophe weniger als das meine, und er mußte eine Strophe hinzudichten, damit auf der ersten Seite das schöne Gleichmaß bewahrt blieb. Wieder 'ran an den Feind, und auf die Sekunde wurde er mit mir fertig. Wie haben wir gelacht, Tante Engel!«
Und Angela Freydag dachte: Da sitzen sie in einem elenden Bauwerk, den Himmel über sich und unter sich eine Schifferkneipe, und das Blut bricht doch durch und schlägt vor lauter Freude Purzelbäume von einem Stern zum anderen.
»Umblättern, Tante Engel,« drängten die jungen Dichter. Sie wollten das Staunen genießen.
Ein Märchen folgte vom Rhein. Eine Erzählung aus dem Hafen. Gleichnisse zwischen Schule und Freiheit, in denen die Freiheit triumphierte. Ein Sportbericht wie ein schottisch Tuch, so bunt überwürfelt mit Fachausdrücken. Eine Spalte voll rheinischen Humors. Und dann der Briefkasten. Der Briefkasten, in dem unzähligen Anfragern immer wieder aufs neue versichert werden mußte, daß die Nummer wirklich nur fünfzig Pfennig koste, obschon noch keine Nummer erschienen und noch kein Anfrager möglich war.
Die Kaufmannsader der Vanderwelts, dachte Angela Freydag. Sie hält auf ihren Preis.
Unter den größeren Arbeiten prangten die Namen der Verfasser, die geringeren waren mit ›Bischof‹ und ›Ruprecht‹ gezeichnet. Angela Freydag wies mit dem Finger darauf. »Was bedeutet das?«
»Verstecknamen, Tante Engel. ›Bischof‹ bedeutet Martin, denn der heilige Martin war ein Bischof, und ›Ruprecht‹ bedeutet Nikolaus, denn der liebe, liebe Nikolaus läuft auch als Knecht Ruprecht durch den Wald. Wärst du darauf gekommen? Ehrlich, Tante Engel.«
»Es sind prachtvolle Verstecknamen,« gestand sie, zog ihre Geldtasche und blickte hinein. »Wie oft erscheint die Zeitung?«
»Monatlich,« sagten die Jungen atemlos.
»Bin ich euer erster Besteller?«
»Ja! -- Willst du bestellen?«
»Ich bestelle hiermit die Monatsschrift ›Aus Sehnen und Leben‹ auf ein Jahr. Macht, soweit ich richtig rechnen kann, sechs Mark. Und da ich euch nicht eines Tages mit dem Gelde auf und davon gehen möchte, so erlege ich es in bar. Nehmt hin. Auf jeden Dichter kommt ein Taler.«
»Tante Engel! Tante Engel!« schrien die Jungen, vom Glück wie benommen. Und warfen sich ihr an den Hals, saßen auf ihren Knien, wiegten sich an ihrer Brust.
»Wollen wir es ihr sagen, Nikolaus?« flüsterte der Martin.
»Alles, alles, und wenn wir damit hineinfallen.«
»Tante Engel -- also -- du bist doch unsere Vertraute -- die Gedichte von der ersten Seite, die haben wir an eine Berliner Zeitschrift geschickt.« Und lagen wieder still an ihrer Brust und ließen sich wiegen. -- --
Es war eine Woche später, als Angela Freydag die beiden Himmelsstürmer unter strömenden Tränen fand. Sie taten keinen Klagelaut, aber die Tränen bahnten sich auch lautlos ihren Weg, rollten über die Wangen und zogen in den Schulheften trübselige Furchen.
»Ihr seid mir ja ein paar nette Sonnenanbeter,« tadelte sie die Zerschmetterten. »Wie wollt ihr denn euere Leser an die Sonne in eueren Gedichten glauben machen, wenn ihr selber das graue Elend habt? Oder hat Berlin euch die Gedichte zurückgeschickt? Mein Zartgefühl hätte das zuerst fragen sollen.«
»Berlin -- Berlin -- hat sie angenommen.« Und die Jungen lächelten unter Tränen.
»Martin! Nikolaus! Wollt ihr wohl gefälligst die Schlappheit unterdrücken? Seit wann steht ihr nicht mehr auf, wenn ich mit euch spreche? Das Glück fällt euch in den Schoß, und ihr wollt euch hier in Weltschmerz gefallen?«
Die Jungen waren aufgesprungen, purpurne Scham auf den Wangen.
»Entschuldige, Tante Engel. Entschuldige vielmals. Es soll nicht wieder vorkommen.«
»Und weshalb ~ist~ es vorgekommen? Darf ich das als euere vertraute Mitarbeiterin vielleicht erfahren?«
Die Jungen blickten scheu in die Zimmerecken. Ihr Knabentum vermochte den Helden noch nicht zu spielen. Und der Blick wagte sich zu der gebietenden Frau empor, die für sie nur die Güte gewesen war, und als sie das Verständnis bemerkten, das sie ihrem Schmerze entgegenbrachte, sprangen sie ihr an den Hals.
»Tante Engel, nicht wahr, das glaubst du nicht von uns, daß es Geldgier wäre? Aber es war doch das erste, selbstverdiente Geld, und wir wollten doch die gebrauchte Schreibmaschine dafür kaufen. Das ist nun für ewige Zeiten aus und vorbei, und mit dem Bestellgeld für die Zeitung können wir es nicht machen, weil wir auch das eingehende Bestellgeld abliefern müssen.«
»An wen?«
»An die Mutter. An Tante Juliane.«
»Also an Frau Juliane. Ist das richtig? Und was hattet ihr von Berlin eingenommen?«
»Denke dir, Tante Engel! Denk' dir doch nur! Zwanzig Mark für jedes Gedicht! Zwanzig Mark, und zusammen vierzig.«
»Hei,« sagte sie, »das ist ein feiner Anfang, und ich muß euch beglückwünschen. Der Rückschlag schadet nicht. Manche werden überheblich, bevor sie erprobt haben, ob es Glück oder Verdienst war. Manche denken, sie brauchten in Zukunft nur irgend etwas auf Papier zu schreiben, was sich reimt, und es hätte Geldeswert. Der Künstler muß durch das Leid hindurch wie der Titan durch die Schicksalswelt, um seinen Adel zu spüren, aber so weit seid ihr gottlob noch lange nicht, und ihr dürft noch um den verlorenen Groschen weinen.«
Sie sagte die Worte vor den Ohren der Knaben, leicht und launig und schmerzstillend. Aber in ihrem Innern zog sich drohend eine Wolke zusammen.
»Hüt' dich, Habgier und Eigennutz, die helleuchtenden Kerzen auf dem Kindesaltar auszulöschen.«
Sie ging in das Zimmer, in dem die beiden Frauen beieinander saßen. Kopf neben Kopf an das Fenster gepreßt, mit den Händen Grüße winkend. Sie fuhren herum, als sie Angela Freydags Schritte vernahmen, wie auf böser Tat ertappt.
»Was verschafft uns die Ehre?« fragte Juliane. »Gilt Ihr Besuch mir oder meiner Schwägerin?«