Part 3
Wie das Haus eines alten Wikings, der ruhebedürftig nach wilden Küstenfahrten und doch in ruheloser Sehnsucht nach dem Wasser, das zum Meere strebt und den Weg zeigt zu den fernsten, wogenumbrandeten Ländern, seine Ausrast am unteren Stromlauf des Rheines nahm, nahe den Schlupfwinkeln der Ruhr-, der Emscher- und Lippemündungen, erhebt sich auf dem Damm zu Ruhrort das Versammlungshaus der Schiffer und der Schiffahrtsfirmen, der ungezählten Hunderte, die in den Wasserarmen der Rhein-Ruhr-Häfen laden und löschen, harren und handeln, aus Schiffsraum und Maschinenkraft, Wetter, Wasser und Wind ihr tägliches Brot holen, verschwitzte Groschen oder Gold, wie es aus der Präge kommt. Fachwerkartig strebt das Haus in den mittelalterlichen Giebel, und das Gerippe des dunklen Eichengebälks gibt ihm Sturmfestigkeit, Ansehen in den Augen der Strombefahrer und die Gewähr der Dauer. Von alters her gewöhnt an Luft und Ellbogenfreiheit, blieb das Volk der Schiffer dem Damm, der Straße vor der Schifferbörse, treu, doch wenn der Regen peitschte, der Nebel von der See her in Schwaden über die Niederungen zog oder naßkalter Winterwind die Wolken gen Holland trieb, stapften sie zufrieden in den Wappen-, Bilder- und spruchgezierten Börsensaal, äugten in die Seitenkojen, die von den großen Verfrachtern und Schiffsmaklern gemietet waren, und harrten und handelten gemächlich und bedächtig, als läge ihnen nichts an Zeit und Geld, und noch viel weniger an dem drängenden Eifer der Geschäftsleute.
Aus allen Häfen des Rheins und des Rhein-Seeverkehrs, aus allen Plätzen der Kanalschiffahrt ins deutsche Binnenland, nach Holland, Belgien und Frankreich hinein, sammelten sich die Schiffer, die bei Ruhrort vor Anker lagen und neue, günstige Ladeabschlüsse erharrten, um die elfte Morgenstunde auf dem Damm und erwarteten Begrüßung und Angebot der Herren aus Ruhrort, aus Duisburg, Homberg und Hochfeld, der Kohlenzechen, Eisenhütten und Stahlwerke, die nach leerem Schiffsraum fahndeten. In breitem Schiffergang trotteten sie heran, in Hosen aus braunem Baumwollsammet und derbgestrickten Westen, in blauen Leinwandhosen und verfärbten Wetterjacken, in dunklen Tuchanzügen mit goldenen Ankerknöpfen, den goldenen oder silbernen Ring im Ohr, Mützen jeder Gattung in den Nacken geschoben. Die Tonpfeife qualmte in Kräuseln, die zerbissene Zigarre hing im Mundwinkel, der Priemtabak lagerte unsichtbar hinter den Zähnen verstaut.
Viele aber, die keine Ladung zu löschen hatten und nicht an die Stunde gebunden waren, erschienen schon frühzeitig wiegenden Ganges auf dem Damm, blinkten in den engen Quergassen nach den Kneipenschildern und löschten ihren frühzeitigen Durst. Und die Geschäfte, die zwischen einigen Geneverschnäpsen zustande kamen, erschienen oft beiden Vertragsteilen als die besseren und bequemeren.
»Döres, noch eine Lage. Verdammt hartleibig heute, der Klaas. Tu ihm ein Stücksken Zucker 'rein, damit et ihm glatter in den Magen geht. Also, Klaas: ein Mann un ein Wort. Ist dein Kahn nun frei für mich oder nicht?«
Dichter und dichter füllte sich der Damm vor der Schifferbörse. Längst kamen Gefährte nicht mehr durch die Massen hindurch und mußten einen Bogen schlagen. Weithin vernehmbar gab eine Glocke das Zeichen zum Beginn der Börsenstunde, und das Gewoge schien lebensgefährlich anzuschwellen und war doch nur ein gemütliches Vordrängen und ein ruhiges Hin und Her zwischen dem Börsensaal und der Straße.
»Wat notieren die Kurse?«
»Nach dem Nordpol oder dem Südpol, du Dämel?«
»Nach Amsterdam!«
»Junge, Junge, un wenn du selbs mit deinem Äppelkahn heil da 'runter kommst, die Amsterdamer Meischen sind dich über.«
»Alles wat rechtens is, Hein: der Pitter spricht aus Erfahrung.«
»Als er wiederkam, hatt' er dich die Hosentaschen leer und den Hosenboden voll.«
Und in das Gelächter der Umstehenden brachen drängend die Stimmen der Makler ein und brachten alles Gelächter zum Schweigen: »Zehntausend Tonnen direkt Rotterdam. Zwanzigtausend Tonnen direkt Mannheim. Fünfzehntausend Tonnen Zwischenlandungen zu Berg. Wer bietet an? He, Petrus, frei mit wieviel? Gebhardt, was kann ich von Ihnen bekommen?«
»Wir kriegen steigend Wasser,« sagte der Gebhardt bedächtig, rollte den Priemtabak in die andere Backe und blickte den Makler abwartend an.
»Vor Abend is Regen da,« stellte der Petrus fest, beleckte den Zeigefinger und hob ihn prüfend in die Luft.
Der Makler machte sein Angebot. Die Männer schwiegen vor sich hin. Der Makler drängte: »Schlagt zu, Leute, bevor die großen Reedereien unterbieten.« -- »Wat fordern denn die großen Klause? Bangemachen gilt nich.«
Durch alle Reihen, durch alle Gruppen drängten sich die Makler, anfeuernd, belehrend, lustige Schlagworte tauschend und schon wieder emsige Geschäftsvermittler. Schiffsbefrachter, die ohne Maklerhilfe ihr Schäflein ins Trockene zu bringen suchten, spielten ihre eigene Geige. Sie verkehrten in vertraulicher Rede, nahmen in Herzlichkeit die Klagen entgegen, um sie mit einem derben Scherze zu zerstreuen und die Lacher in den Bann ihres guten Einvernehmens zu ziehen. Angestellte der Großreedereien, vielerorts die Geschäftsherren selbst, verhandelten mit gesammelten Mienen in der Börsenhalle, in den Kojen. Ihre geräumigen Schiffsparks waren der Straße entrückt, bildeten das feste Gerippe des Umschlagegeschäfts, den Zeiger an der Uhr der Frachtkursnotierungen. Hier und da feilschte ein Börsenbesucher, der nur eine einzelne Ladung zu vergeben hatte, um eine Beteiligung und kam nach langwierigen Bemühungen nur mit hohem Aufgeld davon.
Die Schiffsvermieter reckten die Hälse, wandten die Dickschädel. Einige unterbrachen die angesponnenen Verhandlungen und warteten den Mann ab, dem die angestauten Haufen mit Bereitwilligkeit Platz machten, um ihn alsbald in die Mitte zu nehmen.
»Guten Morgen, Herr Vanderwelt.«
»Guten Morgen? Gut Wetter, müßt ihr sagen, Leute. Steigend Wasser und Regen in Sicht. Gut Herbstgeschäft allwege!«
»Zum Deuwel, Herr Vanderwelt, wenn einer die Wahrheit sagt, sind Sie et.«
»Sie reden wenigstens nich stundenlang um den Brei herum, als wenn et keine Fische mehr im Rhein zu fangen gäb.«
»Keine Fische mehr im Rhein?« Kornelius Vanderwelt zeigte seine weißen Zähne. »Jungens, sie beißen wie nie, und wenn ihr die Nase nur lang genug ins Wasser haltet, beißt einer an. Ich bin hier, um Geschäfte zu machen, und ihr seid hier, um Geschäfte zu machen. Darin sind wir uns wohl einig.«
»Verdammich, Herr Vanderwelt, dat is ein Wort von Mann zu Mann.«
»Kommt nur drauf an, wer dat bessere Geschäft dabei macht. Der Vanderwelt oder wir.«
»Drickes, wenn Ihr mir nicht traut, schert ruhig mit Eurem Kahn aus der Reihe.«
»Nix für ungut, Herr Vanderwelt, aber wir kriegen letzthin dat Fell so oft über die Ohren gezogen, dat et bloße Denken oft lauter zutage tritt, als man gewollt hat.«
Kornelius Vanderwelt faßte ihn mit beiden Händen bei den Schultern.
»Drickes,« sagte er und sah ihm mit zusammengezogenen Augen in den queren Blick, »ich müßte doch der größte Schafskopf auf der Duisburg-Ruhrorter Hammelwiese sein, wenn ich meine Geschäfte nicht Hand in Hand mit den Euren gehen ließ. Wer Geld verdienen will, muß Geld springen lassen. Denn das springende Geld, Drickes, schafft aufgeräumte Laune, schafft Schwung in die Arbeitsleistung und schafft schnelle Bereitwilligkeit und Vorsprung vor den anderen, die ewig Frachttreibereien fürchten. Heda, du Blindgänger, sind das aufgedeckte Karten oder nicht? Ich will nicht nur Geschäfte machen, sondern ich will so schnell wie möglich Geschäfte machen, und das kann ich nur, wenn ich Euch ohne lang Hinundher beteilige. Ist das klar?«
»Bieten Sie an, Herr Vanderwelt. Bieten Sie an,« rief es aus dem Haufen. »Gestern notierten die Frachtkurse nach Mannheim eine Mark zwanzig die Tonne. Un heut schlägt et Wetter um.«
»Ohne viel Gefackel, Jürgens: zehn Prozent drauf!«
»Ohne viel Gefackel, Herr Vanderwelt: fünfzehn Prozent! Ne. Abgerundet auf eine Mark vierzig. Dat rechnet sich besser. Wollen Sie meine vierhundert Tonnen dafür? Meine sechshundert? Meine achthundert?«
Ein Dutzend und mehr riefen ihm zu. Aus anderen Gruppen winkte man ihm mit den Händen, zeigte man ihm durch die Fingersprache die Tonnenzahl an. Kornelius Vanderwelt zog sein Notizbuch und rechnete.
»Herrschaften, da muß ich aber den Zechenonkels die Daumenschrauben anziehen.«
»Dat würden Sie ja auch ohne unsere Mithilfe besorgen.«
Einige lachten, einige kraulten sich in gebändigter Erregung den Schifferbart und harrten gespannt auf den Zuschlag.
»Also auf meine Gefahr hin,« sagte Kornelius Vanderwelt kurz. »Aber mit ~einer~ Bedingung.«
»Brauchen Sie uns nich erst zu sagen. Wir spucken in die Hände, dat et schäumt.«
»Der erste Schleppzug, der herausgeht, ist der von Kornelius Vanderwelt, Pitter, und wenn et hollandsche Meischen regnet!«
»Dann,« meinte Kornelius Vanderwelt mit seinem übermütigsten Gesicht, »würd' ich mir an eurer Stelle die Sache noch mal überlegen. ›Meischen‹ fallen unter die ›höhere Gewalt‹. Gesegnete Mahlzeit, Herrschaften. Heute nachmittag auf dem Kontor die Ladeweisungen abholen.«
Die angestaute Menge machte ihm Platz. »Mahlzeit, Herr Vanderwelt, Mahlzeit.« Und Kornelius Vanderwelt schritt hindurch und in die Börsenhalle. Hier suchte er die Kojen der Großreeder auf.
»Wieviel bieten Sie an?« fragte er, sein Merkbuch in der Hand.
»Ach ne. Lückenbüßerspielen is nich.«
»Machen Sie doch keine Scherze. Selbst der Wüstenlöwe überläßt den armen Schakalen die Beutereste ohne zu blinzeln.«
»Aber erst, wenn er sich selber den Ranzen zum Platzen vollgeschlagen hat.«
»Vor diesem Platzen möchte ich Sie ja gerade bewahren. Gegen Ihre großen Schiffsparks kommt die ganze Gilde der Kleinschiffer zusammengenommen nur mit einem Halbteil an. Also machen Sie eine großmütige Geste und gönnen Sie den armen Kerls ihren Beuteanteil im voraus. Der Löwenanteil bleibt Ihnen ja doch, und Sie erhalten sich die gute Kameradschaft für schlecht Segelwetter.«
»Vanderwelt, an Ihnen ist ein Sonntagsprediger verloren gegangen. Aber einer, der Christus sagt und Kohlen meint. Was können wir für Sie tun, ohne geradezu über den Löffel barbiert zu werden?«
»Wieviel bieten Sie an? Und zu welchen Notierungen?«
»Im Vertrauen, Vanderwelt: die heutigen Kurse werden um zehn Prozent in die Höhe schnellen. Greifen Sie zu, wenn Sie sich decken müssen. Eine gewisse Zeche soll schon einem gewissen Schiffsbefrachter ›+plein pouvoir+‹ gegeben haben, wenn er ihre Förderungen als die ersten auf den Wasserweg bringt.«
»Was Sie nicht sagen,« meinte Kornelius Vanderwelt gelassen. »Solche Schlauberger gibt's? Da muß ich mich wohl beeilen, beizubleiben, und Ihre zehn Prozent auf Treu und Glauben bewilligen. Zehntausend Tonnen? Ach, auf einmal können's zwanzigtausend sein? Gut, ich will sie übernehmen, wenn Sie mir mit dem Schlepperlohn gründlich entgegenkommen. Lassen wir das einmal billigst zusammen berechnen.«
Er hockte bei den Herren nieder, und während die Stimmen der Hunderte in der Halle sie umbrandeten, lösten sie die Fragen wie in der Stille des Kontors.
»Der erste schöne Tag im Jahr,« sagte aufatmend der Reeder Hinrichsen. »Heut haben wir das Mittagessen verdient.«
»Bis zum Abend dürfte es vielleicht zu einer besseren Flasche in der ›Erholung‹ langen,« meinte der Reeder Auffermann und rieb sich das spiegelglatte Kinn. »Ich wäre imstande, die dritte zu bezahlen.«
»Glauben Sie, Auffermann, daß Hinrichsen die beiden ersten übernimmt?«
Die entrüsteten Reeder wandten sich gemeinsam gegen den Sprecher. »Wie? Was? Und Sie selber? Nur mittrinken möchten Sie? Vanderwelt, Ihr Schamgefühl muß doch erheblich gelitten haben.«
»Es schämt sich nur der ewig gleichen Langeweile, meine Herren. Vielleicht nehmen Sie ~nach~ der ›Erholung‹ noch ein Glas Bier oder einen Brandewein von mir an? Es kommt von Herzen.«
»Ah --! Ah --! Hinterher! Bei einem Wirte wundermild.«
»Auf Wiedersehen, meine Herren, im Festgewand.«
Er suchte die eigene Koje auf, schrieb die Auftragszettel aus und schickte sie durch einen Boten an Beckenried zur Weiterbearbeitung. Die vereidigten Kursmakler verließen gerade das Beratungszimmer. Der ermittelte Frachtenkurs erschien an den Tafeln. Kornelius Vanderwelt warf einen Blick auf die Tafeln und sah, daß er, Kleinschifferraum und Großreederraum gegeneinander gerechnet, gut abgekommen war.
An der Straßenecke fand er seinen Wagen.
»Los, Wilm. Irgendwohin ins Freie. Heute müssen wir's kürzer machen.« --
Zwei Stunden später saß er schon in seinem Sonderkontor, der Geschäftsführer ihm gegenüber. Verteilungsplan und Reihenfolge der Kähne lag fertig vor. Die Anweisungen für die Schiffer wurden ausgefertigt.
Kornelius Vanderwelt klingelte die Zeche an, die ihm den dringlichen Auftrag erteilt hatte.
»Den Herrn Direktor, bitte. Ah, schon zur Stelle? Ja, ja, wer heute Geld verdienen will, muß den anderen um ein paar Bootslängen voraus sein, und ich war so frei, nach derselben Richtschnur zu handeln. Ihre Kohlen können auf und davon. Die Kähne werden bis morgen Mittag an Ihrem Kipper verholt. Haben Sie mit Eisenbahnwagen vorgesorgt? Gottlob! Dann lassen Sie ab morgen Mittag anrollen, was die Achsen leisten können. Kein Dank notwendig. Freut mich, daß ich Ihnen den Dienst erweisen konnte. Glückauf.«
»Na, Beckenried? Krieg' ich diesmal ein Patschhändchen? Freund, nicht die alte Litanei. Ich hätte ~noch~ mehr aus dem Geschäft herausholen können, ich weiß. Wenn ich nur mit den Großkophtas und zu zehn Prozent abgeschlossen hätte. Aber dann wär's eben nur ein Geschäft gewesen und keine Freud'!«
»Seltsame Freud', sein gutes Geld zwecklos wildfremden Menschen in die Hand drücken.«
»Wildfremd, Beckenried? Das wäre nur ein Schuldbekenntnis, daß wir sie nicht zutraulich zu machen wußten. Und zwecklos, sagen Sie? Sehen Sie sich gleich mal die verschmitzten Mienen an, wenn meine Schiffsmannen hereingetrampt kommen. Kein Gesicht, in dem nicht zu lesen ständ: ›den Kornelius Vanderwelt haben wir aber diesmal hineinfallen lassen. Wir sind nämlich ~auch~ mit Rheinwasser getauft. Wir!‹ Ach, Beckenried, fröhliche Mitmenschen schaffen -- wenn das keine Freud' ist!«
»Draußen im Kontor versammeln sich die fröhlichen Mitmenschen schon,« sagte Beckenried aufhorchend. »Wünschen Sie sie einzeln oder in der Gesamtheit zu empfangen?«
»Einzeln. In der Reihenfolge ihrer Kähne. Hier, nehmen Sie die Liste mit.«
Kornelius Vanderwelt erhob kaum den Kopf von der drängenden Schreibarbeit, als der erste eintrat. Der Mann scharrte mit den Stiefelsohlen und bot dem Kaufherrn die Tageszeit.
»Setzen Sie sich, Gebhardt, ich bin gleich so weit. So ...! Ihr habt gut lachen, wenn Ihr auf dem Rhein schwimmt und habt Ruhrort im Rücken. Ich kann mir die Finger krumm schreiben.«
Der Schiffer streckte seine borkigen Hände vor.
»Sehen Sie sich ~dat~ mal an. Die sind vom Tauziehen und Ruderpacken auch nich die feinsten geblieben. Ich mein' als immer, wie ich auf die Welt gekommen wär', hätten die ganz anders ausgesehen.«
Kornelius Vanderwelt ergriff die Hand und schüttelte sie.
»Aber eingesalbt hab' ~ich~ sie heute mittag.«
»Wenn wir ~Sie~ man bloß nich eingesalbt haben, Herr Vanderwelt,« grinste der Schiffer. »Ich sag' Ihnen ja nix Neues mehr damit, dat wir Partikulierschiffer über Tageskurs mit Kornelius Vanderwelt abgeschlossen haben. Lassen Sie et sich nich gereuen. Der eine oder andere möcht' sich auch mal einen zweiten Kahn bauen lassen können.«
»Wohin damit, Mann? Die Liegeplätze sind voll, die Häfen dicht besetzt, alle Kranen und Kipper überbeschäftigt.«
»Herr Vanderwelt, meine Kameraden meinen, gerade der Herr Vanderwelt wäre der Mann dazu, hier Abhilfe zu schaffen. Durchzusetzen, dat et Hafennetz gründlichst Erweiterung erfährt, dat mit der Herstellung von neuen Kanälen begonnen wird, dat -- dat -- in einem Wort gesagt, dat die Brotfrage für den Schiffersmann leichter wird un seine Hoffnungsmöglichkeiten. Unsereins möcht' ebensowenig versacken, wie die Herren auf den Kontoren und möcht' seine Familie in die Höhe bringen.«
Kornelius Vanderwelt stand am Fenster und blickte nach dem Strome. Schwerfällig segelten graue Wolkenungetüme darüber hin. In Fäden begann es zu regnen.
»Gebhardt, Sie irren sich. Ich bin nicht der mächtige Mann. Soll meine Stimme stärkere Geltung bekommen, so muß sie noch recht gekräftigt werden. Durch Euch, Gebhardt. Durch Euch und die ganze Kameradschaft. Nicht durch Eure Lungenkraft. Durch Schreien hat noch keiner sein Recht auf Arbeit bewiesen. Dadurch, Gebhardt, daß Ihr für mich schafft, wie für keinen anderen! Daß die Machthaber im Ruhrorter Geschäft merken, mit dem Vanderwelt arbeitet es sich am schnellsten, und sich an mich heranmachen. Bis meine Stellung unangreifbar ist und meine Vorschläge Durchschlagskraft gewinnen. Es liegt an Euch.«
Der Schiffer sah ihm scharf in die Augen. Dann plinkte er ihm vertraulich zu.
»Hab' verstanden, Herr Vanderwelt, un bei den anderen werd' ich et Verständnis schon wecken. Wat die Firma Kornelius Vanderwelt an Schiffsbefrachtung un Abwicklung in die Hand nimmt, dat soll fluppen, als wär der fliegende Holländer von der Partie. Kann ich meine Papiere haben?«
»Hier, Gebhardt. Ihr Kahn ladet zuerst. Wann kann er verholt sein?«
»Heute abend noch liegt er ladefertig unterm Kipper.«
»Vorwärts denn. Lassen Sie den nächsten eintreten.«
Durch die Türfüllung schob sich vierschrötig der Schiffer Petrus. Sein wettergebräuntes Gesicht schien mit einem helleren Rot aufgefrischt. In den Augenwinkeln schwamm es feucht.
»Hallo, Petrus. So angestrengt gefrühstückt?«
»Bei allen vierzehn Nothelfern, Herr Vanderwelt: nich einen Bissen hab' ich heruntergekriegt.«
»Glaub' ich unbesehen. Es gibt auch flüssige Leckerbissen. Na, wohl bekomm's. Und Achtung jetzt auf die Papiere.«
»Wat Sie meinen, is nich, Herr Vanderwelt,« beschwor der Schiffer und schlug sich dreimal auf die Brust. »Un nu können Sie et glauben oder nich: et is nix als die Rührung. Jawohl.«
»Rührung, altes Rauhleder?«
»Jawohl hab' ich gesagt. Weil et im Ruhrorter Hafen unter all den verdammt feinen Kerls wenigstens einen so gemeinen Menschen gibt wie den Kornelius Vanderwelt.«
»Also für einen ganz hundsgemeinen Menschen halten Sie mich? Das ist ja allerhand.«
»Herr Vanderwelt. Keine Silben stechen. Wenn ich gemein sage, mein' ich doch ~mit uns~ gemein. Po--Populär. Aber Fremdwörter, da sehen Sie et, Fremdwörter sind immer Glückssache.«
»Mein lieber Petrus,« sagte Kornelius Vanderwelt zärtlich, »dafür verlass' ich mich auch auf meine Freunde. Buchstabieren Sie Ihre Anweisungen. Ich hab' mein Wort verpfändet, daß ihr vollgeladen habt und schwimmt, bevor die anderen anfangen, und Ihr werdet es einlösen. Der Gebhardt liegt mit seinem Kahn heut abend schon unterm Kipper. Sie sind Nummer zwei und werden sich nicht für einen heurigen Schiffsjungen verschleißen lassen.«
Der Wetterbraune wuchs. Die Papiere klatschte er in seine Brieftasche.
»Gotts Donner, Herr Vanderwelt, wenn sich der Gebhardt keine Flügel am Hinterteil wachsen läßt, ramm' ich seinem Kahn ein Loch in die Rippen.«
»Beim Matthes ›Zu den fünf Erdteilen‹ soll es noch Bindewasser die Fülle geben. Auch um Mitternacht. Der nächste!«
Der Schiffer schlug sich die Mütze ins Genick, legte das Steuer um und nahm Kurs ins Freie. Und schon stand statt seiner der lange Hein vor dem Herrn aufgepflanzt, die schwarze Locke über der Stirn, um den Hals das flatternde bunte Seidentuch, den Silberring verwegen im Ohr.
»Zur Stelle, Herr Vanderwelt.«
»Kerl! Hein! Sie werden mit jedem Tag gefährlicher. Man sollte Ihnen wahrhaftig keinen Kahn nach Mannheim mehr anvertrauen.«
»Oho, Herr.«
»Ich glaub', selbst die schönste Jungfrau Lorelei hängt sich Ihnen ins Schlepp, geschweige denn die anderen Frauenzimmer.«
»Ah -- ~so~ meinen der Herr Vanderwelt.« Der Bursche lachte geschmeichelt. »Ja, dafür kann der Hein nix. Der is von Natur so gewachsen. Aber in seine Schiffergeschäfte läßt sich der nich 'ereinliebeln.«
»Nicht? Und wenn's in Ruhrort nur so um ihn herumwimmelt? Da wär' ich doch gespannt. Ernsthaft, Hein, mir hat ein Vögelchen gepfiffen, es würden da verschiedene« -- er rieb den Daumen gegen den Zeigefinger -- »Anforderungen gestellt, und der Hein wär für bestimmte Hafenplätze nicht mehr zu haben.«
Die Siegermiene geriet ein wenig ins Wanken. Die herausfordernde Geste wich.
»Ein Wort im Vertrauen, Herr Vanderwelt, wenn Sie gestatten würden. Bei solchen Geschichten fehlt zwar meistenteils der Beweis. Aber vorsichtiger wär et immerhin, wenn der Herr Vanderwelt für meinen Kahn als Eigentümer zeichnen wollt, bevor sie mir den verramschen.«
Seine Augen schielten nach dem Herrn, und die schwarze Locke hing ein wenig kläglich.
»Mit anderen Worten: Sie möchten mir den Kahn anhängen und auf Löhnung fahren. Soso. Wenn Sie von der Mannheimfahrt zurückkommen und Ruhrort anlaufen, wollen wir das Geschäft besprechen. Es ist Ihre Sache, sich zu beeilen. Sie sind in der Ladefolge der dritte. Sorgen Sie, daß Ihr Kahn morgen früh pünktlich am Ort liegt.«
»Herr Vanderwelt! Wenn Sie mal im Leben ein paar zärtlich zupackende Fäuste brauchen -- dat hier, dat wären die Muster!«
»Flott, Hein,« sagte Kornelius Vanderwelt und blickte über ihn hinweg, »die anderen stehen sich die Beine in den Leib.«
Und einer folgte dem anderen, wurde kurz auf Herz und Nieren geprüft, bei seiner schwächsten Stelle genommen, erhielt sein Stichwort und schob sich mit einem vergnüglichen Grinsen zur Türe hinaus.
Im Zimmer blieb ein Schwaden von Teer, Schweiß und Branntwein.
Kornelius Vanderwelt hob den Hörer vom Fernsprecher. »Ich bitte Herrn Beckenried zu mir.«
Der Geschäftsführer erschien mit der Unterschriftenmappe. Er verzog krampfhaft das Gesicht und nieste.
»Ja, mein Lieber, das ist der Ozon, der uns zum Leben nötig ist.«
»Die Vanderweltschen Lungen sind nun mal anders geartet als die üblichen. Sie gestatten wohl, daß ich beide Fensterflügel öffne, oder ich habe meine Verhandlungsunfähigkeit zu erklären.«
»Nehmen Sie eine Zigarre, Beckenried. Nicht bei der Arbeit? Gerade bei der Arbeit qualmt der Schornstein am fröhlichsten. Also zur Sache. Die Verladung ist im Lot. Meine Freunde, die uns eben verlassen haben, werden schuften wie die schwarzen Teufel. Bis sie fertig sind, werden auch die Herren Großreeder nachgerückt sein, so daß es eine Lücke nicht gibt. Keine Stunde Ruh' sollen sie vor dem Fernsprecher haben. Und nun -- Feierabend.«
Ein tiefer, langgezogener Seufzer stieg ihm aus der Brust.
»Wahrhaftig, Beckenried, Sie haben recht. Der Ozon war diesmal ein bißchen reichlich.«
»Ich geh' trotzdem nicht mit Ihnen, Herr Vanderwelt.«
»Wirklich nicht? Auch nicht, wenn ich Ihnen einen Abend der tiefsten Sammlung in Aussicht stelle? Ja, was machen Sie denn mit der unendlich langen Nacht? Man schläft doch nur, wenn man einmal müde ist.«
»Dann lernen Sie es nie, Herr Vanderwelt. Bitte, noch ein Dutzend Unterschriften.«
Kornelius Vanderwelt setzte sich wieder, überflog die Bogen, verbesserte ein Wort, eine Wendung, und unterschrieb Blatt um Blatt.
»Beckenried,« sprach er, während die Feder die Namenszüge zog, »es ist auch das einzige, was ich nicht lernen will. Der Schlaf ist die törichtste Unterbrechung jeder Lebensfreude und tritt immer ein, wenn man die Minute für die aller- allerschönste hält. Ach, Beckenried, ich wollt', Sie könnten für mich mit schlafen.«
»Es sollte mein Geheimnis bleiben, Herr Vanderwelt: ich tu's schon seit Jahren!«
»Lieber Freund, wenn Sie darauf anspielen wollen, daß Sie mir mit Ihren täglichen zehn Kontorstunden über sind, dann bewahre Ihnen Gott Ihren frommen Kinderglauben. Amen.«
Er erhob sich, drückte seinem Mitarbeiter die Briefmappe in den Arm, klopfte ihm auf die Schulter und nahm Abschied. Draußen empfing ihn der Regen. Er atmete tief und gierig die Nässe ein, zog den Mantel näher heran und schlug den Nachhauseweg ein.
»Nun, Fräulein Bilsenbach? Waren Sie mit dem Tag zufrieden?«
»Mit der Juliane war es heute besonders schwer, Herr Vanderwelt. In ihre Klavierübungen wollte sie sich nicht mehr hineinsprechen lassen. Sie spielte, wie es ihr paßte, ob es in den Noten stand oder nicht, und als ich ihr ihre Eigenmächtigkeiten verwies, behauptete sie, der Papa hätte es ihr so vorgespielt.«
»Wie wir uns verstehen, Fräulein Bilsenbach. Wenn ich nur frage, ob Sie mit dem Tag zufrieden waren, kommen Sie ohne weiteres auf die Kinder zu sprechen.«
Das Fräulein stutzte. Die Züge verschärften sich, die Schultern zogen sich hoch, als hätten sie eine neue Last des Gekränktseins auf sich zu nehmen.
»Ich habe ja nicht nur die Sorge um das Hauswesen zu tragen, sondern auch die Sorge um die Kinder.«
Kornelius Vanderwelt zog begütigend ihre Hand an seine Lippen.
»Ich bin Ihnen zu unendlichem Dank verpflichtet. Das weiß keiner besser als ich. Und nun nicht gleich böse sein. Außer den Kindern gibt es nämlich auch noch andere Menschen und Dinge, die einer Unterhaltung wohl wert wären und deren Berechtigung man nicht stets von vornherein von den kleineren oder größeren Unarten der Kinder abhängig machen sollte. Fräulein Bilsenbach, ich habe es in allen Häusern, in denen sich alles und jedes um die Kinder und immer wieder um die Kinder drehte, am drückendsten und unerträglichsten gefunden, in den Häusern aber, in denen die Erwachsenen ohne Weiterungen auf ihrem Lebensanteil bestanden, am frohesten und klarsten.«
»Bitte, Herr Vanderwelt, entlasten Sie mich von dem Klavierunterricht. Ich bin ihm nicht mehr gewachsen.«
»Er ruht, bis ich eine geeignete Lehrkraft gefunden habe. Gestatten Sie mir nur den Hinweis, Fräulein Bilsenbach, daß Sie persönlich den Klavierunterricht als eine Art Entspannung von den Hausgeschäften zu übernehmen wünschten und ich Sie keineswegs dazu gedrängt habe.«
»Ich bin ihm nicht mehr gewachsen,« wiederholte das Fräulein und schüttelte ängstlich den Kopf.
»Quälen Sie sich doch nicht. Menschen, die alles können, erweisen sich in keinem Einzelfache als sattelfest. Und die Küche meines verehrten Fräulein Bilsenbach wäre nicht durch das verlockendste Klavierspiel desselben Fräulein Bilsenbach zu ersetzen.«
Die Verbitterung löste sich. Ein kleines Lächeln kroch hervor.
»Sie verstehen es, die Menschen aufzurichten. Nun schäme ich mich fast, daß ich so wenig an Ihre abgearbeiteten Nerven dachte. Es kann sofort zu Abend gegessen werden, Herr Vanderwelt.«
Und auch an diesem Abend wiederholte sich der laute Begrüßungssturm der Kinder, das Verhör in den Vorkommnissen des Schultags, die Übungen in der Kunst des geistigen Florettfechtens in Angriff und Abwehr.