Chapter 22 of 25 · 4000 words · ~20 min read

Part 22

»Geschimpft?« fragte sie bestürzt. »Ich wollte ihn doch nicht beschimpfen. Dazu habe ich erstens nicht das Recht, und zweitens weiß ich aus Erfahrung, daß Leute, die im Elend sind, ein ganz besonders feines Ehrgefühl besitzen.«

»Sehen Sie wohl, Magdalene? Es ist noch nicht aller Tage Abend, und wir wollen uns inzwischen tummeln.«

Während sie die Zimmer richteten und die Küche besorgten, plauderte das frische Mädchen unverdrossen. Es erzählte von den Aufgaben, die ihr im Geschäft gestellt worden seien und über welche Briefausdrücke sie gestolpert sei, fragte eindringlich und ließ sich voll Eifer belehren. Dabei überzog sie ein Bett mit festem Leinen oder wusch das Gemüse unter dem Küchenkranen. Und wie die Fragen mit Verstand gestellt wurden, so wurden die Antworten aus der Reife der Lebenserkenntnis erteilt, und es wurde ein Unterricht, bei dem der Geist des Mädchens alle Pforten öffnete und sich aus allen Pforten in die Höhe schwang zu Angela Freydags Geist.

Wie oft war es Angela Freydag in diesen Wochen und Monaten, als wären nur die Gesichter vertauscht. Als trüge das lernbegierige Mädchen die Züge der jungen, lernbegierigen Klavierlehrerin und sie selbst stünde als Lehrer an Kornelius Vanderwelts Statt. »Ich gebe deinen Reichtum weiter, Kornelius,« sprach sie dann wohl für sich hin, »und heute verstehe ich dein Wort, daß es nicht immer die blutseigenen Kinder sind, die unsere Seele am stärksten beerben.«

Aber die schwermütige Anwandlung verflog, als wäre sie nie gewesen, wenn Kornelius Vanderwelts blutseigene Enkel, wenn Martin und Nikolaus schulentlastet die winklige Treppe hinaufgestürmt kamen und ihr mit tausend Geschehnissen um den Hals flogen. »Heute hat der Martin ein Gedicht auf den Großvater gemacht.« »Der Nikolaus hat geholfen und die gute Hälfte daran.«

»Her damit, Jungens.« Und sie las die stammelnden Strophen.

Ihre Brust hob sich hoch. Ihre Augen funkelten. Nein, es war nicht vergebens.

Ihr Gedanke schweifte zu den spielerischen Müttern, zu dem lässigen Vater, der sich spöttelnd ein Kind der Zeit nannte.

Formte die Zeit die Menschen? Oder formen die Menschen die Zeit? Nur die es versuchen, haben die Berechtigung, zu sein, und dieses Jungdichtergestammel war über die Zeit erhaben.

»Ich wälze zwei rotbackige Äpfel in Teig und schiebe sie für euch in den Ofen.«

Ein Jubelschrei aus zwei Kehlen -- und ein beschämtes Innehalten und Verstummen.

»Schmeckt euch der Lohn zu sehr nach dem Alltag, Jungens? Hattet ihr auf eine goldene Rose gerechnet?«

»Aber wir haben dich ja gar nicht angedichtet, Tante Engel. Das Gedicht geht auf den Großvater.«

Da nahm sie die beiden Jungen mit einem herzlichen Lachen in ihre Arme und an ihre Brust.

»Der Großvater oder ich. Das ist in der Dichtung ein und dasselbe. Ob wir leben oder gestorben sind.«

Der Knabenverstand erfaßte den Sinn der Worte noch nicht. Aber die Augen glänzten vor Begeisterung, als die Bratäpfel in die Ofenröhre geschoben wurden und alsbald ein süßes Duften von Weihnachtsseligkeiten die Küche erfüllte. --

Für den Matthes aber war es gekommen, wie er es vorausgesagt hatte: es war für ihn ein Geschäft geworden. Die Verzinsungen fielen für ihn aus, und die Gastzimmer hatten ohnedies leergestanden und wurden nun in Obacht und Pflege genommen. Darüber hinaus aber waltete die starke Frau, die ihren Einzug gehalten hatte, in Küche und Haus, griff seiner verängstigten Gesponsin nachdrücklich unter die Arme und scheute sich nicht, wenn's not tat und die Kräfte der Alten versagten, unbeobachtet in der Wirtschaft zu erscheinen und nach dem Rechten zu sehen.

»So eine wie die, Alte, wenn ich die gehabt hätt' un nich dich Tränenkrug, die ›Fünf Erdteile‹ wären die erste Wirtschaft am Platz.«

Die Frau kniff erregt die Lippen ein und arbeitete ohne Widerrede weiter und über ihre Kräfte.

Es war einmal gewesen, daß sie mit einer Handvoll Bierseidel über einen Kautabak hingeglitten und zu Fall gekommen war, heftig gemaßregelt von dem Groll des Wirtes und von den Gästen mit Hallo begrüßt, als Angela Freydag die Wirtsstube betrat. Sie half der Beschämten auf die Füße, führte sie hinaus und kehrte kühl an den Schenktisch zurück. »Geben Sie her,« sagte sie zum Matthes.

Er blinzelte in den Tabaksqualm, füllte frische Gläser und schob sie auf das Schankblech, als wäre nichts weiteres dabei.

»Wer hat bestellt? Wohl bekomm's. Sehen Sie, es geht auch mit der Ruhe.«

Die Gäste blickten verdutzt auf die Frauengestalt in derbem Hauskleid, räusperten sich und tranken.

»Schmeckt noch mal so gut,« meinte ein Witzbold.

»Mehr wird nicht verlangt,« antwortete sie und sah dem Manne in die starrenden Augen, bis sein Blick quer ging.

Von diesem Abend an ging sie zeitweilig, wenn die Frau des Matthes vor gichtigen Schmerzen nicht weiter konnte, als Stellvertreterin der Ärmsten in die Wirtsstube hinunter und übernahm die Pflichten der Wirtin. »Sie haben hier nichts, aber auch gar nichts verloren,« wies sie das junge Mädchen zurück, das sich ihr hilfsbereit zugesellen wollte. »Für Männer in Kneipenluft ist eine andere Verfassung am Platz, als ich sie bei Ihnen wünsche. Diese Bekanntschaften hier möchte ich Ihnen für Ihren zukünftigen Lebensweg erspart wissen.«

»Aber, Frau Engel, Sie sind eine Dame, und was und woher bin ich?« erwiderte Magdalene Matthes angriffslustig.

»Sie stellen die Frage falsch, Kind. Nicht: ›woher bin ich?‹, ›wohin will ich gehen?‹ muß sie heißen und nicht anders. Also belasten Sie sich nicht mit Dingen, die Ihnen Ihren Weg versperren. Der meine war schön und weist mich zur Beendigung hierher. Weshalb, das lassen Sie meine Sorge sein.«

Das Mädchen ging verwirrt von dannen und suchte einen Entgelt darin, daß es sich mehr als bisher um die Wünsche und Gewohnheiten der Vanderweltschen Familie kümmerte und ihnen genugzutun sich mühte.

Stark und gefestigt saß Angela Freydag im Schatten des Schenktisches, die aufglühende Tonpfeife als Freundin. Und sie behielt den Stiel der glühenden Pfeife in der Hand, wenn sie am Schenktisch die gefüllten Gläser entgegennahm und zu den Gästen trat. Stark und gefestigt saß sie wieder auf ihrem Platze, und die voreiligen Witze der Männer hatten sich in ein Murmeln der Befriedigung verwandelt.

Man war bei Mutter Engel. -- --

»Frau Engel, ich möchte Sie sprechen,« bat in den festfröhlichen Wintertagen Magdalene Matthes. »Darf ich es sagen?«

»Sagen Sie mir getrost alles, was Sie auf dem Herzen haben. Wir sind in meinem Stübchen und allein.«

»Sie sind vielleicht durch die Wirtsstube so oft in Anspruch genommen, daß Sie es nicht bemerkt haben. Und es sind auch ganz gewiß nicht meine Angelegenheiten. Aber die anderen dürfen doch nicht in die Mäuler der Leute kommen.«

»Wer sind die anderen?«

»Nun, der Herr Thomas Vanderwelt und -- und -- die Prachtburschen, der Martin und der Nikolaus.«

»Für die Frauen fürchten Sie nichts?«

»Ach, Frau Engel, die Frauen sind es ja gerade, die -- ja, wie soll ich es Ihnen sagen? -- die so unvorsichtig sind.«

»Und Sie glauben, ich bemerkte das nicht, wenn ich in der Wirtsstube sitze? Und Sie denken, weshalb ist sie hinuntergegangen und sitzt nicht oben und hält die Augen auf? Weil ich denen da oben eine Frist zur Besinnung gesetzt habe, Mädchen, und zusehen will, für wen es sich da oben verlohnt, bevor ich an die Abreise denke.«

»Frau Engel,« rief das Mädchen mit erschrockenen Augen, »dann bricht für die da oben alles zusammen.«

»Magdalenlein,« beruhigte Angela Freydag und strich ihr über die heißgewordenen Wangen, »es ist noch nicht so weit, und ich hoffe auf ein Wunder. Wenn auch das, was Sie mir zu sagen haben, nicht ein Wunder voraussehen läßt.«

»Hätte ich doch nicht damit begonnen!« stieß das Mädchen über sich selbst erzürnt hervor.

»Nicht so, Magdalene. Sie und ich, wir haben uns liebgewonnen, und in der Liebe gibt es keine heimlichen Gedanken. Was Sie mir zu sagen haben, kann nur die Bestätigung meines eigenen Wissens sein, und jede klare Bestätigung reinigt die Luft. Sie helfen mir also auch mit weniger schönen Wahrnehmungen.«

Das Mädchen hob den Kopf. Ihre tapferen Augen trugen den Ausdruck der Entschlossenheit.

»Frau Engel, es ist nicht gut, daß die beiden Frauen allein gehen. Ich sah sie nicht zum erstenmal in den Straßen, wenn ich abends aus dem Geschäft kam. Heute wurden sie angeredet, und sie ließen es sich gefallen und gingen mit den Herren in eine Tanzdiele. Es ist keine angesehene Örtlichkeit, in die sie gingen, und sie wußten es wohl nicht.«

Angela Freydag saß und hielt die verschlungenen Hände im Schoß. Aber die Gelenke ihrer Finger knackten.

»Wollen Sie es den beiden Frauen sagen, Frau Engel? Bitte, sprechen Sie doch.«

»Es ist die Sache Thomas Vanderwelts, Magdalene. Er hat für den Namen Sorge zu tragen. Also sprechen Sie mit Thomas Vanderwelt, wenn das Herz Sie treibt, und ich hoffe für ihn, daß Sie eine glückliche Stunde haben.«

»Mit -- Thomas Vanderwelt? -- Und was hat mein Herz damit zu tun?«

»Das müssen Sie sich selber fragen. Oder auch nicht, wenn es Ihnen auf Hilfe ankommt.«

»Ja,« sagte sie mit schwerem Atem, »es kommt mir auf Hilfe an. Gerade bei ihm. Denn er ist im Grunde ein ganz anderer, als er vortäuschen möchte.«

»Wer ist er denn? Ein unglücklicher Ehemann?«

»Ein schlaffer Mensch ist er. Ein Mensch, der den Aufschwung nicht finden kann, weil er immer in den Schmutz stiert. Aber viel, viel weicher ist er, als seine Spottsucht zugeben will und die wenigsten es ahnen.«

»Vielleicht, weil er in Ihnen eine so gute Freundin gefunden hat. Und nun gehen Sie zu ihm, Mädchen.«

Die erhitzten Wangen erblaßten ihr. Mit kleinen, scheuen Schritten ging sie auf die ernstgewordene Frau zu, die sie in die Arme nahm.

»Ich habe einmal aus dem Munde eines ganz Großen gehört, der auch nicht in den Gleisen althergebrachter Sitte lief: ›Ich habe das Heilige angebetet in Gottes reichster Schöpfung. In der Liebe! Alle reine Liebe ist eine Tugend, Kind. Und es steht kein Mensch so niedrig, daß er sich ihrem Anruf entziehen könnte.‹«

Da ging sie und suchte Thomas Vanderwelt auf.

Er lag lesend auf dem Sofa, als sie zu ihm eintrat, und er behielt das Buch in der Hand, als er erstaunt aufsprang und ihr entgegenging. Es war still im Zimmer. Die Frauen spazierten in der Stadt.

»Soll ich mich durch Ihren Besuch geschmeichelt fühlen, Fräulein Magdalene, oder das niederdrückende Bewußtsein auf mich nehmen, daß es für ein junges Mädchen kein Wagnis bedeutet, mich in meiner Höhle aufzusuchen?«

»Wenn ein ~Löwe~ in der Höhle steckt, mag es schon ein Wagnis sein, Herr Vanderwelt.«

»Ich verstehe. Sie sind gekommen, um das festzustellen. Ich sah einmal einen Löwen in einer Tierbude, der ließ sich an den Barthaaren zausen und weinte.«

»Man hätte ihn aus der Tierbude herauslassen sollen, und die Zauser hätten das Weinen gekriegt.«

»So hohen Ehrgeiz hatte der Löwe gar nicht. Er war zufrieden, daß er gefüttert wurde und nicht in den Regen brauchte.«

»Dann hat der Löwe wohl Ehrgeiz und Ehre verwechselt, Herr Vanderwelt. Das soll in der Gefangenschaft vorkommen.«

»Was wollen Sie?« fragte er mit einem ärgerlichen Stirnrunzeln.

»Frau Engel behauptet, ich sei Ihre Freundin,« sagte sie furchtlos. »Es kommt gar nicht darauf an, ob Ihnen daran etwas gelegen ist oder nicht. Wenn ich Freundschaft für Sie fühle, so muß ich es Ihnen beweisen, auch wenn es Ihnen unangenehm ist. Ihre Gattin, Herr Vanderwelt, und Ihre Frau Schwester scheinen zuweilen den Löwen in der Höhle zu vergessen. Das ist nicht gut, Herr Vanderwelt. Für Sie nicht und für die Knaben nicht.«

Er trat hastig auf sie zu. Auf seinen blassen Wangen tanzten Flecke.

»Wissen Sie etwas Neues? Etwas, was ich nicht weiß? Ausgezeichnet. Wir werden Gegenminen legen und sie verblüffen.«

»Haben Sie nicht richtig zugehört?« fragte sie staunend. »Es ist kein schön Geschäft, die Angeberin zu spielen, und ich möchte es nicht wiederholen.«

Seine fahrigen Hände hielten inne. Er besann sich, wer sie war.

»Meine Jagdleidenschaft ging lieber andere Wege. Das dürfen Sie mir glauben. Der röhrende Hirsch. Der wetzende Keiler. Und das Leben dransetzen, ihn auf die Decke zu kriegen. Aber wir sind kleine Leute und dürfen nur heimlich mit dem Frettchen auf die Karnickeljagd. Man gewöhnt sich daran. Es kann eine Leidenschaft werden. Da treiben die geschmeidigen Tierchen ihren verliebten Unfug in allen Hecken. Husch, sind sie im Bau und lachen sich eins. Und Sie lassen das Frettchen hineingleiten, und nun ist das Lachen an Ihnen, wenn die lieben Tierchen mit gesträubtem Haar aus den Röhren herausgefahren kommen. Ihnen in den Sack.«

»Herr Vanderwelt, hat Ihnen noch nie ein Mensch gesagt, daß die Frettchenjäger und die Hundefänger ungefähr auf der gleichen Stufe stehen?«

Ein Ruck ging durch seinen Körper. In seinen Augen blitzte es drohend auf. Sie aber freute sich der Drohung.

»Sie sind eine Frau,« sagte er und mühte sich in die Gelassenheit zurück. »Mit den Begriffen einer Frau soll man nicht rechten, und wir wollen den Gesprächsstoff wechseln. Übrigens sind Sie eine sehr hübsche Frau, oder Fräulein, wenn Sie das lieber hören. Schlank und voll geschwungener Linie, wie die Wiener Rokokofiguren, die ich besonders liebe. Mit der hellen Haut und dem hellen Haar der Frauen von Geblüt. Ich meine, wenn Sie sich strecken, müssen Sie mir gerade bis an den Mund gehen.«

»Loslassen. Oder ich schlage Sie ins Gesicht.«

»Gern?«

»Gern?« wiederholte sie, aus der Fassung gebracht, und fühlte seinen Arm nicht mehr. »Man schlägt doch einen Menschen nicht gern ins Gesicht?«

»Sicherlich nicht, wenn man vorgibt, eine Freundin zu sein.« Und er beugte sich über sie und küßte sie auf den Mund.

Sie setzte sich nicht zur Wehr. Sie streifte nur ruhig seine Arme von sich ab und trat einen Schritt zurück.

»Herr Vanderwelt, mein Mund ist kein Freiweideland. Mein Mund, das bin ich! Und wenn Sie wieder einmal Hunger oder Durst nach ihm bekommen sollten, so vergessen Sie nicht, daß Sie als Zahlung sich selber mitzubringen haben, oder doch das, was das Beste an Ihnen sein sollte, den Mann.«

Und sie war hinaus, bevor er sich den Sinn ihrer Worte gedeutet hatte.

Angela Freydag saß vor ihren Büchern und rechnete, als Magdalene Matthes leise bei ihr klopfte. Und sie errechnete noch ein Vierteljahr der Frist für die feiernden Hände derer, für die sie Sorge trug. Ihr Blick kam aus weiten Fernen zurück.

»Haben Sie eine glückliche Stunde angetroffen, Magdalene?«

»Er hat mich geküßt, Frau Engel.«

»Geküßt? So tief ging sein Dank für Ihre Freundeshilfe?«

»Ach, Frau Engel, ganz außerhalb meiner Freundeshilfe hat er mich geküßt. Wie man ein kleines Mädchen küßt, das ein Gedicht aufgesagt hat, oder ein größeres, mit dem man schon eine Liebelei anfangen möchte. Nicht so finster blicken, Frau Engel. Ich bin vergnügter herausgekommen, als ich hineingegangen bin. Denn ich habe ihm über seine hohe Mannbarkeit die Leviten gelesen, daß ihm der Spiegel im Zimmer zuwider sein muß.«

»Hüt' dich, Thomas,« sagte Angela Freydag vor sich hin.

Stark und gefestigt saß sie auch am heutigen Abend am Schattenplatz der Wirtin, die Arme aufgestemmt, die glühende Tonpfeife zwischen den weißen Zähnen. Schimmernd lag ihr die Haarkrone um den schöngebliebenen Kopf, der heute voll dunklen Sinnens war.

Der altgewordene Matthes kam vom Schenktisch. Er zwinkerte mit den Augen über sie hin und sah das Weiße ihres Armes aus den Ärmeln blinken. Wie versehentlich ließ er seine Hand an das Weiße streifen. Sie nahm die Pfeife aus dem Mund und lächelte ihn so fern und seltsam an, daß es den Mann überlief. Und senkte den glühenden Pfeifenkopf auf seinen Handrücken.

Ein paarmal blinzelte er. Dann wandte er sich schwerfällig um und verließ das Zimmer. Ein hellhörig Schweigen blieb hinter ihm, und die Gäste hockten wie ein verhagelt Hühnervolk auf den Stühlen und schielten nach der Frau. Der Matthes kehrte zurück. Er trug ein nasses Tuch um die Hand und stellte sich wortkarg hinter den Schenktisch. --

Die Feierabendstunde schlug, und die Gäste erhoben sich und verließen die Wirtsstube. Aber ein jeder rückte, was sonst nie der Brauch der Männer gewesen war, vor der gelassen weiterrauchenden Frau die Schiffermütze, und ein jeder sprach: »Gute Nacht, Mutter Engel.«

Draußen im Gang schloß der Matthes hinter dem letzten die Haustür. Dann schlurften seine Schritte die Treppe hinauf.

Auf der nächtlichen Gasse zogen ein paar Mädchen vorbei und sangen ein Lied.

Angela Freydag hob den Kopf, um den Sinn zu ergründen.

Sie sangen von der Sehnsucht.

11

Es ging bergab mit den ›Fünf Erdteilen‹. Es gab lustigere Schankbetriebe im mächtig sich dehnenden Hafengebiet, und das arbeitende Volk war über die weißgescheuerten Tische, die Bierseidel und Genevergläschen hinausgewachsen und verlangte nach anders gearteten Genüssen als dem Gedudel der Harmonika. Noch war eine ältere Stammgemeinde treugeblieben, aber als auch die sprichwörtlich gewordene Grobheit des Matthes keine Funken mehr schlug und einzuschrumpfen begann, weil ihr die Hauptzielscheibe, die ein Leben lang verängstigte Frau, vor Augen fehlte, rückten auch die alten Kunden in verlegener Langeweile auf ihren Sitzen, und nur hier und dort klatschten noch die Skatkarten auf die Tischplatten.

Der Matthes alterte zusehends. Von einer Erkältung konnte er sich schwer erholen, und der vierschrötige Mann schlich wie ein Schatten umher. Aber noch wollte er nicht zugeben, daß seine besten Trümpfe ausgespielt wären, und er nörgelte mehr als je in Haus und Betrieb herum, bis ihn ein neuer Anfall aufs Lager warf.

Angela Freydag sah alles und sah mehr. Sie sah, wie die niedergedrückten Lebensgeister der alten Frau sich heimlich zu regen begannen, je mehr sie bei dem alten Manne zu versagen drohten, wie die Alte sich zusammenraffte, als hätte sie noch etwas vom Leben nachzuholen, was ihr einen Entgelt bieten müßte für alle Stöße und Schläge des Daseins. Die alte Frau stand von ihrem Lager auf und übernahm die Pflege des Mannes.

»Es geht nicht an, Engel,« sagte Thomas Vanderwelt, »daß du auch noch die Geschäfte der Matthesleute auf deine Schultern nimmst und vor den Gästen die Wirtsmutter spielst. Ich sage es nicht, weil ich mich meiner eigenen Unfruchtbarkeit schäme. Ich bin eine taube Blüte, über die nicht viel mehr zu reden ist. Ich sage es, weil ich an den Vater denke und an sein Entsetzen, seinen Angela-Engel in solcher Gesellschaft zu sehen.«

»Beruhige dich, Thomas. Der Vater würde sagen: Der Angela-Engel wird schon wissen, was er will.«

»Darf ich es auch wissen, Engel?«

Sie säumte an einem Handtuch, und er setzte sich grübelnd zu ihr und ließ das derbe Leinen durch seine Finger gleiten.

»Was ich will, Thomas? Feststellen, ob es sich lohnt, uns keinen Augenblick eher aufzugeben.«

»Ob was sich lohnt, Engel? Meine Gedanken sind seit einiger Zeit nicht mehr bei der Sache, und du mußt ihnen schon zu Hilfe kommen.«

Sie senkte die Arbeit in den Schoß und blickte forschend über ihn hin.

»Eine Frage an dich, Thomas, bevor ich antworte. Wo sind deine Gedanken seit einiger Zeit?«

Er prüfte das Leinen weiter zwischen seinen Fingern, als wäre es ihm wichtiger als die Frage.

»Ach, Engel, ich gefalle mir mal wieder in Übertreibungen, das ist alles. Gedanken! Als ob ich andere Gedanken hätte als ein abgeblaßter Papagei im Käfig.«

»Unterlaß mir zuliebe die weltschmerzlichen Bilder. Sag' mir, ob es noch einen Funken geben kann, der dich aufrüttelt?«

»Einen Funken mag es schon geben. Aber ob dieser traurige Rest wert ist, aufgerüttelt zu werden --«

»Der Rest kann das Beste enthalten. Das Pulver, das sich entzündet und die Kugel aus dem Lauf treibt.«

»Es lohnt nicht, Engel. Ich habe in der letzten Zeit viel darüber nachgedacht.«

»Woher willst du müder Mensch wissen, was sich lohnt und was sich nicht lohnt? Welche Versuche geben dir das Recht dazu? Hast du alle Möglichkeiten ausgeschöpft? Bist du jeder Betätigungsmöglichkeit nachgegangen? Ja, es ist richtig, ich habe vorhin dieselben Worte gebraucht, und du hast mich nach ihrem Sinn gefragt. Den will ich dir jetzt gern offenbaren. Dein Vater Kornelius Vanderwelt, Thomas, würde deshalb sagen, der Engel wird schon wissen, was er will, weil er die großen Ziele sah, das Werk und nicht das Handwerkszeug. Es würde ihm nicht einfallen, zu fragen, ob es ehrenvoller ist, Bier zu verkaufen oder Kohlen zu fördern oder Schiffe zu befrachten. Wenn er das eine oder andere nicht gerade vermocht hätte, so hätte er das dritte oder vierte getan und den zupackenden Mann gewertet und nicht den überheblichen Kastengeist, der sich auch nur eine Sekunde besinnt, ob der Handel mit Stahl und Eisen vornehmer sei als der mit Guano. Die Art des Mannes ist vornehm, nicht die Art seiner Betätigung. Das solltet ihr jungen Menschen endlich lernen, die ihr euch ein funkelnagelneues Geschlecht dünkt.«

»Du selber sprachst davon,« sagte Thomas Vanderwelt nach einer stummen Weile, »du wolltest feststellen, ob es sich lohnt, uns keinen Augenblick eher aufzugeben. Wie soll ich das verstehen?«

Sie blickte ihn an und sah, daß sein Kopf wie eine schöne, welke Blüte an ihrer Schulter lehnte. Und dennoch war es der Schmalkopf des Vaters mit den breiten Wölbungen der Stirn.

»Thomas -- ich habe mir eine Zeit gesetzt. Es kann sich eine Sache als so minderwertig herausstellen, daß ihre Beibehaltung eine Vergeudung von Zeit und Kraft bedeuten würde. Ist der Punkt erreicht, so lege ich nieder.«

»Was legst du nieder?«

»Die Sorge um den Nachruhm des Namens Kornelius Vanderwelt.«

»Liegt dir so viel daran?«

Sie nahm seinen Kopf mit beiden Händen, schob ihn von ihrer Schulter und suchte finster in seinen Augen.

»Nicht sehr viel mehr -- wenn mich das der Sohn und Erbe fragt.«

»Und was würdest du tun -- wenn der letzte Punkt erreicht ist?«

»Abreisen,« sagte sie hart, und kein Zug in ihrem Gesicht zuckte.

Sie hörten nur ihren Atem noch. Den ruhigen der Frau, den immer schneller werdenden des Mannes.

»Engel -- wenn wir anderen dir schon so minderwertig erscheinen, wie wir es sind -- denk' an die begabten Jungen. Übereile nichts.«

»Denk' du daran, Thomas. Und beeile dich.«

»Ich bin so müde -- so elend müde -- --«

»Müde wird man nur von der Trägheit des Herzens. Reg' die Hände und reiß das Herz mit. Es läßt sich so gern mitreißen.«

»Ach, Engel, die Hände. Sieh dir die Hände an. Es sind Knabenhände geblieben.«

»Ist das ein Kunststück, Thomas, aus Knabenhänden Manneshände zu machen? Manneshände für deine Person und für deine Familie? Glaubst du, ich ränge mit dir und rüttelte und schüttelte dich, wenn ich nicht doch noch die Möglichkeit sähe?«

»Zu meiner Familie gehört auch meine Frau.«

Sie zögerte keine Sekunde.

»Gibt es Hindernisse, so sind sie da, um beseitigt zu werden. Du hältst das Heft zur Scheidung in der Hand.«

Sie wartete auf Antwort und sah, wie er in den Schultern fröstelte.

»Ach,« sagte er klagend, »was ist nicht alles aus meinem Leben beseitigt worden. Der Stolz auf mich selbst -- und die Freude an der Frau. Oder war die Reihenfolge die umgekehrte? Alles an Zweck und Ziel war aus meinem Leben gestrichen, seit ich blindlings in diese Ehe lief, Engel, und selbst das Jungferntum war aus der Mitgift gestrichen.«

Angela Freydag spürte ihr Herz hart gegen die Rippen schlagen. Ihre Nasenflügel weiteten sich.

»Man mag sagen, Thomas, das sei kein Gesprächsstoff zwischen uns beiden. Aber er ist es doch, wenn es -- wenn es um eine Lebensrettung geht. Was du soeben ausgesprochen hast, setzt dich ins Unrecht. Denn du hast trotzdem die Ehe fortgesetzt. Jetzt aber sorge, daß Recht wird. Nicht mehr vergeben. Nicht mehr! Sagen: das nächstemal -- aus! Und die Faust hinter das Wort setzen. Aus!«

Ihre Hand zog einen Strich, ballte sich zusammen, fiel hart auf die Tischplatte. Durch das Zimmer hallte ein Laut, als wäre hart eine Tür ins Schloß gefallen.

Thomas Vanderwelt hatte sich erhoben. Ein paar Tropfen perlten auf seiner Stirn. Er fühlte es, als er sich das Haar aus der Stirne strich. Die nächsten Atemzüge stand er, als ob es um ihn herum wirbelte, als ob er mit stoßenden Händen in den Wirbel hineinschlagen müßte. Eine Welle hob ihn hoch und zeigte ihm Land. Eine Welle riß ihn nieder.

»Engel -- hilf mir! Die Jungen -- die Jungen sind es wert.«

»Ich helf' dir. Dir und den Jungen und keinem anderen. Weißt du, was helfen heißt? Nicht einen Ertrinkenden aus dem Wasser ziehen. Ihm den Arm unter die Brust legen, damit er das Schwimmen lernt. Dann ist es vorbei mit der Ertrinkungsgefahr.«

»Engel -- Engel! Als ich ein Knabe war und nicht lernen wollte, wie du wolltest, hab' ich zum Schluß doch immer wieder nach deiner Hand gehascht. Das möcht' ich auch heute. Deine liebe, liebe Hand möcht' ich.«