Part 17
Auf bloßen Füßen stand sie neben seinem Stuhle, bettete sie seinen Kopf in ihr warmes Kissen, seine Füße in eine wollene Decke, drehte sie geräuschlos das Licht aus. Und aus ihrem Bette heraus horchte sie noch lange auf die stillen Atemzüge.
Als er die Augen aufschlug, sah er sie in ihrem weißen Morgenrock, das Haar unter einem seidenen Strickmützchen, am Fenster stehen und in den Morgen hinausblicken. Sie wandte sich um und blickte mit einem Lächeln zu ihm hinüber.
»Wo bin ich, Engel? Wie komme ich hierher? Ist es schon Tag?«
»Du bist bei mir. Du kamst in der Nacht zu mir. Und nun ist es Morgen.«
Seine Gedanken kehrten nur langsam und wie aus weiter Ferne zurück. Das Erinnern an das gestrige Erleben drängte sich vor, zeigte seine Dirnenfratze und hatte seine Schrecken verloren. Da stand die starke, helle Frau und reichte ihm zum Tagesgruße die Hände. Und diese Hände, die er schon an dem herumgejagten hageren Mädchen liebgewonnen hatte, diese Hände hatten ihn in Schlummer gewiegt.
Er sprang aus dem Stuhle auf. Der tiefe Schlummer hatte ihm alle Kräfte zurückgebracht. Und Kornelius Vanderwelt beugte sich über Angela Freydags Frauenhände und küßte sie. --
Vor der Geschäftsstunde noch kam Thomas Vanderwelt in sein väterliches Haus. Mit krampfhaft angespannten Gesichtszügen begrüßte er Angela Freydag, die ihn in seines Vaters Zimmer eintreten ließ und hinter beiden die Türe schloß. Als Thomas Vanderwelt nach einer halben Stunde das Zimmer wieder verließ, war sein Gesicht fassungslos und verwüstet.
»Es war wohl weniger der Tod als die Roheit des Todes, die ihn so aufwühlte,« sagte Kornelius Vanderwelt.
»Ich weiß es nicht, Kornelius. Ich weiß nur, daß ihn noch etwas aufzuwühlen vermag. Das soll uns heute genügen.«
Es kamen auch die Frauen ins Haus, Juliane und Antonie. Beide in erlesenen schwarzen Gewändern.
»Es ist gut, daß sie zusammen kommen,« sagte Kornelius Vanderwelt, als Angela Freydag sie ihm meldete. »Zu zweit bilden sie doch nur ~eine~ Unwahrheit. Laß sie zu mir, damit ich es schnell überstehe.«
Nach wenigen Minuten schon kehrten die jungen Frauen mit verstörten Gesichtern zu Angela Freydag zurück.
»Was ist mit ihm?« fragte Juliane hastig. »Er ist für Trost nicht zugänglich und wies mich barsch zurück, als ich ihn um ein Andenken an meinen armen Bruder bat.«
»Ist Justus wirklich bei einer Frau tot aufgefunden worden? Von dem zornigen Ehemann überrascht, getötet und auf die Gasse geworfen? Bitte,« bat Juliane mit schauernden Schultern, »erzählen Sie mir doch alle Einzelheiten.«
»Als Helfer starb er -- aber die Tatsache seines unglücklichen Todes muß unserer Trauer wohl zunächst genügen,« erwiderte Angela Freydag und öffnete den verstörten jungen Frauen die Tür.
»Und die beiden Beckenrieds, Vater und Sohn, erschienen und gingen zu Kornelius Vanderwelt in das Arbeitszimmer. Der Schwiegersohn Klaus nagte vor Erregung an der Unterlippe und schaute so wild um sich, als erwarte er selbst ein Wort der Teilnahme, und der alte Beckenried fand das Wort, wenn auch auf Umwegen, und wies darauf hin, daß nicht nur die Angehörigen schwer unter den niederdrückenden Umständen des Todesfalles leiden würden, sondern auch das Geschäft, denn das Verfrachtungsgeschäft sei nun einmal eine Vertrauenssache.«
»Überlassen Sie auch diese Sorge einstweilen mir allein. Wenn ich sie zu den anderen lege, wiegt sie weniger.«
Und Kornelius Vanderwelt verabschiedete sich von den Herren und rief nach Angela.
»Sperr' die Fenster auf, Engel. Die Totengräber haben sich in der Türe geirrt. Noch rieche ich nicht nach der Schippe.«
Am folgenden Tage wurden Justus' Überreste in aller Stille im Vanderweltschen Erbbegräbnis eingebettet. Keine Traueranzeige war verschickt worden, kein Teilnehmender hatte sich eingefunden. Die Herren Beckenried wurden durch die Vertretung der beiden Herren Vanderwelt im Geschäft zurückgehalten, die junge Frau Antonie war aus Furcht vor dem Schwiegervater von einem Nervenzittern befallen worden, und so stand Kornelius Vanderwelt mit seinen beiden Kindern allein an der Gruft, aber er fühlte Angela Freydags Schulter.
Leise fragte Juliane den Bruder nach dem Pastor. Doch Thomas wies die Frage durch ein Kopfschütteln zurück. Und der Sarg wurde von den vier Trägern an den Bronzeringen herangetragen und langsam an den Seilen in die Gruft hinabgelassen.
Kornelius Vanderwelt zog den Hut. Er erwies dem Tode die Ehrfurcht und schickte dem Sohne den letzten Vatergruß nach. Fahr wohl und hab' deine Ruhe, Justus.
Der Totengräber hielt den beiden Männern die Schippe mit den Erdschollen hin. Und als auch diese Formel erfüllt war und sie sich zum Gehen wandten, hörte Kornelius Vanderwelt noch einmal Erdschollen auf dem Sarge aufschlagen. Und er erkannte in dem Manne, der hinter den Leichensteinen hervorgetreten war und dem lebenden Vanderwelt mehr als dem toten die Ehre erwies, seinen alten Seegesellen, den Gastwirt Matthes aus den ›Fünf Erdteilen‹.
Da packte ihn das Würgen im Halse, und er wußte nicht, ob ihn das Lachen schüttelte oder das Leid.
Der Mann aber war wortlos hinter den Leichensteinen verschwunden.
»Komm,« bat Angela Freydag leise und berührte seine Hand.
»Sahst du ihn?«
»Einer, der dir Freundschaft hält, Kornelius.«
»Und was für einer!«
»Besser ein treuer Kettenhund als ein wildernder Jagdhund. Mich hat es heute gefreut.«
»Du magst recht haben,« erwiderte er, »und nun können wir gehen.«
Sie fuhren die Kinder bis zu ihren Wohnungen und fuhren allein heim. Es war Abend geworden, als sie das Haus betraten. Und sie suchten ihre Zimmer auf, um sich umzukleiden.
An diesem Abend spielte Angela Freydag, wie sie noch nie vor den Tausenden gespielt hatte. Kein Lied vom Tode und Vergehen. Den gewaltigen Sang, der in der Herbstnacht sehnsüchtig beginnt und mit den Frühlingsstürmen sieghaft durch die Wälder braust. Das Menschheitslied vom ewigen Auferstehen spielte sie, und sie spielte es für Kornelius Vanderwelts Seele.
Nur für den Mann, der aufrecht in dem alten Kirchenstuhle saß und ihre Liebe an seinem Herzen hielt.
Ihre Arme sanken am Körper nieder. Ihre Brust hatte den Atem verloren. Und während sie ihn in schmerzhaften Zügen wiederzugewinnen trachtete, dachte sie: So und nicht anders ist meine Liebe. Bis mir die Arme vom Körper sinken. Bis mir der letzte Atem vergeht. Töten und vernichten könnte ich um seines geliebten Namens willen.
Und sie wandte den erblaßten Kopf nach ihm und lächelte ihm zu ...
Und wieder schritt Kornelius Vanderwelt durch das Gewühl vor der Schifferbörse wie in früheren Tagen, aber die launigen Zurufe blieben den Leuten im Munde stecken, die Knäuel öffneten sich und ließen ihn hindurch, und die Männer zogen die Mützen herunter und schwiegen in Verlegenheit. Ein wenig hatte er es sich anders gedacht, aber er ließ es sich nicht anfechten und erledigte im Börsensaal seine Geschäfte.
Und als er in das Gewühl der Wartenden zurückkehrte, bildeten die Leute aufs neue eine Gasse. Aber sie hatten eine Abordnung unter sich ausgemacht, aus ihren Ältesten, und die Ältesten traten an Kornelius Vanderwelt der Reihe nach heran und schüttelten ihm schweigend die Hand, während die Umgebung sich achtungsvoll räusperte.
Der Winter ging hin. Es war dies Jahr nicht nur für das von den Feindmächten besetzte Rhein- und Ruhrgebiet, es war für das ganze in Geldwirren gestürzte Deutschland das atemraubendste Geschäftsjahr geworden, und in der kaufmännischen Welt reihte sich Trümmerfeld an Trümmerfeld. Kornelius Vanderwelt schaffte vom Morgen bis zum Abend, er war überall, wo es not tat, mit der unwiderstehlichen Kraft seiner Persönlichkeit einzugreifen, und doch fühlte er, daß es rückwärts gehen wollte und nicht vorwärts. Nein, seine Kraft war die gleiche geblieben, aber seine Unwiderstehlichkeit hatte nachgelassen. Die Verlegenheit, die er vor Monaten, nach Justus' Tode, unter dem derb genug besaiteten Schiffervolk auf dem Börsenplatz beobachten konnte, äußerte sich bei den Kaufherren und Werksleitern wohl liebenswürdiger und zurückhaltender. Aber gerade diese Zurückhaltung war es, die ihm die raschen und frischfröhlichen Geschäftsabschlüsse erschwerte.
In der ersten Zeit sah er über das törichte Menschheitsverhalten hinweg, auch dann noch, als es sich vornehmlich unter den einstmaligen Zechgenossen mancher ›hohen Fahrt‹ breit und bemerkbar machte. »Es ist die alte Leier, Engel,« pflegte er zu sagen, »daß die schmutzigsten Hände immer die reinsten Handschuhe vorweisen möchten. Ich glaube, im Gleichnis vom Zöllner und Pharisäer hat der brave Pharisäer auch schon Handschuhe übergezogen.«
Als er aber in der Folge bei der Verteilung größerer Ladeaufträge mal auf mal übergangen wurde, geriet zwar seine Zuversicht nicht ins Schwanken, aber ein Lächeln der Verachtung erschien auf seinen Lippen und wollte hinfort nicht mehr weichen. Trug doch seine Zuversicht mehr als je den Namen Angela Freydag.
Was der hochgemute Mann nicht sah, das sahen ihre klaren Frauenaugen. Sie gewahrten die verstärkte Aufmerksamkeit der Vielheit, die dem zurückgezogenen Leben Kornelius Vanderwelts galt, und die tastenden Finger, die nach dem stillen Schleier griffen. Und sie beschränkte sich immer mehr in der äußeren Lebensführung und wuchs zu einer inneren Gesammeltheit auf, die bei anderen gefestigten Naturen wohl aus der Entsagung geboren zu werden pflegt, bei ihr aber nichts anderes hieß als die heiße Fürsorge für den Geliebten.
Wurde Kornelius Vanderwelt in seinem hohen Traumwandel hellsichtig, das sagte ihr das untrügliche Empfinden der liebenden und geliebten Frau, so vernichtete er mit seinen Widersachern sich selbst und sein Glück. Und immer enger noch an ihn geschmiegt, blieb sie die Gefährtin seines hohen Traumwandels auf Schritt und Tritt, und es war keine Wolke am Himmel, die sie nicht zu scheuchen wußte.
In diesen Tagen begann das Leben seine Probe auf die Berechtigung, Kornelius Vanderwelts Glück zu heißen und er das ihre. Sie dachte gar nicht darüber nach. An das Selbstverständliche verschwendete sie keine Gedanken. Nur, daß auch auf ihren Lippen das Lächeln der Menschenverachtung erschien und blieb.
Mehr als vordem stellte sich Thomas Vanderwelt ein. Er wußte die Stunden herauszufinden, an denen er Angela Freydag allein zu Hause traf, und hockte ihr im Sessel gegenüber, rauchend und die Regeln des Lebens in Widersinnigkeiten verkehrend. Der Tod des Bruders hatte sein zersetzendes Wesen bis zur Fahrigkeit gesteigert.
»Lieber Thomas,« sagte die geduldige Zuhörerin, »weshalb spielen Sie sich und mir eine Rolle vor? Das sind Sie ja gar nicht, in dessen überlegenem Faltenwurf Sie sich gefallen. Sie sind weder eitel noch unanständig. Weshalb also die Maskerade.«
»Was bin ich denn in Ihren klugen Augen, Frau Engel?«
Seit er den Namen einmal aus dem Munde seines Vaters vernommen hatte, hatte er ihn sich nicht wieder nehmen lassen.
»Sie sind ganz einfach ein unglücklicher Mensch. Nichts mehr und nichts weniger.«
»Ein unglücklicher Mensch kann sehr wohl ein Unflat sein. Schon der Umstand, daß er ein Unglück hinnimmt, spricht dafür.«
»So ändern Sie es doch, oder sind Sie ein Höriger Ihres Unglücks?«
»Sehen Sie,« sagte er bewundernd, »wie scharfsichtig Sie sind, wie Sie jedes Kindlein gleich beim rechten Namen zu nennen wissen. Ein Höriger .. Ein Höriger seines Unglücks. Das bedeutet soviel wie ein krankhaft veranlagter Liebhaber. Wahrhaftig, Sie haben ins Schwarze getroffen.«
»Wenn Sie in dieser Tonart fortzufahren belieben, muß ich Sie zu meinem größten Leidwesen nach Hause schicken, Thomas.«
Er lächelte sie ungläubig an. Wie ein verwöhnter Junge.
»Das würde nun wiederum ~Ihrem~ Namen keine Ehre machen, Frau Engel. Denn ich komme ja just zu Ihnen, um von Zeit zu Zeit festzustellen, was denn eigentlich von dem alten Thomas noch übriggeblieben ist. Gott, wenn Sie so gütige Augen machen, reizt es mich, meinen ganzen Musterkasten -- die alten Griechen nannten ihn, glaube ich, die Büchse der Pandora -- vor Ihnen auszupacken, wenn die Pandora auch nur Antonie gerufen wird und der Gatte so neugierig ist wie das Weib.«
»Thomas, Thomas, ich rief Sie schon vor Jahren bei Ihrer Ritterlichkeit auf. Es gibt nur ein Entweder -- Oder!«
»Ein Entweder -- Oder,« wiederholte er, »und ich habe das letztere gewählt. Das Entweder ist stets das Langweiligere, das Oder das Vergnüglichere und das Spannende. Der ›Hörige‹ kommt hinzu. Das Leben, das sich uns nach dem allgemeinen Weltendurcheinander und der ausnahmslosen Gleichmacherei darbietet, ist so reizlos geworden, daß man nach einem Strohhalm greift, wenn er eine Belustigung verspricht. Meine Antonie ist nun gewiß kein trockener Strohhalm, sondern ein ausbündig schönes und vollsaftiges Lebewesen der Mutter Erde, aber darin tut sie es dem Strohhalm gleich, daß sie in Brand gerät, ehe man sich umgeschaut hat, und das ist über alle Maßen belustigend. Weshalb? fragen ihre strengen Augen. Weil sie annimmt, daß man sich ~nicht~ umgeschaut hat.«
»Und das nehmen Sie,« fragte Angela Freydag verächtlich, »immer wieder hin, ohne es zu ändern?«
»Geduld, Geduld,« mahnte Thomas Vanderwelt geheimnisvoll. »Zuweilen ist es nur ein irrtümlich entstandener Brand, ein Brand aus Eifersucht, der mir die Glut ihres Herdfeuers bekunden soll. Mir, Frau Engel. Bei anderen Malen aber gedenke ich aller Ihrer guten Lehren und nehme den brennenden Strohhalm ungesehen in meine Hände, um ihm das Lebenslichtlein auszupusten. Ganz unvermutet und auf eine streng sittliche Weise.«
»Lästern Sie nicht, Thomas, und reden Sie, wenn Sie schon reden müssen, ohne Beschönigung.«
»Es ist ein bißchen viel Nacktheit dabei, Frau Engel, wie bei den neuzeitlichen Tanzbelustigungen. Daher die Verbrämtheit meiner Rede vor Ihren Ohren. Aber urteilen Sie selber über die Tragbarkeit der sittlichen Grundlagen, auf denen ich meine Abänderungen vollziehe. Von den kleinen Kunstgriffen schweige ich. Von den Stelldicheins, von denen mir herumliegende Briefe oder herumfliegende Freundinnen Kunde taten und zu denen zufällig ich selber erschien, statt des Erwarteten. Von den nichtigen Techtelmechteln, die ich mit ihren ähnlich gearteten Freundinnen beginnen mußte, um allerlei Menschliches und Allzumenschliches meiner vergeßlichen Gefährtin aus Vergangenheit und Gegenwärtigem zu erfahren und ihre holden Lügen am Bindfädchen zu halten, wie der Knabe den Maikäfer. Höher hinauf, höher! Da war ein Fall, würdig, verzeichnet zu werden. Nicht der Strohhalm, die ganze Garbe brannte. Und der Herrlichste von allen wurde ins Haus geladen. Es ging nicht anders, es war der Hausfrau Geburtstag. Und sie saßen sich gegenüber und besprachen sich mit den Augen und sagten sich Wunderdinge über Wunderdinge. Sollte ich den Dritten im Bunde vor die Türe werfen? Sie nicken begeistert. Gemach, gemach. Ich erhob mich aus einem inneren Drange heraus und klopfte mit meinem Obstmesser ans Glas, denn wir waren beim Nachtisch angelangt, und hielt eine Geburtstagsrede. Das war es, Frau Engel. Das war die sittliche Grundlage. Ich verbeugte mich vor der Hausfrau, vor der Gattin, vor der Mutter meines Kindes. Ich sprach von der tiefen Gläubigkeit des einen zum anderen Teil in der heiligen Ehe. Von der Lebensgefährtin, die, abhold jeder Lüge und Verstellung, ihr Leben lasse für den reinen Schild des anderen. Von der Selbstlosigkeit und Aufopferungsfähigkeit der wahren und wahrhaftigen Frau, die so hohe Höhen zu erklimmen wisse, daß wir staubgeborenen Männer anbetend auf den Knien liegen müßten. Und der Ehrengast war so erschrecklich unruhig geworden und rutschte vor lauter Beschämung auf seinem Stuhl. Und der Trottel kriegte sogar feuchte Augen, als ich die Tugend des Weibes der unsterblichen Seele an die Seite stellte, und er sagte, er habe sich verschluckt und müsse leider noch vor dem Hoch hinaus, um, wie er wiederum sagte, rasch einen Arzt zu Rate zu ziehen. Ja, und dann haben wir den Geburtstag für uns gefeiert.«
Er rieb sich vergnügt die Hände und lachte noch in der Erinnerung über den gelungenen Streich.
»Weshalb lachen Sie nicht mit, Frau Engel? Sie sind doch eine Frau von Geist?«
»Weil mir die Sache zu belanglos erscheint.«
»Belanglos? Das ist ein herbes Urteil. Darf ich Ihre Beweggründe kennenlernen?«
Angela Freydag blickte ihrem Gast in die Augen. So lange, bis eine Röte über seine Wangen huschte.
»Muß ich sie Ihnen wirklich nennen? Einem Manne, der selber das Messer des Wundarztes zu führen vorgibt? Also offen heraus, Thomas: die handelnden Personen erscheinen mir in ihrem Tun und Lassen zu unwichtig. Was sie mit großartigem Gebaren hervorbringen, sind bestenfalls eine Kette von schillernden Seifenblasen, die genau so lange anhalten, wie die Einbildung anhält. Für Kindereien sind wir zu erwachsen geworden, Thomas.«
Er rauchte seine Zigarette zu Ende, erhob sich und verabschiedete sich kleinlauter, als er gekommen war.
»Sie messen alles mit einem überlebensgroßen Zollstock, Frau Engel. Da schneiden wir kleinen Leute schlecht ab. Trotzdem: Es war eine schöne und lehrreiche Erbauungsstunde.«
Er schritt still zur Tür, griff über seine Augen und kehrte zurück. Sie sah ihm, ohne den Blick von ihm zu lassen, entgegen. Und er nahm ihre herabhängende Hand, zog sie stumm an seine Lippen und ging hinaus. --
Eine schöne und lehrreiche Erbauungsstunde hatte der Spötter Thomas ihr Zusammensein genannt. Das Wort blieb in Angela Freydag hängen und fand den Weg zum abwägenden Verstand. Eine Erbauungsstunde? Das war mitsamt dem Schmuckwort ›schön‹ auf Rechnung der armen Selbstverspottung zu setzen. Aber lehrreich -- lehrreich war sie auch für Angela Freydag gewesen, und ihre Menschenverachtung konnte nur dabei gewinnen. Da lebten zwei junge Menschen in der nackten Oberflächlichkeit einer Ehe, wie sie die neue Zeit zu Hunderten hatte ins Kraut schießen lassen, einer Ehe, die nur soweit Gemeinsamkeit war, als sich die beiderseitigen Naturtriebe in ihr berührten und im übrigen beiden Teilen Wege offen ließ, die weder hell noch staubfrei gehalten waren. Aber es war eine Ehe. Sie gab zu reden und offen und heimlich zu tuscheln, aber solange beide Teile mit ihr zufrieden waren, nahm auch die Umwelt keine Veranlassung, sie abzulehnen. Und es lebten da zwei reife Menschen, deren innerste Verbundenheit keine Lücke zuließ und die doch nicht zur Ehe gelangt waren aus einer selbstlosen und opferwilligen Rücksicht auf Kinder und Enkelkinder. Trotz ihrer adligen Gesinnung, trotz ihrer Verdienste um die Allgemeinheit -- die Umwelt kam ungerufen und legte kopfschüttelnd ihr zusammengeflicktes Maßband an.
Ja, diese Erbauungsstunde war für die Gefährtin Kornelius Vanderwelts nicht weniger lehrreich gewesen. Ihre Mienen zogen sich zusammen. Sie schüttelte die Hände in der Luft.
»Du -- du! Mein Kornelius!«
Und ihre Glieder spannten sich wie zur Verteidigung und zum Angriffssprung. --
Kornelius Vanderwelt aber ging seinen Geschäften nach, als hätten sich Zeiten und Menschen nicht verändert. Nur daß er Zeiten und Menschen als so geringfügig wertete, daß er vor den Ohren Angela Freydags nicht mehr darüber sprach.
Wenn sie ihn nach dem Stand seiner Aufgaben befragte und ob sie anzögen oder nachließen, glitt er mit seiner großen Hand über ihr Gesicht. »Wir haben uns wertvollere Fragen aufzugeben, Engel. Haben wir erreicht, was wir wollten? Haben wir uns glücklich gemacht? Und alles ist gefragt und alles ist beantwortet.«
Das waren die Augenblicke, in denen Angela Freydag ein jähes Aufweinen zurückhalten mußte, ein Aufweinen der Freude über den Mann vor ihr und mit ihr.
Immer weniger sprachen sie miteinander, wenn der Wagen sie in die Wälder führte oder die Jacht sie in die nebelnden Fernen trug, die an Leuchtkraft gewannen, je dunkler es auf der Wasserbahn wurde. Aber immer enger lehnten sich ihre Schultern aneinander an, und jeder wußte vom Wünschen und Begehren des anderen und offenbarte sich ihm in der Stille.
Wenn der Rheinwind über das weiße Boot fauchte und dem Manne die Flamme des Zündholzes ausschlug, nahm ihm die Frau lächelnd die kurze Pfeife aus den Lippen, steckte sie zwischen die eigenen und brachte im Kajütenschutz den Tabak zum Brennen. Und lächelnd sah sie zu, wie er zu Ende rauchte.
»Das ist eine falsche Einteilung,« sagte er an einem Abend auf dem Wasser. »Du hast die Anstrengung und ich den Genuß. Ich habe dir auch ein Pfeiflein mitgebracht, Engel, damit dir ein gerechterer Anteil wird.« Und von Stund' an rauchten sie ihre Pfeiflein gemeinsam, wenn sie neben seinem Steuer stand, und sie gewöhnten sich an, es auch zu Hause gemeinsam zu rauchen.
»Weißt du, wann du zuletzt die Tasten des Flügels angerührt hast, Engel?« fragte Kornelius Vanderwelt nach einem schweren Arbeitstage.
Sie nickte vor sich hin, hob den Kopf und sah ihn an.
»Möchtest du, daß ich spiele?«
»Es war an dem Tage, an dem wir Justus begraben haben, Engel. Das ist jetzt schon ein volles Jahr. Ich habe keine Note vergessen, die du damals spieltest, und was du spieltest und wie du es spieltest. Das kann nicht mehr überboten werden.«
»Deshalb, Kornelius, wollte ich den Nachklang nicht mehr stören.«
»Er klingt unablässig in mir,« sagte Kornelius Vanderwelt, »und bei Tag und bei Nacht höre ich dich spielen, auch wenn du keine Taste mehr anrührst. Gib mir einmal deine Hände.«
»Meine Finger sind steif geworden, Kornelius.«
Und sie ließ sie ihm, und er streichelte jeden einzelnen ihrer Finger und legte seine Lippen darauf. Aber er bat sie nicht.
Wieder war ein Sommer zu Ende, und die Nebeltage der Adventszeit drückten auf den Rhein und auf die Gemüter der Menschen. Kornelius Vanderwelt hatte ein Bücherpaket geöffnet und machte sich mit Angela Freydag daran, die Bände zu sichten und sie zum Vorlesen zu ordnen. Mit still leuchtenden Augen waren sie bei ihrem Tun, als die Haustürglocke anschlug und das Mädchen den Besuch der beiden Herren Beckenried meldete.
»Schade, es versprach ein so anregender Abend zu werden. Nun wirst du die Schätze zunächst einmal ohne mich durchstöbern müssen, Engel.« Und er trug ihr die Bücher in das nebengelegene Musikzimmer, und sie folgte ihm.
Als er in sein Arbeitszimmer zurückkehrte, ließ er die Türe offenstehen. So konnte Angela hören, was ihm die beiden Herren vorzutragen hatten, und er brauchte es nicht zu wiederholen und den Abend noch weiter zu verkürzen.
»Lassen Sie die Herren bei mir eintreten,« gebot er dem Mädchen und sah den Besuchern entgegen.
»Guten Abend, lieber Beckenried. Guten Abend, Klaus. Ein Familienbesuch gehört mit zu den Seltenheiten in diesem Hause.«
»Wir hätten es gern bei den Seltenheiten belassen, Herr Vanderwelt,« begann der Ältere, und seine Stimme klang heiser vor Erregung, »und die Familienbeziehungen gestalten sich nachgerade zu einem -- zu einem --«
»Klaus, du hilfst wohl deinem Vater.«
Der jüngere Beckenried zitterte vor Zorn.
»Diesen überlegenen Ton, diesen ganz unangebrachten überlegenen Ton bitte ich in Zukunft zu unterlassen.«
»Ein Glück, daß du bittest, Klaus. In diesem Hause wird nämlich der Ton nur von mir bestimmt. Aber die Herren scheinen erregt, und wir wollen uns darum nicht noch aufpeitschen, sondern uns mit der Ruhe gereifter Männer besprechen. Was also steht den Herren zu Diensten?«
»Zu Diensten?« eiferte der Alte und klopfte sich gegen die Stirn. »Ja, das wollen wir von ~Ihnen~ erfahren, inwieweit Sie zu Diensten zu stehen belieben. Was ich in Ihren Diensten ein Leben lang erworben habe, fort ist es, in den Dreck geschmissen, verjubelt und vergeudet. Mein guter Name schwimmt auf einer Pfütze. Und meine Frau Schwiegertochter, diese -- diese --«
»Klaus, bist ~du~ mit Juliane verheiratet oder dein Vater?«
Der Jüngere ließ ihn kaum zu Ende reden. Seine Hände öffneten und spreizten sich.
»Frag' doch erst einmal an, was deine Tochter getan hat? Mit was sie allem ihrem bisherigen Tun die Krone aufgesetzt hat? Frag' doch erst einmal an, bevor du für das unzurechnungsfähige Geschöpf Partei ergreifst!«
»Ich ergreife durchaus nicht Partei. Wenn meine Tochter sich als unzurechnungsfähig erweist, so ist mir das gewiß ein bitteres Vaterleid. Aber ich wiederhole, wie schon so oft: sie steht als deine Frau nicht unter meiner, sondern unter deiner Obhut.«
»Obhut!« rief der Alte mit einem gellenden Lachen. »Obhut! Über eine Irrsinnige, wie?«
»Ist das auch die Ansicht des Ehegatten?« fragte Kornelius Vanderwelt hart.
»Ja, ja, und sooft du willst, ja!« schrie ihm der Jüngere ins Gesicht. »Eine Größenwahnsinnige, die keinen Schritt hinter den Allerreichsten zurückbleiben will. O nein, die in allen Mode- und Narrenfragen die Führung haben muß, als liege das Geld zum Stehlen auf der Straße. Das Geld, das gute Geld. Das von mir und das vom Vater. Wo ist es geblieben? In die Luft geblasen hat es die Närrin!«
»Wenn sie eine Närrin ist,« sagte Kornelius Vanderwelt, »so überführe sie in eine Anstalt. Wenn sie dir aber über den Kopf gewachsen ist und du bist nicht Mannes genug, ihr den Meister zu zeigen, so reiche die Scheidung ein. Anderes vermag ich dir nicht zu raten.«
»Der Herr Vanderwelt scheint zu glauben, es handelte sich um eine Schneiderrechnung?« höhnte der Alte und hielt sich am Tischrand.
»Es handelt sich um ein Vermögen, das wir überhaupt nicht besitzen! Um mehr! Um mehr!«
»Nenne mir die Summe.«
»Hunderttausend Mark, Herr Vanderwelt! Hunderttausend Mark, wenn das reicht!«
Als hätte die Ziffer eine schweigende Scheu hervorgerufen, so still wurde es im Zimmer.
»Hier muß ein Irrtum vorliegen,« sagte Kornelius Vanderwelt endlich. »Solche Summe schießt man einer Frau Juliane Beckenried nicht vor.«