Part 7
Da begann er zu sprechen und griff auf ihren Anruf zurück.
»Wozu sollte ich zu gut sein ... Ach, es ist der Wildwestabend, der Ihr Mädchengemüt beschwert. Wissen Sie denn nicht, daß ich Tag um Tag Kohlen verfrachte, Kohlen in Kähne und Kähne voll Kohlen stromauf und stromab? Die halbe Welt kann man damit anheizen und brennt selber dabei leer wie ein Krater. O gewiß, ein jeder Mensch hat seinen Beruf und findet sein Glücksbehagen darin, ihn auszufüllen. Ich gehöre aber nicht zu diesen Glücklichen und viel weniger noch zu diesen Behaglichen. In mir ist eine Unze Blut zu viel! Weshalb zucken Sie mit den Fingern? Eine Unze Blut zuviel ist ein Gnadengeschenk des Herrgottes oder eine seiner wilden Launen.«
»Beides stammt aus seinem Willen, und wir sind seine Kinder,« sagte sie hastig.
»Sieh einer den Klügler! Dann wäre es aus mit Sünde und Sündenbereuung, und die Unze Blut mehr rechtfertigte uns vor Gott und den Menschen.«
»Gott«, sagte sie langsam, »ist mir zu groß und zu fern, und die Menschen sind mir zu nah und zu klein. Ich muß den Glauben haben, daß mir der Schöpfer aller Kreatur die Unze Blut nicht unnütz zugegeben hat.«
»Unnütz, Sie kleine Sternendeuterin? Was nennen Ihre Mädchengedanken -- nein, Ihre Künstlergedanken unnütz?«
»Wenn es nicht nützte, das Schöne vom Gemeinen zu unterscheiden und mich selber über den Alltag der Menschen emporzuheben.«
Kornelius Vanderwelt streichelte die kaltgewordene Hand.
»Bleiben wir beim Gegenstand. Nach einer Brahmsschen Musik sehen wir zu leicht durch eine überirdische Brille. Mich trieb die Unrast des Blutes in Jünglingsjahren auf die See, und ich durchstürmte die Entwicklungsjahre in den Meeren aller Erdteile. Es war nichts als eine dunkle Sehnsucht. Ein Drang, von irgendeiner Erdenschwere meine Brust zu befreien, zum Genuß des Unsagbaren zu gelangen. Es hätte mich ebensogut auf eine Hochschule für Musik treiben können.«
»Ja,« sagte sie nur, »es ist wohl dieselbe Sehnsucht.«
»Nur keine Kopfhängerei,« gebot er hart. »Die heulenden Derwische waren mir immer das greulichste. Ich habe zugepackt und jedes Ding auf meine Sehnsucht untersucht und hohl gefunden und wieder zugegriffen. Zum Schlusse blieben mir nur noch grobe Gehäuse in den Händen mit rasselnden Kernen. Der Matthes aus den ›Fünf Erdteilen‹ fuhr auch als Matrose, und wir waren schon in allen richtigen fünf Erdteilen zusammengetroffen, bevor wir uns nach dem Tode meiner Frau in seiner Kneipe wiederfanden.«
»Frau Vanderwelt starb schon jung?« -- --
»Sieht man mir das Kneipenlaufen so sehr schon an?« scherzte er. »Ich war fünfundzwanzig Jahre und Offizier in der Handelsflotte, als die junge Ruhrorter Erbtochter mich sah und nicht mehr von mir ließ. Wohlgemerkt: ich ließ ebensowenig von ihr! Da gab's nur Heiraten. Und das Geschäft übernehmen. Drei Kinder hat sie mir geschenkt und sich selbst. Sich selbst bis in den Rest. Und das Licht erlosch und es wurde dunkel und in der Dunkelheit wurde nichts mehr geboren als nur dunkler Drang, unstetes Übersichselbsthinaussehnen ...«
Er schwieg eine Weile vor sich hin.
»So kam ich zum Matthes. Der Kerl war für mich nichts als ein Ankerplatz heftig schwärmender Erinnerungen. Für Sie aber war es der unrechte Ankerplatz, und ich freue mich, daß ich Sie aus der Wetterecke wieder hinauslotsen durfte.«
Auch das Mädchen schwieg eine Weile vor sich hin. Und dann sprach es unaufgefordert und eilend.
»Die Wetterecken waren mir vertraut genug. Ich habe als Kind in mancher Wetterecke gestanden und auf meinen Vater gewartet. Er war ein so großer Kapellmeister gewesen, wie meine Mutter eine große Sängerin gewesen war. Bevor sie sich heirateten. Da zerschlugen sie gegenseitig ihre Kunst aus kleiner, ganz kleiner körperlicher Eifersucht heraus. Die Mutter fuhr dem Vater lärmend in die Proben und Unterrichtsstunden, immer argwöhnisch, seine Künstlerbegeisterung für eine Sängerin hätte andere Gründe. Der Vater, mehr und mehr seiner Persönlichkeit entkleidet, suchte im Leben der Mutter, um aus der Tiefe auftrumpfen zu können. War die Mutter beschäftigt, so trank der Vater in der Wetterecke. War der Vater beschäftigt, so trieb die Unrast die Mutter lauschend durch die Gassen. Bald habe ich auf den einen, bald auf den anderen in einer Ecke, in einem Torgang gewartet. Bis sie sich um die letzte Stelle gebracht hatten und im Haß aufeinander verstarben. O ja, die Wetterecken sind mir vertraut geworden.«
Kornelius Vanderwelt strich ihr mit der flachen Hand über Schulter und Rücken, als beruhigte er ein Kind.
»Menschenkindlein -- Menschenkindlein -- wer sich in der Irre und Wirre begegnet, ist sich nicht fremd.«
Sie schloß die Augen unter seinem zarten Streicheln. Wie vor einem unbekannten Geschehen.
Wieder schlug die Dielenuhr. Das Mädchen öffnete die Augen und heftete sie auf den Mann.
Kornelius Vanderwelt schüttelte den Kopf.
»Sie ruft nicht mehr nach mir. Der Matthes wird seinen Schlummerpunsch alleine trinken. Ich weiß einen Schlaftrunk, der über den Alltag hinweghilft und doch die Sinne jung erhält. Ihre Musik, Mädchen. Ihre innerliche Musik. Spielen Sie mir noch einmal die Sonate von Beethoven, und wir wollen zur Ruhe gehen.«
Angela Freydag setzte sich aufrecht. Die Müdigkeit, die sie überkommen hatte, schüttelte sie ab. Über ihr Gesicht lief ein Zucken -- ein Aufhorchen fern, fernhin. Und der Körper gab den Händen nach und die Hände vergaßen den Körper und wandelten sich zu fremden Wesen, taumelnd, trunken, in Stürmen standhaltend, aus unermeßlichen Freiheitswonnen heimkehrend zu den auserlesenen Händen Angela Freydags. -- --
Kornelius Vanderwelt verließ seinen Platz. Aber er trat nicht auf die Erschöpfte zu. Er ging mit leisen Schritten durch die Verbindungstür in sein Arbeitszimmer, suchte aus den Büchergestellen einen Band hervor und brachte ihn aufgeschlagen herein.
»Ich muß Ihnen doch irgendeinen Dank sagen. Lesen Sie.«
Sie nahm das Buch aus seinen Händen und sah, daß es ein Gedichtbuch war. Und das Gedicht, das er für sie aufgeschlagen hatte, trug die Überschrift: »Sonate«.
Du spielst ... Ich will nicht wissen, was es sei -- Am Flügel lehn' ich. Nur der Finger Fliehen Und Wiederkehr seh' ich vorüberziehen Wie Falterspiel im reichen Blütenmai; Wie Mondesstrahlen, die im Dämmer geistern, Die, wundersam, wohin ihr Weg sie führt, Zum Klingen bringen, was noch unberührt -- Und wie die Hände stolz den Flügel meistern, Blaß wie die Farbe seines Elfenbeins Hin~stürmen~ -- jetzt wie ~Hauch~ die Tasten fächeln -- Sucht, einen Herzschlag lang, dein Auge meins -- Da träumt in deinem Blick für mich ein Lächeln ...
Wie fern die Welt! Still wird des Blutes Tosen. Ich lieg' in eines Parks vergeßner Ruh', Die wehenden Gräser decken tief mich zu, An meinen Schläfen spür' ich ein Liebkosen, Scheu, spielend, wie von schlanken Frauenhänden, Als würd' die Stirn gestreift von weißen Faltern -- Um mich ein Duft, den seltne Lilien senden -- In mir ein Glück: -- nie -- niemals -- kann ich -- altern ...
* * * * *
»Gute Nacht,« klang die Stimme des Mannes.
»Gute Nacht,« klang die Stimme des Mädchens, das das Buch in den Händen behielt. -- -- --
An diesem Abend wurden Kornelius Vanderwelt und die junge Angela Freydag Freunde.
4
Nie war aus Kornelius Vanderwelts Wesen ein größerer Ernst hervorgewachsen als in dem Winter dieses Jahres, als in dem neuen Frühling und dem neuen Sommer, der in Blüten rauschte, um Früchte zu reifen. Kein grüblerischer Ernst, der die Blätter der Vergangenheit durchstrichen hätte um einer neuen Lebensführung willen. Ein Mannesernst, der aus der Freude geboren und so tief von den Freudenwehen der Geburt durchtränkt war, daß er die Freuden des Daseins bald als ein Heiliges zu nehmen gezwungen war, als kristallene Quellen, die in der Stille am lautesten riefen und das Verlangen köstlicher tränkten als der Lärm der Nachtwachen. Wohl, daß Kornelius Vanderwelt, wenn sein Weg ihn durch die Hafengassen führte und an dem stürmischen Kap ›Zu den fünf Erdteilen‹ vorüber, dem Matthes ein übermütiges Wort zuwarf, wohl, daß er wie bisher das Gedränge der Schiffer vor der Schifferbörse durchschritt und sich durch heiße Laune und klaren Ratspruch die Herzen gewann. Aber es war ein anderer Klang seines Starkmutes, der sich zur führenden Note durchrang, ein klingenderer Klang, wie aus einem nachgeschliffenen Glase, der die Augen aufblicken machte und die gröblichste Zudringlichkeit entfernte. Die Zechbrüder und geringen Geister zogen ein Maul und meinten wohl gar, der Kornelius Vanderwelt sei nun auch unter die ›Herren‹ gegangen. Die Ernsthaften des Gewerbes aber blickten auf sein wirksames Tun und gaben der Ansicht Ausdruck, daß es für den Ruhrorter Hafen eine noch viel stärkere Auswirkung haben werde, wenn der Mann der kleinen Leute für die Großen nicht als der Spaßmacher gelte, sondern als zuverlässiger Posten in der Gesamtbuchführung.
Wenn auch Kornelius Vanderwelt nicht mehr durch die Ungebundenheit der Führerbegabung die lärmenden Nachtwachen verstärkte, so war er doch zu gegebenen Zeiten an den Tischen der ›Erholung‹ anzutreffen, erzielte unter den Größen des Handels zunächst einige Verwunderung, wurde eine Weile mit der gebotenen kaufmännischen Zurückhaltung angehört, allmählich aber mit der geweckten Teilnahme der Weitsichtigen und Überragenden, die die Bedeutung des Mannes als Stürmer und Dränger bald erkannten und für die eigenen Großpläne im Hafengetriebe nicht missen mochten.
»Nur das Wasser verbindet die Erde,« betonte Kornelius Vanderwelt immer wieder. »Wer zur See gefahren ist, weiß es am besten und weiß vor allem, wie winzig die Erde ist und wie sich das Leben darauf zusammenballt. Nur das Wasser vermag die Erde zu entlasten, nur das Wasser, meine Herren, weil es nur Straße und nichts als Straße ist. Und gerade dort, wo sich das Land in einem nicht absehbaren Gebärungsverfahren befindet wie im Lande der Kohle. Wasser heran und immer wieder: Wasser. Der Herrgott hat unserer Stadt, hat dem ganzen umliegenden Gebiet ein großes Pfund gegeben, und mit einem Pfunde soll man, schon nach dem Bibelwort, wuchern. Dieses Pfund ist der nutzbringendste Binnenhafen der Welt. Nutzbringend nicht nur für die Lebenden. Das hieße einen Fischteich leerfischen und austrocknen lassen. Nutzbringend für uns, für die, die nach uns kommen und letzten Endes für die gesamte Menschheit, die die Arme nach der verbilligten Kohle streckt. Denn die Kohle ist der Urstoff allen Lebens, ist Heizkohle und Öl, Farbstoff, Heilmittel, Wunder und Wahrheit. Leiten Sie sie der Welt so zu, daß auch der Ärmste danach greifen kann, daß ihm aus Wunder Wahrheit wird, nämlich die Lebensberechtigung und die verstärkte Freude an dem bißchen Leben. Und fürchten Sie sich nicht vor dem gesteigerten Wettbewerb, den neue Hafenbecken, neue Kanäle zwischen den Städten und Stromgebieten, neue Zufahrtstraßen zu den Seehäfen und somit zur ganzen, weiten Welt hervorrufen könnten. Gesteigerter Wettbewerb heißt Steigerung unserer Kräfte, und ich wiederhole es: wir sind nicht zum Schlafen auf die Welt gekommen.«
Aber es war nicht nur ein Reden, es war auch ein werktätig Handeln. Bei den Strombaubehörden und Hafenverwaltungen holte er sich Rat und arbeitete die gewonnenen technischen Erfahrungen immer wieder mit den mitbestimmenden kaufmännischen Gesichtspunkten zu einer Einheit zusammen, die er Prüfungen unterzog, umgestaltete, klärte, bis er seine Ergebnisse den ausschlaggebenden Stellen vorlegen konnte und nicht locker ließ, bis der Kampf entbrannte.
»Er ist wie ein Wolf,« hieß es oft und öfter von ihm. »Was er packt, hält er fest und läßt sich eher totschlagen, als es freiwillig wieder loszulassen.«
Im Geschäft hatte Beckenried gute Tage. Er brauchte nicht mehr in ängstlicher Hut zu sein, zur Zielscheibe unliebsamer Scherze zu dienen. Er fand den Geschäftsherrn stets gesammelt und auch bereit, des Mitarbeiters Stimme zu würdigen. Nur die Ausnutzung des Geldes bis in seine letzten Wirkungen ließ sich Kornelius Vanderwelt so wenig vorschreiben wie in früheren Tagen, und jede Mahnung des trockenen Rechners schob er mit den Worten zur Seite: »Sie sind eben nur ein Lebewesen, lieber Beckenried, und kein lebendiger Mensch.«
Nach wie vor galt Kornelius Vanderwelt das Geld als Schlüssel zum erweiterten Leben.
»Wenn wir Ruhrort zum bedeutendsten Binnenhafen der Welt erheben wollen, lieber Beckenried, dürfen seine Anwohner keine Pfennigkrämer, müssen sie Menschen von Weltempfinden sein. Und Weltempfinden verlangt: die Welt erleben bis in die letzte Pore und beitragen, daß sie uns lebenswert bleibt. Mit Klageweibern bringen Sie das nicht zustande, wohl aber mit notbefreiten Geschöpfen.«
»Sie werden Notbefreiung säen und Habgier oder Verschwendungssucht ernten, Herr Vanderwelt.«
»Nicht bei allen. Und um die, auf die Ihr Seherwort zutreffen sollte, ist es nicht schade. Hingegen glaube ich, daß gegen eine kleine Gehaltsaufbesserung selbst Sie nichts einzuwenden hätten.«
Nein, Herr Beckenried hatte ~nichts~ dagegen einzuwenden, und er bedankte sich mit einem stillen Geschmunzel. Und die Herren im Hauptkontor erhoben sich, als Kornelius Vanderwelt am Abend den Raum durchschritt, von ihren Sitzen und machten ihrem Brotherrn ein paar erregte Dankesverbeugungen, denn auch sie waren bei dem stark gehobenen Geschäftsgang nicht vergessen worden.
»Lassen Sie sie in Gottes Namen auf ihre Art selig werden,« erwiderte am nächsten Morgen Kornelius Vanderwelt auf die grämliche Anklage Beckenrieds, die Herren seien in der Frühe mehr ins Kontor hineingetaumelt als hineingegangen. »Die Hauptsache ist nämlich das ~Selig~werden. Die ~Art~ hängt vom persönlichen Geschmacke ab, und der klärt sich.«
Es war ein Jahr der Selbsterkenntnis für Kornelius Vanderwelt geworden, und die Erkenntnis seiner selbst war ihm gekommen durch die Erkenntnis des jungen Geschöpfes an seiner Seite.
Denn Angela Freydag war ihm zur Seite, wo er ging und stand. Er mochte sich dagegen wehren, und er hatte es lange genug getan, er fand, ob er durch das Gewoge vor der Schifferbörse schritt, ob er die Häfen durchkreiste oder in der Stille seines Sonderkontors hinter Abmachungen und Planungen hockte, seine Gedanken immer wieder in einer Art Zwiesprache mit ihr, wie sie der Meister mit dem bevorzugten Lehrling hält, und unwillkürlich richtete sich seine öffentliche Haltung wie seine innerliche nach den gläubigen Mädchenaugen seines Gedankenbildes.
Und die Einbildung wurde zur Wirklichkeit, je weiter der Winter fortschritt und die Abende sich dehnten in die Feierstunden des Advents und in die tieferen Besinnlichkeiten der Seele.
»Sonst«, sagte er zu seiner Begleiterin auf dem Flügel, »pflegte ich den ungeklärten Empfindungen aus weihnachtlicher Zeit kurzer Hand bei Freund Matthes den Garaus zu machen. Heute lasse ich mich davon einlullen, ich weiß nicht wie, und könnte mich stundenlang mit Ihnen über das Christkind unterhalten. Wenn es keine Alterserscheinung ist, muß es doch wohl die Jugend in mir sein.«
Und Angela Freydag erwiderte: »Es ist die Jugend.«
»Das ist eine Behauptung und kein Beweis.«
»Was man empfindet, braucht man nicht zu beweisen. Sie empfinden ja auch die Hand des Schöpfers, ohne sie in Worten beschreiben zu können.«
»Hübsch gesagt. Nur spielt meine Jugend bei dem Vergleich eine sehr nebensächliche Rolle.«
»Nein, nein. Das glaube ich nicht. Es gibt keine Größenverhältnisse, wenn das Gefühl spricht.«
»Wollen Sie es nicht ein wenig mehr sprechen lassen, Fräulein Freydag? Es ist so ein schummeriger Abend. Draußen fällt der Schnee wie weiche Watte, die ganz dicken Flocken pochen mit Geisterfingern an die Scheiben, und wo selbst die schwarzen Kohlenhalden Hermelinmäntel tragen, dürfen wir uns wohl auch für ein Stündchen in einen Märchenmantel wickeln.«
Sie schlug mit suchenden Fingerspitzen ein paar Töne an, die im Raume hängen blieben.
»Es ist kein Märchen, es ist Wahrheit, daß Sie jünger sind als wir alle. Von den anderen will ich nicht sprechen. Weil Sie es wünschen, von mir. Vielleicht ist es mir selber noch gar nicht zum Bewußtsein gekommen, was Jugend ist und was sie sein kann. Vielleicht ist sie eine große, große Kunst und nicht jedem gegeben. Ganz sicher aber bin ich, daß Sie die Kunst besitzen. Wie ein Musikstrebender die Kunst der Meister verspürt und nicht erst nach der Haarfarbe der Meister sieht. Ja, das scheint wohl ziemlich töricht dahingeredet.«
»Die Märchen um Weihnachten herum«, meinte Kornelius Vanderwelt, und auch seine Hände suchten ein paar Tasten und brachten sie zum leisen Weiterklingen, »erscheinen ~auch~ oft in törichtem Gewande. Wissen Sie auch, weshalb? Weil sie nur für die Törichten erfunden sind und nicht für die Tüftler und Neunmalweisen. Und Jugend muß wohl eine besonders süße Torheit sein, sonst würden sich die Erleuchteten unter den Menschen nicht so schrecklich ihrer schämen.«
»Nein, das haben Sie nie getan und werden es auch niemals tun.«
»Mein Wort darauf: nein. Und wenn Sie es wollen, will ich Ihrem dunklen Tasten immer Lehrmeister sein, so wie ich Ihr ernsthaftester Schüler wurde in der Erschließung unserer musikalischen Welt.«
»Es geht wohl um das gleiche,« sagte Angela Freydag sinnend.
Und dann begannen sie ihr Zusammenspiel. --
Es war nicht die leichteste Aufgabe, die Angela Freydag im Hause Kornelius Vanderwelt zugefallen war. Der Unterricht der Kinder gestaltete sich selten zu Feierstunden und es gab mürrische Mienen, trotzige Worte oder stumme Widerstände fast täglich zu überwinden. Angela Freydag überwand sie. Sie überwand sie mit dem Ernst ihrer Augen, in deren Tiefe urplötzlich ein Funke aufspringen konnte wie eine drohende Lohe. Und sie überwand sie mit einem jähen Streicheln ihrer Hand, das die Kinder überraschte und benommen machte. Dann hatte Angela Freydag gedacht: es sind Kornelius Vanderwelts Kinder.
Es war auch nicht die leichteste Aufgabe, ihre Stellung neben der langjährigen Vertreterin des Hauses zu wahren und zu festigen. Hatte auch das alternde Fräulein niemals ihren Wünschen so weiten Lauf gelassen, dem Hausherrn im Arbeitszimmer oder im Musikzimmer abendliche Gesellschaft leisten zu dürfen, so erregte doch die Gewährung solcher Vorrechte an die Fremde einen Kampf in ihrem Innern, der sich nur bis zur wortkargen Duldung des Eindringlings beschwichtigen ließ.
Kornelius Vanderwelt gewahrte es bald.
»Weshalb schließen Sie sich aus, Fräulein Bilsenbach?« fragte er freundlich. »Sie sollten Unterricht bei Fräulein Freydag nehmen.«
Das Fräulein wies die Zumutung, eine Schülerin abzugeben, mit Entrüstung zurück.
»Ich bin zu alt dazu, um noch in die Lehre zu gehen, Herr Vanderwelt.«
»Ich würde, wenn ich wüßte, es gäbe irgendwo eine Schönheit des Lebens zu erlernen, tausend Meilen zu Fuß pilgern. Und wenn ich das Asthma hätte.«
Mit diesem Versuch war die Angelegenheit endgültig für ihn abgetan.
»Fräulein Freydag,« bat er, als sie am späten Abend in der Stille des Arbeitszimmers über ein Dichterwerk gebeugt saßen, »vergessen Sie unter keinerlei Umständen, daß Sie ~mir~ zuliebe in diesem Hause sind.«
Sie hob den Kopf und sah ihm stumm in die Augen.
Und dann blätterten sie weiter, und Kornelius Vanderwelt deutete ihr an dem einen Abend die Dichter und an dem anderen Abend die Maler und Bildhauer der Zeiten. Er wies ihr die Baustile und ihre größten Meister und brachte alles, was er von den Meistern wußte und in ihnen lieben gelernt hatte, in ein Gleichnis von musikalischen Formeln, damit die Musikerin in ihr leichter die Wege fände. Da war es oft, daß sie mit Ausdrücken um sich warfen, als behandelten sie statt eines Wortgemäldes, eines farbigen Bildes oder steinerner Bauformen eine Beethovensche Symphonie, und die Tasten des Flügels erklingen ließen, um sich leichter Rede und Antwort zu stehen und die Fragen der Schülerin zu klären. Oft auch, daß sie auserwählte Gedichte lasen und das Ergebnis ihrer Empfindungen auf dem Flügel mit dem Stimmungsgehalt der Tonschöpfungen verglichen, die das Gedicht als Lied neu geboren hatten, und Brahms und Schubert, Schumann und Mendelssohn sangen durch den Abend, und Hugo Wolf und Richard Strauß antworteten in ihren Weisen.
Wie zwei junge Menschen gleichen Alters saßen sie an solchen Abenden Schulter an Schulter, und die Schülerin tat hastige, frohe Atemzüge der Erkenntnis, und der Lehrer steigerte sein Wissen, um dem Erwachen der Schülerin Schritt zu halten. Während sie aber lehrten und lernten, lernten und lehrten, fühlte das Mädchen, wie die schweren Nebel der Vergangenheit sanken, wie die verschlossen gebliebenen Türen und Fenster ihrer Wesenheit sich öffneten und Licht und Wärme nie geahnter Art hineinwogten, die das Bewußtsein ihres Lebens aufwühlten, mit Schauern der Freude füllten und es aufschnellen ließen wie zitterndes Reis nach der Sonne; fühlte der Mann, wie Hasten und Lasten der Gegenwart gleich Fremdkörpern aus dem Blute wichen und die Vergangenheit, dort, wo sie am schönsten gewesen war, die Augen aufschlug und sprach: Nein, ich bin noch nicht tot.
Da war es, daß Angela Freydag ihre wundgelaufenen Füße nicht mehr spürte und Kornelius Vanderwelt nicht mehr sein wundgehetztes Hirn. Als sie sich beide auf dem Wege zur Jugend trafen und der eine Weggenoß den anderen staunend bei der Hand nahm.
Wie verklärt sie aussieht, dachte Kornelius Vanderwelt. Die Erkenntnis ihrer Jugend hat ihre Jungfräulichkeit gereift. Und er sagte laut: »Angela! Angela bedeutet Engel.«
Sie lachte ihn an und schüttelte heftig den Kopf.
»Ich bin kein Engel. Engel hängt man in den Weihnachtsbaum, und ich habe Hunger und Durst nach der Erde.«
»Was für ein Geschöpf möchten Sie lieber sein, Engel?«
»Fragen Sie doch nicht. Sie wissen es ja, was ich bin. Sie formen ja das Geschöpf aus Ihren Händen heraus.«
»Engel,« sagte er und forschte in ihren Augen, »ich sehe kluge, ernste, graue Augen. Mädchenaugen. Und doch sehe ich zuweilen darin jäh über den Horizont springende Blitze, als sprängen Panther an.«
Sie hielt die Augen weit auf vor seinem forschenden Blick.
»Ich glaube nicht, daß es so vornehme Tiere sind, Herr Vanderwelt. Es werden wohl arme, hungrige Wölfe sein.«
»Setzen Sie mir nicht den Wolf herunter, Engel. Der Wolf war den Alten heilig und stand den Göttern nahe. Nicht nur dem kriegerischen Wodan der Germanen. Auch Apollo, der Gott der Künste, wählte den starken Wolf zu seinem Begleiter. Und eine Wölfin säugte die Erbauer Roms.«
Sie lehnte die Ehrungen mit einem Kopfschütteln ab.
»Das klingt gewiß sehr schön, aber die alten Göttersagen liegen mir zu weit. Ich weiß von der Wölfin nur, daß sie mit dem Wolf gemeinsam jagt, in allen Stücken ihm gleicht, daß der Hunger sie stark und furchtlos macht und daß sie Geschöpfe der eigenen wie der fremden Art abwürgt, wenn sie sich als Schwächlinge erweisen. Den Romulus und Remus wird die Wölfin nur aufgesäugt haben, weil sie das Starke in ihnen witterte.«
»Ach, Engel, man müßte die Naturgeschichte nur von Frauen lehren lassen.«
»Warum --?«
»Weil ihr Naturtrieb immer auf das Einfachste stößt.« --
Zu Weihnachten standen die Tische gedeckt. Im Arbeitszimmer des Vaters drängten sich erwartungsvoll die Kinder, und nun rief ein Klingelzeichen nach Fräulein Bilsenbach, die sich mit ihrer Festgewandung verspätet hatte, und nach den Angestellten in Haus und Küche. »Fräulein Freydag fehlt,« bemerkte der unruhige Thomas, stürmte die Treppe hinauf und holte sie aus ihrem Zimmer.
Vom Flügel her erklangen schlicht und kindergläubig die Weihnachtslieder von Cornelius. Der Hausherr spielte. Und als er geendet hatte, öffnete Fräulein Bilsenbach die Tür, die zum Eßzimmer führte, und der Weihnachtsbaum stand in stiller Lichterpracht, und sie öffnete die Tür, die zum Musikzimmer führte, und Kornelius Vanderwelt griff in die Tasten und ließ zum gemeinsamen Gesang die Weise von »Stille Nacht -- heilige Nacht« ertönen. Scheu und fremd kauerte Angela Freydag auf ihrem Stuhle hinter den festfrohen Reihen.
Die Weihnachtsanbetung verklang. Das Schweigen der Erwartung lastete. Da erhob sich der Hausherr von seinem Sitz und schritt unter die Harrenden.
»Fröhliche, selige Weihnachten euch allen,« rief er und schüttelte herzlich aller Hände. Eine Sekunde nur stutzte er vor dem glanzlosen Ausdruck in Angela Freydags Gesicht. Und mit der Hand, die er ihr hingestreckt hatte, zog er sie hoch.
»Vorwärts!« rief er Kindern und Angestellten zu. »Wer läßt den Gabentisch warten? Sturm! So ist es recht.« Und mit dem Strudel wurde Angela Freydag fortgezogen und war doch in der Woge allein.
Voll von kleinen Tischen stand das geräumige Eßzimmer, und auf jedem Tische hielt ein Lebkuchenmann ein Namensschild. Ein kurzer Wirrwarr, und ein jeder hatte seinen Namen herausgefunden. Gellender Aufschrei der Kinder, ein staunendes Aufseufzen der älteren, und ein jeder betastete, hob empor, legte nieder, griff nach einem anderen Gegenstand, einem dritten, probte, untersuchte, lachte, schwatzte und drehte sich blitzschnell im Kreis.
Kornelius Vanderwelt ging von einem zum andern. Er bewunderte Juliane in der goldenen Halskette, die einen Skarabäus schaukelte, und ließ sich von dem erregten Mädchenmund die unzähligen Köstlichkeiten an Leibwäsche und Kleidern erklären, als hätte er das alles nie vordem gesehen. Er trat zu Justus und Thomas, die das kleine Abbild einer Segeljacht in Händen hielten, wies geheimnisvoll lächelnd mit dem Zeigefinger nach dem Bootshaus da draußen irgendwo und ließ die stürmischen Umarmungen der jungen Jachtinhaber über sich ergehen. Er nahm dem verwirrten Fräulein Bilsenbach den Pelzmantel aus den Händen und half der beschämt Widerstrebenden, hineinzuschlüpfen, damit die Versammlung das königliche Bild besser entgegennehme. Er redete mit dem Fahrer über Tabaksorten, Juchtenleder und Aachener Tuch, mit den Hausmädchen über Aussteuerleinen, Brautlaken und Bräutigam und wandte sich um und stand vor Angela Freydag.