Part 15
»Meine verehrte Gönnerin aus Knabenzeiten,« hob er an, und es lief ein lustiger Schein über sein verblaßtes Jungmännergesicht, »muß mir aus dem trüben Schwagerhause Beckenried die Kunde Ihres Hierseins kommen? Meine geliebte Frau Antonie brachte sie zu Tisch mit heim. Sie war gleich nach Ihnen in das häusliche Ungewitter geraten und erhielt noch ihr wohlverdientes Teil. Aus der Berufung auf meine Frau wollen Sie freundlichst ersehen, daß ich verheiratet bin, etwas lautloser, aber darum nicht weniger glücklich. Und aus dem Munde meines Vaters wurde mir heute nachmittag die Bestätigung, daß Sie schon seit Monaten, schon seit einem halben Jahre fast, bei uns weilen. Und ich darf Ihnen erst heute diese Willkommrosen zu Füßen legen.«
»Ich danke Ihnen, Thomas. Sie haben sehr schön gesprochen.«
»Das klang wie das ›Wundervoll, wundervoll!‹, wenn ich im Klavierspiel schrecklich danebengriff.«
»Kommen Sie, Thomas. Setzen Sie sich zu mir. Wollen Sie rauchen? Natürlich ist es gestattet.«
»Sie sind eine Frau nach dem Herzen Gottes. Mein Gaumen verhungert geradezu nach einer Zigarette.«
Sie reichte ihm Zigarette und Feuer und rauchte selber nicht.
»Hören Sie, Thomas. Wir wollen diesen Verkehrston gar nicht erst zwischen uns aufkommen lassen. Wie ich weiß, spricht man so oder ähnlich mit den Bardamen. Nicht wahr, Sie schätzen mich ein wenig höher ein. Geben Sie mir Ihre Hand, Thomas. Darf ich Sie als gestrengen Eheherrn überhaupt noch Thomas nennen?«
Er beugte sich, wie er als Knabe nach einem Verweis getan hatte, über ihre Hand und küßte sie.
»Sie verstehen es noch immer, eine Verlegenheit in eine Freudigkeit umzuwandeln, Fräulein Angela. Gelt, so darf ich Sie doch anreden? Von der fernen Verwandtschaft, die mein Vater endlich anzudeuten beliebte, gänzlich abzusehen.«
Sie nickte ihm zu und schüttelte ihm die Hand.
»Weshalb machen Sie sich im Hause Ihres Vaters so selten, Thomas? Die Wiedersehensfreude hätten wir schon eher genießen können.«
»Ich mache mich doch nicht selten, Fräulein Angela? Ich war doch erst zum Neujahrstage in meines Vaters Hause und habe als guter Sohn meinen Spruch aufgesagt. Und jetzt schreiben wir kaum Herbstanfang.«
»Thomas,« bat sie und hielt immer noch seine Hand, »wollen wir nicht auch von Ihrem Herrn Vater miteinander in einem ehrerbietigen Tone sprechen? Er hat Sie sehr liebgehabt, Thomas.«
Seine hagere Hand zuckte in der ihren. Sie gab sie frei und wartete.
»Donnerwetter, Fräulein Angela. Sie machen nicht viel Federlesen und greifen gleich die ganze Front an.«
»Sie mögen daraus ersehen, Thomas, daß ich Sie keineswegs geringschätze. Was haben Sie gegen Ihren Vater?«
Er starrte auf seine Stiefelspitzen und zog die Lippen von den Zähnen.
»Liegt Ihnen wirklich daran, meine Beichte zu hören?« und der Hohn klang mit.
»Nein, daran liegt mir nichts. Ich fragte nur das eine, was mich am tiefsten bewegt: was haben Sie gegen Ihren Vater?«
»Die Scham, ihm die neue Tochter ins Haus gebracht zu haben.«
Da wurde es totenstill zwischen ihnen. Wie erschlagene Leiber lagen die Worte im Raum.
Thomas Vanderwelt prüfte als erster seinen Atem. Er sog ihn tief ein und stieß ihn heftig aus.
»Was ich doch wissen wollte, Fräulein Freydag: was macht Ihre göttliche Kunst? Ich hoffe, Sie erfreuen meinen Vater recht oft mit ihr. Es ist die starke Welle, die ihn über die wildesten Meere trägt.«
»Weil Sie für Ihren Herrn Vater bitten, will ich es gern und zu jeder Stunde tun.«
Die Gespanntheit seines Gesichtes ließ nach. Er lachte sie echt jungenhaft an.
»Ich bin durchaus nicht schwerhörig, Fräulein Angela, und ein Lob pick' ich mir immer noch aus den Vermahnungen heraus wie früher die schönen braunen Rosinen aus dem Kuchen. Aber nun möchte ich Sie auch belobigen. Sie waren als junges Fräulein trotz Ihrer Hagerkeit ein eigenartig rassiges Geschöpf. Ein Dutzend Lebensjahre dazu, und die schönste Rassigkeit wird zu einer -- na, sagen wir: herben --«
»Hexenhaftigkeit,« half sie ihm aus.
»Nun, das klingt ein wenig hart. Aber da es bei Ihnen nicht zutrifft, mag es bestehen bleiben. Das Dutzend Lebensjahre dazu hat Ihre Rassigkeit nur zur antiken Schönheit veredeln können.«
Angela Freydag neigte tief den Oberkörper gegen ihn.
»Meine weibliche Eitelkeit will das Wort ›antik‹ nicht gehört haben. Es ist ein Fremdwort und läßt sich mit alten Jahren und mit alt im Geiste des Altertums übersetzen. Für einen geistvollen Mann wie Sie kommt natürlich nur die letzte Andeutung in Betracht, und ich nehme die Huldigung mit Vergnügen entgegen.«
Thomas Vanderwelt verneigte sich mit derselben Feierlichkeit. Aber sein Gesicht behielt den Ernst auch weiter bei.
»Wie wohl muß dem Vater Ihre Gegenwart tun,« sagte er, und seine Stimme hatte den spottenden Beiklang verloren. »Nicht nur, weil seine Augen ihn belehren. Es gibt Schönheiten übergenug, die nach der ersten Neugier nicht mehr das Ansehen lohnen. Weil er Sie geistig empfinden darf und immer neu und doch immer gleich. Das ist Schönheitsgenießen.«
»Glauben Sie, Thomas, uns Frauen erginge es anders mit euch Männern?«
»O ja, das glaube ich. Und es ist sogar im Laufe der Zeit zur Gewißheit in mir geworden.«
»Sollte das nicht an der Zusammensetzung Ihrer Umwelt liegen, Thomas? Mich selbst bitte ich aus Ihrer Gewißheit zu entlassen, und ich überhebe mich mit dieser Bitte nicht. Es ist eine glückliche Beigabe der Natur, wenn der Mann als eine schöne und männliche Erscheinung wirken darf. Aber was uns immer wieder zu ihm hinzieht, und was uns dauernd an ihn fesselt, was uns ihm im schönsten Sinne des Wortes untertan macht, das ist die Leuchtkraft seines Wesens, die uns heute diesen und morgen jenen dunklen Pfad erhellt, wechselnd durch den Geist und unwandelbar durch die Gesinnung. Die uns bei der Hand nimmt und so sicher über die Abgründe führt, wie über die Blumenwiesen. Die keine Sünde kennt, weil sie alles in ihrem Scheine adelt, und die doch in unsagbarer Dankbarkeit ihr Licht zum Erlöschen bringt, wenn das unsere aufleuchtet und ihn umfluten will.«
Sie richtete sich aus ihrer Gedankenwelt auf und strich sich über die Stirn.
»Verzeihen Sie die Getragenheit meiner Rede. Es gibt Dinge, für die der Sprachgebrauch des Alltags keine Worte besitzt, und man muß schon zu den gefühlsfeierlichen greifen. Aber mit Überschwang haben sie nichts zu tun.«
Noch eine Weile horchte Thomas Vanderwelt hinaus, als müsse er mehr hören. Dann ließ er den blassen Kopf auf die Brust sinken.
»Ich trage meinen Namen schon mit Recht. Ich bin der ungläubige Thomas. Ich müßte das alles schon am eigenen Leib erleben und mit Fingern greifen können. Was ich«, und seine Stimme wurde heftiger und heiserer, »bisher am eigenen Leibe erleben und mit Fingern greifen durfte, hatte so wenig mit Gefühlsfeierlichkeit und Überschwang zu tun, wie das Messer in der Hand des Wundarztes.«
»So legen Sie doch das Messer nieder und greifen Sie zu den ritterlichen Waffen.«
Da lachte Thomas Vanderwelt, daß es ihn schüttelte. Und er schüttelte mit dem Lachen ab, was an empfindsamen Regungen über ihn gekommen war.
»Ritterlichere Waffen als das Messer? Ach, liebes Fräulein Angela, Sie kennen das Gesetzbuch der Straße nicht. Da heißt es, sich mit jeder Waffe bekämpfen, die Erfolg verspricht, und auf der Straße sind die silberbeschlagenen Degen nicht zu Hause. Was wissen Sie, die Sie über beleuchtete Berggipfel laufen, wie schmutzig die Straße ist!«
Angela Freydag rührte sich nicht auf ihrem Sitz. Ihre Augen wichen nicht von dem nervenzerrütteten Manne, und seine Ausbrüche warfen ihre Seele nicht aus dem Gleichgewicht.
»Lassen Sie uns an dieser Stelle abbrechen, Thomas. Wir treiben hinaus und verlieren die Ufer aus den Augen. Erzählen Sie mir jetzt einmal etwas recht Sonniges.«
Er stutzte. Kam zu sich. Und schon gewann der Spott wieder die Oberhand.
»Ja, ja. Im Dunkeln fürchten sich die verwöhnten Kinder und verlangen nach der Lampe.«
»Gut, Thomas, da Sie zu den verwöhnten Kindern zählen, und nicht ich, so will ich Ihnen die Lampe halten, sooft Sie danach Verlangen tragen. Nach der Beleuchtung, nicht nach der Beschönigung. Und jetzt suchen Sie einmal Ihre Sonnenstrahlen zusammen. So arm ist kein Mensch, daß er nicht in die Sonne blicken könnte.«
»Sie belieben in Rätseln zu sprechen, gütige Gönnerin.«
»Wie geht es Ihrem kleinen Sohn? Nikolaus heißt er wohl?«
»Ja -- er heißt Nikolaus. Das ist wahr. Und der Vater bedankt sich für die freundliche Nachfrage.«
»Sieht er Ihnen ähnlich? Besucht er schon die Schule?«
»Da sei Gott vor, daß er mir ähnlich sähe! Die Natur hat ihren üblichen Sprung gemacht und ihn dem Großvater angeähnelt. So schadenfroh bin ich noch nie gewesen, als wie ich das entdeckte. Denn vor einem Kornelius Vanderwelt hegen die Damen des Hauses Ausdemwerth eine höllische Scheu.«
»Besucht der kleine Nikolaus schon die Schule?« wiederholte sie, ohne seine Schärfe zu beachten.
»Gewiß besucht er schon die Schule. Er ist seit Ostern wohlbestellter Abcschütze und zählt nicht zu den Dümmsten.«
»Das muß Sie doch in Ihrem Vaterstolze glücklich machen, Thomas. Und da haben Sie ja Ihre Sonne.«
Thomas Vanderwelt lächelte zerstreut vor sich hin.
»Eigentümlich ist, daß auch der Sohn Julianes, daß auch der kleine Martin Beckenried in allen Stücken seinem Großvater Vanderwelt gleicht. Als wären uns oder unseren Frauen die Jungen wie eine tägliche Vermahnung vor die Nase gesetzt worden. Die beiden Jungen hocken in derselben Klasse und wetteifern um die Palme des Menschenruhms. Was von den beiderseitigen Eltern beim besten Willen nicht gesagt werden kann.«
»Ich möchte die beiden Jungen wohl einmal bei mir haben, Thomas.«
Er zog heimlich die Uhr und stellte die fortgeschrittene Zeit fest.
»Die Herren Jungen werden es sich zur höchsten Ehre rechnen, von Ihnen empfangen zu werden, wie es mir zur höchsten Betrübnis gereicht, mich jetzt empfehlen zu müssen.«
»Wollen Sie denn nicht die Rückkehr Ihres Vaters abwarten, Thomas, und den Abend mit uns verbringen?«
»Mein Vater und ich haben uns schon tagsüber im Geschäft herzlich wenig zu sagen gehabt, und ich möchte den Abend auf der Straße zubringen, da mir meine Frau abhanden gekommen zu sein scheint.«
»Haben Sie denn eine Verabredung getroffen?«
»Wir haben immer eine Verabredung getroffen, aber sie wird ebenso häufig mißverstanden. Frau Antonie wünschte, sich mit mir bei Ihnen zu treffen, da sie darauf brannte, die schöne Unbekannte kennenzulernen. Sie muß wohl so lichterloh gebrannt haben, daß sie sich in der Verwirrung verlaufen hat.«
»Guten Abend, Thomas. Vergessen Sie nicht, mir den kleinen Nikolaus zu schicken und den kleinen Martin.«
»Guten Abend, mütterliche Freundin.«
Er beugte sich über ihre Hand und ging mit seinem federnden Schritt, wie er ihn schon als Knabe gehabt hatte, aus dem Zimmer und aus dem Hause. Ein paar Sekunden noch horchte sie dem Schritte nach. Dann wandte sie sich um.
»Kornelius --!«
Er war durch die Tür seines Arbeitszimmers eingetreten und reichte ihr die Hand.
»Guten Abend, Engel. Thomas war bei dir, als ich kam. Ich wollte die erste Aussprache nicht stören und hielt mich zurück.«
»Es war vielleicht richtiger so, und du hast, wie immer, das Rechte getroffen.«
»Meinst du, Engel? Müssen Vater und Sohn sich in Gefühlsdingen aus dem Wege gehen?«
»Bis sie die Scham voreinander überwunden haben, Kornelius. Ja, du lieber, ernster Mann, schau' mich nur so verwundert an. Ich habe wahrhaftig ›voreinander‹ gesagt. Der Sohn vor dem Vater, weil ihm in seiner Ehe das peinliche Ehrgefühl zeitweilig abhanden gekommen ist, und der Vater vor dem Sohne, weil sein Vaterstolz sich bitter enttäuscht sieht.«
»Genügt das nicht?«
»Kornelius. Zuweilen ist mir, als wollten wir alles zu hastig in Besitz nehmen. Und dann würden wir es als eine Selbstverständlichkeit einschätzen und nicht als einen Gewinn oder sogar als ein Verdienst. Komm, wandere nur dabei mit mir im Zimmer herum, liebster Mensch. Draußen heult der Herbstwind, und hier drinnen geht es sich an deiner Schulter wie auf einer Frühlingswanderung.«
»Ich fühle, daß du mir wohl tun willst, Engel. Mehr ist nicht vonnöten.«
»Ich verlange nichts anderes als die Hälfte dessen, was dich drückt.«
»Du hast dich durch den Augenschein überzeugt, Engel? Du hast einsehen lernen, daß Kinder die Freude des Lebens und daß Kinder die schwerste Belastung darstellen können? Nein, nein, ich will nicht klagen.«
»Ich bin bei dir, Kornelius. Und gemeinsam wird es uns schon gelingen, die Belastung zu vermindern. Weshalb schaust du mich denn so mitleidig an?«
»Weil meine Angela in meinem Hause schon an das Opferbringen denkt.«
»Würdest du«, fragt sie zurück, »es als ein Opfer ansehen, wenn du dich meinetwegen deines Besitzes, deines Geschäftes, deiner Lebensführung entäußern müßtest?«
Seine Hand fuhr zu und bog ihren Kopf zurück. Über ihren weitgeöffneten Augen standen die seinen. Und in ausbrechender Wildheit umhalste der eine den anderen, als müßte der eine vor den anderen hinspringen, um ihn zu schützen und zu verteidigen. -- --
Antonie, die Gattin Thomas Vanderwelts, brauchte mehrere Tage, bis sie sich zu dem schwiegerväterlichen Hause zurechtgefunden hatte. Sie kam zu einer Stunde, zu der sie Kornelius Vanderwelt unabkömmlich im Geschäfte wußte.
Angela Freydag saß am Flügel und übte mit starkem Fleiß, als die Besucherin ins Zimmer geführt wurde.
»Entschuldigen Sie den Überfall, Fräulein Freydag, denn Sie sind es doch? Ich bin Antonie Vanderwelt und habe mir als Schwiegertochter des Hauses die Erlaubnis erteilt, ohne viel Förmlichkeiten einzutreten.«
Angela Freydag bot ihr einen Platz an.
»Herr Kornelius Vanderwelt wird sich ohne Zweifel herzlich über so viel Familiensinn freuen.«
Sie setzte sich und schüttelte sich in den Schultern.
»Wollen Sie mir eine große Gefälligkeit erweisen, Fräulein Freydag? Ja? Dann sprechen Sie den Namen meines Schwiegervaters bitte nur dann aus, wenn es gar nicht anders zu umgehen ist. Zum Beispiel: ›Gerade tritt Kornelius Vanderwelt ins Haus‹ oder so. Und fort bin ich.«
»Weshalb lieben Sie ihn nicht?« fragte Angela Freydag.
»Lieben --?« wiederholte Antonie Vanderwelt und starrte entsetzt auf die Fragerin. »Kann man ihn denn lieben? Ich bilde mir ein, er reißt einen in zwei Stücke, wenn man nach seinem Herzen greift, oder er stellt Anforderungen, die zu anstrengend für mein heiteres Gemüt sind und mich zu einem Ausgleich treiben würden.«
»Zu einem Ausgleich? Wie soll ich das verstehen?«
»Aber das ist doch nicht schwer. Man kann sehr stolz auf einen Mann sein, weil er die Männer aller anderen überragt, aber immer stolz sein, ermüdet, und das Herz legt sich ein ganz klein wenig auf die Lauer, um sich sozusagen in den Freiviertelstunden mit einem anderen vergnügten Herzen ordentlich auszutoben, bevor es wieder fein sittsam in die Schulstunden geht.«
»Ja, wenn ich nur wüßte, Frau Vanderwelt, was Sie in diesem Zusammenhange unter Austoben verstehen?«
»Nein, was für eine glänzende Schauspielerin Sie sind? Und ich harmloses Geschöpf falle auf alle die Fragen hinein und ziehe mich in der ersten Viertelstunde bis auf das arme Seelchen vor Ihnen aus.«
Angela Freydag saß auf ihrem Klavierstuhl, und während sie der Besucherin das Antlitz zuwandte, spielten die Finger der Linken lautlose Läufe über die Tasten hin.
»Sie haben große Pflichten, Frau Vanderwelt.«
»Ach,« klagte sie, »nun beginnen Sie auch schon mit der Litanei. Der Drang, sittliche Betrachtungen anzustellen, muß wohl an diesem Hause liegen. Da hätte ich doch gleich ein Kloster wählen können, wenn es mir unbedingt, um den Heiligenschein ginge.«
»Sie haben große Pflichten, weil Sie ein so schöner Mensch sind, Frau Vanderwelt.«
»Ach ~so~ ist es gemeint. Das klingt gleich anders, wenn es mir auch immer noch unverständlich klingt.«
»Wer mit einem so schönen Körper bevorzugt ist, hat die Pflicht, ein so großes und seltenes Kunstwerk in seinem Wert zu erhalten und zu bewahren. Törichte Hände können den Farbenschmelz erblinden lassen oder andere nicht wieder gutzumachende Beschädigungen anrichten. Das meinte ich damit.«
Antonie Vanderwelt zog das seidenbestrumpfte linke Bein über das Knie des rechten. Eng in den hochlehnigen Kirchensessel geschmiegt, saß sie und freute sich mit schimmernden Augen an den feingeschwungenen Linien ihres Leibes, an dem sinnlichen Reiz ihrer elfenbeinfarbenen Haut.
»Wenn man so schön ist und müßte immer brav sein,« sagte sie mit einem lustigen Schmollen, »so wär's ja eine Strafe, schön zu sein. Und wirklichen Kennern darf man doch ein Kunstwerk nicht vorenthalten.«
»Ganz gewiß nicht. Sie dürfen es jederzeit bewundern, aber Sie dürfen nicht die Hand ausstrecken, um es zu stehlen.«
»Ach, Fräulein Freydag, lassen wir doch nicht drumherumlaufen wie um ein heißes Eisen. Ich fass' es an. Ich habe vielleicht mehr Blut in den Adern als Verstand hinter der Stirn. Das geb' ich zu. Aber sich von einem Manne küssen lassen, den man im Augenblicke nett findet, das braucht doch keine Todsünde zu sein.«
Angela Freydag faltete die Hände um ihre Knie und bog den Kopf zum Fenster. Die schimmernden Augen der schmiegsamen Frau waren ihr wie eine Berührung.
»Ich halte Sie für klug genug, sich die Frage selber zu beantworten, Frau Vanderwelt. Mit dem ersten Kusse, den ein Mädchen dem Manne gestattet, ergibt es sich ihm schon so weit, daß er sich zum zweiten Kusse das ~Recht~ nimmt, daß er sich beim dritten Herr ihres Körpers bis auf das arme Seelchen fühlt, von dem Sie vorhin sprachen.«
Antonie Vanderwelt schmiegte sich noch enger in den hochlehnigen Kirchensessel hinein, als schmiegte sie sich in einen Arm.
»Ist es nicht aller Frauengefühle allerköstlichstes, sich zu verschenken?«
»Ja. Das ist es. Dem einen und einzigen.«
»Man kann einer Irrung unterworfen gewesen sein, man kann verlassen worden sein oder selber die Pässe zugestellt haben -- da wird eben der zweite oder der dritte oder der vierte der eine und einzige.«
»Auch das habe ich während meiner Laufbahn oft genug gesehen, Frau Vanderwelt. Mädchen, die sich so verschenken, ganz einerlei, ob aus Liebe, aus Mitleid oder aus Berechnung, werden später immer und ausnahmslos innerlich einsame Frauen. Natürlich auch äußerlich vereinsamte. Denn der Rückzug von einer vielverschenkenden Frau erfolgt mit einer so unerbittlichen Pünktlichkeit und Grausamkeit, als setzte plötzlich eine Massenflucht ein. Übrigens ist das wirklich kein Gesprächsstoff, Frau Vanderwelt, für zwei klaräugige und aufrechte Frauenspersonen, und wir wollen ihn schleunigst verabschieden.«
»Und mich dazu,« rief Antonie Vanderwelt nach einem erschrockenen Blick auf die Armbanduhr. »Ich wollte Ihnen nur einen Knicks machen und, wie es früher bei unseren Soldaten hieß, Tuchfühlung nehmen, denn ich hätte gar zu gerne eine resche und fesche Kameradin, die nicht ein jedes lustige Geheimnis auf der Zungenspitze trägt.«
Die Frauen standen sich, abschiednehmend, gegenüber. Antonie Vanderwelt lüftete lächelnd das Visier.
»Dazu haben Sie ja wohl,« entgegnete Angela Freydag mit Zurückhaltung, »Ihre Freundin und Schwägerin Juliane.«
»Juliane ist so berechnend, Fräulein Freydag. Das wirkt so bloßstellend. Was nicht als Rausch kommt, kühlt ab.«
Und Angela Freydag dachte, während sie sich wortlos zum Abschied verneigte: Also selbst in der Welt ~dieser~ Frauen gibt es noch Unterscheidungen, wo doch alles gleich und gemeinsam ist, und Bloßstellungen, wo keine Blöße mehr entblößt zu werden braucht. Und es schüttelte sie vor diesen Abwandlungen der größeren und geringeren Ehre, die denselben Schmutzstreifen hinter sich zogen. -- --
Ach, die köstlichen Stunden der Glücksreinheit, wenn die beiden kleinen Schuljungen angestampft kamen.
»Tante Engel, was ist das?« Und sie sagten ihr ein Rätsel vor, das sie frisch aus der Hand des Lehrers erhalten hatten, oder ein Gedichtlein, deren sie viele und freiwillig über das Aufgabenmaß hinaus mit Begeisterung auswendig lernten. Angela Freydag aber hockte auf dem Teppich vor den kleinen glühheißen Männern und wußte bei jedem neuen Male nicht: ist dies der Nikolaus, oder ist dies der Martin? So sehr war der eine Kornelius Vanderwelt und der andere Kornelius Vanderwelt, und es war ihr eine selige und doch andächtige Freude, aus den knabenweichen Jungengesichtern das Antlitz Kornelius Vanderwelts Zug um Zug herauslesen zu dürfen.
Oft erzählte sie ihnen Geschichten aus all den Teilen der Erde, die sie auf ihren Fahrten besucht hatte: von den Indianern der Felsengebirge, den Goldsuchern Kaliforniens, den Wolkenbewohnern Neuyorks, und wieder von dem großen und reichen Leben der europäischen Hauptstädte, von London, Paris und Rom. Dann hockten die Buben auf dem Teppich und erforschten das Antlitz der Märchentante. Oder aber sie saß am Flügel und ließ ihre Kunst in launigen Übertragungen zu den jungen Hirnen sprechen, und Meister Beethovens Wut um den verlorenen Groschen brachte die erregten Gemüter zum hellen Jauchzen.
Seit die kleinen Schuljungen zum ersten Male in das Haus gestampft waren, der Martin Beckenried vom Nikolaus Vanderwelt an der Hand geführt, und zu ihrem Staunen in der schönen Tante einen Menschen gefunden hatten, der sich um sie und nur um sie bekümmerte, waren die kleinen Herzen diesem Wundermenschen leidenschaftlich ergeben geworden.
»Tante Engel, weshalb bist du nicht unsere Mama?«
»Ihr habt ja eure Mamas daheim, und sie haben wohl nur nicht immer Zeit für eure Plappermäulchen.«
»Bist du denn eine Großmama, daß du immer Zeit für uns hast?«
»Ja, ich bin eine Großmama,« sagte sie mit tiefer Stimme, »die im Bette liegt, als Rotkäppchen kommt, und die eigentlich der wilde Wolf ist. Seht mich an: Mit solchen Augen!«
Aber die Jungen ließen sich von Angela Freydags funkelnden Augen nicht bange machen. Sie sprangen ihr an den Hals, kuschelten sich an ihr Herz, küßten sie, wohin die Lippen, der Liebkosungen ungewohnt, trafen.
»Großmutter Wolf!« jauchzten ihre Stimmchen. »Großmutter Wolf!«
Und wieder sah sie Kornelius Vanderwelt in den Jungen, Kornelius Vanderwelt, der sie in seinen frohesten Stunden seine Wölfin nannte. --
Im November fuhr Angela Freydag von dannen. Sie fuhr nach Spanien, und eine Konzertreise führte sie durch das ganze Land. Sie fuhr mit dem Schiff nach Holland und spielte in den großen Städten.
Wenn Kornelius Vanderwelt in der Morgenfrühe erwachte, spürte er in sich und um sich eine Leere, daß er nicht wußte, ob der neue Tag das Aufstehen lohne. Wenn Angela Freydag am späten Abend irgendwo ihr Lager aufsuchte, spürte sie ihre Heimwehgedanken nach des geliebten Mannes Brust so stark, daß sie nicht wußte, ob die neue Nacht das Einschlafen lohne.
Keiner aber ließ es den anderen in seinen Briefen wissen, um ihn nicht zu einem Opfer zu nötigen.
Es wurde April, als Angela Freydag heimkehrte und am frühen Morgen das Haus betrat. Gerade wollte Kornelius Vanderwelt sein Arbeitszimmer verlassen und sich zum Geschäft begeben, als sie vor ihm stand.
Er fuhr hoch und wurde vor Freude so bleich, daß sie sich blindlings an seine Brust warf.
»Du!« sagte sie immer wieder. »Du! Du!« und ihre Hände tasteten nach seinem Haar, nach seinen Schläfen, seinen Lippen. »Du! Du!«
Er aber schloß ganz fest die Augen, als wollte er durch nichts aus seinem Traume aufgescheucht werden, und trank und trank in sich hinein, was er in seinen Armen hielt.
»Du! Du! Engel! Engel -- --«
Sie hatte feuchte Augenränder, und er meinte, als er endlich die Augen in die Wirklichkeit öffnete, die Wiedersehensfreude hätte sie gefeuchtet. Sie aber stand erschrocken vor seiner Hagerkeit und der blassen Farbe seines Gesichtes, die sich nicht verlieren wollte, als sein Herzschlag sich beruhigt hatte.
»Warst du denn krank, Kornelius?« Und die Angst bebte durch ihre Stimme.
»Gewiß war ich krank. Sechs lange Monate, du. Krank nach dir, Engel.«
Da weinte sie fassungslos an seinem Herzen ...
Und das Jahr lief hin, und als es sich wieder dem Herbstende näherte, reiste Angela Freydag nicht wieder aus und sprach kein Wort darüber, und Kornelius Vanderwelt gewahrte es mit dem tiefinneren Aufhorchen, als ob die Geliebte sein Herz ganz zart in ihre Hände nähme, und stellte keine Fragen, um das Wundersame nicht zu stören.
In diesem Winter aber reiste er viel mit ihr im Vaterlande und saß mit ihr in den Opernhäusern von Berlin und Wien und München und in den großen Konzertsälen der deutschen Städte.
Sie empfand es wohl, daß er ihr einen Dank sagen wollte, und ob er auch seine Geschäfte vernachlässigen mußte, sie freute sich nur seiner Ritterlichkeit, die ihr das alles und darüber hinaus zu Füßen legte.
Und wieder kam ein Herbst, und Angela Freydag lächelte nur und fuhr nicht allein auf fremden Meeren. Aber Nebel und Nässe des Niederrheins hatten ihr einen harten Husten geschaffen, und Kornelius Vanderwelt brachte die geliebte Frau auf einen Ostasiendampfer im Hafen von Rotterdam und schiffte sich mit ihr ein und fuhr mit ihr die Küsten Frankreichs, Portugals und Spaniens entlang durch die Straße von Gibraltar in das Mittelländische Meer, und der Atlas reckte sich aus der afrikanischen Bergwelt auf, als sie das Rätsel löste, daß ihr Ziel Ägypten sei.
Die Freude lief ihr zu Herzen wie ein Strom.
»Warum soviel für mich, Kornelius? Warum soviel für mich?«
»Es ist eine Abschlagszahlung, Engel.«
»Wenn ich am Leben hänge, so ist es nur für dich, Kornelius. Das ist das schönste Wort: Für dich!«
»Für dich!« wiederholte er. -- --