Chapter 4 of 25 · 3971 words · ~20 min read

Part 4

»Vergeßt mir nur nicht, ihr +discipuli+, daß der Geist erst durch das Gemüt seine Lebensgeltung erhält. Sonst wäre er wie ein tönendes Erz und eine klingende Schelle. Gute Nacht, ich muß meine Weisheit noch anderorts ausschenken.«

Eine halbe Stunde später schritt er unter triefendem Schirm, den ärmellosen Tuchumhang über den Gesellschaftsanzug geworfen, dem Klubhaus der Ruhrorter Herren, der ›Erholung‹, zu. Breit und selbstsicher stieß es hinein in die dunklen Gassen des Hafenviertels.

Eine gewichtige Anzahl von Herren saßen bequem um die Tische geschart. Und daß nicht nur die Zahl eine gewichtige war, zeigten viele und viele der ausgearbeiteten Köpfe an, der scharfgemeißelten Schädel, der aufmerksam spähenden Augen. Männer, bei denen tagsüber Spannkraft und Willenskraft zuhause war und abends ein gelöstes Sichgehenlassen.

Der Wein schwamm in den Römern, die Unterhaltung schwoll an, tiefgründige Worte wurden in ein derbes Scherzwort abgeleitet, von dröhnendem Lachen belohnt. An den Spieltischen klappten die Karten.

Als Kornelius Vanderwelt eintrat, schauten nur wenige auf. Aber die wenigen gaben ihre Erkenntnis durch Blicke weiter, die die Aufmerksamkeit der Umsitzenden weckten und auf den Eintretenden hinlenkten.

»Sieh da. Herr Kornelius Vanderwelt in Person. Sagen Sie, lieber Vanderwelt, leiden Sie unter Anwandlungen von blindlings gesteuerter Langeweile?«

»Wenn ich wüßte, was ~Sie~ wissen, Herr Kommerzienrat, langweilte ich mich an keinem Tische der Erde.«

»Verdammter Kerl, der. Nicht schlecht gegeben. Bin nur gespannt, was ich da wieder mehr wissen soll.«

»Oh, nur einiges. Zum Beispiel, ob die neuen Hafenpläne zur Ausführung gelangen oder nicht?«

»Das müssen Sie den Herrn Oberbürgermeister fragen. Ich beuge mich der Allmacht der Behörde.«

Kornelius Vanderwelt zeigte lachend die Zähne.

»Der Herr Oberbürgermeister sitzt ja allabendlich neben Ihnen. Sollte da nicht eine Befruchtung der Allmacht in aller Stille möglich sein.«

»Hören Sie auf! Das grenzt an Gotteslästerung.«

»Mein verehrter Herr Vanderwelt,« mischte sich die feine Stimme des Oberbürgermeisters ein, »seitdem die Verschmelzung von Ruhrort und Meiderich mit Duisburg glücklich vor sich gegangen ist, hat sich auch die Zahl der Erzengel in meinem Verwaltungshimmel vermehrt, und die vereinigten Herren Stadtverordneten haben mehr denn je das Wort.«

Kornelius Vanderwelt verneigte sich tief.

»Das Wort! Und Ihr kluges Lächeln sagt: ›Ihrer sei das Wort, mein sei die Tat!‹«

»Hierher, Vanderwelt! Wir wollen auch unseren Nutzen ziehen! Heda! Unsereins auch!«

Kornelius Vanderwelt schritt weiter, verharrte an einem Tische, ließ sich zu einem anderen winken. Hinter ihm blieb ein Flüstern.

»Ein Kerl von Geist und Weitsicht,« meinte nachdenklich der Kommerzienrat. »Zuweilen von einer gefährlichen Weitsicht.«

»Wie reimt sich das zusammen, Herr Kommerzienrat?«

Der überlegene Geschäftsmann schob langsam die buschigen Augenbrauen hoch.

»Seltsame Frage das. Es braucht kein Kornelius Vanderwelt in die ›Erholung‹ zu kommen, um uns die Erweiterung der Hafenbauten zu predigen. Etwas anderes ist es, ob wir Nächstbeteiligten mit unseren Schiffsparks Schritt halten können, ob wir uns in unserem Wirkungskreis nicht einen neuen, wenig erwünschten Wettbewerb hereinholen, oder die Kleinschiffer durch die Not an Kahnraum stärker in den Vordergrund gerückt werden, als es für den reibungslosen Großbetrieb gut ist. Das nenn' ich ~gefährliche~ Weitsicht. An der Notwendigkeit der Hafenerweiterungen zweifle ich nicht eine Sekunde, und der Herr Oberbürgermeister, wie ich seine Tatkraft kenne, ebensowenig.«

Eine Weile wandte sich das Gespräch mit voller Lebhaftigkeit den Lebensadern der Stadt, den Hafenbecken und Kanälen zu. Die Finger zeichneten Entwürfe auf die Tischplatte, die Köpfe schmiedeten Pläne. Bald schon, und keiner wollte dahinten bleiben, der eine den anderen überbieten, bis die Trumpfkarte fiel.

»Ich schlage vor, sämtliche Straßen Ruhrorts in schiffbare Kanäle zu verwandeln, sämtliche Plätze in Hafenbecken.«

»Halt, halt,« rief ein hoher Hafenbeamter in das aufdröhnende Gelächter hinein, »der Einfall ist nicht von Ihnen!«

»Haben ~Sie~ ihn etwa zutage gefördert, Herr Regierungsrat?«

»Der Vater des Kindes heißt Vanderwelt.«

»Ich muß doch sehr bitten. Zu meinen Kindern bin ich selber Vater.«

»Es ist schon einige Zeit, da fuhr er mit mir auf dem Regierungsboot durch die Rhein-Ruhr-Häfen. Es war Hochbetrieb, in allen Wasserstraßen drängten sich die Kähne, die Hochöfen feuerwerkten wie besessen, und die Häuserreihen standen wie verloren im schwarzen Kohlenschleier.«

»Sie werden ja ganz poetisch, Herr Regierungsrat.«

»Ich nicht, aber der Vanderwelt wurde es. Mit einer Liebe ohnegleichen starrte er auf das dunkle Städtebild, das sich hier, dort, überall im dunkelgefärbten Wasser spiegelte, wandte sich zu mir und sagte leise: ›Das schwarze Venedig!‹« -- --

Keiner lachte. Jeder nickte versonnen vor sich hin und spann den Gedanken weiter.

»Seltsamer Mensch das,« sagte ernst der Kommerzienrat. »Zwei Seelen wohnen in seiner Brust.«

Und wieder war der Bann gebrochen, und wieder hieß der neue Gesprächsstoff Kornelius Vanderwelt. Dichtung und Wahrheit stritten sich um den Mann.

»Er spielt auf dem Klavier wie unsereins an der Börse.«

»Er liest die Dichter wie unsereins die Kurszettel.«

»Was ihn aber nicht hindert, mit aller seiner Kunst unsereins übers Ohr zu hauen.«

Der aber, von dem die Reden im Schwange waren, saß unbekümmert fernab an einem Ecktischchen und becherte mit den beiden Reedern Hinrichsen und Auffermann um die Wette. Seine Augen leuchteten hellauf, sein Mund sprudelte über von Geschichten aus der weitesten Welt und Gleichnissen aus der nächsten Nähe. Der schlanke Hinrichsen bog sich in den Hüften, der beleibte Auffermann legte sich die Arme wie Faßreifen um den hüpfenden Bauch. »Machen Sie es gnädig, Vanderwelt, machen Sie es gnädig. Wir glauben Ihnen alles -- alles -- alles --!«

»Das kann mich nicht kümmern, meine Herren. Kommen Sie erst einmal nach den Südseeinseln. Da gibt es kein verstohlenes Herumdrücken in den Kaschemmen und Freudenhäusern. Da herrscht Liebe auf den ersten Blick und der Zauber paradiesischer Umgangsformen.«

»Wachsen denn dort Feigenbäume, Vanderwelt? Feigenbäume in rauhen Massen?«

»Gott,« sagte Vanderwelt träumerisch, »es war wohl zu schön, zu überirdisch schön, um an Torheiten zu denken ...«

»Ja, waren Sie denn selber da drunten? Drunten im Unterland, wo's halt so schön ist? Und am Viktoria Njansa? Und bei den Roten am Orinoko und den Schlitzäugigen in der Malakkastraße? Mann, wo waren Sie denn eigentlich ~nicht~?«

Kornelius Vanderwelt spielte mit den Fäden seines Schnurrbartes.

»Wo ich ~nicht~ war? Meinen Sie, ~bevor~ ich endgültig in Ruhrort vor Anker ging, ~oder~ --«

»Achtung, Hinrichsen, jetzt kommt eine bodenlose Grobheit.«

»Oder -- alsdann? ~Alsdann~ war ich noch nie unter so hinterhältigen Gentlemen, die mich erzählen lassen, während sie selber den Wein wegtrinken. Die dritte Flasche, Auffermann, bitte ich in zweifacher Ausfertigung vorzuführen. Keine Einwendungen, oder wir nehmen den Mann nicht mit auf hohe Fahrt, Hinrichsen.«

Der Reeder Auffermann rieb sich das spiegelblanke Kinn.

»Hohe Fahrt? Das überredet mich. ›Dein Mund fleußt über alle Zeit von süßem Sanftmutsöle‹, steht in einem alten Gesangbuchliede zu singen und zu sagen. Darauf trinken wir die vierte, und Hinrichsen zahlt die fünfte und die sechste. ~Worüber~ beschweren Sie sich? Sie hätten schon die erste und die zweite gezahlt? Still, Hinrichsen. Nicht in Gegenwart unseres Gastes.«

Und Kornelius Vanderwelt dachte, während der Wein die grünen Römer füllte, es sind landläufige Burschen, aber als Saufkumpane geschaffen wie weiland Ritter Falstaff für den Junker Heinz. Und er hob sein Glas, stieß an und trank in langen, durstigen Zügen.

Allmählich leerte sich das Gemach. Eine Zecherrunde nach der anderen rückte ab, und an den Kartentischen errechnete man Gewinn und Verlust, beglich die Rechnung und verabredete sich auf morgen.

»Kaum Mitternacht,« stellte Kornelius Vanderwelt fest, »und schon löschen sie die Kesselfeuer und kriechen in die Hängematten. Ich krieg' das Frieren bei so viel Kaltblütern.«

»Kaltblütern? Hinrichsen, hat er ›Kaltblüter‹ gesagt? Wollen Sie meinen Puls fühlen, Vanderwelt? Wollen Sie Hinrichsens Puls fühlen? Wenn wir auch nicht mit Südseeinsulanerinnen Vielliebchen aßen, wenn wir auch nicht -- wenn wir auch nicht -- mit Suahelimädchen -- na, Hinrichsen, nun sagen Sie's doch schon, was wir ~nicht~ mit den Suahelimädchen ...«

»Mit Kokosnüssen Tennis spielten,« half Hinrichsen aus, »und mit den Schlitzäugigen: ›Wieviel Finger sind das?‹ ...«

»So haben wir doch Ruhrorter Blut,« fuhr Auffermann fort. »Heißes Ruhrorter Blut. Verdammt heißes Ruhrorter Blut. Und jetzt gehen wir auf die Straße, wo's am schönsten ist.«

Hinter ihnen erlosch das Licht im Saale. Die Mäntel über den Gesellschaftsanzug geworfen, den steifen Hut auf dem Kopf, traten die Herren in den Hauseingang, mühten sich, in Regen und Wind die Schirme aufzuspannen, und hielten in fröhlicher Erregung den Schritt an.

Vor ihnen verzwirnten sich die engen Hafengassen, und das Licht der Laternen kämpfte vergebens mit den grauen Regenfluten der Nacht. Aber das Licht kämpfte nicht allein. Es kämpfte Dunkelheit gegen Dunkelheit, Menschen der Nacht gegen Menschen der Nacht.

»Wat sagen Sie? Sie hätten dat Mädchen nur angekuckt, Sie Piekfeiner?«

»Bleiben Sie mir vom Leibe. Ich habe mit Ihnen nichts zu schaffen.«

»Aber meiner Braut möchten Sie zu Leibe, was? Mit meiner Braut möchten Sie sich zu schaffen machen? Jetz wollen wir einmal ›Du‹ zueinander sagen, du Lauser, un jetz kriegst du meine Visitenkarte --«

Klatsch!

Der Geschlagene taumelte einen Schritt zurück, hob den Spazierstock und schlug blindlings in die Luft. Das Frauenzimmer kreischte, der Matrose duckte sich zum Sprung und sprang dem Gegner an die Brust.

Klatsch! Klatsch! Von beiden Seiten.

Schon knäulte sich ein halbes Dutzend, schon ein Dutzend Menschen um die nächtlichen Kämpfer herum. Kneipentüren öffneten sich, strömten breite Lichtwellen ins Gassendunkel und mit den Lichtwellen behende Gäste, die da fürchteten, zu spät zu kommen. »Hau ihn, Hendrik! Du läßt dir doch woll nich in 'n Kurs segeln von so 'nem Laffen?«

Klatsch! Klatsch! Klatsch! -- Hin und her.

In der Tür der Gastwirtschaft ›Zu den fünf Erdteilen‹, die durch ihre Ecklage das Gassengewirr beherrschte, stand in Hemdärmeln und blauer Schürze breitbeinig der Wirt im roten Lichtkegel. Die Hände in den Schürzenlatz geschoben, die Augen blinkernd vor Vergnügen, feuerte er Kämpfer und Zuschauer gleichermaßen an.

»Hendrik, der saß bei ~dir~! Blaue Augen sind schön, Hendrik, aber zumehrst beim anderen! So war's recht, mein Junge! So! Und so! Junger Herr, Sie werden doch nicht vor einem schlichten Matrosen Leine ziehen?«

Aber der Piekfeine dachte gar nicht daran, denn der Hendrik hatte im Eifer des Gefechts einen der Umstehenden vor das Schienbein getreten und einen Dankesstoß erhalten, der ihn über den Haufen warf. Und schon lag der Feine über dem Matrosen und bearbeitet ihn wütend mit den Fäusten. Das aber ging einer Handvoll Schiffersleuten gegen Strich und Faden. Einer von ihnen krakeelte den Mann an, der sein Schienbein gerächt hatte, und erhielt stracks eine gesalzene Maulschelle zur Antwort. Andere stürzten sich auf die am Boden Liegenden, rissen den Oberen vom Unteren, verloren den Halt, befanden sich in tobendem Handgemenge, ohne zu wissen, wie und für welche Sache. Denn auch der Mann, der sein Schienbein gerächt hatte, hatte eingreifen müssen und den Krakeelenden, der ihn wie ein Stier anlief, in den Knäuel geschleudert. Ein dumpfer Schmerzensschrei des Aufschlagenden, und die Zuschauermenge verlor den letzten Rest von Besinnung, stürmte in atemloser Erregung vor, gurgelte Schimpfworte und Kampfesrufe, schlug klatschend drein, traf auf den Falschen, teilte sich in blind ineinander verbissene Einzelgruppen, während der Mann mit dem mißhandelten Schienbein bald in diese, bald in jene Gruppe einen Angreifer hineinschleuderte, die Verbindungen zwischen den Einzelgruppen wieder herstellte und eine allgemeine tobende Kampfeslage schuf.

»Warte, Bürschken, dich sucht' ich als lang.«

»Komm her, du Großmaul, ich hau' dir ein Pechpflaster drauf.«

Klatsch! Klatsch!

»Du da! Du da! Du hast noch wat vom letzten Mal bei mir im Salz. Willste wohl nich ausreißen, du Feigling?«

»Vor so wat ausreißen? Hahaha! Nur zu klebrig biste mir.«

Klatsch! Klatsch!

»Nimm die Hand vom Hals, Hein. Nimm die Hand vom Hals --«

»Tuste Abbitte? Schön Abbitte? Bin ich ein Mädchenhändler, du Lump, oder ein Ehrenmann wie du --?«

Die drei Herren aus der ›Erholung‹ waren längst unter dem schützenden Hauseingang hervorgetreten. Dichter und dichter drängten sie an den Kampfesring heran. Fäuste griffen nach ihnen. Sie hoben die Regenschirme hoch und zeigten ihre lachenden Gesichter.

»Dat sind Herren von der ›Erholung‹! Seid ihr denn ~ganz~ blind, ihr wütigen Maulwürfe?«

Und augenblicklich zogen sich die Fäuste zurück, lüfteten die Kerle grinsend die Kappe. Uralte, schweigende Übereinkunft bewährte sich zwischen den heimkehrenden Herren der ›Erholung‹, den Reedern und Frachtverladern, und den rauflustigen Gästen des Hafenviertels. Ein derbes und herzliches Nachtverhältnis.

»Guten Abend, Herr Auffermann. Guten Abend, Herr Hinrichsen.«

»Guten Abend auch, Herr Vanderwelt. Große Ehre, mit 'ner schlichten Runde Boxkampf aufwarten zu dürfen.«

Plötzlich hielt das Kampfgetöse den Atem an. Die Griffe lockerten sich, die Köpfe streckten sich vor.

»Was denn, Jungens,« rief Kornelius Vanderwelt, »ihr werdet doch nicht aufhören wollen, wenn's am schönsten ist? Wenigstens noch eine Ehrenrunde! Ich schlage vor: zwischen den beiden Herren, die das Zauberstück zuerst zur Aufführung gebracht haben.«

Unter dem niederströmenden Nachtregen, vom Licht der Laternen flackrig beleuchtet, zog man den zerbeulten Matrosen hervor und stellte ihn auf den Platz. »Wo ist der Piekfeine?« grollte er. »Bringt mir nur den Piekfeinen noch mal her.«

Aber so viel man auch suchte, der Piekfeine blieb verschwunden. Und als der Matrose den Namen seiner Braut brüllte, kam auch von dort kein Echo.

Der Piekfeine hatte die Kampfpause benutzt und sich davongemacht. Nicht ohne dem strittigen Gegenstand einen vertraulichen Wink zu geben.

Von unbändigem, immer sich erneuerndem Gelächter begleitet, nahm der Matrose neuen Kurs und stürmte, die Ellbogen angezogen, die Fäuste geballt, in die Dunkelheit, die ihn im niederströmenden Regen verschwinden ließ.

Das nächtliche Zauberstück war zu Ende gespielt. Die Mitwirkenden lüfteten ihre Heldenmasken, erkannten sich als gute Kameraden und biedere Mitbürger und grinsten sich an.

»Ich glaub' wahrhaftig -- et regent ...« stellte der eine fest.

»Verdammich, weshalb lassen wir uns denn eigentlich hier naß regnen?« fragte verwundert ein anderer.

Und ein dritter schlug vor: »Wir könnten unsere Abendunterhaltung doch ebensogut unter Dach und Fach fortsetzen.« Und er fand ungeteilte Zustimmung.

Kornelius Vanderwelt tauschte Gruß und Handschlag mit dem Mann, der um sein Schienbein besorgt gewesen war.

»Petrus! Natürlich! Kein anderer zwischen Mannheim und Rotterdam befördert Stückgut so im Schwunge wie Ihr!«

Der vierschrötige Schiffer machte einen Kratzfuß.

»Ich schmeichle mir, Herr Vanderwelt. Aber bevor ich den Schwung auf seiner glänzendsten Höhe hatte, war die Stückzahl schon erledigt. Schade drum.«

Kornelius Vanderwelt schob seinen Arm in den ungeschlachten des Kraftmenschen und ging im Schritt mit ihm auf die Gastwirtschaft ›Zu den fünf Erdteilen‹ zu. Der Riese setzte nur Fuß neben Fuß. Er fühlte sich sehr geehrt unter dem gemeinsamen Regenschirm und schielte backbord und steuerbord, ob auch eine genügend große Zahl von Kameraden die Bevorzugung gewahr werde.

»Petrus,« fragte Kornelius Vanderwelt, und Wein, Straße, Nacht waren vergessen, »ist Ihr Kahn verholt?«

»Herr,« entgegnete der Schiffer, »wat der Pitter ~ein~mal gesagt hat, dat hat er für ~alle~ mal gesagt. Der Kahn liegt längsseits dem Gebhardt seinen, un nu hat der Kohlenkipper et Wort.«

»Das hat wohl Durst gemacht, Petrus?«

»Herr Vanderwelt, arme Leut haben immer Durst. Durst un Hunger. Auf en ordentlich Stampglas Schnaps, auf en staatses Frauenzimmer, dat mit einem et Tanzbein schwingt, un nich zuletzt auf die Harmonika, auf so 'n richtig Stücksken für die gerührte, unsterbliche Seele. Wat davon abseits liegt, Herr Vanderwelt, heißt für unsereins Arbeit, Verantwortung und Kohlenstaub in 'n Hals. Durst haben wir immer.«

»Heda, Matthes, angetreten!«

Der Wirt ›Zu den fünf Erdteilen‹ trottete dem hohen Gast durch Nacht und Regen entgegen.

»Jammerschad', Herr Vanderwelt. Ich tat Ihnen doch einen Warnungspfiff, noch nich dat schöne Familienbild zu stören.«

»Pfeifen Sie bei solch einem Krach nächstens mit der Sirene und nicht mit dem gespitzten Maul.«

»Ganz die meine Meinung,« stimmt der Kahnschiffer zu. »Außerdem war außer dem Matthes nix mehr zu verprügeln.«

Der Wirt zeigte mit dem Daumen über die Schulter, während er mit der freien Hand den Schirm nahm und ihn sorgsam über die Häupter seiner Gäste hielt.

»Gerad' hatten sie die Volksbelustigung auch im ›König von Portugal‹ vernommen. Sehen Sie, meine Herren, da wimmeln sie schon heran und machen verblüffte Gesichter.«

»Matthes,« sagte Kornelius Vanderwelt, »lassen Sie die Portugiesen ruhig auf eigene Rechnung spielen. Ich hoffe, es ist gemütlich in Ihrem Winterpalast. Wo bleibt der Einzugsmarsch der Gladiatoren?«

Der Wirt klappte den triefenden Schirm zu und rief einen Befehl in die verräucherte Stube. Eine Harmonika setzte ein. Mit einem heulenden Ton ließ sie die Winde aus den Zügen, sog sich aufs neue voll und rauschte den feierlich Einziehenden wuchtig den Pariser Einzugsmarsch entgegen. Die Wirtsstube füllte sich mit Menschen. Auch ein paar Bräute rückten stolz am Arm ihrer Burschen ein und wurden auf Vorschlag des Reeders Auffermann, da es an Damen mangele und Taschenmesser nur beim Essen in Gebrauch genommen werden sollten, für den Weiterverlauf dieses schönen Abends jeglicher Brautschaft entkleidet.

Hinter dem letzten Nachzügler schloß Matthes zweimal die Tür ab.

»Weshalb so fürsorglich, Herbergsvater?«

»Herr Auffermann, et geschieht erstens wegen der Polizeistunde, zweitens wegen des geordneteren Bezahlens.«

»Treffliche Geschäftsumsicht. Nur zu loben.«

»Um welche Zeit«, fragte der Reeder Hinrichsen und gähnte leise und müde, »tritt denn so allgemach für die >Fünf Erdteile< die Polizeistunde ein?«

»Keine Gefahr,« flüsterte der Wirt vertraulich. »Für drei Abende in der Woche hab' ich ›Geschlossene Gesellschaft‹ angemeldet. Den Verein ›Schifferkameradschaft‹, den Verein der ›Harmonikafreunde‹ und die Karnevalsgesellschaft ›Haste nix -- dann kriegste nix!‹ Wat wollen Sie, Herr Hinrichsen, meine Gäste kommen so selten von Bord an Land, dat sie mit Begeisterung Mitglieder in allen drei Vereinen geworden sind. Un über fröhliche Menschen kann die Polizei sich doch nur freuen.«

Der Reeder Hinrichsen beugte schicksalsergeben das Haupt.

»Ruhe, die verehrten Herrschaften. Die Frauenzimmer sollen dat Kreischen lassen. Herr Vanderwelt bezweckt, uns mit einer kleinen Ansprache zu erfreuen.«

Kornelius Vanderwelt stand lässig an seinem Tisch, die Hände in den Taschen seines Gesellschaftsanzugs vergraben. Aus halbgeschlossenen Augen blickte er über die gedrängt sitzenden Bruderschaften und Schwesternschaften dahin.

»Hohe Festversammlung. Schon unter den alten Heiden war es schönste Sitte, daß sich fremdhergewanderte Gäste nicht mit leeren Händen den Gaststätten nahten, sondern mit wohlerwogenen Gastgeschenken. Diese Geschenke sollten dazu dienen, den Gastfreunden die ihnen zustehende tiefe Verehrung zu erweisen und ihnen die Herzen zu öffnen zu traulichem Verkehr. So seien Sie denn erbötig, auch unsere Geschenke entgegenzunehmen. Ich bitte Sie, Ihre Augen nach dem Schenkentisch zu richten.«

»Sie haben sich wohl vertan, Herr Vanderwelt. Da sitzt dem Matthes seine süße Hausehre.«

»Sehen Sie, wenn ich Ihnen raten darf, über die verehrte Frau Matthes hinweg. Nicht etwa wegen des eifersüchtigen Gatten --«

»~Der~ Kerl un eifersüchtig!« höhnte die süße Hausehre und duckte sich vor dem Blick ihres Gebieters zu einem armen Häuflein Leid.

»Aufgebaut sehe ich auf dem Schenkentisch Gläser köstlicher Soleier, Kistchen mit goldgelben Kieler Sprotten, rotbackene Käse von Holland, wohlriechende von Mainz, tränenfeuchte aus der Schweiz. Dazu Schinken und Würste in verlockendem Anschnitt. Mein Freund Hinrichsen macht sich ein Vergnügen daraus, sie Ihnen anzubieten.«

Ermüdet suchte Hinrichsen Verwahrung einzulegen. Der Reeder Auffermann überstimmte ihn lärmend.

»Nichts da, Hinrichsen. Bei den alten Heiden war das schon der Brauch. Und Sie wollen ein -- ein -- vorgeschrittener Christ sein?«

»Mein Freund Auffermann hingegen,« fuhr Vanderwelt fort, »bittet Sie durch meinen Mund, ein Fäßlein Bier auf seine Gesundheit und Rechnung zu leeren und auch des Schnapses nicht zu vergessen.«

Der Reeder fuhr auf. Er lehnte mit Bestimmtheit die Bevormundung ab. Bis Hinrichsens müde Stimme erklang: »Schon bei den alten Heiden ... sagten Sie nicht soeben so, lieber Auffermann?«

Da setzte sich der beleibte Mann seufzend nieder.

»Und Sie, Vanderwelt? Was stiften Sie?«

Kornelius Vanderwelt öffnete weit die Augen, lachte über die vorgestreckten Köpfe hinweg, als brächte er ihnen allen eine Huldigung.

»Ich stifte die Musik, den Tanz und alle Freuden der Jugend! Leg' los, Harmonikamann!«

Und er warf dem Spieler im Schwunge einen Taler zu, den der Aufmerksame geschickt zwischen den Zügen seiner Harmonika auffing, um alsbald mit Kraft und Hingabe einen Walzer zu beginnen.

Ein Taumel brach los, der über Ruhrort hinaus nach flämischen Vorbildern griff. Auf den Schenkentisch stürzte sich die gastfrohe Menge, kämpfte um den kürzesten Weg, stellte dem Sieger ein Bein, setzte über Tisch und Bänke, errang eine Kiste Sprotten, einen Edamer Käse, ein Schinkenbein, und eine schwerbusige Weibsperson barg den Glasbehälter mit den köstlichen Soleiern so heftig an der Brust, daß das Glas zerplatzte und die Eier an die Erde rollten.

»Nich ausbrüten! Nich ausbrüten! Man muß dat Mädchen belehren!«

Der Matthes aber ließ den Bierhahn spielen, schwenkte die Gläser in einem Springbrunnen um und füllte sie mit dem schäumenden Naß. Hurtig rannte die hagere Frau Matthes von Tisch zu Tisch, setzte ihre Lasten ab, rannte zurück, um neue Lasten zu holen, sah dem Gebieter nach den Augen und bot Schnäpse an.

Und durch das Gelärm, das Geklapper der Gläser, die gellenden Zurufe und das Aufgekreisch der Frauenspersonen rangen sich rauschend und frech, wehmütig und wimmernd die Klänge der Harmonika hindurch, gewannen die Oberhand, gingen unter, erkämpften sich aufs neue den Sieg.

»Was fürs Herz!« schrie der Schiffer Petrus und schlug vor dem Harmonikaspieler die Hand auf den Tisch.

Der riß seine Künstlerstimmungen hin und her wie Gäule an den Zügeln. Die Harmonika schluchzte auf.

»Teure Hei--i--mat, sei gegrüßt!«

Der Schiffer Petrus sang mit. Seine Augen glänzten, seine Hingabe war hemmungslos. Bässe brummten die Grundmelodie. Frauensoprane schwelgten in süßen Höhen. Mit den Füßen zog man die Tische heran. Ein Bursche erhob sich, bewegte den Körper nach dem Takt der Weise und schlurfte auf gleitenden Füßen in den engen Tanzraum. Schon folgte ihm ein Mädchen, nachtwandlerisch, mit wiegendem Körper, die Arme mit kraftlos tastenden Händen ausgestreckt, bis sie die Schultern des Burschen erreichten, bis die Glieder sich im Tanze verkrampften. Ein zweites Paar, ein drittes. Die Zechenden wurden an die Wände gedrückt.

Das hochbusige Frauenzimmer hatte sich den Reeder Auffermann erkoren. Es warb um einen Tanz. Es umschmeichelte ihn. Mit einer Handbewegung schob es der Reeder zur Seite. Da brach das Ungestüm durch, loderndes Gassenfeuer. »Komm her! Komm her! Ich will dich! Dich! Dich!«

Und der Reeder kam. Wortlos packte er das ungestüme Weib, wortlos hob er sie hoch, daß die Röcke rauschten, und setzte sie in den aufspritzenden Springbrunnen, dessen Becken sie füllte.

Des Festes Höhepunkt war erreicht. Wild wogte der Tanzreigen um das zeternde, unerlöste Weib. Die Lieder überschlugen sich. Die Harmonika warf ihre grellsten Feuerfetzen in den Aufruhr der Gemüter.

Und plötzlich war es Kornelius Vanderwelt, als wäre er all diesem Menschenirrsinn weit entrückt, als führe er, ein Einsamer, durch eine weltabgewandte Flußlandschaft, zur Linken in schimmernden Schlangenlinien den weißen Wasserspiegel, zur Rechten in heißer Herbstfeier den Buschwald in Rot und Gold, und als er sich träumerisch suchend dem Bilde hingab, war ihm, als hörte er eine Mädchenstimme rufen, und er horchte ihr grübelnd nach und vernahm sie wieder und horchte angestrengter.

War das ein Wortwechsel im Haus? Ahnte er ihn nur im alles verschlingenden Lärm?

Und mit einem Male erhob sich Kornelius Vanderwelt, warf seinen Tuchumhang über, griff Schirm und Hut und trat ungesehen hinter dem Schenkentisch ins Haus.

Er preßte sich an die Flurwand. Er glaubte eine Erscheinung zu haben und schloß für Sekunden die Augen.

Das Mädchen von der Landstraße kam die Treppe herab, blaß, mit verstörten Augen, die Reisetasche fest an sich gezogen. Und wie ein Gespenst zappelte die Frau des Matthes vor ihr her, keifend, ihr den Weg verlegend.

»Sie bleiben hier. Sie haben dat Zimmer nur gekriegt, weil Sie länger wohnen wollten.«

»Ich habe das Zimmer täglich bezahlt. Ich kann nicht mehr. Wo bin ich denn nur? Ich will fort!«

Der Wirt tauchte auf. »Marsch, ins Geschäft!« herrschte er seine Frau an, die wie ein Hauch verschwand. »Entschuldigen Sie, Fräuleinchen,« sagte er süßlich und legte ihr den Arm um den Leib, »aber Sie sollen mal sehen, wie schnell man sich an die Musik gewöhnt.«

Und jäh verzerrten sich seine Züge, warf sich sein Kopf nach hinten herum.

»Ah, Sie sind et, Herr Vanderwelt. Da können Sie von Glück sagen, dat ich Sie erkannt habe. Nehmen Sie die Daumenschrauben vom Arm.«

»Befehle, Matthes? Finger weg, oder ich dreh' Ihnen die Schulter ab. Sie kennen mich im Zorn, Matthes. So ist's recht. Und kein Wort darüber. Nicht das kleinste, oder die Freundschaft ist aus. Gehen Sie zu Ihren Gästen.«

Das Mädchen stand auf den Treppenstufen, blaß, mit verstörten Augen, die Reisetasche fest an sich gezogen.

Kornelius Vanderwelt sah dem Wirte nach. Er sah auf das Mädchen und öffnete die Tür, die ins Freie führte. Die Nacht quoll herein und mit ihr der peitschende Regen.