Chapter 8 of 25 · 3999 words · ~20 min read

Part 8

»Darf ich nachfragen, Engel, ob der Weihnachtsmann zu Ihrer Zufriedenheit gewirkt hat?«

Er hatte den Scherznamen, einmal angewandt, nicht mehr aufgegeben.

»Zu meiner Zufriedenheit?« wiederholte sie nur. »Zu meiner Zufriedenheit?«

»Ich glaube gar,« sagte Kornelius Vanderwelt und trat dichter an sie heran, »Sie haben dem Weihnachtsmann noch nicht einmal einen freundlichen Blick geschenkt.«

»Doch, doch,« stieß sie hervor und wies auf ihren Platz. »Vielen, vielen Dank für Ihre Güte. Es ist nur schon so lange her, daß ich Weihnachten gefeiert habe -- und es war nie schön -- ich weiß mich gar nicht mehr zu benehmen.«

»Dies ist ein Koffer,« erklärte Kornelius Vanderwelt, und der Klang seiner Stimme ließ sie sofort zur Ruhe kommen. »Und dies ist auch ein Koffer. Der größere ist als Reisegepäck gedacht, der kleinere als Handgepäck. Denn aus der lieben Reisetasche sind Sie mittlerweile herausgewachsen wie aus den lieben Kinderschuhen. Hilft nichts. Und nun müssen Sie öffnen und weiterforschen.«

»Öffnen und -- weiterforschen?«

Er bastelte für sie die Schlüssel los und ließ die Schlösser aufschnappen. Den Handkoffer öffnete er zuerst. Er bot in einer seitlichen Einrichtung silberverkapselte Flaschen und Kristalldosen, Bürsten und Kämme und Spiegel dar. Die Mädchenaugen starrten darauf hin. Und dann wurde das Mädchengesicht weiß. Kornelius Vanderwelt hatte den größeren Koffer geöffnet.

»Jetzt müssen Sie urteilen, Engel. Der Weihnachtsmann konnte nur seinem Männergeschmack nachgehen.«

Es kam keine Antwort, und er blickte auf und sah in das verkrampfte Gesicht.

»Engel,« sagte er leise, »Fassung, mir zuliebe.«

Da riß ein wilder Freudenausbruch den Krampf auseinander, und sie beugte sich vor und wühlte mit ihren Händen in den Schätzen von feiner Leibwäsche.

»Nun müssen Sie den Einsatz herausheben, Engel.«

»Immer noch mehr? Gut, immer noch mehr! Nur immer zu! Freude! Freude! Und wenn sie sich wie eine Flut über mich wirft, ich tauch' auf, ich halt' stand, ich -- ich --«

Sie stutzte. Ihre Augen waren ganz weit und dunkel. Ihre Lippen bewegten sich weiter. Und Kornelius Vanderwelt mußte an sich halten, um sich nicht in den Mädchentaumel hineinreißen zu lassen.

»Das ist eine ganze Ausrüstung,« sagte Angela Freydag atemlos. »Die Ausrüstung einer Dame. Reisekleid und Gesellschaftskleid. Jacke, Pelz, Muff. Eine Pelzmütze sogar. Es fehlt nichts -- nichts von dem Bilde, was ich mir gemacht hatte.«

»Von ~was~ hatten Sie sich ein Bild gemacht?«

Sie stand vor ihm und hielt ihre Hände über den Brüsten.

»Und ich habe nichts für Sie. Gar nichts, gar nichts.«

»Schenken Sie mir Ihre alte Reisetasche, Engel. Sie haben sie immer so innig an sich gedrückt, daß ein wenig von der Innigkeit wohl noch auf mich übergeht.«

Da lachte sie ihn lautlos an.

Das war Kornelius Vanderwelts liebstes Weihnachtsgeschenk, dies lautlose Lachen des Verstehens. Für die Gaben von Kinderhand, für die sorglichen Arbeiten seines Hausfräuleins hatte er sich laut und herzlich bedanken können. Hier fehlte ihm das Wort. »Engel,« sagte er nur ganz leise.

Ihre Hände glitten über die Schätze und plätteten sie. Sie schloß die Kofferdeckel, zog die kleinen Schlüssel ab und senkte sie in den Halsausschnitt. Alles mit einer streichelnden Zärtlichkeit. Der Zärtlichkeit der Besitzerin.

»Wollen Sie denn nicht anproben? Das Putzen und Proben gehört doch zur Weihnachtsfreude.«

»Bitte,« bat sie, »bitte, nicht vor den andern. Wenn ich allein bin, brauche ich nicht an mich zu halten.«

Und wieder war Kornelius Vanderwelt von den Kindern umringt und von den Angestellten und mußte bestaunen und sein Urteil abgeben. Und Fräulein Bilsenbach brachte den weihnachtlichen Südwein, und jeder erhielt sein Glas, und während unter der leuchtenden Christtanne ein neues Weihnachtslied angestimmt wurde, ging Kornelius Vanderwelt von einem zum andern, ließ an jedem Glas das seine erklingen und sprach seinen Gruß: »Fröhliche Weihnacht.«

Spät am Abend erst wurde das Mahl aufgetragen. Des weihnachtlichen Gedränges wegen in des Hausherrn Zimmer. Langsam ebbte die Flut zurück. Mit schlafmüden Augen verabschiedete sich das alternde Hausfräulein zuerst, um noch in ihrem Stübchen ein paar Gesangbuchverse zu lesen. Noch schmiedeten die Kinder Pläne für die Feiertage. Dann kam auch ihnen die Ermüdung, und sie traten an den Vater heran, bedankten sich und küßten ihn. Hinter ihnen war Angela Freydag an Kornelius Vanderwelt herangetreten. Sie reichte ihm die Hand und sah zu ihm auf.

»Darf ich Ihnen heute auch einen Kuß geben?«

Kornelius Vanderwelt nahm sie in die Arme, wie er seine Kinder in die Arme genommen hatte. Einen Herzschlag länger. Und während des einen Herzschlags freute er sich an der roten Linie ihres Mundes. Er beugte sich nieder und empfing ihren Kuß. Ruhig verließ sie das Zimmer.

Er ging in das Musikzimmer hinüber und setzte sich vor den Flügel, ohne zu spielen. Irgend etwas machte ihn lächeln, und er wußte nicht, was? Ja, doch, das war es. Der Mädchenkuß von Angela Freydag war es. Der echte und rechte Mädchenkuß. Geküßt von einem Munde, der es nie gelernt hatte. Mit geschlossenen Lippen. Ernsthaft wie eine feierliche Handlung. Ein wenig herb -- und ein ganz klein wenig zitternd.

Und plötzlich stieg eine warme Freude in ihm hoch, daß es so gewesen war und nicht anders.

Das Mädchen hatte ihm gegeben, was es noch keinem gegeben hatte. Er war der reicher Beschenkte. --

Als Kornelius Vanderwelt in der Nacht sein Schlafzimmer aufsuchte, fand er an das Bett gelehnt Angela Freydags Reisetasche. -- --

Seit dem Weihnachtsfest machte sich die Wandlung in Angela Freydags Wesen von Tag zu Tag bemerkbarer. Es war wohl weniger eine Wandlung, als eine rascher einsetzende Entwicklung. Als ob ein Stauwehr überwunden wäre, und die Wasser ihres Lebens strömten befreiter dem Ziele zu.

Daß Kornelius Vanderwelts ritterliche Weise das Stauwehr in ihr beiseite geräumt hatte, das erkannte allein die Dankbarkeit der Wenigverwöhnten. Aber die Dankbarkeit erschien ihr als ein zu geringer Ersatz, ein Trieb war in ihr erwacht, in seine Gedankenwelt hineinzuwachsen, sich formen zu lassen nach seinem Bilde und nach einer Spanne, sie sei kurz oder lang, seiner Schöpferfreude zeigen zu dürfen, daß sie sich nicht an ihr vergeudet hätte.

Bis zu dieser Spanne griff sie die Arbeit an Kornelius Vanderwelts Kindern mit neuer, zäher, Willenskraft, als einen Beweis ihres Wollens und Könnens an und ließ sich nicht durch die Unbotmäßigkeit der Schüler noch durch die eigene Ungeduld abschrecken, den steinigen Acker immer wieder zu durchpflügen.

Am steinigsten war er bei Juliane. In der Entfaltung des Mädchens stritten Selbstbewußtsein und Gefallsucht um die Oberstimme, aber das Selbstbewußtsein hatte leider nichts von der sicheren Vanderweltschen Note, sondern gründete sich auf dem Bewußtsein, ein augenfällig schönes und frühreifes Geschöpf zu sein, und diente der Gefallsucht nur als leichte Maske. Das hatte Angela Freydag vom ersten Tage an durchschaut, und nun mühte sie sich mehr als je, eine andere Unterlage zu schaffen und damit dem jungen Selbstbewußtsein eine stärkere Berechtigung. Und es begann der Kampf zwischen den Sonaten und den Tagestänzen.

»In meinem Leben spiele ich das Zeug nicht,« versicherte die erzürnte Kleine. »Wer Sonaten hören will, mag ins Konzert laufen. Ich will einmal glänzende Bälle geben können und am Flügel sitzen und aufspielen.«

»Das ist für leere Stunden, Juliane. In den schweren Stunden, die bei keinem ausbleiben, wirst du Gott danken, in den Werken der Meister die eigene Erlösung zu finden.«

»Ach nein, Fräulein Freydag,« spottete das Mädchen, »die schweren Stunden sind für die Dummen, die alle Sachen schwer nehmen. Die Klugen schlagen einen Bogen, wie wir's in der Schule machen.«

»Es sind Flachköpfe, Juliane, und du bist Kornelius Vanderwelts Tochter. Wenn du es vergessen solltest, so vergeß ich es nicht. Und nun üben wir ernsthaft.«

Es waren weniger die Tanzweisen, die Angela Freydag auszurotten trachtete, als der leichtfertige, kühl abwägende Sinn, der in Angela Freydags Stirn die Furche kerbte. Eine Leichtfertigkeit aus Geblüt wäre ihrem Grübeln noch verständlich erschienen. Hier aber sah sie eine Leichtfertigkeit aufwachsen, die von der Berechnung auf Wirkung und überrumpelnden Erfolg eingegeben war, und ihre Natur wehrte sie wie eine Unreinlichkeit ab.

Mit aller Beherrschung nahm sie den Kampf auf, und wenn sie nichts anderes gewann als die Stunden der Ablenkung vom übrigen Tag, diese wollte sie auf ihr Guthaben buchen.

Anders, wenn auch nicht weniger schwierig, gestaltete sich die Unterweisung des ältesten Sohnes Justus, der wenige Wochen vor Ostern zum Primaner aufgerückt war. Sein schnelles Erfassen der Schulwissenschaften verliehen ihm die Berufung, Höhenwege einzuschlagen, aber er verwechselte die Anwartschaft auf Höhenwege mit einem hochfahrenden Sinn, der in jedermann einen Untergebenen oder doch ein seinen Lebensforderungen untergeordnetes Wesen und in Angela Freydag niemals mehr als eine wenig beachtenswerte Klavierlehrerin sah.

»O je, Justus, nicht die Meister vergewaltigen! Bitte diesen Satz noch einmal.«

»Ich bin schon über ihn hinweg und möchte mich nicht wiederholen.«

»Man ist nur über eine Sache hinweg, wenn man sie restlos erledigt hat. Sonst steht sie als Feind hinter einem auf.«

»Ich pflege mich nicht um das zu bekümmern, was hinter mir herdroht. Damit macht man meine Pferde nicht scheu.«

»Erst muß man Pferde ~besitzen~! Sie reiten vorläufig noch auf einem Mietgaul.«

»Wenn es Ihnen recht ist, Fräulein Freydag, wollen wir uns über Lebensanschauungen nicht unterhalten.«

Sie sah ihm ruhig in die Augen, bis ihm das Blut in die flaumbärtigen Wangen stieg.

»Gewiß ist es mir recht. Und der so starkgeprägte Sinn für Ritterlichkeit in Ihnen wird Ihnen selber sagen, worüber Sie sich mit Ihrer Klavierlehrerin zu unterhalten haben. Und auf welche Weise, Justus.«

Der Jüngling schlug das Notenblatt um und jagte den beanstandeten Satz in Windeseile herunter.

»Ich danke Ihnen,« sagte sie, ohne mit dem Auge zu zucken. »Sie sind reich begabt und werden es bei fester Selbstzucht zu hohen Graden bringen.«

Am leichtesten fand sie sich mit Thomas, dem zweiten Sohne. Und doch wurde gerade dieser je länger, je mehr ihr Sorgenschüler. Die Überlegenheit, die er als jugendlicher Schöngeist jungen und auch älteren Menschen gegenüber so gern auszuspielen pflegte, sonderlich aber jungen Mädchen gegenüber, die er als »ergötzlich durch ihre Minderwertigkeit« bezeichnete, behielt er im Verkehr mit Angela Freydag nicht bei. Sobald ihre Hände aus den Tasten Leben schlugen, wurde jeder Spottgedanke in ihm abwegig, wurde er der feine, liebenswürdige Junge, der am stärksten an den Vater erinnerte. Und doch war es nächst der Spottsucht gerade diese weiche Feinheit, die Angela Freydags Gedanken zu schaffen machte.

»Bitte, bitte, Fräulein Freydag, spielen Sie weiter.«

»Jetzt ist Unterrichtsstunde, Thomas. Die Reihe ist an Ihnen.«

»Nein, nein. Es wäre Barbarei, mitten in der wunderbarsten Stimmungsmalerei abzubrechen. Ich verspreche Ihnen dafür, heute eine Stunde länger zu üben.«

»Thomas,« warnte sie ihn und spielte weiter, »es ist nicht gut, sich von jeder Stimmungsmalerei besiegen zu lassen. Das macht weich und schlaff. Wie Kranke, die sich nach dem Fieber sehnen, weil es ihnen so angenehm das Bewußtsein für das Wirkliche verschleiert.«

»Fräulein Freydag, Sie sprechen bereits wie der Vater.«

»Tu ich das?« fragte sie zurück und beugte sich über ihr Spiel. »Wenn ich das schon als Fremde tue, ist es Ihre Schuldigkeit als Sohn, so wie der Vater zu ~werden~.«

»Ach, Fräulein Freydag, der Vater ist ja auch der Musik untertan. Sehen Sie denn nicht, daß ich ihm nacheifere?«

»Lieber Thomas, der Vater ist der Musik nicht untertan, sie ist für ihn nur der Nährboden für neue Kräfte. Und für Sie wird die Musik die Verleiterin zur Einlullung und Schwächung Ihrer Kräfte werden, wenn Sie sich aus der Zuhörerrolle nicht aufraffen und selber in die Tasten hineinhauen, daß sie den Befehlshaber spüren.«

»Gibt es das? In der Musik?«

»Das gibt es in der Musik wie in der Lebensmusik. Der Befehlshaber ist kein rücksichtsloser Mensch, der durch sein Brüllen alle Welt erschreckt. Der wirkliche Befehlshaber ist der Freund und Bruder und -- der Meister der Menschen. Und wenn seine Kraft es befiehlt und er hineinhaut in die Tasten, so müssen sie aufjauchzen und jubeln vor Begeisterung, hingerissen in den Tod wie hingerissen in das Leben.«

Thomas Vanderwelt horchte noch immer auf ihr Spiel.

»Fräulein Freydag -- wenn man aber das Leben nur als ein belustigendes Zwischenspiel ansieht, das es in Wirklichkeit ist? --«

»Dann würde ich Ihnen raten: spielen Sie mit, Thomas, damit es ernsthaft wird und den Einsatz lohnt.«

Sie brach ab und machte ihm Platz.

»Nur Zaungäste drücken sich, wenn Zahlung verlangt wird. Sie, Thomas Vanderwelt, werden sich nicht lumpen lassen.«

Und der junge Mensch begann. Mit einer müden Weltüberwundenheit, die seinem Spiel die Marke der Ungewöhnlichkeit aufdrücken sollte, mit leichtspöttischen Betonungen der Gefühlswelt, bis ihm Angela Freydags stählerner Zuruf wie eine Klinge in die selbstgefällige Auslage fuhr und ihn zum Kampfe mit sich selber zwang. Ihre Hände packten seine Handgelenke, spielten mit ihm einen Satz, einen Lauf nach ihrem Willen, bis der Wille auf ihn übersprang und ihn das Ende selber finden ließ in aufgerüttelter Selbstbesinnung.

»Thomas, sich nicht selber aufgeben! Spott ist die Waffe der Schlachtenbummler. Nur ganz große Vorbilder dürfen sich den Spott erlauben, und sie tun es nur bei geistigen Müßiggängern, wenn die Güte versagt. Finden Sie sich selber, Thomas.«

Dann kam es wohl, daß ihr der junge Mensch beschämt die Hand küßte.

Im fortschreitenden Frühling nahm Kornelius Vanderwelt sie des öfteren mit auf seine Hafenfahrten. Zusammengerafft hielt sie sich neben ihm im Boot, in gesteigertem Bemühen, jedes seiner Worte zu verstehen, jedes Bild sofort mit seinen Augen zu erfassen. Dort kreischten die Krane unter ihren Lasten, und es war Musik. Dort donnerten die Kipper stäubende Wagenladungen in die Kähne, und es war wieder Musik. Dort wanden sich die Schiffszüge aus den Hafenbecken, dort rauschten sie in ununterbrochenen Reihen gen Holland zu Tal oder gen Mannheim zu Berg, und alles, alles wurde zur Musik; und zur geheimnisvollsten und darum feierlichsten Musik das Gewerbe der Menschen, der winzigen, schwarzen, durch ihre Beseeltheit ruhelosen Blutkörper der Erde. Und hingerissen starrte sie auf die Riesenleistungen dieser Zwergenmenschen, auf die keuchenden Schlote der Stahlwerke, auf die Höllengluten ausspeiender Hochöfen, die selbst dem Himmel ihre Farben aufzwangen.

Und Kornelius Vanderwelt sprach zu ihr, wenn seine heißen Augen über die erregten Bilder glitten: »Es kann Musik sein, wenn es mehr wird als Erregung. Aber in sich selber haben muß man die Musik, sonst bleibt das alles Tagesmühen und Hinüberfristen von einem Tag in den anderen.«

»Nein, das lohnte nicht das Leben,« stieß sie heraus. »Irgendwo muß ein Preis sein.«

»Die meisten Mitmenschen glauben, ihr steigendes Bankguthaben sei der Preis. Ich meine, es müsse das steigende Guthaben am Leben sein. Hei, du Leben, du bist mir einen Ehrenbecher schuldig, weil mich mein Schöpferwerk durstiger gemacht hat als die Zuschauer! Oder dies Leben ist ein Schwindelunternehmen.«

»Nein,« hastete sie hervor, »das ist es nicht! Ich habe den Mut, daran zu glauben.«

Er legte den Arm um ihre Schulter, und seine Blicke entspannten sich. --

Oft und öfter sprach er mit ihr über seine Planungen und Unternehmungen, und wenn sie ihm auch nicht zu antworten wußte, so wußte sie doch aufzuhorchen und mit jeder Welle ihres Daseins in ihn hineinzugleiten, daß er es wie einen belebenden Strom empfand.

»Engel,« sagte er, »ich spüre Sie als Anspannung und Entspannung in eins. In Ihnen ist die echte Mischung der Frau.«

Schon lange legte er den Arm um ihre Schulter, wenn sie bei Sonne oder Wind im Boote standen und die Antriebmaschine die Bootsstirn pfeilschnell durch das Wasser drückte. Es war keine Verwunderung in ihr hochgekommen, nicht beim erstenmal und nicht, als die Wiederholung Gewöhnung wurde. Der Arm um ihre Schulter gehörte zu ihr, wie das Atmen zu ihr gehörte und alles Werden und Wachsen.

»Wissen Sie auch, Engel, daß Sie sich nicht nur geistig staunenswert entwickeln, sondern auch körperlich? Das sind die festen Schultern einer Frau geworden, und die Schmächtigkeit hat sich besonnen und blüht auf wie ein kraftvoller Lilienstengel.«

Sie sah an sich hinab, ohne Scheu vor seinen Worten und ohne Beschämung, daß er ihre Körperlichkeit gewahrte. Nur eine Freude stieg in ihr hoch, daß auch hierin ihre Armut sich gewandelt hatte, und sie streckte sich heimlich und prüfend in seiner Armumschlingung, ob ihre Schulter die seine bald erreiche.

Sie fuhren auf dem Rhein, und eine Segeljacht holte vor ihnen auf, legte die Segel um und gehorchte im Bogen dem Steuer. Zwei weiße Mützen schwenkten im Winde, zwei wetterbraune Gesichter schrien ihnen Begrüßungen zu. Rauschend schoß die Segeljacht im Kreise um ihr Boot herum, gewann den Wind zurück und entfloh.

»Justus! Thomas!« schrie Angela Freydag aus vollem Halse, riß ihre Mütze von den Flechten und winkte hinter ihnen drein. »Hei, Herr Vanderwelt, Ihre Jungens! In jeder Wendung Schiffer von Geblüt!«

Aufmerksam hatte Kornelius Vanderwelt jede Bewegung der Segeljacht verfolgt. In den scharf zusammengekniffenen Augen lauerte der Vater und der Seemann.

»Wir hätten sie rammen können, wenn unsere Maschine nicht beizeiten abgestoppt hätte. Der Bootsmann hatte meine Jungen erkannt. Ihre Waghalsigkeit verläßt sich viel zu sehr darauf, daß sie Vanderweltjungen sind. Übrigens verlange ich von meinen Söhnen die Schifferprüfung auf dem Rhein, sobald sie die Schule verlassen haben.«

»Die Schifferprüfung auf dem Rhein?« fragte sie verwundert. »Auch wenn sie einen anderen Beruf wählen?«

»Ein jeder Mensch muß ein Handwerk verstehen. Versagt einmal das Brustschwimmen, so muß man sich mit dem Rückenschwimmen helfen können. Mein Gott, wie oft habe ich auf dem Rücken schwimmen müssen.«

In der Klammer seines Armes sah sie ihn von unten herauf an.

»Lachen Sie nicht, Engel. Helden, die immer siegen, gibt es so wenig, wie Väter, die in der Schule immer oben gesessen haben.«

Da lachte sie, daß seine Schulter gerüttelt und geschüttelt wurde.

»Das Lachen haben Sie mittlerweile auch gelernt, Engel.«

»Ja, ja, ja!« schrie sie in den Wind. »Das Lachen und alles, alles, was uns das Lachen schenkt!«

Seine Hand glitt von ihren Schultern über ihren Arm. Hin und her. Her und hin.

»Ich freue mich, Engel.« --

Jedesmal, wenn sie von gemeinsamer Fahrt heimgekehrt waren, empfand es Kornelius Vanderwelt, daß Angela Freydags Spiel in die Tiefe wuchs, um den Höhenweg zu nehmen. Dann war ein Ringen in ihr um die letzte Befreiung, um den letzten sieghaften Ansprung ins Licht. Jeden Morgen hindurch, wenn die Schüler das Haus verlassen hatten, saß sie am Flügel, stundenlangen, nimmermüden Fingerübungen hingegeben, in einer Selbstbeobachtung bis ins Schmerzhafte, in einer Selbstzucht, die das geringste zum bedeutungsvollen erhob.

»Sie übertreiben, Engel,« verwarnte sie Kornelius Vanderwelt, als er an einem Mittag vor der Zeit heimgekehrt war und lauschend in der Tür gestanden hatte. »Das halten die Nerven keines Menschen aus. Weshalb also?«

»Ich muß mein eigner Lehrer sein. Wenn der Schüler Pause machen will, greift der Lehrer ein und läßt wiederholen.«

Kornelius Vanderwelt ließ lange seinen Blick auf der zähen Kämpferin am Flügel ruhen.

»Ich weiß Sie ungern draußen allein, Engel. Es ist ganz gewiß ein gut Teil Selbstsucht dabei. Ein Mann meiner Anschauungsart ist nun einmal selbstsüchtiger, als die vielen, die sich nur von der Abwechslung Wunder versprechen. Na, schon gut. Keine rührsame Tünche darüber gestrichen. Sie werden von heute an jede Woche einmal nach Köln fahren und Ihrem Professor vorspielen. Zur letzten Überfeilung. Denn eine Künstlerin sind Sie heute schon.«

Ihr Spiel brach ab. Ihr Gesicht wandte sich, schneeweiß geworden, ihm zu. Ihre Augen leuchteten bis in die Tiefe.

»So sehr erfreut Sie die Aussicht, aus dem Käfig heraus und nach Köln zu kommen?«

»Ihretwegen -- Ihretwegen!« stieß sie heraus. »Dann ist es kein Käfig mehr, in dem Sie mich sitzen sehen. Dann werde ich vor Ihren Augen fliegen können, ach, überall hin, wo Sie mich sehen wollen, und brauche nicht mehr hinterdreinzulaufen und Sie mit mir aufzuhalten, wenn Sie große Schritte machen möchten.«

»Ist das nun alles Unbewußtheit?« fragte er zögernd und strich über ihr Haar.

Sie aber verstand den Sinn der Frage nicht und blickte ihm, wie eine Schülerin dem Lehrer, nach den Augen. Und seine Brust, durch die der Zweifel gerieselt war, tat plötzlich so tiefe Atemzüge, als müßte bis in die Fugen reingefegt werden, was etwa sich einzunisten willens gewesen wäre.

»Geben Sie mir den Namen Ihres Professors. Ich werde den Herrn an den Fernsprecher rufen lassen und mit ihm die Stunden verabreden. Sie können dann, wenn alles nach Wunsch geht, schon morgen fahren.«

Wohl verstand es das leidenschaftliche Wesen Kornelius Vanderwelts wie überall, so auch hier, seinen Wünschen Geltung und Erfüllung zu verschaffen. Und doch dehnte sich ihm der nächste Tag, an dem Angela Freydag zur Musikhochschule nach Köln gefahren war, zu einer schier unerträglichen Länge, und eine verschwommene Leere in ihm hinderte so stark seine Arbeitslust, daß er zum ersten Male sein befehlshaberisches Wünschen mit einer Verwünschung bedachte. Um die Mittagstunde ging er nicht heim. Weit hinaus auf die Landstraße zwischen der silbrigen Ruhr und den frühlingssaftigen Wäldern mußte ihn der Wagen entführen, und als er zum Abend sein Geschäftshaus verließ und es immer noch eine Stunde währte, bis die Eisenbahn Angela Freydag von ihrem Ausflug zurückbringen konnte, fand er sich alter und lange nicht geübter Gewohnheit gemäß durch das Gassengewirr des Hafenviertels schlendern und das Wirtshausschild ›Zu den fünf Erdteilen‹ buchstabieren.

Er lachte dröhnend, als er unverzüglich den Matthes hervorstürzen sah wie den Sperber auf die Beute.

»Gute Brise, was, alter Seeräuber?«

»Einen Augenblick nur. Bitte sich nur für einen kleinen Augenblick hereinzubemühen, Herr Vanderwelt.«

»Ne, mein braver Matthes, kapern ist nicht. Ich danke Gott, daß ich das Gift aus Ihrer Bude wieder ausgeschwitzt habe.«

»Es handelt sich nicht um das Gift, Herr Vanderwelt, es handelt sich um die Bude selbst.«

»Rauscht der Pleitegeier?« fragte Kornelius Vanderwelt und folgte dem Bittsteller ein paar Schritte in den Hausgang.

»Herr Vanderwelt,« begann der Matthes und verschleppte seinen hohen Gastfreund in den stillsten Winkel, »daß die ›Fünf Erdteile‹ im Begriff sind, sich bis auf die Ratten zu entvölkern, ist nicht meine Schuld, denn Küche und Keller sind nach wie vor prima. Tut mir leid, es geraderaus sagen zu müssen, daß es alleinig die Schuld des Herrn Vanderwelt ist.«

»Matthes, Sie haben wohl einen Rausch? Seit länger als einem halben Jahr habe ich keinen Schritt in Ihren Feenpalast getan.«

»Dat is et ja eben,« folgerte der Mann. »Dat is et, wat ich zur Entschuldigung meiner Wirtschaft hören wollt'. Als hätten Sie dat Haus durch Ihr plötzlich Wegbleiben in den Verruf getan, genau so is et. Da haben sich die Leute gesagt, der Herr Vanderwelt bevorzugt jetzt gewiß en noch viel doller Wirtshaus, un haben rund herum gesucht, un der eine is hier und der andere da auf eine Sandbank geraten oder in der Kreide hängen geblieben, un die Mehrzahl im ›König von Portugal‹, der flottere Betriebsgelder hat. Daher, mein ich, wär et nich mehr als recht un billig, Herr Vanderwelt --«

»-- daß ich als stiller Teilhaber an den ›Fünf Erdteilen‹ einträte? Ne, verehrter Freund, das liegt mir nun doch nicht.«

»Herr Vanderwelt, lumpige fünfundzwanzigtausend Mark auf Grundverschreibung. Ich lass' dafür dat Besitzerrecht an den Kasten auf Ihren Namen schreiben.«

»Sie haben doch irgendwo eine Tochter mit einem kleinen Mädchen wohnen, Matthes. Denken Sie daran.«

»Nix da. Sie is mir aus dem Haus gelaufen, weil et ihr in den ›Fünf Erdteilen‹ nich anständig genug schien, viel anständiger aber, im feinen Düsseldorf ein Kind ohne Vatersnamen zu kriegen. Reden wir von unseren Geschäften, Herr Vanderwelt.«

Und plötzlich sah Kornelius Vanderwelt eine regendurchwühlte Herbstnacht vor sich und sah ein anderes herumgehetztes Mädchen dasselbe Haus verlassen, das ihr nicht anständig genug erschien, und in ihm schrie eine Stimme auf: »Angela! Angela Freydag!« als müßte er sie heute noch vor dem Hause hüten.

Des Wirtes Augen hatten die jähe Veränderung in des Gastes Minen sofort erspäht. Blitzschnell setzte er seinen Trumpf aufs Geratewohl. »Herr Vanderwelt, ich habe auch nach dem letztenmal, wo ich die Ehre hatte, et Maul gehalten, selbst vor meiner Frau, und hätt' mich aus alter Seekameradschaft eher totschlagen lassen, als --«

Kornelius Vanderwelt winkte gelassen ab. Aber er spürte dabei, daß er den rascher werdenden Atem bändigen mußte.

»Mit solchen Albernheiten erreichen Sie bei mir nichts, Matthes. Wenn ich Ihnen aus Ihrer verdammten Patsche helfe, so geschieht es, weil Sie die alte Seekameradschaft anrufen und die Schiffsjungen vom Rhein sich über den trockengelegten Seebären nicht halbtot lachen sollen. Nur deshalb will ich auf den Handel eingehen und meinen Namen auf Ihr Haus eintragen lassen. Kommen Sie morgen mit Ihren Papieren ins Kontor. Die Bude ist knapp die Hälfte wert, und der Teufel täte ein gutes Werk, wenn er sie heute statt morgen holte.«

Er zog hastig die Uhr.

»Ich habe keine Zeit mehr. Na, nun legen Sie wohl auf Fortsetzung unserer stillen Zwiesprache selber keinen Wert.«