Part 24
»Er dürfte Ihnen beiden gelten. Aber da Herr Thomas Vanderwelt berufen genug erscheint, die Angelegenheiten mit seiner Frau selbst zu ordnen --« Frau Antonie erhob sich und verließ ohne aufzublicken das Zimmer -- »so ist es mir recht, mit Ihnen allein zu reden. Ich habe mit einer besonderen Art von Genugtuung bemerkt, daß Sie begonnen haben, der starken Begabung der beiden Knaben Ihre Anteilnahme zuzuwenden. Diese Anteilnahme äußerte sich vor allem darin, den Knaben ihre Einnahmen wieder abzunehmen.«
»Vierzig Mark! Was sagen Sie dazu? Vierzig Mark für zwei Gedichte.«
»Das Geld ist Nebensache. Die Freude am Erfolg, der sich in dem Gelde wie in einem Wertmesser auswirkt, ist die Hauptsache. Ich bitte Sie, das zu bedenken und die Freudenquellen nicht zu verstopfen.«
»O nein! O nein! Wie sollte ich? Halten Sie mich für eine solche Törin? Das Geld kam mir geradewegs vom Himmel gesandt, denn ich brauchte ein Frühlingskleid wie das liebe Brot und konnte doch nur mit einer Anzahlung aufwarten. Eine Frage noch. Es wäre mir lieb, sie von fachmännischer Seite beantwortet zu hören, und Sie gehörten doch auch einmal der Kunst an. Können sich die Einnahmen der Jungen steigern lassen? Ich meine, können diese Nebeneinnahmen, wenn die Jungen erwachsen und zu einem Hauptberuf übergegangen sind, große Summen erreichen? Ich für meinen Teil werde ja doch meine Unterhaltungspflicht eines Tages allein auf meinen Sohn übertragen müssen und, wenn nicht alle Zeichen trügen, meine verehrte Schwägerin auf den ihren. Da möchte man jede Möglichkeit, die Lebenshaltung zu verbessern, ausnutzen und die Jungen beizeiten an die Trense nehmen. Wie denken Sie als Fachmännin darüber?«
»Fühlen Sie nicht, Frau Juliane, wie Sie sich mit jedem Worte an dem heiligen Geist Ihres Jungen versündigen? Und an dem des Neffen dazu? Sind Sie so bar jedes Mutter-, Frauen- und Familiengefühls, daß Sie die Begabung der Jungen, ganz gleich, ob sie auf kaufmännischem oder künstlerischem Gebiet zum Ausdruck kommen sollte, nur an die Leine nehmen möchten, um Ihren Wagen ziehen zu lassen? Nein, es hat keinen Zweck, mit Ihnen darüber zu reden. An Ihrer Selbstsucht prallt jeder Versuch einer Einwirkung ab. Seit Mädchenzeiten, Frau Juliane. Aber daß Sie eine schwere Gefahr für die Enkel Kornelius Vanderwelts bedeuten, das ist mir erst heute offenbar geworden.«
»Sie gestatten, daß ich mich aus dem Gespräch zurückziehe.«
»Nur aus dem Gespräch?« fragte Angela Freydag und schritt an ihr vorüber. »Das scheint mir etwas zuwenig.«
Den ganzen Tag durchwanderte sie das Haus und wurde ihren vielen Pflichten gerecht, und doch sah sie vor ihren Augen nichts als das Bild der beiden Knaben, der flügelschlagenden, sonnendurstenden, und alles Flügelschlagen brachte sie nicht höher hinauf, weil sie eine Eisenkugel am Beine schleppten, und kein Sonnendurst wurde ihnen gestillt, weil sie den unersättlichen Erdendurst anderer zu stillen hatten und darüber verkamen.
Wie eine Wölfin durchwanderte Angela Freydag das Haus, und ihre Blicke sonderten das Kranke von dem Gesunden.
Es waren noch andere Kranke im Hause als die durch die Sumpfniederungen gleitenden Frauen Juliane und Antonie. Aber Angela Freydag brauchte sie nicht zu sondern, denn sie hatten sich allein schon abgesondert, wie Tiere tun, die ihre letzten ohnmächtigen Zuckungen den Blicken des Tages entziehen. Der alte Matthes lag hilflos auf seinem Schmerzenslager, und die alte Frau hielt die Kammertür verschlossen und ließ keinen zu ihm.
»Einen Schnaps, Alte! Einen großen Schnaps, um über die höllischen Schmerzen wegzukommen.«
»Du brauchst keinen Schnaps. Hättst du im Leben weniger getrunken, hättst du jetzt die Schmerzen nich auszuhalten. Damals mußt' ~ich~ sie aushalten. Dat is die Strafe.«
»Willst du kuschen? Hol' den Schnaps her! Oder ich komm' dir an die Naht!«
»Du? Ogottogott. Bekuck' dich doch mal im Spiegel un freu dich, dat ~ich~ dir nix tu.«
»O du niederträchtig Geschöpf. Un so wat hat man mehr als vierzig Jahr neben sich geduldet.«
»So is richtig. Vierzig Jahr hab' ich nich mucksen dürfen, un jetz hältst du et Maul un schläfst.«
Nicht Hand noch Fuß konnte der Matthes rühren und nur ohnmächtig mit den Zähnen knirschen. Ob er wachte oder schlief, sie war da und das Grinsen, das ihre Teilnahme ausdrücken sollte. Klapprig und ledergelb schlurfte sie in der Kammer umher und versorgte ihn mit Speise und Trank.
»Die Magdalene soll kommen.«
»Weshalb soll die Magdalene kommen? Die Magdalene hat Besseres zu tun, als solch 'nen alten Kerl zu bekucken.«
»Die Magdalene soll kommen! Ich will meine Enkelin Magdalene an meinem Bett wissen un nich dich Hexe du!«
»Du hast ja nich mal deine leibliche Tochter in deinem Haus wissen wollen. Da hat auch die Tochter von der Tochter nix an deinem Bett zu suchen.«
»Zwanzig Mark -- hörst du? -- zwanzig Mark an die Armen, könnt' ich jetzt ~an~ dich.«
»Betrag dich anständig, dat et en Christenmensch neben dir aushalten kann.«
Zuweilen kam der Arzt, verschrieb ein paar Pulver oder Tropfen und lobte vor des Matthes Ohren umständlich die treue Pflegerin, die selber sterbensmatt sei und dennoch nicht wiche und wanke in der Sorge um den Gatten.
»Ein Engel des Herrn, Matthes. Ein Engel des Herrn.«
Er war gegangen, und nach kurzer Weile reichte Magdalene Matthes die neu verschriebene Arznei durch den Türspalt in die Kammer. Der Kranke verfluchte den Apothekerkram und befahl einen Grog.
»Is et nich einen widerwärtigen Menschen?« fragte die alte Frau, bevor die Tür sich schloß.
»O du Satan!« schrie der Matthes und mühte sich, sich auf den Ellbogen aufzurichten. »Tat ich nicht recht, dat ich dich zeitlebens unterm Daumen hielt, du Satan? Dat Leben hättst du mir zur Hölle gemacht, wenn et nach dir gegangen wär, o du -- Engel des Herrn!«
Die Alte zählte die Arzneitropfen in den Löffel und gab sie dem Gatten zu schlucken.
Immer schneller schwand der Matthes dahin. Der Arzt erwartete nur noch den Eintritt der letzten Lungenentzündung. Und die Alte saß an seinem Lager, strich ihm die Kissen glatt, reichte ihm zu trinken, wischte ihm die Stirn.
Der Matthes hielt sich gut. Er wollte dem Weibe den Triumph nicht gönnen, ihn weinerlich gesehen zu haben. Einmal aber spannten sich seine Mienen, horchten seine Augen und Ohren auf. Die alte Frau hatte ein Lied zu singen begonnen.
»Das menschliche Leben Eilt schnelle dahin. Wie die Räder am Wagen, Wie die Räder am Wagen. Wer weiß, ob ich morgen Am Leben noch bin.«
Da wußte er, daß seine Zeit gekommen war, nahm nicht mehr Arznei noch kühlenden Trank, sondern sah dem Kaperschiff entgegen, das mit dunklen Segeln aus den Nebeln heraus ihn ansteuerte.
Und das Seltsame geschah. Von der Stunde an, da der ins Wesenlose entgleitende Mann der alten Frau nicht mehr bedurfte, kroch sie auf das Lager neben ihn und war teilnahmlos geworden für Umwelt und Geschehnisse. Sie verweigerte die Nahrung, sie gab auf Fragen keine Antworten mehr, sie sah in der Nacht den Matthes sterben und starb am nächsten Tage hinter ihm drein. Wie eine Frau, die ohne den bewunderten Gatten nicht mehr leben kann noch mag.
Angela Freydag ging zu den Entschlafenen in die Kammer und verweilte lange bei ihnen. Es war kein billiges Mitleid in ihr und keine rührselige Regung über das Zufallspiel des Todes. Aber ihr war, als ob mit dem Dahinschwinden der beiden alten Menschen eine Hemmung mit dahingegangen wäre, und als ob die Rechnung, an der sie seit Tagen und Nächten unablässig rechnete, leichter aufging.
»Hab' Dank für dein Sterben, Matthes.« Und sie nickte der alten Frau nicht anders zu.
Die Wirtschaft blieb an diesem Abend und an den nächsten Tagen geschlossen. Angela Freydag hatte in ihrer Stube den Besuch von Magdalene Matthes erhalten, und es war eine Weile still zwischen ihnen geblieben. Angela Freydag stand am Fenster und ließ die Blicke über die dämmernde Frühlingslandschaft des Stromgebietes schweifen.
»Ich möchte Sie noch bitten, mir eine Frage zu beantworten, Magdalene. Wahrheitsgemäß, wie es unter uns guter Brauch ist. Hat das Mitleid Sie zu Thomas Vanderwelt geführt?«
»Ich glaube, daß es so war, Frau Engel.«
»Mitleid ist ein Trinkgeld, Magdalene. Große Menschen zahlen in großer Münze. Es gibt nichts Ärgeres im Zusammenleben zweier Menschen als den Gedanken, daß der eine vom anderen ein Trinkgeld angenommen habe.«
»Bitte, sprechen Sie weiter.«
»Ich habe nichts weiter mehr zu sagen, Magdalene. Eher einen Trunk aus einem gemeinsamen Glase als Trinkgelder.«
»Ich antwortete Ihnen, als Sie fragten, Frau Engel: ich glaubte, daß es Mitleid gewesen wäre. Seit ich Sie sprechen höre, weiß ich, daß ich es mir nur vorgeredet habe. Aber Sie erlassen es mir gewiß, weiter darüber zu reden, da ich mit mir selber noch nicht darüber gesprochen habe.«
»Dann ist es gut. Wann erwarten Sie Thomas Vanderwelt?«
»Herr Vanderwelt muß jeden Augenblick das Haus betreten. Er wollte noch eine Besprechung mit mir abhalten und die letzten Berechnungen vornehmen. Er läßt nicht mehr locker, der Herr Vanderwelt.«
Thomas Vanderwelt kam die Treppe herauf. Er hörte die Frauen in Angelas Stube sprechen, klopfte an und wurde hereingerufen.
»Ich freue mich, daß du vorwärts wirkst, Thomas. Nimm Platz und laß uns plaudern. An welchem Ende willst du beginnen?«
»Rheinseitig, Engel, rheinseitig. Der Rhein weiß nicht, wer ich bin, und wenn er es zu wissen glaubt, denkt er an einen waschlappigen Kerl, dem man nicht einmal eine Frau anvertrauen könnte, geschweige denn Frachten. Und die Leute am Rhein wissen es auch nicht besser. In ein paar Tagen schwimmen meine Kähne. Der Wilm fährt den einen, ich den andern. Der Vater verlangte ja die Schifferprüfung von mir. Und wenn wir in die Häfen kommen, werde ich die Kundschaft besuchen und zu ihr sprechen: Ich wollte euch nur zeigen, daß wieder ein Vanderwelt das Ruder hält und Verlaß ist.«
»Und wenn du zurückkommst, Thomas?«
»Dann werde ich ein kleines Kontor aufmachen mit zwei Räumen. Wir haben sie schon gemietet, Engel. Wie zwei kleine Kojen sind sie. Die eine Koje für die Mannschaft, die andere für den Kapitän.«
»Ist das die Mannschaft?« fragte Angela und wies auf Magdalene Matthes.
»Das ist sie, Engel. Aber du mußt sie dir unter immer neuen Verkleidungen vorstellen, wie auf einem Seeräuberschiff. Jetzt stellt sie die Wache im Vorzimmer dar, die nichts tut, als die vielen Besucher melden. Jetzt die Geheimschreiberin eines großen Zechenwerkes, die mit ungeheuren Aufträgen eingetroffen ist. Jetzt die Geschäftsbevollmächtigte, die in einem eigenen Zimmer haust, weil im Gewühl des Hauptkontors --«
»Ich bin zufrieden, Thomas. Ein Kaufmann muß Erfindungskraft besitzen wie ein Dichter, oder er ist nur ein Krämer. Wie lange willst du mit deiner Mannschaft in den Kojen hausen?«
Er blickte schnell zu seiner Kameradin hinüber, und da sie so wenig wie er eine Antwort wußte, bekam sie einen roten Kopf vor Erregung.
»Ich hätte einen Plan,« sagte Angela Freydag. »Seit heute habe ich ihn, seitdem es keinen Wirt ›Zu den fünf Erdteilen‹ mehr gibt. Was glaubt ihr großen Rechenkünstler wohl, was dieses alte Eckhaus für einen Wirklichkeitswert besitzt? Nein, nicht das Haus. Der Eckplatz, der das ganze Geviert beherrscht. Die beste Lage des landarmen Ruhrorts. Hafen, Strom und Schifferbörse wenige Schritte vor sich, und von der Stadt lebendig umklammert. Ach, ihr meint, das seien schöne Traumbilder, weil das Baugeld fehlt. Ihr sollt ja auch gar nicht bauen, ihr bescheidenen Anfänger. Eine Baugesellschaft soll bauen, die an die Stelle der ›Fünf Erdteile‹ ein machtvolles Hochhaus erstehen läßt, mit Stockwerken voller Kontore. Und ihr bedingt euch die günstigsten Kontorräume aus. Zu ebener Erde. Damit Jan Maat nicht Treppen erklimmen muß.«
»Wir bedingen uns aus?« fragte Thomas Vanderwelt verwundert. »Es ist doch nicht unser Haus, sondern das deine.«
Ein Hauch lief über Angela Freydags Gesicht. Und sie hatte ihre Gelassenheit wieder.
»Das Haus ist mein, und das Geschäft mit der Baugesellschaft werde ich mir nicht nehmen lassen. Ich bringe das Bauland ein und werde meine Bedingungen stellen. In die Luft hinein können sie nicht bauen. Ich werde für ~euch~ meine Bedingungen stellen.«
In den Augen Thomas Vanderwelts funkelte es auf. Das Kaufmannshirn war an der Arbeit. Und in den Augen der Magdalene Matthes wetterleuchtete es. Auch hier war ein Kaufmannshirn an der Arbeit.
»Für euch und für die Jungen,« sagte Angela Freydag und horchte hinaus.
Aber das Horchen ihres Geistes wurde ein Wirklichkeitshorchen. Und sie wandte den Kopf.
»Was hast du, Engel?«
»Ich höre einen Mann durch das Haus gehen.«
»Laß mich nachsehen, Engel.«
»Er tastet sich die Treppe hinauf. Nein, bleib, Thomas. In meinem Hause muß ich selbst nach dem Rechten blicken.«
Sie ging auf den Flur und schloß die Tür hinter sich. Wie eine Erscheinung wuchs die Frau vor dem Fremden auf.
»Wohin wollen Sie?«
Der Fremde tat, als ob er den Anruf der Frau nicht vernommen hätte. Er stieg nur schneller die Stufen zum oberen Stockwerk empor.
»Antworten Sie. Oder soll ich Sie wie einen Einbrecher an der Kehle fassen?«
»Guten Abend,« sagte der Fremde. »Ich besuche hier eine Bekannte.«
»Wie heißt Ihre Bekannte?«
»Hören Sie, um mir meine Geheimnisse abfragen zu lassen, bin ich nicht ins Haus gekommen.«
»Dann bedaure ich, Sie nicht eher aus dem Hause lassen zu können, als die Polizei eingetroffen ist. Sie wird gleich benachrichtigt werden und feststellen, mit was für einer Art Besucher wir es zu tun haben.«
»Bin ich denn hier in ein Tollhaus geraten?« fragte der Fremde ungeduldig. »Dort oben am Fenster sitzt eine Frau und winkt, und hier auf dem Flur steht eine andere, als wollte sie einen niederreißen.«
»Werde ich jetzt bald den Namen erfahren?« beharrte Angela Freydag. »Wer hat Ihnen gewinkt?«
»Wer? Wer? Wie soll ich den Namen wissen? Den dachte ich oben zu erfahren?«
»Und Sie wagen, in ein Haus einzudringen, um Abenteuer zu suchen? Sind Sie bei Sinnen, oder soll ich Sie zur Besinnung zurückführen?«
»Entschuldigung,« sagte der Fremde. »Wenn Sie, wie aus Ihrem Benehmen hervorgeht, die Hauswirtin sind, so scheinen Sie über Ihr eigenes Haus schlecht unterrichtet zu sein. Das ist doch in der ganzen Nachbarschaft bekannt, daß hier oben ein paar Herumtreiberinnen sitzen, und wegen der läuferischen Frauenzimmer wollen Sie mich mit der Polizei in Berührung bringen?«
»Gehen Sie! Laufen Sie! Daß ich meine Gutheit nicht bereue.«
Wie ein Erlöster sprang der Fremde die Treppe hinunter. Die Haustür schlug ins Schloß.
»Ich habe«, sagte die Stimme der Magdalene Matthes neben Angela Freydag, »Herrn Vanderwelt gebeten, die Säuberung des Treppenhauses Ihnen als der Hausfrau zu überlassen. War das recht, Frau Engel?«
»Es war recht. Wer ein neues Leben beginnen will, Thomas, muß wenigstens ein paar saubere Hände mitbringen.«
Thomas Vanderwelt ging ruhig die Stiegen hinauf zu den Wohnkammern der Familie. Er öffnete die gemeinsame Kammer der Knaben. Sie waren ausgeflogen. Er öffnete das Zimmer seiner Schwester Juliane. Sie war nicht daheim. Und als er das dritte Zimmer öffnete, sah er Frau Antonie im Fensterwinkel stehen, und ihre Augen flackerten in Ungewißheit zu ihm hinüber.
Er nickte ihr zu.
»Jawohl, Antonie.«
Und trat näher, legte die geballte Faust auf den Bettpfostenknauf und sagte nur noch das eine Wort: »Aus!« -- --
In dieser Vorfrühlingsnacht lag Angela Freydag schlaflos, und hinter ihrer rastlos arbeitenden Stirn reiften die letzten Entschlüsse.
12
Die Karwoche war angebrochen. Schon waren die Morgennebel von der Sonne durchleuchtet, und über den Wasserbahnen hoben sich die flimmernden Streifen wie Vorhänge zu einer anderen Welt. Die ergrünenden Fluren und die erwachenden Geschöpfe staunten in die Wandlungen hinein und schickten Sehnsucht und Erwartung als Kundschafter ins gelobte Land voraus.
Wer hatte es gelobt --? Angela Freydag lächelte am Fensterausblick über ihre eigene Frage und beantwortete sie selbst.
»Die wenigen, die es erreichten. Aber es sind ~immer~ die wenigen, die in der Wildnis die Wege roden, und immer die wenigen, die den Weg zum Menschenglück zeigen. Ob er kurz ist oder lang. Es geht um die Erfüllung.«
Und während sie in der Stille des Morgens beobachtete, wie die junge, warme Sonne die Nebel aufsog und der entlasteten Winterlandschaft das aufatmende Frühlingsgesicht verlieh, blieb ihr das Lächeln, und sie sprach mit sich weiter.
»Wenn die wenigen nicht wären, die ihr Leben zu schmücken wüßten, was sollten die vielen tun? Sie würden nur die Karwoche sehen, nur den grauen Weg, und nicht das Ziel, den Auferstehungstag. So aber haben sie die lebendige Hoffnung vor Augen: es kann auch uns glücken wie den Vorläufern.«
Über die Gasse hörte sie Schritte klappern. Sie lehnte sich an das Fensterkreuz und gewahrte Martin und Nikolaus mit den weißen Zeugnisbogen in der Hand auf das Haus zustürmen. Sie rührte sich nicht. Aber ihr Blick nahm das Bild der hoffnungsseligen Jugend auf wie einen Gruß, der ihr zur Pflegschaft und Weitergabe anvertraut wurde.
Die Knabenstiefel polterten auf den Stiegen. Sie machten halt vor Angela Freydags Kammertür.
»Kommt nur herein, ihr Ungeduldigen,« rief ihre Stimme, und die Knaben brachen herein, mit erhitzten Wangen und erwartungsvoll leuchtenden Augen, und streckten ihr stumm die Zeugnisbogen entgegen.
»Versetzt?« fragte Angela Freydag über die raschelnden Papiere hinweg.
»Versetzt?« wiederholten sie, und der Übermut der Sieger schwang in ihren Stimmen mit. »War daran ein Zweifel, Tante Engel? Obertertia. Selbstverständlich. Aber lies nur mal! So lies doch nur!«
Sie tat ihnen die Freude an, bei jeder neuen Note wie in Verwunderung aufzublicken, und dann las sie das Ganze noch einmal in Ruhe und verglich beide Bogen miteinander.
»Hast du nichts bemerkt, Tante Engel? Hast du wirklich nichts bemerkt?« drängten die Ungeduldigen.
»Ich habe bemerkt,« sagte Angela Freydag, und ihre Augen lagen in heimlicher Freude auf den angespannten Zügen des einen und des anderen, »daß man die Bogen vertauschen kann, und sie bleiben bis auf die Namen dieselben, und ich habe bemerkt, daß man auch den Martin und den Nikolaus vertauschen kann, als wäre es nur dieselbe Person in zwei gleichen Teilen, und sie ergäben zusammen immer nur eine einzige Person.«
»Welche Person --?« fragten sie und wußten nicht, wo sie hinauswollte.
»Eueren Großvater, ihr Jungen -- Kornelius Vanderwelt meine ich.«
»Kornelius Vanderwelt« ... wiederholten sie und sahen sich an. Und aus gleichem Antrieb heraus nahmen sie sich in die Arme, rangen miteinander, hoben sich hoch in die Luft.
Mit halbgeschlossenen Augen sah Angela Freydag dem Kräftespiel der Jungen zu. Dann wandte sie den Kopf zur Tür.
»Es klopft. Tritt nur ein, Thomas. Es ist Vanderweltsche Jugend, die hier ihr Wesen vollführt. Der Fink hat wieder Samen.«
Thomas Vanderwelt kam schon vom Hafen her. »Ferien?« fragte er. »Laßt sehen, was sie bringen.«
Die Jungen hatten mit einem Ruck innegehalten. Sie suchten ihre Zeugnisse zusammen und überreichten sie ihm. Wieder begann das erwartungsvolle Spiel ihrer Knabenaugen.
Thomas Vanderwelt war mit den Zeugnissen ans Fenster gegangen. Und Angela Freydag trat hinter ihn, als wolle ihre Hand auf besonders bedeutungsvolle Punkte hinweisen.
»Bemächtige dich der jungen Seelen,« flüsterte sie ihm zu. »Nimm die Leitung in Mannes Hand. Zeig' ihnen deine Freude. Und schaff' ihnen neue. Kinder ergeben sich dem Freudenbringer.«
Thomas Vanderwelt sah auf. Ihre Augen hafteten ineinander.
»Du setztest viel Hoffnungen in mich, Engel.«
»Alle. Sonst ließ' ich dir die beiden nicht.«
Thomas Vanderwelt zog die Oberlippe von den Zähnen. Eine Woge des Stolzes ging durch ihn hindurch. Und Angela Freydag sah nichts, als daß er seinem Vater zu ähneln begann.
»Jungens,« sagte Thomas Vanderwelt über die Schulter hinweg und klopfte auf die Zeugnisbogen, »glaubt ihr, daß diese Kritzeleien hier mit einer Schleppschiffahrt nach Rotterdam bezahlt wären? Es geht ein Haniel-Schleppdampfer um die Mittagszeit, der Kapitän ist mein Freund, und wenn ihr euch sputet --«
Er kam nicht mehr dazu, auszusprechen, was, wenn sie sich sputen würden, Wirklichkeit werden könnte. Er spürte vier Knabenarme um seinen Hals, die ihn zu erdrosseln suchten, und ungekannte warme Lippen auf seinen Augen und auf seinen Wangen. Ein paar Herzschläge lang gab er sich dem Ungestüm der ungewohnten Zärtlichkeiten hin. Dann setzte er sich kräftig zur Wehr.
»Wollt ihr mir den Atem lassen, ihr Räuber und Wegelagerer?«
»Vater! Oheim! Du läßt ihn ~uns~ ja nicht! Ganz atemlos sind wir vor lauter Freud'! Von welchem Haniel-Dampfer sprichst du? Wo ist der Liegeplatz? Genügen die Rucksäcke? Ach, Tante Engel, so hilf uns doch!«
Es kam Ordnung in den Wirrwarr. Die Knaben stürmten die Treppe hinauf, um droben ihr Glück zu verkünden. Und Angela Freydag wandte sich langsam zu Thomas Vanderwelt und reichte ihm beide Hände hin.
»Da hast du sie, Thomas. Nicht meine Hände. Die Knaben aus meinen Händen heraus in die deinen. Mach' aus ihnen, was du aus dir selber zu machen gedenkst.«
»Das war dein reichstes Geschenk, Engel,« sagte Thomas Vanderwelt und hielt ihre Hände.
Und nach einer Weile: »Nicht, daß du mir die Knaben anvertraust. Daß du ~mir~ vertraust, Engel.«
»Wann trittst du die eigene Fahrt an, Thomas?«
»Übermorgen, Engel. Es ist eine Stückgutfahrt mit Zwischenlandungen in den rheinischen Häfen bis Mannheim. Gerade das Rechte für mich und meine Pläne.«
»Ich hätte noch einen Wunsch, Thomas. Es ist ja nicht allzuoft, daß ich mit Wünschen hervortrete.«
»So sprich ihn doch nur aus. Du wünschest ja doch nur zu meinen Gunsten.«
»Nimm die Magdalene mit. Sie hat eine Ausspannung verdient, und es steht ihr harte Arbeit bevor.«
»Die Magdalene --?« fragte er unsicher. »Ja, hältst du es denn für angängig?«
»Soeben danktest du mir erst, daß ich dir vertraute, Thomas. Mein Vertrauen ist noch viel größer.«
Er schüttelte hastig den Kopf, als wollte er eine falsche Annahme von sich abweisen.
»Du darfst dein Vertrauen auf mich so weit spannen, wie du nur kannst, Engel. Die Magdalene wäre bei mir so sicher aufgehoben wie in deiner Obhut. Aber du hast nicht bedacht, daß ich die Scheidung eingereicht habe und seit Tagen schon auf einem leeren Gastzimmer hause. Da sollte man den Leuten nicht freiwillig die Mäuler öffnen.«
»Besprich dich mit dem Wilm, Thomas. Sie könnte für beide Kähne die Küche besorgen und zur Nacht in der Kajüte des einen Kahnes wohnen, während du mit dem Wilm die Kajüte des anderen teilst. Keine Menschenseele wird sie kennen.«
Er überlegte. Der Gedanke tat ihm wohl, aber das Weshalb wollte ihm nicht klar werden.
»Weshalb kann sie nicht einen anderen Ausflug machen? Sie hat sich in den letzten Wochen stark überanstrengt, und ich bin innerlich sehr froh darüber, daß sie es für mich getan hat. Aber gerade darum, meine ich -- --«
»Was meinst du --?«
»Man bringt eine Frau, die man so ehrlich schätzen gelernt hat, nicht in Ungelegenheiten.«
»Und wenn sie sie gar nicht als Ungelegenheiten empfindet? Sondern im Gegenteil als einen Beweis, daß euere Kameradschaft auf vertrauensfesten Füßen steht?«
»Weshalb drängst du so, Engel? Du bist ja dann ganz allein?«
»Kein Mensch ist allein, der seine Arbeit zu verrichten hat. Du und Magdalene aber, ihr habt euere Arbeit nun einmal aufeinander eingestellt, und es ist nicht nur gut, daß ihr in täglicher Verständigung miteinander bleibt, es wird euch die erste gemeinsame Ausreise ins Arbeitsleben auch für die Zukunft die Quelle des Erinnerungsstromes bedeuten, denn nur in der Kraft der Erinnerungen lebt sich der Mensch vorwärts.«
»Woher weißt du das alles?« fragte Thomas Vanderwelt ehrfürchtig.
»Mein Lehrmeister trug den von dir ererbten Namen, Thomas, er hieß Kornelius Vanderwelt. Und wenn er mich nicht mit auf seine Fahrten genommen hätte, wäre ich der ärmste Mensch unter dem Nachthimmel und bin der reichste Mensch unter der Sonne geworden. Nun weißt du es auch.«
»Engel! Engel! Zuweilen weiß ich nicht, ob ich mehr von dir oder vom Vater ererbt habe.«
»Es ist das gleiche, Thomas. Aber etwas Besseres konntest du mir nicht sagen.« --
Die Jungmannen kamen mit Gepolter die Treppe herunter. Sie trugen in den Rucksäcken Schuhe und Fernglas, Nachtzeug und Waschgegenstände. Und in einem gemeinsamen, schmalen Handkoffer die Sonntagsanzüge und die Hemden. Droben war der Abschied genommen. Jetzt sollte er drunten beginnen.
Angela Freydag packte ihnen den eisernen Mundvorrat für eine Woche in die Rucksäcke und kargte nicht. Sie hieß die Jungen Westen und Hemden öffnen und hängte einem jeden ein flaches Geldtäschchen auf die bloße Brust, das durch einen Knopf verschlossen war. »Damit ihr in der Ferne nicht zu betteln braucht,« sagte sie, und die Jungen strahlten sich an. »Ein paar Zehrpfennige für den Alltag stecke ich euch in die Hosentasche,« und sie steckte jedem ein paar Silbermünzen zu. »Vorwärts denn. Folgt dem Vater.«
Gern hätte sie hinzugesetzt: »und euerem Großvater, Jungens,« aber sie unterdrückte rasch die feierliche Regung und ließ sich dafür so unfeierlich wie möglich in die Knabenarme nehmen und sich jedes Glied am Körper zusammendrücken, ohne sich zu wehren.
»Dank, Dank, Tante Engel! Laß es dir gut ergehen. Glückauf!«