Chapter 10 of 25 · 3997 words · ~20 min read

Part 10

Es wurde ein steifer Grog, den Kornelius Vanderwelt mischte, und der Matthes saß breitbeinig am Tische und tat Bescheid. Ein einsames Licht leuchtete über dem Ecktisch, an dem die Männer hockten.

»Wie geht es Ihrer Frau? Liegt sie schon in den Federn?«

»Der Frau geht's gut. Einer Frau geht's beim Matthes immer gut, wenn sie Order pariert.«

»Begierig, Mann, was Sie darunter verstehen.«

»Nix mehr un nix weniger, als wat ich gesagt hab'. Wenn ich der Herr bin, hat sich die Frau danach zu richten.«

»Verdammt bequem für den Mann. Meinen Sie nicht auch?«

»Frauensleut haben immer Raupen im Kopp. Die müssen 'raus. Reinweg.«

Kornelius Vanderwelt tat einen langen, durstigen Zug. Und sprach weiter, um das Gespräch im Gang zu halten.

»Was sind denn das für Raupen, Matthes? Ihre Frau ist doch die Unterwürfigkeit in Person.«

»Unterwürfig? Eine Frauensperson un unterwürfig? Die möcht' ich sehen. Alles Anstellerei, solange sie spürt, dat sie sich unterm Daumen befindet. Aber lockern Sie den nur mal für ein paar Sekunden, un sie sind hinten un vorne betrogen. Et hat noch kein Frauenzimmer mit Moral im Leib gegeben, solang die Welt steht.«

»Drehen Sie bei, Matthes. Ihre Frau ist die Tugend selbst.«

»En alt Weib hat leicht tugendhaft sein. Dat heißt, ich hätt' ihr auch in jüngeren Jahren nix anderes anraten mögen. So sind wir nu doch nich. Aber ich brauch' nur mal, wat selten vorkommt, en Mittagsschlaf zu halten, un schon schickt sie der verloren gegangenen Tochter un -- un deren Krott die Postpakete nach Düsseldorf.«

»Wenn Sie doch wissen, Matthes, daß Ihre Tochter in Düsseldorf wohnt, ist sie doch nicht verloren gegangen.«

»Dat is gut, Herr Vanderwelt. Nich verloren gegangen? Wo sie doch dat Kind ohne Vatersnamen hat?«

»Matthes, soweit mir erinnerlich, war Ihr Mädel auch schon auf der Welt, bevor Sie Hochzeit hielten.«

»Aber sie wurde gehalten, die Hochzeit!« ereiferte sich der Mann. »Un wenn sie nich pünktlicher gehalten wurde, so trifft mich daran keine Schuld, denn ich konnt' doch in den südamerikanischen Gewässern nich wissen, dat et mit der Annemarie in Ruhrort so eilig geworden war. Anständiger Kerl, der man is.«

»Matthes, Ihre Tochter hat auch geglaubt, daß der andere ein anständiger Kerl wär'. Das ist gehauen wie gestochen, und wenn der Liebhaber ein Lump war und das Mädel mit dem Kind im Unglück sitzen ließ, so gibt Ihnen das weiß Gott nicht die Berechtigung, den Tugendengel vorzuspielen.«

»Dat is meine Sache, Herr Vanderwelt. Ich kehr' vor meiner eigenen Tür.«

»Prost, Matthes. Vergessen Sie nicht, daß ich Ihnen schon öfters kehren geholfen hab'. Lassen Sie mich doch, zum Kuckuck, meinen Satz aussprechen. Es ist gewiß nicht schön, daß Ihr Mädel in die Patsche geraten ist. Aber die Eltern vergessen so gern, wie es war, als sie selber drin saßen und jeden für einen Engel Gottes hielten, der ihnen nur den kleinen Finger hinstreckte. Matthes, wenn wir für alles zur Verantwortung gezogen würden, was wir im Leben angestellt haben! Vielleicht kriegt jeder mal die Rechnung. Vielleicht. Jedenfalls können wir sie erst als ›bezahlt‹ beiseite legen, wenn ein Guthaben als Deckung vorhanden war.«

»Ein Guthaben ...« knurrte der Mann. »Is wohl zu hoch für meinen Verstand.«

»Sie verstehen mich ganz gut. Wenn alle Gerechten, die auf Stelzen gehen, Farbe bekennen müßten, gäb' es auf der Welt kaum eine einzige klare Farbe mehr. Also beizeiten heran an das Klärungsverfahren. Und nicht die Nase gerümpft über die, die Unglück hatten, wo die anderen Glück hatten, sondern aufgeholfen. Natürlich bleibt ein Unterschied zwischen einem Unglück und einer Ferkelei.«

Der Matthes erhob sich und guckte in den Wasserkessel.

»Befehlen der Herr Vanderwelt noch eine neue Auflage?«

Kornelius Vanderwelt mischte den zweiten Grog. Er hob sein Glas prüfend gegen das Licht.

»Wir wollen einmal auf Ihre Enkelin anstoßen, Matthes. Wird jetzt schon ein Schulmädel sein. Na, dies Wurm wenigstens kann doch nichts und wieder nichts zu seiner Notlage. Also: auf Großvaterfreuden.«

Der Mann trank widerwillig. Das Glas klappte hart auf die Tischplatte zurück.

»Wenn et Ihnen genehm is, Herr Vanderwelt, sprechen wir jetzt mal von anderen Sachen. Et gibt soviel schönere auf der Welt, sogar in Ruhrort. Da wär' zum Beispiel der Hafen.«

»Matthes, der Hafen wird eine Pracht. Und der neue Kanal wird bis zum Nordseehafen Emden geführt. Der Warenumschlag ist ohnegleichen auf der Welt und noch unbeschränkt in der Entwicklungsmöglichkeit.«

»Herr Vanderwelt, dat et jetzt mit Siebenmeilenstiefeln geht, daran tragen ~Sie~ die Schuld.«

»Eine Schuld, die entlastet, Matthes. Jeder Mensch muß sein Guthaben besitzen.«

»Sie haben Ihr Guthaben! Sie haben et in Ruhrort un bei allen Schiffern zwischen Mannheim un Rotterdam!«

»Hunderttausend Fahrzeuge dies Jahr in den Duisburg-Ruhrorter Häfen angelaufen, Matthes! Achtundzwanzig Millionen Tonnen Umschlag! Der gewaltige Seehafen Hamburg hatte nur neunzehn Millionen!«

»Herr Vanderwelt! Himmelherrgottdonnerwetter, Herr Vanderwelt.« -- --

Die Nachtstunden beim Matthes hatten Kornelius Vanderwelt gut getan. Das Kreisen seiner Gedanken war unterbrochen worden. Andere Bilderreihen hatten sich eingefügt. Nach kurzer Zeit wiederholte er den Ausflug. Und wieder nach kurzer Zeit kehrte er auch schon zu Stunden ein, zu denen die Gäste noch das Wirtszimmer bevölkerten, die Schiffer ihre Gläser auf die Tischplatte stießen und die Harmonika schluchzte. Über eine Weile, und die Gastwirtschaft ›Zu den fünf Erdteilen‹ begann, sich in Schifferkreisen wieder wachsender Beliebtheit zu erfreuen.

Ein Seltsames nur bewegte Kornelius Vanderwelts Gedanken, die um Angela Freydag kreisten. Als bedürfte er einer Entschuldigung, daß er wieder in der Wirtsstube ›Zu den fünf Erdteilen‹ säße. Er wollte auch hier bei Angela Freydag weilen, selbst hier sollte der Geist der Verschollenen über ihm sein. Und er ging hin und ließ das Grundstück, das das gesamte Anwesen des Matthes umschloß, auf Angela Freydags Namen überschreiben.

Und ein Seltsames nicht minder war die große Ruhe, die von Stund' an über ihn gekommen war.

Der alte Beckenried hatte mit Kopfschütteln die Rückkehr seines Herrn zu den alten Gewohnheiten beobachtet. Aber der Herr war nicht mehr gewillt, Anspielungen seines knöchernen Mitarbeiters entgegenzunehmen, und schnitt sie ihm im Munde ab.

»Lieber Freund, ich möchte in der Arbeit nicht mit Privatgesprächen behelligt werden. Nach Feierabend soll es mich freuen.«

Der lebergelbe Beckenried aber hütete sich, seine Haut nach Feierabend zu Markte zu tragen, denn die Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß das Gelb seiner Haut im außergeschäftlichen Umgang mit Kornelius Vanderwelt nur verstärkt zunähme. Und da der Geschäftsherr in der Tat schärfer arbeitete als je zuvor, so spielte er den Beobachter nur noch wortlos und in der Heimlichkeit.

Aber es war nicht nur Beckenried, dem die Rückverwandlung Kornelius Vanderwelts bemerkbar wurde. Auch die Herren, die in der ›Erholung‹ zusammenzukommen pflegten, wurden aufmerksam, wenn an manchen Abenden und immer öfter der aufsprühende Geist Kornelius Vanderwelts in ihrer Runde fehlte, und sie besprachen die Angelegenheit ernsthaft.

»Ein Extratanz in den ›Fünf Erdteilen‹ kann ihm wohl vergönnt werden. Von einer gelegentlichen Mitwirkung sprechen wir uns selbst nicht frei. Aber es muß ein Spaß bleiben und darf nicht zur Gewohnheit ausarten. Stadt und Hafen verdanken der Vanderweltschen Tatkraft zu viel, und es muß uns daran gelegen sein, dem Manne das Ansehen zu erhalten.«

Der Vorsitzende übernahm es, ihm freundschaftlich ins Gewissen zu reden.

Ein Weilchen hörte Kornelius Vanderwelt den gütigen Auseinandersetzungen des greisen Großindustriellen zu. Dann richtete er den Blick auf ihn, und der Blick aus den stolzen, hellen Augen ließ den Warner mitten im Satze abbrechen und einen neuen Gesprächsstoff suchen.

»Herr Vanderwelt, ich bitte mich als Ihren Freund zu betrachten. Ich bin nicht von kleinen Gesichtsmaßen. Wenn einer, so weiß ich, was Sie für die Entwicklung des Platzes Ruhrort getan haben und rastlos weiter tun. Aber eine solche hochgesteigerte Rastlosigkeit bedarf eines Ausgleiches, wenn sie auf lange hinaus wirksam bleiben soll. Sie sind ein Mann in der Reife der Jahre. Mehr als das: in der Reife der Kraft. Frauenliebe, hochverehrter Freund, Frauenliebe allein erhält uns Männern der Arbeit diese Kraft, deren wir viel, viel länger bedürfen, als unsere Neider und Bewunderer ahnen. Denn mit uns steht und fällt nicht nur ein ganzes Geschlecht, sondern ein Zeitalter. Das des ungeheuerlichsten Aufschwunges, der auf dem Scheitelpunkt seiner Entwicklungsmöglichkeiten nicht unterbrochen werden darf. Was die Jungen können, haben sie noch zu beweisen. Ich schweife ab, weil ich mit meinem Freundesrat nicht aufdringlich erscheinen möchte. Und doch, lassen Sie es mich aussprechen, was ich für Sie fühle: Sie müssen sich wieder verheiraten, Herr Vanderwelt.«

Die Blicke der beiden Männer waren nicht voneinander gewichen, und der alte Geschäftsherr freute sich der stolzen und hellen Augen seines Gegenübers.

»Verzeihen Sie mir meine Eindringlichkeit, Herr Vanderwelt, die keine Zudringlichkeit sein sollte.«

»Ich fühle aus jedem Worte Ihre Freundschaft, die mich hoch ehrt, Herr Kommerzienrat. Aber gerade meine Reife verbietet mir, die Rolle des schmachtenden Liebhabers zu spielen.«

»Kornelius Vanderwelt würde nie einen schmachtenden Liebhaber abgeben.«

»Ich freue mich herzlich, daß auch Sie diese Vorstellung von mir haben.«

»Es gibt in unserem Kreise auch andere Frauen, Herr Vanderwelt. Frauen, die einen geruhigen Lebensabend verbürgen.«

»Für diese Frauen -- ich bitte mir meine Aufrichtigkeit zu verzeihen -- fühle ich mich wieder zu jung.«

Wieder lagen die Blicke der beiden Männer ineinander, und der Altgewordene freute sich gegen seinen Willen.

»Sie setzen mich schachmatt, Herr Vanderwelt. Die Jungen sind Ihnen zu jung und die Älteren zu alt. Ich glaube, Sie müssen einen neuen Schöpfungstag einlegen und sich die Gefährtin, die zu Ihnen paßt, eigenwillig schaffen.«

»Fast glaube ich es auch,« entgegnete Kornelius Vanderwelt, und ein eigentümliches Grübeln war in seinen Augen, als er dem freundlichen Mahner mit herzlichem Dank die Hand schüttelte.

An diesem Abend ging Kornelius Vanderwelt auf kürzestem Wege nach Hause.

Er betrat das Musikzimmer, ließ das Deckenlicht aufflammen und schritt auf den Flügel zu. Aber er öffnete ihn nicht. Nur über den glänzenden Deckel strich er ein paarmal mit den Händen hin.

Einen feinen, singenden Ton gab das Holz von sich. Und Kornelius Vanderwelt horchte auf.

»Engel,« sagte er, »hast du alles vernommen, was der gute alte Mann zu mir sprach? Das Alter hat die Gabe des zweiten Gesichts. Eine Gefährtin wünscht er mir, damit ich stark bleibe im Schaffen und mich am Leben nicht schmutzig mache. Und einen Schöpfungstag wünscht er mir, damit ich mir die Gefährtin selber forme aus meinem eigenwilligen Fleisch und Blut und der noch eigenwilligeren Seele. Das sah sein zweites Gesicht. Was es aber nicht sah, Engel, und was es nicht erkannte, war, daß ich diesen neuen Schöpfungstag schon mit allen Fibern genossen hatte, daß ich dich mir schaffen und formen durfte als mein bestes Teil, ›als wär's‹, wie's im alten Liede heißt, ›als wär's ein Stück von mir.‹

»Engel, es ist überflüssig, dir alles wiederzusagen, denn du hast alles vernommen.«

»Weil du und ich untrennbar sind, Engel, im Fleisch und im Geist.«

Mit übersichtigen Augen saß er am verstummten Flügel und sah ihr Bild. Ihre klaren grauen Mädchenaugen wurden zu Frauenaugen, und tief aus ihrem Grunde sprang das geheime Funkeln auf, das wie ein Blitz ihr Wesen erleuchtete, die Urnatur ihrer Liebe: Hingabe an den Gefährten, Verteidigung ihres Besitzes.

»Ich habe dir nicht nachgespürt,« sagte Kornelius Vanderwelt. »Es hätte uns nicht zu Gesicht gestanden. Seit sechs Jahren warte ich auf dich, und ich weiß, an einem Tage kommst du und gibst mir ein Zeichen. Das wird an dem Tage sein, an dem du die Größe erreicht zu haben glaubst, die du für mich suchst. Für mich. Wie stolz mich das Warten macht, Engel.«

Und er horchte hinaus und hörte ihre Antwort. --

Die Nacht ging über in den Morgen. -- --

Und es kam ein Morgen über die Welt, der für Millionen die Nacht brachte. Die alte Erde sprengte die dünne Kruste der Gesittung und spie Feuer und Verderben. Engel und Teufel rangen, die Hand am Halse des anderen, und da Himmel und Hölle sich verwirrten, wucherten die Erdentriebe geil durch die Lande.

Der Weltkrieg war über das Geschlecht der Menschen gekommen.

Die Lava kochte über. Mochte sie. Hinter ihr mußte das heilige Feuer den Platz ergreifen.

Schon war Justus Vanderwelt mit den blauen Bonner Husaren, denen er als Leutnant angehörte, ins Feld gerückt. Schon hatte sich Thomas Vanderwelt bei den grünen Krefelder Husaren als Freiwilliger gemeldet und sofort seine Ausbildungszeit angetreten. Schon war Juliane Vanderwelt, achtzehnjährig, aus der Erziehungsanstalt der französischen Schweiz heimgeflattert und hatte einen Begleiter ins Haus gebracht.

»Papa, es ist der Klaus Beckenried. Erkennst du ihn denn nicht? Der Sohn deines alten, grämlichen Freundes. Aber der Klaus ist nicht grämlich. Sieh ihn dir an. Frisch aus dem Ausland, aus bedeutender Bankstellung heraus. Wir trafen uns auf dem Genfer Bahnhof. Er hat mich unter seinen starken Schutz genommen, Papa, sonst lebte ich wohl nicht mehr. Es war so köstlich unter seinem Schutz in all den Soldatenzügen. Er ist Artillerieoffizier, muß sich morgen in Köln bei seinem Regiment stellen, und übermorgen soll unsere Kriegstrauung stattfinden. Papa! Papa!«

Da war es, daß Kornelius Vanderwelt zum erstenmal vor der Oberflächlichkeit seiner Tochter erschrak.

»Du schwärmst wohl ein wenig, Juliane. Eine Ehe ist kein Tänzchen, zu dem man einen Partner auffordert. Diese Zeit verlangt nach ernsten Frauen und Müttern.«

»Lieber Papa, es ist mir sehr ernst damit, eine Frau und Mutter zu werden. So frage doch Klaus.«

Kornelius Vanderwelt wandte sich nach dem jungen Manne um. Lange blickte er auf die straffe Gestalt, in die begeisterten Augen. Seine Stimme wurde milder.

»Was haben Sie mir zu sagen, Klaus Beckenried? Sie sehen nicht aus wie ein Windspiel und beteiligen sich doch an den Luftsprüngen?«

»Herr Vanderwelt -- es mag eine große Kühnheit bedeuten, so vor Ihnen zu stehen. Aber ich glaube an mich. Und ich bitte Sie, auch an mich zu glauben und an meinen Ernst. Wir haben von Genf bis hierher acht Tage gebraucht, Juliane und ich, und ich mußte Juliane als meine Braut ausgeben, um überhaupt Unterkunft für sie zu beschaffen. Für Juliane und mich. Denn allein konnte sie als junge Dame in dem Gewoge der Menschen, der Umsteigestellen und der überfüllten Herbergen unmöglich gelassen werden. So kam es, daß Juliane mich kennen und -- ich darf es heute freudig sagen -- lieben lernte und mich nicht mehr lassen will. Ich bin der einzige Sohn Ihres getreuen Mitarbeiters, Herr Vanderwelt, und habe mir schon eine Stellung geschaffen. Komme ich lebend aus dem Feldzug heim, so ist an meiner Seite für Juliane gesorgt. Bleib ich vor dem Feind, so ist Juliane einzige Erbin des Vermögens, das sich mein Vater erwerben durfte. Ich habe schon seit meiner Knabenzeit immer in tiefer Verehrung zu Ihnen aufgeschaut, Herr Vanderwelt. Ich enttäusche Sie nicht.«

Kornelius Vanderwelts Blicke wanderten von dem begeisterungsvollen Jünglingsantlitz zu den gespannten Mienen der Tochter. Wie schön das Mädchen geworden war. Blendend schön. Ja, blendend ... Denn der Zug der Berechnung, den schon das Kindergesicht aufgewiesen hatte, war für das geschärfte Vaterauge geblieben.

»Gut, Klaus Beckenried, Sie werden mich nicht enttäuschen. Aber wissen Sie denn nach einer wilden Reise von acht Tagen, daß Juliane Sie nicht enttäuschen wird? Warten Sie das Ende des Feldzuges ab. Ich rate es Ihnen.«

Heftig drängte sich das schöne Geschöpf in des Verlobten Arm.

»Nein -- nein -- nein! Ich will nicht in Angst und Bangen warten, ob er wiederkommt oder nicht. Ich will seine Frau sein und nicht eine Übriggebliebene. Kein Mensch weiß, was kommen mag. Was ich habe, besitze ich.«

Kornelius Vanderwelt sah seine Tochter lange an.

»Ich will nicht fragen, Juliane, was dich zu dieser Sprache treibt. Liebe hat verschiedene Gesichter, und ihr habt euch mit dem Gesicht eurer Liebe zu befreunden. Sei's drum, und mögt ihr die Hast nie bereuen.« --

Wenige Tage später wurde Juliane Vanderwelt mit Klaus Beckenried kriegsgetraut. Eine Woche später, und Klaus Beckenried war mit seiner Ersatzbatterie ins Feld gerückt und Juliane ins väterliche Haus heimgekehrt. --

Wenn Kornelius Vanderwelt des Glaubens gewesen war, seine Tochter in seiner Obhut zu wissen, so sollte er schnell von seinem Irrtum bekehrt werden. Mit dem Tage der Eheschließung hatte Juliane die Rechte ihres selbständigen Frauentums ergriffen und gab sie nicht um eines Zolles Breite preis. Ob sie zu Hause war oder nicht, was sie tat oder ließ, es war ihre Sache. Ihre Sache, mit wem sie verkehrte und mit wem sie ausflog. Rechenschaft darüber zu erteilen, lehnte sie mit einer Kühle ab, als sei sie Alleingebieterin ihres Lebens geworden, und dieses Leben sollte ein vergnügtes sein.

»Es läuten so viel Trauerglocken,« belehrten sie ihre Freundinnen, die sich in Bewunderung um sie scharten, »daß wir uns wirklich nicht daran zu beteiligen brauchen.« Und unter den Freundinnen war es vor allem Antonie Ausdemwerth, die sich begierig zu ihr hielt, die leichtentzündete Antonie, deren fröhliche Mutter vor Jahren einmal den Ausspruch getan hatte: Nur einen Mann gäbe es in Ruhrort, und er heiße Kornelius Vanderwelt, und alle anderen seien nur Kohlentrimmer.

»Weißt du es noch, Antonie?«

»Ob ich es noch weiß! Noch heute läuft es mir ganz heiß und kalt den Rücken hinunter, wenn ich deinen Vater sehe. Geht es dir bei deinem Manne gerade so, Juliane?«

»Ich glaube, es ist umgekehrt. Ich lasse ihn gern ein bißchen zappeln. Die Vanderwelts führen immer die Regierung.«

»Sind alle Vanderwelts so? Sag doch: ist der Justus heißblütiger oder der Thomas?«

»Der Justus schlägt sich im Felde herum. Aber der Thomas übt noch in Krefeld bei den Husaren und ist erreichbar.«

Die tiefschwarzen Augen der Antonie Ausdemwerth funkelten auf. Sie hatte begriffen.

»Wollen wir den Thomas überfallen, Juliane? Bitte! Bitte! Ich vergeß es dir nicht!«

»Das will ich hoffen, du verliebtes Mädel.« Und am Nachmittag waren sie bei Thomas Vanderwelt in Krefeld.

Wie sah er aus, der feine Genießer! Wohin war seine überlegene Weltmüdigkeit? Ohne Rücksicht zusammengeknufft war sie unter den derben Fäusten des Wachtmeisters und des Reitunteroffiziers, die Genießerfeinheit im zerbeulten Kochgeschirr untergegangen, und die verschossene Husarenmütze war trübselig und wütend zugleich in den Nacken gezerrt.

Mit einem Jubelschrei begrüßte der einst so zurückhaltende Thomas Vanderwelt die beiden feinen Frauengestalten aus seiner früheren Welt.

»Thomas, die Antonie ließ nicht nach. Sie hat eine Schwäche für die grünen Husaren und wollte dich als Reitersmann bewundern.«

Da riß er sich zusammen, schlug sporenklirrend die Hacken zusammen und verbeugte sich vor der Jugendbekannten.

Sie reichte ihm mit einer hingebenden Bewegung die Hand hin und bog sich doch, als fürchtete sie sich, in den Schultern zurück. Aber sie wußte, daß es ihrem schönen Wuchse vorteilhaft war. Und Thomas Vanderwelt ergriff die Hand und sog mit geblähten Nüstern den Duft ein, der von ihrer elfenbeinfarbenen Haut ausströmte, und seine entwöhnten Augen tranken das Bild ihres biegsamen Leibes in sich ein, und die Sinne erwachten aus der Abgestumpftheit und sahen nur Schönheit, Schönheit.

»Ich mußte doch Abschied von Ihnen nehmen, Thomas,« sagte verwirrt Antonie Ausdemwerth. »Wer weiß, ob es ein Wiedersehen gibt.«

Sie hätte noch eine größere Alltäglichkeit aussprechen können, der einst so feinfühlige Thomas hätte es überhört. Er spürte nur einen warmen Hauch, liebkosende Worte, leise, zarte Töne. Nicht das Geschnaube der Gäule im Stall, das Gebrüll auf dem Reitplatz, die Gräßlichkeiten der Rekrutenstube.

»Nein, nein, Antonie. Noch keinen Abschied nehmen. Es kann noch Wochen dauern, bis wir verladen werden.«

»Verladen ...« wiederholte sie und schauerte in den Schultern.

»Antonie ... Weshalb hab' ich Sie früher nur so selten gesehen? Ein wie feiner Mensch sind Sie geworden ...«

»Darf ich noch einmal wiederkommen, Thomas? Ich komme gern, wenn Sie es mögen ...«

Ein Trompetenruf fuhr aufscheuchend über den Kasernenhof.

»Verdammt,« zischte der Husar, »Stalldienst. Ihr müßt wiederkommen, wenn ich dienstfrei bin. Morgen. Übermorgen. Am liebsten jeden Tag.«

»So gebt euch doch einen Kuß,« sagte Juliane kaltblütig und wandte den Abschiednehmenden den Rücken.

Einen Augenblick stutzte Thomas Vanderwelt. Dann riß er den heißen, duftigen Mädchenleib in seine Arme, wie ein Raubtier sich auf seine Beute wirft, und wühlte seinen Mund in ihre blutwarmen Lippen. -- --

Tag um Tag fuhr die junge Frau Juliane Beckenried mit ihrer Freundin Antonie Ausdemwerth nach Krefeld, Thomas Vanderwelt zu treffen. Tag um Tag wartete der abgehetzte Husar fiebernd auf die Grüße, auf die Düfte, auf die Klänge aus der anderen Welt. Unter den Freundinnen zu Ruhrort fielen die Ausflüge, fiel die Abwesenheit der jungen Damen immer unliebsamer auf. Es galt für die Frauen und Mädchen, ein dringenderes Gebot der Stunde zu erfüllen, als auf heimlichen Liebeswegen zu wandeln. Gerade sie, die den Gatten, Bruder oder Bräutigam draußen im blutigen Felde wußten, zogen sich ernsthafter als je auf ihre Frauenpflicht zurück, und die erste Bewunderung für die so köstlich erblühte Vanderwelttochter machte bald einer stillen Beschämung Platz über die Selbstsüchtigkeiten Julianes und ihrer mannstollen Freundin.

Die Absonderung der Ernstschaffenden kümmerte die beiden Freundinnen kaum. Sie waren eine lästige Verantwortung los und lebten nur sich zu Gefallen. --

Dann geschah es, daß Kornelius Vanderwelt vor seinem Sohne Thomas stand.

»Was soll das, mein Junge? Ich habe dich für zu klug und zu eigen geartet gehalten, als daß du den Unfug deiner Schwester nachahmtest.«

»Es ist kein Unfug, Vater.«

»Was ist es denn? Vielleicht um ein paar Schwingungen verschieden beim einen und beim anderen. Ein bißchen mehr Brunst, ein bißchen mehr Schwärmerei. Und die Partnerschaft bleibt dem Zufall überlassen.«

»Es ist die Liebe, Vater,« sagte der Junge mit weißen Lippen.

Sie waren zum Krefelder Stadtwald hinausgewandert und hatten nicht acht auf Sonne, Wald und Wasser.

»Die Liebe?« wiederholte Kornelius Vanderwelt und atmete schwer. »Die Liebe, mein Junge, ist wie der Name Gottes. Du sollst ihn nicht ungestraft im Munde führen. Junge Menschen mögen verliebt sein. Um den Begriff ›Liebe‹ zu verstehen, dazu gehört die Reife der Erkenntnis. Geh und hol' sie dir. Sie liegt wie die Rose im Dornbusch.«

»Vater, ich bin seit wenigen Monaten mündig.«

»Damit würde ich nicht protzen, Thomas, so lang ein Mädchenmund dich noch um den Verstand bringen kann.«

Thomas Vanderwelt bebte die Stimme, bebten die Hände vor Erregung.

»Willst du uns, die wir dem Tode entgegengeschickt werden, nicht das bißchen Seligkeit auf den Weg gönnen?«

»Besteht die Seligkeit nur im Beilager, Thomas?«

»Wie soll ich es wissen? Ich kenne das alles ja nicht. Auf Ehre, nein, Vater. Aber im Besitz besteht sie, das habe ich gefühlt, und ich will wissen, daß der Besitz mein und keines andern ist, bevor ich ins Dunkle marschiere.«

In dieser Stunde lernte Kornelius Vanderwelt zum unwiderruflichen Male, daß Kinder nicht durch die Geburt die Kinder des Erzeugers sind, sondern es erst zu werden vermögen -- vielleicht nie, vielleicht nach Jahren der Erfahrungen erst -- durch eine seelische Wiedergeburt.

Kornelius Vanderwelt spürte seinen Sohn aus seinen Händen gleiten. Der Vater hatte zu warten.

»Du verlangst nach der Kriegstrauung mit Antonie Ausdemwerth. Ich kann es nicht hindern. Glaube nicht, daß ich die Bedeutung der Kriegstrauung unterschätze. Sie ist für Menschen, die aufeinander gewartet haben, die kurz vor dem ersehnten Ziel voneinandergerissen werden sollen, die Erfüllung ihres Lebens und ein Segensspruch, dem selbst der Tod nicht gewachsen ist. Anderen verstattet sie nur eine Menschlichkeit mehr: die Hemmungslosigkeit. Du hast zu wählen, Thomas.«

»Ich wähle«, sagte Thomas Vanderwelt mit vor Erregung klirrenden Zähnen, »die Menschlichkeit und die Göttlichkeit in eins. Ich will nicht ohne das große Geheimnis gehen, das das Leben über die Erde hebt.«

»Ich liebe dich, Thomas, und wünsche dir, daß eure Liebe nie über die Erde schleift.«

Und Thomas Vanderwelt schritt mit Antonie Ausdemwerth zur Kriegstrauung und zog mit den grünen Husaren ins blutige Feld, während die jugendliche Frau zur Mutter ins warme Nest zurückschlüpfte. --

Die altgewordene Hausdame im Vanderweltschen Hause kränkelte und lief doch noch wie ein treues Arbeitspferd in den Sielen. Kornelius Vanderwelt bemerkte es wohl, und er überwand sich und setzte sich oft am Abend mit der Zeitung zu ihr. Denn Juliane huschte zu jeder Stunde zur Schwägerin Antonie hinüber, und die jungen Schwägerinnen führten endlose Gespräche, weil sie sich beide Mutter fühlten, wie die Schönheit des Körpers zu wahren und zu steigern wäre.

Im ersten Kriegsjahre fand Kornelius Vanderwelt eine Mitteilung in der Zeitung über die durch den Krieg im Ausland zurückgehaltenen Künstler. Eine Meldung aus Neuyork nannte unter anderen Namen den Namen der Pianistin Angela Freydag.

Er hielt die Zeitung auf den Knien und las nichts anderes mehr als die beiden Worte. --

Er ging zu Bett und nahm die Zeitung mit in sein Schlafzimmer. Und mitten in der Nacht stand er auf, zündete das Licht an und holte sich das Blatt aufs neue.

»Angela Freydag ...«