Chapter 18 of 25 · 3979 words · ~20 min read

Part 18

»Wer spricht von einem Vorschuß? Bei Hinz und Kunz stand sie auf Borg, und um die lästigen Gläubiger los zu werden, hat sie an der Börse gespielt! Mit jedem ungewaschenen Lehrling und jedem überspannten Nähmädel hat sie sich in eine Reihe gestellt, um Geld im Schlafe zu verdienen. Nur, daß Frau Juliane Beckenried, geborene Vanderwelt, auf ihren Namen hin größere Summen wagen durfte. Und dann ist die Karte an einem schwarzen Börsentage falsch herumgeschlagen, und die Bank drängt auf die Regelung der Verbindlichkeiten. Das ist der Zusammenbruch.«

»Hunderttausend Mark,« wimmerte der Alte. »Ein Elendleben umsonst gelebt. Dieser Vampir -- --«

»Nicht mehr sehen will ich sie!« stöhnte der Jüngere auf. »Aber das Geld will ich retten.«

Kornelius Vanderwelt kämpfte einen kurzen Kampf. »Wo sind die Belege?« fragte er.

»Hier, hier, hier!« und der jüngere Beckenried schlug die Papiere heftig auf den Tisch.

Kornelius Vanderwelt nahm sie auf und las sie aufmerksam durch. Eine feine Röte kreiste auf seinen Wangen.

»Die Abrechnungen stimmen,« sagte er so leise, als spräche er mit sich selbst. »Zwar wird es der Bank nicht möglich sein, die Zahlungen zu erzwingen, da sie ohne Befragen des Ehegatten gehandelt hat --«

»Klug wie ein Fuchs! Und die geschäftliche Stellung der Beckenrieds? Natürlich ist das ein Pappenstiel!«

»Ich habe nicht mit ~dir~ gesprochen, sondern mit ~mir~, Klaus Beckenried. Und ich gestatte mir, weiter mit mir zu sprechen. Die Bank weiß sehr wohl, daß sie verschwiegen und zuvorkommend sein muß, wenn sie schadlos befriedigt sein will. Hunderttausend Mark schüttet in dieser schweren Geschäftszeit kein Mensch aus dem Ärmel.«

»Wer soll sie denn befriedigen? Wer, wer, mein Gott?«

»Ich,« sagte Kornelius Vanderwelt.

»Sie --?«

»Ich werde für die Befriedigung der Bank sorgen, in dem Augenblick, in dem Sie, Herr Klaus Beckenried -- Sie gestatten, daß ich das irreführende Du unterlasse -- in keiner Weise mehr als mein Schwiegersohn zu gelten wünschen. Dann.«

»Soll das heißen: wenn ich die Scheidung von Ihrer Tochter Juliane vollzogen habe --?«

»Von meiner Tochter Juliane und von meinem Enkel Martin. Das soll es heißen.«

»Der Junge kommt hier überhaupt nicht in Betracht. Er steht ganz außerhalb unserer Verhandlungen.«

»Sie dürfen es sich überlegen, ob Sie die Verhandlungen scheitern lassen wollen.«

»Scheitern? Scheitern? Kein Mensch spricht davon. Aber ich frage Sie, was wollen Sie um Himmels willen mit dem Jungen?«

Kornelius Vanderwelt blickte über die ratlosen Männer hinweg in eine nebelhafte Ferne, die aufleuchtete, je stärker die Dunkelheit um ihn her wurde.

»Ich weiß es nicht,« sagte er leise. »Ich weiß nur, daß es auch nicht einen vertraulichen Berührungspunkt zwischen uns mehr geben soll. Sie haben rücksichtslos genug gegen mich gekämpft. Nicht erst seit heute. Nehmen Sie an, der Geschäftsmann in mir regte sich und wollte bezahlt sein. Mit dem Jungen. Mir ist er ähnlich, und er hat mein Blut. Er soll nicht gegen den Namen Vanderwelt eingenommen werden.«

»Herr Vanderwelt --!«

»Es eilt mir nicht. Sie dürfen es sich in Ruhe überlegen. Ich stehe in jedem Punkte bei meinem Wort.«

Der alte Beckenried näherte sich ihm flüsternd.

»Wissen Sie denn, daß Ihr Bankguthaben diese Belastung gar nicht mehr verträgt?«

»Lassen Sie das meine Sorge sein, Beckenried. Aber damit Sie in dieser Nacht ruhiger schlafen können, als Sie es noch vor einer Stunde geglaubt haben, will ich Ihnen verraten, daß ich mein Haus zum Pfand setze mit allem, was darinnen ist.«

»Herr Vanderwelt!« stammelte der Alte erschrocken.

»Herr Vanderwelt!« stammelte der Sohn und trat staunend einen Schritt zurück. »Das ist -- das ist Güte, statt Haß.«

»Werden Sie nicht weichlich. Güte! Güte kann unter Umständen ein schlimmeres Ding als Rache sein. Aber das verstehen Sie wohl nicht.«

»Sie wollen mich mit Ihrer Güte zur Verzweiflung treiben,« murmelte der Sohn. »Mir wächst die Unterhaltung über den Kopf. Ich sehe nicht mehr, was das Rechte und was das Falsche ist. Als Kaufmann muß ich den klaren Blick bewahren.«

»Den Martin,« gebot Kornelius Vanderwelt. »Er gilt Ihnen nicht genug, denn Sie haben sich nicht auf der Stelle entscheiden können. Die Antwort können Sie auf morgen verschieben.«

»Sie sollen sie morgen wissen.«

»Ich glaube nunmehr, meine Herren, daß wir uns zur Sache nichts mehr zu sagen haben. Gehen Sie getröstet heim und bereiten Sie für morgen alle Urkunden vor. Guten Abend.«

Vater und Sohn Beckenried verbeugten sich stumm und schritten zur Tür. Noch einmal wandte sich Klaus Beckenried auf der Zimmerschwelle um, und sein verwirrter Blick traf in das lächelnde Auge des Nachschauenden.

»Es war einmal ein begeisterungsvoller Jüngling, Klaus Beckenried, der von der Liebe bis zum Tode schwärmte. Es war in diesem Zimmer, und seine Jugend machte ihn zum Dichter. Suchen Sie ihn, bis Sie ihn wiederfinden, und wenn Sie ein alter Mann darüber werden sollten. Gute Nacht.«

Die Türe schloß sich.

Er dachte: Es ist gut, daß ich den ganzen Schmutz der Angela nicht noch einmal zu wiederholen brauche. Und er rief: »Komm nur herein, Engel. Ich bin ganz allein.«

Ein paar Atemzüge lang stand sie in der Verbindungstür. Ihre Augen flogen über ihn hin. Wie hager im Kampf sein Gesicht geworden war, wie grau seine Schläfe. Und wie hell und leuchtend seine Augen geblieben waren.

Sie warf sich an seine Brust und drückte den Kopf gegen sein Herz.

»Ja, Engel, es wird nun alles ein bißchen anders werden. Der Riemen schnallt sich enger um den Leib.«

Sie schüttelte mit einer wilden Bewegung den Kopf. Ihre Augen funkelten ihn an.

»Nie habe ich dich so geliebt. Nie, nie. Die Zwerge glaubten dich auf dem Boden zu haben. Auf ihrem platten Boden. Wegen eines Sackes Geld. Ach du! Ach, wie hast du sie gedemütigt. Wie hast du den Zaun zwischen dir und ihrer Angst und Gier aufgerichtet. Wie ein Riese recktest du dich auf, und ich wollte zu dir, an deinen Hals, und schreien: ›Ich gehöre zu ihm! Ich! Ich! Ich!‹«

»Mach' mich nicht stolz. Der eine des Namens hat seinen Körper, die andere das Geld, wieder der andere seine Seele vergeudet. Was bleibt von Kornelius Vanderwelt und seinem Werk?«

»Eine Seele«, sagte sie hastig, »ist so unermeßlich und unergründlich, daß kein Mensch sie vergeuden kann. Deine Seele wird noch die Augen aufschlagen, wenn wir längst nicht mehr sind. Aus hellen Augen wird sie um sich schauen, aus Augen, die so leuchtend und kühn sind wie die deinen. Nie, nie habe ich dich so sehr geliebt ...«

Kornelius Vanderwelt strich ihr das Haar aus der Stirn.

»Es wird allmählich Nacht, Engel, und wir werden schlafen gehen müssen. Aber wenn ich vorhin dich bat: ›Mach' mich nicht stolz,‹ so möchte ich diese Worte widerrufen. Doch, Engel, doch, mach' mich immer noch stolzer. Bald habe ich nichts mehr auf der Welt als diesen Stolz. Auf dich, Engel, auf dich. Und er reicht aus, um mein ganzes Leben aufzuwiegen.«

Sie aber streichelte unaufhörlich sein hager gewordenes Gesicht, seine grau gewordenen Schläfen. -- --

9

Es hatte in diesen Tagen Frau Ausdemwerth, die Mutter Antonies, das Zeitliche gesegnet. Die fröhliche Frau, die in Julianes Kinderzeit den überwältigenden Ausspruch getan hatte, es gäbe nur einen Mann in Ruhrort, und die anderen seien Kohlentrimmer. Ihr Nachlaß bestand aus der Wohnungseinrichtung, denn ihr einst reiches Vermögen hatte die Geldentwertung der Nachkriegszeit verschlungen; doch ehe Thomas und Antonie Vanderwelt daran denken konnten, sich in den herrenlos gewordenen Zimmern auszudehnen, war Juliane, ihren Sohn Martin an der Hand, als Heimatlose erschienen, um sich fürerst in Frau Ausdemwerths Räumen einzunisten.

»Ich lege dir meine Bewunderung zu Füßen,« gestand ihr der Bruder Thomas. »Du beutest nicht nur die Lebenden aus, du weißt sogar aus den Toten noch Vorteile zu ziehen. Geh ein in Frieden.«

Antonie Vanderwelt empfing die Schwägerin und Jugendfreundin mit dem ganzen Gefühlsüberschwang, der den Frauen gelockerter Art gemeinsam ist.

»Ach Liebste, Ärmste, bist du dem tobsüchtigen Menschen endlich entgangen? Gott verzeih' ihm seine Schlechtigkeit, ich bringe es nicht zuwege. Der wäre imstande gewesen und hätte dich verhungern lassen.«

»Wie ich aussehe, Antonie! Als wäre ich aus dem vorletzten Jahre übriggeblieben.«

»Nun,« ermutigte die Freundin und drehte sie an den Armen prüfend im Kreis, »vielleicht aus dem letzten Pariser Jahre. Für Ruhrort und Umgebung bist du noch ein gutes Jahr vor.«

»Gottlob!« seufzte Juliane auf. »Dieser rasende Klaus hat mich ja so gut wie mittellos gemacht.«

»Aber er hat dir den Martin gelassen! Geschehen denn noch Wunder?«

»Er kann das Vanderweltsche Blut nicht mehr ertragen, sagt er. Und der Martin? Sieh dir den Jungen an! Ist er nicht Zug für Zug der Großvater, der Großvater Kornelius Vanderwelt, von dem deine Mutter einmal sagte -- o mein Gott, Antonie, ich habe dir noch gar nicht meinen Schmerz zu ihrem frühen Heimgang ausdrücken können und tu' es hiermit von Herzen.«

»Innigen Dank, Juliane. Wir sind alle sterblich, und wer weiß, wann ~wir~ an der Reihe sind.«

»Wir haben noch große Pflichten an unseren Söhnen zu erfüllen, Antonie, vergiß das bitte nicht.«

»Ja, der kleine Nikolaus, Juliane. Es geht ihm wie deinem Martin: Zug um Zug der Großvater. Und klein sind die schlanken Bengel auch nicht mehr. Die Mädchen schauen sich schon nach ihnen um.«

Thomas Vanderwelt lag im Streckstuhl und freute sich über die Maßen an der Tiefe und Gründlichkeit der Unterhaltung.

»Könntest du dich nicht ein wenig zusammennehmen, Thomas? So kurz nach Mamas Tode!«

»Ich freute mich nur so herzlich, weil ~ich~ noch nicht gestorben bin und Zeuge eures furchtbaren Schmerzes sein darf. Wie muß er erst losbrechen, wenn er dem liebsten Gatten gilt! Verzeih, Herzensschwester, es sollte keine Unzartheit gegen deinen Klaus bedeuten, als ich von der Gattenliebe sprach. Aber wenn erst einmal das Bettzeug geteilt ist, habe ich mir sagen lassen, ist auch der Schmerz geteilt und die Freude umso größer.«

»In solchen und ähnlichen unziemlichen Redensarten gefällt sich dein Herr Bruder, solange ich seine Frau bin.«

»Meine Frau,« wiederholte Thomas Vanderwelt und verbeugte sich aus seinem Stuhle heraus.

»Ich finde auch,« entrüstete sich Juliane, »daß er unartig genug gegen wehrlose Frauen ist. Wir wollen in mein Zimmer gehen, damit wir ungestört und unter uns sind.«

Thomas Vanderwelt lachte belustigt in sich hinein.

»Fünf Minuten befindet sie sich in einem fremden Hause, und schon geht sie ›in ihr Zimmer‹ und lädt dahin ein. Sollte es bei jungen Vanderwelts noch lustiger werden können als bisher? Doppelt lustig?«

Juliane aber war klug genug, sich zurückzuhalten, solange das Auseinandersetzungsverfahren mit ihrem Gatten schwebte. Nur so erhoffte sie die Hilfe ihres Vaters. Und die beiden Frauen waren mehr miteinander zusammen, als es Thomas hätte lieb sein können, wäre er nicht Thomas gewesen.

»Ich bin gespannt,« murmelte er, »ich bin äußerst gespannt. Eine Mitspielerin mehr ändert jedes Bild und jede Berechnung. Über Langweiligkeit brauche ich mich nicht zu beklagen.«

Die Scheidungsangelegenheit wurde seitens des Hauses Beckenried mit Nachdruck betrieben, und da keine der beiden Parteien Schwierigkeiten machte, durch Entgegenkommen zur schnelleren Lösung beizutragen, so schritt das Verfahren rasch dem Ende zu. Juliane zählte die Tage. Zur Frühjahrsmodenschau wollte sie wieder zu den Mitwirkenden rechnen.

Häufiger als sonst erschienen in dieser Zeit die Enkel bei Kornelius Vanderwelt. Es war, als ob sie es fühlten, daß dem Großvater Gewalt angetan wurde, und darüber hinaus, als ob sich ihre Jungengemüter von dem Verdachte reinigen wollten, selbstsüchtige Teilnehmer zu sein.

Das las Kornelius Vanderwelt hinter ihren heißen Stirnen, als sie nach wenigen Tagen zum zweiten Male vor ihm erschienen und ihm ihre Aufsatzhefte vorlegten. Die Note ›Sehr gut‹ kehrte in den Heften beider mit lückenloser Regelmäßigkeit wieder.

Kornelius Vanderwelt griff in die Westentasche und holte ein paar silberne Markstücke hervor. Die Jungen gewahrten es mit purpurroten Köpfen.

»Darum haben wir es nicht getan, Großvater,« versicherten sie erschrocken. »Wir hatten nur gedacht, es machte dir Freude.«

»Heule ich denn vielleicht, ihr blinden Hessen?«

»Wir sind ja gar keine Hessen, wir sind Rheinfranken, Großvater!«

»Wer sagt euch das? Auch Wikinger haben hier gesessen, aus Norwegen und von den dänischen Inseln. Echtes Germanenblut, Jungens. Und so sorgt, daß ihr über die Rheinfranken hinaus Deutsche werdet.«

»Das sind wir doch schon, Großvater?« fragten die Jungen verwundert.

»Man hat es euch vorgeredet,« sagte Kornelius Vanderwelt. »Das wahre Deutschland ist immer noch nicht aufzufinden. Seit eine Geschichte besteht, wird es gesucht. Und wenn man so nahe herangekommen ist, daß man es greifen könnte, stellt hurtig einer dem anderen ein Bein, daß er in den Dreck hinschlägt, und der andere reißt den einen am Rockzipfel schleunigst mit in die Pfütze.«

»Weshalb sind sie denn so töricht, Großvater, wenn sie wissen, sie müssen mit hinein?«

»›+Propter invidiam!+‹ sagten schon die römischen Eroberer von den Deutschen. Aus gemeinem Neid. Aus Neid auf die Größe des Nachbarn ließen sie eher die Römer das Land erobern, als sich dem Nachbar als dem Führer zu unterstellen. Baute in den Städten ein Bürger einen hohen Giebel, so trieb ein Dutzend andere der fressende Neid, noch viel höhere zu bauen, und wenn ihr Haus schmal war wie ein Schwindsüchtiger. Und bringt es in deutschen Landen ein Mann zu Ehren, so ruht die Scheelsucht nicht, bis ein Trüpplein zusammengebracht ist, das mit Stricken und Stangen loszieht. +Propter invidiam+, ihr jungen Lateiner, vergeßt es nicht. Und geht dem deutschen Erbübel zu Leibe und bei euch selber zuerst. Eher bringen wir es nicht zu einem großen und stolzen Volk, als bis die Bausteine die Ecksteine gelten lassen und nicht jeder Neidhund ihn besudelt, weil er just nicht derselbe Eckstein geworden ist. Und was vom einzelnen gilt, gilt von der Vielheit, gilt vom deutschen Volk. +Propter invidiam.+ Erwürgt den Drachen der deutschen Zwietracht, Jungens, wenn ihr Deutsche werden wollt!«

»Und -- Dichter und Künstler möchten wir werden. Dürfen wir das?«

Kornelius Vanderwelt lachte, und seine Hand warf ihnen das dichte Haar durcheinander.

»Ich möcht's euch schon gönnen, Jungens. Aber dazu heißt's lernen und mitten im Leben stehen, den Bauernburschen begreifen und den Fürstensohn, das windige Mädchen und die große Frau, den Toren wie den Weisen. Alles Menschliche erfassen und doch abseits genug gehen, um vom allzu Menschlichen nicht erdrückt zu werden. Nicht aus Furcht vor dem Neid. Der findet euch, und wenn ihr beide auf zwei einsamen Spitzen des Himalaja säßet. Nur ihr selber sollt dem Neide nie Raum geben, denn der Neider und der Ehrabschneider hocken wie zwei Giftblüten in dem gleichen Gezweig.«

Als die Osterferien anbrachen, klingelten die Knaben am großväterlichen Haus, bevor sie ihre Schulzeugnisse daheim vorgezeigt hatten. Angela Freydag öffnete ihnen. »Versetzt?« fragte sie. Und als die Knaben nur hastig nickten, weil ihnen die Kinderfreude den Atem verschlug, breitete sie schnell die Arme aus und nahm die Beglückten an ihr warmes Herz.

»Geht zum Großvater hinein. Er kann viel Freude vertragen. Und keiner hat sie verdient wie er.«

Kornelius Vanderwelt war jetzt viel zu Hause. Die wenigen laufenden Geschäfte zu erledigen, hielt nicht schwer, und an den Wiederaufbau wollte er erst herangehen, wenn die Abrechnungen mit den Beckenrieds vollzogen und die Herren ausgeschieden wären. Die Anspannung seiner ganzen Willenskraft gehörte dazu, den Anblick der wehleidigen Geldanbeter zu ertragen, und seine vollblütige Natur litt stärker, als er selber es wußte, in den Geschäftsstunden, in denen er den Vortrag des älteren Beckenried entgegenzunehmen hatte.

Er wandte sich um, als Angela Freydag die Knaben ins Zimmer ließ. Die heißen Augen unter den graugewordenen Brauen funkelten sie an. Diese Augen waren der Enkel Erschauern und Stolz.

»Untertertianer, Großvater,« meldeten sie und standen stramm.

»Ihr macht wohl Witze? Quintaner, meint ihr! Also dann Quartaner! Ihr tut's nicht anders? Ihr bleibt dabei? Untertertianer? Mein Gott, seid ihr über Nacht eine Handbreit gewachsen oder beginne ich in die Grube zu sinken?«

»Wir sind gewachsen, Großvater. Du sinkst noch lange nicht.«

»Nein, solange ihr wachst, kann ich nicht sinken. Enkel und Großvater in eins bilden erst das geheimnisvolle Ganze. Die eigenen Kinder stehen einem zeitlich zu nahe und bilden nur die Übergangsform.«

Er setzte sich in seinen Arbeitsstuhl und ließ die Beförderten antreten. Rechts und links seiner Knie hielt er einen Jungen im Arm, und seine Augen wanderten prüfend von einem zum anderen.

»Sag' mal deine Zeugnisnoten her, Martin.«

»Deutsch, Geschichte, Erdkunde sehr gut, fremde Sprachen gut, Mathematik mangelhaft.«

»Und du, Nikolaus.«

»Deutsch, Geschichte, Erdkunde sehr gut, fremde Sprachen gut, Mathematik mangelhaft.«

»Schreibt ihr voneinander ab?«

»Nur in der Mathematik, Großvater.«

»Null plus Null gibt wiederum Null. Also würde ich's lassen und die Zeit nutzbringender anwenden. Euer Lehrer kann wohl selber keine Mathematik?«

»Er kann ~schon~, Großvater, aber er kann nicht begreifen, daß wir nicht geradesoviel können.«

Kornelius Vanderwelt lachte behaglich über sie hin.

»Freut euch, Jungens, denn wenn ihr geradesoviel könntet, würde er das wieder für unbegreiflich halten.«

So fand sie Angela Freydag. Die Jungen dicht an die Knie des Alternden gedrängt, und unter den drei Augenpaaren Kornelius Vanderwelts Augenpaar das leuchtendste.

»Komm her, Engel, und sag' mir, ohne nach der Jacke zu schielen: wer ist der Martin und wer ist der Nikolaus?«

»Ich will ihnen lieber allen beiden einen Kuß geben, weil sie die Enkel Kornelius Vanderwelts sind. Und nichts weiter.«

»Engel, kann ein Großvater nicht sein eigener Enkel sein? Ich möcht' es meinen.«

Und sie küßte sein geliebtes Gesicht mit den Augen.

»Habt ihr einen Ferienwunsch?« fragte er mit weicher Stimme. »Sagt ihn auf.«

»Im Düsseldorfer Theater werden die Klassiker gespielt, Großvater. Dürfen wir einmal hin?«

»Ich schenke jedem von euch zwanzig Reichsmark. Dafür dürft ihr das Theater besuchen, solang das Geld reicht. Wie ihr nach Düsseldorf kommt und nach Ruhrort zurück, ist eure Sache.«

»Wir laufen zu Fuß, Großvater, und nachts kriechen wir auf einen Ruhrorter Kahn, der eine Düsseldorfer Nacht macht, und kommen mit ihm zu Tal. Alle Schiffer kennen uns.«

»So habe ich mir's gedacht,« sagte Kornelius Vanderwelt, zog ihre Köpfe an seine Schläfen und schickte die Beglückten nach Hause. Er blickte ihnen nach, als blickte er seiner Jugend nach.

In den Osterfeiertagen rührte er sich nicht aus dem Hause. Besucher wurden abgewiesen, der Fernsprecher blieb abgestellt. »Erst wenn man älter wird,« meinte er zu Angela Freydag, »liebt man in den Sonn- und Festtagen die Ausruhetage. Als ich jung war, war mir der Sonntag verhaßt, weil spornstreichs der Montag folgte. Der Montag mit dem geängstigten Schülergewissen. Eigentlich fürchtet sich doch der Mensch vor irgend etwas von der Geburt bis zum Tode. Das ist sehr kläglich.«

»Du sprichst doch nicht von dir, Kornelius? Es gibt Menschen, die kein Alter besitzen. Sie sind da oder sie sind ~nicht~ da, und du gehörst zu ihnen. Und wissen möcht' ich, wann dein Wildlingsblut sich vor irgend etwas gefürchtet hätte.«

»Na, Engel, unangenehm war's mir doch, wenn der Lehrer sich vor der ganzen Klasse mühte, mich über die Bank zu ziehen. Ich hatte nun mal diese turnerischen Übungen nicht gern, und der Lehrer wußt' es und tat es doch. Da mußte er mitturnen.«

»Das war eine Abneigung, Kornelius, aber keine Furcht. Im Gegenteil: die Rauferei kam dir zuweilen gewiß nicht einmal ungelegen.«

»Wenn ich in den lateinischen Regeln nicht vorbereitet war oder in den französischen unregelmäßigen Verben. Dann ging die Zeit flotter hin.«

»Siehst du? So sah ich dich vor mir. Aber gefürchtet hat sich weder der kleine Kornelius noch der große.«

»Engel, du kannst einem den Übergang leicht machen. Ich habe verkaufen müssen, Engel.«

Sie nahm seine Hand von der Stuhllehne und legte sie zwischen ihre warmen Hände. Seine Hand war kalt, und er sollte es nicht wissen.

»Solange du ~mich~ nicht verkaufen mußt, Kornelius -- und tust du es, wie ein Wolfshund bräch' ich aus und nähm deine Witterung auf und suchte dich wieder, und wenn du dich am Ende der Welt versteckt hieltest.«

»Gegen was sollte ich dich wohl verkaufen, Engel? Gegen meiner Seele Seligkeit, wie es in den Märchenbüchern heißt? Ach, Engel, du bist ja meiner Seele Seligkeit, und mein Verstand ist noch nicht aus den Fugen. Ich habe dies Haus verkauft, in dem wir heute zum letzten Male die bunten Ostereier auf den Schüsseln sehen, und da es lächerlich wäre, in Hemdärmeln im Wagen zu sitzen oder in Frackhosen am Steuer zu stehen, so habe ich auch den Wagen verkauft und auch die Jacht auf dem Rhein, Engel.«

»Wann müssen wir unsere Siebensachen packen, Kornelius? Oder sind es keine Siebensachen mehr?«

»Ich hoffe, der künstlerische Teil der Einrichtung bleibt uns erhalten. Und wenn nicht, so bleibt mir doch das größte Kunstwerk Gottes: Du. Darum: laß fahren nur dahin. Ich habe drei Monate Zeit, um mir eine Wohnung zu suchen. Irgendwo wird sich schon ein stiller Unterschlupf für uns finden. Eine Art Flüchtlingslager, Engel, von dem aus wir den neuen Eroberungsmarsch vorbereiten.«

»Siehst du nun, daß du das Fürchten nicht kennst?«

»Vor wem sollte ich mich denn fürchten? Doch nicht vor dem lieben Wettbewerb? Es ist keiner darunter, der über meine sechs Fuß mißt. Ich bitte, meine Bescheidenheit zu beachten, mit der ich das reingeistige Gebiet außer Betracht lasse.«

Da lachte sie, und ihre Augen blitzten ihn an.

»Seit ich dich traf, Kornelius, und ich weiß heute nicht mehr, wartete ich auf der Landstraße auf dich oder kamst du dahergefahren, um mich zu holen -- jedenfalls hast du seit jenen Tagen den Begriff der Furcht von mir genommen. Überhaupt -- wir fürchten uns vielzuviel. Wir werden wahllos in der Furcht erzogen vor dem Guten und vor dem Schlechten. In der Furcht vor den Eltern. In der Furcht vor dem Herrn Lehrer. In der gleichen Furcht vor dem lieben Gott und dem bösen Teufel. Und in der ganz schrecklichen Furcht vor dem Polizeibeamten, und wenn er nur auffordert, den Schnee zu schippen.«

Seine Hand klopfte die ihre. Beifällig, wie man ein kluges Kind belohnt.

»Prachtvoll verstehst du es, unseren scharfkantigen Gesprächsgegenstand in philosophische Watte zu wickeln, Engel. Laß gut sein, Herzgeschöpf. Ob wir auch in warmer Weltweisheit ~baden~, unter den kalten Kranen müssen wir zum Schluß doch zurück, und er heißt: Verkauf.«

»Kornelius,« sagte Angela Freydag und entblößte hohnvoll die starken Zähne, »glaubst du, die Wiederholung würde mich stärker erschüttern? Oder möchtest du, daß wir doch noch das Gruseln lernten und uns jammernd um den Hals fielen? Du willst mich auf die Probe stellen, ich merk' es wohl, und ich frage mich nur: durch welches Vergehen habe ich das verdient? Verkaufen? Wiedererobern wollen wir! Wiedererobern! Wir wollen jung bleiben und nicht altern. ~Das~ ist der Wille.«

Kornelius Vanderwelt legte ihr den Arm um die Schulter. Eine Weile saßen sie schweigend beieinander. Und dann sagte Kornelius Vanderwelt: »Es ist wie bei einem Zahnradgestänge. So sicher setzt es ein. An dem Punkte, an dem Männer ermüden, erwachen die Frauen.«

»Du bist ja so wach wie ich, Kornelius. Und unsere Wachheit wollen wir benutzen, den Dingen in die Augen zu sehen. Zähl' auf, was du verkaufen mußt oder verkaufen willst, und mit jedem ausgesprochenen Wort sackt das aufgeblasene Gespenst in sich zusammen.«

»Dann wäre es schon einfacher, Engel, ich zählte auf, was ich nicht verkaufen muß. Als Hauptbestand: zwei Frachtkähne, die ich vor Jahren von windigen Schiffern übernehmen mußte. Sie sind von Fahrt zu Fahrt vermietet. Verheuert, wie es in der Schiffersprache heißt. Wenn es mal ganz schlecht geht, stellen wir beide uns ans Steuer und gehen selber auf Fahrt.«

»Ja, Kornelius. Und was bleibt außer dem Hauptbestand?«

»Ich hätte es gar nicht ›Hauptbestand‹ nennen sollen. Aber das Vanderweltsche Blut hat leicht etwas Großartiges, und wenn es sich um Kohlenkähne handelt. Im Geiste sah ich uns schon an Bord schreiten und die Hausflagge setzen und majestätisch von dannen gleiten bis zum fernen Wunderland Orplid, wo man unsere Steinkohlen für pures Gold gelten läßt.«

»Und Kornelius Vanderwelt für den Kaiser der Welt.«

»Und Angela Freydag für die Amazonenkönigin, zu der der Kaiser der Welt spricht: Ich, dein geliebter Untertan.«

»Sprich nicht weiter,« murmelte sie. »Es ist zu schön.« Und sie wühlte ihren Kopf in seine Achsel.

Kornelius Vanderwelts Hand liebkoste ihren schimmernden Scheitel. Und während er fühlte, wie eine tiefe Wärme sein ganzes Wesen erfaßte und erfüllte, dachte er: nicht ~zu~ schön, über ~alles~ schön ist es, und so schön, daß man schon deshalb sein Hab und Gut verlieren möchte, um dafür diese Trösterin zu gewinnen. Wenn es am herbsten kommt, schlägt sie das Märchenbuch der Liebe auf und liest mitten hinein ein Kapitel daraus vor. Mit jedem Verluste, der mich trifft, werde ich reicher.

»Kornelius --?«

»Engel?«