Part 5
Kornelius Vanderwelt stand und sah auf das zusammenschauernde Mädchen, das ihm entgegenschritt. Er öffnete den Schirm, den er schützend in die regendurchflutete Nacht hinaushielt, und als er in der engen Tür ihre frostbebende Schulter spürte, hob er seinen Umhang und nahm sie mit unter das wärmende Tuch.
»Ich will Ihnen nur auf den rechten Weg helfen,« sagte er leise, und sie sah nach seinen Augen.
So schritten sie schweigend in Nacht und Regen, der Mann und das Mädchen.
3
Als der Mann und das Mädchen aus der Gasse heraustraten, packte sie am Hafendamm der fegende Rheinwind erst mit seiner vollen Gewalt, und der Mann stemmte seine Schultern an, um des Windes und Wetters Herr zu werden. Mit der einen Hand streckte er den Schirm vor, mit der anderen hielt er den Zipfel des Umhangs gepackt, aus dem das Angesicht des Mädchens starr und regennaß in die Dunkelheit lugte.
»Legen Sie vor allen Dingen einmal die Starrheit ab,« gebot die Stimme Kornelius Vanderwelts und drang durch das Wetter zu ihrem Ohr. »Was Sie in der Gastwirtschaft ›Zu den fünf Erdteilen‹ gesucht haben, werden Sie mir später erzählen, jetzt sagen Sie mir, was Sie in Ruhrort wollen oder wohin Sie wollen.«
Das Mädchen versuchte zu sprechen. Aber Regen und Wind machten sie atemlos. Ihr Mund bewegte sich und die Brust bäumte sich auf in der Anstrengung des Sprechens.
»Langsam, langsam,« beruhigte die Stimme Kornelius Vanderwelts. »Es ist so spät geworden, daß es auf ein paar Minuten wirklich nicht mehr ankommt. Verstehe ich recht? Klavierspielerin sind Sie? Und kommen von der Hochschule für Musik? Unterricht wollen Sie erteilen, um Ihre Laufbahn fortsetzen zu können? O Sie junge Jüngerin der heiligen Cäcilie, welcher dunkle Trieb führte Sie denn geradeswegs nach Ruhrort?«
Wieder sprach die Stimme des Mädchens, und die Worte flatterten zerfetzt davon.
»Nein,« sagte Kornelius Vanderwelt, »so geht es nicht. Meine Stimme ist an das Hafenwetter besser gewöhnt. Ich werde sprechen und Sie werden nicken oder mit dem Kopfe schütteln. Verstanden?«
Das Mädchen schloß nur die Augen zur Bejahung.
»Ich werde es ganz kurz machen,« fuhr Kornelius Vanderwelt fort. »Sie sind hier. Daran ist nicht zu zweifeln. Sie suchen Arbeit. Arbeit ist für jeden ernsthaft Suchenden zu beschaffen. Vorher aber suchen Sie eine Unterkunft. Das ist zu dieser vorgerückten Nachtstunde und in dem Zustand, in dem Sie sich befinden, schon eine schwierigere Aufgabe.«
Er wartete, und das Mädchen schwieg und mühte sich, das Frösteln zu unterdrücken.
Kornelius Vanderwelt beugte sich zu ihr nieder. Ganz nahe über ihre Augen, die ihm entgegenstarrten.
»Nicht diesen Blick. Bitte -- ohne jede Angst und Zurückweisung. Als wir aus den ›Fünf Erdteilen‹ in die Nacht traten, versprach ich Ihnen meine Hilfe. Sehen meine Augen aus, wie die Augen eines Wegelagerers? Ach so, da war gestern oder vorgestern Mittag so eine Geschichte ... Auf der Landstraße ... Das war Landstraßenübermut. Das überkam mich so, wie ich Sie in Ihrer jüngferlichen Abwehr sah. Jetzt stehen Sie unter meinem Schutz, und dort ist mein Haus, und wir gehen hinein.«
»Nein,« sagte sie nur.
»Ja,« wiederholte er, »wir gehen hinein. Denn im Regen schwimmen wir fort, und es scheint mir für den in ganz Ruhrort und Umgebung bestens bekannten Kornelius Vanderwelt -- so ist mein Name, mein Fräulein -- nicht sonderlich passend, vor den Fenstern seiner schlafenden Kinder mit einer unbekannten jungen Dame durch die schwärzeste Nacht zu lustwandeln. Sehen Sie das ein?«
Sie machte sich ganz steif unter dem gemeinsamen Umhang.
»Mein liebes Fräulein,« sagte er ernst. »Ich bin nicht abergläubisch, aber hier scheint mir doch so etwas wie die Stimme des Schicksals mitzureden. Vielleicht finden Sie bei mir die Arbeit, die Sie suchen. Meinen Kindern tut eine tüchtige Klavierlehrerin not. Zeigen Sie mir morgen, was Sie können, und jetzt treten Sie ein.«
Das Mädchen bewegte den Mund, es begann zu sprechen.
»Nein, ich fürchte mich nicht. Ich fürchte mich auch nicht vor der ungewöhnlichen Stunde. Aber da ist etwas -- nein, nein, es zieht mich nicht zurück -- und ich bin auch nicht abergläubisch -- es redet mir zu -- und einer ist dem anderen doch ein Fremder.«
Und die Augen des einen befragten verwundert die Augen des anderen.
Fremde? Sind wir uns Fremde? Was ist es, was den einen für den anderen sprechen läßt?
»Ich gebe Ihnen mein Manneswort, daß Sie unter meinem Dach so sicher sind, wie meine Kinder.«
Sie antwortete nicht mehr. Aber sie ging ruhig an seiner Seite durch den Vorgarten, und die Rosenranken griffen nach ihr mit den Dornen, und sie griff hinein und spürte nur die sprühende Rose, die sie in der Hand behielt.
Kornelius Vanderwelt schloß die Türe auf und entzündete im Hausflur das Licht. Wie eine Nachtwandlerin, die eines jeden Schrittes sicher ist, folgte sie ihm in den Kleiderablegeraum, ließ sie sich von seinen Händen Hut und Mantel abnehmen, folgte sie ihm weiter, nur die Reisetasche in der Hand, und wartete geduldig in der Dunkelheit eines Raumes, bis ihr Führer auch hier das Licht aufflammen ließ.
Ihre Augen wanderten ringsum. Ernst und ohne Überraschung, als hätte sie die neue Umwelt so und nicht anders erwartet.
»Sie sind in meinem Arbeitszimmer,« sagte Kornelius Vanderwelt freundlich. »Setzen Sie sich nieder. Nein, nicht auf den steiflehnigen Stuhl. Hier in den tiefen Sessel können Sie sich gemütlicher hineinkuscheln. So ... Ganz Wohlbehagen ... Es wartet kein Zahnarzt mit der Zange. Aber es ist zwei Uhr nachts, und Sie haben nach dem Familienabend in den ›Fünf Erdteilen‹ die Berechtigung, müde zu sein.«
»Nein -- ich bin nicht müde. Aber die Hausfrau schläft.«
»Mein liebes Fräulein, die Hausfrau schläft schon seit Jahren den ewigen Schlaf. Ich lebe mit meinen Kindern allein, zwei Jungen und einem Mädchen, und eine ältere Hausdame betreut uns. Soll ich Ihnen das Gastzimmer anweisen, oder wollen Sie mir noch ein wenig Gesellschaft leisten?«
»Wenn Sie es wünschen -- will ich Ihnen noch -- Gesellschaft leisten.«
»Recht so. Man lernt sich kennen und weiß am nächsten Tage, wer der andere ist. Das erleichtert die Möglichkeit Ihres Hierbleibens. Und nun wollen wir plaudern und zum Plaudern einen Tee trinken.«
Die Tiefe des Sessels verschlang die Mädchengestalt. Und aus der Tiefe heraus verfolgten die ernsten, grauen Augen jede Bewegung des Mannes, sahen auf seine starken, gutgepflegten Hände, die am Kamin die Schnur des elektrischen Kochers einschalteten, auf den jugendlich federnden Gang, der das Zimmer durchmaß, hin und her, her und hin, bis die dampfenden Teegläser auf dem Tische standen und eine verdeckte Schüssel. Kornelius Vanderwelt aber ließ ein jedesmal, wenn er den Schritt wandte, seinen Blick über das Mädchen schweifen, und er gewahrte den strengen Schnitt ihres Gesichtes, das flimmernde Rotblond des windverwehten Haares, die eigentümliche Ruhe der Augen, hinter der die Stürme müde geworden oder noch unerweckt zu schlafen schienen. Und wieder schweifte sein Blick über sie hin und gewahrte das billige Kleid und unter dem Kleid die Magerkeit der Glieder, die dennoch über den Fesseln eine feingeschwungene Linie zeigten, und die festgerundete Mädchenbrust, die unhörbar atmete. Und immer wieder schweifte sein Blick über die Hände, die im Schoße ruhten und ihm in ihrer Gliederung so ausdrucksvoll schienen, als sprächen sie eine eigene, beseelte Sprache.
Leise zog er sich seinen Sessel heran und setzte sich ihr gegenüber. Die Schüssel hatte er abgedeckt.
»Greifen Sie zu,« bat er freundlich. »Die kleinen Imbißbrote werden jeden Abend für mich zurecht gestellt. Ich bin, wie Sie leider schon bemerkt haben werden, ein bißchen außenhäusig geworden. Und trinken Sie tapfer Tee. Er langt für mehrere Gläser und wärmt Ihren durchfröstelten Lebensmut wieder an.«
Sie beugte sich vor und nahm das Glas aus seinen Händen. »Zucker?« fragte er und ließ, als ihre Lippen sich bewegten, ein Stück in ihr Glas gleiten.
Sie trank mit weitgeöffneten Augen. Nicht gierig, aber in langen, durstigen Zügen, als wär alles in ihr erstarrt gewesen und taute nur langsam auf unter dem heißen Trank.
»Nicht das Essen vergessen,« ermunterte Kornelius Vanderwelt, und sie nahm gehorsam eins der schmackhaften Brote und senkte die Augen, während sie aß.
Kornelius Vanderwelt tat, als leistete er ihr bei Speise und Trank Gesellschaft. Aber während er sie mit einer geräuschlosen Ritterlichkeit bediente, kam die Verwunderung über sein Tun in ihm hoch und wuchs und wuchs, daß er unruhig glaubte, ein Lachen in sich aufsteigen zu spüren, ein Lachen über Kornelius Vanderwelt, der von der Straße nächtlichen Besuch hereinnahm und ihm wie einem Edelfräulein aufwartete.
Und die Verwunderung wurde noch stärker, weil das Lachen ausblieb und nicht einmal einem Mitleid Platz machte, sondern nur ein grübelndes Lächeln wurde: wie schön ist es, mit diesem Mädchen zusammenzusitzen, und weshalb ist sie mir so vertraut?
Da gewahrte er, daß sie ihn anblickte.
»Nichts mehr?« fragte er. »Nicht ein kleines Brötchen mehr? Aber das Teeglas wird noch einmal gefüllt --«
»Ja, ich danke Ihnen,« sagte sie, und er sah an dem Hauch, der in feinem Rot ihr Gesicht überzog, daß sie sich erholt hatte.
»Wollen Sie mir jetzt Ihren Namen nennen? Eine Anrede ist die Hälfte des Bekanntseins.«
»Ich heiße Angela Freydag.«
»Angela? Ah, das bedeutet soviel wie ›Engel‹?«
Ihre Hand tastete nach der Reisetasche, die sie an ihren Sessel gelehnt hatte. Sie drückte auf das Schloß.
»Mein Gott,« fragte Kornelius Vanderwelt erstaunt, »haben Sie das Ding da sogar ins Zimmer mitgenommen?«
»Meine Brieftasche ist darin, und in der Brieftasche sind meine Papiere.«
»Mein liebes Fräulein Freydag, Sie verwechseln den Ort. Sie befinden sich hier nicht vor einer Behörde, sondern bei einem Ruhrorter Bürger mit Namen Kornelius Vanderwelt, der Ihnen freiwillig Gastfreundschaft anbot.«
Sie aber nestelte die Brieftasche hervor und öffnete sie vorsichtig auf den Knien. Zwischen wenigen kleinen Geldscheinen lagen in sauberem Umschlag ihre Ausweispapiere.
Kornelius Vanderwelt nahm sie mit kurzer Verbeugung aus ihren Händen.
»Wenn es wirklich Ihr Wunsch ist --« Und er las.
»Angela Freydag, Musikbeflissene. Tochter des verstorbenen Kapellmeisters Sebastian Freydag und seiner ebenfalls verstorbenen Ehefrau, der Sängerin Barbara Freydag geborene Brandt.«
Er ließ die Hände in den Schoß sinken und schaute sie an.
»Es folgt die Personalbeschreibung, Fräulein Freydag, die ich aber schon auswendig weiß. Also beide Eltern -- beide dahin? Und keine Geschwister? Und Anverwandte? Ebensowenig?« Er legte die Papiere in ihre Hand zurück und behielt ihre Hand eine kurze Weile still zwischen der seinen.
»Und obendrein ist sowas noch ein Mädel -- läuft mutterseelenallein über die Landstraße, um ihre Groschen zu sparen -- jedem Zugriff ausgesetzt -- nein, nein, ich weiß, es sind Krallen und Zähne vorhanden -- gerät in die hochansehnliche Gastwirtschaft ›Zu den fünf Erdteilen‹ -- ja, nun sagen Sie mir nur, weshalb gerade in diese?«
»Es war die billigste,« antwortete sie ruhig.
»Und was trieb Sie nach dem schwarzen Ruhrort?«
»Ich komme von der Musikhochschule in Köln. Meine Mittel sind eher erschöpft, als meine Ausbildung abgeschlossen sein wird. Da hab' ich mich auf den Weg gemacht, neue Mittel hinzuzuverdienen. Denn« -- und ihre Augen sahen ihn mit einem stählernen Glanz an -- »ich kann etwas und will noch viel mehr können.«
»Bravo. Aber weshalb gerade Ruhrort?«
»In Köln und in Düsseldorf und in den anderen großen Städten wachsen die Klavierlehrerinnen wie das Gras zwischen den Steinen. Da dachte ich an das Industriegebiet. Ich kam von der Ruhrstadt Kettwig her, als ich Ihren Fahrer auf der Landstraße anrief. Ich hatte nichts erreicht. Aber in Kettwig sprachen die Leute von der großen Entwicklung des Hafenplatzes Ruhrort. Und irgend etwas stieß mich auf den Weg.«
»Auf meinen Weg,« sagte Kornelius Vanderwelt grüblerisch. Und er befreite sich aus dem Dunkel der Gedanken und setzte munter hinzu: »Die erste Begegnung hat Sie wohl sehr erschreckt?«
Zum ersten Male sah er, daß sie lachen konnte. Nicht laut und auch nicht lautlos. Die Kehle blieb unbewegt. Nur in den Augen sprang ein Licht auf, tief im Hintergrund der grauen Augen, aber es beschien das ganze Gesicht mit einem heiteren Schein.
»Nein, die erste nicht, Herr Vanderwelt. Ich wußte wohl, daß ich im Winde stand wie eine Vogelscheuche, als mir die Kleider wegflogen. Und daß Sie mich trotzdem und ohne viel Fragens in den Wagen hoben, das empfand ich gerade darum als die erste Kameradschaft unter Menschen.«
»Das Empfinden hielt nicht lange an, und Ihre Zähne und Fäuste bedankten sich auf eine eigene Weise.«
»Hätte ich aus dem Wagen springen können, ich hätte es getan, Herr Vanderwelt.«
»So abscheulich erschien ich Ihnen? Als ein so gemeiner Wegelagerer?«
»Ich schämte mich vor mir selber und -- und -- nun muß ich es doch sagen -- und für Sie.«
»Für mich, Fräulein Freydag? Hatte ich denn beim ersten Blick einen so guten Eindruck auf Sie gemacht?«
Sie zog nachsinnend die Stirn zusammen, daß sich über der geraden Nase steil eine Furche hob.
»Ich fragte mich: greift ein Mann wie dieser Mann so wahllos nach jeder? Und wenn es ein so fadenscheiniges und abgemagertes Ding ist wie ich? Das schüttelte mich.«
»Es war nicht wahllos,« sagte Kornelius Vanderwelt. »In dieser Stunde weiß ich es, und Sie wissen es auch.«
»Ja,« entgegnete sie aus ihrem Sinnen heraus, »in dieser Stunde weiß ich es, und nun darf ich Ihnen dankbar sein.«
Kornelius Vanderwelt erhob sich.
»Da schlägt die Uhr drei. Seit zehn Uhr wenigstens gehören Sie ins Bett. Jetzt werde ich Sie in Ihr Zimmer bringen, und Sie stehen nicht vor Mittag auf. Ausnahmsweise werde ich zu Tisch kommen. Ich hole Sie aus Ihrem Zimmer ab und bitte mir einen lebensfrischen und lebensfröhlichen Hausgenossen aus. Noch eines, Fräulein Freydag.«
Sie hatte sich bei seinen ersten Worten erhoben, und er stand vor ihr und lachte ihr in die Augen.
»Wie ein Abenteuer fing es an. Aber Sie sollen auch nicht eine Minute länger als notwendig die Rolle einer Abenteurerin spielen. Der Wertschätzung wegen, die Sie bei sämtlichen Bewohnern dieses Hauses finden sollen. Und da bleibt nichts als eine ganz, ganz kleine Schwindelei für die Neugierigen. Ohren gespitzt. Gestern abend habe ich die Kölner Hochschule für Musik angerufen und den Direktor gebeten, mir noch in der Nacht eine seiner besten Klavierschülerinnen zu schicken. Solche Plötzlichkeiten ist man bei mir gewöhnt. Sie sind mit dem Nachtzug in Duisburg eingetroffen und haben sich absprachegemäß in der ›Erholung‹ zu Ruhrort bei mir gemeldet. Worauf ich Sie ohne viel Federlesens hierherbrachte und diebessicher einschloß. Wort für Wort verstanden?«
Mein Gott, dachte Kornelius Vanderwelt, wie übermütig das Mädel aussehen kann!
Und doch trat keine Ausgelassenheit in ihrem Wesen zutage. Nur die Augen waren es, in denen es aufleuchtete, strahlte und sprühte, wie in mädchenlustiger Heiterkeit.
Und Kornelius Vanderwelt dachte: ein wie großes Kind muß diese junge Lebenskämpferin doch geblieben sein, daß ihr das bißchen Verkleiden schon ein so helles Vergnügen machen kann.
»Sie sind also bereit, meine Spießgesellin zu spielen?«
»Ich bin bereit, Ihre Spießgesellin zu spielen,« wiederholte sie mit einer hell anklingenden Stimme.
»Kommen Sie mit mir, Fräulein Freydag.«
Er ging ihr voran, und sie folgte ihm wortlos. Über den teppichbelegten Gang, eine teppichbelegte Treppe hinauf und wieder über einen teppichbelegten Gang. Er öffnete ein Eckzimmer, trat ein und machte Licht. Es war ein behaglicher Schlafraum in Weiß mit alten, goldgerahmten Kupferstichen an den Wänden. Über dem Bett wölbte sich ein kleiner Himmel, und die Falbeln des Behangs zitterten leicht in der Zugluft.
Sie starrte mit einem kinderseligen Gesicht darauf hin.
»Angela bedeutet doch ›Engel‹, und Engel müssen im Himmel wohnen,« meinte Kornelius Vanderwelt lächelnd. »Ich sehe, für die Erde ist Ihnen ja die Reisetasche treu geblieben. Schlafen Sie wohl, Fräulein Freydag. Gute Nacht.«
»Gute Nacht ...« klang es wie aus weiter Ferne zurück.
Unhörbar schritt Kornelius Vanderwelt den Gang entlang und die Treppe hinab zu seinem Arbeitszimmer. Er blickte sich um. Er suchte etwas und wußte, daß es nicht mehr um ihn war. Bis auf einen Duft, der sich scheu an ihn hing.
Er zog ihn in sich hinein, und der Duft war sein.
Wie ein Primaner, der hinter einem Mädchen herwittert, dachte er, reckte sich müde in den Gliedern, drehte das Licht ab und suchte sein Schlafzimmer auf. Und schlief traumlos bis zum Morgen.
Sein erster Gedanke beim Erwachen waren die Kähne. Die Kähne, die schon unterm Kohlenkipper verholt lagen, und die anderen, die sich im Anmarsch befanden. Seine Uhr zeigte die achte Morgenstunde. Sein Kopf war so wunderbar frisch und klar, als wäre kein Zutrunk in der ›Erholung‹, kein Kampfgetöse in der Hafengasse, kein Zechgelage in des Matthes ›Fünf Erdteilen‹ gewesen. Im Badezimmer reckte sich sein Körper unter der Brause. Den Bademantel übergeworfen, saß er in seinem Arbeitszimmer vor dem Fernsprecher.
»Bitte Zeche« -- und er nannte den Namen. »Ich danke Ihnen, mein Fräulein. Hier Kornelius Vanderwelt selbst. Ich lasse den Herrn Direktor um eine halbe Minute bitten. Guten Morgen, Herr Direktor. Ob ich schon auf den Beinen bin? Selbst die Nacht war mir nicht zu schade, um Ihre Geschäfte zu fördern. Gegen Mitternacht sprach ich noch meine Schiffer. Zwei Kähne liegen schon unterm Kipper. Und sperren die Mäuler auf. Lassen Sie die Eisenbahnwagen anrollen. Ich habe einen halben Tag zugunsten Ihrer Verladung herausgewirtschaftet.«
Er horchte auf die Antwort.
»Sehr schmeichelhaft. Für Schmeicheleien aus Ihrem Munde bin ich sehr empfänglich. Lassen Sie mich den ›Zauberkünstler‹ nur recht oft für Sie spielen. Also dann: Glückauf!«
Er kehrte in sein Ankleidezimmer zurück, beendete seinen Anzug und begab sich ins Frühstückzimmer.
»Guten Morgen, Fräulein Bilsenbach. Schön ist der Tag heut, wie?«
»Es herrscht ein trostloser Regen, Herr Vanderwelt.«
»Ruhrorter Arbeitswetter. Die Wasser des Rheines steigen, die Wasser der Ruhr steigen, die Arbeitskräfte der Schiffahrttreibenden steigen, und weil die Blätter des Herbstes fallen und die Winterkohle eingekellert werden muß, steigen sogar trotz des hohen Wassers die Frachtlöhne.«
Er strich sich ein Brot, nahm eine Schinkenscheibe auf den Teller und begann zu frühstücken.
»Der Zechendirektor nannte mich vorhin am Fernsprecher den Zauberkünstler Ruhrorts. Ich denke mir das Wort nur um ein weniges anders, als dies brave Arbeitspferd am Göpel des ewigen Einerlei. Aus Kohle Gold zaubern. Jawohl. Aber aus dem Gold Freude zaubern, Freude, Freude, Freude, damit das Leben sich lohnt.«
Das alternde Fräulein blickte eine Weile still in den trostlosen Regen.
»Ja, zaubern Sie Freude, Herr Vanderwelt. Sie fehlt allenthalben auf der Welt. Und die Welt altert so schnell.«
»Wenn das die Welt tut, müssen wir sorgen, daß wir umso jünger bleiben.«
Das Fräulein erhob sich und begann aufzuräumen.
»Sie brachten noch Gesellschaft mit heim, Herr Vanderwelt. Haben Sie alles Wünschenswerte vorgefunden?«
Kornelius Vanderwelt legte mit einem Ruck die Morgenzigarre auf den Tisch, die er gerade in Brand bringen wollte.
»Fräulein Bilsenbach! Ja, da soll doch gleich ein doppelt geschwänzter Teufel -- nein, nein, er soll nicht, denn Sie hören ihn nicht gern --. Hat der Zauberkünstler bei aller Ruhmredigkeit sein Hauptstück vergessen! Also aus und vorbei ist es mit allem unglückseligen Flötenspiel. Gestern abend noch erreichte ich durch den Fernsprecher den Direktor der Kölner Musikhochschule. Eine Stunde darauf saß seine beste Klavierbeflissene, ein Fräulein Angela Freydag, auf der Eisenbahn und dampfte durch die Nacht gen Duisburg. Nach Mitternacht hatte sie in Ruhrort die ›Erholung‹ aufgefunden und ließ sich bei mir melden. Es klappte wie auf dem Theater. Ich habe dem halb erfrorenen Wesen noch einen Tee zu trinken gegeben und sie oben im Eckzimmer untergebracht. Bis zum Mittag soll sie ungestört schlafen. Ich komme heute zu Tisch und besorge dann die Vorstellungsfeierlichkeiten. Guten Morgen, Fräulein Bilsenbach.«
»Ich hätte,« stammelte das Fräulein, »ich hätte ja noch herzlich gern weiter unterrichtet ...«
Kornelius Vanderwelt betrat das Kontorgebäude. Ein kurzer, freundlicher Gruß hinüber und herüber, und er schritt weiter an Beckenrieds abgegitterter Nische vorüber, in die er einen lauten Gutenmorgengruß hineinschallen ließ, in sein abgesondertes Gemach. Eine Anzahl Blicke folgten ihm, forschten nach Gang und Haltung und kehrten zu ihren Briefen und Berechnungen zurück. Es sollte, so lief die Morgenmär, im Hafenviertel diese Nacht lustig zugegangen sein. Der Herr aber war, wie er immer war.
Eine Weile schon hatte der Geschäftsführer mit Herrn Vanderwelt die Morgenpost durchgesprochen. Jetzt hob Kornelius Vanderwelt überraschend den Kopf und gewahrte die prüfenden Augen seines Mitarbeiters.
»Diese Nacht soll es ja hier in der Nähe eine muntere Prügelei gesetzt haben? Ich hoffe, Sie waren nicht allzu stark beteiligt?«
»Ich zeichne nur in ~Ab~wesenheit des Herrn für die Firma.«
»Es ist wahr, man kann nicht überall sein. Wohin hatten ~Sie~ denn diese Nacht den Schauplatz Ihrer Tätigkeit verlegt?«
»Ins Bett, Herr Vanderwelt, wo brave Bürger hingehören.«
»Brave Bürger können sich auch im Bett prügeln,« sagte Kornelius Vanderwelt und entließ ihn mit herzlichem Händedruck.
Um die Börsenstunde durchschritt er wie immer das Gedränge vor der Schifferbörse. Spannkräftig, mit kühlen Augen, die, wenn sie der Gegenstand wert genug dünkte, eine Flut von Wärme verschwenden konnten. Und das Unnachahmliche in der Haltung, das zu vertraulicher Aussprache aufrief und dennoch dem Nähertretenden unsichtbare Grenzen zog. Mützen wurden gelüftet, und Kornelius Vanderwelt lüftete den Hut. Fragen wurden gestellt und Auskünfte erbeten, und Kornelius Vanderwelt antwortete dem einen und beriet den anderen. Irgendwoher, aus einem der Schifferhaufen, kam ein heiserer Zuruf.
»Verflixt, Herr Vanderwelt, Sie haben aber wieder mal vorgelegt. Bis in den Ausguck hab' ich noch den Nebel im Kopp!«
Kornelius Vanderwelts kühle Augen suchten den Rufer.
»Wenn dir die Luft an Land zu scharf geht, bleib in der Hängematte, Mann. Aber langweile ernsthafte Geschäftsleute nicht mit Dingen von gestern.«
Und es war ein beifälliges Gemurmel und ein achtungsvolles Zunicken.
In der Halle der Schifferbörse traf Vanderwelt auf den Reeder Hinrichsen, der knapp und geschäftsmäßig eine Verhandlung führte. Und wie an jedem Morgen saß der Reeder Auffermann in seiner Koje, rechnete mit seiner Kundschaft auf Heller und Pfennig und reichte seinem Geschäftsfreunde Vanderwelt nur kurz die Hand herüber. Was zum Ruhrorter Hafengebiet gehörte, wußte Tag und Nacht schiedlich zu trennen.
Um ein weniges pünktlicher nur als sonst händigte Kornelius Vanderwelt dem harrenden Geschäftsboten seine Aufzeichnungen ein, nahm im Vorübergehen die eben erst berechneten Kursnotierungen mit und begab sich nach Hause. Noch waren die Kinder nicht aus der Schule daheim. Es war ihm lieb. Der nächtliche Gast sollte für die Kinder schon im Licht des Tages stehen.
Im Badezimmer wusch er sich den Kohlenstaub des Hafens von Gesicht und Händen, horchte ins Haus und schritt die Treppe hinauf und den Gang entlang dem Eckzimmer zu.
Er klopfte, vernahm ein Wort, das von innen zu ihm wollte, und öffnete die Tür.
»Guten Morgen, Fräulein Angela Freydag. Wie haben Sie geruht?«
»Ich glaube, ich habe seit meiner Kinderzeit noch nicht so fest geschlafen. Guten Tag, Herr Vanderwelt.«
Er streckte ihr die Hand entgegen, und während er die ihre hielt, nahm er ihr Bild in sich auf und über sie hinweg das Bild ihres Zimmers.
»Sie haben ja mit sich und Ihrer Umgebung schon ordentlich aufgeräumt, Fräulein Freydag.«
Das Zimmer lag wie unberührt. Straff und faltenlos zog sich die Schondecke über das weiße Bett, die Falbeln des Himmels schwebten wie weiße Schmetterlingsflügel, und die Goldleisten der englischen Kupfer zeigten kein Stäubchen auf. Jedes Ding lag und stand wie unberührt, und nur das Mädchen schien eine andere.
Sie trug eine helle Bluse zum dunklen Rock, unter dem umgelegten Kragen schlipsartig einen bunten Seidenstreifen, an den Füßen gutgehaltene Halbschuhe. Das aber war es nicht, was Kornelius Vanderwelts Aufmerksamkeit erregte. Nicht was aus der Reisetasche hervorgegangen war, vermochte sein geschultes Auge zu fesseln. Das Mädchen selbst war es, der frohe, freie Mensch, der sich aus der Nacht zum Tage durchgerungen hatte.
Zwei klare, kluge Augen schauten ihn unter hochgewölbter Stirn an. Die Nüstern der graden Nase atmeten leise. Die Lippen waren wie ein blutvoller Spalt, der die Zähne hindurchschimmern ließ. Und das Haar lag locker gewellt über der Stirn und in geflochtenem Knoten im Nacken.
Durch ihr ganzes Wesen aber lief ein Drängen. Ein Drängen der Ungeduld auf das neue Leben.
»Wenn Sie«, sagte Kornelius Vanderwelt nach einer Pause, »am Klavier dieselbe Künstlerin sind, wie als Menschenkind in Ihrem Stübchen -- ich meine, wenn Sie die Schönheit der Verhältnisse hochachten und ihnen dennoch aus der persönlichen Gefühlswelt heraus ein neues und eigenes Leben zu geben wissen, dann kann es nicht mangeln.«
»Prüfen Sie mich ...«
»Wie ein Rassepferd vor dem Rennen. Ich sehe Ihr Blut in den Adern.«
»Prüfen Sie mich.«
»Zunächst«, sagte Kornelius Vanderwelt heiter, »haben Sie eine andere Prüfung zu bestehen. Ich werde Sie Fräulein Bilsenbach vorführen, der Behüterin des Hauses. Bald werden sich auch Ihre Schüler zur Begutachtung einstellen.«