Chapter 16 of 25 · 3977 words · ~20 min read

Part 16

Sie gesundete rasch, aber sie kehrten erst im späten Frühjahr zurück. Die Fülle der Mitteilungen, die ihn erwartete, brauchte er ihr nicht lange zu verhehlen. Die Sperlinge pfiffen die Irrungen und Wirrungen der Familien Klaus Beckenried und Thomas Vanderwelt von den Dächern.

In diesem Sommer und in dem Winter, der folgte, streute Kornelius Vanderwelt das Geld mit vollen Händen aus. Als wollte er Angela Freydag aller und jeder Dinge teilhaftig werden lassen, die das Leben zu bieten hätte.

»Es ist bei Licht betrachtet lächerlich wenig, aber es ist für dich, Engel, und ein Lump gibt mehr, als er hat. Vielleicht schafft es dir Erinnerungen.«

8

Hatte die Zeit eine schnellere Gangart angeschlagen, oder jagten nur die Wolken schneller am niederrheinischen Himmel dahin? Kornelius Vanderwelt erhob sich oft aus dringendster Arbeit heraus, stand eine Weile grübelnd am Fenster und prüfte Wind und Wetter. Wenn er sich langsam wieder niederließ, wußte er nicht, was ihn zum Grübeln getrieben und worüber er nachgegrübelt hatte.

Es ist nicht nur die Zeit, dachte er, die mir durch die Finger läuft, bevor ich sie anhalten und nach allen Seiten wenden und auspressen kann. Das mag mit den Jahren zusammenhängen, die im fortschreitenden Lebensalter kürzer und gleitender werden, weil sie uns nicht mehr auf Schritt und Tritt mit Überraschungen überschütten. Es sind die Menschen und Dinge, die sich nach dem Völkerzusammenbrodeln eins am anderen gemessen und geändert haben und sich in der neuen Gestalt dem alten Maß entziehen.

Und sooft es ihn ans Fenster trieb, und sooft er sich wieder zur Arbeit niedersetzte, es blieb ein Gefühl auf ihm lasten, das sein Blut schwerflüssig machte und seine Gedanken aus den goldenen Weiten in den grauen Tag zog.

Angela Freydag hatte es längst bemerkt. Ihre grauen Augen sannen hinter ihm einher, wenn er auch daheim in die Ruhelosigkeit hineinglitt und vom Arbeitstisch zum Fenster, vom Fenster zum Flügel und vom Flügel wiederum zum Fenster hinüberwanderte, ohne einen sichtlichen Grund.

»Nimm mich mit,« sagte sie und hängte ihren Arm in den seinen.

»Du bist ja immer bei mir,« gab er zurück und versank doch wieder in sein Schweigen.

»Mir ist so, Kornelius, als ob du es jetzt zuweilen vergessen wolltest.«

»Daß du bei mir bist, Engel?« Er blieb bestürzt stehen, und dann preßte er ungestüm ihren festen Arm. »Sag' es nie wieder, Engel. Auch nicht im Scherze, Engel. Weil ich dich wie ein Geschenk bei mir fühle und es von Jahr zu Jahr nur wachsen sehe, statt sich mindern, möchte ich es lohnen und nicht geruhsam bis auf den letzten Groschen aufzehren.«

»Ist es das?« fragte sie und strich ihm das Haar aus der Stirn. »Erstens, Kornelius, ist es kein Geschenk, das du bei dir fühlst, sondern ein Stück von dir. Das braucht nach so langen Jahren nicht erst wiederholt zu werden. Und zweitens -- ja, was bleibt denn zum zweiten, Kornelius? Wenn du ein Stück von dir belohnen willst, so verweichliche es nicht und laß es gerade am schwersten Tun teilnehmen, damit es von seinem Daseinszweck überzeugt und viel stolzer noch und selbstbewußter wird. Was belastet dich? Sind es geschäftliche oder persönliche Dinge?«

Er blickte in ihre Augen, die nichts von Lebensfurcht wußten, und zum erstenmal war es ihm, als sähe er nicht Angela Freydag in ihnen, sondern sich selbst, und jede Miene in ihrem Gesicht schien ihm ein Abbild seiner selbst zu sein.

»Engel,« sagte er und formte langsam an jedem Wort, »es gibt kein größeres Wunder als die Liebe.«

»Mit dem Wunder allein ist es nicht getan. Es muß auch Wunder verrichten können.«

»Es verrichtet sie unaufhörlich, Engel. Und gerade jetzt hat es mir alles Dunkle aus der Seele genommen.«

»Wunder, die selbsttätig wirken? Ohne groß zu wissen, weshalb und wozu? Das wäre doch für Menschen unserer Art eine zu bequeme Auffassung des Seligwerdens. Zeig' mir zuerst das Dunkle vor, damit ich meine Kräfte daran setzen kann, es hell zu machen.«

»Du liebe, stolze Frau -- -- --«

»Laß das Geschlecht beiseite, Kornelius, und auch die Schmuckworte. Stolz werde ich erst am Ende aller Tage sein, wenn ich weiß, ich war auch in der Dunkelheit Kornelius Vanderwelts bestes Teil. Und dann vor allem, wenn er an das Weib in mir gar nicht dachte.«

Da umschlang er sie mit beiden Armen und hörte nichts als den ruhigen, gemeinsamen Herzschlag.

»Ich kenne keine Geheimnisse vor dir. Die geschäftlichen Dinge laufen vielleicht nicht so, wie sie sollten. Aber das liegt an den verwirrten Zeiten und läßt sich mit einigem Verstand und dem dazugehörigen festen Willen schon wieder klären. Nur will mir der Wille dazu oft überflüssig erscheinen.«

»Überflüssig? Der Wille? Das sagt ein Kornelius Vanderwelt?«

»Der Wille, für eine Welt zu arbeiten, die nichts mehr mit der meinen zu tun hat.«

»Was ist das für eine Welt, Kornelius?«

»Die Welt einer Juliane und einer Antonie. Auch die zersetzende Spötterwelt eines Thomas, und nicht weniger die bloße Geschäftswelt des geldanbetenden Klaus Beckenried. Von der Welt des Justus weiß ich nur, daß sie eine abenteuerliche Triebwelt mit lockeren Tageszielen bedeutet, aber sie gehört dazu, um das Bild zu runden, das mir des Anfassens sowenig wert erscheint.«

»Bleibt die unsere, Kornelius. Und die ist noch nicht am Ende.«

»Und was bleibt, wenn sie zu Ende ist? Was bleibt von unserem Glühen und Blühen und In-den-Himmel-Langen?«

Ihre Arme hielten ihn ganz fest und ruhig an ihrem Herzen.

»Der Widerschein, Kornelius. Und wenn es nichts anderes ist als der Widerschein. Glaub' es mir, von der Glut, die unser Leben erst zum Blühen brachte und uns das reichste Glück der Menschenkinder bescherte, wird eines Tages schon ein Schimmer in die Seelen der nach uns Lebenden fallen und sie in ihrem Hasten stutzig machen und ihnen den Sehnsuchtsgedanken nach einem Leben eingeben, das in seiner unaussprechlichen Schönheit nur mit dem gesteigerten Gefühlsleben zu erlangen ist. Dann, Kornelius, dann ist unsere Erfüllungszeit gekommen.«

»Wer bist du?« fragte Kornelius Vanderwelt. »Bist du eine Schicksalsfrau oder eine Schwärmerin?«

»An deinem Herzen beides.«

»Ich liege ja an deinem, Engel.«

»Es ist dasselbe,« murmelte sie und hielt ihn noch fester. -- -- --

Es war in einer Nacht, und Mitternacht war längst vorüber, als Kornelius Vanderwelt durch das rasselnde Geläut des Fernsprechers aus dem Schlafe gescheucht wurde. Er warf einen Morgenmantel über den Nachtanzug und eilte die Treppe hinab in sein Arbeitszimmer.

Als er schweren Schrittes zurückkehrte, stand Angela Freydag vor der Tür ihres Zimmers und sah ihm entgegen.

»Justus,« sagte er.

»Justus? Ist er in Not? Hat er nach dir gerufen?«

»Ich hoffe, daß er nur in Not ist. Die Kölner Polizei hat mich angerufen. Auf der Gasse verunglückt.«

»Schnell auf dein Zimmer, Kornelius. Ich reiche dir alles zu und wecke den Wilhelm.«

Er schüttelte den Schwächezustand ab und ging ihr schweigend voran. Und schweigend legte sie ihm zurecht, was er für die Fahrt brauchte. Keiner sah die Menschlichkeit des andern.

»Geh jetzt, Engel. Der Wilm soll geräuschlos vorfahren.«

»Gib mir meinen Anteil. Laß mich mit dir fahren.«

»Ich gebe dir sogar den größeren Anteil, indem ich dir das Warten aufbürde. Das Warten und die Vorbereitungen. Triff sie so, daß kein Mensch mit seinem Trost bei der Hand zu sein braucht, wenn es -- wenn es ein Unglück sein sollte.«

Und plötzlich umfing er sie, als wollten seine Arme sie erdrücken.

»Drück' nur fester, wenn es dir gut tut ...«

»Der Justus, Engel!« brach es aus ihm heraus. Und er hatte sich wieder in der Gewalt und küßte sie auf die weitoffenen Augen.

»Geh jetzt, Engel. Laß den Wagen vor das Tor fahren.«

In ihrem Morgenrock huschte sie die Treppen hinab und weckte im Untergeschoß des Hauses den Fahrer und eilte in das Arbeitszimmer und bereitete auf dem elektrischen Kocher den Tee.

Jetzt hörte sie den gedämpften Schritt Kornelius Vanderwelts. Sie öffnete die Tür und bat ihn mit den Augen einzutreten. Er nahm das Teeglas aus ihren Händen und trank es leer.

»Vergiß dich selber nicht, Engel. Du wirst deine Kräfte so nötig haben wie ich. Und ich warte.«

Da trank sie willig den Tee, strich mit den Händen über seine Schultern hin, ob er warm genug gekleidet sei für die nächtliche Fahrt, und ging mit ihm bis zur Haustür. Erst als das Rollen der Räder in der Ferne verklungen war, schloß sie die Tür und ging auf ihr Zimmer zurück.

Lange lehnte sie die Stirn gegen das Fensterglas. Ihre Gedanken begleiteten den Geliebten auf seinem einsamen Wege. So inbrünstig heiß, daß er ihre Gegenwart empfinden und der Einsamkeit enthoben sein mußte. »Lieber, du lieber Kornelius -- -- --«

Sie suchte ihr Lager nicht mehr auf. Sie kleidete sich an und tat, was er sie als erstes zu tun gebeten hatte: sie wartete. An seinem Schreibtisch saß sie, das Ohr gegen den Fernsprecher geneigt, die Augen auf das Fensterglas gerichtet, hinter dem mählich die Dämmerung brodelte. Und während sie wartete und den geliebten Mann in harter Seelennot wußte, überfielen die Erinnerungen sie bei jedem Schritt, den sie an seiner Seite getan hatte, und jeder Schritt führte über blühende Wiesen, durch rauschende Wälder, immer höher hinauf auf die Bergeshöhen, die den nahen Himmel als Wirklichkeit erscheinen lassen und die Welt da drunten als wesenlosen Traum. Und als sie nach den Erinnerungen griff, die in den Ländern diesseits und jenseits der Meere ohne ihn verstreut lagen, gewahrte sie, daß sie ins Leere griff, und daß es kein Opfer für sie bedeutet hatte, von den Kunstreisen abzulassen und dem Geliebten anzuhangen.

Nur was mit Kornelius Vanderwelt zusammenhing, war ihr Leben, von der Landstraße im Wirbelwind begonnen.

Wer kann es begreifen, grübelte sie mit weiten Augen, als eine Frau? Als eine Frau, die bettelarm war, über alle Maßen reich gemacht wurde durch das Beste und Allerbeste eines Mannes, und der die Scham geheimnisvoll in den Glauben verwandelt wurde, selber reich gemacht zu haben, selber, selber, ihn, ihn. Zum Allerreichsten ...

Wer kann es begreifen als eine Frau?

Sie saß an seinem Schreibtisch mit gekreuzten Füßen, die Hände um die Knie geschlungen, das Ohr gegen den Fernsprecher geneigt. Draußen tagte neblig und kühl der Wintermorgen. Die ersten Schritte klapperten über das Pflaster und ein Junge ließ einen Stock über die Eisenstäbe des Gartengitters rattern. Wagen rollten Lasten heran. Aus den Häfen schrillten die Arbeitspfeifen herüber, brüllten ein paar Sirenen. Menschen schritten aus und folgten einander. Und dann wurde es wie alle Tage.

Das Mädchen hatte im Nebenzimmer den Frühstückstisch gedeckt. Angela Freydag ging hinaus und teilte ihr mit, daß der Herr abgerufen sei, und wieder tat sie auf sein Geheiß und nahm etwas zu sich, um sich bei Kräften zu halten. Als sie in das Arbeitszimmer zurückkehrte, schlug die Dielenuhr neun.

Es war die Stunde, zu der Kornelius Vanderwelt sein Geschäftskontor aufzusuchen pflegte, und triebmäßig hob sie den Hörer vom Fernsprecher und rief das Kontor an.

»Sagen Sie, bitte, den Herren, daß Herr Kornelius Vanderwelt in der Frühe schon eine Reise hätte antreten müssen und nicht vor morgen mittag erwartet werden könnte.«

Und wieder saß sie in den Wintermorgen hinein, mit gekreuzten Füßen, die Hände um die Knie geschlungen, und horchte nach innen und außen.

»Jawohl! Hier Angela Freydag selbst!«

Urplötzlich hatte sie den Hörer des Fernsprechers am Ohr. Urplötzlich stand sie mit blassen Lippen und bändigte den Atem.

Die Stimme Kornelius Vanderwelts sprach zu ihr. Ihr Herz schlug ihr so hart bis ins Ohr, daß sie die ersten Worte wie ein Brausen vernahm und den Sinn erraten mußte. Da aber wurde sie mit Gewalt Herr ihrer selbst.

»Jawohl, Kornelius.«

»Am Nachmittag«, sprach die Stimme, »wird die Leiche freigegeben. Bis zum Abend überführe ich sie nach dort. Teile der Friedhofsverwaltung mit, daß sie noch am Abend in der Friedhofskapelle aufgebahrt werden soll. Anderen braucht vor meiner Rückkehr keine Mitteilung gemacht zu werden.«

»Ja, Kornelius.«

»Noch eine Bitte, Angela. Ruf das Geschäftskontor an und entschuldige mein Fernbleiben mit einer Reise.«

»Ich tat es schon, als es neun Uhr schlug, Kornelius.«

»Ich danke dir für deine Vorsorge. Auf Wiedersehen, Angela.«

»Bleib gesund ...«

Noch immer horchte sie, als müßte noch der letzte Hauch von ihm zu ihr herüberdrängen. Dann legte sie den Hörer hin, fühlte einen leichten Schwindel um ihre Stirn gleiten und grub beide Hände in ihr Haar.

Ein wildes Aufschluchzen löste den Krampf. »Kornelius!« Und noch einmal ein Schrei, als richte er sich gegen Gott im Himmel: »Kornelius!!«

Nur um den Vater des Toten schluchzte ihr Schmerz auf, nur um den geliebten Mann. --

Ruhig, sprach sie zu sich selber, ruhig jetzt, du hast ja Pflichten zu erfüllen. Und sie ging hin und tat alles, was er sie geheißen hatte. Und tat einen Schritt darüber hinaus und suchte den Friedhofsgärtner auf und ließ unter ihrer Obhut die noch leere Bahre von grünen Palmenbäumen umgeben.

Der Trostlosigkeit des Ortes war um ein klein wenig gesteuert. Kornelius Vanderwelt sollte mit seiner Bürde nicht in die Öde hinein. Und sie ging die Gräberwege, und ihr Herz war voll Leid um den Lebenden.

Es dunkelte, als Kornelius Vanderwelts Wagen vor dem Friedhoftore anfuhr und zur Seite bog. Der Wagen war leer. Wenige Minuten noch, und ein größerer und schwarzer Wagen fuhr vor und hielt vor dem Tor, das sich auftat und vier Träger hervortreten ließ. Der Fahrer war abgesprungen und hatte den rückwärtigen Schlag geöffnet. Die Träger traten zurück. Ein Lebender stieg aus dem schwarzen Raum und eine Frauenhand ergriff die Hand des Mannes und hielt sie weiterhin in der ihren, als müßte es so sein.

Der Eichensarg wurde aus dem Wagen gehoben. Die vier Träger trugen ihn schweren Schrittes an den Bronzeringen, und der Mann und die Frau folgten ihm in der Dunkelheit nach, und ihre Hände blieben fest verschlungen. So traten sie in die erleuchtete Kapelle und blickten regungslos auf das Tun der vier Männer, bis der Sarg aufgebahrt war und der grüne Hain ihn umzitterte.

Durch die Dunkelheit gingen sie, die Hände fest verschlungen, den Weg zurück, den sie gekommen waren. Und der große schwarze Wagen war verschwunden, und der Wilm war vorgefahren und hielt die Mütze feierlich in der Hand.

»Nach Hause, Wilm.«

Sie fuhren wortlos heim. Ganz dicht aneinander gedrängt, als müßten sie sich ihres Besitzes vergewissert halten.

Kornelius Vanderwelt schritt durch sein Arbeitszimmer zum Schreibtisch und ließ sich ermüdet nieder. Seine Augen ruhten auf Angela Freydag, und die Frau trat neben seinen Stuhl und legte die Hand über seine müden Augen.

»Sprich jetzt nicht. Alles das hat Zeit, Kornelius. Es ist gut, daß du zurück bist.«

Er schloß die Augen unter ihrer kühlenden Hand. Er war geborgen.

Die Glocke des Fernsprechers läutete an. Der Ermüdete fuhr auf. Der Zorn zerrte über sein Gesicht.

»Noch mehr? Noch mehr? Mit dir allein will ich sein. Schaff' mir Ruhe, Engel.«

Sie hatte schon das Hörrohr am Ohr. »Es ist der Thomas,« sagte sie leise.

»Schaff' mir Ruhe. Mit dir allein will ich sein und nicht mit den Jammergesichtern.«

»Jawohl,« erwiderte sie in den Fernsprecher hinein. »Sie sprechen mit Angela Freydag. Ja, Thomas, wenn die Abendzeitung den Unglücksfall schon berichtet ... Ihr Vater ist in diesem Augenblick von Köln zurückgekehrt und im Begriffe, sich zurückzuziehen. Bitte, gönnen Sie ihm heute die Ruhe. Ja, kommen Sie morgen in der Frühe. Ihr Vater läßt Sie herzlich grüßen.«

»Der Thomas legt sich dir schweigend ans Herz, Kornelius. Dafür liebe ich ihn.«

Er antwortete nicht. Er suchte nach einem Anfang, und sie sah sein quälerisches Bemühen.

»Sprich jetzt nicht,« wiederholte sie mit ihrer tiefsten Zärtlichkeit. »Heute muß ich doch deine Sorgerin sein. Du bist so oft mein Sorger und darfst mir heute gehorchen.«

Sie beugte sich zu ihm nieder, und er strich ihr schwerfällig mit den Händen über Gesicht und Haar.

»Todmüde bin ich, Engel, und werde doch nicht schlafen können. Aber ich werde dir gehorsam sein.«

Sie ging neben ihm her bis zur Tür seines Schlafzimmers.

»Es klänge unsinnig, Kornelius, eine ›gute Nacht‹ zu wünschen. Wenn du mit der Nacht nicht fertig wirst, rufe mich. Nur ruhen sollst du. Ausruhen.«

Er zog sie an sich und küßte sie aufs Haar.

»Geh auch du zur Ruhe. Hab' Dank für deine Gegenwart. Ich fühlte sie den ganzen Tag, wie ich dich jetzt fühle, und das allein hat mir über den Berg geholfen.«

Angela Freydag aber schritt noch einmal durch das Haus und traf ihre Anordnungen. Sie ging zu den Mädchen und teilte ihnen den Tod des ältesten Haussohnes mit, denn der Fahrer Wilhelm hatte finster geschwiegen. Und zu später Stunde erst suchte sie ihr Bett auf.

Lange hatte sie noch in die Nacht hineingewacht, mit den Gedanken, die jetzt wohl der Mann auf seinem einsamen Lager denken mochte, und mußte doch endlich wohl vor Übermüdung eingeschlafen sein, denn das Licht brannte in ihrem Zimmer, als sie die Augen aufschlug und sich nicht gleich zurechtzufinden wußte.

An ihrem Bette saß Kornelius Vanderwelt. Er war angekleidet und sah sie an.

»Ist es schon Morgen, Kornelius? Habe ich die Zeit verschlafen?«

Er schüttelte den Kopf und streichelte ihre Hände, die auf der Decke lagen.

»Es ist noch Nacht. Bleib ruhig liegen. Es wird nicht mehr als drei Uhr sein.«

»Weshalb bist du denn angekleidet? Hast du dich gar nicht zur Ruhe gelegt? Du versprachst es doch.«

»Wenn man in das Dunkle hineinsieht, Engel, sieht man die Dinge schärfer als im Licht. Mit einer grausamen Schärfe, Engel. Weil man die unerbittliche Kette der Folgerungen gestaltet und die Beweggründe nicht gelten läßt. Darum bin ich wieder aufgestanden und habe mich angekleidet und zu dir ans Bett gesetzt.«

»Sitzest du bequem, Kornelius? Nimm doch das Kissen von mir in den Rücken.«

»Nein, nein. Ich danke dir. Seit ich bei dir sitze und dich ansehe, hat sich die Schärfe gemildert.«

Da lag sie ganz still und atmete fast unhörbar. Ihr hellfarbiges Haar glitzerte wie eine seidige Woge auf den Kissen und bettete den ernsten Frauenkopf mädchenweich. Es schmiegte sich über ihre Brust, und er sah die seide-gesponnenen Fäden leise erzittern. Ganz nahe jetzt, ganz nahe. Sein Kopf hatte sich an ihrer Brust eine Ruhestatt gesucht.

Und in ihren Herzschlag hinein begann er zu sprechen, sich von den Bildern des Tages zu lösen.

»Ich kam nach Köln, Engel. Ich wurde in den Raum geführt, in dem der Verunglückte lag. Ich erkannte ihn sofort als meinen Sohn, als den Justus. Er hatte noch im Tode den hochfahrenden Zug um den Mund. Denn ein Toter lag vor mir, kein nur Verwundeter, Engel. Ein Mensch mit rohen Messerstichen im Leib, aufgefunden in einer dunklen Gasse, in der sich das Gesindel herumtreibt.

»Erst habe ich den Körper angestaunt, der einmal so jugendschön gewesen war. Vergeudet, vertan in einem wilden Leben, das nur sich anerkannte und seinem Begehr keine Schranken setzte. Und dann habe ich mit Mühe meinen Mund geöffnet und meine Fragen gestellt.

»Er muß durch einen nächtlichen Lärm in die Gasse gelockt worden sein. Männer stritten sich um ein Frauenzimmer, und er hat sich ohne viel Fragen zum Beschützer aufgeworfen. Über sein herrisches Tun ist es unter den Angetrunkenen zu einem Hallo gekommen, und sie haben einen wilden Reigen um das Paar geschlungen. Der Justus aber hat mit seinem Stocke rücksichtslos hineingeschlagen und dem Gesindel die Messer gelockert. Das Dirnchen war herausgehauen, als er in seinem Blute auf der Gasse lag und die Polizeibeamten das Gesindel verscheuchten. Er lag mit gebrochenen Augen.«

Er schwieg und preßte den Kopf fester auf Angela Freydags Brust. Und Angela Freydag hielt den Atem an, um sein Schweigen in die Ruhe hinüberführen zu können.

»Engel, Engel!« brach es aus ihm heraus. »Wegen einer Straßendirne! Ach, was sage ich. Und wenn es um eine Dame der Gesellschaft gegangen wäre! Aus herrischer Laune, die auf keinem anderen Verdienst fußt als auf dem ererbten Namen! Engel, Engel, ich habe ihn befragt, den Toten, und er behielt nur seinen hochfahrenden Zug um den Mund.«

Jetzt spürte er ihre Hand über seinen Rücken gleiten. So sacht und doch so beredt, wie nur Angela Freydags Hände waren. Und er besann sich auf Zeit und Raum und gewann seine Ruhe zurück.

»Die Ärzte hatten noch ihr traurig Handwerk auszuführen, um Herkunft und Beschaffenheit der Wunden festzustellen. Bis zur Freigabe der Leiche hatte ich überflüssige Zeit. Ich tat, was man bei solchen Todesfällen zu tun pflegt. Ich suchte Justus letzte Wohnung in Köln auf, wies mich als Vater aus und packte seine paar Habseligkeiten. Einige Schulden blieben noch zu zahlen, und ich zahlte sie. Sein mütterliches Vermögen war wohl bei seinen Abenteuern draufgegangen. Und dann las ich seine Briefschaften, die aus allen Frauenschichten stammten und in Anbetungen vergingen, und verbrannte sie. Mit der Asche war alles verloschen, was Justus Vanderwelts Leben hieß.«

Er hob den Kopf von Angela Freydags Brust und setzte sich aufrecht. Sie sprach noch immer nicht.

»Nun habe ich dir die Nachtruhe geraubt, Engel, aber ich wußte mir keinen anderen Rat. Vielleicht glückt es dir, noch einmal einzuschlafen, vielleicht glückt es auch mir jetzt. Es tut wohl, an deinem Bette zu sitzen, Engel.«

»Bleib,« bat sie, und ihre Hände umklammerten die seinen.

»Ich bleibe gern noch, Engel, aber du mußt schlafen.«

»Sieh,« sagte sie, und aus ihren Händen strömte es wie warme Wellen in die seinen über, »es liegt für dich so nahe, dir Gedanken zu machen, ob deine Erziehungsart die rechte gewesen sei. Und du hast sie dir schon gemacht, und das hat dich zu mir getrieben. Es wäre für mich nicht nötig gewesen, ein Jahr lang während der Entwicklungszeit deiner Kinder die stille Zeugin gewesen zu sein. Ich kenne dich ja wie kein anderer Mensch in dem selbsterworbenen und gefestigten Reichtum deiner Wesensart. Deine Kinder brauchten nur zuzulangen, um überreich zu werden, aber sie wählten sich aus dem Dargebotenen nur das heraus, was ihrer eigenen Wesensart entsprach. Und davon wollte ich sprechen.«

Er hatte sich mit geschlossenen Augen im Stuhle zurückgelehnt. Nur über sein Gesicht zuckte es zuweilen hin, wenn ein Wort von ihr ihn tiefer aufhorchen machte.

»Ja, Kornelius, davon besonders wollte ich sprechen. Denn ich kann es aus Erfahrung. Eine Erziehung kann gut oder schlecht sein, auf die Wesensart des Kindes kommt es an, wie sie wirkt und wohin sie sich auswirkt. Ein schlechter Vater kann an einem gut gearteten Kinde nicht mehr verderben, als daß er ihm die Kindheit verdirbt. Und der beste Vater wird seinen Kindern nicht mehr geben können als eine glückliche Kinderzeit, wenn sie weniger gut geartete oder eigenwillige Persönlichkeiten sind. Daß der Mensch das Ergebnis seiner Erziehung wäre -- ach, Kornelius, das ist die bequemste Lüge der Oberflächlichkeit. Die Erziehung kann ihm das Sprungbrett für seine Persönlichkeit werden, aber springen muß er selbst, das will heißen, Kornelius, daß ein jeder zu seiner Erziehung das Beste aus sich selbst hinzufügen muß, oder es bleibt beim schönen Schein. Wenige Kinder haben so sehr alle Möglichkeiten gehabt wie die deinen. Längst ist die Reihe an ihnen, und du und kein Vater kann etwas anderes tun, als den besorgten Zuschauer spielen. Sieh, Kornelius, das war es, was ich wahrheitsgemäß einmal aussprechen mußte.«

»Wie gut es sich dir zuhört, Engel --«

»Ich war selber ein Kind, Kornelius, das über wüste Wege mußte und doch zum Glück kam.«

»Zu einem heimlichen, Engel, und ich beließ es dabei.«

»Nein, ~ich~ beließ es dabei. Sollte ich dich wegen einer bloßen Form in Widerstreit zu deinen erwachsenen Kindern bringen, die schon selber Kinder in die Schule schicken? Ja, lächle nur, Kornelius, es ist so. Und heimlich? sagst du. Mein Glück wäre ein heimliches? Sieh dir all das Glück an, das sich offen zeigt, und dann vergleiche es mit dem meinen. Mit dem unsrigen, Kornelius. Das unsrige hat gelernt, daß Liebe ein Hauch ist, den man behüten muß.«

Er öffnete die Augen und blickte sie mit tiefer Innigkeit an.

»Bei dir -- ach, bei dir ist gut ruhen ...«

Sie saß aufrecht in ihrem weißen Nachtkleid, warf das Haar in den Nacken und strich ihm die Augen zu. Ihr zärtlicher Atem wehte über ihn hin. Wie wohl das alles tat -- wie wohl -- --

Er nahm sich vor, diese Stunde auszugenießen, keine Minute dieser Stunde aus seinem Gedächtnis zu verlieren, -- und war entschlummert. Ruhig und gleichmäßig gingen seine Atemzüge.