Part 1
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Anmerkungen zur Transkription:
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden. Folgende Zeichen sind für die verschiedenen Schriftformen benutzt worden:
~gesperrt gedruckter Text~, =antiqua gedruckter Text=
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Gordon
der Held von Khartum.
Ein Lebensbild.
[Illustration]
Neue Volks-Ausgabe.
Mit Bildnis und Kartenskizze.
[Illustration]
Calw & Stuttgart.
Verlag der Vereinsbuchhandlung.
1891.
Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei.
~Vorrede~.
Nachdem das vorliegende Buch in zwei Auflagen verbreitet worden ist, tritt es nun in etwas veränderter Gestalt seinen Weg aufs neue an. Zu Grunde liegen folgende Quellen:
1) ~Die stets siegreiche Armee, eine Geschichte des chinesischen Feldes unter Oberstlieutenant C. G. Gordon, sowie der Unterdrückung des Taiping-Aufstandes, von Andrew Wilson.~
2) ~Die Geschichte des »Chinesen-Gordon« von A. Egmont Hake~, zwei Bände.
3) ~Oberstlieutenant Gordon in Zentral-Afrika (1874-1879) von G. Birkbeck-Hill.~ Letzteres Werk besteht hauptsächlich aus Gordons Briefen aus der genannten Zeit.
4) ~Die Tagebücher von Generalmajor C. G. Gordon zu Khartum, nach dem Original-Manuskript gedruckt. Mit Einleitung und Noten von A. Egmont Hake.~
5) ~Betrachtungen in Palästina von Charles George Gordon.~
Außer diesen Hilfsquellen ist eine ganze Reihe kleinerer Bücher über Gordon, sowie eine nicht geringe Anzahl von Aufsätzen und Zeitungsartikeln gelesen und zum Teil auch benutzt worden. Der vorliegenden Auflage sind außerdem nachträglich bekannt gewordene Charakterzüge und Streiflichter eingefügt worden. Da und dort ist gekürzt, anderes hingegen ist ergänzt worden, so besonders die Schlußzeit in Khartum. Es wurde nichts unterlassen, das Lebensbild des trefflichen Mannes in gegebenen Grenzen zu einem möglichst vollständigen und abgerundeten zu machen.
Die neue Auflage tritt ihren Weg zu einer Zeit an, in welcher das Interesse am dunklen Weltteil reger ist denn je. Auch ~Deutschland~ hat einen Beruf in Afrika. Männer voll Hingabe wie Gordon, wie Emin Pascha, sind es, die Afrika nötig hat. Emin, der wie bekannt s. Z. als Gordons Unterstatthalter an den Äquator ging, schrieb uns unterm 2. April 1890 von Bagamojo: »Daß ~meine~ Kräfte bis zum Tod der Sache Afrikas und seiner schwarzen Kinder gewidmet sind, versteht sich von selbst.« Hat Deutschland nicht noch andere opferwillige Herzen und Hände, die für die große Arbeit der Befreiung Afrikas mit einzutreten bereit sind? »Komm herüber und hilf uns!« ist der Schrei des dunklen Weltteils. Hat die Christenheit kein Ohr? Wann wird es heißen: Die Sklavenketten sind gefallen! Gordon war wie Livingstone ein Stern am Nachthimmel Afrikas, und von beiden gilt das Wort. »sie reden noch, wiewohl sie gestorben sind.« Möchte das Lebensbild des Helden von Khartum laut reden, der darum ein Held war, weil er ein ganzer Mann und ein ganzer Christ gewesen ist.
~London~, im September 1890.
Erstes Buch.
Jugendzeit und Krimkrieg.
Die Gordons sind von alter schottischer Herkunft: Clan Gordon war seit unvordenklichen Zeiten ein kriegerisches Hochlandsgeschlecht. Wer mit schottischer Geschichte, oder auch nur mit Walter Scott bekannt ist, der weiß, daß ein Clan sozusagen die erweiterte Familie ist; der alte Stammverband, ob er nun nach Hunderten zählte oder nach Tausenden, war von den Vätern her gemeinsamen Blutes, und Gordon hießen im vorliegenden Fall alle vom adeligen Clanshaupt an bis zum streitbaren Hirten. Im Laufe der Zeit hatte der Stamm übrigens auch seine Ableger, die als Gordons von so und so je nach dem betreffenden Wohnsitz sich nannten und sich so vom älteren Zweig unterschieden. Lord Byron z. B. stammte mütterlicherseits von den Gordons von Gieght. Unter dem britischen Adel giebt es jetzt noch mehrere Familien, die dem alten Stamm angehören: die Grafen von Huntley, von Aberdeen u. a. sind »Gordons«. In den kriegerischen Annalen Schottlands stößt man allerwärts auf Gordons, und mancher Gordon zog als Glücksritter in die weite Welt. Wo immer es Schlachten zu schlagen gab, da wurde der Name bekannt, in Preußen, in Polen, in Schweden, in Rußland, in Amerika. Vier Gordons fanden Lorbeeren unter Gustav Adolf. In weniger rühmlicher, wenngleich eingreifender Weise findet sich ein Gordon in Wallensteins Lager und bei Wallensteins Tod. Peter der Große lernte einen Gordon in Moskau hoch schätzen, und der eiserne Zar vergoß Thränen am Sterbebett dieses Fremdlings, der, nebenbei bemerkt, Tagebücher von historischem Wert hinterlassen hat. In Schottland selbst ehrte die englische Regierung das alte Geschlecht, indem sie einem der neuen Regimenter, die aus dem Chaos des Thronfolgekriegs hervorgingen, die Benennung »Gordon Highlanders« verlieh.
Im Jakobitischen Aufstand des Jahres 1745 gab es Gordons auf beiden Seiten. Lord Lewis Gordon und fünf Clanshäupter mit ihren Gordons kämpften für den Kronprätendenten Prinz Charley (Stuart), während ihr Verwandter David Gordon für die neue (hannoverische) Linie stritt. In der Schlacht von Preston Pans wurde dieser David von den Hochländern (seinen Vettern) gefangen genommen, später aber auf Ehrenwort freigegeben. Wie er dazu gekommen war, gegen die Tradition seiner Familie für die neue Königslinie einzutreten, ist jetzt nicht zu ermitteln, jedenfalls stand er in Gunst beim Herzog von Cumberland (dem zweiten Sohn des Königs Georg II.), der ihm ein Söhnchen aus der Taufe gehoben hatte. Nach der Schlacht von Culloden, die der Sache des Prätendenten den Todesstoß gab, verließ David Gordon mit seinem jungen Sohn die alte Heimat und suchte Grund und Boden in der neuen Welt. Sechs Jahre später fand er seinen Tod in Halifax, Neuschottland. Sein Sohn, des Prinzen Patenkind, war allem nach ein »Häkchen«, das sich frühzeitig in der angestammten Weise krümmte; denn kaum vierzehnjährig schlägt sich der Jüngling schon in der britischen Armee. In seinem vierundzwanzigsten Jahre, als er bereits ein erfahrener Soldat war, und zuletzt unter General Wolfe bei Quebec mitgekämpft hatte, kehrte der junge Schotte nach England zurück. In Hexham, Grafschaft Northumberland, wo er in Quartier lag, fand er in der Schwester des dortigen Geistlichen die Soldatenbraut, mit der er 1773 in die Ehe trat. Drei Söhne und vier Töchter entsprangen diesem Bund. Die Söhne verfolgten wiederum die militärische Laufbahn; der älteste fand seinen frühen Tod am Kap, der jüngste hingegen, Henry William, ein Artillerieoffizier, geb. 1786, erreichte ein hohes Alter und erlebte die erstaunlichen Erfolge der »stets siegreichen Armee« unter seinem zweitjüngsten Sohn; dieser aber, Charles George Gordon, ist unser Held.
Henry William Gordon war s. Z. in Woolwich stationiert, und Charles George wurde als der vierte von fünf Söhnen am 28. Januar 1833 daselbst geboren. Die Mutter stammte zwar nicht aus einer Soldatenfamilie, Unternehmungsgeist war aber auch mütterlicherseits ein ererbter Charakterzug. Ihr Vater war Samuel Enderby, ein angesehener Kaufherr, dessen Walfischfahrer von sich reden machten. Seine Schiffe befuhren ferne und unbekannte Meere; »Enderbys Land« im antarktischen Ozean zeugt selbst von geographischer Entdeckung. Dem unternehmenden Kaufherrn gehörten auch jene beiden von der englischen Regierung mit Thee verfrachteten Schiffe, die im Jahre 1773 im Hafen von Boston vor Anker lagen, als die Kolonisten erklärten: »Das Land muß gerettet werden!« In jener Nacht bemächtigte sich ein Haufe von Schein-Indianern der beiden Schiffe und leerte mit dem Thee die aufgezwungene Steuer ins Meer. Das war der Anfang der amerikanischen Freiheit.
Gordons Mutter schildern solche, die sie gekannt haben, als eine tüchtige Frau, die sich selbst in der Gewalt hatte und unter den schwierigsten Umständen immer ihren Gleichmut bewahrte. Mit wahrhaft genialem Takt habe sie immer alles zum besten zu wenden verstanden. Im Krimkrieg waren drei ihrer Söhne und mehrere ihrer nächsten Verwandten vor Sebastopol; man sah sie aber nie zaghaft, sondern immer nur damit beschäftigt, ihren Angehörigen zu Hause, wie den fernen Kriegern Gutes zu thun. Gordons Vater wird als origineller Mann, als tüchtiger Soldat von festem Charakter und angenehmer Persönlichkeit geschildert. Er hatte einen unerschöpflichen Humor, und Heiterkeit war sein Element. Übrigens war das »Gesetzbuch der Ehre« seine Richtschnur für sich und für andere. Soldat war er mit Leib und Seele, und zwar britischer Soldat, für ihn das höchste Ideal auf der Erde; es war ihm daher trotz der glänzenden Erfolge eine Enttäuschung, als sein Sohn späterhin in fremde, nämlich in chinesische Dienste trat. Ein Gordon, meinte er, sollte nur seinem eigenen Volk und Glauben dienen. Wer ihn kannte, schätzte ihn, denn er war freundlich und großmütig in all seinem Thun und von großer Gerechtigkeitsliebe; fürs übrige hatte er dies mit seinem Sohn gemein, daß er von Natur eher dazu angethan war zu befehlen als zu gehorchen.
Über Gordons Jugend liegt nur wenig vor. Die ersten zehn Jahre seines Lebens verbrachte er mit seinen Eltern in Dublin, Leith und zuletzt in Korfu, wo der Vater Festungskommandant war. Obschon wir die Wahrheit des Dichterworts nicht verkennen, daß der Knabe des Mannes Vater ist, so trifft dies bei Gordon doch nicht auf den ersten Blick zu. Er soll als kleines Kind so zart und furchtsam gewesen sein, daß Kanonenschüsse, ein tagtägliches Ereignis in seines Vaters Beruf, ihn stets erzittern machten. Sehr bezeichnend ist indessen die Thatsache, daß der neunjährige Junge, ehe er schwimmen konnte, sich in Korfu öfter ins tiefe Meer warf mit der festen Zuversicht, seine größeren Gefährten würden ihn nicht ertrinken lassen. Ein sogenannter »braver« Junge war er durchaus nicht, vielmehr voller Schelmenstreiche. Sein Vater wurde nach der Rückkehr von Korfu im königlichen Arsenal zu Woolwich angestellt. Während der Schulferien geriet einst Charles Gordon mit einem seiner Brüder auf die undenkbarsten Einfälle. Ihres Vaters Wohnung lag der des Garnisonskommandanten gegenüber; es war ein altes Haus und voller Mäuse. Diese wurden fleißig weggefangen und in des Kommandanten Haus umquartiert. Viele Jahre später schreibt Gordon (aus dem Sudan 1879) einer seiner Nichten, welche die ersten zwanzig Jahre ihres Lebens im königlichen Arsenal verlebt hatte: »Es freut mich zu hören, daß die Rasse der echten Gordons noch nicht ausgestorben ist. Aber sicherlich hat keines von Euch die Arsenalleute so umgetrieben wie wir seiner Zeit: sie ließen alles liegen und stehen, wenn's galt uns zu Willen sein, sie verfertigten uns zum Beispiel die herrlichsten Spritzen, die nichtsahnende Menschenkinder bis auf die Haut durchnäßten. Und unsere Armbrüste waren einzig! Ich weiß noch, wie's einmal an einem Sonntag Nachmittag im Hauptmagazin siebenundzwanzig Scheiben gab, alle scharf durchschossen -- ein kleines rundes Loch zur Ventilation -- und der Hauptmann konnte von Glück sagen, daß wir ihn nicht mit unsern Bolzen an die Wand nagelten.« Ob nicht solch jugendliche Kraftproben mit ihrem gutmütigen Humor schon den spätern Mann erkennen lassen? Jedenfalls sieht man den werdenden Charakter in einem Beispiel von Knabenstolz. Es ereignete sich einmal, daß er unverdienter Weise von seinen Mitschülern ausgeschlossen werden sollte, als diese nach London durften, um »englische Reiter« zu sehen; es ergab sich noch rechtzeitig, daß der Junge die Strafe nicht verdient hatte, er war aber nicht dazu zu bewegen, sich dem Klassenvergnügen, auf das er sich vorher doch so sehr gefreut hatte, anzuschließen. In der Kadettenschule zu Woolwich soll ein unverständiger Offizier dem Zögling einmal das Wort hingeworfen haben: »Aus Ihnen wird Ihr Lebtag nichts Rechtes«, was den jungen Hitzkopf so aufbrachte, daß er sich die Epauletten von den Schultern riß und sie seinem Vorgesetzten vor die Füße warf. Man sollte zwar denken, daß solche Insubordination den jungen Menschen leicht seine Laufbahn hätte kosten können, und Gordon selbst war im späteren Leben ein viel zu tüchtiger Soldat, als daß er diesen Jugendstreich gebilligt hätte. Auch ist es nichts weniger als ein Beweis von Unzulänglichkeit, daß er nach vollbrachter Kadettenzeit den Royal Engineers einverleibt wurde, einem Regiment, das für seine Offiziere bekanntlich eine hervorragende technische Ausbildung voraussetzt.
Im Juli 1852, also in seinem zwanzigsten Lebensjahre, erhielt er sein Unterleutnantspatent. Er saß darnach zwei Jahre lang zu Pembroke am Reißbrett. Dort gab es Pläne auszuarbeiten zur Befestigung des Hafens (Milford), die seitdem ihre Verwirklichung gefunden haben. Diese Beschäftigung wurde zuletzt zur ernstlichen Geduldsprobe für den jungen Mann, dessen Kameraden ostwärts fuhren, gen Sebastopol. Aber auch für ihn kam die Zeit, und am Neujahrstag 1855 trug das »Goldene Vließ« ihn in den Hafen von Balaclawa. Er landete mitten im tiefsten Winter.
Die Belagerung von Sebastopol dauerte elf Monate, eine schlimme Zeit für die britische Armee. Die Schlachten von Balaclawa und Inkerman waren geschlagen (Okt. und Nov. 1854), ein Winter voll namenlosen Elends folgte darauf. Wie mancher Soldat erfror in den Laufgräben! Hunger, Kälte, Krankheit waren die Verbündeten des Feindes. Innerhalb der russischen Festung gab's Nahrungsmittel, warme Kleidung, Medikamente die Fülle, während die Belagerer draußen das Allernötigste entbehrten. Dem ausdauernden Mut der hungernden, zerlumpten Soldaten ist kaum ein ähnliches Beispiel an die Seite zu stellen. Englische Transportschiffe fuhren zwar mit ihren Ladungen von Zelten, Teppichen und Proviant aller Art in nächster Nähe von einem Hafen zum andern, aber den Kapitänen fehlten die richtigen Instruktionen, und die Offiziere, die's mit ansahen, wußten nicht was die Schiffe enthielten!
Das war die Zeit, in der der junge Gordon seine Feuertaufe erhielt. Statt der glorreichen Erfolge sah er wochenlang nur den Jammer des Kriegs. Als Ingenieur war seine Arbeit in den Laufgräben. Infolge des Elends war da die Mannszucht nicht selten in Gefahr. Er war vielfach dem russischen Feuer ausgesetzt, hin und wieder auch dem planlosen Schießen seiner eigenen Leute. In gewisser Hinsicht war dies ein Vorbild seiner Laufbahn. Wie oft hat er im Feuer gestanden zwischen Freund und Feind, und seine wunderbarsten Leistungen waren nicht selten die, welche er allein vollbrachte, nachdem die Seinen ihn im Stich gelassen hatten.
In seinen Briefen aus der Krim beschreibt er seine tägliche Arbeit und erzählt von gefallenen Kameraden. Schon damals giebt er den ernsten Sinn und die Ergebung in Gottes Willen zu erkennen, die ihn sein Leben lang kennzeichneten. Der Lauf der Jahre hat bei ihm nur das vertieft, was sich schon früh kund gab. Der Tod hatte keine Schrecken für ihn, jeden Augenblick war er zum Sterben bereit. Wie alle gottvertrauenden Menschen wußte er, daß der Tod nur dann kommt, wenn die dem Menschen zugewiesene Lebensarbeit vollbracht ist, und in dieser Zuversicht verfolgte er furchtlos die Bahn seiner Pflicht. Einmal sauste eine ihm zugedachte russische Kugel hart an seinem Ohr vorüber; in einem Briefe an seine Mutter erwähnte er der Sache aber nur mit der soldatischen Bemerkung: »Die Russen zielen gut; ihre Kugeln sind groß und spitz.« Einige Tage später fiel sein Hauptmann; er berichtet darüber in die Heimat: »Es ist mir lieb zu wissen, daß er ein ernstgesinnter Mann war. Die Bombe platzte über ihm, und ein Splitter traf ihn im Rücken -- ~durch einen Zufall, wie man's nennt~; er war augenblicklich tot.« Aus dem Sudan schreibt er zweiundzwanzig Jahre später im Blick auf die Unterdrückung des Sklavenhandels: »Ich kann's vollbringen mit Gottes Hilfe und habe die feste Überzeugung, daß er ~mich dazu bestimmt hat~, denn sehr gegen meinen eigenen Willen bin ich hieher gekommen ... Ich bin ein Fatalist geworden, wie's die Leute nennen, das heißt: ich überlasse es dem lieben Gott mir durchzuhelfen.« Ein andermal schreibt er: »Kein Trost kommt dem gleich, den ein Mensch hat, der sich allezeit auf Gott verläßt, der glaubt und es nicht nur mit dem Munde bekennt, sondern auch mit der That, daß ~alle~ Dinge vorher bestimmt sind. Wer so denkt, der hat den Tod schon gekostet, und die Widerwärtigkeiten des Lebens fechten ihn nicht mehr an.« Gordon hat seine Führung als eine im großen wie im kleinen von Gott vorher bestimmte betrachtet, und das ist der Schlüssel zu seinem ganzen Leben; dieser Glaube ist es, der ihn zum Helden gemacht hat. Er that immer das Beste, was in seinen Kräften stand, dem Ausgang aber sah er ruhig entgegen. »Wenn wir nur immer glauben könnten,« heißt's in einem anderen Sudan-Brief, »daß alles von Gott bestimmt und zum besten bestimmt ist, so wären wir mehr denn Überwinder; die Welt läge zu unseren Füßen ... Unglück, das uns trifft, ist in Wirklichkeit nie so schlimm als in der Erwartung, und wenn wir nur stillhalten könnten, so trügen wir's leichter. Ich kann das Dasein Gottes von seiner Vorherbestimmung und Leitung aller Dinge, der guten wie der bösen, nicht trennen; das Böse läßt er zu, aber es bleibt unter seiner Fügung.«
Nach dem Tod des Zaren, im März 1855, schritt die Belagerung stetig aber langsam vor. Ende April schreibt Gordon: »Wir schieben unsere Batterien vor, können aber nicht viel thun, ehe die Franzosen Fort Malakow eingenommen haben.« Bis Anfang Juni verharrten die Briten ziemlich unthätig. Gordon hatte nicht viel zu berichten; eine Zeile aber muß erwähnt werden: »Es ist sehr zu beklagen,« sagt der junge Leutnant, »daß wir keine rechten Feldprediger haben; ich wüßte auch nicht einen zu nennen, dem das Wohl der Soldaten wahrhaft am Herzen läge.«
Am 6. Juni eröffneten die Engländer das Feuer aus tausend Feldstücken; aber obschon Gordon schreibt: »Ich glaube nicht, daß sich Sebastopol noch zehn Tage halten kann,« so hielt die Festung sich doch noch zehnmal zehn Tage; und während dieser ganzen Zeit war der junge Ingenieur-Offizier auf seinem Posten in den Gräben.
Am 8. September erstürmten die Franzosen den Malakow. Die Engländer pflanzten ihre Fahne auf Fort Redan auf, wurden aber nach einer Stunde wieder daraus vertrieben. Zum wiederholten Angriff am folgenden Tage kam es nicht, denn in der Nacht räumten die Russen die Festung. Gordon schreibt:
»In der Nacht auf den 9. hörten wir eine furchtbare Explosion, und als ich um vier Uhr morgens in die Gräben ging, sah ich ein gewaltiges Schauspiel. Sebastopol war in Flammen, und als die aufgehende Sonne die Zerstörung beleuchtete, war der Effekt in der That wunderbar. Die Russen verließen die Stadt; alle Dreidecker waren in den Grund gebohrt, nur die Dampfschiffe übrig. Viele Tonnen Pulvers müssen in die Luft gesprengt worden sein. Morgens acht Uhr erhielt ich Ordre, einen Plan der Festungswerke auszuführen, und begab mich nach Fort Redan; dort hatte ich einen entsetzlichen Anblick. Die Gefallenen wurden haufenweise beerdigt, Russen und Engländer mit einander.«
Nach dem Fall von Sebastopol war Gordon bis Februar 1856 fast ausschließlich damit beschäftigt, die vom Brande verschonten Festungswerke zu demolieren, und mit dieser wenig interessanten, aber harten Arbeit schließt seine Zeit in der Krim.
Aus Gordons eigenen Berichten läßt sich wenig oder nichts über seine persönlichen Leistungen entnehmen; Oberst Chesney dagegen, ein Offizier, der vielfach Gelegenheit hatte ihn zu beobachten, stellte ihm nachmals folgendes Zeugnis aus: »In seiner bescheidenen Stellung als Ingenieur-Leutnant hat er durch seine Tapferkeit und Energie die Aufmerksamkeit seiner Vorgesetzten auf sich gezogen und überdies eine spezielle strategische Tüchtigkeit an den Tag gelegt, die sich in den Gräben vor Sebastopol in einer persönlichen Kenntnis der feindlichen Taktik kundgab, wie kein anderer Offizier sie erlangte. Wir beauftragten immer ihn damit, ausfindig zu machen, was die Russen vorhatten!«
Auch General Jones hob seine Verdienste hervor, aber das war vorläufig alles, was ihm von englischer Seite an Lorbeeren zu teil wurde, da im Ingenieur-Korps das Avancement lediglich nach dem Dienstalter erfolgt. Die Franzosen verliehen ihm das Kreuz der Ehrenlegion. So jung er war, hatte er doch bereits einen guten Anfang gemacht »sein Bestes zu thun«.
Ehe wir die Krim verlassen, mag noch bemerkt werden, daß mit ihm in den Laufgräben zwei andere junge Offiziere sich auszeichneten, die berühmt geworden und neben Gordon auch im Sudan auf den Plan gekommen sind: General Sir Gerald Graham und General Lord Wolseley, beide seine lebenslänglichen Freunde.
Im Frieden von Paris verlor Rußland, was es seither durch den Berliner Kongreß wieder erlangt hat, nämlich einen Streifen Land, dessen Besitz die Beherrschung der untern Donau bedeutet. Bis 1812 gehörte dieser Landstrich den Türken. Jetzt sollte die alte Grenze wiederhergestellt werden. Eine Kommission, bestehend aus englischen, französischen, russischen und österreichischen Offizieren, wurde damit beauftragt. Der britische Abgeordnete war Major Stanton, und unter ihm die Leutnants James und Gordon. Im Sommer 1856 begab sich Gordon deshalb nach Bessarabien.
Diese neue Arbeit bot Abwechslung. Zwar waren die Salzsümpfe am Schwarzen Meer kein angenehmer Aufenthalt und Kischinew, das Hauptquartier der Grenzkommission, das schmutzigste Nest in Südrußland. Gordon und James durchritten das Sumpfland fast ein Jahr lang, heute als Grenzvermesser, die russische Landkarte untersuchend und nötigenfalls verbessernd, morgen vielleicht nur als Depeschenkuriere. Gordon fand diese Beschäftigung weit ansprechender als den Krimkrieg; nichtsdestoweniger war es ihm unwillkommen, daß er nach vollbrachter Grenzbestimmung zu einem ähnlichen Geschäft an die asiatische Grenze versetzt wurde. Er hatte Verlangen nach der Heimat und telegraphierte die Anfrage nach England, ob nicht ein anderer für ihn eintreten könne. Aber seine Tüchtigkeit war bereits notorisch und »Leutnant Gordon muß gehen«, lautete die Antwort.
In Armenien kam er zum erstenmal mit unzivilisierten Völkerschaften in Berührung und bewies schon damals durch den Takt, mit welchem er mit den Kurden-Häuptlingen umging, daß er ein besonderes Geschick hatte, das Vertrauen solcher Stämme zu gewinnen und sie mächtig zu beeinflussen. Sein Beruf führte ihn nach manchem interessanten Ort des berühmten Landes. Er besuchte Erzerum, Kars, Eriwan, die Ruinen von Arni, und bestieg auch den Ararat. In jenen Gegenden gewann er seinen ersten Einblick in die Art und Weise, wie die Türkei dem Sklavenhandel Vorschub leistet. Zwanzig Jahre später lernte er die Greuel der Sklaverei an der Westgrenze der muhammedanischen Welt kennen, und die schönste Arbeit seines Lebens war die, welche er der Unterdrückung jenes schändlichen Handels gewidmet hat.
Nach einem halben Jahr in jenem Land voll reicher Erinnerungen kehrte er nach Konstantinopel zurück, wo die Grenzkommission tagte, um von da nach dreijähriger Abwesenheit den Heimweg anzutreten. Im Frühjahr 1858 wurde er abermals nach Armenien geschickt, wo er bis zum Herbst damit beschäftigt war, die neue Heerstraße zwischen den russischen und türkischen Grenzländern zu untersuchen.
Das folgende Jahr verbrachte er auf der englischen Militärstation Chatham, wo er im April 1859 nach siebenjähriger Dienstzeit zum Hauptmann avancierte.
Zweites Buch.
Gordon in China.
1. Die Taipings.
Die nächsten mit dem Juli 1860 beginnenden vier Jahre umschließen in dem Leben Gordons fast märchenhafte Ereignisse. Es ist die Zeit, die ihm den Ehrennamen »Chinesen-Gordon« brachte. Folgen wir dem Manne in den fernen Osten.
In keinem Lande der Welt ist die Gegenwart so mit der Vergangenheit verwachsen wie in China. Das hohe Alter des chinesischen Reiches ist ein einzig dastehendes Beispiel in der Weltgeschichte, und dieselben Grundsätze, die diesen Staat in seiner Jugend regierten, sind noch jetzt die Haltpunkte des »schwarzhaarigen Volkes«. Um eine revolutionäre Bewegung der Neuzeit wie den Taiping-Aufstand richtig zu verstehen, muß man wenigstens einen Blick gethan haben in die Gedankenwelt der alten chinesischen Weisen. Bei uns wäre es müßig, die Sachsenkriege eines Karl des Großen oder die italienischen Feldzüge eines Barbarossa zu betrachten, um beispielshalber die Politik eines Staatsmannes der Gegenwart ins richtige Licht zu setzen; in China aber gehören Einst und Jetzt so zusammen, daß Yao und Schün, die halbmythischen Kaiser, und der große Yü von vier Jahrtausenden her heute noch das »blumige Land« beeinflussen. Konfucius, der »thronlose König«, der »Lehrer von zehntausend Geschlechtern«, betont es wiederholt, er bringe nichts Neues: »Ich selbst bin nicht die Weisheit«, sagt er, »ich suche sie bei den Alten.« Und was lehrten oder glaubten nun diese Alten? Wenn man das Schu-King, dieses wohl 4000 Jahre alte »Lehrbuch der Anfänge« fragt, so lautet die Antwort: das ganze Weltall ruht auf einer göttlichen Harmonie, die im Herzen des Menschen Widerhall findet. Dieser ~Gedanke des Harmonischen~ zieht sich durchs Schu-King und alle anderen chinesischen Klassiker hin. So heißt's vom Kaiser Yao, daß, »nachdem er selbst harmonisch geworden, er die Unterthanen zum Einklang gebracht habe«, und der Kaiser Schün ist deshalb gewählt worden, weil er's verstanden hat, »seinen Vater, seine Mutter, seine Brüder, ja alle dummen und einfältigen Verwandten zu ~harmonisieren~«. Wenn das Land zerrüttet ist, so sagt man in China: »die Leute sind nicht harmonisch«.
In der Vorstellung der Harmonie wurzelt alles in China; es ist der Tien oder Himmel des Konfucius, das Schang-ti oder Göttliche der alten Schriften; und da nur der Weise wirkliches Verständnis dafür hat, so ist es sein heiliges und besonderes Vorrecht, den Himmel der Erde, die Gottheit den Menschen zu deuten. Er allein weiß, wie die wahre Harmonie sich in irdischen Dingen kundgiebt, sei's nun zwischen Herrscher und Unterthanen, zwischen Vater und Sohn oder Gatte und Gattin, Freund und Freund. Der Weiseste soll Regent sein; er sei an Gottes Statt der Beherrscher des blumigen Landes, der schwarzhaarigen Menschen, ja der ganzen Welt. Er ist der Ebenbürtige des Himmels.