Chapter 13 of 27 · 3889 words · ~19 min read

Part 13

Während er so mit den Sklavenhändlern fertig wurde, hörte er, daß sein schwarzer Schreiber, dem er bis dahin vollkommen getraut hatte, ebensowenig »bakschischfest« war, als die meisten seiner Untergebenen: er hatte sechstausend Mark Bestechungsgelder angenommen. Dergleichen Erfahrungen waren Gordon ein wahrer Schmerz. Dann kam ein Eilbote von Fascher, wo er doch über fünftausend Mann Militär wußte, mit der Nachricht, daß ein panischer Schrecken die Stadt befallen habe; Harun hatte nämlich von weither von sich hören lassen. Da verlor Gordon ob solcher bodenloser Feigheit die Geduld. Er ließ ihnen zurücksagen, sie sollten nicht sterben vor Angst, die Sklavenhändler würden ihnen demnächst zu Hilfe kommen.

In der zweiten Septemberwoche machte er sich selber nach Schekka auf den Weg. Als Soliman von seinem Kommen hörte, lud er ihn ein, in seinem Hause abzusteigen, was Gordon auch ohne weiteres annahm. Er und die anderen Raubgesellen empfingen ihn mit aller Unterwürfigkeit, ja sie kamen ihm wie ihrem König entgegen. Sebehrs Sohn war sogar ganz bescheiden und trug diesmal keine Sammetjacke; seinen Wunsch nach einer Statthalterschaft konnte er jedoch nicht unterdrücken. Gordon ließ sich aber nicht durch Unterthänigkeit bestechen, sondern erklärte dem Bittsteller, er müsse vor allen Dingen Vertrauen zu verdienen suchen. Doch war er persönlich freundlich gegen diesen »Absalom«, wie er ihn nannte, und schenkte ihm sogar sein eigenes Gewehr.

Übrigens blieb er nur zwei Tage in dem Räubernest, und das war gut, denn er hatte keine Schutzwache bei sich, und, wie sich später herausstellte, wurde während seiner Anwesenheit Kriegsrat gehalten, ob es thunlich und ratsam sei, sich an ihm zu vergreifen! Daß es nicht geschah, ist ein Wunder, das sich nur damit erklären läßt, daß seine vollständige Gleichgültigkeit gegen persönliche Gefahr wie lähmend auf seine Feinde wirkte; es war die Großartigkeit seines Wesens, die sie entwaffnete. Und wie Daniel aus der Löwengrube, so ging er aus dem Nest der Sklavenräuber hervor.

Es war auf dem Weg nach Schekka, daß er folgenden Brief schrieb:

»Weiterhin im Land hausen noch an sechstausend Sklavenhändler, die sich wohl ergeben werden, nun ich den Sohn Sebehrs und seine Häuptlinge überwältigt habe. Es ist nicht zu sagen, wie groß die Schwierigkeit ist, mit all diesen bewaffneten Horden das Rechte zu treffen. Ich trenne sie in einzelne Haufen und hoffe sie so mit der Zeit zu bewältigen. Man kann sie doch nicht alle totschießen! Haben sie nicht auch ihre Rechte, die man berücksichtigen muß? Hatten die Pflanzer (in Amerika) keine Rechte? Hat nicht selbst unsere Regierung einst Sklavenhandel gestattet? Ich hätte viel darum gegeben, Sie und die Herren von der Gesellschaft zur Unterdrückung des Sklavenhandels in jenen drei Tagen in Darra zu haben, als man nicht wußte, ob die Sklavenhändler sich zur Wehre setzen würden oder nicht. Eine schlechtbefestigte Stadt, eine feige Besatzung, unter der nicht einer war, der nicht vor Angst zitterte; und auf der andern Seite eine handfeste entschlossene Bande, die sich aufs Kriegshandwerk versteht, gut schießen kann und zwei Feldstücke bei sich hat. Ich hätte gern gehört, was Sie und die anderen dazu gesagt hätten! Ich sage dies nicht, um mich zu rühmen, denn Gott weiß, wie groß meine Sorge war -- nicht um ~mein~ Leben, denn ich bin längst dem abgestorben, was einem das Leben lieb macht, den Annehmlichkeiten und der Ehre und Pracht dieser Welt -- sondern meiner armen Schafe wegen hier in Darfur und anderwärts. Ihr sagt dies und das und handelt nicht darnach; ihr gebt Beiträge und meint, ihr habt eure Pflicht gethan; ihr lobt einander u. s. w. Es ist auch natürlich. Gott hat euch Dinge gegeben, die euch an diese Welt binden, ihr habt Frauen und Kinder. Ich habe keine und bin frei -- gottlob. Verstehen Sie mich recht: wo es mir nötig erscheint, da kaufe ich Sklaven und ich hindere es nicht, wenn gefangene Sklaven nach Ägypten verbracht werden; und im Punkte der dienstpflichtigen Sklaven will ich Freiheit haben, das zu thun, was mir recht scheint und was Gott selbst in seiner Barmherzigkeit mir nahe legt; aber den Sklavenjägern will ich das Genick brechen, und wenn es mich mein Leben kostet. Ich kaufe Sklaven für meine Armee und mache sie zu Soldaten gegen ihren Willen, damit sie mir helfen die Sklavenjagd unterdrücken. Ich thue dies am hellen Tag aller Welt gegenüber, und trotz all euren Beschlüssen. Meint ihr, es würde mir das Herz brechen, meiner Würden entsetzt zu werden? ich würde mich zurücksehnen nach der entsetzlichen Ermüdung des ewigen Kamelreitens, nach all dem Elend, das ich mit ansehen muß, nach der Hitze, und nach der Plackerei meines persönlichen Lebens? Stellt euch einmal meine Reisen vor in diesen sieben Monaten! Tausende von Kilometer zu Kamel, und es wird so fortgehen, wenigstens noch ein Jahr lang. Sie finden es nur hie und da nötig, sich auf Gott zu verlassen -- ich fortwährend, Tag und Nacht. Ich will damit sagen, daß Sie nur hie und da eine schwere Prüfung haben -- etwa wenn Ihnen ein Kind krank ist -- die Sie erkennen läßt, wie völlig schwach und hilflos Sie sind. Ich bin fortwährend in solcher Lage. Der Körper lehnt sich dagegen auf -- es ist oft mehr als man tragen kann.

Zeigen Sie mir den Mann -- und ich will mir von ihm helfen lassen -- der Geld, Ruhm, Ehre verachtet, dem es einerlei ist, ob er je seine Heimat wieder sieht, der sich allein auf Gott verläßt als die Quelle alles Guten und den Machthaber über alles Böse, einen, der bei gesundem Körper und mit thatkräftigem Geist dem Tod entgegensieht, der ihn einst von allem erlösen wird. -- Sie sagen, Sie wissen keinen? nun dann lassen Sie mich in Ruhe. Ich habe wahrlich genug an meinem Leben zu tragen und brauche keine weitere Last.

»Auf einen Unterschied zwischen hier und Amerika muß ich Sie aufmerksam machen: man hört hier nie davon, daß Eigentümer ihre Sklaven zu harter Feldarbeit benutzen. Sie sind entweder Dienstboten oder im Truppendienst der Händler; es sind meist muntere flinke Kerle, gewandt wie Antilopen, auch wieder wild und schonungslos, ein Schrecken dieser Länder, und mit einem Prestige weit über das Militär der Regierung hinaus. Sie sind die Stärke der Sklavenhändler. -- In Kedaref sollen sich ein paar Griechen niedergelassen haben, die eine Menge Sklaven auf Plantagen beschäftigen. Ich habe vor, sie aufzugreifen. Kurz, der Zustand der Neger hier ist weit besser, als er je in Westindien war, und ich behaupte, daß die Leute hier nicht so herzlos sind, als einst die Pflanzer mit all ihrer Bildung und ihrem Christentum.

»Ihre Ansicht über den Mohammedanismus teile ich nicht. Nach meiner Ansicht giebt es Muselmänner, die christlicher sind als manche Christen. Wir alle sind mehr oder weniger Heiden. Haben Sie je das Buch gelesen »Das moderne Christentum ein zivilisiertes Heidentum«? Ich war dieser Ansicht lange, ehe ich es las. Ich mag einen rechten Muselmann wohl leiden; er schämt sich seines Gottes nicht und sein Privatleben ist ein ziemlich reines; allerdings erlaubt er sich viele Weiber, auf der anderen Seite aber begnügt er sich mit seinen eigenen. Kann man das immer von den Christen sagen?

»Was geht mich das Ministerium des Äußeren an, oder ich das Ministerium? Ich brauche seine Hilfe nicht; es wäre unrecht gegen den Khedive, wollte ich sie annehmen. Außerdem »derer ist mehr, die bei mir sind, denn derer, die bei ihnen sind.« Ich brauche keine Helfer außer dem Allmächtigen ... Nein, mein Lieber -- richten Sie Ihr Leben in Wahrheit nach dem Christentum ein, dann erst wird es Sie befriedigen. Das Christentum der meisten Leute ist ein schales, kraftloses Ding und führt zu gar nichts. Ein gutes Mittagessen ist ihnen wichtiger; es giebt nur einige wenige, die Gott dazu antreibt, sich wirklich um ihre schwarzen Brüder zu kümmern. ›Ach die armen Sklaven!‹ und ›darf ich Ihnen noch ein Stückchen Salm anbieten?‹ heißt es da in einem Atem.«

Mitte September zog er nach Obeid, weil sein Diener das feuchte Klima bei Schekka nicht ertragen konnte. Da kam es ihm vor, als erhielte seine Karawane einen ungewöhnlichen Zuwachs und es dauerte nicht lange, so entdeckte er den Sachverhalt -- etwa achtzig Männer und Weiber und Kinder in Ketten. Natürlich packte er den Sklavenhändler; es war einer jener Geier. Und da hieß es denn, es sei dessen eigene Familie! Hätte Gordon sie befreit, so wären sie liegen geblieben und Hungers gestorben. So blieb nichts übrig, als einem Sklaventransport den oberstatthalterlichen Schutz zu gewähren! nur daß den armen Geschöpfen die Ketten abgenommen wurden.

Diese Reise scheint besonders ermüdend gewesen zu sein.

»Keine Sonntage für mich,« schreibt er, »es ist Last und Hitze jeden Tag, ob ich auf meinem Kamel bin oder im Zelt.«

Und überall Sklaven; manche kauft er, andere, die in der Glut fast verdursten, schickt er ans Wasser. Ihr Elend bekümmert ihn, und er hätte sein Leben gelassen, nicht ~einmal~, sondern wieder und wieder, um den Handel mit Menschenware von der Erde zu vertilgen. Und doch weiß es niemand besser als er, daß er nichts thun kann, als neue Einfuhr möglichst verhindern. Daß er mit dem Räubernest in Schekka fertig geworden war, leuchtete wie ein Stern am Horizont seines Lebens und gab ihm die Hoffnung, daß bessere Tage kommen würden.

Ende September gelangte er nach Obeid und war vierzehn Tage später in Khartum. Der Ruhm seines Siegeszugs war vor ihm hergegangen. Die Leute konnten sich nicht genug über seine Kühnheit wundern; solcher Mut, solche Willenskraft, solche unwiderstehliche Energie war den schlaffen Menschen in diesem schlaffen Land unfaßlich. Und die Geschwindigkeit, mit der er seine riesengroße Provinz bereiste, wäre jedem andern als eine Unmöglichkeit erschienen. Seine Beamten fühlten sich ordentlich ihrer Trägheit nicht mehr sicher. »Der Pascha kommt!« war ihnen ein Schreckschuß, der besser wirkte, als Aussicht auf die Peitsche. So beherrschte der freundliche, wohlwollende Mann mit seinem felsenfesten Willen das Land.

3. Weitere Kämpfe und der Aufstand in der Bahr el Ghasal.

Am 14. Oktober 1877 war Gordon nach Khartum zurückgekehrt und schon am 23. begab er sich auf eine neue Reise. Die Arbeitslast, die er vorfand, hatte er in einer Woche bewältigt. Er sei nur noch ein Schatten seiner selbst, schreibt er; und jene Woche nennt sogar er eine harte Zeit. Auf Schritt und Tritt belagerten ihn die Leute mit Bittschriften, ihn mit Geschrei verfolgend. Sich ihrer mit Gewalt entledigen, das brachte er nicht über sich.

»Ich lasse sie eben schreien, denn wie kann ich jedem seinen Willen thun oder jeden Gefangenen frei geben? Hätte ich nicht meinen Gott zum Trost,« fährt er fort, »und das Bewußtsein, daß Er Generalgouverneur ist, wie sollte ich's weiter führen?«

Nachdem er seine Regierungsgeschäfte in Khartum erledigt und einen Mörder hatte hinrichten lassen, machte er sich über Berber nach Hellal auf den Weg, um daselbst mit Walad el Michael zu verhandeln. Die Reise den Nil hinunter war die erste wirkliche Ruhezeit, die ihm seit dem Vorfrühling 1874 im Sudan zu teil wurde. Und während er so mit stillem Gemüt den Nil hinabsegelt, spricht er sich brieflich über seinen Beruf aus. Sein englischer Biograph bemerkt hierzu, man höre da zum erstenmal ein Wort von ihm, das für Selbstüberhebung gelten könnte.

»Wie köstlich war die Ruhe heute auf dem Nilboot. Voriges Jahr um diese Zeit war ich auf meiner Heimreise vom Äquator her. Wieviel ist seither geschehen, bei Dir, bei mir, und in Europa! Mir ist so wohl zu Mut. Wenn ein Stern seine Höhe erreicht, so sagt man: er kulminiert; nun, mir ist auch, als ob ich kulminiert hätte -- ich möchte weiter und höher hinauf. Doch weiß ich, daß ich hier bin, so lange es Gottes Wille ist; mit diesem Bewußtsein fuße ich wie auf einem Felsen und bin zufrieden. Mancher andere möchte wohl auch hoch steigen, aber ohne die damit verbundene Last; mir macht umgekehrt die Last die Ehre lieb und ich danke Gott dafür. Er hat mir's gelingen lassen, und wenn's auch kein sehr glänzender Erfolg ist, so ist's ein handgreiflicher, der bleibenden Wert hat. ~Jene Stelle im Propheten Jesaia habe ich mir zugeeignet, und soweit es in meiner Macht steht, suche ich sie zu bewahrheiten.~«

Er meinte die Stelle Jesaia 19, 20:

»Welcher wird ein Zeichen und Zeugnis sein dem Herrn Zebaoth in Ägyptenland. Denn sie werden zum Herrn schreien vor den Beleidigern; so wird er ihnen senden einen Heiland und Meister, der sie errette.«

Warum aber soll das Selbstüberhebung sein? Ist es nicht vielmehr die Rede eines Menschen, der mit Paulus sagen kann: »Ich habe mehr gearbeitet denn sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist?«

In Berber wurde zu seiner Ankunft die Stadt festlich erleuchtet, und der Generalgouverneur, »der Beklagenswerte, mußte zwei Stunden umherlaufen und den Leuten zulieb ihre trüb brennenden Ampeln bewundern -- ein wahres Opfer!« Darein fügte er sich, die acht oder zehn Hofschranzen aber, mit denen man ihn umgab, hieß er ihrer Wege gehen. Sich bewachen lassen, war nicht seine Art. Auch in Berber war an Arbeit kein Mangel -- Bittschriften, Briefe, Telegramme zu Dutzenden. Im ganzen Land meinten die Leute, er sei nur dazu da, ihre Privatangelegenheiten zu erledigen. Von fünfzig Stunden her telegraphiert einer, es sei ihm ein Sklave entlaufen; ein anderer, er habe Händel mit seiner Frau und ein Nachbar hätte sich drein gelegt -- als ob es nirgends Bezirksgouverneure gäbe. Jenem flüchtigen Sklaven wird der Generalgouverneur nicht nachgegangen sein, auch jene Ehehändel nicht geschlichtet haben; Spital und Gefängnis aber ließ er nicht unbesucht.

Auf der Weiterreise nach Dongola mußte er sich über schlechte Kamele beklagen, die Ruhe und Stille der Wüste mit ihren klaren taulosen Nächten war ihm indessen eine wahre Erquickung nach der langen Kampfzeit und nach der feuchten Hitze in Darfur. In Meraui, dem angeblich südlichsten Grenzpunkt altägyptischer Zivilisation, erreichte er den Fluß wieder. Hier hatten die Leute seit Jahren keinen Statthalter zu Gesicht bekommen und verfolgten ihn mit Klaggeschrei. In Dongola hörte er, daß Walad el Michael Senheit bedrohe, und Gordon hatte keine Truppen. Auch ein Telegramm vom Khedive fand er vor, in welchem seine Anwesenheit in Kairo begehrt wurde. Er machte sich daher nach Ägypten auf den Weg, aber schon nach einer Tagreise bestürmten ihn Telegramme vom Sudan mit der Nachricht eines abessinischen Einfalls. Ras Arya, ein Heerführer des Johannes, bedrohte Sennaar und Fazolie, südlich von Khartum. Es schien ihm unglaublich; aber in Khartum war auch nicht ein Mensch, auf den er sich nötigenfalls hätte verlassen können; so eilte er denn nach Dongola zurück und von dort durch die Bajuda-Wüste in fünftägigem Ritt nach Khartum. Es war blinder Lärm gewesen; man hatte ein paar abessinische Grenzmänner gesehen und sie auch zurückgeworfen.

Drei Tage hielt er sich in Khartum auf, dann bestieg er abermals sein Kamel, um über Abu Haras, Kedaref und Kassala nun doch erst den Walad el Michael aufzusuchen, ehe er nach Kairo ging. Gordon hätte gewünscht, den König Johannes zu einem Einverständnis mit Walad zu bringen, wonach der König dem unruhigen Häuptling Hamasen überließe, das überdies sein angestammtes Erbe war, allein Johannes war ein Starrkopf. Walad war für die Ägypter ein böser Grenznachbar; man war seiner nie sicher. Das einfachste wäre gewesen, ihn dem abessinischen König in die Hände zu liefern, aber selbst ägyptische Politik hätte nach dem Vorausgegangenen dies für schmählich gehalten. Man hoffte, Gordon würde es zu stande bringen, die ägyptische Ehre mit möglichstem Gewinn zu retten. Somit war er denn auf dem Wege nach Senheit, wo Walad lag.

Unterwegs fand er wie gewöhnlich Ursache, sich über sein Gefolge zu beschweren; er hatte es zu eilig für seine gemächlichen Araber, und wo sie konnten, erwiesen sie sich hinderlich.

In Kassala sah er den Heiligen, Scherief Seid Hakim, einen Abkömmling Mohammeds, mit dem er schon einmal zusammengetroffen war, und der sich damals in seiner Würde verletzt fand, weil sein unwissender europäischer Gast sich neben ihn auf den Ehrendivan setzte. Diesmal war der Heilige etwas herablassender und ließ sich sogar eine Zwanzigpfundnote (400 Mark) schenken. Als Gegengeschenk that er Gordon die Ehre an, ihn zu bitten, sich zum Turban zu bekehren und ein Muselmann zu werden. Er war nicht der erste, der dem Generalgouverneur diese Bitte vortrug!

Als er Senheit erreichte, fand er, daß Walad sich in seinem Lager zu Hellal befand, und mußte zwei hohe Berge übersteigen, um dasselbe zu erreichen. Es war ein ähnliches Unternehmen wie sein Besuch in der Räuberhöhle zu Schekka.

»Die Leute in Senheit waren so furchtsam, daß ich beschloß, mich in Gottes Hand zu stellen und hierher zu reiten. Der Weg über zwei Berge war über alle Beschreibung; den zweiten zu übersteigen war eine entsetzliche Arbeit. Walad el Michael und seine Banditen lagen auf einem hohen Berg. Er hat volle siebentausend Mann bei sich, die alle bewehrt sind. Sie standen in Reih und Glied, um mich zu empfangen, und sein Sohn kam mir entgegen. Michael, hieß es, sei krank, oder gab vor es zu sein. Darnach begrüßte mich ein Trupp Priester mit heiligen Bildern. Michael empfing mich liegend -- er habe ein böses Knie; aber die Leute zu Senheit sagen, es wäre nicht wahr. Dann führte man mich in mein Zelt, und ich muß sagen, ich gedachte der Löwengrube. Wir waren miteinander in einer zehn Fuß hohen Umzäunung eingesperrt. Ich wurde zornig, denn ich sah wohl, was meine Leute (zehn Soldaten) davon hielten. Ich wandte mich an den Dolmetscher und sagte ihm, daß wenn Michael vorhabe, mich als Gefangenen zu betrachten, es ihm frei stünde, daß er es aber würde büßen müssen. Das war Kleinglaube von mir, dies zu sagen! Der Dolmetscher und Michaels Sohn waren indessen so überaus höflich und voller Entschuldigungen, daß ich vorläufig wohl noch kein Gefangener bin. Ich erläuterte meine Bemerkung dahin, daß wenn es in Senheit bekannt würde, wie man mich hier logiere, man dort allerdings für meine Sicherheit fürchten müßte, und der Telegraph würde solches nach Kairo melden.«

Die Nacht verlief ungestört, abgesehen von quälenden Flöhen, welches Ungeziefer in jenen Himmelsstrichen nur in hoher Bergluft gedeiht. In der Morgenfrühe sammelten sich die Priester um des Gastes Gefängnis her und sangen ihre Hymnen -- »wahrscheinlich um den bösen Geist zu bannen,« meinte Gordon. In einem späteren Brief heißt es übrigens:

»Die Priester (in Abessinien) versammeln sich morgens um drei Uhr und singen eine Stunde lang in eigentümlich melodischer Weise davidische Psalmen. Es hat für den aus dem Schlaf erwachenden Hörer etwas tief Ergreifendes.«

Am folgenden Tag hatte er eine Unterredung mit Walad und machte ihm den Vorschlag, beim König von Abessinien um Pardon einzukommen. Der »Patient« wies dies energisch von sich und meinte im Gegenteil, die ägyptische Regierung thäte wohl daran, ihm weitere Distrikte (zum Plündern) zu überlassen; auch erklärte er sich bereit, die abessinische Stadt Adowa zu überfallen. Zwar wußte Gordon, daß er den listigen Verbündeten auf diese Weise leicht dem Johannes in die Hände spielen könnte, aber Verrat war nicht seine Sache, und er brachte Walad durch eine beträchtliche Geldsumme fürs nächste zur Ruhe.

»Wie verhaßt mir diese Abessinier sind,« schreibt er, »den Walad mitgerechnet; sie haben auch gar nichts Anziehendes. Ihr Christentum ist ein totes; und was ihre Zivilisation betrifft, so sind sie nicht viel besser als die Stämme am Äquator. Wäre es nicht der europäischen Regierungen wegen, ich kümmerte mich nicht um diesen Johannes. Meine Beduinen von Darfur und hier herum sind andere Leute. Manche der jüngeren Leute haben eine Haltung, die man ordentlich beneiden möchte. Ich könnte nie durch mein Äußeres imponieren, aber diese jungen Ismaels sind lauter Prinzen.«

Den König Johannes nennt er anderswo »einen richtigen Pharisäer«, und sagt von ihm, er führe eine Sprache wie das alte Testament, abends betrinke er sich und am frühen Morgen singe er Psalmen; wenn er in England wäre, ginge er zu den Methodisten und hätte eine Bibel so groß wie ein Handkoffer. Gordon war offenbar froh, den Abessiniern den Rücken kehren zu können und begab sich nach Massaua am Roten Meer, um dort eine Antwort von Ras Barin, dem abessinischen Grenzgeneral, abzuwarten. Er hatte nämlich dem Könige den Vorschlag gemacht, wenigstens Walad el Michaels Truppen Pardon zu gewähren, damit sie sich nach Abessinien flüchten könnten, wenn er sich etwa zu einem Angriff genötigt sehen sollte. Die Antwort aber blieb aus. Johannes lag zu Feld gegen Menelek, den König von Schoa, und so wenig umfangreich das Land ist, wußte niemand genau zu sagen, wo das wäre. Gordon wartete eine Zeit lang und trat dann über Suakim und Berber den Rückweg nach Khartum an. Unterwegs erhielt er einen zweiten Befehl vom Khedive, sich in Kairo einzufinden, um an Finanzberatungen teilzunehmen. Der bloße Gedanke daran war ihm verhaßt; überdies meinte er, nach seinem Nomadenleben im Sudan sei er weniger als je dazu geeignet, an höfischem Leben Gefallen zu finden. Es war Ende Dezember; über sechstausend Kilometer Wüstenritt lagen hinter ihm in diesem Jahr, und leider hatte er unterlassen, die Binde um Brust und Hüfte zu tragen, die beim Kamelreiten der fortwährenden Erschütterung wegen nötig ist. Die schlimmen Folgen zeigten sich nun.

»Ich habe mir das Herz oder die Lungen verrüttelt und habe ein Gefühl in der Brust als ob alles verrenkt wäre ... Wahrlich, obwohl ich lieber hier bin, als sonstwo auf der Welt, es wäre besser tot sein, als dies Leben führen. Ich habe meinem Schreiber mit der Bitte Entsetzen verursacht, mich zu begraben wo ich sterbe und jeden Araber einen Stein auf mein Grab werfen zu lassen, damit ich doch auch ein Denkmal hätte. Es ist sonderbar, so gute Fatalisten die Leute hier sind, eine solche Anspielung ist ihnen doch ein Greuel; sie meinen, es hieße den Tod mit Namen rufen, obschon sie zugeben, daß es vorherbestimmt ist, wann einer sterben soll.«

Gordon begab sich nach Kairo. Mit Dampf und Segel ging's nilabwärts und die Residenz wurde anfangs März erreicht. Der Khedive hatte seinem Oberstatthalter eine Aufforderung zur Hoftafel entgegentelegraphiert, aber der Zug hatte Verspätung, und als Gordon den vizeköniglichen Palast erreichte, fand sich's, daß die Hoheit anderthalb Stunden auf ihren Gast gewartet hatte. Staubig wie er war, mußte Gordon sich zu Tisch setzen, und alle Auszeichnung wurde ihm zu teil. Er wurde aufgefordert, als Präsident der Finanzkommission zu figurieren. Sein Platz bei der Tafel war zur Rechten des Khedive, und sein Quartier war ein Palast, in dem sonst nur fürstliche Gäste untergebracht werden. Aber die Pracht seiner Umgebung und die glänzende Bedienung waren für Gordon verlorene Liebesmüh.

»Meine Leute wissen sich nicht zu helfen vor Verwunderung, und ich auch nicht. Ich wollte, ich wäre wieder glücklich auf meinem Kamel.«

Einem Engländer, der ihn besuchte, erklärte er, er komme sich vor wie eine Fliege in diesem großen Haus. Und seiner Schwester schrieb er, es sei die helle Quälerei; er lege sich um acht Uhr schlafen, das sei noch das beste, denn er gehe abends nicht in Gesellschaft. Ismail hoffte, Gordon werde ihm aus seiner bedrängten Lage helfen. »Ich kenne keinen, zu dem ich größeres Vertrauen hätte,« schrieb der Khedive, allein die Geldangelegenheiten Ägyptens sind in den Händen europäischer Kapitalisten; englische und französische Koupon-Abschneider hatten mitzureden; wie hätte der ehrliche Gordon da mit seinem Rat durchdringen können, der kurz und gut der war, die Zinsen der europäischen Anleihen von 7 auf 4 Prozent herabzusetzen!? Kein Wunder, daß er die ganze Bande von Diplomaten und Juden gegen sich hatte, die in Kairo mitregieren. Nein, Gordon war kein Finanzrat[10] und war froh, wieder seine Wege zu gehen.

»Ich verließ Kairo wie ein gewöhnlicher Sterblicher, ohne Extrazug, und bezahlte mein Billet. Die Sonne, die so glanzvoll aufging, hatte einen ganz bescheidenen Untergang ... Die Last ist groß -- ich wünsche, die Zeit der Ruhe wäre da; aber die kommt nicht, bis ich ~sein~ Werk vollbracht habe. Hier bin ich -- sende mich!«