Chapter 26 of 27 · 3971 words · ~20 min read

Part 26

In all dieser Not, wie ein Fels in der Brandung, steht ~ein~ Mann, äußerlich wohl auch geschwächt, aber innerlich mit stets wachsendem Mut, mit seinem alten Gottvertrauen, seinem kindlichen Glauben, die ~eine~ Zuversicht des erliegenden Volks -- ~ein~ Mann voll unbesiegbarer Widerstandskraft, allezeit wachsam, allezeit erfinderisch, voll Hingabe seiner selbst, voll Mitleid für ›dies Volk‹. »Ich halte aus,« kann er sagen, »aber die Haare sind mir grau geworden vor übergroßer Sorge und Anstrengung.« Wie nah ist die Hilfe -- er weiß es nicht. Bis fast zuletzt konnte er sich retten -- er thut es nicht. Er steht auf seinem Posten, getreu bis in den Tod.

Etwa am 6. Januar erließ Gordon eine Verkündigung, in welcher er es den Einwohnern freistellte, zum Mahdi zu gehen. Dieser Erlaubnis wurde massenhaft Folge geleistet. Der hochherzige Gordon schrieb selbst an den Mahdi und forderte ihn auf, diesen armen Moslem Schutz und Nahrung zu gewähren, wie er selbst es seit neun Monaten gethan habe. Es ist berechnet worden, daß von den im September gezählten 34000 Einwohnern nur etwa 14000 zurückblieben. Den sinkenden Mut der Besatzung suchte Gordon durch tägliche Ansprachen zu beleben, er verwies immer wieder auf den nahenden Entsatzzug, er lobte seine Truppen, daß sie bisher ausgehalten, und selbst diese armen Menschen mußten sich an seinem eigenen unerschütterlichen Entschluß aufrichten, die Stadt nicht zu übergeben.

Am 13. Januar fiel Fort Omderman, ein schwerer Schlag für die eingeschlossene Besatzung, die ihres Außenwerks auf der Westseite des Weißen Nils damit verlustig ging; auch konnten die Araber durch Errichten von Batterien den Weißen Nil jetzt gänzlich für Gordons Dampfer schließen, während ihre eigene Position durch die gewonnene Flußverbindung zwischen dem Dorf und Lager Omderman ungleich verstärkt war. Am 18. Januar, nachdem die feindlichen Außenwerke bist fast an die Stadt vorgeschoben waren, machten die Belagerten einen Ausfall und ein verzweifelter Kampf fand statt. Von der Besatzung fielen etwa zweihundert, und obgleich des Mahdi Verluste beträchtlich gewesen sein sollen, so ist doch nicht ersichtlich, daß ein Vorteil für die Belagerten errungen wurde. Nach der Rückkehr der Besatzung in die Stadt hielt Gordon eine Anrede an die erschöpfte Mannschaft. Er lobte ihren tapfern Widerstand und redete ihnen eindringlich zu, den Mut nicht fallen zu lassen, Hilfe sei nahe, die Engländer könnten täglich kommen und dann sei alles gut! Wie erschöpft mag er selbst gewesen sein, der große Held, von dem gesagt wurde, daß er um diese Zeit nie mehr schlief!

Die Zustände innerhalb Khartums waren verzweifelte; alle Esel, Hunde, Katzen, Ratten waren aufgezehrt, eine kleine Quantität Gummi wurde täglich an die Truppen verabreicht, und aus der zerriebenen Holzfaser einer Palmenart wurde Brot bereitet. Gordon berief die namhaftesten Einwohner mehrmals zum Kriegsrat und ordnete an, daß die Stadt aufs gründlichste nach Nahrung durchsucht wurde; das Ergebnis war aber ein geringes, nur vier Ardeb Durra in der ganzen Stadt, und diese wurden für die Truppen beschlagnahmt.

Mittlerweile gelangte die Nachricht von der Niederlage der Kerntruppen des Mahdi bei Abu Klea ins feindliche Lager und rief Bestürzung und Zorn unter den Arabern hervor; auch ist gesagt worden, daß bei dieser Gelegenheit Unzufriedenheit mit des Mahdi Regiment laut geworden sei. Die Rebellen verlangten stürmisch einen Angriff auf die Stadt. Das war am 20. Januar. Am 22. folgte die weitere Nachricht, daß die von Abu Klea vordringenden Engländer den Nil bei Metammeh erreicht hätten (wo Gordons Dampfer auf sie warteten), man schloß hieraus, daß dieser Ort in ihren Händen sei, daß somit nichts am Vorrücken sie hindere, und dies bestimmte den Mahdi zu einem sofortigen Angriff, ehe die englische Hilfe Khartum erreichen könne. In Khartum selbst war ein unklares Gerücht von der Schlacht bei Abu Klea und der Ankunft der Engländer bei Metammeh laut geworden. Wie nah war die Erlösung, der Lohn für alle Treue, die ruhmvolle Rechtfertigung des ausharrenden Heldenmuts!

Es sollte anders kommen. Gordons schwarze Truppen standen unter dem Befehl von Farragh Pascha, einem freigelassenen Sklaven, der seine Erhebung Gordon verdankte, und dieser ist's, den die Anklage traf, die Stadt durch Verrat dem Mahdi überliefert zu haben. Wohl möglich, daß es sich so verhält, nachgewiesen ist es nicht; nur so viel ist gewiß, daß der Mahdi mit ihm unterhandelte, ihm Bedingungen zur Übergabe machte. Es ist bekannt geworden, daß Gordon am 23. einen stürmischen Auftritt mit Farragh Pascha hatte; ein den Fall Khartums überlebender Augenzeuge erklärte als die Ursache desselben, daß Gordon ein Fort am Weißen Nil, das unter Farraghs Befehl stand, ungenügend besetzt gefunden habe. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Farragh bei dieser Gelegenheit einen Vorschlag fallen ließ, die Stadt zu übergeben. Gordon soll ihm mit einer Ohrfeige geantwortet und Farragh den Palast in hohem Zorn verlassen haben.

Am folgenden Tag berief Gordon abermals einen Kriegsrat. Höchst wahrscheinlich kamen Farraghs Vorschläge bei dieser Gelegenheit zur Sprache, und die Meinung, daß die Stadt nicht länger zu halten sei, scheint die Oberhand gewonnen zu haben. Gordon aber erklärte, ~er~ werde sie halten. Am 25. war Gordon leicht erkrankt, es war ein Sonntag, er zeigte sich nicht öffentlich, doch hatte er verschiedene Unterredungen mit namhaften Leuten der Stadt. Er war sich offenbar über das nahe Ende klar. Es ist gesagt worden, daß er gegen Abend an Bord der »Ismailia« nach der Insel Tuti übergefahren sei, um eine Mißhelligkeit der dortigen Besatzung beizulegen. Dadurch entstand das Gerücht, daß er im letzten Augenblick an Bord seines Dampfers entkommen sei. Der Umstand aber, daß beide Dampfer den Siegern in die Hände fielen, ja daß die Ismailia vom Mahdi zu seinem Einzug in Khartum benutzt wurde, sowie die genaue, von verschiedenen Zeugen bekräftigte Nachricht von Gordons Tod machte es unmöglich, jenem Gerücht lange Glauben zu schenken, ganz abgesehen davon, daß Gordon nicht der Mann war, sich im letzten Augenblick zu retten. »Mit Gottes Hilfe gedenke ich nicht lebend in ihre Hand zu fallen, somit bleibt nur der Tod,« hatte er einige Wochen zuvor in sein Tagebuch geschrieben. Wenn er an jenem Abend nach Tuti überfuhr, dann kehrte er zu einer späten Stunde in seinen Palast nach Khartum zurück.

In der Nacht vom 25. auf den 26. Januar verließen viele ausgehungerte Soldaten ihre Posten auf den Wällen, um Nahrung in der Stadt zu suchen, während andere vom langen Fasten zu schwach waren, für sie einzutreten. Es wurde dies in der Stadt bekannt, und eine Anzahl der erschreckten Einwohner bewaffnete sich und ihre Sklaven, um auf den Wällen Dienst zu thun. Dies war nichts ungewöhnliches, nur daß in dieser Nacht mehr Freiwillige als zuvor sich einfanden. So nahte der verhängnisvolle 26. Vor Tagesgrauen geschah der feindliche Überfall. Das Bourré-Thor am äußersten Ostende der Verteidigungslinie am Blauen Nil und das Mesalamieh-Thor auf der Westseite gegen den Weißen Nil waren die Hauptpunkte des Angriffs. An jenem Posten hielt die Besatzung stand, am Mesalamieh-Thor hingegen gelang es den Arabern in die Festungswerke einzudringen. Ob Verrat in dieser Stunde im Werk war, ist nur zu mutmaßen, sicher ist, daß es der ausgehungerten Mannschaft an aller Widerstandskraft gebrach. Die Feinde füllten den Graben mit Stroh- und Reisigbündeln u. s. w. und erstiegen den Wall.

Oberst Kitchener vom Entsatzzug, ein durch langen Aufenthalt im Sudan mit den Arabern und der arabischen Sprache wohlvertrauter Offizier, dessen Zusammenstellung der spärlichen Berichte obiges entnommen ist, hält dafür, daß Khartum infolge des plötzlichen Angriffs fiel, als die hungernde Besatzung zu erschöpft war, um sich hinreichend zur Wehre setzen zu können.

Nachdem die Araber in die Stadt eingedrungen waren, stürmten sie tobend und mordend durch die Straßen, jeden niedermachend, der ihnen in den Weg kam, was den Schrecken der Überfallenen nur erhöhte und den letzten Versuch Widerstand zu leisten lahmte. Als der Morgen gespensterbleich am fernen Horizont graute, stand die mordende Horde in nächster Nähe des Palastes. Jetzt waren sie siegesgewiß. Das gellende Geschrei, mit welchem die Streiter des Halbmonds dies bekundeten, weckte Gordon aus dem kurzen Schlaf, den die frühe Morgenstunde ihm gebracht hatte. Seit Monaten hatte er sich keine Nachtruhe gegönnt, er der Wächter und Hüter der ihm anvertrauten Stadt. Welch ein Weckruf! er wird ihm nicht unerwartet gekommen sein. Er erhob sich, zum letztenmal nahm er eine Waffe zur Hand, er wußte, daß er sie bald niederlegen werde, der lange Kampf war zu Ende. Gordon verließ den Regierungspalast mit etlichen seiner Leute und machte den Versuch, das Arsenal im katholischen Missionshaus zu erreichen; diesen Ort hatte er längst für den letzten Kampf ausersehen und hergerichtet.

Mit großer Ruhe und den Seinen etwas voraus nahte Gordon der kleinen Kirche. Das kurze Zwielicht der Wüste wich dem aufdämmernden Tag, über den hohen Palmen am Blauen Nil erglühte der Osthimmel im Morgenrot. Noch hingen die Schatten der verhängnisvollen Nacht über der verlorenen Stadt. Verworrenes Geschrei erscholl auf allen Seiten von erbarmungslosen Siegern und hilflos Besiegten. Das Schwert des Islam war aus der Scheide. Auf dem freien Platz zwischen dem Regierungspalast und der kleinen Missionskirche stand Gordon mit seiner Schar, als eine Bande von Arabern aus der nächsten Straße hereinstürzte. Einen kurzen Augenblick standen beide einander gegenüber, dann krachte ein Musketenfeuer, der aufgehende Tag erzitterte, und Gordon fiel zum Tod getroffen.

Die Wüste breitete ihr Schweigen über seine sterbliche Hülle, nichts weiter hat verlautet. Des Mahdi Horden plünderten und mordeten in der Stadt, das Blut der Besiegten floß in Strömen, und als der entsetzlichen Arbeit Einhalt geschah, und die Stadt aus hundert Wunden blutend, den Blick wieder erhob, war ihr Held, ihr Märtyrer, ja selbst sein Leichnam, ihr entrückt.

Die denkwürdige Belagerung von Khartum währte 317 Tage; nie war einer erliegenden Besatzung die Hilfe so nahe, und kein Kriegsheld ging je in einen schönern Tod.

8. Die Krone der Ehren.

Gordon wußte, daß er in den Tod ging, er schrieb verschiedene Abschiedsbriefe, die ihre Bestimmung erreichten; es sind die Worte eines, der das dunkle Thal schon vor sich sieht. Seiner Schwester schrieb er:

»Gott der Herr regiert, und da Er zu Seiner Ehre und unserem Besten regiert, so geschehe Sein Wille. Ich hin ganz zufrieden und kann mit Lawrence[16] sagen, ich habe versucht, meine Pflicht zu thun .... Wenn Gott es einem Menschen geschenkt hat, viel im Umgang mit Ihm zu leben, so kann der Tod für einen solchen nichts Schmerzliches sein; ja, was ist der Tod für den gläubigen Christen!«

Es steht wohl auf jeder Seite der Lebensgeschichte dieses Mannes geschrieben, daß er seinem Gott vertraute -- in seltener Weise vertraute. Sollte es Leser geben, die fragen, was hat ein Mann wie Gordon nun vor anderen voraus, hat er nicht in schmählicher Weise, von Freunden verlassen, von Feindeshand fallen müssen, und der Gott, dem er vertraute, hat ihm ~nicht~ geholfen? so giebt Gordon selbst die Antwort darauf in den tiefrührenden Worten an seine Schwester:

»Du darfst nicht vergessen, daß unser Herr niemand versprochen hat, ihn das Glück und den Frieden in diesem Leben finden zu lassen. Er hat uns im Gegenteil Trübsal verheißen. Wenn es also ein übles Ende nimmt nach dem Fleisch, so ist Er dennoch treu. Was Er thut, geschieht in Liebe, und Sein Erbarmen ist über mir. Mein Teil ist Ergebung in Seinen Willen, wie dunkel derselbe auch sei.«

Einem fernerstehenden Freund schrieb er:

»Alles vorbei. Ich erwarte die Katastrophe innerhalb zehn Tagen. Es wäre nicht so gegangen, hätten unsere Leute besser dafür gesorgt, mir Nachricht zukommen zu lassen. Lebt alle wohl. -- C. G. Gordon.«

Dem Sir Charles Wilson, der ihm mit einem Teil der Entsatz-Mannschaft die erste Hilfe bringen sollte, schrieb er, er hoffe, daß nach Gottes Willen die Engländer rechtzeitig kommen könnten, um ihn und andere zu retten, aber er fürchte, sie würden zu spät kommen; er wisse, daß Verrat im Anschlag sei, und er könne es nicht hindern. Noch jetzt stünde es in seiner Macht sich zu flüchten, aber das wolle er nicht; er werde auf seinem Posten bleiben und nicht zuletzt noch davonlaufen. Gefangen nehmen lassen werde er sich nicht; also bleibe der Tod.

Und so starb der Held. Die heiße Schlacht war verloren er aber war dennoch ein Sieger, einer von denen, die gekrönt werden nach dem Kampf. Daß die unverwelkliche Krone ihm wurde, wer könnte daran zweifeln! Aber auch eine irdische Krone der Ehren ist ihm behalten, wie wenigen seines Geschlechts, in der Bewunderung, ja, in der Liebe von Tausenden, die um ihn trauern wie um einen nahestehenden Freund. Nicht nur England, die weite Welt erkannte den Verlust. Wie mit leuchtenden Buchstaben stand es auf einmal vor aller Augen, dieser Mann war ein Held in unserm Jahrhundert, wie sonst nur Sage und Sang aus längst vergangenen Zeiten uns von Helden berichten, und er ist tot! Die Kunde traf England ins Herz. Wer an jenem 5. Februar, der die Nachricht brachte -- den »schwarzen Donnerstag« hat man ihn seither genannt -- durch die Straßen von London ging, der konnte auf allen Gesichtern lesen, daß Trauer auf das Land gefallen war. Seit der indischen Meuterei hat nichts das Land in ähnlicher Weise erschüttert, wie der Fall von Khartum. Es war, als handelte es sich für jeden um einen persönlichen Verlust. Hoch und nieder, reich und arm hatten nur die eine Klage: Gordon ist tot! Kein König ist je so betrauert worden. England wußte es jetzt, was es an ihm verlor, und viele Tausende schlugen dabei an ihre Brust. Was einer seiner Landsleute aussprach, als es sich um ein Gordon-Denkmal handelte, war die Stimmung des Volkes seinen Führern gegenüber:

Ein Denkmal unserm Gordon -- gut! So lang im Nil sich spiegelt Nacht und Tag, Der in Khartum sich färbte rot mit Blut, Sei nicht vergessen, wie der Held erlag.

Ja, richtet ihm ein Denkmal auf, Und wenn in Marmorstein sein Ruhm erblüht, Schreibt auch als Denkschrift das Bekenntnis drauf: »Aus Dankbarkeit das Volk, das ihn verriet!«

Nur erwähnt sei die Thatsache, daß am Abend des Tages, der ganz England mit Trauer erfüllte, einer am andern Morgen erschienenen Zeitungsnotiz zufolge Gladstone die komische Oper mit seiner Anwesenheit beehrte! Wie zu erwarten stand, hielt dieser Minister dem gefallenen Helden Englands einen glänzenden Nachruf im Parlament; als er aber mit einem namhaften Beitrag dem projektierten Denkmal beitreten wollte, da lehnten sich Stimmen aus allen Volksklassen in der Tagespresse dagegen auf. Was das Denkmal für eine Gestalt annehmen solle, ob die eines Spitals in Port Said, oder in England -- im Gedanken an Gordons »Prinzen« -- die eines Rettungshauses für verwahrloste Knaben, darüber ist viel verhandelt worden. Ein Ehrendenkmal von Stein ist äußerst bezeichnender Weise erst lang nachher zu stand gekommen. Gordon braucht keines. Am 10. Mai 1886 wurde eine Anstalt unter dem Namen »+The ›Gordon‹ Boys Home+« eröffnet, in welcher verwahrloste Jungen im allgemeinen, wenn auch nicht ohne Ausnahme für den Soldatenstand erzogen werden. Schon im Herbst 1885 wurde ein Anfang dazu gemacht, die nötigen Mittel flossen aber nur spärlich. Wäre eine ungenannte Dame nicht mit der schönen Summe von hunderttausend Mark zu Hilfe gekommen, welche Gabe sie bei der Eröffnung verdoppelt hat, die Anstalt wäre vielleicht noch heute nicht eröffnet! Wie Gordons Bruder, Sir Henry Gordon, übrigens treffend bemerkt hat, bestehen in England bereits gegen fünfhundert derartige Rettungshäuser, und es hätte dem bescheidenen und praktischen Sinn Gordons mehr entsprochen, die Zinsen des eingegangenen Kapitals in unmittelbarer Weise für arme Kinder zu verwenden, wenn man sie in bereits bestehenden Anstalten untergebracht, oder sonst für ihr Fortkommen gesorgt hätte, wie Gordon selbst in Gravesend gethan, als eine neue Anstalt zu errichten, deren bloße Gründung die gezeichneten Mittel verschlingen mußte. -- Vom englischen Parlament sind auf Wunsch der Königin Viktoria vierhunderttausend Mark bewilligt worden, die Gordons verwitweten Schwestern und Schwägerinnen, nach deren Tod aber seinen zahlreichen Nichten und Neffen zu gut kommen sollen. Für diese Bestimmung diente sein vor der Abreise nach Khartum verfaßtes Testament als Richtschnur. Nicht als ob ~er~ viel zu hinterlassen gehabt hätte, nur den Wert seines Offizierspatents, etwa zwölftausend Mark. Er konnte ja nie Geld in der Hand behalten, so lang es Hilfsbedürftige gab, und wenn er gerade bei Kasse war, so war eine ›milde Gabe‹ von zwei oder mehr tausend Mark nichts ungewöhnliches bei ihm.

Die Lebensgeschichte eines solchen Mannes ist ein Saatkorn im Acker der Zeit; es wird aufgehen und Frucht bringen, und von Gordon gilt das Wort: er redet noch, wiewohl er gestorben ist. Die Schönheit eines solchen Lebens wird von allen anerkannt, selbst von denen, die am wenigsten die Kraft besitzen, das darin gegebene Vorbild nachzuahmen. Viele aber werden sich daran aufrichten und suchen, an ihrem Teil etwas von der Kraft zu gewinnen, die Gordon stark machte. Im Kampf stehen wir alle. Helden im großen Sinn können nicht alle sein; aber die Selbstaufopferung, die Demut, die kerngesunde Aufrichtigkeit des Mannes können auch andere erreichen. Das Wunderbare bei Gordon war, daß der natürliche Mannesmut seines Wesens mit der christlichen Demut eins wurde und ihn zum idealen Menschen gestaltete. Es ist ein Beweis, daß das Christentum die natürliche Eigenart des Menschen nicht vernichtet, sondern sie veredelt und zu ihrer schönsten Blüte bringt. Und bei Gordon hat sich dies so völlig bewährt, daß ihm nicht leicht ein ebenbürtiger Charakter an die Seite zu stellen ist. Wir blicken auf und nieder in der Geschichte der Völker, wo finden wir einen, in dem jede Gestalt der Selbstsucht so völlig unterdrückt war, der in all seinem Denken und Thun nur um andere sorgte? wo einen, der es sich so ernstlich angelegen sein ließ, sein Leben nach dem Willen Gottes in der Nachfolge Christi zu gestalten? wo einen, der den seltenen Mut in solchem Maße besaß, sich um Menschenurteil nicht zu kümmern, wo es mit der Stimme des Gewissens oder dem Wort der Schrift im Widerspruch steht? Reichtum, Ehre, die Würde hoher Stellung, alles galt ihm nichts, oder doch nur so viel als er glaubte, dadurch Gelegenheit zu finden, Gutes zu vollbringen. Von dem Verlangen, sich einen guten Namen zu machen, das sonst auch vortrefflichen Menschen selbst dann noch anhängt, wenn gröbere Gebrechen überwunden sind, war er völlig frei. Sein einziger Ehrgeiz, wenn man es so nennen kann, war der Wunsch, seinem Gott zu dienen und seinen Mitmenschen Gutes zu thun. Und wie viel ließe sich von seinen anderen Eigenschaften sagen, seinem unerschöpflichen Humor, seinem frischen Sinn, seiner unendlichen Thatkraft, seinen Mut, seiner Tapferkeit, seiner Menschenfreundlichkeit, seiner hochherzigen Treue! Ja, es ließe sich das ganze Register menschlicher Tugenden aufzählen, und man hätte nur wenige Gebrechen seines Wesens dagegen zu stellen, obschon er selbst der erste war, sich mit Paulus unter den Sündern den vornehmsten zu nennen.

Es war nicht möglich, die Lebensgeschichte dieses Mannes zu schreiben, ohne hervorzuheben, welch rückhaltlose Bewunderung er verdient. Gordon selbst sagte einmal, und gewiß mit voller Aufrichtigkeit: Lieber tot sein, als gelobt werden! Die edelsten Handlungen seines Lebens hat er so angesehen, als ob sie sich von selbst verstünden; sie waren auch nichts anderes, als die natürliche Frucht seines vom Christentum durchdrungenen Wesens, und in diesem Sinn allerdings selbstverständlich. Es ist gesagt worden, daß Gordon ein idealer Mensch gewesen sei, der nicht recht ins neunzehnte Jahrhundert paßte; wenn dem so wäre, dann müßte man das Jahrhundert bedauern und die Menschen, die darin leben. So viel ist sicher, Gordon war einer von den wenigen, die den Mut haben, ihr Ideal in allen Dingen, in jeder Lage zur Geltung zu bringen, d. h. so zu leben, wie er es mit seinem innersten und besten Wesen als gut erkannte. Gäbe es doch viele Idealisten in diesem Sinn!

Es gehört mit zu den Rätseln des Lebens, warum Menschen wie Gordon oft in der Fülle ihrer Kraft abgerufen werden. Er war fast auf den Tag zweiundfünfzig Jahre alt; wie viel hätte er noch hier thun können beides zur Ehre Gottes und zum Besten seiner Mitmenschen! Aber, wie Staupitz einst zu Luther sagte, es braucht der Herr auch in der andern Welt tüchtige Leute, und wenn Er hier Arbeit für solche hat, nicht minder dort. Der Himmel ist nicht nur ein Land der Harfen und Kronen und des Ruhens von allem Jammer der Zeitlichkeit; wohl das, aber er ist auch ein Land des völligeren Gottdienens, wo es, um mit den Worten des Gleichnisses zu reden, Städte zu verwalten giebt, was diese nun sein mögen. Und als Gordon aus dem Kampf seines Lebens in die Wohnungen des Friedens einging, wird er wohl die Stimme seines Herrn vernommen haben, die zu ihm sagte:

»=Ei du frommer und getreuer Knecht, du bist über wenigem getreu gewesen, ich will dich über viel setzen. Gehe ein zu deines Herrn Freude.=«

[Illustration]

Fußnoten:

[1] englische Meilen = 45 Kilometer.

[2] Die Sohnestreue des Mannes giebt sich öfter kund. Ein Missionar, der ihn im Sudan kennen lernte, sagt unter anderem: »Es ist seine Art, rasch von einem Gegenstande zum andern überzugehen. Mitten im Gespräch unterbrach er mich z. B. mit der Frage: Haben Sie an Ihre Mutter geschrieben? Und auf meine bejahende Antwort fuhr er fort: Das ist recht; lassen Sie nur immer Ihre Mutter wissen, wie's Ihnen geht. Wie lieb hat meine Mutter mich gehabt!«

[3] Schon vor Sebastopol hatte Gordon hievon einen Beweis gegeben. Er kam einmal dazu, wie ein Korporal seine Leute zum Aufwerfen einer Schanze mitten in den Kugelregen schickte, während er selbst gedeckt stand. Gordon sprang ohne ein Wort zu sagen hinzu und legte mit den Soldaten selbst Hand an. »Man muß die Leute nie etwas thun heißen, wovor man sich selbst scheut,« belehrte er nach vollbrachter Arbeit den Korporal.

[4] »+Soldier of fortune+« sagte die Times -- »Held von Gottes Gnaden« wäre richtiger.

[5] Von Heinrich +IV.+ zur Belohnung für ausgezeichnete Kriegsdienste gestiftet und so benannt, weil die Ritter als Sinnbild ihrer geistigen Reinigung vor der Aufnahme ein Bad nehmen mußten.

[6] »Die ihn angeschmiert haben,« sagte ein Armer, »haben's selber am meisten bereut, wenn sie merkten wie gut er war; und erst recht leid mußte es ihnen thun, als sie hörten, er sei tot!«

[7] Obschon ein Kriegsheld wie wenige, so war er's doch keineswegs aus Liebe zum Krieg. Er selbst sagt: »Die Leute irren sich, wenn sie meinen, ein Krieg sei etwas Glorreiches. Es ist nichts anders als organisierter Totschlag, Plünderung, Grausamkeit. Und es sind nicht die Soldaten, auf die die schlimmste Last fällt, sondern Frauen und Kinder und alte Leute. Man mag's betrachten wie man will, so ist der Krieg ein rohes, grausames Handwerk.«

[8] Diese etwas eigentümliche Begrüßungsformel beschreibt der englische Afrikareisende Petherick folgendermaßen: »Der Häuptling ergriff meine rechte Hand und spuckte herzhaft hinein; dann blickte er mir ernsthaft ins Gesicht und wiederholte die Zeremonie mit aller Umständlichkeit. Im ersten Augenblicke stand ich verblüfft, dann erfaßte mich ein wütendes Verlangen, den Menschen durchzuprügeln; er guckte mich aber so leutselig an, daß ich statt der ihm zugedachten Züchtigung mich damit begnügte, ihm seinen Gruß mit gleicher Münze heimzugeben, und zwar mit reichlichen Zinsen. Da überkam ihn eine gewaltige Freude: ich müsse ein großer Häuptling sein! sagte er zu seinem Hofstaat.«

[9] Sir Samuel Baker erzählt in seinem Buch »Ismailia«, daß der Thron der Könige von Unyoro aus einem sehr kleinen und alten, aus Holz und Kupfer verfertigten Stuhl besteht, der seit Generationen von König auf König übergeht und als ein Talisman gilt. Gelänge es einem Feind, des Stuhles habhaft zu werden, so würde der König so lange aller Autorität verlustig sein, als der kostbare Sessel nicht wieder zurückerobert würde. Der König und sein Sitz sind deshalb fast unzertrennlich; wo er hingeht nimmt er ihn mit.

[10] Als Streiflicht hierzu dient folgendes: Gordon schreibt auf dem Weg nach Kairo anläßlich der von ihm nicht gebilligten Anstellung eines jener europäischen ›Mitregenten‹: -- »Ich habe meinen Gehalt von hundertzwanzigtausend Mark auf die Hälfte herabgesetzt; ich habe genug mit sechzigtausend Mark, und die andern sechzigtausend können dem Land das wieder ersetzen, was diese Anstellung kostet. Aber ich fürchte, ich thue dies mehr aus Zorn als in Liebe ... Je älter man wird, um so besser lernt man so an seinen Nebenmenschen handeln, als wären sie leblose Gegenstände, d. h. für sie thun was man kann, ohne sich im geringsten darum zu kümmern, ob sie es einem Dank wissen oder nicht. So handelt Gott gegen uns. Er läßt regnen über Gerechte und Ungerechte. Dank findet er selten; im Gegenteil, er wird selbst meist vergessen.«