Part 5
»Es kann Ew. Exzellenzen nicht verborgen geblieben sein, daß ich bei jeder Gelegenheit, wo es in meiner Macht stand, Ihren in unsere Gefangenschaft geratenen Soldaten Barmherzigkeit erwiesen habe und es mir habe angelegen sein lassen, die kaiserlichen Behörden vor Grausamkeiten zurückzuhalten. Die Wahrheit dieser meiner Aussage kann Ihnen von solchen, die persönliche Erfahrung haben, bestätigt werden; denn mancher von Ihren Soldaten muß, nachdem Wokong in unsere Hände gefallen war, wieder nach Sutschau zurückgekehrt sein, ich habe es wenigstens keinem verwehrt, der es wünschte.
»Hierauf Bezug nehmend, erlaube ich mir Ew. Exzellenzen zu ersuchen, die Lage der Europäer in Ihren Diensten wohlwollend zu beurteilen. Ein Soldat, er mag kämpfen für wen er will, muß von loyalen Gedanken getragen werden, wenn er seine Pflicht thun soll. Und wenn einer gegen seinen Willen zu irgend einer Fahne gezwungen wird, so wird er nicht nur ein schlechter Soldat sein, sondern außerdem auch ein Unruhestifter im Regiment, den man nur hüten muß. Sollten nun solche Europäer in Sutschau sein, so erlaube ich mir, an Ew. Exzellenzen die Frage zu richten, ob es nicht viel besser wäre, solche unbehindert ziehen zu lassen, wenn das ihr Wunsch sein sollte. Sie selbst würden damit eine ständige Ursache des Argwohns los werden und sich die Billigung fremder Mächte erwerben; während Sie außerdem die Gewißheit hätten, daß Ihnen nur von außen ein Feind droht und nicht auch im eigenen Lager. Ew. Exzellenzen denken vielleicht, daß durch ein paar Hinrichtungen innere Ruhe bald hergestellt wäre; Sie würden dann aber ein Verbrechen auf sich laden, das sich früher oder später rächen müßte. Bei meinen Truppen steht es den Offizieren wie den Gemeinen frei, zu kommen und zu gehen wie es ihnen beliebt; und obschon das manchmal unbequem ist, so bin ich doch andererseits dadurch vor innerem Verrat sicher. Ew. Exzellenzen wollen sich darauf verlassen, daß Sie es zu bereuen haben werden, wenn Sie den in Ihrem Dienst sich befindenden Europäern ans Leben gehen oder sie wider ihren Willen zurückhalten. Dieselben haben nichts verbrochen, sie haben Ihnen im Gegenteil eine Zeit lang gedient; und wenn sie nun zu entfliehen suchen, so ist das nichts anderes als was jeder Mensch, ja jedes Tier in mißlicher Lage zu thun strebt .... Persönlichen Vorteil habe ich durchaus keinen dabei, ob die betreffenden in der Stadt zurückgehalten werden oder dieselbe verlassen. Wenn ich ihretwegen an Sie appelliere, so geschieht es lediglich aus Gründen der Menschlichkeit .... Daß diese Europäer mir Mitteilungen machen könnten, haben Ew. Exzellenzen durchaus nicht zu fürchten; Ihre Truppenstärke und Kriegsmittel sind mir längst bekannt, ich brauche mich daher nicht erst von ihnen belehren zu lassen.
»Sollte ich hinsichtlich dieser Männer vergeblich an Sie appellieren, so schicken Sie mir wenigstens die Verwundeten unter ihnen und glauben Sie, daß Sie damit eine That thun, die Sie nie bereuen werden.
»Ich schreibe dies eigenhändig, da ich mich nicht auf einen dolmetschenden Schriftführer verlassen will. In der Hoffnung, daß Sie meine Bitte gewähren, schließe ich
Ew. Exzellenzen gehorsamer Diener
~C. G. Gordon~, Major-Kommandant.«
Burgevine, der diese Teilnahme an seinem Schicksal durchaus nicht verdient hatte, wurde freigegeben und verschwand für immer. In einem Brief an die Seinen beschreibt Gordon die Sache und fährt fort:
»Moh Wang fragte den Boten genau aus, u. a. ob es möglich wäre, mich zu bestechen, und mußte sich mit einem Nein begnügen. »Wird Gordon die Stadt einnehmen?« »Jedenfalls«, lautete die Antwort, und er schwieg nachdenklich. Ich höre, daß die Stadt in großer Verwirrung ist; es ist nicht sowohl die Flucht der Europäer, was die Taipings beunruhigt, als vielmehr das Bewußtsein, daß die Europäer die Sache für verloren halten. Burgevine soll gut behandelt werden; ich werde thun, was ich kann, ihn loszubringen, und dann, sobald sich einer findet, der meine Stelle einzunehmen imstande ist, werde ich mich zurückziehen ... an Ruhm und Ehren ist mir nicht gelegen ... Ich hoffe, daß die chinesische Regierung sich hinlänglich davon überzeugt hat, daß ich ehrlich an ihr gehandelt habe und daß nicht alle Engländer von Geldgier beseelt sind. Daß sie diese Überzeugung in der That gewonnen haben, das glaube ich; wenigstens kommen sie mir mit vollem Vertrauen entgegen.«
Die Tage von Sutschau waren gezählt. Die Kaiserlichen hatten südwestlich um die Stadt her feste Stellungen inne, während Gordon mit seinem Belagerungstrain und vor allem mit dem Dampfer Hyson die nördliche und östliche Seite gesperrt hielt. Der Hyson erwies sich stets als vorzügliches Kampfmittel; bei einer Gelegenheit wurden dreizehnhundert Taipings gefangen genommen, und ebensoviel ertranken bei einem Fluchtversuch. Aber die kaiserlichen Verbündeten unter ihrem Anführer Tsching waren es, die durch ungeschickte Taktik Gordon immer wieder an der Ausführung eines umfassenden Planes hinderten. In Schanghai und anderwärts wurden Stimmen laut, daß, wenn Gordon nicht den Gesammtoberbefehl erhalte, man den Fall von Sutschau nie erleben würde. Aber nicht nur hat er diesen Oberbefehl nie erhalten, sondern sein eigenes Korps geriet wieder an den Rand der Meuterei und war außerdem von Krankheit heimgesucht. Aber Gordon hatte in sich die Kraft eines Kriegsheeres.
Zwar wurden die Siegreichen nun mehrmals zurückgeworfen, einmal lediglich infolge einer zur unrechten Zeit geleisteten Hilfe. Bald aber kann Gordon wieder ein Gegenteil berichten.
»Wir mußten die Rebellen aufs neue aus Wokong verjagen, sie hatten trotz ihrer neulichen gründlichen Niederlage daselbst die Kühnheit, diesen Ort abermals zu besetzen. Ich schickte einen Dampfer hin, und der Erfolg war ein glänzender Sieg, fast wie der bei Kuinsan und auch aus ähnlicher Ursache. Die Rebellen waren nämlich genötigt, ihren Rückzug auf einer engen Straße zwischen dem großen Kanal und anderen Gewässern zu nehmen ...«
Es war ein Weg, der oft lange Strecken nur drei bis vier Fuß breit war und dann und wann kamen enge Brücken, die nur ein bis zwei Mann auf einmal durchließen. Auf der ganzen Strecke des Rückzugs, fünfzehn Kilometer weit, waren die Flüchtlinge unter dem Feuer der Dampfer und hatten die verfolgenden Truppen hinter sich. Der Verlust der Taipings war entsprechend.
Am 1. November wurde Fort Liku erstürmt, etwa acht Kilometer nördlich von Sutschau. Dabei ereignete sich folgendes: Einige Tage zuvor hatte Gordon zufällig einen beschriebenen Zettel gefunden. Er erkannte die Handschrift als die eines seiner Offiziere, Namens Perry, der offenbar einem Rebellenfreund in Schanghai über das Korps berichtete. Perry leugnete auch gar nicht, entschuldigte sich aber damit, daß seine Mitteilungen nicht aus böswilliger Absicht stammten, sondern nur vertraulicherweise einem Bekannten gelten sollten. »Gut«, sagte Gordon, »ich nehme Sie für diesmal bei Ihrem Wort und erwarte von Ihnen, daß Sie beim nächsten ›hoffnungslosen‹ Gefecht vorne dran sind.« Er selbst vergaß den Fall alsbald wieder, aber nach wenigen Tagen waren beide nebeneinander vorne dran beim Erstürmen einer Verschanzung. Eine Kugel traf Perry in den Mund, Gordon fing ihn in seinen Armen auf -- er war tot.
»Wir eroberten Liku im Sturmlauf«, berichtet Gordon. »Leutnant Perry ist leider gefallen, er war ein guter Offizier. Sonst nur drei Verwundete. Die Rebellen hielten tapfer Stand, hatten vierzig bis sechzig Tote; wir machten sechzig Gefangene, eroberten drei Kanonenboote und etwa vierzig andere Boote.«
Zehn Tage später wurde ein anderer Ort Namens Wanti angegriffen, der so mit Erdwällen verschanzt war, daß das Beschießen kaum einen Eindruck machte; als Gordon aber den Ort eingeschlossen hatte, stürzten die Taipings wie toll daraus hervor, es gab ein hitziges Handgemenge, und nach einer Stunde war Wanti erobert. Gordon hatte zwanzig Tote, darunter einen Offizier; die Rebellen dreihundertfünfzig -- sie waren nämlich unter das Feuer der Artillerie geraten -- und außerdem gab's sechshundert Gefangene.
So wurde ein immer engerer Kreis um Sutschau gezogen. Die Wangs fingen an, mutlos zu werden.
»Uneinigkeit unter den Belagerten kann die Übergabe herbeiführen«, schreibt Gordon; »sie haben nichts mehr als für zwei Monate Reis ... Mauding am großen Kanal beabsichtigte ich zunächst durch zwei Dampfer angreifen zu lassen; es ist nur eine Stunde von hier und die Rebellen dort haben gar keine andere Wahl als sich zu ergeben. Die Kaiserlichen reden davon, ihnen Garantie anzubieten, daß ihnen das Leben geschenkt werde; die meisten wären ohne weiteres damit einverstanden!«
Wir werden bald sehen, was es mit solchen Versprechungen kaiserlicherseits auf sich hatte, und daß auch in China ein Treubruch Böses nach sich zieht.
3. Der Fall von Sutschau und der Mord der Könige.
Die Belagerung war vollständig; an vierzehntausend Mann umschlossen die Stadt, von denen drei- bis viertausend unter Gordons Befehl standen. Außerdem waren noch etwa fünfundzwanzigtausend Mann kaiserliche Truppen in der Nähe; Fusan war ihr Zentrum. Die Taipings zählten vierzigtausend in der belagerten Stadt, zwanzigtausend in Wusieh und weitere achtzehntausend zu Matantschiao, wo Tschung Wang, der Getreue, den großen Kanal beherrschte.
Gordon wußte all dies, aber er wußte auch, daß der Getreue nur auf die Gefahr hin näher rücken konnte, Nanking bloßzustellen und Hangtschau preiszugeben. Tschung selbst war sich darüber klar, daß Nanking hart bedrängt war und daß der Fall der Hauptstadt dem »großen Frieden« den Todesstoß versetzen würde. Die Außenwerke von Nanking waren zum Teil schon in Feindeshand. Gordon wußte dies, denn die Kaiserlichen hatten eine Staffette abgefangen; und er beschloß, Sutschau auf der Nordseite zu stürmen. Der Angriff geschah nachts, mißlang aber, denn die innere Reihe der Außenwerke war stark befestigt und wohl bemannt. Die Angreifenden trugen weiße Turbane, um sich nächtlicherweile untereinander zu erkennen. Es schien zuerst, als ob der Überfall gelingen sollte. Gordon an der Spitze seiner Vorlinien hatte den Wall schon erstiegen, aber ein mächtiges Feuer der plötzlich in Masse erscheinenden Taipings hinderte seine Unterstützungskolonnen am Vordringen, und so mußte auch er wieder zurückweichen. Ein Kampf bei Nacht mochte den Rebellen übrigens nicht behagen; wirklichen Mut schien nur noch der Moh Wang zu haben, der sich wie ein Löwe in den vordersten Reihen wehrte, ohne Schuhe und ohne Strümpfe mitten unter den Gemeinen kämpfend. Zwanzig Europäer hielten sich zu ihm.
Am andern Morgen hatte General Tsching eine Unterredung mit dem Taiping Kong Wang und erfuhr von diesem, daß unter den Wangs in Sutschau große Uneinigkeit herrsche; außer dem Moh Wang und fünfunddreißig zu ihm haltenden Unterbefehlshabern wären die Anführer bereit, mit dreißigtausend Mann zu kapitulieren. Denn trotz des zurückgeschlagenen nächtlichen Angriffs wüßten die Wangs nur zu gut, daß Sutschau fallen müsse; sie schlügen daher vor, daß Gordon, um ihnen einen gewissen Schein zu retten, einen zweiten Angriff aufs Ostthor mache, wobei sie dem Moh Wang den Rückweg in die Stadt abzuschneiden gedächten, um dann ihrerseits mit dem Feind zu unterhandeln.
Am 29. November schoß Gordons Artillerie die Palissadenverschanzung zusammen und der Angriff erfolgte. Es war eine heiße Arbeit. Gräben voll Wasser mußten durchschwommen und Wälle erstiegen werden. Der Getreue selbst war von Wusieh her zu Hilfe gekommen und verteidigte die Stadt. Da ereignete es sich, daß Gordon, der mit einer Handvoll Leute ungestüm vordrang, plötzlich einen Haufen Taipings im Rücken hatte und so von den Seinen abgeschnitten war. Zurück konnte er nicht, wollte es auch nicht, also vorwärts! Er eroberte eine Redoute und hielt sich, bis Verstärkung sich zu ihm durchschlagen konnte. Die errungene Position, die er fast allein gewonnen, kam einem vollständigen Siege gleich, aber er war teuer erkauft. Neun Offiziere, meist Engländer, waren gefallen, dazu fünfzig Gemeine und es gab viele Verwundete. Aber am folgenden Tag konnte er eine Proklamation an seine Leute erlassen des Inhaltes, daß Sutschau faktisch erobert sei.
Es dauerte nicht lange, so hatten Gordon und der kaiserliche General Tsching eine Zusammenkunft mit den Wangs. Immer noch besorgt, sich den Schein zu wahren, schlugen diese jetzt vor, daß ein Angriff auf die Stadt selbst geschähe, wobei sie versprachen, sich nicht bei der Abwehr zu beteiligen, vorausgesetzt, daß die Kaiserlichen ihnen bei der Einnahme die persönliche Sicherheit garantierten. Selbst unter solchen Umständen war der Angriff mit Schwierigkeiten verbunden; die Stürmenden konnten nicht viel über fünftausend Mann beibringen, ein breiter Graben umgab die Stadt und vom Ostthore hin zog sich eine unabsehbare Reihe von Schanzen. Als der Na Wang Gordon vorschlug, die Stadt im Sturm zu nehmen, erklärte dieser daher rundweg, daß es dann unmöglich sein würde, den Soldaten das Plündern und Brennen zu verbieten, und fügte hinzu, wenn es den Wangs wirklich ernst sei mit ihren Vorschlägen, sie ihre Aufrichtigkeit damit bekunden sollten, daß sie dem Feinde ein Thor überließen; wollten sie das nicht, so sollten sie die Stadt entweder räumen oder um den Besitz fortkämpfen, so lange sie sich würden halten können. Daraufhin erklärten sie sich bereit, die Übergabe der Stadt durch Überlassen eines der Thore ins Werk zu setzen; und während General Tsching die Unterhandlungen zu Ende führte, machte Gordon sich alsbald auf den Weg, um beim Gouverneur die Sicherheit der Besatzung zu beantragen.
Übrigens war die Übergabe noch nicht vollzogen. Als der tapfere Moh Wang erfuhr, was seine Mit-Wangs im Schild führten, erfaßte ihn ein gewaltiger Ingrimm, und er versammelte sie alsbald um sich zum Kriegsrat. Er war der Oberbefehlshaber der Stadt. Es mag eine seltsame Szene gewesen sein, als nach der festlichen Mahlzeit und dem obligatorischen Gottesdienst diese Würdenträger mit ihren Kronen und Königsgewändern sich im Halbkreis um den Moh Wang scharten. Sofort kam es zu einem Wortwechsel. »Übergabe!« schrien die Wangs durcheinander. »Wir halten Sutschau bis zum letzten Mann!« entschied der Moh Wang. Da fuhr der Kong Wang auf, den Königsmantel von sich werfend, und stieß seinen Dolch dem Moh Wang neunmal in den Rücken. Miteinander trugen sie den Gemordeten hinaus und zerstückten seinen Leichnam. Gordon erfuhr diese Mordthat, als er eben von seinem Liebesritt zurückkehrte und das Versprechen von Li mitbrachte, dem Moh Wang und seinen Gefährten solle kein Leids geschehen. Er hatte den Moh Wang um seiner mannhaften Tapferkeit willen hochgeschätzt.
In jener Nacht ergab sich Sutschau.
Um, wenigstens so viel an ihm lag, die Plünderung zu verhüten, zog Gordon sein Korps auf einige Entfernung von der Stadt zurück, verlangte aber in Anerkennung ihrer Leistungen doppelte Löhnung für die Truppen auf zwei Monate. Allein Li handelte die Belohnung auf einen Monat herunter, was die Soldaten so verdroß, daß ihr unzufriedenes Gemurre fast in offene Meuterei überging. Ein paar Stunden Plünderung wäre ihnen lieber gewesen als alle Löhnung. Gordon konnte sich nur damit helfen, daß er seine Siegreichen nach Kuinsan zurück marschieren ließ.
Was die nun folgenden Ereignisse betrifft, so mochte Gordon füglich erwarten, daß er eine Stimme im Rat habe, besonders rücksichtlich des Schicksals der Wangs. Ohne ihn und seine Leute hätten dieselben noch lange stand gehalten; und er, der sein eignes Leben nie der Gefahr entzog, dessen Todesverachtung die Armee mit Siegesmut erfüllte, mochte wohl denken, daß er vor allen das Recht habe, dem überwundenen Feind das Leben zu schenken. Li und Tsching wußten auch recht wohl, daß eine menschliche Behandlung der Überwundenen nach europäischen, bezw. nach christlichen Grundsätzen beobachtet werden müsse, wo Gordon mitzureden hatte. Li hatte es diesem bestimmt zugesagt, daß Gnade vor Recht ergehen solle, hatte ihm sozusagen das Leben der Wangs geschenkt. Wie wurde aber dieses Versprechen gehalten!
Von Kuinsan zurückkehrend, betrat Gordon, nichts ahnend, die gefallene Stadt, von seinem jungen Dolmetscher begleitet. Er begab sich nach des Na Wang Wohnung. Dort fand er sämtliche Wangs im Begriff aufzusitzen. Li erwarte sie außerhalb der Stadt, um die Schlüssel der Thore von ihnen entgegenzunehmen. Es sei alles in Ordnung, versicherte Na Wang, und daraufhin sah Gordon sie ruhig ziehen, um so mehr, als Tsching ihn erst kürzlich versichert hatte, der Gouverneur habe eine allgemeine Amnestie erlassen. In aller Gemütsruhe schlenderte Gordon durch sie Stadt, sorgte für des Moh Wang Begräbnis und erreichte nach einiger Zeit das Ostthor, wo ein Haufe Kaiserlicher ihm lärmend entgegen kam. Er blieb stehen und forderte die Soldaten zu ruhigerem Benehmen auf, damit sie die Einwohner nicht unnötig alarmierten. Während er noch redete, betrat der General Tsching selbst die Stadt und erblaßte, als er Gordon sah. Dieser erkundigte sich alsbald nach den Wangs, die der Zeit nach längst von ihrer Audienz zurück sein mußten, worauf Tsching etwas hervorstotterte und sich in Ausreden verwirrte. Da schöpfte Gordon Verdacht und kehrte eiligst nach des Na Wang Hause zurück. Er fand es zerstört; die Plünderung hatte begonnen. Ein Oheim des Na Wang, der ratlos umherlief, bat ihn inständig, mit ihm in seine Wohnung zu gehen, um ihm behilflich zu sein, die Frauen des Na Wang in Sicherheit zu bringen. Er zögerte einen Augenblick, waffenlos wie er war, allein das Weibervolk erbarmte ihn; er beschloß, der Bitte Folge zu leisten und alsdann mit Hilfe seiner Leute dem Plündern der Kaiserlichen wo möglich zu steuern.
Man sollte denken, daß Li den heldenmütigen Gordon, dem er so viel verdankte, wenigstens vor dem Betreten der Stadt hätte warnen lassen; aber davon war keine Rede. So hatte sich Gordon in der That unwissentlich als Geisel gestellt, während der treubrüchige Futai die Wangs draußen enthaupten ließ. Die lärmenden Kaiserlichen, denen er begegnete, kamen gerade von der Hinrichtung, der Tsching selbst beigewohnt hatte. Gordons Lage war um so bedenklicher, als er sich in völliger Unwissenheit befand. Hätten die Taipings, die alsbald zu Tausenden das Haus umstellten, mehr gewußt als er, er wäre nicht lebendig aus ihren Händen gekommen. So aber betrachteten sie ihn als Geisel, bis sie ihre Anführer wieder sähen. Bis zum folgenden Morgen befand er sich völlig hilflos unter den Taipings, die von der vertragswidrigen Plünderung wohl auf Schlimmeres schließen mochten; aber es geschah ihm kein Leid. Wer weiß, ob die Leute nicht halb unbewußt in ihm den festen Mann erkannten, der ihnen Treue halten würde, wenn alle anderen sie brächen. Jedenfalls hat wohl selten ein Heerführer inmitten seiner geschlagenen Feinde dem Tod näher ins Auge geschaut als er; allein über Gordon wachte ein Höherer, dem er diente und der ihn zu noch Größerem brauchen wollte.
Am nächsten Morgen hatte er die Taipings soweit gebracht, daß sie ihm gestatteten, seinen Dolmetscher mit einem Brief an sein Boot zu entsenden, das vor dem Südthor vor Anker lag. Nichts kann bezeichnender für unsern Helden sein, als die Thatsache, daß das Schreiben auch nicht ein Wort über seine eigene Lage enthielt, wohl aber den Befehl an den Kapitän seiner Flottille, den Gouverneur Li gefangen zu nehmen und ihn festzuhalten, bis die Wangs in Sicherheit wären, ein prächtiger Plan, der aber leider mißlang. Der Taipingführer, der den Dolmetscher begleitete, kam allein mit der Nachricht zurück, die Kaiserlichen hätten dem Jungen den Brief abgenommen und denselben zerrissen. Darauf hin gestatteten die Taipings ihrem Gefangenen, sich selbst auf den Weg zu machen. Unterwegs wurde auch er von Kaiserlichen überfallen, die ihn wohl nicht kannten, aber es gelang ihm von ihnen loszukommen und das Ostthor zu erreichen, wo seine Leibwache lag. Diese entsandte er nun sofort zum Schutze der Taipings, die ihn die Nacht durch festgehalten hatten.
Es war immer noch sein Vorsatz, den Li gefangen zu nehmen. Während er zu diesem Zweck auf seinen Dampfer wartete, stellte Tsching sich zu einer Unterredung ein; aber Gordon weigerte ihm das Wort. Da schickte der General einen seiner Offiziere, aber diesem fehlte der Mut, dem entrüsteten Briten die Wahrheit zu sagen. Auf Gordons Frage nach den Wangs entgegnete er, er wisse nichts, doch sei des Na Wang junger Sohn in der Nähe, der werde wohl Bescheid geben können. Und von dem Sohne eines der Gemordeten erfuhr denn Gordon endlich, daß bei Gelegenheit der Audienz die Hinrichtung stattgefunden hatte. Er ließ sich sofort übers Wasser rudern und fand die kopflosen Leichname der Wangs zerhackt und zerstückt.
»Ich fand sechs Leichen«, schrieb er, »und erkannte des Na Wang Kopf.«
Wohl selten in seinem Leben ist ihm etwas so nahe gegangen. Er vergoß Thränen vor Leid und Entrüstung, vor Scham und Zorn. Überdies erachtete er seine Ehre angegriffen durch die unmenschliche That. Er hatte den Wangs zwar nicht sein Wort gegeben -- das konnte er nicht -- aber er hatte von vornherein mit ihnen in der Voraussetzung verhandelt, daß der Gouverneur sie anständig behandeln werde. Und die Plünderung der Stadt gegen seinen Willen und Wissen war eine weitere Kränkung. Seinem Mut und Kriegsgeschick war's in erster Linie zu verdanken, daß Sutschau gefallen, und nun hatte man ihn einfach beiseite gesetzt, ja ihn selbst in nicht geringe Lebensgefahr gebracht. Diese perfide Handlungsweise der Chinesen, für die er sich aufgeopfert, ergrimmte ihn so sehr, daß sein Zorn keine Grenzen kannte, und wohl zum erstenmal in der ganzen blutigen Kriegszeit nahm er eine Waffe zur Hand. Er steckte seinen Revolver zu sich, entschlossen, an des Gouverneurs eignem Leben Gericht zu üben, mochten die Folgen für ihn selbst sein, welche sie wollten. Tsching aber war ihm zuvorgekommen und hatte Li wissen lassen, daß er wohl daran thun werde, dem zornmütigen Engländer aus dem Weg zu gehen. Als Gordon das Boot des Li bestieg, fand er daher, daß dieser sich in die Stadt geflüchtet hatte. Gordon verfolgte ihn dort und versuchte während mehrerer Tage vergeblich, zuerst allein und dann mit Hilfe seiner Garde, des flüchtigen Gouverneurs habhaft zu werden. In bitterm Mißmut kehrte er nach Kuinsan zurück. Dort verlas er seinem versammelten Korps einen Bericht über das Geschehene mit dem Anfügen, daß ein britischer Offizier unter dem Gouverneur Li nicht länger dienen könne, es sei denn, daß dieser vom Kaiser zur verdienten Strafe gezogen werde.
Gordon schrieb an seine Angehörigen:
»Ihr werdet froh sein zu erfahren, daß wir wieder zu Kuinsan im Quartier sind und es wohl so bald nicht wieder verlassen werden. Ich habe weder Zeit noch Lust, Euch von dem Kampf am Ostthor zu berichten, noch von dem kaiserlichen Verrat in Sutschau -- die Zeitungen werden genug darüber melden. Des Na Wang Sohn habe ich bei mir. Er ist ein gescheiter junger Mensch und sehr lebhaft, etwa achtzehnjährig. Sein armer Vater war ein recht guter Wang, besser als die meisten Kaiserlichen, mit denen ich noch zu thun hatte. Ich kann Euch nicht sagen, wie tief ich die neuesten Ereignisse beklage und zwar um verschiedener Ursachen willen. Hätte man dem Feind, der sich ergeben, Treue gehalten, so wäre es mit dem Aufstand wohl zu Ende, und die anderen Städte, die noch aushalten, wären ohne Zweifel dem Beispiel Sutschaus gefolgt. Wir hätten uns dann rühmen können, den Aufruhr mit geringem, nicht zu umgehendem Blutvergießen unterdrückt zu haben. Wenn ~ich~ nicht mit dem Na Wang unterhandelt hätte, wäre die Übergabe wohl so bald nicht erfolgt, und ich halte jetzt all meine Mühe für verloren. Ich kann mich nur damit trösten, daß ~alles~ zum besten dienen muß! Unverständlich ist und bleibt mir die Handlungsweise des Li; er kennt mich hinreichend um zu wissen, daß ein solches Verfahren mich aufbringen muß, und er handelte mit nicht geringem persönlichem Risiko, denn meine Truppen waren in der Nähe ....«
Während von Regierungs wegen eine Untersuchung eingeleitet wurde, verhielt sich Gordon völlig unthätig in seinem Quartier, -- keine leichte Sache bei der Stimmung seines Korps. Li aber hatte sich weiß zu brennen gewußt; überhaupt wähnte man in Peking, das Hauptlob bei der Einnahme von Sutschau gebühre ihm. Gordon hatte allerdings eine Position nach der andern, die er mit seinen Siegreichen eroberte, mit Kaiserlichen besetzt. In Anerkennung dieser Thatsache erhielt Li mit der »gelben Jacke« die höchste militärische Auszeichnung. Doch erinnerte man sich auch des englischen Anführers. Ein kaiserlicher Erlaß bestimmte eine Medaille für den tapfern Tsung-Ping und außerdem ein Geschenk von siebzigtausend Mark.
Diese Summe mit vielen andern Geschenken und der Versicherung der kaiserlichen Anerkennung wurde Gordon von Li übersandt, außerdem eine erhebliche Extra-Löhnung für seine Truppen und eine besondere Summe für die Verwundeten. Diese beiden letzten Beträge nahm Gordon an; die für ihn bestimmte Summe aber wies er mit Entrüstung zurück. Ja, als die buchstäblich mit Gold beladenen Schatzträger vor ihn traten, kommandierte er: rechts umkehrt mit seinem spanischen Röhrchen. Wahrlich keine schönere That läßt sich von dem »Zauberstab« berichten. Die Chinesen wußten sich nicht zu fassen vor Verwunderung. Wo war's erhört, daß einer solche Schätze von sich wies, und wer durfte es wagen, den kaiserlichen Gesandten mit dem Kommandostab zu begegnen! Der mit der Sendung betraute Mandarin brachte ihm außerdem vier seidene Fähnchen als Ehrengabe, zwei von Li und zwei von Wang-tetai, einem die Kanonenboote der Provinz befehligenden Mandarin. Li's Ehrengabe schickte Gordon zurück, die Fähnchen des Wang-tetai nahm er an, da derselbe nicht bei jenem Treubruch beteiligt war. Der kaiserliche Erlaß wurde auf gelbem Atlas feierlich auf einen mit zwei brennenden Kerzen versehenen Tisch gelegt und so zu Gordons Kenntnis gebracht. Eine Übersetzung war dem Schriftstück beigegeben. Auf die Rückseite derselben schrieb der uneigennützige Held stehenden Fußes folgende Antwort: