Chapter 2 of 27 · 3840 words · ~19 min read

Part 2

Es ist ersichtlich, daß die chinesische Anschauung der elterlichen Autorität, wie auch ihre althergebrachte Theorie, nur tüchtige Menschen zu Amt und Herrschertum zuzulassen, lediglich Bruchteile jenes Hauptgedankens der Harmonie sind, woraus die weitere Vorstellung sich ergiebt, daß in allen Verhältnissen des Lebens, in aller gemeinsamen Thätigkeit, gleichviel welche verschiedenartigen Kräfte in derselben sich äußern, eine symmetrische Einheit das Endziel ist. Kein Volk hat umfassendere Begriffe von Organisation und Zentralisation als die Chinesen; aber die Anschauung ist lediglich die einer organischen Einheit, in der das Niedere naturgemäß und willig dem Höheren sich unterordnet, das Gegenteil also einer nur äußeren Einheit durch Gewalt. Die Chinesen sind daher in Wahrheit ein demokratisches Volk. Nichts ist irrtümlicher als anzunehmen, daß der Kaiser oder seine Beamten, sei es theoretisch oder praktisch, eines unumschränkten Herrschertums sich erfreuen. Konfucius und alle anderen Weisen Chinas stimmen mit Plato überein, wenn er sagt: »Niemand thut ~gern~ Böses«. Daraus folgern sie, daß eine gute Regierung beim Volk willigen Gehorsam erzeuge. »Wer's versteht, mich zu besänftigen, der ist mein Fürst, wer mich unterdrückt, ist mein Feind, der Verworfene des Himmels und der Menschen!«

Über schlechte Regenten ergießt sich der göttliche Zorn und beschließt ihren Untergang. Nach chinesischer Ansicht ist ein Unglück, welches das Volk trifft, immer ein Beweis von der Untüchtigkeit oder Bosheit des Herrschers. Der Himmel zürnt, und das Volk ist in Erwartung, daß einer aufstehe, um den »Ausrottungsbefehl« zu vollziehen, und zwar trifft dieser Befehl öfters einen »geringen« Menschen. Es ist daher erklärlich, daß man sich bei politischen Bewegungen in China immer auf einen göttlichen Auftrag bezieht, mit dem ein Rückblick auf die Beispiele der Vergangenheit verbunden ist.

Ehe wir nun zur Schilderung des Taiping-Aufstands übergehen, haben wir noch zu beachten, in wie hohen Ehren die Chinesen alles Wissen halten, ihre Ehrerbietung gegen das Alter, und die Verbreitung der Bildung in allen Schichten des Volkes. Konfucius drückt die Meinung des Landes, die heute noch gang und gäbe ist, aus, wenn er sagt: »Die Alten, die erhabene Tugend im Reich zu verbreiten wünschten, sorgten zuerst für Ordnung in der eigenen Familie; zu diesem Zweck veredelten sie vor allen Dingen ihre eigene Person; um sich aber zu veredeln, suchten sie ihr Herz zu bessern; um das Herz zu bessern, erstrebten sie Aufrichtigkeit des Denkens; um aber aufrichtig und wahr zu denken, erweiterten sie ihre Kenntnisse.« In diesem Zusammenhang von Bildung und der so hochgeschätzten Harmonie wurzelt die Sitte der allgemeinen Prüfungen in China, welche die besten Examinanden zum Beamtenstand zulassen und selbst dem ärmsten Bauernsohn den Weg zu den höchsten Staatswürden offen halten. Unter den zahllosen Millionen des Reiches sind nur wenige, die nicht lesen und schreiben können; und selbst der gewöhnliche Chinese nimmt lebhaften Anteil am Regierungswesen. Die himmlische Regierung, vom Kaiser an durch den ganzen Beamtenstand, weiß sich daher unter der Aufsicht einer öffentlichen Meinung, die nicht zu mißachten ist.

Der Kaiser ist der Stellvertreter des Himmels, aber nicht kraft seines Amtes, sondern lediglich kraft der Art und Weise, wie er seines Amtes waltet. »Das Volk ist die Hauptsache«, lehrt die alte chinesische Weisheit; »darnach kommt der Grund und Boden; der Regent folgt zuletzt.« Das ganze Regierungsgetriebe ist nicht sowohl das Mittel, um des Kaisers Willen zur Geltung zu bringen, als eine Organisation, um die Bedürfnisse des Volkes laut werden zu lassen. Jeder Familie, jedem Dorf, jedem Distrikt, jeder Provinz in China liegt die Verpflichtung ob, sich selbst zu »harmonisieren«, und die oberste Instanz, die kaiserliche Regierung, mischt sich in nichts, wenn sie nicht speziell von den betreffenden Weisen zur Entscheidung aufgefordert wird. Giebt es Streitigkeiten, ja selbst Verbrechen in einer Familie, so ist es Sache des Familienoberhauptes, sie zu richten. Giebt es Händel in einer Dorfschaft, so haben die Ältesten eine beinahe unbegrenzte Strafgewalt, und so weiter im Distrikt, in der Provinz. Dies erklärt auch die chinesische Sitte, die Eltern für die Missethaten der Kinder zu strafen und die Gesamtheit eines Distrikts für Verbrechen innerhalb seiner Grenzen verantwortlich zu machen. Die ganze Wirtschaftspolitik beruht auf einem System gegenseitiger Verantwortlichkeit, was auch gegenseitige Aufsicht bedingt. Selbst der Kaiser, obgleich nominell unumschränkter Herrscher, hat einen heilsamen Respekt vor öffentlicher Censur und eventuellem Volksaufstand.

Nun geht es aber in China wie anderwärts: die Praxis bleibt oft hinter der Theorie zurück, und das blumige Land ist keineswegs ein solcher Musterstaat, wie das Ideal ihn aufstellt. Kommt das aber dem Chinesen zum Bewußtsein, so ist ihm auch im voraus gewiß, daß die Regierung, nicht aber das Volk an allen Mißständen schuld ist, und daß es Zeit ist zur Revolution zu schreiten. So lange Wohlstand herrscht, ist man zufrieden mit der Dynastie; kommen aber böse Zeiten, dann betraut der Himmel einen mit dem Ausrottungsbefehl! So ist es von jeher gewesen, und so war es, als ~Hung Siu-tsiuen~, der Taiping, sich erhob. Seit den zwanziger Jahren unsres Jahrhunderts machten sich allerlei Übelstände im Land fühlbar und dazu kamen noch die Verwicklungen mit Europa, vorab mit England. Namentlich der sog. Opiumkrieg, den England zu Anfang der vierziger Jahre aus durchaus ungerechtfertigten Ursachen mit China führte, war von üblen Folgen für dieses Land. Die Macht der Regierung hatte bislang großenteils auf einem gewissen »Prestige« beruht. Durch die nötig gewordene Landmiliz lernte nun das Volk seine Wehrkraft kennen, und wo vorher ein Mandarin mit seinen Bütteln ausreichte, zogen jetzt bewaffnete Horden durch das Land. Die von England verlangte Kriegsentschädigung von 84 Mill. Mark brachte eine finanzielle Krisis. Verheerende Überschwemmungen des Gelben Flusses und des Jangtsze steigerten das Elend und verringerten die Einkünfte der Grundsteuer. Um allem Unglück die Krone aufzusetzen, suchte sich die Regierung damit zu helfen, daß Sträflinge sich mit Geld loskaufen konnten und die öffentlichen Ämter verkäuflich wurden. Infolge davon nahmen die Verbrechen überhand, und die zahlreiche Klasse der »Gebildeten« erachtete sich beeinträchtigt. So kam es, daß der Himmel voll drohender Wolken hing, als im Jahre 1850 der Kaiser Tao-Kwang starb und sein junger Sohn Hien-Fong an seiner Statt zu regieren anfing.

Da erhob sich ein seltsamer Mensch, der bereits genannte ~Hung Siu-tsiuen~, eine Verkörperung der im Volke gärenden Umsturzgedanken.

~Taiping~ bedeutet »großer Friede«, und der ein neues himmlisches Reich unter dieser Bezeichnung gründen wollte, war ein Dorfschullehrer der Hakka oder Fremdlinge, eines ziemlich rohen Menschenschlags, der vor zwei Jahrhunderten in die Provinz Kwang-tung gekommen und von den Punti (d. h. Einwohnern) immer mit scheelen Augen angesehen worden war. Seine verachtete Herkunft mochte mit der Grund sein, daß er im höheren Examen durchfiel. Das machte ihn halb toll; er hatte Anfälle von Epilepsie mit Zeiten der Verzückung, und in solchen Verzückungen hatte er Gesichte. Bei alledem war er ein Chinese voll Aberglauben. Aus seiner Enttäuschung entwickelte sich der Gedanke, warum sollte der »Ausrottungsbefehl« des Himmels ihm nicht werden, wie schon so manchem »Geringen« vor ihm? Nach seiner ersten vierzigtägigen Verzückung hatte er nichts Eiligeres zu thun, als ein Manifest an seine Thorpfosten zu nageln, betitelt: »Die edeln Grundsätze des himmlischen Königs, des souveränen Königs Tsiuen.« Er wollte eine neue Religion einführen und das Kaisertum stürzen. Und das Merkwürdige dabei ist, daß ein Anflug von Christentum mit unterlief! Die Engländer bekriegten ja die Regierung, die er haßte; er studierte daher christliche Traktate, die ihm in die Hände fielen. Hung hatte in seinen Verzückungen alles Mögliche gesehen und warf nun seine krankhaften Gesichte mit der neuen Lehre zusammen. Ein alter Mann war ihm erschienen -- das mußte der Gott der Christen sein; er selbst war in jenen vierzig Tagen im Himmel gewesen und nannte sich den himmlischen Sohn -- Christus war deshalb ohne Zweifel der ältere Bruder und er selbst der jüngere. Es ist nicht zu vergessen, daß die Provinz weit und breit verheert war; Banditen plünderten und geheime Gesellschaften unterwühlten das Land, all dies infolge des Opiumkrieges. Das Volk war daher bereit, einen Retter mit offenen Armen zu empfangen, besonders einen, der sich von der altehrwürdigen vaterländischen Idee des »Ausrottungsbefehls« getragen wähnte. Hungs christlicher Firnis über seinem barocken Heidentum hatte den Reiz der Neuheit. Auch lag in den Ansprüchen des Mannes, sowie in seinem ganzen Auftreten etwas von der aller Vernunft spottenden Gewalt und Anziehungskraft, wie sie ungewöhnlichen Menschen eigen ist. Massenhaft fielen ihm die Leute zu. Daß es mit seinem Christentum nicht weit her war, ergiebt sich aus der Thatsache, daß er sich bei erster Gelegenheit bei einem hochgestellten Engländer erkundigte, ob die Jungfrau Maria nicht eine hübsche Schwester habe, die sich entschließen könnte, ihn, den himmlischen König, zu heiraten! Aber mit mehr als gewöhnlicher Klugheit verstand er es, die neue Religion zu seinen Gunsten auszubeuten. Und das Ergebnis ging in der That weit über das Glück eines gewöhnlichen Betrügers hinaus. Daß sich die Hakka um ihn scharten, ist begreiflich, aber auch das übrige Volk rottete sich um ihn, und bald zählten die Taipings nach vielen Tausenden. Mit Feuer und Schwert verwüstete er das große Thal des Jangtsze und näherte sich der Kaiserstadt Peking. Aus seinen Gesichten wurden himmlische Edikte, die das Los von Millionen entschieden und selbst europäische Kabinette in Atem erhielten. Es kam so weit, daß die schwarzhaarige Nation nahe daran war, samt und sonders von der herrschenden Dynastie abzufallen. Und das war um so leichter möglich, als ja (seit 1644 schon) diese Dynastie keine einheimische, sondern eine mandschu-tatarische war und also im Geruch des Fremdländischen stand. Jahrelang lag das Reich in Trümmern, und dann kam ein Ende mit Schrecken. Hung Siu-tsiuen selbst beschloß seine Laufbahn als Selbstmörder bei der Belagerung von Nanking; man fand seinen Leichnam in der mit Drachen bestickten gelben Atlaskleidung, und ganz China rief einstimmig: »Es giebt nicht Worte genug, um das Elend zu beschreiben, das dieser Mensch angerichtet hat; das Maß seiner Bosheit war voll, und der Zorn beider, der Götter und der Menschen, erhob sich gegen ihn.« Sechzehn Provinzen und sechshundert Städte hatte er verwüstet.

In Nanking, im Schatten des Porzellanturmes, hatte er in königlichem Glanze gethront. Nur Frauen durften ihn in seinem Schloß bedienen. Es waren seine zahlreichen Weiber und noch zahlreicheren Kebsweiber. Seine Verwandten machte er alle zu Wangs, d. h. zu Unterkönigen. Es gab einen Tschung Wang oder getreuen König, einen Ostkönig und einen Westkönig, einen Kriegerkönig und einen Geleitskönig, das waren die fünf ursprünglichen; aber bei den Taipings wurde schließlich jeder ein Wang, der es verstand, sich geltend zu machen, und es gab ihrer mit der Zeit über zweitausend. Hung selbst war zwar blutdürstig und herrschsüchtig, aber ein Feigling; es lag daher immer für ihn die Gefahr vor, daß ein im Kriegswesen tüchtigerer Wang ihn überflügeln möchte. So verlor er im Jahre 1856 in purer Selbstverteidigung seine rechte Hand, den Ostkönig. Der kam eines Tages mit der Erklärung, auch er sehe Gesichte, und nannte sich den heiligen Geist; überdies brachte er die fatale Nachricht vom Himmel, Gott Vater sei sehr böse über den Tien Wang und zwar ganz besonders darüber, daß er seine schwangeren Weiber mit Füßen trete; er, der heilige Geist, habe daher den Auftrag, ihn mit vierzig Streichen zu züchtigen. Das war ein bißchen stark und selbst für einen Taiping zuviel! Es handelte sich schließlich darum, wer Herr sein sollte, ob der Tien Wang oder der Ostkönig, und obgleich Hung es für politisch hielt, sich der Prügelstrafe zu unterziehen, so traf er doch schleunige Maßregeln, sich des Ostkönigs und seiner Botschaften ein für allemal zu entledigen. Der Nordkönig wurde damit beauftragt, und die Folge war ein Blutbad.

Der Bericht eines Engländers, der in jener Zeit Nanking besuchte und Gelegenheit hatte, das Rebellenvolk zu beobachten, wie es den »großen Frieden« mit sogenannten Gottesdiensten feierte, dürfte von Interesse sein.

»Wir wohnten einer nächtlichen Feier bei; es war ihr Sabbatanfang, Freitag nachts zwölf Uhr. Die Versammlung fand in des Tschung Wang Audienzsaal statt. Er selbst saß inmitten seines Gefolges -- Frauen waren nicht anwesend. Zuerst wurde gesungen; darnach wurde ein geschriebenes Gebet verlesen und von einem Offizier verbrannt; dann wurde wieder gesungen, und man ging auseinander. Der Tschung Wang ließ mich vortreten, ehe er seinen Sitz verließ, und fragte mich, ob ich ihren Gottesdienst verstünde. Ich entgegnete, daß ich einem solchen eben zum erstenmal angewohnt hätte. Darauf wollte er wissen, wie wir es damit hielten. Ich sagte ihm, daß die Christen es sich angelegen sein ließen, ihren Gottesdienst mit der heiligen Schrift in Übereinstimmung zu bringen, und daß wir alles, was gegen die Schrift wäre, verwerfen müßten. Darauf versuchte er mir zu erklären, daß ihre Verschiedenheit von uns triftige Gründe habe. Der Tien Wang sei im Himmel gewesen und habe mit Gott Vater selbst verkehrt. Unsere Offenbarung sei achtzehnhundert Jahre alt; sie aber hätten eine neue, eine vermehrte Offenbarung, und diese verstatte es ihnen, ihren Gottesdienst nach einer bis jetzt noch nie dagewesenen Art einzurichten ....

»Mit Tagesanbruch setzte sich der Zug in Bewegung nach dem Palast des Tien Wang. Der Prozession voraus wurden bunte Fahnen getragen und dann folgte eine Reihe Bewaffneter; darauf kam der Tschung Wang in einem großen Tragsessel mit gestickten gelben Atlasdecken. Ihm folgten die Fremdlinge zu Pferd inmitten der berittenen Offiziere. Unterwegs schlossen sich die anderen Könige an, jeder mit einem ähnlichen Aufzug. Pauken und Trompeten verursachten einen Höllenlärm, und neugierige Menschen standen Spalier. Einen »König« zu sehen mochte nachgerade etwas alltägliches sein, aber über das Gebahren dieser Menschen konnte sich das Volk offenbar nicht genug wundern .... Der Palast des Tien Wang ist ein großes Gebäude nach Art der Konfutsischen Tempel, nur viel umfangreicher. Wir begaben uns zuerst in eine Nebenhalle, die den Namen »Morgenschloß« führte. Daselbst wurden wir dem Tsau Wang und seinem Sohn und etlichen andern vorgestellt. Nachdem man eine Weile geruht und es mit angesehen hatte, wie zwei Bedienstete ihren Respekt vor den heiligen Räumen in einem Zwischenakt damit bekundeten, daß sie sich gegenseitig in die Haare fuhren, gings weiter nach dem Audienzsaal des Tien Wang. Hier wurde ich seinen beiden Söhnen, zwei Neffen und einem Schwiegersohn vorgestellt, die mit noch andern, welche ich bereits im Morgenschloß gesehen, um den Eingang eines Alkovens saßen, über dem die Inschrift stand: »das erhabene himmlische Thor«. Der Alkoven war tief, und ganz im Hintergrund desselben zeigte man uns den Sitz des »himmlischen Königs«, der aber vorläufig leer war .... Er selbst, der Himmlische, war nicht erschienen; und obgleich nach Beendigung der Feier noch eine Zeit lang gewartet wurde, erschien er überhaupt nicht. Er mochte sich eines bessern besonnen haben und es für ersprießlich erachten, sein Antlitz vor Fremdlingen zu verbergen, auf deren guten Glauben nicht zu rechnen war; vielleicht hatte der Tschung Wang ihm unsere Ansicht über unechte Offenbarung berichtet, und er zog es vor, uns vorläufig nur einen Vorgeschmack seiner Herrlichkeit zu verstatten in der Hoffnung, unsere Einbildungskraft möchte bei dem leeren Sitze sich die abwesende Majestät um so erhabener denken ....

»Im Laufe des Nachmittags ließ der Tschung Wang mich zu einem Privatgespräch zu sich bitten. Durch eine Reihe von Gemächern führte man mich in sein Zimmer, wo er in einem luftigen Gewand von weißer Seide in einem Armsessel lag und sich von einem hübschen Mädchen fächeln ließ. Um den Kopf hatte er ein rotes Tuch gewunden mit einem Juwel über der Stirne. Er lud mich zum Sitzen ein und fragte mich allerlei über Maschinen, Landkarten, Ferngläser u. s. w., indem er offenbar annahm, daß unser einer über alles Bescheid wisse. Er wurde ganz vertraulich und war von Stund an bereit, mich jederzeit zu sehen. Bei nächster Gelegenheit zeigte ich ihm verschiedene Stellen im Neuen Testament, die mit der Lehre des Tien Wang in unverkennbarem Widerspruch stehen. Er wies es kurzerhand von sich. Im allgemeinen sprach er gern davon, daß alle Menschen Brüder wären, doch war leicht zu sehen, daß seine Religion ihn kalt ließ. Er gab zu, daß die Offenbarung des Tien Wang nicht mit der Bibel übereinstimme, jene sei aber neuer und darum glaubwürdiger ....«

Der Berichterstatter meldet weiter, es sei ihm im Verkehr mit diesen Leuten einigermaßen verständlich geworden, wie Hungs »Offenbarungen« von seinen Anhängern aufgefaßt wurden. Ihr Glaube an den Ausrottungsbefehl schien ihr Gewissen gänzlich abgestumpft zu haben und ihnen alle nur denkbaren Verbrechen gegen Andersgläubige zu verstatten. Einen Anhänger der Mandschu-Dynastie zu berauben oder zu ermorden, war ein gutes Werk. Wo sie hinkamen, führten sie die jungen Männer der Landbevölkerung gefangen mit sich und machten sie zu Rekruten, während die vielen hübschen Mädchen und Weiber, die man bei ihnen sah, den thatsächlichen Beweis lieferten, daß bei den Taipings »großer Friede« sich recht wohl mit Weiberraub vertrug.

Übrigens waren die Taipings bei all ihren Verkehrtheiten, um nicht eine stärkere Bezeichnung zu gebrauchen, doch in einigen Punkten zu loben. So war z. B. das Opium bei ihnen verpönt, ebenso der Sklavenhandel. Die Füße der Weiber durften bei ihnen nicht verkrüppelt werden; die Männer mußten sich das Haupthaar gleichmäßig wachsen lassen; der rasierte Schädel mit dem Zopf galt ja als Zeichen der Unterwürfigkeit gegen die Mandschu-Dynastie. Auch rühmten sich die Anhänger des Ex-Schulmeisters, die allgemeine Bildung zu fördern; aber damit war es nicht weit her. Das überall zur Schau getragene Zerrbild des Christentums prägte sich auch dem Unterrichtswesen auf, das als höchstes Wissen den Satz trieb: »Der himmlische Vater und der himmlische Bruder (nämlich Hung) sind über alle Pflicht und Sittlichkeit zu verehren.« Des Tien Wang Erlasse wurden als Lesebücher benutzt, damit es der Jugend schon geläufig würde, in ihm den Auserwählten zu erblicken, der zum Friedensherrscher über die ganze Welt bestimmt sei.

In gewissen Kreisen Englands hatte sich ein merkwürdiges Vorurteil zu Gunsten Hungs eingeschlichen. Man fragte sich, ob die Taipings nicht am Ende doch Schutz verdienten, ob das Rebellentum nicht möglicherweise der Übergang zur Zivilisation, ja Verchristlichung des Landes wäre. Erst nachdem einmal britische Niederlassungen gefährdet waren, wurde man anderer Meinung.

Die Briten hielten sich mit den Franzosen vorläufig neutral, und die Feindseligkeiten bis zum Jahr 1860 verblieben lediglich zwischen den Kaiserlichen und den Rotten des großen Friedens. Es war ein Bürgerkrieg von staunenswerter, riesiger Ausdehnung.

Im Jahr 1859 war die Sachlage die: die Mißhelligkeiten zwischen England und China waren so ziemlich beigelegt, der Friede von Tientsin war geplant und, von Kanton abgesehen, hatte das britische Militär das Reich geräumt. Der Aufruhr, der nun in seinem neunten Jahre stand, schien seine besten Tage gesehen zu haben; die Taipings verloren einen Ort nach dem andern und wurden wiederholt in der heiligen Hauptstadt, ihrem Hauptsitze, angegriffen. »Nanking war härter bedrängt denn je«, sagt der getreue Wang in den vor seiner Hinrichtung verfaßten Erinnerungen. Hung ließ sich das aber nicht im geringsten anfechten; mit größtem Gleichmut fuhr er fort, seinen Ministern himmlische Befehle zu geben und innerhalb der belagerten Stadt auf die Anzeichen des großen Friedens ringsum hinzuweisen. Der Tschung Wang, der die Stumpfheit der Majestät offenbar nicht teilte, kann nur sagen: »Die Zeit zur Ausrottung der himmlischen Dynastie war eben noch nicht gekommen.« Fürs übrige war der Getreue ein thätiger Krieger, und nicht weniger als sechsmal brachte er's zu stande, Nanking zu entsetzen.

Die kaiserliche Regierung aber, anstatt nun alles aufzubieten, das allmählich verglimmende Feuer des Aufstandes vollends auszutreten, beging den großen Fehler, sich abermals mit den Engländern zu überwerfen. Auf dem Wege nach Peking, wo der Friede unterzeichnet werden sollte, sah sich der britische Gesandte an der Mündung des Peiho-Flusses plötzlich einer chinesischen Streitmacht gegenüber. Die Taku-Forts waren in aller Eile repariert worden, und man wollte die britischen Schiffe nicht durchlassen. Als die Engländer trotzdem vordrangen, erfolgte eine Salve aus verdeckten Feldstücken, und drei Kanonenboote wurden in den Grund geschossen. Natürlich brüllte da der englische Löwe ob dem chinesischen Treubruch und man stand alsbald wieder auf dem Kriegsfuß. Die erneuten Angriffe der verbündeten Engländer und Franzosen im folgenden Jahre übten selbstverständlich ihre Rückwirkung auf den Aufruhr, der aufs neue um sich griff. Ein ganz direktes Resultat war ein Angriff der Taipings auf Schanghai. In dieser Stadt aber sind die englischen, resp. europäischen Handelsinteressen mit den chinesischen verwachsen; daraus ergab sich die Notwendigkeit englischer Intervention, mit andern Worten ein direkter englischer Angriff auf die Rebellen. Auch traten britische Offiziere in kaiserliche Dienste, und so wurde man mit der Zeit der Taipings Herr. Es liegt hier ein Stück historischen Ausgleichs vor: wie wir gesehen haben, wurzelte der Aufstand teilweise im englischen Opiumkrieg, und englische Waffen mußten schließlich dem zerrütteten Lande wieder zum Frieden verhelfen.

Eine solche Verwicklung der Dinge ist übrigens wohl nur in China möglich, daß, während die zornmutigen Verbündeten noch damit beschäftigt waren, ihre Truppenschiffe von Singapore und Hongkong herauf zu bringen, um die Kaiserlichen in Peking zu züchtigen, der General-Gouverneur von Kiangsu in Person in Schanghai eintraf und die britischen und französischen Behörden daselbst um Hilfe gegen die Rebellen anging. Unterm 30. Mai 1860 meldet der englische Bevollmächtigte dem Ministerium Russell: »Ich beschloß im Einvernehmen mit Mr. Bourboulon, daß es sich sowohl in politischer als humaner Hinsicht empfiehlt, solchen Greuelscenen hier zuvorzukommen, wie sie anderwärts stattgefunden haben ... und wir können die Küstenstädte schützen, ohne anderweitig Partei zu nehmen.«

Indessen hatten sich die reichen Kaufleute von Schanghai schon unter der Hand nach Schutz gegen die zu erwartenden Taipings umgesehen. Ein Amerikaner Namens Ward war erbötig, Truppen zu werben. Es war eine Belohnung ausgesetzt, das etwa dreißig Kilometer entfernte Sung-Kiang von den Rebellen zu säubern. Mit einer Bande von Matrosen machte Ward den Anfang, denen sich zusammengelaufenes Volk aus aller Herren Länder anschloß; auch Chinesen waren darunter, und dies war der Ursprung jenes merkwürdigen Söldnerhaufens, der sich in nicht allzuferner Zeit den Namen der »stets siegreichen Armee« erwarb und dann unter Gordon dieser Bezeichnung auch alle Ehre machte. Vorläufig nannten sich Wards Leute nach jener ersten Heldenthat das Sung-Kianger-Corps.

Die Taipings, mittlerweile nicht müßig, unternahmen große Streifzüge in diesem Jahr. Wie bereits erwähnt, hatte der ~getreue Wang~ Nanking zum sechstenmal entsetzt, was ihm übrigens nicht einmal ein billigendes Wort von Hung eintrug, auch durfte der streitbare Minister dem Himmlischen nicht vor die Augen kommen. Es ist kaum faßlich, wie dieser Mensch sich seine Unterkönige botmäßig erhielt; aber die ganze Bewegung ruhte ja eben auf den ~übermenschlichen~ Ansprüchen des wahnsinnigen Hung.

Tschung Wang, der ~Getreue~, und Jing Wang, der Heroische, auch als vieräugiger Hund bekannt, vertrieben nun die Kaiserlichen aus dem ganzen Jangtsze-Thal, Schrecken zog vor ihnen her; in einer Stadt zogen viele Einwohner es vor, ihrem Leben durch Selbstmord ein Ende zu machen, als es hieß: die Taipings sind wieder da! Ein Distrikt nach dem andern ergab sich, und »der Getreue« beschloß seinen Siegesmarsch in Sutschau, der Hauptstadt der Provinz Kiangsu, einer der reichsten Städte des blumigen Landes, die sich fast widerstandslos ergab.

»Im Himmel ist das Paradies«, sagt ein chinesisches Sprichwort, »aber auf Erden sind Su und Hang.« »Um in der Welt glücklich zu sein«, sagt ein anderes, »muß man in Sutschau geboren sein«; denn die Menschen dort sind vor allem ihrer Schönheit wegen berühmt -- nach chinesischen Begriffen vermutlich. Die Stadtmauern maßen 15 Kilometer im Umkreis und außerhalb derselben erstreckten sich noch vier ansehnliche Vorstädte. Man schätzte die Einwohnerzahl auf zwei Millionen. In ganz China stand Sutschau in fabelhaftem Ruf wegen der Pracht seiner antiken und modernen Marmorbauten, seiner schönen Grabstätten, seiner Granitbrücken. Herrlich seien dort die Straßen, die Gärten, die öffentlichen Plätze; verständiger als anderwärts die Männer und schöner die Frauen. Auch die Handelsprodukte der Stadt waren berühmt, kostbare Seidenstoffe insbesondere. In dieser Stadt hielt der Getreue seinen Einzug, während die Kaiserlichen in heller Flucht sie verließen, und durch die ganze Provinz Kiangsu schien damit die Herrschaft des großen Friedens gesichert.