Chapter 9 of 27 · 3920 words · ~20 min read

Part 9

Sein Generalstab bestand aus einem kühnen und in jeder Beziehung tüchtigen Italiener, dem nachmals so rühmlich bekannt gewordenen ~Romulus Gessi~, den er als Dolmetscher schon in der Krim kennen gelernt hatte; ferner aus mehreren anderen Europäern, Namens Kemp, Russell, Anson und zwei Brüdern Linant, dem Amerikaner Long und Abu Saud, einem gewesenen Sklavenhändler und niederträchtigen Menschen, den er in Kairo als Gefangenen vorfand und dem er mit einem gewissen Eigensinn zutraute, daß er sich künftighin der Redlichkeit befleißigen und sich nützlich erweisen werde. Der Khedive wußte nicht recht, was mit diesem Gefangenen anfangen, der am oberen Nil als »Sultan« bekannt war, aber nichts weniger als einen guten Namen dort hinterlassen hatte. Gordons Vorschlag, sich seiner Kenntnis des Landes zu bedienen, hielt der Khedive für sehr gewagt; Gordon aber ließ sich in diesem Vertrauen nicht irre machen, und der ehemalige Sklavenjäger wurde seinem Stabe einverleibt. Die Gewohnheit Gordons, Feinde durch gutes Zutrauen zu Freunden zu machen, hat sich in seinem Leben zwar oft bewährt; Abu Saud aber hat die ihm entgegengebrachte gute Meinung ~nicht~ gerechtfertigt und Gordon viel zu schaffen gemacht, bis dieser sich durch einen Machtspruch seiner wieder entledigte.

Über Gordons Zeit im Sudan liegt ein umfangreicher Band seiner, hauptsächlich an seine Schwester gerichteten Briefe vor; wir folgen ihm ins Land der Schwarzen an der Hand dieser Briefe. Am 13. März 1874 wurde Khartum erreicht.

»Der Generalgouverneur kam in voller Uniform Deinem unter dem Donner der Geschütze landenden Bruder entgegen. Gestern stand dieser noch mit nackten Beinen im Nil und half das Boot flott machen -- trotz der Krokodile, die einem nichts thun, so lange man in Bewegung ist -- heute salutiert ihn die Garde, so oft er sich blicken läßt ... Ich habe seit meiner Ankunft schon Musterung gehalten und das Spital und die Schulen besucht; die kleinen Schwarzen lachten, als sie mich sahen. Ich wollte, die Fliegen suchten sich ein anderes Quartier, als die Augenwinkel dieser Kinder! Khartum ist eine schöne Stadt, was die Lage betrifft. Die Häuser sind von Lehm und haben flache Dächer ... Ich bin wohlauf bei ruhiger Zeit, trotz vieler Arbeit. Übrigens ist es wahr, Herr Selbst ist der beste Diener, den man haben kann.«

In Khartum scheint er seinen neuen Titel ausfindig gemacht zu haben, und zwar keinen geringeren als »Se. Exzellenz General Oberst Gordon, Generalgouverneur am Äquator«, ein Titel, den er mit Recht ein sonderbares Gemisch nennt. Von Khartum aus erging auch sein Erlaß an die neue Provinz, worin er den Elfenbeinhandel als Monopol der Regierung erklärte, die Einfuhr von Waffen und Pulver, sowie unbefugtes Waffentragen überhaupt verbot und außerdem ankündigte, daß in Zukunft niemand ohne Paß die Provinz bereisen dürfe.

Am 22. März trat er die Reise nach seiner Hauptstadt ~Gondokoro~ an. Er erwähnt der großen glitzernden Krokodile, die allabendlich mit weitoffenem Rachen auf dem Ufersand liegen, der vielen Zugvögel, die sich anschickten, den brennenden Süden mit dem Norden zu vertauschen. Hier gab es Störche, schwarze und weiße, zu Tausenden, dort Pelikane und Flamingos, auch große Nilpferde -- doch sieht er vorläufig nur ihre Nasen, denn sie stehen mitten im Fluß. Die Affen kommen herdenweise und tragen ihre kerzengerade in die Höhe gerichteten Schwänze wie Speere hinter sich; die Giraffen erscheinen ihm wie wandernde Türme. Offenbar hatte er seine Freude an all dem Neuen, Ungewohnten, und beschreibt es gern der fernen Schwester. Eines Abends, als er beim stillen Mondlicht die vor ihm liegenden Schwierigkeiten zu vergessen sucht und halb träumerisch der Heimat gedenkt, erschreckt ihn ein lautes Gelächter.

»Ich war nahe daran, es für eine Beleidigung zu halten,« erklärt er spaßhaft, »aber es waren nur ein paar überschlaue Vögel, die guterdinge schienen und es gar zu lächerlich fanden, daß unsereiner den Weg nach Gondokoro unternimmt in der Meinung, dort etwas Gutes zu schaffen.«

Nicht weit davon, in einer Felsenhöhle auf der Insel Abba, hielt sich damals ein Derwisch auf, Namens Muhamed Achmet, der im Geruch der Heiligkeit stand. Wie ahnungslos fuhr Gordon an ihm vorüber! Zehn Jahre später ist dieser »Heilige«, der Mahdi, das Werkzeug seines Todes geworden.

An den ersten Wilden, die Gordon sieht, bemerkt er die Folgen der Mißhandlung.

»Wir kamen an einem Dorfe der Schilluk vorüber, die sich über unsern Anblick wunderten und erschreckt davonliefen, wenn man ein Fernrohr auf sie richtete.«

Am 22. April lief er in den Sobat ein, der oberhalb Faschoda in den Weißen Nil mündet. Hier präsentierten sich ihm die ersten seiner Unterthanen -- ein Stamm der Denka. Es waren harmlose Leute, ein Hirtenvolk, deren Häuptling nur schwer dazu zu bringen war, an Bord zu kommen.

»Dann aber erschien er in seinem ganzen und besten Staat -- einer Halskette von Glasperlen. Wir machten ihm einige Geschenke. Darauf trat er auf mich zu, nahm erst meine rechte Hand und dann meine linke, leckte sie tüchtig, packte mein Gesicht und that, als ob er mich anspeien wollte.«[8]

Man trug zu essen auf; als Häuptling verzehrte er außer seinem auch seines Nebenmannes Teil. Zum Dank wollte er Gordon die Füße küssen, aber das wurde ihm nicht gestattet; er brüllte daher mit seinem Gefolge einen Lobgesang und trug sein Geschenk, eine Kette Glasperlen, vergnügt davon; d. h. der gewandlose Herrscher war viel zu erhaben, um sie eigenhändig zu tragen, er überließ sie einem Geringeren, der sie vor ihm hertrug.

Wo der Bahr el Ghasal in den Weißen Nil einmündet, bildet das Gewässer einen See und Sümpfe. Gordons Dampfer drang stetig vor. Die Eingebornen, die er jetzt sah, hatten sich die Gesichter mit eingeriebener Holzasche grau gefärbt, elende Menschen, die offenbar kaum zu leben hatten.

»Es ist ein Rätsel, warum sie erschaffen sind! ... ihr Leben schwankt zwischen Furcht und Not. Kein Wunder, daß sie den Tod nicht fürchten ... Ich freue mich auf meine Arbeit, denn ich glaube, ich werde manche Gelegenheit finden, das Elend der armen Leute zu lindern.«

Er fuhr an einer verlassenen österreichischen Missionsstation vorüber, wo innerhalb dreizehn Jahren fünfzehn Missionare dem Klima erlegen waren, ohne auch nur ~einen~ Schwarzen gewonnen zu haben; »die Sklavenhändler hatten den Teufel hingebracht,« sagt ein Berichterstatter. Die nächste Station war Bohr, ein Sklavenjägernest, »wo man uns nicht allzu höflich empfing.« Am 16. April, also nach einer Fahrt von dreiundzwanzig Tagen, ankerte das Boot bei Gondokoro zum Erstaunen der Leute, die von ihrem neuernannten Gouverneur noch gar nichts gehört hatten. Seine Residenzstadt fand er in verwahrlostem Zustand, und unbewaffnet hätte er sich anfänglich in der nächsten Umgebung nicht zeigen können; die Eingebornen waren durch lange Mißhandlung allerwärts voll Mißtrauen. Gordon aber war der Hoffnung, sie mit der Zeit zu gewinnen und bessere Zustände einzuführen.

Man sieht aus seinen Briefen, wie er fleißig von Ort zu Ort zieht, vorab darauf bedacht, sich die Herzen seiner schwarzen Unterthanen geneigt zu machen. Hier schenkt er den Leuten Korn, dort bringt er sie dazu, selbst Mais anzupflanzen.

»Sie verstehen es ganz gut und thaten es nur deshalb nicht, weil der Ertrag ihnen gewaltsam entrissen wurde; sie pflanzen nur so viel, daß sie nicht geradezu Hungers sterben, und dies nur in entfernt liegenden versteckten Plätzen.«

Die Schwarzen erkannten bald einen Helfer in ihm, und einer der ersten Beweise des ihm entgegengebrachten Vertrauens war das Verlangen eines Vaters, seine Kinder, die er nicht ernähren konnte, um eine Handvoll Durra (eine Art Hirse) zu übernehmen! Gordon nahm die Kinder an und kleidete sie. Der Vater aber kümmerte sich von Stund an nicht mehr um dieselben und erkundigte sich nicht einmal nach ihnen, als er wieder in die Nähe kam. Ein anderes Beispiel von elterlicher Gleichgültigkeit erzählt Gordon so:

»Ein Mann mit seiner Frau und zwei Kindern (unsere ersten Kolonisten!) haben sich nahe bei der Station niedergelassen. Ich verabreiche ihnen täglich etwas Durra, bis das von ihnen gesäete Korn zur Ernte reift. Ich hoffe, ihr Vertrauen zu gewinnen« ....

Nach einiger Zeit lautet der weitere Bericht:

»Es scheint, daß der Mann, ehe er hierherkam, eine Kuh gestohlen hatte und deshalb seinen Wohnsitz veränderte. Allein der Eigentümer der Milchspenderin machte ihn ausfindig und verlangte die längst geschlachtete und verzehrte Kuh zurück. Auf meiner Runde kam ich bei der Hütte vorüber und sah nur eins der Kinder. Das andere, erzählte mir die Mutter mit befriedigtem Lächeln, hätten sie dem Mann gegeben, dem sie die Kuh gestohlen hatten. Es wäre ihnen auch gar nicht leid, sagte sie, die Kuh wäre besser!«

Wenn die Mutter eine Spur von Verlangen nach ihrem Kind an den Tag gelegt hätte, so würde Gordon es ihr wieder verschafft haben; aber sie war nichts weniger als betrübt, der Verlust einer Handvoll Durra wäre schmerzlicher gewesen. Um dieselbe Zeit kaufte Gordon einen Jungen, dessen Bruder ihn um ein Körbchen voll Korn feilbot. Die schwarzen Jünglinge hatten es offenbar mit einander ausgemacht, denn der eine lächelte so vergnügt wie der andere. Gordon nennt derartige Vorkommnisse Experimente; er wollte vor allen Dingen Land und Leute kennen lernen.

Die Sklaverei hat die Stämme so heruntergebracht, daß, wie es Gordon scheinen will, die Eltern- und Kindesliebe bei ihnen wie ausgestorben ist. »Organisierte Auswanderung wäre das Beste für dieses Land.« Aber so elend das Leben jener Schwarzen ist, so hält Gordon doch mit Recht dafür, daß es anderwärts trotz der gepriesenen Zivilisation im Grunde oft nicht besser ist.

»Für junge Leute ist dieses Klima ein äußerst niederdrückendes; wer aber einmal über die Mittagshöhe hinaus ist und gelernt hat, das Leben lediglich als eine Prüfungszeit zu würdigen, der erträgt es und freut sich sogar der Einförmigkeit. Wir sind immer selbst daran schuld, wenn wir unglücklich sind. Wir verlieren die besten Jahre unseres Lebens, indem wir nach einem Glück jagen, das auf Erden nicht zu finden ist. Das Geheimnis des Glücklichseins liegt darin, daß wir lernen, mit dem zufrieden zu sein, was uns beschert ist ... Die Schwarzen sind mit einer Handvoll Mais zufrieden; Wohlleben ist ihnen ein unbekannter Zustand; sie haben kaum einen Fetzen, ihre Blöße zu decken, und sind trotzdem glücklicher zu nennen als Hunderte von unzufriedenen Menschen bei uns zu Lande mit ihrer erbärmlichen Vergnügungssucht, wo alles hohl ist ... Heutzutage wäre niemand weniger willkommen in der Welt als unser Heiland. Man würde ihn für altmodisch erklären ... Wahres Glück besteht darin, daß man den Willen Gottes annimmt, was dieser auch sei. Wer so weit kommt, hat die Welt und ihre Trübsal überwunden ... Der stille Friede im Leben unseres Herrn wurzelte lediglich in seiner völligen Ergebung in den Willen Gottes. Allerdings giebt es Zeiten, die uns Kampf bringen, aber je nach der Größe des Kampfes ist dann auch das Maß der verliehenen Kraft ... Ich habe kürzlich ein elendes klapperdürres Weib aufgenommen und sie seither gefüttert; gestern hat der Tod sie ganz still geholt, und jetzt weiß sie alle Dinge. Sie hatte ihren Tabak bis zuletzt und starb sehr leicht. Welch ein Wechsel aus ihrem Elend! Ich denke, sie genügte ihrem Lebensberuf so gut, wie eine Königin Elisabeth.«

Ein andermal erzählt er der Schwester:

»Es schwankt eine Gestalt die Straße herauf -- so dünn, daß der Wind nicht viel Mühe hat sie umzuwerfen; es ist eine Deiner schwarzen Schwestern, ich sehe, sie bleibt stehen und läßt den Regen über sich ergehen. Ich schicke ihr etwas Durra, das wird ihrem abgezehrten Leichnam eine Freude sein. Sie hat nicht einmal einen baumwollenen Rock an, ja ihre ganze Kleidung ist keinen halben Heller wert.«

Am folgenden Tag heißt's weiter:

»Ich muß Dir doch schreiben, wie's der schwarzen Dame ferner erging, der ich gestern in Wind und Wetter zu helfen versuchte. Ich schickte meinen Diener hinaus, daß er sie in einer der Hütten unterbringe, und dachte nicht anders, als es wäre geschehen. Die Nacht war naß und kalt und ich hörte mehrmals ein Kind schreien, stand deshalb auf und ging hinaus; da lag Deine und meine Schwester tot in einer Pfütze. Ihre schwarzen Brüder waren hin- und hergegangen und hatten keine Notiz von ihr genommen. Ich ordnete an, daß sie begraben werde, und ging weiter; fand ein etwa einjähriges Kind im Gras, das wohl die ganze Nacht in der Nässe gelegen hatte, ohne Zweifel von seiner eigenen Mutter ausgesetzt -- Kinder sind hier immer eine Last! Ich trug's zurück, und da die Leiche noch immer in der Pfütze lag, machte ich mich selber daran, sie mit Hilfe einiger meiner Leute zu beerdigen. Zu meiner Verwunderung fand ich das Geschöpf lebend, brachte ihre schwarzen Brüder aber nur mit großem Mühe dazu, mit Hand anzulegen, um sie aus der Pfütze aufzunehmen. Ich ließ sie in eine Hütte tragen, ein Feuer anzünden, gab ihr etwas Branntwein ein und wusch ihr den Sand aus ihren lebensmüden Augen. Nun liegt sie da, kaum sechzehn Jahre alt! Ich kann nicht anders als hoffen, ihr Schiffchen schwimmt dem Hafen der Ruhe entgegen. Das Kind ist um eine tägliche Portion Durra von einer Familie angenommen worden. Ich zweifle nicht, bin sogar gewiß, daß Du Deine schwarze Schwester einmal finden und dann von ihr hören wirst, daß die ewige Weisheit alles wohl gemacht hat. Ich weiß, daß das nicht leicht zu glauben ist, ~aber es ist doch wahr~! Ich meinesteils ziehe ein Leben unter den Elenden einem Leben trägen Genusses vor. Und es giebt überall Elend. Mancher ist in seinem Reichtum ganz so beklagenswert, wie diese arme Sterbliche. Wie schlecht ist dieser Senf angemacht, sagte einer meiner Offiziere neulich, während unsere schwarzen Brüder um uns herumlaufen und man ihnen alle Rippen zählen kann!« ...

Vierundzwanzig Stunden später:

»Laß Dir's nicht zu nahe gehen. Deine schwarze Schwester ist heute nachmittag aus diesem Leben erlöst worden, nur von mir betrauert; ihre schwarzen Brüder sind froh, sie los zu sein.«

Neben solchen Erlebnissen finden wir aber den Gouverneur alles Ernstes damit beschäftigt, den Sklavenhändlern hinderlich zu sein; bald macht er jedoch die Entdeckung, daß den Schurken durch die Regierungsbeamten Vorschub geleistet wird. Ein seinem Dolmetscher in die Hände gefallener Brief von einer Bande Menschenjäger an den Mudir (Bezirksstatthalter) von Faschoda lautete folgendermaßen: »Wir sind auf dem Weg mit zweitausend Kühen und allem anderen nach Wunsch.« Die Kühe waren von verschiedenen Stämmen gestohlen, und das ›alles andere‹ bedeutete eine Anzahl Sklaven. Die ganze Sendung wurde abgefangen, und die Sklaven soweit es möglich war in ihre Heimat zurückgeschickt; einen Teil derselben behielt er. Die Sklavenhändler erhielten Gefängnisstrafe; nach einiger Zeit aber nahm er die brauchbaren unter ihnen in seine Dienste, so z. B. einen gewissen Nassar, der ein Haupttyrann in jener Gegend war. Diesem jagte er eine Karawane von mehreren hundert Sklaven ab, die derselbe mit einer Bande bewaffneter Schwarzer nach Faschoda zu bringen hoffte; ihn selbst setzte er vierzehn Tage hinter Schloß und Riegel und schrieb dann:

»Ich habe dem Hauptsklavenhändler Nassar verziehen und ihn in meinen Dienst genommen; er ist nicht schlimmer als die andern, und die Leute sind bisher nur in ihrem Thun bestärkt worden. Er ist ein tüchtiger Mensch und kann was leisten.«

Als er nach einiger Zeit seine Station an einen gesünderen Ort verlegte, berichtete er:

»Nicht ich hab's zu stande gebracht, sondern die gewesenen Sklavenhändler, die ich in meinen Dienst genommen.«

Wie mit den Taipings in China, so verfuhr er hier: zuerst überwältigte er den Feind und dann benutzte er ihn.

Im Mai hatte er den ganzen Weg nach Berber zurückmachen müssen, um seine dort liegengebliebene Ausrüstung flott zu machen. Und dann ging's wieder zurück nach dem Sobat. Es dauerte lange, bis seine Dampfer ihm nachkamen. Mittlerweile aber ist er nicht müßig, gewinnt mehr und mehr das Vertrauen der Schilluk und weiß sich in allen Lagen zu helfen, von der Verfertigung einer Rattenfalle an bis zum eigenhändigen Nähen einer Hose für einen seiner Schwarzen, an welchem wohlgelungenen Kunstwerk er seinen Spaß hat. Und wenn alle anderen in der trostlosen Wildnis mutlos werden, so bewahrt er die gute Stimmung. »Ich bin längst über den Graben des Mißmuts hinaus,« kann er sagen, denn sein Herz hat einen festen Ankerpunkt. Als er einst nach viertägiger Abwesenheit auf seine Station zurückkam, umdrängten ihn die Schwarzen, die er den Sklavenhändlern abgejagt hatte: sie wollten ihm alle die Hand geben. Das freute ihn. »Ich kann jetzt allein umhergehen und alle grüßen mich.« Kein Araber durfte das wagen, so fürchteten sie die von ihnen unterdrückten Neger. Daß die Scheiks um Gondokoro her sich ihm zuneigten, verdankte er übrigens teilweise dem Einfluß Abu Sauds. Er machte ihn zu seinem Vakil oder Unterstatthalter.

In Gondokoro geriet Gordon mit Rauf Bey in Konflikt; derselbe war Statthalter gewesen, aber, nur auf seinen Gewinn bedacht, hatte er nichts gethan, das Gordon ihm nachrühmen konnte. Zwischen ihm und Abu Saud entspannen sich alsbald Eifersüchteleien und Zwistigkeiten. Gordon fand es rätlich, ihn mit Briefen nach Kairo zu senden, d. h. sich seiner zu entledigen. Und mit Abu Saud mußte er bald ähnlich verfahren. Dieser hatte sich allerlei Betrügereien zu schulden kommen lassen, hatte Elfenbein unterschlagen, das für die Regierung bestimmt war. Außerdem gebärdete er sich den andern Offizieren gegenüber, als ob er Statthalter wäre. Gordon sah, daß er sich in seinem Vertrauen getäuscht hatte. Er gab ihm den Laufpaß, nicht zu früh, denn es stellte sich heraus, daß Abu Saud eine Meuterei unter den von ihm befehligten schwarzen Truppen anzuzetteln im Begriff war. Diese erklärten, sie würden ohne ihn nicht nach Dufile gehen, wohin sie das Dampfboot in Teilen tragen sollten, damit es dort wieder zusammengestellt werde. Gordon, der unlängst erklärt hatte, daß die Losung der Provinz »Hurryat«, d. i. Freiheit, sei, erwiderte, sie könnten bleiben wo sie wären, aber keine Macht der Welt würde ihn zwingen, Abu Saud mit ihnen zu schicken, denn das würde seine »Hurryat« beeinträchtigen. Da sie übrigens von der Regierung Sold nähmen, so versähe er sich ihres Gehorsams. Seine feste Haltung stellte die Ruhe her, und Abu Saud ging seiner Wege, ohne jedoch sofort die Provinz zu verlassen. Nach einigen Wochen kamen Gessi und einer der anderen Offiziere um seine Begnadigung ein, weil die Kenntnisse des Schurken eben doch dienlich waren. Gordon gab nach; »braucht doch jeder selbst Gnade,« schreibt er, »und kriegt sie auch, so er darum einkommt.« Die Zurückberufung des Menschen war aber ein Fehler; bald darauf mußte er doch nach Kairo geschickt werden.

Auch mit Krankheit hatte Gordon zu kämpfen. Er selbst, zwar zu einem Schatten abgemagert, war der einzige Gesunde unter all seinen Offizieren. Sein Zelt nannte er ein Lazaret, und Tag und Nacht wartete er der Siechen. Der eine der beiden Linant und zwei andere starben, mehrere mußten zurückgeschickt werden. »Ich bin wohl, aber sehr überreizt,« erklärte er, »was schlimm ist, wenn mir etwas quer kommt.« Damit meinte er die kleinen Widerwärtigkeiten, die immer wieder einen Teil seiner Last ausmachten. Er mußte sich um alles selbst kümmern.

»Die Hauptsache ist, immer gerecht und gradaus zu verfahren; keinen Menschen zu fürchten; alle Winkelzüge zu vermeiden, selbst wenn man für den Augenblick dabei verlieren sollte, und allen, die nicht parieren wollen, mit vollster Strenge zu begegnen. Es ist nicht immer leicht!«

Auf dem Wege nach Rigaf oberhalb Gondokoros wurde er von einem Scheik aufgefordert, bei ihm Quartier zu nehmen; er lehnte es ab und fand in der Nacht sein Zelt von diesem Häuptling und seiner Gruppe umstellt. Mit dem Gewehr in der Hand hieß er sie ihrer Wege gehen, und die beträchtliche Anzahl gehorchte dem »zum Schatten abgemagerten« Mann.

Ein großer Fortschritt bei den Eingebornen war, daß er ihnen den Gebrauch des Geldes beibrachte. Vorher hatte nur Tauschhandel existiert; und wenn ein Stamm zum Lasttragen bestellt war, so beanspruchte der Häuptling den Lohn, Glasperlen oder Kattun, stets für sich. Gordon entdeckte, daß die Leute schlecht dabei wegkamen, und nahm sich vor, die Vorrechte des Scheiks in etwas zu verringern. Bei nächster Gelegenheit gab er jedem Lastträger selbst einige Glasperlen; am folgenden Tage lohnte er sie mit Kupfergeld ab -- jeder erhielt einen halben Piaster. Darnach bot er ihnen Glasperlen zum Verkauf an. Sie merkten den Witz auch alsbald und erklärten, sie wollten erst noch mehr Kupfer verdienen und sich dann eine größere Anzahl Perlen dafür geben lassen. Er richtete einen förmlichen Laden ein, wo allerlei zu haben war, was den Eingebornen begehrlich erschien; wie bei allen Neuerungen ging es auch hier keineswegs ohne Widerspruch ab.

Unter viel Krankheit der Stabsmannschaft ging das erste Jahr zu Ende. Gordon beschloß, das Hauptquartier auf die andere Seite des Flusses nach Lado zu verlegen, um der Sumpfluft bei Gondokoro zu entgehen. Um diese Zeit kam sein Ingenieur Kemp, der in Dufile, zweihundert Kilometer weiter oben am Nil, damit beschäftigt war, den Dampfer zusammenzufügen, mit dem der Albert Njansa erreicht werden sollte, mit der Nachricht zurück, daß von dem Unternehmen vorläufig abgestanden werden müsse. Die Stämme waren mit seiner moralisch ganz ungenügenden Mannschaft ins Treffen geraten. Doch brachte Long, der Amerikaner, bessere Kunde, der mittlerweile bei dem König Mtesa von Uganda gewesen war und sich einer guten Aufnahme bei der schwarzen Majestät erfreut hatte. Außerdem hatte er die Wasserverbindung zwischen Urondogani und Foweira entdeckt, wofür ihm Gordon großes Lob zollte.

Die eignen Erfolge Gordons faßt ein Sachverständiger mit folgenden Worten zusammen: »Gordon hat Wunder vollbracht in der kurzen Zeit. Bei seiner Ankunft fand er siebenhundert Mann Soldaten in Gondokoro vor, die sich nur truppweise und bewaffnet in die nächste Umgebung wagten; mit diesen hat er nicht weniger als acht Stationen besetzt. Sir Samuel Bakers Äquatorzug hat die ägyptische Regierung über 20 Millionen Mark gekostet, während Gordon bereits Geld genug nach Kairo geschickt hat, um alle Unkosten seines Unternehmens nicht nur für dieses Jahr, sondern auch für das kommende zu decken.« Es war dies lediglich ein Resultat seiner getreuen und umsichtigen Verwaltung der rechtmäßigen Einkünfte, hauptsächlich des Elfenbeinmonopols. Ein schönerer Erfolg aber war der, daß trotz seiner Strenge gegen die Araber, oder vielmehr gerade wegen dieser Strenge, die Schwarzen landauf landab angefangen hatten, in ihm ihren einzigen Helfer gegen die Unterdrücker zu erblicken. Er hatte ihr Vertrauen gewonnen, so unmöglich es anfangs schien.

Der Hauptplan für das Jahr 1875 war die Verbindung Gondokoros mit dem südlicheren Foweira, die durch eine Reihe von befestigten, je eine Tagereise von einander entfernten Stationen hergestellt werden sollte. Foweira konnte zur Zeit nur durch eine beschwerliche, sechs Monate in Anspruch nehmende Reise erreicht werden und eine Karawane mußte mindestens hundert Mann stark sein. Später waren zehn Mann ausreichend, um den Weg in Sicherheit zurückzulegen, und statt der Monate genügten Wochen. Außerdem hoffte Gordon, den Äquatorbezirk von einer neuen Richtung her zugänglich zu machen, hatte er doch selbst die Schwierigkeiten der Verbindung mit Ägypten über Khartum reichlich erfahren. Nach seinem Plan sollte die Mombasbay am indischen Ozean zur Kopfstation werden, von wo aus eine Karawanenstraße durch Mtesas Land an die großen Seen führen sollte. Dem Khedive war der Vorschlag nicht unwillkommen, denn es stand mit auf seinem Programm, die ägyptische Flagge auf dem Albert Njansa wehen zu lassen. Es wurde auch ein Anfang gemacht, nämlich ein Pascha entsandt, um den Plan zu verwirklichen; zur Ausführung kam er aber nicht.

Gordons nächste Briefe erzählen von einem König und einem Häuptling, die ihm zu schaffen machten. Von Foweira war Nachricht gekommen, daß Kaba Rega, der König von Unyoro, sich mit den Sklavenhändlern verbündet hatte und einen Überfall auf jene Stadt beabsichtigte. Er beschloß diesen Kaba Rega seines »Stuhls«[9] zu entsetzen, und einen gewissen Rionga zum König zu machen; es war dies aber schon der Entfernung wegen leichter geplant als ausgeführt und blieb einstweilen ein Vorhaben. Der unruhige Häuptling, Scheik Bidden, war näher bei der Hand; diesem hatte Gordon im Herbst einen Boten mit Geschenken zugeschickt. Den nächsten Boten werde er umbringen, hatte der schwarze Machthaber zurückmelden lassen. Bidden beherrschte einen Distrikt in der Nähe von Rigaf, und Gordon sah, daß er nicht weit würde vordringen können, ehe er sich Bidden botmäßig gemacht hätte, der überdies ganz kürzlich einen dem Statthalter freundlich gesinnten Häuptling überfallen hatte. Das einzige Mittel, ihn Respekt zu lehren, bestand darin, ihm sein Vieh abzujagen. Gordon beschreibt diese Razzia folgendermaßen: