Chapter 17 of 27 · 3942 words · ~20 min read

Part 17

Die Verbindung zwischen der Insel Mauritius und der Kapstadt ist keine sehr rege, aufs nächste Passagierboot hätte er wochenlang warten müssen, das paßte nicht in Gordons Plan, er benutzte deshalb ein kleines Frachtsegelschiff, das zufällig in Mauritius vor Anker lag. Von dieser Reise, die einen vollen Monat in Anspruch nahm, liegt ein hübscher Bericht vor. Der Kapitän, ein Schotte, führte ein Tagebuch, in welchem allerlei Charakteristisches über Gordon seine Stelle fand. So z. B. war Gordon, der sich auf vier Uhr nachmittags angesagt hatte, erst um Mitternacht erschienen; er habe erfahren, sagte er, daß man ihm in der Stadt ein Abschiedsfest zugedacht hatte, er hasse dergleichen, habe daher am Morgen einen heimlichen Ausflug aufs Land unternommen und sei erst bei Nacht und Nebel zurückgekehrt. Am andern Vormittag war der zur Abfahrt sich richtende Schoner nichtsdestoweniger von Gordons Freunden umlagert, die ihn nicht fortließen, ohne ihm Lebewohl zu wünschen, und zwar waren diese »Freunde« keineswegs nur seine Mitoffiziere oder Notabilitäten der Stadt, vielmehr Arme, denen er gewohntermaßen Gutes gethan, und Kinder! Unter den Kleinen, die ihm da ihre Anhänglichkeit bekundeten, war ein Büblein, das Gordon der Schiffsmannschaft als »mein Lieblingsschäfchen« vorführte. Das Bübchen brachte dem berühmten Mann als Abschiedsgabe zwei Flaschen Wein, die Gordon mit dem freundlichsten Lächeln von der Welt annahm, aber nicht selbst trank; er soll selten ein Glas Wein getrunken haben. Kindern und großen Kindern, d. h. Eingebornen, hat er allem nach seine beste Liebe zugewandt. Der Generalgouverneur von Sudan hat sich mehr denn einmal unter seine Schwarzen auf den Boden gesetzt und mit Thränen in den Augen angehört, was sie ihm aus ihrem Leben erzählten. Kein Wunder, hatte er solche Macht über sie! Einer englischen Dame, die er einst in ihrer Kinderstube traf, sagte er: »Sie können wohl nichts im Leben schwer nehmen mit diesen kleinen Geschöpfen um Sie her.« Man fragt unwillkürlich, warum ging dieser Mann ~allein~ durchs Leben? Die Gattin des Kapitäns auf jener Reise, die ihren Mann auf seinen Fahrten begleitete, wagte eines Tages die Frage an ihren Gast, warum er sich denn nicht verheiratet habe. Gordon schwieg ein paar Augenblicke, dann sagte er langsam: »Ich habe nie eine kennen gelernt, die aus Liebe zu mir bereit gewesen wäre, die Annehmlichkeiten des heimischen Herdes und vielleicht liebe Verwandte zu verlassen, um mich dahin zu begleiten, wohin die Pflicht mich ruft, vielleicht mit raschem Entschluß ans Ende der Welt, eine, die bereit gewesen wäre, Gefahren und Schwierigkeiten mit mir zu teilen, vielleicht mich zu stärken in Stunden der Not. Solch eine habe ich nie kennen gelernt, und nur eine solche könnte mein Weib sein!«

Darauf ist nichts weiter zu sagen.

Gordon litt sehr an Seekrankheit auf dieser Reise, und wollte mehrmals ans Land gesetzt sein. Der Kapitän schreibt darüber in sein Tagebuch: »Wie viel verschiedene Arten von Mut muß es doch geben!« Ihn wunderte, daß den tapfern Gordon, doch gewiß ein mutvoller Mann sondergleichen, die Seekrankheit so anfocht. Nach überstandenem Jammer war es aber wieder Gordon, welcher aller Herzen auf dem Schiff gewann, der kranken Matrosen wartete (es gab allerlei Krankheit an Bord) ihnen vorlas und Stückchen aus seinem Leben erzählte. Dem Kapitän gestand er eines Tags, tausend Mark sei zur Zeit sein ganzer irdischer Besitz, und diese Summe hatte er dem Schotten angeboten, wenn er den Kurs ändere und ihn ans Land setze. Unter seiner »fahrenden Habe« befand sich eine Kiste, über deren Inhalt der Kapitän und seine Frau vergeblich sich den Kopf zerbrachen: sie war voll Holz »vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen«, wie Gordon gelegentlich versicherte; auf den Seychellen-Inseln wachse nämlich ein merkwürdiger Baum, der sonst auf der ganzen Welt nicht anzutreffen sei, das müsse der Baum des Paradieses sein. Die Stücke Holz, die er mit sich führte, schätzte Gordon darum über alles! Diese zuversichtliche Idee wird seinem »wahren Gottesdienst« keinen Eintrag gethan haben. Die Schiffsmannschaft, die an jener Kiste ungläubig vorüberging, sah Gordon auch mit seiner Bibel auf Deck, oft stundenlang in Gedanken versunken, den Blick wie träumend aufs weite Meer geheftet. In solchen Stunden wird das in ihm gewachsen sein, was ihn zum mutvollen Mann und Helden von Khartum gemacht hat.

Das südafrikanische Stück seiner Laufbahn ist als ein fruchtloses bezeichnet worden, aber mit Unrecht; es sind nicht immer die äußeren Erfolge, die den Wert einer Sache ausmachen. Der selbständige und selten großmütige Charakter des Mannes tritt nie klarer zu Tag, als in diesen kurzen Monaten seines sogenannten Mißlingens.

Es ist bekannt, daß die Engländer seit einer Reihe von Jahren sich sowohl mit den Boeren als auch mit den Eingebornen von Südafrika überworfen hatten; verschiedene Kriege sind die Folge gewesen. Es war besonders einer derselben, der Gordons Interesse erregte. Schon im Frühjahr 1881 telegraphierte er an den Minister des Kaplandes: »Der ›Chinesen-Gordon‹ bietet seine Dienste auf zwei Jahre an, um Basutoland zu beruhigen,« d. h. den Krieg zu beendigen und die Basuto im Wege der Verwaltung zu friedlichen Verhältnissen zurückzubringen. Dieses Anerbieten blieb vorläufig unbeantwortet. Ein Jahr vorher hatte die Regierung ihm die Befehlshaberschaft der Kaptruppen mit einem Gehalt von dreißigtausend Mark angeboten, welchen Posten er als einen rein militärischen abgelehnt hatte. Im Frühjahr 1882 nun, als die Lage im Basutoland zu einer ernsten sich gestaltet hatte, sprach man ihm telegraphisch den Wunsch aus, sein Anerbieten annehmen zu wollen. Lediglich im Gedanken, daß er Gutes wirken könnte, war er alsbald bereit, sich den Basuto zu widmen, und setzte mit charakteristischer Selbstlosigkeit seinen Gehalt auf etwa die Hälfte der angebotenen Summe herunter, »weil die Verhältnisse des Kaplandes mehr nicht rechtfertigten!« Als er aber nach seiner unerquicklichen Segelschiffreise die Kapstadt betrat, übertrug man ihm gerade jenen Oberbefehlshaberposten über die Kolonialtruppen, den er zwei Jahre vorher von England aus abgelehnt hatte, während er doch gekommen war, sich der Basutofrage anzunehmen. Es scheint, daß ein anderer damit beschäftigt war, die Angelegenheiten der Basuto zu verwalten oder mißzuverwalten, und daß die Regierung den Mut nicht hatte, jenen andern zu entfernen. Gordon ließ sich's in der Hoffnung gefallen, daß die Umstände ihm den Weg bahnen würden. Es dauerte auch nicht lange, so gestaltete sich die Grenzlage zu einer so drohenden, daß man ihn beauftragte, sich durch eigene Anschauung hinsichtlich der Überfälle der Boeren und der Unruhen im Basutoland zu orientieren. Das war im Juni.

Die Basuto sind ein interessanter Zweig der Kafferrasse, und zwar der volkreichste und vorgeschrittenste, letzteres aus dem einfachen Grund, weil das Christentum bei ihnen Eingang gefunden hat. Vor etwa fünfzig Jahren hatte der Stamm einen Oberhäuptling Namens Moschesch, auch »Herr des Berges« genannt, weil er einen Berg mit einer kleinen Festung versehen hatte, die ihm und seinen Getreuen als Zuflucht im Krieg dienen sollte. Die andern Stämme und selbst seine eigenen Häuptlinge verwickelten ihn oft in Kämpfe; er selbst aber, obschon tapfer und furchtlos, war ein friedliebender Mann. Er hatte von +Dr.+ Moffat und anderen Missionaren gehört, die in benachbarten Gegenden und besonders unter den Korannas arbeiteten, welcher Stamm, von Natur ein kriegerischer, sich neuerdings friedlich verhielt. Da schickte er dem Häuptling der Korannas eine Anzahl Ochsen zum Geschenk mit der Bitte, ihm dafür »einen Beter zu senden, der die Basuto in der Religion unterrichten könne, welche die Leute friedlich stimme.« Evangelische Missionare aus Paris, die nicht lange vorher in Südafrika angekommen waren und einen Wirkungskreis suchten, hörten davon und besetzten das neue Arbeitsfeld. Moschesch empfing sie mit Freuden und bestimmte selbst den Platz für ihre erste Station, am Fuß seines Festungsberges. Moschesch lebte bis 1870. Vor seinem Scheiden glaubte er Anzeichen einer besseren Zukunft für sein Land und Volk zu erblicken. Eins seiner letzten Worte an die Missionare war: »Lasset mich zu meinem Vater gehen, ich bin schon ganz bereit dazu!« Sein letzter Wille lautete: »Laßt die Missionare nicht müde werden, mein Volk zu unterrichten, besonders aber meine Söhne.«[14]

Schon vorher hatten sich die Basuto im Pitso (jährliche Volksversammlung) mit Begeisterung für »unsere Mutter die Königin von England erklärt.« Man kann es nur bedauern, daß die britische Kolonialpolitik dieses Volk gegen seinen Willen von der Kapstadt aus regiert haben will. Sie hatten sich freiwillig der englischen Regierung unterstellt unter Vorbehalt ihrer Rechte. Sie entrichteten eine Kraalsteuer und waren es zufrieden, daß britische Beamten im Land weilten. Indem aber ihr Wohlstand wuchs und ihre Zahl zunahm, verdoppelte und verdreifachte sich die Steuer; anstatt nun den Ertrag derselben zum Besten des Landes zu verwenden, bereicherte derselbe vertragswidrig den Säckel der Kapregierung. Aber das allein war's nicht, was die Basuto aufbrachte. Bekanntlich sind vor etwa zwanzig Jahren ergiebige Diamantenfelder in Südafrika entdeckt worden. Die Basuto strömten herzu, um als Taglöhner in den Gruben zu arbeiten; statt in Geld bestand ihre Löhnung aber in Flinten und Schießbedarf, ohne Zweifel ausgediente Militärwaffen, welche die Eigentümer der Felder billig gekauft hatten. Die Kapregierung wußte um diese Waffenverbreitung, ja sie hatte dieselbe genehmigt. Auf diese Weise erlangten die Basuto beträchtlichen Kriegsbedarf. Nach zehn oder zwölf Jahren entdeckte die Kapregierung das Mißliche dieser Sache und erließ ein Entwaffnungsgesetz, die Basuto sollten die Waffen ausliefern, welche sie durch ihrer Hände Arbeit und mit dem Vorwissen der Regierung redlich erworben hatten! Es war eine Ungerechtigkeit sondergleichen, und die Basuto verweigerten den Gehorsam. So verwickelte sich die Kapregierung in einen Krieg, an dem sie allein die Schuld trug und in welchem sie einen Vorteil fürs nächste nicht erringen konnte. Das war die Sachlage, als sie Gordon berief, der wie überall so auch hier mit seinem gerechten Sinn alsbald auf den Grund sah. Er verfaßte einen Bericht, in welchem er es unumwunden als seine Meinung erklärte, daß die Basuto weniger zu tadeln wären als die Kapregierung; diese habe vor allen Dingen ihr Unrecht gut zu machen und dann erst könne sie die Basuto zum Frieden mahnen; übrigens liege der Hauptfehler darin, daß man die Basuto gegen ihren Willen der unmittelbaren Regierung Englands entzogen und sie der mittelbaren der Kapregierung unterstellt habe. Er schlug vor, diesen Fehler dadurch gut zu machen, daß man die Basuto-Häuptlinge zusammenberufe und die Bedingungen ihrer Unterwerfung unter die Kapregierung mit ihnen berate. Außerdem riet er dringend, die loyale Gesinnung der Basuto dadurch zu ehren, daß man ihnen das Bewußtsein der unmittelbaren Verbindung mit England zu erhalten suche, indem man einen Bevollmächtigten der britischen Krone in Basutoland wohnen lasse. Man gab ihm keine Antwort.

Die Mißhelligkeiten zogen sich hin, aber Gordons wärmste Teilnahme war auf Seite der »feindlichen« Eingebornen, wie aus folgender Depesche ersichtlich ist:

»Es ist mir unmöglich, gegen Stämme zu kämpfen, gegen die meines Erachtens ungerecht verfahren wird. Der Sekretär für die Angelegenheiten der Eingebornen hat das Unrecht zugestanden, aber ein solches Zugeständnis allein genügt meinem Gewissen nicht.«

Es kann hiernach nicht wunder nehmen, daß Gordon nach wenigen Monaten seine Stelle niederlegte. Ehe er jedoch vollständig mit der Kapregierung brach, wurde er aufgefordert, als ~Privatmann~ nach Basutoland zu gehen und mit dem Häuptling Masupha zu verhandeln. Er nahm die Sendung an und ging allein und unbewaffnet. Daß er unversehrt zurückkam, ist ein Wunder; denn während Gordon als Friedensbote bei den Basuto verweilte, benutzte ein Kapminister die Gelegenheit, einen andern Häuptling gegen Masupha aufzuhetzen. Es ist lediglich Gordons persönlichem Einfluß zuzuschreiben, mit dem er stets das volle Vertrauen der Eingebornen zu gewinnen wußte, daß er aus dieser Lage unversehrt hervorging. Masupha sah, daß sein Gast an diesem Verrat keinen Anteil hatte, und ließ es ihn nur mit verdoppelter Hochachtung entgelten. Wenn solche Dinge in Südafrika seitens der Regierung vorfallen, dann kann man sich nur mit Gordon auf Seite der Eingebornen schlagen. Daß er daraufhin seinen Abschied einsandte und bei seiner Abreise nach England die Kapstadt links liegen ließ, ist nicht mehr, als von ihm zu erwarten war.

Als Beweis, wie wichtig es ihm erschien, die Basuto auf freundschaftlichem Wege bei ihrer Loyalität zu erhalten, bot er sich selbst an und war willens, sich zwei Jahre lang um den geringen Gehalt von sechstausend Mark bei dem Häuptling Masupha niederzulassen. Es war ein Opfer der Uneigennützigkeit, dessen man jedoch entbehren zu können glaubte. Zum Schluß noch seine Abschiedsrede an die Basuto, die ihn durchaus als den gebornen Beherrscher von Eingebornen, ja als einen Hirten der schwarzen Herde kennzeichnet:

»Als ein Freund der Basuto bin ich hier; ich habe mich als ihr Freund erwiesen, denn als man mich als Feind schicken wollte, um sie zu bekämpfen, weigerte ich mich zu kommen. Nun ich aber hier bin, möchte ich den Basuto Gutes thun. Die Basuto sind zum Rechten geneigt. Ich frage den Häuptling und sein Volk: Wie kann Basutoland für die Basuto erhalten bleiben? Und ich sage, daß die (britische) Regierung es wohl meint mit dem Land. Die Königin wünscht nicht, daß die Kolonie den Basuto ihr Land nehme; aber sowohl die Kolonie, als die Königin fürchten, daß die Basuto von den Boeren aufgegessen werden, wenn sie sich von ihnen zurückzieht. Ich mag die Boeren gut leiden, sie sind tapfer und wollen unabhängig sein; als sie kämpften, war es für ihre Freiheit. England hätte sie schlagen können, aber es wäre unrecht gewesen. Was aber glauben die Basuto, daß den Boeren lieber ist -- die Basuto oder ihr Land? Ihr Land meine ich wohl. Wenn nun die Kolonie dieses Land sich selbst überließe, so hätten die Basuto bald Not mit den Boeren und es gäbe Krieg. Ich blicke zehn Jahre voraus und sehe boerische Anpflanzungen hier: das gefällt mir nicht, es gefällt der Kolonie nicht, und der Königin nicht, und dem Basuto gar nicht. Deshalb sage ich zu den Basuto: haltet euch an die Regierung. Sagen die Basuto: Wir sind stark und können uns wehren und brauchen niemand über uns, und wollen keine Steuern zahlen, so antworte ich: mir persönlich ist es einerlei, ob sie Steuern zahlen oder nicht. Ich kann sie nicht dazu zwingen. Aber mein Herz ist betrübt, wenn ich an die Basuto denke. Ich sehe die Boeren hier, wie sie das Land an sich reißen. Ich versetze mich in Masuphas Lage und frage mich: was ist das Beste für mein Land und mein Volk. Ich weiß wohl, daß es in Basutoland Leute giebt mit zwei Zungen. Ich aber denke, daß einer mit ~einer~ Zunge die Wahrheit spricht. Ich glaube, daß Gott euch zu Christen gemacht hat. Ihr seid Schafe unseres Herrn Jesu und Er hat euch lieb. Wenn die Boeren euch aus eurem Lande verdrängen, so ist es mir kein Verlust und kann uns allen gleichgültig sein, sobald wir einmal begraben sind. Darin aber wünsche ich, daß die Basuto mir folgen. Habt alle nur ~eine~ Zunge. Ich kann mich nicht schwarz machen; ich kann den Masupha und sein Volk nicht zwingen zu thun, was mir gut scheint, ich überlasse es dem Herrn Jesus, der alles recht macht. Das ist's, was ich euch sagen wollte: thut, was euch gut dünkt, aber überlegt es wohl, und bittet Jesus um Rat.«

Achtes Buch.

Gordons Christentum.

Eine Zeit der Ruhe war endlich für Gordon gekommen: er verbrachte sie nicht »im Bett bis Mittag« und dann mit »Austernessen«, wie er's im Sudan einmal scherzweise als sein Ideal hingestellt hatte, sondern er nahm seine Bibel und seine Meßinstrumente und ging nach Jerusalem, um die Topographie der heiligen Stätten zu erforschen. Und zwar that er dies ebenso sehr mit dem geschulten Auge des Ingenieurs, als mit dem gläubigen Herzen des Christen. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen waren originell, wie alles an diesem Mann. Seinen eigentümlichen Ideen über Dinge, die er in Jerusalem gesehen, kann zwar nicht jeder folgen; sie sind zum Teil absonderlich; der lebendige Glaube aber, der dabei sein Herz erfüllt, ist ein leuchtendes Vorbild für uns alle. Der Bischof von Derry sagt schön: »Gordon ist zwar kein berufsmäßiger Theologe, aber er ist etwas viel Besseres; und ich meinesteils würde mich scheuen, einen zu kritisieren, an dem ich in jeder Hinsicht nur hinaufsehen kann, selbst wenn ich seiner Beweisführung nicht immer vernunftmäßig beizutreten im stande bin. Er ist uns allen ein Vorbild des Glaubens an den lebendigen Gott.«

Vier Punkte waren es hauptsächlich, die Gordon beschäftigten; erstens der wirkliche Ort der Kreuzigung; zweitens die Grenzlinie zwischen den Stämmen Benjamin und Juda; drittens die Frage, wo die Hebroniter wohnten, und viertens die Lage des Gartens Eden. Wie einer von Gordons englischen Biographen treffend bemerkt, ist's der gläubige Christ und der Mann vom Sappeur-Korps, den wir hier in einer eigentümlichen Verschmelzung von Mystizismus und mathematischem Vermessungstrieb begegnen; für den einsichtsvollen Kritiker ist es interessant, Gordons originellen, wenn gleich etwas seltsamen Gedanken zu folgen. Wir begnügen uns mit nachgehendem von mehr allgemeinem Wert.

Gordon hat in Palästina fleißig mit der Feder hantiert und im Laufe eines Jahres mehrere Tausend Briefseiten nach England geschickt. Etliche seiner Freunde, insbesondere jener Geistliche, den er in Lausanne kennen gelernt hatte, stellten dann aus diesen Briefen ein Büchlein: »Betrachtungen in Palästina« (London 1884) zusammen, das mit seinem Wissen und Willen bald nach seiner Abreise nach Khartum veröffentlicht wurde. Die Herausgabe des kleinen Buches war eine Art Vermächtnis, denn es ist bekannt geworden, daß Gordon die letzte Reise nach Khartum mit dem bestimmten Vorgefühl antrat, er werde England nicht wieder sehen. Von dem Büchlein hoffte er, es möchte »manchen Gläubigen zu neuen Gedanken anregen und dazu beitragen, daß Gottes Wohnungmachen in uns mit mehr Klarheit erfaßt werde. Das ist das große Geheimnis (Ps. 25). Er schuf uns, um ein Haus -- einen Tempel -- zu haben, in dem Er wohnen kann. Ohne uns ist er wohnungslos. Er bedarf unser, und wie sehr bedürfen wir seiner! Es ist mir ein Trost in meiner Schwachheit hier (in Khartum 3. März 1884) zu wissen, daß Er alles leitet, und es ist die reinste Meuterei, im Herzen oder gar mit der That gegen Seine Führung sich aufzulehnen. Möge Sein Name verherrlicht werden; möge dieses arme Volk hier gesegnet und getröstet werden; möge ich selbst gedemütigt werden, damit ich die Gegenwart Seines Geistes in meinem Herzen um so gewisser erfahren darf! Das ist mein ernstliches Gebet.«

Gordon ging weiter als die meisten Christen, die sozusagen damit zufrieden sind, daß Christus für sie genug gethan hat. Er suchte Wachstum und fand die Heiligung in der Gemeinschaft mit Gott in und durch Jesus. Daher erkannte er in den Sakramenten den von Gott verordneten Weg, dieses große Ziel zu erreichen. Nicht, daß er in der heiligen Taufe und im heiligen Abendmahl den ~einzigen~ Weg erblickte, auf dem Gottes Gnade dem Sünder zu teil werden kann, aber er verkündet ihren hohen Wert als wesentliche Bestandteile des Heiles und des christlichen Glaubenslebens. Ihm steht es fest, daß jeder Christ, Mann, Weib oder Kind, zur Priesterschaft Gottes berufen ist, und daß die Glieder der wahren Gemeinde selbst vor den Engeln durch die Gegenwart des heiligen Geistes ausgezeichnet sind, ja, daß sie wie beim Pfingstfeste des heiligen Geistes voll werden können.

Was die nachfolgende Übersetzung von Gordons Ansicht über die Sakramente anlangt, so machen wir nochmals darauf aufmerksam, daß wir es mit einem Teil der aus seinen Briefen zusammengestellten »Betrachtungen« zu thun haben, also mit seinen eigenen von Freunden zusammengetragenen Worten. Er ist daher nicht gerade für die Zusammenstellung verantwortlich, doch hat er von Khartum aus die ihm mitgeteilten Korrekturbogen gebilligt. Aus diesem Grund ist das Nachstehende auch nicht als eine erschöpfende Betrachtung anzusehen, wohl aber sind es tiefe Gedanken, die für den deutschen Leser um so merkwürdiger sind, als weder die Wiedergeburt in der heiligen Taufe, noch die wirkliche Gegenwart des Leibes und Blutes Jesu Christi im heiligen Abendmahl im allgemeinen von den englischen Christen geglaubt wird.

Die heilige Taufe.

Die Taufe geht dem heiligen Abendmahl voraus; ihr Vorbild muß daher auch in der Geschichte der ersten Menschen dem Essen der verbotenen Frucht voraus gehen.

Das Essen des Leibes und Blutes (Brot und Wein) im Sakrament dient zur Ernährung und Belebung des neuen Menschen. Es bedingt sichtbare Gestalt und äußerliche Handlung. Es schließt ein die Handlung eines Wiedergeborenen. Die Taufe wird Wiedergeburt genannt. Sie ist das Siegel der Einverleibung in den Leib Christi, die Kirche; sie wird auch ein Begrabenwerden und Auferstehen genannt, ein Ablegen des fleischlichen Leibes (Kol. 2, 11-12).

Adams Geschichte besteht aus Geschaffenwerden, Essen, Tod. Die heilenden Sakramente, Taufe und Abendmahl, sind die Fortsetzung dieser Geschichte. Nach dem Genuß der verbotenen Frucht war der Mensch tot in Übertretung und Sünde, von Gott getrennt und daher der innewohnenden Gegenwart des heiligen Geistes verlustig. Die Taufe ist das Sakrament, das den toten Menschen belebt -- seine Auferweckung; der Genuß des Abendmahls erhält ihn am Leben.

Durch das verbotene Essen verfiel der Mensch dem Tode; die Taufe erweckt ihn aus dem Tode und das heilige Abendmahl nährt ihn vom Baum des Lebens.

In der Taufe wird ein Element -- Wasser -- eine materielle Substanz mit des Menschen Leib in äußerliche Berührung gebracht; im Abendmahl werden die Elemente, Brot und Wein, in des Menschen Leib aufgenommen.

Im Essen liegt die Verbindung des heiligen Abendmahls mit dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.

Im Wasser liegt die Verbindung der Taufe mit einem vorsündlichen Ereignis, und dieses Ereignis ist die Schöpfung. Die Geschichte des Menschen ist Geschaffenwerden, Essen, Tod; Auferstehung oder Neuschaffung oder Wiedergeburt, Essen und ewiges Leben. In der Schöpfung müssen wir daher die Erklärung der Taufe suchen. »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde, und die Erde war wüst und leer und der Geist Gottes schwebete auf den Wassern.«

Durch das Wort Gottes wurde die Erde aus den Wassern gerufen. Das ist die Schöpfung, und wie des Menschen Leib aus Erde gemacht ist, so darf man sagen, daß er aus den Wassern hervorgerufen worden ist durch das Wort Gottes, durch den heiligen Geist.

Hierin liegt die Analogie zwischen der Schöpfung, dem Ruf ins Leben, und der Taufe. Die Erde war tot sozusagen bis sie ins Leben gerufen wurde. So ist der Mensch tot sozusagen bis er wiedergeboren wird. Der Zustand der Erde vor der Schöpfung war ein ~toter~. Der fleischliche Mensch ist ~tot~. Der Zustand der Erde vor der Schöpfung war gleich dem Zustand des Menschen, als der Engel ihn aus dem Garten trieb.

Was Gottes Wort durch den heiligen Geist an der Erde vollbrachte, als es wüste, leer und finster auf der Tiefe war, das muß am fleischlichen Menschen vollbracht werden, ehe er leben kann. Durch den Ruf Christi und die Arbeit des Geistes kommt er zur Erkenntnis, daß er in einem Zustand der Sünde und Finsternis tot ist; und das äußere Zeichen solcher Erkenntnis ist, daß er getauft, bildlich untergetaucht wird ins Wasser, das seine Rückkehr ins Nichtssein bedeutet und somit die Neuschaffung ermöglicht.

Und wie die Erde einst mit Wasser bedeckt und tot war, so bedeckt die Taufe den Menschen bildlich mit Wasser, um seinen Tod anzudeuten, um öffentlich zu bezeugen, daß er den Tod als seinen Lohn anerkennt; und wie die Erde als eine neue Schöpfung aus dem Wasser hervorging, so ist der Mensch nach der Taufe eine neue Kreatur und dazu geschickt, vom Baum des Lebens im heiligen Abendmahl sich zu nähren.

Ich sage damit nicht, daß die Taufe als äußerliche Handlung den Menschen vom Tod errettet, wie ich auch nicht sage, daß das Abendmahl einem andern als dem gläubigen Empfänger ein Genuß zum Leben ist. Die Taufe ist ein Auferstehen vom Tod, und das Abendmahl ist ein Genuß zum ewigen Leben. Die Taufe an sich macht den Menschen nicht zum Christen. Wer nicht vorher ein Christ ist, der wird es nicht durch die Taufhandlung. Nach Röm. 4, 10. 11 war die Beschneidung das Siegel eines Bundes, dem Abraham durch den Glauben schon angehörte; ebenso ist die Taufe das Siegel eines bereits bestehenden Bundes, welcher ist ein Bund des Glaubens und des Innewohnens des heiligen Geistes.

Und wie der Gläubige im Abendmahl des Leibes und Blutes Christi teilhaftig wird, so wird der Gläubige in der Taufe aus dem Tod erweckt, er empfängt im Wasserbad die Vergebung der Sünde und die Einwohnung des heiligen Geistes, der schon an ihm gearbeitet hat; denn wie könnte er glauben, wenn der heilige Geist seine Seele nicht in den Stand setzte, zu bekennen, daß Jesus der Herr ist!