Part 12
Eine weitere Schwierigkeit, die sich ihm um diese Zeit darbot, verstattet einen Einblick in die Ratlosigkeit, die ihn angesichts des von ihm bekämpften Greuelwesens mehr wie einmal befiel. Eine seiner Streifkolonnen hatte ihm zweihundertundzehn Sklaven in die Stadt gebracht, ausgehungerte Menschen, die ihn so flehentlich anblickten, daß ihm die Augen übergingen. Was soll er mit ihnen anfangen? wem soll er sie überlassen? Selber behalten kann er sie nicht und füttern kann er sie auch nicht. Selbstverständlich läßt er ihnen für den Augenblick etwas Durra reichen, denn sie haben seit sechsunddreißig Stunden nichts gegessen. »Ich wollte heute mein Leben hinlegen,« ruft er aus, »um das Elend dieser Menschen zu lindern; wie viel mehr muß Gott sich ihrer erbarmen!« Und immer mehr wird es ihm zur Klarheit, daß das Schwerste des von ihm unternommenen Kampfes nicht sowohl die Unterdrückung der Händler selbst sei, als die Versorgung der hilflosen Sklaven.
Es ist ihm öfters zur Last gelegt worden, daß er selbst Sklaven, als solche, seinen Truppen einverleibe, ja sie gegebenenfalls sogar kaufe. Er, der sein Leben für nichts achtete in dem großen Kampf gegen das Unrecht, konnte es ruhig der Zeit überlassen, sein Thun ins rechte Licht zu setzen. Er braucht Truppen gegen die Sklavenhändler; woher soll er sie nehmen? Wenn er es unterläßt, Sklaven zu nehmen und ihre Eigentümer zu entschädigen, so gehören sie nach wie vor, d. h. vertragsmäßig noch zwölf Jahre lang ihren jeweiligen Herren. Sie mit Gewalt frei machen, hieß den Aufruhr verallgemeinern. Es schien ihm der beste Weg, die Banden bewaffneter Sklaven im Land möglichst unter seine Disziplin zu bringen. Das Urteil der Leute hatte ihn nie viel angefochten. Seiner Schwester formuliert er Anklage und Entschuldigung mit den kurzen Worten:
»Ich möchte, daß Du es richtig verstehst -- ›Oberst Gordon kauft Sklaven an von Regierungs wegen und läßt die Gellaba nach wie vor ihr Wesen treiben‹, heißt's in den Zeitungen. Ja, er thut's, denn nur mit Hilfe von Sklaven kann er die Sklavenhändler bekämpfen und die bewaffneten Banden unter sich bringen. Die Sklaven, die ich kaufe, sind längst ihrer Heimat entrissen, ich kann sie nicht zurückschicken, selbst wenn ich wollte. Es ist nicht, als ob ich dem Handel dadurch Vorschub leistete, nicht einmal indirekt, denn gerade dadurch gewinne ich ein Mittel, ihn zu unterdrücken.«
Die Gellaba -- er nennt sie selbst Geier -- sind die kleinen Händler, welche die Ware im einzelnen den Jägern abkaufen.
»Wenn wir mit Rußland im Krieg sind,« sagt er, »benutzen wir diesen Zeitpunkt nicht, um in Indien Mißstände zu unterdrücken? Ich wäre tollkühn, wollte ich mir die kleinen Leute verfeinden, ehe ich mit den Hauptsündern fertig bin.«
Er weiß, daß in Schekka an viertausend Sklaven liegen, die ihm in die Hände fallen werden, sobald er jenes Nest aushebt.
»Was soll ich mit ihnen anfangen, mit Weibern und Kindern? Ich kann sie nicht in ihre Heimat zurückschicken (weithin ins Innere von Afrika, selbst wenn er im einzelnen Fall immer wüßte, wo die Geraubten zu Hause sind!) ich kann sie nicht erhalten. Ich muß sie entweder den Stämmen überlassen, oder meinen Truppen, oder den kleinen Händlern. Ich habe keine andere Wahl. Wenn ich sie freigebe, so überlaufen sie das Land, und ein herrenloser Sklave ist wie ein verlorenes Schaf -- das Eigentum dessen, der ihn findet. Ich muß suchen den Ausweg zu ergreifen, der für die armen Sklaven der beste ist. Was Europa dazu sagt, ist nicht die Hauptsache: es ist der Sklave, der leidet, nicht der Europäer. Das weiß ich wohl, daß wenn ich jene viertausend Sklaven den Stämmen oder den Gellaba, oder auch meinen Truppen überlasse, man in den nächsten Monaten um so viel mehr von Sklaventransport hören wird; aber dann ist wenigstens das damit gewonnen, daß die Ärmsten auf die beste Art ihre Bestimmung erreichen und nicht hier Hungers sterben.«
Als ihre Bestimmung kann man neben dem Orient überhaupt auch Ägypten betrachten, wo merkwürdigerweise der Ankauf von Sklaven auch dann noch gestattet war, als der Handel im Sudan unterdrückt werden sollte.
»Ich könnte die Verantwortung von mir abwälzen, und die Sache sich selbst überlassen -- das hieße die Sklaven dem sichern Elend und dem Hungerstod preisgeben. Soll ich ein solcher Feigling sein, aus Furcht vor der Meinung des besser unterrichteten Europa? Nein, ich werde dem Transport fürs nächste Vorschub leisten. Die Leute sollen in die Zeitungen schreiben, was sie wollen. Hier sind die Sklaven, um sie her die Geier, und hier bin ich, der eine Mann, der keine Nahrung für sie hat und keine Möglichkeit, sie in ihre Heimat zurückzuschicken. Hätte ich einen tüchtigen Mann mit starkem Arm, der mir helfen könnte, jeden einzelnen Sklaven nach seinem Wunsche zu behandeln -- es wäre mir lieber. Denn merkwürdigerweise haben selbst diese elenden Sklaven noch Wünsche in dieser Hinsicht -- manche vertrauen sich lieber den Gellaba an, manche den Stämmen, manche meinen Truppen; nach ihrer verwüsteten Heimat verlangen sie indessen nicht zurück, denn sie wissen, daß sie dann nur anderen Stämmen zum Opfer fallen und wieder Sklaven werden. Ihre Dörfer sind zerstört; es würde lange dauern, ehe sie nur wieder auf eine Ernte hoffen könnten.... Angesichts dieser Thatsachen steht man hilflos dem Erlaß gegenüber, daß alle Sklaven nach zwölf Jahren frei sein sollen. Wer will sie frei machen? Man könnte gerade so gut erwarten, daß Steine und Bäume das Gesetz erfüllen, als daß die Stämme unter sich ihre Sklaven aufgeben. Man kann lediglich nichts thun, als sie an der Jagd auf neue Sklaven hindern ... Ich habe so wenig Korn hier, daß ich nicht weiß, was anfangen. Bei solcher Sorge vergeht einem der hohe Mut. Aber das weiß ich, daß ich um keinen Gewinn der Welt die übernommene Arbeit jetzt aufgebe; es wäre eine Feigheit ... Ich höre von Fascher, daß nach einem Ausfall auf Harun das Volk zu Hunderten Hungers starb oder den Pocken erlag -- arme Kinder und Weiber, deren jedes sein Leben lieb hat wie wir! Schön war, daß meine Araber ihre Gefangenen freiließen -- es seien ihrer zweihundertfünfunddreißig gewesen, die Arm in Arm in einer langen Kette davonwankten. Es geschah in der Hoffnung, sie vor den Gellabas zu retten, was hoffentlich gelungen ist ...
»Eine Truppe ausgehungerter Menschen ist in meinen Hof eingebrochen, ich habe sie fortschicken müssen bis morgen, in der Hoffnung, bis dahin etwas Durra aufzutreiben.«
Mittlerweile verhielt sich der von Darra abgesandte Offizier ganz unthätig, ja Gordon hörte, daß er sich vom Feind habe bestechen lassen. Kein Wunder, daß Gordon allen Mut verlor, sich auf seine Truppen zu verlassen. Er beugt sich unter diese Thatsache als unter eine Fügung Gottes. Dies hindert ihn aber nicht, sich vorzunehmen, den Mann im Betretungsfalle kriegsrechtlich erschießen zu lassen. Wie seine Truppen sich ferner verhielten, ergiebt sich aus folgendem. Die ~Leparden~, ein zahlreicher Stamm, hatten sich gegen ihn aufgeworfen und die Verbindung zwischen Darra und Tuescha abgeschnitten. Er beschloß daher, seinen Besuch in der Räuberhöhle Schekka noch hinauszuschieben und mit einer Abteilung seiner »Unbeschreiblichen« und einer Anzahl verbündeter Mascharins den Leparden entgegenzuziehen. Es war eine schlimme Nacht, voll Sturm und Regen.
»Ich zog meinen Mantel an und setzte mich unter meinen Schirm und wünschte, es wäre Tag. Angenehm war die Lage nicht, aber ich wickelte mich ein und konnte schlafen.«
Es war ein Regen, der einem die halbe Kraft aus dem Körper spülte, sagt Gordon, aber nichtsdestoweniger führt er seine Leute am folgenden Tage in den Kampf -- den Teil wenigstens, der bei der Hand war, und das waren ~nicht~ seine »Unbeschreiblichen«, die langsam hinterdrein kamen. Seine Verbündeten, die Mascharins, waren es, die, obgleich geringzählig, sich nicht halten ließen und die Leparden, d. h. ihre einhundertsechzig Mann starke Vorhut, gänzlich aufrieben. Als seine Truppen herankamen, besetzten sie das gewonnene Lager des feindlichen Stammes, und während Gordon mit dem Häuptling der Mascharins Kriegsrat hielt, stürmten die Leparden in zwei Abteilungen von je dreihundertfünfzig Mann daher. Sie wurden zurückgeworfen, aber wieder nicht von seinen Truppen, sondern von den tapfern Mascharins, deren Anführer Ahmed Nurra tödlich verwundet wurde. Seine Helden hielten das Palissadenwerk von der sichern Seite! Gordon befand sich in einem Zustand der peinlichsten Entrüstung. Das Einzige, was ihn zurückhielt, sich selbst unter die anstürmenden Leparden zu werfen, war der Gedanke, daß seine elenden Truppen dann gar nicht mehr wüßten, was thun. Aber gründlich verhaßt wurden ihm die Baschi-Bosuks mit ihrem Waffengeklirr, wenn der Feind nicht da war, und ihrer maßlosen Feigheit, wo's Ernst galt.
»Kein Mensch hat eine Vorstellung davon, was meine Offiziere und Soldaten für Kerle sind -- ihr bloßer Anblick regt mir die Galle auf!«
Der kurze Feldzug endete damit, daß er die Leparden von drei Wasserstationen abschnitt, so daß nur eine einzige, vierte Quelle ihnen blieb. Den Feind in jenen Wüstenländern vom Wasser abschneiden, heißt ihn besiegen. Die Brunnen liegen stundenweit auseinander.
»Gern hätte ich's den Frauen und Kindern und dem armen Vieh erspart, aber ich habe keine andere Wahl, wenn ich den Stamm bewältigen will.«
In der glühenden Hitze kamen sie denn auch bald mit hängenden Zungen und verdorrten Lippen und baten um Gnade. Gordon nahm ihnen die Speere ab, ließ sie auf den Koran Treue schwören und schickte sie dann allesamt an die nächste Quelle.
»Sie waren einen Tag ohne Wasser, ich kann's nicht ändern. Der Krieg ist ein grausames brutales Geschäft. Wie oft lesen wir in den Kriegen Israels, dass das Volk ohne Wasser war. Es ging damals nicht anders zu als jetzt.... Meine Berittenen fingen einen Scheik ein, er war über die Maßen durstig; wie gern hab ich ihm Pardon gewährt und ihn mit seinen Leuten ans Wasser geschickt ... er sagte, der Stamm sei auseinandergesprengt. Auch des Häuptlings Sohn war dabei, ein fünfzehnjähriger Junge, und wie sie gebunden in meinem Zelt hockten, sah ich, wie der arme Bursche nach Wasser lechzte. Was für eine Freude war's, ihn sich satt trinken zu lassen!«
Aber auch Streitigkeiten mußte er beilegen. Der Zankapfel war oft nur eine Handvoll Korn, oder ein irdener Topf. Ob solcher Beute gerieten zwei hintereinander, die verschiedenen Stämmen angehörten, und der eine erschoß den andern!
»Ich ließ die Stammesangehörigen des Getöteten vortreten und auch den Gefangenen; und dann fragte ich sie, ob ich ihn erschießen sollte, oder ob sie ihn haben wollten, damit er für die Hinterbliebenen des Ermordeten arbeite. Und ich war froh, zu finden, daß sie auf den letztgenannten Vorschlag eingingen. Der Mann war vorher schon der Sklave eines der Soldaten (das Wort ist mir entschlüpft, ich wollte ihn nicht so nennen!) ich habe ihn daher nur einem andern Herrn gegeben. Das Entsetzen der Leute war unbeschreiblich, als ich mich mit meinem Gewehr vor den schwarzen Mörder stellte und den Hahn spannte -- es war gar nicht geladen. Ich wußte auch, daß sie seinen Tod nicht verlangen würden, denn selbst in diesen armen wilden Menschenherzen wohnt Gutes. Sie glaubten aber fest, ich würde ihn erschießen, wenn sie nicht um sein Leben einkämen, und so thaten sie's einstimmig.«
Die Leparden hielten nicht lange Frieden, kaum länger als bis ihr Durst gestillt war, und dann entführten sie Gordons Verbündeten eine Anzahl Sklaven, wofür er ihnen tausend Stück Vieh wegnahm und einen weiteren Teil des Stammes entwaffnete. Er rückte durchs Lepardenland nach Duggam vor, wo ein Gemisch von Stämmen hauste. Die Leparden gingen nach Gebel Heres zurück; er zog ihnen nach und hörte, daß Harun sie unterstützte, indem er ihnen vierzig Berittene nach Gebel Heres zur Verstärkung geschickt habe, während er selbst das Land weiter nördlich verwüstete. Seinem Truppenteil, den er in jener Gegend vorfand, kann Gordon das gewohnte Lob gänzlicher Untüchtigkeit ausstellen. Eine ganze Menge Fragen hinsichtlich eingebrachter Sklaven harrten seiner Erledigung.
»Ich wollte, die Gesellschaft zur Unterdrückung der Sklaverei wäre hier,« ruft er nicht ohne Ironie, »und sagte mir, was ich thun soll!«
Während er seine erbärmlichen Streitkräfte beklagt, gab's Meuterei; sein Leben war nicht sicher in ihrer Mitte. Fascher war so nahe, daß man seine Wachtfeuer von der Stadt aus sehen mußte; dort waren achttausend Mann ihm dienstpflichtiger Truppen eingesperrt -- oder sollten doch dort sein. Er machte sich auf den Weg, um ihnen das Gewehr zu visitieren, und erreichte mit etlichen hundert Mann die Stadt gegen Abend nach einem »schmählichen Ritt« durch Sumpfland. Man hatte keine Ahnung von seinem Kommen und war »angenehm überrascht«. In der Stadt selbst waren viermal so viel Truppen, als er bei sich hatte, und zehnmal so viel kampierten unter Hassan Pascha Helmi drei Tagmärsche entfernt; aber von diesem Militär war nicht der geringste Versuch gemacht worden, sich nach Darra oder sonst wohin durchzuschlagen, während der Feind noch vor kurzem bis in die Nähe von Fascher Streifzüge unternommen hatte. Hassan Pascha, der die Besatzung befehligte, hatte sich schon vor Wochen in aller Gemütsruhe mit dem Hauptteil der Truppen davon gemacht. Gordon verschrieb sich den Mann. Mittlerweile konnte er von einem anderen seiner Offiziere folgenden Streich erzählen.
»Ein Muezzin oder Gebetsrufer in der Stadt war gewohnt, die Gebetsstunde nah bei der Stelle auszurufen, wo jetzt mein Zelt steht. Mein Oberstlieutenant hieß ihn schweigen, weil es mich störte; zum Glück erfuhr mein schwarzer Schreiber die Sache. Es lag nichts anderes zu Grunde als der Wunsch, den Fanatismus der Leute gegen mich aufzustacheln. Ich schenkte dem Ausrufer 40 Mark, meinen gefälligen Freund, den Oberstlieutenant, aber schickte ich nach Kedaref in die Verbannung, wo er Zeit finden wird, ähnliche Pläne auszuhecken. Ich besinne mich nie einen Augenblick, solche Kerle zu züchtigen. Der Gebetsrufer schreit jetzt noch einmal so laut, eben während ich dies schreibe.... Ich gebe mir alle Mühe, jenen anderen Tapfern, der sich bestechen ließ, um den Feind nicht anzugreifen, und mich neunzehn Tage in Darra hinhielt, seiner Thaten zu überführen; aber die Zeugen sind nicht besser als er selber, so wird mir nichts übrig bleiben, als meine despotische Gewalt in Anwendung zu bringen. Er nahm viertausend Mark in Geld, den Wert von tausend Mark in Straußenfedern und zehn Kamelladungen Durra als Geschenk hin, um den Stamm nicht anzugreifen.... Sebehrs Sohn ist jetzt bereit, sich mir anzuschließen in der Hoffnung, das Land um so besser zu plündern; und Harun plündert auf seine Rechnung im Norden. Ich sitze mitten zwischen diesen beiden, und um mich her sind die Stämme, die jenem feindlich sind und teilweise auch mir feindlich, während sie dem Harun günstig sind und von mir erwarten, daß ich ihnen gegen Sebehrs Sohn beistehe -- das nennt man einen dreiseitigen Zweikampf.«
Es war in der That eine unerquickliche Lage, die täglich schwieriger wurde. Von den drei Feinden, mit denen er im Zweikampf stand, wäre der selbstgekrönte Sultan ohne Zweifel am leichtesten zu unterwerfen gewesen, wenn er ihn nur im offenen Felde hätte stellen können; aber abgesehen von seinem Mangel an tüchtiger Mannschaft, war er anderwärts zu sehr in Anspruch genommen, und Hassan Pascha mit seinen fünftausend Unthätigen hatte nicht den Mut, ohne die Gegenwart Gordons den Angriff zu wagen.
Es waren die eingebornen Stämme, die dem Feldherrn so hinderlich waren. Manche in nächster Nähe verhielten sich noch feindlich, und die entfernteren thaten ihr Bestes, die von ihm zur Ruhe gebrachten wieder aufzustacheln. Außerdem wurde sein Schreiber krank und für alle Einzelheiten der Verwaltung mußte er selbst einstehen. Wegen jeder Kleinigkeit drängten sich die Leute unangemeldet in des Generalgouverneurs Zelt und meinten, er könne sich ihrer nicht schnell genug annehmen. Erteilte er aber einen Befehl, so erfüllte man denselben im Leichenschritt. Seine Diener waren nicht besser als seine Soldaten. »Ich erledige täglich einen Berg von Geschäften,« schreibt er, trotz der furchtbaren Hitze, die so sengt und brennt, daß er »alle vierzehn Tage eine neue Haut im Gesicht hat.« Und wenn er von einem Ausritt müde heimkommt, so findet er Skorpione in seinem Zelt, oder dasselbe von einem Sturmwind umgeblasen, während seine Diener dabei sitzen, als ob es sich von selbst wieder aufrichten müsse. Dann ist er wohl manchmal niedergeschlagen und meint, es helfe alles nichts, er müsse dieses verzweifelte Land sich selbst überlassen, aber sein hoher Mut gewinnt auch in solcher Lage die Oberhand und er sieht durch den Wolkenhimmel doch wieder die Sonne scheinen.
Er hatte sein Hauptaugenmerk zur Zeit auf Harun gerichtet, denn der Verdacht war ihm gekommen, ob Hassan mit seinen fünftausend nicht ähnlichen Verrat treibe, wie jener andere, der sich hatte bestechen lassen. Und obschon es fast täglich Unternehmungen gegen die feindlichen Stämme oder Streifzüge auf höchstnötigen Proviant zu leiten gab, so traf er doch energische Vorbereitungen, einer etwaigen Krisis zuvorzukommen. Da hieß es mit einemmal, der »Sultan« sei verschwunden und niemand wisse wohin. Somit hatte er neben verlorener Mühe vorläufig das Nachsehen.
Während er so sein Bestes thut, der kleinen wie der großen Mühseligkeiten Herr zu werden, kommt ihm die Nachricht, daß sein schlimmster Feind ausgebrochen ist und sich anschickt, Darra zu belagern. Gordon weiß, daß Soliman sechstausend bewaffnete Sklaven mit sich führt, während er selbst zwar seine »unbeschreiblichen« Helden hat, sich aber nicht im geringsten auf sie verlassen kann, -- eine Wendung der Dinge, vor der alle bisherigen Schwierigkeiten erblaßten. Gordons Genie aber erweist sich nie glänzender als in einer Lage, die völlig hilflos erscheint. Da gürtet sich der Held zum Einzelkampf und erringt einen Sieg, der durch Waffen allein nicht zu gewinnen wäre. Schrieben wir einen Roman, es ließe sich nichts Romantischeres denken, als solche Siege über große Bedrängnis; da es sich aber um Thatsachen handelt, so ist es eben die großartige Kindeseinfalt des heroischen Mannes, die stets mitten ins Feuer geht, den Umstand vergessend, daß er einer ist gegen viele. Gordon verlor keinen Augenblick. Seine Armee und alles zurücklassend, bestieg er sein Kamel und ritt allein und unbewaffnet nach Darra. Von diesem gewaltigen Ritt, eine der wunderbarsten Leistungen in seiner ganzen wunderbaren Laufbahn, lassen wir ihn selbst an seine Schwester berichten. Es ist hierbei nur zu bemerken, was übrigens von allen seinen Briefen gilt, daß er stets frisch nach der That schrieb und nicht im entfernteren daran dachte, daß je ein größerer Leserkreis an seinen Berichten sich erfreuen würde.
»Etwa um vier Uhr nachmittags erreichte ich Darra, lang vor meinem Gefolge, nachdem ich in anderthalb Tagen 140 Kilometer zurückgelegt hatte. Etwa zwei Stunden vor Darra geriet ich in einen Schwarm von Fliegen, die mich und mein Kamel so quälten, daß wir mit immer größerer Eile vorwärts drängten. Ich denke mir, die Königin des Geschmeißes muß darunter gewesen sein. Wenigstens dreihundert umschwärmten den Kopf des Kamels und ich ritt einfach in einer Wolke. So hatte ich doch wenigstens ein Gefolge von Fliegen, wenn sonst keines. Die Leute in Darra waren sprachlos, ich überfiel sie wie ein Blitz aus heiterm Himmel. Als sie sich erholt hatten, feuerten sie eine Salve ab. Mein armes Gefolge! wo das war, wußte kein Mensch. Denke Dir Deinen Bruder, einen einzelnen, staubigen, sonnverbrannten Menschen auf seinem Kamel und über und über mit Fliegen bedeckt, wie er so ganz unerwartet im Divan erscheint. Die Leute starrten mich an wie gelähmt. Zu essen gab's nicht viel nach meinem langen Ritt, aber eine ruhige Nacht, in der ich alles Elend vergessen konnte. Bei Tagesgrauen stand ich auf, zog die goldene Uniform an, die der Khedive mir geschenkt hatte, und ging hinaus, um meine Truppen zu besichtigen. Darnach bestieg ich mein Pferd, und mit einem Geleit von ~meinen~ Räubern von Baschi-Bosuks ritt ich hinaus in das Lager der anderen Räuber, das ich in einer halben Stunde erreichte. Der Sohn Sebehrs kam mir entgegen -- ein ganz hübscher Junge, etwa zwanzigjährig -- und ich ritt mit ihm durch das Räuberlager. Ich schätzte, es waren ihrer dreitausend, Männer und Burschen, die er bei sich hatte. Ich ritt mit ihm bis an sein Zelt; dort waren die Häuptlinge versammelt und nicht wenig überrascht, mich in ihrer Mitte zu sehen. Ich ließ mir ein Glas Wasser geben und kehrte dann zurück, indem ich den Sohn Sebehrs einlud, mich mit seinen Angehörigen in meinem Divan zu besuchen. Sie kamen denn auch richtig und hockten im Halbkreis um mich her, während ich ihnen in gewähltem Arabisch meine Meinung beibrachte: erstens, daß ich wohl wüßte, daß sie neuen Aufruhr gegen die Regierung im Schild führten, und zweitens, daß sie mir glauben dürften, daß ich lediglich dazu gekommen sei, sie zu entwaffnen und zu vernichten. Diesen Bescheid nahmen sie stillschweigend entgegen und entfernten sich dann, um sich's zu überlegen. Es dauerte nicht lange, so erhielt ich ein Schreiben mit der Zusicherung ihrer Unterwerfung und dankte Gott dafür! Rings umher haben sie das Land verwüstet, und ich konnte es nicht ändern. Mich dauern nur die armen Leute, die es traf, darunter die mir Verbündeten, die mit mir nach Wadar (gegen die Leparden) zogen und ihr Eigentum unbeschützt zurückließen. Was für Jammer überall! Aber der Allerhöchste sieht es, und er kann helfen. Ich kann's nicht. Die verblümten Gesichter der Schurken, als sie meine Anklagen vernahmen, und die merkwürdige Gebärdensprache bei meinem ungenügenden Arabisch hättest Du mit ansehen sollen! Es ist noch keine drei Tage her, daß Sebehrs Sohn seine Pistole dreimal auf meinen Kavaß (eine Art Polizeisoldat) abfeuerte, weil der Ärmste krank war und ihm nicht entgegenkommen konnte ... Du hättest sein Gesicht sehen sollen und seine Versicherungen der Treue mit anhören, als ich ihm dies vorrückte. Schließlich habe ich ihm verziehen. Maduppa Bey hat mir seither erzählt, daß der Sohn Sebehrs sich nach der Unterredung mit mir hingelegt und kein Wort gesprochen hätte, so daß die Araber meinten, ich hätte ihn mit Kaffee vergiftet! ... Man sieht ihm an, daß er ein verwöhntes Kind ist, dem die Rute nicht schaden würde. Ich habe mir Mühe gegeben, freundlich mit ihm zu reden, aber er wirft mir nur wütende Blicke zu. Armer Junge! er wird noch manch bittere Erfahrung machen müssen, ehe er die Nichtigkeit des Irdischen erkennt; bisher war er Herr inmitten einer kriechenden Schar von Sklaven, konnte thun was er wollte, Leute umbringen, wann es ihm einfiel, und soll nun auf einmal ~nichts~ sein! Indessen -- ›fahret mir säuberlich mit dem Knaben Absalom‹ -- ich will suchen, nach diesem Wort zu handeln. Es ist ein zierlicher Bursche in einer Jockei-Jacke von blauem Sammet. Die ganze Sippschaft kam bis an die Zähne bewaffnet, als sie sich in meinem Divan einstellten.«
Nachdem Gordon Soliman und seiner Horde den Standpunkt klargemacht, beschloß er, die »Höhle Adullam« auszufegen, und sandte eine Abteilung seiner Truppen ab, um Schekka zu besetzen. Im feindlichen Lager war man übrigens keineswegs ~einer~ Meinung: ein Teil der Sklavenjäger war für Unterwerfung, der andere für Krieg. Soliman selber war in einem Zustand unbändigster Wut, und wenn er nur die Scheiks zu gemeinsamem Handeln hätte bringen können, so wäre ein neuer Aufstand erfolgt. Die Leute waren aber moralisch überwältigt: einer nach dem andern erklärte dem Generalgouverneur seine Unterwerfung, und dem Sohne Sebehrs blieb zuletzt nichts übrig, als sich Gordons Befehl zu fügen, der ihn nach Schekka zurückkehren hieß. Er wolle das thun, sagte der Bursche, wenn Gordon ihm zuerst Feierkleider schenke nach dem herkömmlichen Brauch und als Beweis, daß er mit ihm zufrieden sei. »Ich habe keine Feierkleider,« erwiderte jener und fügte hinzu, daß sein Betragen ein viel zu anmaßendes sei; er wisse ja nicht einmal, was sich des Khedive Statthalter gegenüber schicke, der ihn -- einen eingebildeten Jungen -- mit ganz unverdienter Milde behandle. Das war dem Sohne Sebehrs eine bittere Pille, aber er mußte sie schlucken. Von Schekka aus sandte er dann einen Brief, in dem er sich Gordons getreuen Sohn nannte und eine Statthalterschaft begehrte. Darauf wurde ihm die Antwort, daß ehe er in Kairo gewesen sei, um sich dem Khedive persönlich zu unterwerfen oder sonst eine nicht mißzuverstehende Probe der Treue abgelegt habe, der General-Gouverneur ihm keinen Posten anvertrauen werde, und wenn es ihn sein Leben koste. Diesen Bescheid schickte ihm Gordon durch die Scheiks. Ehe diese sich verabschiedeten, fragte Gordon einen derselben, ob er Kinder habe; der Mann bejahte es. »Nun,« rief Gordon, »sagen Sie selber, ob eine Tracht Schläge dem Burschen nicht heilsam wäre!« Und der Scheik gab es zu.