Chapter 24 of 27 · 3887 words · ~19 min read

Part 24

Nachdem das Geschwader Berber bombardiert hatte, kehrte die kleine Flotte nach Khartum zurück, und der »Abbas« setzte seine Reise fort, gelangte auch sicher bis über Abu Hamed. Am 18. September aber stieß der Dampfer auf den Grund. Es war in des Scheik Wad Gamrs Land, und man hatte seit einiger Zeit bemerkt, daß die Leute auf beiden Seiten landeinwärts den Hügeln zu liefen. Als es sich ergab, daß der »Abbas« festsaß, wurde ein Rettungsboot mit dem Nötigsten beladen und als Landungsplatz eine nahe Insel in Aussicht genommen; das Boot ging viermal hin und her. Darnach vernagelte Oberst Stewart selbst die Kanonen und ließ sie über Bord werfen; ebenso die Kisten mit Schießbedarf. Die Eingeborenen hatten sich mittlerweile in großer Anzahl auf dem rechten Ufer versammelt und schrieen: »Gebt uns Frieden und Korn!« »Friede,« riefen die Gestrandeten zurück. Soliman Wad Gamr, der Scheik, war in einem kleinen Haus in der Nähe; auch er fand sich am Ufer ein und rief den Schiffbrüchigen zu, sie sollten nur furchtlos herüber kommen, die Soldaten müßten aber ihre Waffen niederlegen, sonst würden seine Leute sich fürchten. Und nachdem Oberst Stewart mit seinen Gefährten beraten hatte, setzte er mit den beiden Konsuln (Power und Herbin) und einigen andern über und betrat das Haus eines blinden Fakirs Namens Etman, um daselbst mit dem Scheik über den Ankauf von Kamelen zu unterhandeln. Er gedachte den Weg nach Dongola durch die Wüste fortzusetzen. Außer Stewart, der einen Revolver trug, hatte niemand Waffen. Und während er und seine Begleiter mit dem Scheik verhandelten, beschäftigten sich die übrigen mit der Landung. Es dauerte nicht lange, da bemerkten diese, daß Soliman aus dem Hause stürzte und seinen Stammesangehörigen, die in einem Haufen beisammen standen, mit einem Wassereimer, den er hin und her schwenkte, ein Zeichen gab. Da warfen sich diese mit ihren Speeren teils auf die Mannschaft am Ufer, teils auf das Haus. Der Heizer versteckte sich mit einigen anderen und wurde später gefangen genommen. Oberst Stewart und seine Gefährten aber wurden unbarmherzig niedergemacht und ihre Leichen in den Fluß geworfen. Dann teilten sich die Mörder in die Beute. Es war selbst nach arabischen Begriffen ein schändlicher Verrat. Stewarts Tagebuch über den bisherigen Verlauf der Belagerung Khartums, das Gordon als einen Schatz bezeichnete, wurde mit allen übrigen Schriftstücken, Briefen u. s. w., die der »Abbas« trug, dem Mahdi ausgeliefert.

Gordons »Tagebücher« beginnen mit dem Tag, an dem er sich von seinen Gefährten trennte. Die vier ersten sind an Stewart gerichtet, die beiden letzten an den befehlenden General des Entsatzheeres. Es sind diese Tagebücher einfach die niedergeschriebenen Gedanken eines Menschen, der niemand mehr hat, gegen den er sich aussprechen kann. Er bespricht darin die Sachlage von allen Seiten, keinen möglichen Einwurf läßt er unbeantwortet; er bringt die militärische Stellung zu Papier und arbeitet die zu verfolgende Taktik aus. Er macht Aufzeichnungen der täglichen Nebendinge, die nicht selten humoristischer Art sind -- z. B. seine Gewohnheit, schwarze Überläufer mit den Spiegeln im Palast Bekanntschaft machen zu lassen, damit die Leute sich doch auch einmal selbst zu Gesicht bekämen. Die Tagebücher sind daher umfangreich, obschon sie nur einen Zeitraum von drei Monaten umschließen. Er stellt darin auch das Verfahren der Regierung in ein helles Licht, aber er thut es mit der Ruhe eines Menschen, der sich in einer höheren Hand weiß, als in der der irdischen Machthaber und dem Ausgang, so oder so, ohne viel Aufregung entgegen sieht. Nichts steht deutlicher in diesen Aufzeichnungen, als daß der Schreiber bis zuletzt an dem seltenen Gottvertrauen festhielt, das manche nur als Fatalismus zu belächeln wissen, das er selbst aber treffend dahin kennzeichnet:

»Wenn das Buch unseres Geschickes einmal aufgeschlagen ist, dann ist Ergebung unsere Pflicht, in der Zuversicht, daß uns alles zum besten dienen soll. So lang dieses Buch noch mit Siegeln versiegelt ist, ist es etwas anderes. Und es kann mir niemand nachsagen, daß ich mit diesem Glauben die Hände in den Schoß legte und alles über mich ergehen ließ.«

Es war sein Gottvertrauen und nichts anderes, das ihn dazu befähigte, die Gefährten ziehen zu lassen und allein weiterzukämpfen, und wie er überhaupt immer mehr an alles andere als sich selbst dachte, so erwähnte er dieses Alleinseins mit keinem Wort. Wohl mag er's empfunden haben! Wenn er aber schreibt: »Eine Maus hat jetzt bei Tisch Stewarts Platz eingenommen, sie scheint sich nicht zu fürchten, denn sie holt sich kecklich aus meinem Teller, was ihr gefällt,« so meinen wir, er hätte nicht leicht mit wenig Worten mehr sagen können.

Ja, Gordon war allein, aber die Stadt will er halten, ob Hilfe noch komme.

6. Menschenhilfe.

Es war in der ersten Augustwoche 1884, als Gladstone, dem Drängen des Volkes nachgebend, sich anschickte, eine Entsatz-Expedition ins Werk zu setzen; bisher war standhaft erklärt worden, die Notwendigkeit zu militärischen Operationen liege nicht vor. Das Kriegsministerium that sein Möglichstes, die verlorene Zeit nachzuholen. Am letzten August verließ der erwählte Heerführer, Lord Wolseley, London unter den Zurufen und Glückwünschen einer Menge Volks, die sich am Bahnhof versammelt hatte.

Wolseleys Instruktionen sind beachtenswert. Es gelte, Gordon zu retten, sagte die Regierung, ihrer Politik getreu bleibend, daß der Sudan England nichts angehe. Das Entsatzheer solle sich daher aller und jeder offensiven Operationen enthalten. Der Auftrag erstreckte sich nicht auf die Besatzungen von Kassala und Sennar, noch weniger auf die Bahr el Ghasal oder die Äquator-Provinzen. Die Regierung setzte sogar Zweifel darein, daß es sich als nötig erweisen werde, bis Khartum vorzurücken; jedenfalls sollten die britischen Operationen möglichst beschränkt werden. Einigermaßen in Widerspruch mit dieser Vorschrift folgte die weitere Anordnung, daß, nachdem ein sicherer Rückzug für General Gordon und Oberst Stewart, sowie für die ägyptischen Truppen und Zivilbeamten in Khartum gewonnen sei, General Wolseley Vorkehrungen treffen solle, um dem Sudan, insbesondere aber der Stadt Khartum, eine geordnete Regierung für die Zukunft zu sichern. Bezeichnender Weise erhielt dieser Sudan-Entsatzzug den Namen »Expedition zur Rettung Gordons«.

Der Held in Khartum erfuhr davon auf eigentümliche Weise. Er erzählt in seinem Novembertagebuch, daß eine Post ihn erreicht habe. Die Briefe waren in alte Zeitungen gewickelt, darunter war der »Standard« vom 1. September, und »nicht mit Gold aufzuwiegen,« sagt Gordon, »waren wir doch seit dem 24. Februar ohne alle und jede Nachricht!« Dieses Zeitungsblatt aber beschreibt die Abreise Lord Wolseleys, um Gordon zu befreien. »Nichts dergleichen,« erklärt Gordon, »sondern um die eingeschlossenen Truppen zu entsetzen!« Anderswo spricht er sich so aus:

»Nicht energisch genug kann ich es ablehnen, daß dieser Zug meinetwegen ins Werk gesetzt wird. Es geschieht lediglich, ~um die Ehre Englands zu retten~, um die Besatzungen und andere aus einer Lage zu befreien, in welche die englische Politik in Ägypten sie gebracht hat. Ich unternahm den ersten Zug zum Entsatz, was jetzt kommt, ist der zweite. Was mich betrifft, so könnte ich mich ja jederzeit davon machen, wenn das alles wäre. Überlegt euch aber einmal, was es auf sich hätte, wenn die erste Expedition davon liefe und ihre Dampfer in des Mahdi Hände fallen ließe, wäre das nicht eine böse Vorarbeit für die zweite Expedition, welche Englands Ehre retten will, indem sie die Besatzungen befreit? ~Beide~ Expeditionen gelten der Ehre Englands, das liegt auf der Hand. Ich bin gekommen, um die Besatzungen zu retten und es ist mir nicht gelungen. Nun kommt Earle (der mit Wolseley kam); hoffen wir, es gelingt ihm. Zu ~meiner~ Befreiung kommt er aber nicht! Mit dem Entsatz der Garnison, das gab von Anfang an jeder zu, stand unsere nationale Ehre auf dem Spiel. Wenn Earle nun das gewünschte Resultat erreicht, so verpflichtet er sich die »nationale Ehre«, die ihn hoffentlich auch belohnen wird; mich geht das nichts an, ich bin höchstens zu tadeln, daß es mir nicht gelungen ist. Jedenfalls bin ich nicht das ~gerettete Lamm~ und wills's nicht sein.«

Gordon baute überhaupt nicht auf die Erfolge des Feldzugs, der vier Monate früher hätte unternommen werden sollen. Es ist auch nicht leicht zu erklären, warum man sich im April nicht zu den Maßregeln verstehen konnte, die man im August doch ergriff!

»Die Möglichkeit liegt natürlich auf der Hand,« schrieb Gordon, »daß Khartum der Expedition noch vor der Nase weggeschnappt wird; man wird gerade noch dazu kommen, d. h. zu spät. Vielleicht hält man es dann für nötig, die Stadt zurückzuerobern, aber das wäre ganz nutzlose Mühe und würde auf beiden Seiten nur unnötig viel Blut kosten. Wenn es so weit kommt, dann kann das Entsatzheer nichts besseres thun, als den Schwanz einziehen und ganz still wieder umkehren. Denn wenn Khartum einmal gefallen ist, dann ist die Sonne untergegangen und die Leute werden sich nicht viel um die Planeten (d. h. die andern Garnisonsstädte) kümmern.«

Der Leser weiß, daß, wie Gordon ahnte, Wolseleys Truppen »gerade noch dazu kamen«; man weiß auch, daß sie unverrichteter Dinge umgekehrt sind. Und zwar trifft Offiziere und Mannschaft kein Tadel; manch Tapferer hat sein Leben gelassen, und die Geldopfer berechnen sich nach Millionen. Der Fehler war der, daß es von Anfang an ~zu spät~ war.

Von Kairo nach Assiut wurden die Truppen per Bahn befördert und von dort per Nildampfer nach Assuan, wo die Schwierigkeiten der Expedition ihren Anfang nahmen. Ende September trafen die Flußboote von England dort ein, mit welchen man die Mannschaft und den Kriegsbedarf nach Dongola zu verbringen beabsichtigte, und vierhundert kanadische Bootsleute waren ihrer besonderen Tüchtigkeit halber auf Wolseleys Wunsch dazu verschrieben worden. Die Boote durch die Nilschnellen oberhalb Wady Halfa zu bringen, bot fast unübersteigliche Hindernisse und die Beförderung durch die Wüste mit Kamelen nicht minder; und als die Truppen endlich in Dongola angelangt waren, lag schon eine Riesenarbeit hinter ihnen, obgleich sie vom Feinde selbst noch nichts gesehen hatten.

Dongola wurde anfangs November erreicht, und am 14. dieses Monats erhielt Wolseley Nachricht von Gordon vom 4., die ihm abermals zu wissen that, daß keine Zeit zu verlieren sei. Er benachrichtigt den britischen Heerführer, daß in Metammeh fünf Dampfer mit neun Kanonen seiner Befehle harren. Mit andern Worten, sobald er hört, daß der Hilfszug im Anmarsch ist, kommt er selbst seinen angeblichen Rettern zu Hilfe!

»~Noch vierzig Tage können wir aushalten~,« berichtet er, »darnach wird's schwer sein ... Der Mahdi ist etwa acht Meilen von hier ... Sennar ist ruhig, und man weiß dort, daß Ihr kommt ...«

Wolseley that sein möglichstes, das Vorrücken zu beschleunigen, auch bedurfte es kaum seiner packenden Proklamation, die Truppen anzufeuern. Daß Gordon die Stadt bis zu ihrem Kommen halte, das war Offizieren wie Gemeinen genug. Durch den Mudir von Dongola hörte man ferner aus der belagerten Stadt, daß, als der Bote Khartum verließ, dreißig Barken voll Korn vom Blauen Nil eingebracht worden seien, und daß die Leute all ihre Hoffnung auf Gordon setzten; daß sogar aus des Mahdi Lager Überläufer zu ihm kämen; daß er seinen Bedarf an Schießpulver selbst fabriziere, daß er zwölf Dampfer auf dem Fluß habe, und daß das Volk anfange, sein Regiment dem des Mahdi vorzuziehen. Was letztere Behauptung und die Nachricht von Überläufern aus des Mahdis Lager betrifft, so erklärt Gordon in seinem Tagebuch dies damit, daß es überall an Nahrung gebreche und der Glaube im Umlauf sei, in Khartum leide man nicht Mangel; der Bauch regiere die Welt.

So viel war sicher, daß der Mahdi Obeid verlassen und bei Omderman angesichts der belagerten Stadt seine Stellung genommen hatte. Es war der 21. Oktober, das Neujahr der Moslem, als Gordon das Geschick der Abbas, den Tod Stewarts und Powers erfuhr; es bekümmerte ihn tief. Nach Omderman aber, woher ihm die Nachricht gekommen, telegraphierte er: »Ich lasse dem Mahdi sagen, daß es mir nichts ausmacht und wenn er mir den Untergang von zwanzigtausend Dampfern wie die Abbas, den Tod von zwanzigtausend Offizieren wie Stewart Pascha meldet. Ich hoffe den englischen Entsatzzug bald hier zu sehen, wenn der Mahdi mir aber zu wissen thut, daß die Engländer den Schwierigkeiten erlegen sind, so ist mir auch das einerlei. ~Ich~ bin hier wie Eisen!«

Der Mahdi machte einen Angriff auf die Stadt. Gordon begegnete ihm mit seinen Dampfern und achthundert Schwarzen; es kostete einen achtstündigen heißen Kampf, aber es gelang ihm, die Araber zurückzuwerfen und sie durch seine Sprengminen aus ihrer Stellung zu vertreiben. Der geschlagene Mahdi hat hierauf für gut gehalten, sein Angesicht eine Zeit lang zu verbergen und sich in eine Höhle zurückzuziehen. In dieser weissagte er, man werde sich sechzig Tage lang ruhig verhalten, darnach aber werde das Blut in Strömen fließen. Diese »Weissagung« ist so ziemlich auf den Tag in Erfüllung gegangen.

Weihnachten und Neujahr ging vorüber, da schien es endlich Ernst werden zu wollen. Das englische Heer rückte in zwei Kolonnen, die eine unter Earle, die andere unter Sir Herbert Stewart durch die Bajuda-Wüste vor. Das Ziel Stewarts waren die Gakdul-Brunnen, die auch erreicht wurden; hier wurde eine feste Stellung gewonnen. Am 15. Januar 1885 bewegte sich der Zug weiter nach den Abu Klea-Quellen, etwa hundertundzwanzig Kilometer von Metammeh und Shendi am Nil. Dort kam es zur Schlacht. Hoffnungsvoll waren die Truppen vorgerückt; einzelne Araber, auf die sie unterwegs stießen, rissen des Mahdi Abzeichen von ihren Gewändern und erklärten, sie würden den falschen Propheten nie anerkannt haben, hätten sie gewußt, daß die Engländer kämen. Bei Abu Klea war der Feind zehntausend Mann stark. Die englische Kolonne zählte nicht viel über tausend. Es gab eine heiße Arbeit, aber den Briten blieb der Sieg; doch kostete er schwere Opfer. Sir Herbert Stewart selbst wurde tödlich verwundet; neun andere Offiziere fielen, darunter etliche der tapfersten, die England aufzuweisen hatte, außerdem gab es an Toten fünfundsechzig Gemeine, und fünfundachtzig Verwundete. Über tausend Araber bedeckten das Schlachtfeld. Unter Sir Charles Wilson, dem nach Stewarts Verwundung der Oberbefehl zufiel, erreichte die britische Abteilung den Nil, wo Gordons Dampfer der Befreier mit der frappanten Meldung harrten: »Alles wohl in Khartum; wir können uns noch jahrelang halten! -- C. G. G. 29. Dez. 84.« Hart auf die Siegesbotschaft von Abu Klea trug der Telegraph diese Kunde nach England, und alle Welt jubelte, daß die Hilfe doch nicht zu spät gekommen sei, daß der tapfere Held sich gehalten habe, und daß seine eigenen Dampfer in wenigen Tagen die englischen Landsleute ihm zuführen würden. Daß Gordons Meldung darauf abgesehen war, den Feind zu täuschen, daß sie das gerade Gegenteil von dem bedeuteten, was ihr Wortlaut besagte, das mutmaßte man vor übergroßer Freude nicht.

Und doch war es so! Schon am 14. Dezember hatte ein Geheimbote die (ebenfalls für den Feind bestimmte) Nachricht gebracht: »Alles wohl in Khartum.« Aber eben derselbe Bote brachte dem britischen Oberbefehlshaber eine Privatmeldung ganz anderer Art:

»Wir sind auf drei Seiten belagert -- bei Omderman, Halfaja und Hoggi Ali droht Angriff. Kampf ununterbrochen Tag und Nacht. Der Feind kann uns nur aushungern. Haltet eure Truppen zusammen, der Feind ist zahlreich. Bringt möglichst viel Truppen. Noch halten wir Omderman und die Verschanzung gegenüber.

Der Mahdi hat Erdwälle in Schußweite von Omderman aufwerfen lassen; er selbst aber bleibt außerhalb der Schußweite.

Vor ungefähr vier Wochen haben des Mahdi Truppen Omderman angegriffen und einen Dampfer außer stand gesetzt. Wir haben dafür eine der feindlichen Kanonen demontiert.

Drei Tage später haben sie uns wieder auf der Südseite angegriffen; wir haben sie zurückgeworfen.

Saleh Bey und Slaten Bey sind gefangen in des Mahdi Lager.

Unsere Truppen hier leiden Mangel. Was noch an Proviant da ist, ist wenig; etwas Korn und Zwieback.

Kommt sobald wie möglich; am besten über Metammeh oder Berber. Rückt auf diesen beiden Linien vor. Versichert euch der Stadt Berber, ehe ihr vorrückt. Hütet euch, den Feind euch im Rücken zu lassen, und wenn ihr Berber habt, dann laßt mich's wissen.

Haltet den Feind möglichst in Unwissenheit über eure Bewegungen.

In Khartum giebt's weder Butter noch Datteln und sehr wenig Fleisch, alle Lebensmittel sehr teuer.«

Das klang anders, als »wir können noch jahrelang aushalten!« Aber diese Meldung wurde nicht nach England telegraphiert; oder, wahrscheinlich richtiger, man hielt für gut, sie in den Regierungsbureaus zurückzuhalten. Wie ein Donnerschlag aus klarem Himmel fiel daher am 5. Februar 1885 die Botschaft ins Land: Khartum ist gefallen!

Sir Charles Wilson war in guter Zuversicht mit zwei von Gordons eigenen Dampfern von Metammeh abgefahren. Er erreichte das Ziel am 28. Januar, zwei Tage zu spät; des Mahdi Geschütze begrüßten ihn bei der Ankunft, er konnte sich nur wieder zurückziehen -- am 26. war Khartum gefallen!

7. Getreu bis in den Tod.

Wer vermag es, die letzten drei Monate in ihrem ganzen Ernst sich zu vergegenwärtigen, der nicht selbst als Augenzeuge mit in der eingeschlossenen Stadt war! Das Bild wird sich erst dann völlig entrollen, die Schlußszene von Gordons Leben wird erst dann mit voller Klarheit beleuchtet sein, wenn die Bücher aufgethan werden, in denen aller Menschen Thun verzeichnet steht. Einigermaßen aber sind wir, weil im Besitz seiner Aufzeichnungen, dennoch wie Augenzeugen.

Kehren wir zu der Zeit zurück, da er mit einem Heldensinn und einer Großmut, die ihresgleichen sucht, die Gefährten ziehen ließ, um, wenn möglich, ihr Leben zu retten und allein, der einzige seines Volkes, in der unseligen Stadt zurückzubleiben. Wie oft hatte Gordon es früher ausgesprochen, daß er bereit wäre, sein Leben hinzugeben für seine »armen Schafe«, die Schwarzen im Sudan. Es war nicht bloße Redensart. Er hat es gethan, sofern ein Mensch für andere sich opfern kann. Es liegt ein merkwürdiger Brief von ihm vor, den er an die Freunde in Jaffa richtete, als Khartum ernstlich bedroht war und er nicht wußte, wie bald die Übermacht von außen, oder der Verrat von innen die Stadt dem Feind überliefern würde.

»Es ist eine Lage, in des man seine Hoffnung nur noch auf Gott setzen kann,« schreibt er. »Zwar sollte dies uns genügen, aber wer nicht selbst in der Lage war, kann kaum verstehen was es heißt: ›Wir wissen nicht, was wir thun sollen, unsere Augen sehen nach dir‹ (2 Chron. 20, 12). Der Aufruhr an sich wäre nichts, wenn wir nur ordentliche Truppen hätten, aber die haben wir nicht, und ich muß mich daher ganz auf Gott verlassen. Es klingt sonderbar, so zu schreiben, als ob Er nicht genug wäre! Es ist meine Menschennatur, die so schwach ist, daß der Mangel mich -- zwar nicht immer, aber manchmal -- bedrückt. Was für veränderliche Geschöpfe sind wir doch und voll Widerspruch; halb Fleisch, halb Geist. Und doch arbeitet Gott an uns und will uns zu Bausteinen machen für seinen Tempel. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie ich zwischen zwei Seiten hin und herschwanke. ›Ist meine Hand verkürzt?‹ heißt's auf der einen, und ›schlechterdings kein Ausweg aus dieser Lage!‹ auf der andern. Es ist ein fortwährender Kampf. Ich werde Ruhe finden im Grab. Denkt nicht, daß ich Euer vergesse; denn als Hiob für seine Freunde bat, da wandte der Herr sein Gefängnis (Hiob 42, 10). Lassen Sie Ihre Kinder für mich beten, denn bei Menschen ist keine Hilfe. Wie wunderbar ist das Zurichten der Bausteine, und wie ungern lassen wir uns behauen! Aber dennoch habe ich es gewagt, vor Ihn zu treten, und habe es von Ihm begehrt, die Sünden dieser auf mich zu legen, in Christo. Gott mit Euch. Habt Dank für Eure Fürbitte.«

Von allem, was wir über Gordon wissen -- und wie reich sind die Zeugnisse -- ist dieser Brief wohl das Wunderbarste, etwas, das uns tief ins Herz greift. Wie treu ist der Mann, der sein Leben einsetzt, der mit der ganzen Bürde eines hilflosen Volkes auf seinen Schultern, mit der Bitte vor seinen Herrn tritt, ihre Sünden auf ihn zu legen! Wenn es wahr ist, daß er schließlich durch Verrat fiel, so fehlt nur, daß er hinzugesetzt hätte: ~sie wissen nicht, was sie thun~!

Noch hatte er das Volk auf seiner Seite, das in ihm seine Schutzmauer erblickte; aber der Hunger kam, und der Zweifel that sein Werk, wie aus seinen Worten hervorgeht: »die Leute mußten uns für Lügner halten.« Die Engländer kommen, war lange der Trost; aber sie verzogen und kamen nicht. Und dem Volk sank der Mut.

»Während ihr eßt und trinkt und sicher in euren Betten schlaft,« schreibt er, »wache ich mit meinen Leuten Tag und Nacht, ob es uns gelingen möchte, uns gegen den falschen Propheten zu halten.«

Und wenn selbst seine Leute schliefen, so wachte er. In der Mitte der Stadt hatte er sich einen Turm errichtet, von dem er das Land weithin übersah. Wenn der Tag graute und andere wachen konnten, dann ruhte er. Den Tag über kämpfte er den Kampf mit dem Nahrungsmangel und dem Kleinmut in der Stadt; und wenn die Nacht sich senkte, bestieg er seinen Turm und hielt die Wache, allein unter dem Sternenhimmel mit seinem Gott um den Sieg ringend, die Hilfe erflehend, die versagt schien. Wer kann es ermessen, wie die Heldenseele in mancher langen Nacht im Kampf für »dies Volk« sich erschöpfte und immer wieder zum Anlauf bereit stand, wie oft auch ein neuer Tag heraufstieg und keine Rettung brachte!

Nichts tritt in den Tagebüchern klarer zu Tag, als daß Gordon, so völlig er auch das Ende in eine höhere Hand legte, alles that, was in seiner Macht stand, daß er die ihm anvertraute Stadt Schritt um Schritt verteidigte. Nichts unterließ er, was er thun konnte; sein Auge war überall, und sein heroischer Mut war sozusagen täglich neu. Es war eine Zähigkeit in der Natur dieses Mannes, die um so erstaunlicher ist, als er's nicht genug betonen kann, daß Menschenhilfe kein nütze ist. Bis auf den letzten Blutstropfen ringt er um das Geschick der Stadt, und doch geht sein Glaube von dem Gedanken aus, daß eben dieses Geschick vorherbestimmt ist. Für den einsichtsvollen Leser liegt hier durchaus kein Widerspruch vor. Er erkennt es als seine Pflicht zu ringen, bis das ihm noch verborgene Geschick sich erfüllt. Oder um abermals an sein Wort zu erinnern: »~Wenn das Buch der Dinge, die sich ereignen sollen, einmal aufgeschlagen ist, dann ist Ergebung für uns das Richtige; vorher ist es etwas anderes. Und es kann niemand sagen, daß ich bei diesem Glauben die Hände in den Schoß gelegt habe.~«

Seine Ergebung in den Willen Gottes, wenn die Ereignisse einmal erfüllt sind, hindert ihn z. B. auch durchaus nicht daran, in seinen Aufzeichnungen der englischen Regierung ihren Anteil an der Schuld recht gründlich unter die Augen zu halten.

»Wenn ich nicht dächte, daß alles vorherbestimmt und zwar zum besten bestimmt ist, so könnte ich ganze Oktavbände voll Zorn loslassen, so oft ich auf dieses Thema komme. Ich sehe gar nicht ein, warum ich die Stadt auf halbe Rationen setzen soll, nur um die Belagerung um so viel zu verlängern; wenn ich es thäte, so hätten wir eine Katastrophe noch vor der Zeit, wo eine solche bei ganzen Rationen zu erwarten ist. Ich wäre ja ein Engel (unnötig zu bemerken, daß ich das nicht bin), wenn ich nicht bitterbös auf unsere Regierung zu sprechen wäre. Ich will suchen mich über diese Sudan-Wirtschaft und all diese unentschlossene Politik zu beruhigen; aber wenn mir meine schönen schwarzen Soldaten draufgehen, so möchte ich doch den sehen, der beim Gedanken an unsere Machthaber den hellen Zorn unterdrücken könnte!«

Der gutmütige Ausfall auf seine Schaf-Soldaten thut seiner Gesinnung in diesem Stücke jedenfalls keinen Eintrag. Die Politik der Engländer, sagte er, lasse sich kurz dahin zusammenfassen: sie weigerten sich, den Ägyptern in der Sudan-Frage zu helfen, sie verboten den Ägyptern, sich selbst zu helfen, und sie wollten nichts davon hören, daß andere ihnen helfen. Er bestritt keineswegs das Recht der englischen Regierung nach ihrer Einsicht zu handeln, das aber warf er ihr vor, daß sie selber nicht wußte, was sie wollte, als es an der Zeit war, ja oder nein zu sagen. Hören wir ihn in seinem Oktober-Tagebuch: