Chapter 4 of 27 · 3958 words · ~20 min read

Part 4

Die stets siegreiche Armee hatte ihrem Namen Ehre gemacht und ihr Anführer sich als ein Befehlshaber erwiesen, der das wahre Geheimnis der Kriegskunst kennt -- das Wann, Wie und Wo des Draufschlagens. Zwanzig Jahre später, als die Araber angefangen hatten, seinen Palast in Khartum zu beschießen und er wußte, daß selbst etliche seiner zum Mahdi überlaufenden Sudanesen die feindlichen Kanonen bedienten, schrieb er in sein Tagebuch: »Es ist nicht das erstemal, daß meine eigenen Leute auf mich schießen. In der Bresche vor Taitsan waren zwei Engländer vom 31. Regiment unter den Rebellen. Der eine fiel, der andere wurde verwundet und gefangen genommen. ›Herr Gordon! Herr Gordon! lassen Sie mich nicht totschießen!‹ Lauter Befehl: ›Führt ihn weg und jagt ihm eine Kugel durch den Kopf.‹ Leiser Befehl: ›Bringt ihn in mein Boot, der Doktor soll nach ihm sehen; dann schickt ihn nach Schanghai.‹ Der Mann lebt wohl heute noch.«

Die kaiserlichen Mandarine nahmen ihre Privatrache an einigen der Gefangenen, was zu Gerüchten Anlaß gab, die darauf berechnet waren, Gordon zu verleumden. Dieser schreibt mit Bezugnahme hierauf unterm 15. Juli 1863 an den Herausgeber der Schanghaier Schiffszeitung:

»Ich kann bezeugen, daß die Chinesen meines Korps nicht grausamer sind als die Soldaten irgend einer christlichen Nation; als Beweis erwähne ich die Thatsache, daß siebenhundert der bei Kuinsan gefangen genommenen Taipings bei uns jetzt im Dienst stehen. Sie haben sich freiwillig unsern Fahnen angeschlossen und sich bereits gut gegen die Rebellen geschlagen. Nur ~eine~ Hinrichtung ist nötig gewesen; sie traf einen Rebellen, der es versuchte, seine Kameraden gegen die Wache aufzuhetzen, und sofort erschossen wurde. Es ist ein großer Irrtum, anzunehmen, daß dieses Korps aus lauter gewissenlosen Menschen bestehe. In der Hitze des Gefechts schlagen sie drauf und halten es für tapfer den Feind zu töten, wie andere Soldaten auch; aber nach der Schlacht heißt es gleich wieder gut Freund .... Wenn ein gewisser (ungenannter) »Augenzeuge« und jener »Freund der Barmherzigkeit« ihre beiderseitigen Behauptungen mit wirklichen Beweisen belegen könnten, so wäre es besser, als den Zeitungen Zuschriften zu schicken, wie diejenigen, die den Bischof von Viktoria beschäftigen. Und wenn irgend jemand der Meinung ist, das Volk wäre mit der Rebellenwirtschaft zufrieden, so dürfte er sich vom Augenschein hier leicht eines andern belehren lassen. Ich überschätze die Zahl gewiß nicht, wenn ich sage, daß nach der Einnahme von Kuinsan fünfzehnhundert der flüchtigen Rebellen von den sich massenhaft erhebenden Landleuten erschlagen wurden.«

Wir haben vorgegriffen. Daß die chinesischen Söldner in vollständiger Mannszucht standen, ist kaum anzunehmen; Gordon war ja noch keine zwei Monate im Kommando. Seine Soldaten hatten in Taitsan geplündert, was gegen seine Kriegsverordnung war. Er strafte sie aber damit, daß er ihnen keine Gelegenheit gab, ihre Beute zu verwerten; sie anderweitig zu züchtigen, dafür war es kaum der geeignete Moment, nachdem sie eben einen Sieg errungen, der, so glänzend er war, doch blutige Opfer gekostet hatte. Er überließ es den Mandarinen, die gefallene Stadt zu besetzen, und marschierte mit seinem Korps nach Sung-Kiang zurück. Dort erließ er eine Proklamation, dankte den Truppen für ihre tapfere Haltung, tadelte die Offiziere aber wegen allzu laxer Mannszucht. Um diese zu bessern, ernannte er an der Gefallenen Statt mehrere englische Offiziere aus einem in Schanghai liegenden Regiment, welche Erlaubnis hatten, ihm ihre Dienste anzubieten.

Und nun ging's nach Kuinsan. Eine drohende Unbotmäßigkeit in seinem Korps wich seiner Ruhe und Festigkeit. Kuinsan war nicht nur der Schlüssel zum größeren Sutschau, sondern überhaupt zur Hälfte des rebellischen Territoriums. Die Stadt hatte eine ausgezeichnete Lage; in ihrer Mitte erhob sich inselartig, mit einer Pagode gekrönt, ein Hügel. Der Angriff konnte somit genau beobachtet werden, und zwei oder drei richtig aufgepflanzte Geschütze hätten die Stadt zur beinahe unnahbaren Festung gemacht. Der Graben um die Stadt her war über hundert Fuß breit. Die Garnison bestand aus zwölf- bis fünfzehntausend Taipings unter einem Anführer Namens Moh Wang. Der kaiserliche General Tsching war für einen Angriff von der Ostseite her, aber Gordons Kriegsgenie geriet auf eine andere Taktik, und in der That fiel die Stadt lediglich infolge seiner Manöver mit einem kleinen Flußdampfer.

Er hatte bald entdeckt, daß Kuinsan bei seiner ausgezeichneten Lage doch einen schwachen Punkt hatte, indem die Verbindung mit Sutschau in einer einzigen Straße bestand, die teilweise an einem See hinführte, teilweise zwischen einem Netz von Kanälen lag. Er brachte seinen Dampfer Hyson zur Stelle, und die Verbindung zwischen den beiden Städten war abgeschnitten. Der Hyson trug einen Zweiunddreißigpfünder und einen zwölfpfündigen Mörser. Der Kapitän war ein kühner Amerikaner, und ihm folgte eine Flottille von etwa fünfzig kleinen Segelboten mit Kanonen. Der Hyson that gute Arbeit und säuberte sehr bald die Wasserstraße von allen Taipings, als wäre er ein mächtiges Kriegsschiff gewesen; ja einmal dampfte das kühne Boot mit Gordon an Bord bis unter die Mauern von Sutschau.

Mittlerweile fand im großen Kanal ein hitziges Gefecht statt. Die Besatzung hatte nach Sonnenuntergang einen Ausfall gemacht. So zahlreich und so verzweifelt waren die Taipings, daß sie unter einem tüchtigen Anführer die »stets siegreiche Armee« völlig hätten aufreiben können. Mitten im Getümmel erschien der Hyson mit dem Aufblitzen und Donner seiner Geschütze, und -- was den Taipings offenbar einen tollen Schrecken einjagte -- mit dem schrillen Pfiff seiner Dampfmaschine. Der Feind geriet in verworrene Flucht, und ehe der Morgen tagte, war Kuinsan gefallen, ohne nur ein einzigesmal gestürmt worden zu sein. Von da an hatten die Krieger des großen Friedens eine heilsame Furcht vor dem Namen Gordon. Achthundert Mann der feindlichen Besatzung wurden gefangen genommen, und die meisten von diesen nahmen Dienst bei dem Sieger; doch war dies nicht der zehnte Teil der Mannschaft, und nur wenige Flüchtlinge erreichten Sutschau; der größte Teil muß unterwegs umgekommen sein. Gordon hatte diesen wunderbaren Erfolg fast ohne Opfer erreicht; zwei im Kampf Gefallene und fünf Ertrunkene war der ganze Verlust auf seiner Seite. Gordons Grundsatz, alle Gefangenen, die es begehrten, in seine Reihen aufzunehmen, bewährte sich glänzend. Feinde wurden zu Freunden. Auch gestattete er, so viel an ihm lag, nie, daß die Kaiserlichen Grausamkeiten verübten; Gefangene müßten so behandelt werden, sagte er, wie es Soldaten zukomme, die sich einem britischen Offizier ergeben. Sein eigener Bericht lautet:

»Die Rebellen haben diesmal tüchtig Schläge gekriegt; ich glaube nicht, daß sie sich noch lange zur Wehr setzen werden, da wir ihnen durch unsere Dampfer so weit überlegen sind. Kuinsan ist eine große Stadt, über fünf Kilometer im Umkreis, ihren Mittelpunkt bildet ein sechshundert Fuß hoher Hügel, von dem man die Gegend stundenweit beherrscht. Es ist ein merkwürdiges Land, voller Wasserstraßen und von großem Reichtum. Durch die Eroberung dieser Stadt ist es der kaiserlichen Regierung nun ermöglicht, die reichen Korndistrikte u. s. w. zu beschützen; die Landleute sind so dankbar, daß es eine Freude ist, sie zu sehen. Sie waren in schlimmer Lage vorher, mitten zwischen den Rebellen und den Kaiserlichen; sie waren aber schlau genug, sich einigermaßen dadurch zu helfen, daß jedes Dorf sich zwei Bürgermeister hielt, einen kaiserlichen und einen, der vorgab, es mit den Rebellen zu halten. Auf diese Weise entrichteten sie Steuern an beide. Was ich nun weiter zu sagen habe, könnte für Prahlerei gelten, aber ich weiß, daß Ihr alles hören wollt. Der Gouverneur der Provinz, Prinz Kung, und alle Mandarine sind froh, daß ich die Anführerschaft übernommen habe. Ich bin ein Tsung-Ping, d. h. ein Mandarin zum roten Knopf; wie Ihr Euch denken könnt, trage ich die Kleidung aber nicht. Sie schreiben mir sehr schmeichelhafte Briefe und sind äußerst verbindlich. Ich mag die Chinesen auch gut leiden, aber Takt ist nötig im Umgang mit ihnen, und über ihr Phlegma zornig werden nützt gar nichts; ich lasse es daher bleiben .... Sollten Gerüchte von begangenen Grausamkeiten Euch erreichen, so glaubt sie nicht! Wir haben an achthundert Gefangene gemacht; eine gute Anzahl derselben ist jetzt meiner Garde eingereiht und hat seither gegen ihre alten Freunde, die Rebellen, mitgefochten. Wenn ich Zeit hätte, könnte ich lange Geschichten erzählen, wie Leute aus entfernten Provinzen einander hier treffen, oder wie die Bauern unter meinen Soldaten Rebellen erkennen, die vor noch nicht langer Zeit ihre Dörfer geplündert haben -- aber ich habe keine Zeit! Ich nahm einen Mandarin gefangen, der drei Jahre lang bei den Rebellen war; er hat jetzt eine Kugel in der Wange, die er sich neulich im Gefecht gegen die Taipings geholt hat. Die Ex-Rebellen, die ich in meine Garde aufnahm, waren alle Schlangenträger oder Hauptleute. Sowohl bei den Rebellen als bei den Kaiserlichen sind die Schlangenstandarten nämlich die Abzeichen der Anführer. Wo man eine sieht, ist immer ein Befehlshaber in der Nähe. Ihr Verschwinden bedeutet den Rückzug des Feindes. In Taitsan hielten die Schlangen auch bis zuletzt, das bewies, daß der Kampf ein hartnäckiger war. Die Wangs wußten nach der Einnahme von Fusan, daß ein »neuer Engländer im Kommando war, aber sie erwarteten ihn nicht in Taitsan.« Äußerst seltsame Gerüchte sind im Umlauf, so z. B. sollen die Rebellen mir vierzigtausend Mark geschenkt haben, damit ich Kuinsan in Ruhe lasse. Alle Mandarine hatten davon gehört, und wenn sie es glaubten, so mußte es sie wunder nehmen, daß wir trotzdem vor Kuinsan erschienen. Bu Wang und zehn andere Wangs ertranken auf dem Rückzug; jener war Befehlshaber von Sutschau und schrieb einen großthuenden Brief an General Staveley, wir wären nur ein Krämervolk, und er habe Soldaten wie Sand am Meer. Ich meinesteils hielt die Rebellen nie für so stark als man annahm; es sind nicht viel tüchtige Soldaten unter ihnen. Tschung Wang, der Getreue, ist anderwärts beschäftigt und soll nicht beabsichtigen, wieder nach Sutschau zurückzukehren. Die Einwohner von Sutschau haben ihre Weiber und ihre Habe in die Wassergegend hinter die Stadt geflüchtet. Ich fürchte, die Wangs werden lange Gesichter machen, wenn sie dort auf unsere drei Dampfer stoßen, was ihnen leicht blühen kann.

Eine gründliche Kenntnis des Landes ist unschätzbar, und ich habe die Gegend genau studiert. Tschanzu ist etwa sechzig Kilometer von hier. Ich bin öfters dort gewesen; die Leute fühlen sich jetzt sicher dort, seit Kuinsan gefallen ist. Das Entsetzen der Rebellen über unsere Dampfer ist ein großes, besonders wenn Signal gepfiffen wird, das geht über ihr Fassungsvermögen .... Wir haben mehrere ehemalige Diener des Bu Wang unter den Gefangenen, und ihre Berichte sind ergötzlich. Die Wangs hatten beschlossen, meinen Dampfer in die Luft zu sprengen, und erließen eine Proklamation, daß Pulver gelegt werde; sie vergaßen nur die Hauptsache, nämlich ~wie~ das geschehen könnte -- darüber hat allem nach nichts verlautet ...

Ich habe mehrere englische Offiziere, und wir begnügen uns mit der Montur, die wir auftreiben können; die Soldaten sind in hellen Lumpen ... Ja, es ist wie Du sagst, der Bezahlung wegen bin ich nicht hier. Ich halte es immer mehr für ein gutes Werk, den Aufstand zu unterdrücken, und Du würdest ebenso denken, könntest Du es nur einmal mit ansehen, mit welch dankbarer Freude die Landleute ihre Freiheit hinnehmen; die Rebellen sind ihre Tyrannen ... Die Verlegung des Hauptquartiers war ein großes Stück Arbeit.«

Gordon hatte nämlich beschlossen, Kuinsan jetzt zum Mittelpunkt seines Unternehmens zu machen, und zwar ebensowohl der Lage wegen als mit Rücksicht auf den nicht minder wichtigen Vorteil, daß er sein Korps dort in strammerer Mannszucht würde halten können als in Sung-kiang, wo die Tradition von Ward und Burgevine noch nachwirkte. Seine Leute aber billigten den Beschluß keineswegs. In Sung-kiang konnten sie etwaige Beute besser los werden, während das Plünderungsverbot in Kuinsan überhaupt so leicht nicht mehr umgangen werden konnte. Die Unbotmäßigkeit wuchs zur Meuterei. Die Artillerie weigerte sich anzutreten. Sie würden die Offiziere zusammenschießen, ließen sie Gordon schriftlich androhen. Dieser aber war ihnen gewachsen. Er rief sofort sämtliche Unteroffiziere heraus, indem er nicht zweifelte, daß unter diesen die Rädelsführer und Schreiber des frechen Schriftstücks sich befänden. Wer den Brief geschrieben, verlangte er zu wissen, und warum das Regiment sich dem ergangenen Befehl widersetze. Störriges Schweigen war die Antwort. Darauf erklärte Gordon mit ruhiger Bestimmtheit, er werde je den fünften Mann erschießen lassen, was mit wildem Murren aufgenommen wurde. Ein Korporal zeichnete sich hierbei besonders aus. Mit dem ihm eigenen Scharfblick erkannte Gordon seinen Mann. Mit eigener Hand zog er den Korporal aus der Reihe und ließ ihn von zwei dabeistehenden Infanteriesoldaten ohne weiteres erschießen. Die andern erhielten eine Stunde Arrest mit der Erklärung, daß, wenn alsdann der Antritt nicht erfolge und der Verfasser des Briefes nicht genannt würde, je der fünfte Mann unter ihnen erschossen werden solle. Das wirkte; das Regiment trat an, und als Gordon die verlangte Mitteilung erhielt, ergab sich's, daß der Rädelsführer eben jener Korporal war, dem er die verdiente Strafe hatte werden lassen.

Die Einnahme von Sutschau war das nächste Ziel, aber erst im Dezember wurde es erreicht. Kuinsan war im Mai gefallen.

Die Pagodenstadt Sutschau liegt am großen Kanal und ist von Wasserwegen umgeben. Gordon beschloß, sie allmählich abzuschneiden, indem er zu Wasser von allen Seiten näher rückte. Etwa fünfzehn Kilometer südlich von Sutschau liegt Kahpu am Thaihusee, wo die Rebellen zwei starke Forts innehatten, nicht weit davon die Stadt Wokong. Als Schlüssel zu dem etwa achtzig Quadratkilometer großen Thaihusee waren beide Orte von Wichtigkeit, außerdem beherrschten sie die Verbindung zwischen Sutschau und den Taiping-Städten im Süden. Dahin richtete Gordon deshalb seinen ersten Angriff und eroberte beide Orte mit etwa zweitausendzweihundert Mann Infanterie und Artillerie, sowie mit Hilfe zweier Kriegsboote, der »Feuerfliege« und dem »Heimchen«. Auch hier zeigte es sich wieder, daß rasche Bewegung Gordons Stärke war; so gab es z. B. einen ordentlichen Wettlauf nach einer Verschanzung außerhalb Wokongs, welche die Rebellen vergessen hatten zu besetzen. Als sie merkten, daß der Feind sich seine Gelegenheit ersah, wollten sie das Versäumte geschwind noch nachholen und machten sich kopfüber auf den Weg. Zwei Regimenter Gordons aber waren hinter ihnen her, so daß die Taipings eigentlich nur sozusagen zu einer Thür hinein und zur andern wieder hinausgejagt wurden, den Siegreichen den Posten überlassend.

Viertausend Rebellen kapitulierten; fünfzehnhundert derselben sollte Tsching unter seine Kaiserlichen aufnehmen, nachdem er sein Wort gegeben hatte, sie gut zu behandeln. Es dauerte aber nicht lange, da hörte Gordon, Tsching habe trotz seinem Versprechen etliche derselben enthauptet, eine Wortbrüchigkeit, welche Gordons ganzen Zorn herausforderte. Überdies war er unzufrieden, weil der Sold seiner Truppen seit einiger Zeit im Rückstande war. Er hatte ihnen das Plündern verwehrt mit dem Versprechen einer regelmäßigen Löhnung; nun entbehrten sie beides, und allgemeines Murren wurde laut. Es ist bezeichnend, daß nach der Einnahme von Kuinsan, einem Erfolg, der europäische Truppen mit flammender Begeisterung erfüllt hätte, die Siegreichen in ziemlicher Anzahl davonliefen! Auch hierin liegt ein Grund, warum Gordon nicht anders konnte, als Taiping-Überläufer zu Rekruten zu machen! Durch Tschings zwecklose Grausamkeit wurde das Maß seines Unmuts voll; er beschloß sein Kommando niederzulegen, und ritt in dieser Absicht nach Schanghai. Als er am dritten August dort ankam, fand er indessen eine Nachricht vor, die ihn alsbald umstimmte.

Burgevine mit etwa dreihundert Mann europäischen Pöbels und einem kleinen Dampfer hatte eben die Stadt verlassen, um sich den Rebellen anzuschließen. Burgevine ein Wang! das war allerdings eine Neuigkeit, die den Leuten von Schanghai nicht ganz einerlei war, und Gordon sah, daß er der kaiserlichen Sache nicht den Rücken wenden durfte, wenn er es nicht riskieren wollte, daß die »stets siegreiche Armee« sich ihrem alten Anführer zuwenden und mit ihm zu den Taipings übergehen sollte.

Sofort kehrte er nach Kuinsan zurück, und ernste Gedanken mochten ihn auf seinem einsamen Ritte begleiten. Wie viel hing von der Stimmung seines Korps ab! Die Leute konnten es nicht vergessen haben, wie Burgevine seiner Zeit den kaiserlichen Zahlmeister prügelte, weil er im Rückstande war, und wie er nie Anstand nahm selbst Tempelraub zu begehen, wenn sich's darum handelte, die Siegreichen zu löhnen. Kein Wunder, daß Gordon bei seiner Rückkehr großer Aufregung begegnete; seine Macht über die Geister machte sich aber auch jetzt wieder geltend. Er schickte sich alsbald an, seine Stellung bei Kahpu zu verstärken, und nicht zu früh, denn die mutig gewordenen Taipings machten einen Überfall, wurden aber zurückgeschlagen; doch verlor Gordon ein Kanonenboot. Burgevine war übrigens nicht bei diesem Angriff; es hieß, er bilde eine Fremdenlegion in Sutschau. Gordon hielt sich fürs nächste auf der Defensive.

»Daß Burgevine sich den Rebellen angeschlossen hat, wird den Aufstand ohne Zweifel verlängern, der sonst, nach menschlichem Ermessen, wohl noch in diesem Jahr unterdrückt worden wäre, oder doch spätestens im Laufe des Winters. Ich habe zu wenig Leute, um überall sein zu können, auch ist bei der gegenwärtigen Sachlage doppelte Vorsicht nötig. Die Kaiserlichen leiden an der Einbildung, daß sie die Rebellen im offenen Felde schlagen können, was nicht der Fall ist ... Man sucht mich zu überreden, alsbald die Offensive zu ergreifen, allein das Leben der Leute ist mir anvertraut, und ich will nichts thun, was ich von vornherein für tollkühn halten muß. So weit sind wir gut weggekommen, wir hatten in all diesen Gefechten nicht mehr als dreißig bis vierzig Tote bei sechzig bis achtzig Verwundeten. Es wäre wohl ein Unternehmen, um von sich reden zu machen, wenn ich Sutschau eroberte ohne Verstärkung abzuwarten; aber ich will nichts derartiges riskieren. Wokong ist unser, damit ist schon viel gewonnen, und wenn ich durch die Einnahme von Wusieh Sutschau von aller Verbindung abschneiden kann, wird es wohl nicht nötig sein, die Stadt zu stürmen. Ich denke, die Taipings werden sie von selbst räumen. Burgevine ist ein Thor und sieht nicht, was für Elend er übers Land bringt ....«

Unterm 11. September heißt es weiter:

»Burgevines kleiner Dolmetscher ist zu uns übergelaufen und sagt, daß sein Herr den Wangs allerlei von uns erzähle, was sie höchlich interessiere. Er sei in guter Gesundheit, aber träge. Seine Anhänger sind größtenteils Gesindel aus Schanghai .... Die Gegenwart von Europäern (bezw. Amerikanern) hat die Rebellen in nichts gebessert; sie sengen und brennen nach wie vor, wo und was sie können, und wir haben eine Menge ausgehungerter Leute hier ....«

Unterm 25. September schreibt er aus dem Lager bei Sutschau:

»Ich habe nun Stellung genommen, um die Kaiserlichen zu decken, die sich in einer Entfernung von etwa fünftausend Fuß vor Sutschau verschanzt haben ... Burgevine ist in Schanghai gewesen« -- nämlich um sich Munition zu verschaffen, bei welch tollkühnem Unterfangen er beinahe in Gefangenschaft geriet.

Am 30. September konnte Gordon bereits von Erfolg berichten:

»Da die Kaiserlichen durch die Patatschau-Schanzen gehindert waren, so beschloß ich, dieselben einzunehmen. Die Verteidigung war schwach und unser Verlust bei der Erstürmung ein kaum nennenswerter -- fünf Verwundete .... Bei Patatschau ist eine merkwürdige Brücke, sie besteht aus dreiundfünfzig Bogen und ist dreihundert Fuß lang. Ich bedaure sagen zu müssen, daß sechsundzwanzig der Bogen gestern zusammenfielen wie ein Kartenhaus, wobei zwei meiner Leute ums Leben kamen, zehn andere retteten sich nur durch schleunige Flucht. Die Bogen stürzten einer nach dem andern mit kolossalem Lärm zusammen, und mein Boot wurde schier mit zertrümmert. Es ist mir sehr leid, denn die Brücke war einzig in ihrer Art und sehr alt, eine wahre Sehenswürdigkeit. Ich fürchte, ich bin am Einsturz schuld; ich wollte nämlich einen Bogen wegnehmen lassen, um Raum für den Durchgang eines Dampfers nach dem Thaihusee zu gewinnen, da brach die ganze Geschichte zusammen, weil ein Bogen vom andern getragen war ... Die Lage der Rebellen wird immer schlimmer; ich denke, es wird nicht lange mehr dauern, bis ich den Fall von Sutschau melden kann. Wir sind hier etwa drei Kilometer davon entfernt, am großen Kanal. Die Dampfer legen den Taipings doch das Handwerk bedeutend.«

Was den Sturz der Brücke betrifft, so bedarf Gordons Bericht der Ergänzung. Er saß eines Abends allein auf der Brüstung jener Brücke und rauchte seine Zigarre, als zwei Kugeln nach einander neben ihm auf den Stein schlugen und abprallten. Diese Flintenschüsse, die ganz »zufällige« waren, kamen aus seinem eigenen Lager, wo man nicht wußte, daß er sich gerade daselbst aufhielt. Nach dem zweiten Schuß erhob er sich und schickte sich an, zurückzurudern, um zu sehen was es gäbe. Er war noch keinen Steinwurf von der Stelle entfernt, als der Teil der Brücke, auf dem er gesessen, mit großem Gekrach einstürzte und sein Boot in nicht geringe Gefahr brachte. Die Hauptgefahr, der er soeben entronnen, war natürlich die gewesen, selbst mit der Brücke zu stürzen. Es ist charakteristisch, daß er die Sache in seinem Briefe mit keinem Wort erwähnt! Diese Begebenheit ist eines jener Ereignisse, die seine Leute auf den Glauben brachten, sein Leben sei gefeit.

Dieser Glaube hatte bei seinen Chinesen in der That tiefe Wurzel gefaßt. In keinem Gefecht sah man ihn selbst Waffen tragen, obschon er es meist nötig fand, den Angriff persönlich zu leiten. Seine Offiziere waren ja im ganzen sehr tapfere Leute, aber nicht immer dazu angethan, dem verzweifelten Feind stand zu halten. Bei solchen Gelegenheiten konnte man Gordon oft sehen, wie er diesen oder jenen Offizier ruhig am Arm nahm und ihn mit sich in den dicksten Kugelregen führte. Er kannte keine Furcht; ihm galt ein Musketenfeuer nicht mehr als ein Hagelwetter. Die einzige »Waffe«, die er im Treffen führte, war sein kleines spanisches Rohr, womit er die Leute dirigierte; seine Soldaten aber, die ihn fast nur als Sieger kannten und ihn mit Staunen immer kaltblütig und unversehrt sahen, meinten, es habe mit dem Röhrchen eine besondere Bewandtnis. Als »Gordons Zauberstab« stand dasselbe denn auch in glänzendem Rufe. Und dieser Ruf war etwas wert.

Die in der Festung eingeschlossenen Europäer fanden sich mittlerweile unter der Herrschaft der Taipings aufs gründlichste enttäuscht; es kam zu Unterhandlungen zwischen Gordon und Burgevine. Eine Brücke bei Patatschau war der neutrale Boden der Zusammenkünfte.

Burgevine war ein amerikanischer Abenteurer vom reinsten Wasser, Sohn eines französischen Offiziers aus der Zeit des ersten Napoleon, in Nord-Karolina geboren. Er war nicht ohne Bildung, und der Traum seines Lebens scheint der gewesen zu sein, ein Kaiserreich zu gründen. Kalifornien, Australien, Hawaii, Indien und schließlich China waren der Schauplatz seiner Unternehmungen. Trunksucht soll ihn schließlich zu Grunde gerichtet haben. Seine Entlassung aus dem Sung-kiang-Corps hatte er nicht verwinden können, und er schloß sich den Taipings an, nur um sich an den Kaiserlichen zu rächen. In seiner ersten Unterredung mit Gordon erklärte er, er sei der Rebellen überdrüssig und wolle sie mit seinem Anhang wieder verlassen, wenn er die Gewißheit erhalten könne, daß die Kaiserlichen ihn für seinen Verrat nicht zur Verantwortung ziehen würden. Gordon übernahm es, die Bürgschaft zu leisten, und war alsbald bereit, sowohl Burgevine als andere Europäer, die dazu Lust hätten, unter seiner Fahne dienen zu lassen. Als aber Gordon und Burgevine das zweitemal zusammenkamen, gab der letztere seine wahre Gesinnung kund. Er und Gordon könnten gemeinschaftliche Sache machen, meinte er, mit einander der Stadt Sutschau habhaft werden, unter Ausschluß beider, der Rebellen und der Kaiserlichen, sich der in dieser Stadt aufgehäuften Schätze versichern, eine größere Armee heranbilden, nach Peking marschieren und das geträumte Kaiserreich gründen. Man kann sich denken, was Gordon dazu wird gesagt haben.

Übrigens desertierten die Europäer in der Stadt einige Wochen später massenweise, und zwar mit Gordons Hilfe. So groß war ihr Vertrauen zu dem feindlichen Landsmann, daß sie ihm sagen ließen, sie gedächten einen Ausfall zu machen in der Absicht, sich seinem Schutz zu ergeben. Auf ein Raketensignal hin wollten sie den Dampfer Hyson entern. Dies geschah denn auch mit solchem Eklat, daß Tausende von Taipings hinter ihnen herstürmten, in der Meinung, es handle sich um einen wirklichen Überfall; der Hyson aber trug die Flüchtlinge davon, deren Abschiedsgrüße der Zweiunddreißig-Pfünder energisch vermittelte. Burgevine mit etlichen anderen war indessen zurückgeblieben; der Moh Wang habe Verdacht geschöpft, hieß es, weshalb sie die Sache beschleunigt hätten, ohne auf die Säumigen zu warten.

Die Mehrzahl dieser Überläufer waren Matrosen, die nach Sutschau gelockt worden waren, ohne zu wissen, wohin sie gingen. Ausgehungert und zerlumpt wie sie waren, wußten sie ihrer Dankbarkeit kein Ende, und fast alle baten um die Erlaubnis, dieselbe dadurch mit der That beweisen zu dürfen, daß sie sich der siegreichen Armee einreihen ließen. Gordon aber, sobald er hörte, daß Burgevine in der Stadt zurückgeblieben und somit der Rache der Taipings hilflos überlassen war, richtete (16. Okt.) folgende Zuschrift an die beiden Haupt-Wangs der Belagerten: