Part 23
Selbst Privatpersonen erklärten sich bereit, für die Regierung in die Bresche zu treten. Eine wohlhabende Dame bot in der Times hunderttausend Mark an, in der Hoffnung, daß durch freiwillige Beiträge eine genügende Summe zusammenkommen würde; anderthalb Millionen Mark wurden gezeichnet, eine Schar Freiwilliger sollte ausziehen, um England die Schande zu ersparen, den Helden und seine beiden opferwilligen Gefährten umkommen zu lassen, es wurde nicht genehmigt. Der Horizont wurde täglich dunkler. Dringende Mahnrufe ergingen an die Regierung von dem belagerten Berber; man könne nicht helfen, hieß es. Hilfe thue dort in sechzehn Stunden not, und ein Zuzug brauche ebenso viele Wochen. Daher unterblieb er. Das letzte, was man von Berber hörte, war die Botschaft, daß Hussein Khalifa die Stadt nur noch mit der Hoffnung halte, daß englischer Entsatz auf dem Wege sei; und als sich die Hoffnung als eine leere erwies, hieß es auch dort: Wir sind verlassen, wenn Gott uns nicht hilft. Von Kairo war Nachricht nach London gekommen, daß in Berber ein panischer Schrecken den Rebellen in die Hände arbeite, und wenn die telegraphische Verbindung nach Khartum noch einmal benutzt werden solle, dann sei keine Zeit zu verlieren.
Und Berber fiel, unter Greuelszenen, wie sie den Sudan-Krieg kennzeichnen. Es war das Vorspiel für Khartum. Es war die Brandglocke. Noch wäre es Zeit gewesen, um dort zu löschen, allein man schlief ruhig weiter, ob nicht ein Regenguß vom Himmel, oder sonst was zu Hilfe käme und eigene Anstrengung ersparte. Und Schweigen fiel auf die verlassene Stadt. Depeschen blieben aus, man wußte nicht mehr wie es dort ging. Fünf Monate lang keine Nachricht oder doch nur unzuverlässige Gerüchte. Doch das wußte, wer es wissen wollte -- sein vergangenes Leben bürgte dafür -- daß Gordon die Pflicht für sein Volk wie ein Held erfüllte. Hatten die Seinen ihn verlassen, so war Gott mit ihm, und er wagte den Kampf.
5. Mannhaft auf dem Posten.
Gordon verlor keine Zeit, die Verteidigung Khartums ins Werk zu setzen. Seine erste Sorge war der Proviant. Es ergab sich, daß die Stadt eine fünfmonatliche Belagerung würde aushalten können. Den Armen wurde eine tägliche Ration bewilligt. Der leeren Kasse half er durch Papiergeld auf, und es beweist das Vertrauen der Leute, daß ihnen sein Wort für Zahlung galt. Auf diese Weise hielt er sein unzuverlässiges Militär zusammen und verhinderte wenigstens um jene Zeit das Desertieren. Um die Stadt her legte er Sprengminen, und in Erwartung der unbeschuhten Füße etwaiger Sturmläufer war der Boden weithin mit Glasscherben und zu ähnlichen Zwecken angefertigten Stachelnüssen bestreut, nämlich mit eisernen Nüssen, die, wie sie auch fallen, eine oder mehrere ihrer Spitzen nach oben kehren. Zwischen den Minen waren Drahtangeln angebracht, um den anlaufenden Feind zu Fall zu bringen. Gordon war entschlossen, sich und die Stadt so teuer als möglich zu verkaufen. An Schießbedarf fehlte es glücklicherweise nicht. Auch ließ die Gesundheit der Stadt nichts zu wünschen übrig, und der Nil war im Steigen; letzteres war ein Hauptfaktor in Gordons Berechnung, welcher sich bei dem Angriff auf die Rebellen hauptsächlich auf seine Dampfer verließ.
Keine Woche verging, ehe er die Scharte der Dünen-Niederlage auswetzte, und zwar eben durch einen der Dampfer, der mit einer Kruppkanone unter den Rebellen aufräumte. Es war Gordons Genie, das aus gewöhnlichen Nilbooten Kriegsschiffe schuf, die ihrem Zweck vollkommen genügten. Manchen heißen Arbeitstag verwandte er selbst darauf, diese Schiffe mit Eisenplatten und mehrfach übereinandergelegten Holzdielen zu panzern und zum Spießrutenlaufen zwischen den von den Rebellen besetzten Ufern kugelfest zu machen. Seine Dampfer begleiteten sechs Barken, auf denen er zwanzig Fuß hohe Türme errichtete, die seine Schützen trugen. Die Flotte muß einen seltsamen Anblick gewährt haben, Gordon war aber offenbar stolz auf ihre Tüchtigkeit.
Saati Bey war Flottenführer. Fast täglich wagte das kleine Geschwader den Ausfall aus der blockierten Stadt und kehrte öfters mit Beute -- Vieh und Getreide -- zurück, was nicht mit Geld aufzuwiegen war. Überhaupt konnte Gordon nur auf die Schiffe rechnen, wie aus seiner nicht ohne bitteren Humor abgefaßten Notiz hervorgeht:
»Unsere Dampfer halten sich prächtig; das ist ein Vorteil zu Wasser, daß die Mannschaft nicht davonlaufen kann, sondern wohl oder übel stand halten muß!«
Es fehlte auch nicht an kleinen Gefechten, wodurch wenigstens das erreicht wurde, daß man sich die Rebellen auf Armslänge vom Leibe hielt; einen Angriff auf die Stadt selbst wagten dieselben nicht mehr, nachdem sie mit den Sprengminen Bekanntschaft gemacht hatten. Als Berber gefallen war, schlossen sich an den Mahdi auch die Schaggyeh-Beduinen an, die das Land nordwärts von Khartum inne hatten. Damit war die Isolierung der Stadt eine vollständige.
Die Spannung in England nahm mit den Sommermonaten zu. Bei dem Ausbleiben aller glaubwürdigen Nachrichten malte man sich die Lage der Stadt noch schlimmer aus, als sie damals in Wirklichkeit war; man sah sie dem hohläugigen Hunger einerseits, den fanatischen Horden des Mahdi andererseits in die Arme fallen, man sah den heroischen Gordon mit seinen tapferen Gefährten, wie sie, von aller Welt verlassen, den sinkenden Mut von Tausenden aufrecht erhielten, obschon ihnen selbst kein Hoffnungsstern leuchtete. Und als endlich verlautete, der Regierung habe das Gewissen geschlagen und Entsatzungstruppen würden abgehen, da hielt mancher dafür, wie es sich ja leider auch als wahr erwiesen hat, daß das Ministerium der Verspätungsmaßregeln auch hier wieder mit dem guten Willen hinterdrein kommen werde.
Am 29. September, nach fünfmonatelangem Schweigen brachte die Times Nachrichten von Khartum. Die Aufzeichnungen Powers[15] waren am Abend vorher angelangt, und das englische Volk las mit klopfendem Herzen, wie es den drei Söhnen Englands in der belagerten Nilstadt erging; hatte man doch die Hoffnung aufgegeben, je wieder Beruhigendes von ihnen zu vernehmen. Die hier folgenden Notizen zeigen mit der Kürze von Depeschen, wie Gordon, Stewart und Power zwischen dem ersten Mai und letzten Juli mannhaft auf ihrem Posten standen und Khartum bis dahin gehalten hatten.
»1. Mai. -- Der befehlende Offizier der Sappeurs legte eine Sprengmine mit achtundsiebzig Pfund Pulver, trat aber unglücklicherweise selbst darauf und wurde mit sechs seiner Leute zerschmettert.
»3. Mai. -- Ein Mann berichtet von einer englischen Armee in Berber.
»6. Mai. -- Energischer Angriff seitens der Araber auf die Befestigungen am Blauen Nil; die Minen, die wir bei Buri legten, brachten ihnen große Verluste.
»7. Mai. -- Starker Angriff von einem gegenüberliegenden Dorf; neun Minen explodierten und wir hörten nachher, daß es die Rebellen einhundertundfünfzehn Tote kostete. Die Araber schossen ununterbrochen. Oberst Stewart vertrieb sie mit zwei prächtigen Salven aus einem vor dem Palast aufgestellten Kruppschen Zwanzigpfünder aus ihrer wichtigsten Stellung. Während der Nacht brachen sie Schießscharten in die Mauern, aber am 9. verjagten wir sie, nachdem sie das Dorf drei Tage innegehabt hatten.
»25. Mai. -- Oberst Stewart, durch eine feindliche Kugel verwundet, während er eine Mitrailleuse vor dem Palast leitete, ist jetzt wieder hergestellt.
»26. Mai. -- Bei einem Manöver auf dem Weißen Nil schoß Saati Bey eine Bombe in ein arabisches Pulvermagazin. Gewaltige Explosion, an sechzig Bomben platzten.
»Während der Monate Mai und Juni tägliche Dampferexpeditionen unter Saati Bey. Unsere Verluste unerheblich. Viel Vieh eingebracht.
»25. Juni. -- Cuzzi, der englische Konsul von Berber, der bei den Rebellen ist, brachte unsern Linien Bericht vom Fall Berbers. Er ist auf dem Weg nach Kordofan.
»30. Juni. -- Saati Bey hat den Rebellen vierzig Ardeb Korn abgejagt, und zweihundert Araber sind dabei gefallen.
»10. Juli. -- Saati Bey machte einen Angriff auf Gatareeb, nachdem er Kalkala und drei andere Dörfer in Brand gesteckt hatte; er und drei seiner Offiziere fielen. Saatis Verlust ist keine Kleinigkeit.
»29. Juli. -- Wir haben die Rebellen aus Buri am Blauen Nil verjagt; es hat sie viel Tote gekostet, uns ziemlich Munition und achtzig Gewehre eingetragen. Die Dampfer rückten bis El-Efan vor, säuberten dreizehn Schanzen und zerschmetterten zwei Kanonen. Die ganze Belagerung bisher hat uns keine siebenhundert Mann gekostet.
»31. Juli. -- Mit dem heutigen schließt der fünfte Monat der Belagerung. Gestern schickte ich über Kassala einen übersichtlichen Bericht über unsere Lage und die hauptsächlichsten Ereignisse seit dem 25. März. Bis 23. April ging wöchentlich mehrmals Nachricht ab; nach diesem Datum war's unmöglich Botschaft nach Berber zu bringen. Wir sind jetzt seit fünf Monaten eng belagert, die arabischen Geschosse erreichen den Palast von allen Seiten.
»Seit 17. März ist kein Tag ohne Beschießung vergangen, trotzdem berechnen sich unsere Toten von Anfang an höchstens auf siebenhundert. Verwundungen, die im ganzen leicht sind, gab's viele. Seit die Stadt eingeschlossen ist, läßt General Gordon den Armen Zwieback und Korn verabreichen, und bis jetzt hat niemand ernstlich Not gelitten. Aber Teuerung herrscht, und die Lebensmittel sind enorm im Preis gestiegen; Fleisch, wenn man's überhaupt kriegen kann, kostet acht oder neun Schilling per Ober. Die Klassen, die sich nicht unterstützen lassen können, leiden am meisten.
»Mit der Nachricht, die uns vorgestern erreichte, ist unsere letzte Hoffnung dahin, daß unsere Regierung uns zu Hilfe kommen werde. Wir haben noch Mundvorrat auf zwei Monate, und dann bleibt uns nicht übrig als zu fallen. Mit den Truppen, die uns zu Gebot stehen, und den vielen Weibern und Kindern ist es ganz unmöglich daran zu denken, sich durch die Araber durchzuschlagen. Wir haben nicht genug Dampfer, um alle fortzuschaffen, und nur mit Hilfe der Dampfer können wir den Rebellen begegnen.
»Ein berittener Araber genügt, um zweihundert von unserer Mannschaft in die Flucht zu schlagen. Als Saati Bey fiel, hatten ihrer acht mit Speeren zweihundert der unsern angegriffen, deren jeder sein Gewehr trug. Die Kerle nahmen sofort Reißaus und kümmerten sich nicht darum, daß Saati und sein Vakil erschlagen wurde. Ein schwarzer Offizier hieb drei jener Araber zusammen, und die anderen fünf genügten, die ganze Truppe der unsern davonzujagen. Ein Berittener, der dazu kam, sprengte durch die flüchtige Schar und schlug sieben zu Boden. Oberst Stewart, der keine Waffen trug, kam wie durch ein Wunder davon; die Araber hatten ihn nicht gesehen. Was kann man mit solchen Truppen anfangen? Die Neger sind die einzigen, auf die wir uns verlassen können.
»Der Ausfall der schwarzen Mannschaft unter Mehemet Ali Pascha am 28. dieses war glänzend; die Araber müssen schwere Verluste gehabt haben. General Gordon hat es den Soldaten verboten, die Köpfe der erschlagenen Rebellen einzubringen, die Zahl läßt sich daher nur mutmaßen. Wir eroberten bei dieser Gelegenheit sechzehn Bomben, ziemlich viel Kartätschen und Patronen, eine schöne Anzahl Gewehre, an zweihundert Lanzen, sechzig Schwerter und einige Pferde. Wir hatten vier Tote und etliche Leichtverwundete. Dieser Sieg hat uns die Rebellen eine Zeit lang vom Hals geschafft, die unsere Linien bei Buri am Blauen Nil unablässig, selbst nachts, beschossen.
»Den folgenden Tag, am 29. dieses, rückte unser Geschwader, d. h. fünf Kriegsdampfer und vier mit Türmchen und Geschütz versehene Barken, nach Giraffa am Blauen Nil vor. Ich ging mit. Wir säuberten dreizehn kleine Forts, stießen aber bei Giraffa auf zwei beträchtlichere Verschanzungen -- Erdwälle mit starken Palissaden aus Palmstämmen. Die eine trug zwei Kanonen. Wir beschossen diese Verschanzungen acht Stunden lang, bis wir die beiden Kanonen mit unserem Kruppschen Zwanzigpfünder endlich zum Schweigen brachten. Die Gewehre der Araber knatterten unaufhörlich; unsere Panzerboote aber können einen Kugelregen aushalten, und so hatten wir nur drei Tote bei zwölf oder dreizehn Verwundeten. Gegen Abend verjagten wir die Rebellen, die ziemlich zahlreich waren.
»In etwa drei Tagen beabsichtigt General Gordon zwei Dampfer gegen Sennar zu schicken. Wir hoffen, daß sie den Dampfer »Mehemet Ali« wieder kapern, den die Rebellen dem Saleh Bey neulich abjagten. General Gordon ist wohl auf, und Oberst Stewarts Wunde ist wieder heil. Auch ich bin wohl und guter Dinge.«
Man atmete auf in England bei dieser Nachricht und war stolz auf die drei Tapferen, die sich so rühmlich hielten. Und ob der Freude vergaß man im ersten Augenblick, wie lange die Botschaft unterwegs war! »~Wir haben noch Mundvorrat auf zwei Monate und dann bleibt uns nichts übrig, als zu fallen~,« so schrieb man am 31. Juli in Khartum, und am 29. September wiederhallten diese Worte in England. Noch ein Tag fehlte an der gesteckten Frist. Wie stand es jetzt um Khartum?
Am 30. Juli schrieb Gordon an Sir E. Baring:
»Besten Dank für Ihre guten Wünsche. Der Nil ist jetzt hoch, und wir hoffen, in wenigen Tagen offene Route nach Sennar zu haben. Unsere Verluste bis jetzt sind nicht ernstlicher Art. Stewart war leicht verwundet, ist aber wieder hergestellt. Seien Sie überzeugt, daß wir diese Gefechte nicht suchen, aber wir haben keine andere Wahl, denn der Rückzug wäre nur dann möglich, wenn wir die Zivilbeamten und ihre Familien im Stich ließen, wogegen die allgemeine Stimmung der Truppen sich auflehnt. Ich habe keinen Rat zu geben. Wenn wir Sennar entsetzen und den Blauen Nil säubern können, wären wir stark genug, Berber zurückzuerobern, d. h. wenn Dongola sich halten kann. Nicht ein Pfund von Ihren Hilfsgeldern ist hier angelangt; es ist dem Feind in Berber in die Hände gefallen. Und ich mißgönne es den Arabern nicht, denn es ist doch nur ein Teil von dem, was die ägyptischen Pascha dem Land erpreßt haben. Es sollten vier Millionen Mark nach Kassala geschickt werden; man muß diesen Besatzungen wenigstens mit Geld zu Hilfe kommen. Khartum kostet zehntausend Mark per Tag. Wenn der Weg nach Berber frei wird, werde ich Stewart mit dem Tagebuch hinschicken, d. h. wenn er einwilligt. Das dürfen Sie glauben, wenn es irgend eine Möglichkeit gäbe, dieses erbärmliche Scharmützeln einzustellen, so würde ich sie ergreifen, denn mir ist der ganze Krieg verhaßt. Die Leute sind dagegen, daß ich die Stadt verlasse, aus Furcht, daß alles noch schlimmer würde, wenn mir etwas zustieße; so sitze ich immer auf Sohlen, wenn die Mannschaft draußen ist. Wenn ich irgend jemand hier ans Ruder stellen könnte, so würde ich es thun, aber es ist niemand da; alle tüchtigen Kräfte zogen mit Hicks aus und sind geblieben. Als Beweis, wie gut die Araber schießen, hat der eine Dampfer neunhundertundsiebzig und der andere achthundertundsechzig Verletzungen im Rumpf. Seit unserer Niederlage am 16. März haben wir nur etwa dreißig Tote und fünfzig oder sechzig Verwundete gehabt, was sehr wenig ist. Wir haben wohl eine halbe Million Patronen verschossen. Die Leute halten sich im ganzen gut ... Es mag taktlos klingen, aber wenn wir je davon kommen, so geben Sie dem Stewart einen Orden, aber nur mir nicht. Ersparen Sie mir die Unannehmlichkeit es abzulehnen, aber ich hasse solches Zeug. ~Wenn~ wir davonkommen, so ist es lediglich durch Gebetserhörung und nicht aus eigener Kraft; fürs übrige ist's dann eine Genugthuung, hier gewesen zu sein, so trostlos es manchmal ist. Stewarts Tagebuch ist sehr ausführlich. Ich will nur hoffen, daß es Sie erreicht, wenn ich's schicken kann. Landminen werden künftig unsere beste Verteidigung sein; wir haben die Außenwerke damit bedeckt, bis jetzt haben sie allen Angriff abgehalten und tüchtig aufgeräumt ... Wir haben einen Khartum-Orden von drei Graden -- Silber mit Vergoldung, Silber und Zinn -- eingeführt, eine Granate mit der Umschrift »die Belagerung von Khartum«. Sogar Frauen und Schulkinder haben ihn schon erhalten; ich bin daher sehr populär bei den schwarzen Damen. Wir haben Papiergeld im Wert von einer halben Million Mark in Umlauf gesetzt, und von Kaufleuten habe ich eine Million geliehen, beides auf ~Ihren~ Kredit hin! Auch habe ich einhundertundsechzigtausend Mark Papiergeld nach Sennar geschickt. Was die Steuern betrifft, so zahlt man uns nur in Blei, woraus Sie abnehmen mögen, daß Sie eine schöne Rechnung hier zusammenkriegen. Die Truppen und die Leute im ganzen sind gutes Muts ... Ich glaube, daß eine schreckliche Hungersnot durchs ganze Land das Finale sein wird. Ein Spion brachte gestern die Nachricht, die ›Königin von England‹ sei in Korosko -- vielleicht ist es ein Schiff. Sieben Mann, ich mitgerechnet, sind die ganze Verstärkung, deren der Sudan seit der Hicks-Niederlage sich rühmen kann! während wir euch sechshundert Mann Militär und zweitausend Mann Zivil zugeschickt haben -- wir lachen manchmal darüber. Ich werde Khartum nicht verlassen, ehe ich jemand an meine Stelle setzen kann. Wenn die Europäer, die hier sind, suchen wollen, den Äquator zu erreichen, so will ich ihnen mit den Dampfern dazu behilflich sein; aber nach all dem, was hinter uns liegt, kann ich die Leute nicht im Stich lassen. -- Ich habe Ihnen ja gesagt, daß der Weg über Wady Halfa am rechten Nilufer hin der beste wäre; hätte Berber sich gehalten, so wäre es eine Vergnügungsfahrt. Eine andere Möglichkeit wäre, von Senheit nach Kassala und von da nach Abu Haraz am Blauen Nil; jedenfalls sicher bis Kassala, aber ich fürchte, es ist ~zu spät~. Wir müssen uns selber durchhelfen, so gut wir können. Wenn Gott uns seinen Segen dazu giebt, so wird uns der Sieg; wenn es nicht sein Wille ist, so ist es auch recht ...
»Warum benutzen Sie die Geheimschrift? Ist ganz unnötig, die Araber haben ja keine Dolmetscher. Sie sagen, es sei Ihr Ziel, den Sudan zu räumen; gut, aber die Araber haben auch ein Wort dreinzureden, ehe sie die Ägypter ziehen lassen. Es wird alles zum besten dienen. Ich wiederhole zum Schluß, wir verteidigen uns so lang wir können, und ich lasse Khartum nicht im Stich. Noch hoffe ich, wenn ich auch bis jetzt kein Wie sehe, daß Gott uns einen Ausweg zeigen wird.« #/
In einer Nachschrift heißt es:
/# »Sie fragen in Ihrem Telegramm vom 5. Mai: warum ich darauf bestehe, hier zu bleiben, wenn doch England sich zurückziehe? Antwort: ich bleibe hier, weil die Araber uns eingeschlossen haben und niemand durchlassen. Überdies würden mich die Leute festhalten, wenn ich ihnen nicht vorher zu einer Regierung verhälfe oder sie mitnähme, was nicht möglich ist. Niemand verließe das Land lieber als ich, wenn es sein könnte.«
Im Laufe des August schreibt er an einen Offizier der königlichen Marine zu Massaua:
».... Eine ganze Reihe kleiner Gefechte mit den Arabern, die wir gottlob zurückgeschlagen haben. Der Weg nach Sennar ist jetzt offen, und wir haben im Augenblick nichts von den Arabern zu befürchten. Wir beabsichtigen morgen einen Angriff und wollen einen Ausfall auf Berber machen; Stewart und die beiden Konsuln (der Engländer Power und der Franzose Herbin) wollen den Versuch wagen, nach Dongola zu entkommen. Wir würden Berber zerstören und wieder auf unser Piratennest zurückfallen ... Ich denke, wir halten Khartum in alle Ewigkeit, wir sind dem Mahdi gewachsen. Hat er Reiterei, so haben wir Dampfer. Wir sind sehr bös auf euch zu sprechen, denn seit dem 29. März hat kein Sterbenswort von der Außenwelt uns erreicht. Ich habe schon zweitausendachthundert Mark für einen Spion hingelegt, und ihr habt dem armen Teufel zwanzig Thaler gegeben (wenigstens behauptet er das), um von Massaua nach Khartum zurückzugelangen. Ich habe ihm vierhundert Mark draufgelegt ... Wir haben wieder Mundvorrat auf fünf Monate und hoffen noch mehr wegzufangen ... Unser Vaterland spielt keine sehr edle Rolle, weder Ägypten noch dem Sudan gegenüber. Ich wollte, ich hätte ein paar von euren Artilleristen hier, denn unsere Kanonade ist erbärmlich. Meine Empfehlung an die Offiziere.«
Und weiter am 26.: »Ich schrieb Ihnen vorgestern, daß wir einen Ausfall auf die Araber machen wollten. Es ist uns gottlob gelungen, das feindliche Lager einzunehmen. Der arabische Befehlshaber ist gefallen (+R. I. P.+). Unsere Verluste noch unbekannt. Der Sieg hat uns auf drei Seiten, wenigstens in nächster Nähe, Luft verschafft. Übrigens können die Araber ihre Niederlage teilweise den Deserteuren zuschreiben, die im Augenblick des Angriffs in ziemlich großer Anzahl zu uns überliefen. Meine Flotte hat sich glänzend gehalten, worauf meine Freunde von der königl. britischen Marine stolz sein können ... Wir und die hiesigen Truppen haben wenigstens ~ein~ Band, das uns zusammenhält; sie wissen, daß sie in die Sklaverei verkauft werden, wenn die Stadt fällt, und wir wissen, daß wir nur durch eine Verleugnung unseres Herrn unser Leben retten könnten. Und ich glaube, uns ist diese Alternative noch verhaßter als den Soldaten jene. So Gott will, wollen wir den Sieg erringen ohne Hilfe von außen. Spione von Kordofan melden, daß der Mahdi mit sechsundzwanzig Kanonen auf Khartum loszieht. Das ist nicht mehr als ich erwartete; ich habe von Anfang an gedacht, daß es hier zur Entscheidung kommen wird. Will's Gott, ist der Erfolg nicht auf seiner Seite; wir haben gethan, was wir konnten, um Khartum wohl zu befestigen. Mißglückt es ihm, dann ist es auch mit ihm zu Ende.«
Daß Gordons tapferer Mut aufrecht blieb, ergiebt sich aus diesen Briefen. Sie zeigen auch, daß er sich entschlossen hatte, seine beiden Gefährten Stewart und Power ziehen zu lassen und allein zurückzubleiben; es hatte dies einen doppelten Grund. Zum ersten war Gordon wohl schon damals zur Gewißheit gelangt, daß es einen harten Kampf ums Leben gelten würde, und er wollte seinen Waffengefährten Gelegenheit geben, dem fast sichern Tod zu entgehen; zum andern aber hoffte er, durch ihre Berichte die saumselige Regierung zum Handeln zu bringen. Denn daß man in London zu einem Entschluß in dieser Richtung gekommen war, davon hatte er damals noch keine Kenntnis. Warum er sich seinen Gefährten nicht anschloß, bedarf keiner weiteren Erklärung. Er blieb zurück in reinster Selbstaufopferung. Daß er sich solchen Edelsinn nicht selbst beimaß, erhöht nur die Größe seines Handelns. Er selbst spricht sich in seiner Weise so darüber aus:
»Was man auch sagen mag über unser hiesiges Aushalten, es ist bares Geschwätz, wir hatten ja keine andere Wahl; und wenn man wissen will, warum ich mich nicht mit Stewart aus dem Staub gemacht habe, so ist die Antwort einfach die, daß die Leute hier nicht so dumm gewesen wären, mich gehen zu lassen, also was hat sich's da mit Großthaten und Selbstaufopferung!«
Dennoch war's ein vollkommenes Opfer in jeder Hinsicht, ja ein Opfer im eigentlichsten Sinn, und Gordon wußte das! Während seines Aufenthaltes in Jerusalem hatte er hinsichtlich der englischen Beamtenwirtschaft in Ägypten geschrieben: »Mir ist, als ob dies Unrecht nur mit Blut zu sühnen wäre.« Und im März schrieb er von Khartum: »Wolle Gott diese Sünde nicht an unserem Volk heimsuchen, möge die Strafe auf mich fallen, geborgen in Christo. Das ist meine Bitte! Und möge Er sich des Volkes hier erbarmen, ihnen Friede schenken.« Übrigens konnte Gordon nur ~hoffen~, daß der Dampfer »Abbas« die kleine Schar sicher durch die feindlichen Linien tragen würde, er weigerte sich daher ihre Abreise anzubefehlen; er setzte ihnen auseinander, daß sie durch ihr Bleiben die Lage von Khartum nicht zu bessern vermöchten, während sie möglicherweise durch ihr Gehen der belagerten Stadt einen großen Dienst erweisen könnten. Beide Genossen entschlossen sich unter der Bedingung zu gehen, daß Gordon ihnen nicht nachsagen würde, sie hätten ihn in der Not verlassen. Es war ein Wettstreit der Großmut. Stewart wollte absolut nicht ohne den direkten Befehl seines Vorgesetzten gehen. »Nein,« sagte dieser, »zwar fürchte ich die Verantwortlichkeit nicht, aber ich will Sie nicht in eine mögliche Gefahr schicken, die ich nicht mit Ihnen teile.« Bei der Abreise von London hatte er den ihn an den Bahnhof begleitenden Freunden gesagt:
»So viel ist sicher, daß wo er in Gefahr sein wird, ich sie teilen werde; und wo ich in Gefahr gerate, wird er nicht weit davon sein.«
Aber alles war so ganz anders gegangen, als man es damals hoffte und erwartete, und die Kampfgenossen trennten sich. Gordon that zu ihrer Sicherheit, was er konnte, indem sein Geschwader ihnen über Berber hinaus das Geleite gab; auch ermahnte er sie, sich in der Mitte des Stromes zu halten und wegen Holzbedarf nur an einsamen Orten zu landen. Am 10. September verließ seine Mannschaft die Stadt und kehrte nach einem Siege über die Rebellen dahin zurück, während der Dampfer »Abbas« Stewart und Power mit noch etwa vierzig anderen stromabwärts trug.
Schon anfangs Oktober gelangte die Unglückspost nach England, daß der »Abbas« im Nil gestrandet und seine Mannschaft dem Feind in die Hände gefallen sei. Man hoffte eine Zeit lang, Stewart sei mit dem Leben davon gekommen, aber nach wenigen Wochen war's auch mit dieser Hoffnung zu Ende. Monate vergingen jedoch, ehe man die Einzelheiten mit Gewißheit erfuhr, und zwar durch den Heizer des Dampfers, der aus der arabischen Gefangenschaft entkam und folgendes berichtete: