Chapter 10 of 27 · 3982 words · ~20 min read

Part 10

»Ich ließ sechzig Mann auf der Ostseite des Flusses vordringen und hundert Mann auf der Westseite, während ich selbst mit einem Offizier und zehn Mann ein Boot bestieg in der Absicht, nach den Inseln zu rudern, wo die Umzäunungen für das Vieh sich befanden. Um zehn Uhr abends stießen wir ab, es war eine wunderschöne Mondnacht. Die Entfernung bis zu Biddens Inseln betrug etwa fünf Wegstunden; und dort fangen die Stromschnellen an. Nach einiger Zeit geriet das Boot in eine Untiefe und mußte zurückbleiben. Der Offizier mit acht Soldaten marschierte voraus, mich zurücklassend ... Wir waren nicht weit von einer der Inseln und man konnte Stimmen unterscheiden. Ich war allein mit nur zwei Mann und einem Dolmetscher! Wir gingen eine Strecke weiter und setzten uns dann nieder ...«

Sowohl die westliche als östliche Abteilung seiner Leute sollte hier mit ihm zusammenstoßen; die sudanische Mannschaft war aber nicht sehr zuverlässig. Es war vier Uhr, und in weniger als zwei Stunden mußte es tagen. Gordon sagt, militärisch sei die Lage eine ganz schlimme gewesen, aber sie war nicht zu ändern. Er legte sich daher ruhig hin und schlief eine Weile; als er aufwachte, stand das Morgenrot am Himmel und man hörte eine Trommel, das Signal zum Melken.

»Das Vieh ist nur nachts in der Umzäunung; diese hat einen einzigen Eingang, und die Krieger schlafen in der Mitte. Für den Angriff empfiehlt sich folgende Methode; man postiert ein paar Mann am Eingange, die bei Tagesanbruch, ehe die Herde hinausgetrieben wird, mit drei Schüssen ein Zeichen geben. Wartete man, bis das Vieh im Freien ist, so kriegte man nicht leicht ein Stück. Die Helden von Herdenwächtern suchen das Weite, sobald sie schießen hören, geben aber den Alarm mit der Kriegstrommel, wenn die Flucht keine zu eilige ist. Die Umzäunung zu verteidigen, fällt ihnen nicht ein; und es ist immer am besten, sie laufen zu lassen, denn die Kühe sind die Hauptsache. Während ich also die rote Glut im Osten aufsteigen sah, ertönten uns gegenüber drei Signalschüsse, und alsbald wirbelte die Trommel. Es war aber ein schwacher Wirbel, und die anderen Trommeln schwiegen dazu ... Nach einiger Zeit erschienen unsere Verbündeten, der Scheik und seine Leute. Biddens Krieger, meldeten diese, hielten stand inmitten ihrer Kühe und schossen ihre Pfeile ab. Bald aber liefen sie doch davon, und die Herde war gewonnen. Ich entschädigte den Scheik mit dem, was keineswegs unser Eigentum war« ...

Die andere Abteilung hatte ähnlichen Erfolg, und so wurde der widerspenstige Bidden ohne Blutvergießen oder Dorfverbrennen durch einen Verlust von zweitausendsechshundert Stück Vieh gezüchtigt.

Etwa vierzehn Tage später machte Gordon einen Ausritt und, auf einen Trupp Eingeborner stoßend, fragte er sie, ob sie Biddens Leute wären. Da wiesen sie auf einen alten Mann, der unter einem Baume saß, und sagten bedeutungsvoll: »Bidden!« Der gefürchtete Scheik war ein blinder Greis! Gordon ging sofort auf ihn zu und schenkte ihm seine Pfeife (übrigens ein Blas-, kein Rauchwerkzeug) und eine Portion Tabak. Das freute den Alten, und er versprach dem Gouverneur einen freundschaftlichen Gegenbesuch. Als er sich einfand, gab Gordon ihm eine Anzahl seiner Kühe zurück, welche Großmut den günstigsten Eindruck auf die Stämme machte. Bidden, der Greis, war indessen nur dem Namen nach Scheik; der wirkliche Machthaber war sein Sohn.

Seine Arbeit während der nächsten Monate faßt Gordon so zusammen:

»Um es kurz zu sagen, ist's wenig genug -- an einem Fluß hin befestigte Stationen errichten und Bote durchzwingen, wo die Schifffahrt fast unmöglich ist -- das ist so ziemlich alles, und die Mühe ist größer als der Erfolg.«

Aber ob es auch wenig scheint, so weiß Gordon doch, daß durch anscheinend geringe Dinge oft Großes erreicht wird. Zwar weiß er nicht, daß er in der Vorbereitung auf Größeres steht, aber im Glauben, daß Gott ihn an jenen Posten gestellt hat, dringt er vorwärts, und als sein Motto für diese Zeit kann das Wort des Predigers gelten: »Alles, was dir zu thun vorkommt, das thue frisch!« Der Held von China, der Mann von Gravesend, thut überall sein Bestes, mag die übernommene Arbeit äußerlich eine glanzvolle sein oder nicht.

Die Nilbarken, »Nuggers« genannt, durch die Stromschnellen und zwischen Felsen flußaufwärts zu bringen, scheint eine Riesenarbeit gewesen zu sein; er spricht von sechzig bis achtzig kohlschwarzen, atlashäutigen Eingebornen, die jedem Boot vorgespannt sind. Die Stämme sahen es erstaunt mit an und ließen ihre Zauberer das Wasser schlagen, teils freundlich, teils feindlich gesinnt. Und wenn die Lage oft eine verzweifelte zu sein schien, so war sie doch so, daß Gordon in seiner eigentümlichen Weise schreiben konnte:

»Ich wußte mir selbst oft nur damit zu helfen, daß ich mir die Nuggers herbetete, wie einst die Truppen in China, wenn sie nicht mir nach in die Bresche wollten.«

Thatkraft und Glaube waren bei ihm eng verschwistert! Er hat in jenen Tagen und Wochen lange Briefe geschrieben, die eine Kette von Schwierigkeiten berichten, aber er bewältigte sie, und nacheinander wurden die Stationen Kirri, Muggi, Labore und Dufile erreicht. Ob der Khedive mit ihm zufrieden ist oder nicht, darnach fragt er nicht.

»Ich danke Gott, daß ich's längst aufgegeben habe, mich um die Gunst oder Ungunst von Menschen zu kümmern. Ich kann ehrlich sagen, ich weiß keinen, der die Verbannung und Quälerei meines gegenwärtigen Lebens ertrüge ... Ich thue mein Bestes, soweit mein Verstand mir's zeigt, und suche gegen alle gerecht zu sein ... Was würde ich hier zurücklassen, wenn es Gottes Wille wäre, daß man mich zurückriefe -- ein Zelt, Hitze bei Tag und feuchte Kälte bei Nacht, die geringste Nahrung, die sich denken läßt: trockenen Zwieback, gedörrtes Fleisch, etwas Maccaroni, das ist alles. Mit Tagesanbruch an die Arbeit und früh zu Bett (ich lege mich schon um sieben oder acht Uhr der Moskitos wegen, und wollte: sich legen hieße schlafen!) Nichts zu lesen, ~ein~ Buch ausgenommen, und dieses nicht so oft als man wünschte, weil die Ruhe fehlt, die zu andächtiger Betrachtung der göttlichen Geheimnisse nötig ist; den lieben langen Tag nichts als Plackerei, an alles selbst denken, alles selbst thun, wenn's geschehen soll, das ist zur Zeit mein Leben ... Die arme Exzellenz ist der Hauptsklave.«

Und während der ganzen Zeit lassen seine von Khartum ihm folgenden Dampfer auf sich warten. Zuletzt kann er aber doch schreiben:

»Wie froh bin ich, daß die Verbindung hergestellt ist! Gestern kam ein Mann allein von Bidden her; vor einiger Zeit wagten die Leute nur zu zwanzig und dreißig den Weg. Die Schwarzen würden sich im hohen Gras versteckt haben und hätten den Hintermann angespießt. Jetzt sind sie ganz freundlich. Ein Bari in meinem Dienst hat dieser Tage ein Schaf gestohlen, und alsbald kamen die Beschädigten zu mir, um Recht und Gerechtigkeit zu erlangen, und sie kamen nicht umsonst. Ist das nicht schön? Auch unter meinen Leuten hat eine Veränderung stattgefunden; sie fürchten die Schwarzen nicht mehr wie früher, es herrscht ein besseres Einverständnis ... Die Stämme haben viel Verkehr miteinander, und auch solche, die uns nicht kennen, wissen es jetzt, daß sie uns nicht zu fürchten brauchen.«

Allerdings hatte er die Eingebornen auch von der feindlichen Seite kennen zu lernen, so z. B. schreibt er zwischen Muggi und Labore:

»Es herrscht große Aufregung auf der anderen Seite des Flusses; ein Scheik in einem roten Hemd mit zwanzig Bewaffneten läuft hin und her und Zauberfeuer sind zu sehen. Sonderbar, daß all dies Entsetzen dadurch hervorgerufen scheint, daß ich in einem Nachen überfuhr. So viel Vorstellung mußte der Anblick der Nuggers ihnen doch geben, daß wir überfahren können, wenn wir wollen ... Mein Fernglas zeigte mir eine Anzahl Eingeborne, die unter einem Baume saßen. Nach einiger Zeit stand einer auf und wandte sich gegen Norden, pflückte einige Kräuter und schwenkte sie fortwährend gegen unser Lager; darnach lief er südwärts und machte eine ähnliche Bewegung, als ob er Hilfe herbeiwinke. Ohne Zweifel war er ein Prophet, der Israel verfluchen sollte. Sie waren etwa dritthalbtausend Fuß von uns entfernt. Um ihnen ein bißchen Schrecken einzujagen, schoß ich eine Kugel so ab, daß sie etwa fünfzig Schritte zu ihrer Rechten in den Boden schlug. Da hörte das Zaubern sofort auf, und sie wunderten sich offenbar, dabei ertappt zu sein.«

Linant, der Bruder des in Gondokoro dem Fieber Erlegenen, kam um diese Zeit von einem Streifzug nach Makade zurück. Vorher war er bei Mtesa gewesen und hatte Stanley, den bekannten Afrikareisenden, dort getroffen. Gordon sollte nun abermals erfahren, was seine Araber wert waren. Er hatte an vierzig Mann über den Fluß geschickt, weil Nachricht eingetroffen war, daß einer der längst erwarteten Dampfer in einiger Entfernung fest säße. Kaum waren aber die Leute gelandet, als sie von einem Trupp Eingeborner, die sich im hohen Grase verborgen gehalten hatten, überfallen und zurückgeworfen wurden. Gordon fuhr alsbald selbst über und versuchte, durch seinen Dolmetscher eine Unterhandlung anzuknüpfen. Die Schwarzen wollten aber nichts davon wissen. Als den »Häuptling« glaubten sie ihn an seinem Schirm zu erkennen und suchten ihn zu umringen. Er ließ sie ruhig näher kommen und schickte dann eine Ladung Kugeln unter sie. Zu treffen waren sie übrigens nicht leicht, denn sobald sie den Feind schußfertig sahen, lagen sie auch schon auf dem Leib. Am folgenden Morgen schlug Linant vor, mit einem Teil der Mannschaft überzusetzen und den Eingebornen ein paar Häuser in Brand zu stecken. Gordon gab es zu, denn es war zu fürchten, die kampflustigen Gesellen möchten den Dampfer überfallen. Er selbst blieb zurück. Gegen Mittag hörte er schießen und erblickte Linant, den er an seinem roten Hemd erkannte. Er konnte auch seine Mannschaft beobachten, es waren gegen vierzig Mann. Mit einemmale aber waren sie verschwunden, und sein Fernrohr zeigte ihm ungefähr dreißig Schwarze, die eiligst flußabwärts liefen. Er vermutete, sie suchten den Dampfer, und schickte einige Kugeln unter sie. Nach einiger Zeit erblickt er einen einzelnen Mann von seinen Leuten, der ohne Waffen daherkam; er sandte alsbald einen Nachen über den Fluß und ließ ihn holen. Die Eingebornen hätten ihn entwaffnet, erklärte er, und die andern wären alle tot. Gordon hatte nur noch dreißig Mann bei sich, und diese waren hilflos vor Angst. Trotzdem beschloß er zu handeln. Die Station war unbefestigt und es galt Weiber und Kinder in Sicherheit zu bringen; er mußte sich nach der nächsten Station durchschlagen. Dies ließen die Eingebornen ruhig geschehen, nur daß ihr Zauberer von einem Felsen herunterschrie: »Ha ha! ta ta a!« soviel als »Geschieht euch recht!« Gordon belehrte aber den Hexenmeister mit einer Kugel, daß es unklug sei, den Feind in Schußweite zu verwünschen. Leider stellte es sich heraus, daß nicht nur fast die ganze Mannschaft, sondern Linant selbst dem Überfall erlegen war; und zwar war dieser offenbar ein Opfer seines roten Hemdes geworden, das den Schwarzen als begehrenswerte Beute erschien. Er fiel zuerst, von seiner Mannschaft verlassen, die vor Schrecken zu schießen vergaß; und als einer dahin und ein anderer dorthin lief, wurden die meisten durchspeert. Gordon betrauerte Linant um so mehr, als er ihm das unselige Hemd selbst geschenkt hatte. Aber trotz des empfindlichen Verlustes kann er die Eingebornen nicht verdammen; er kann es vielmehr begreifen, wenn sie sagen: »Wir brauchen eure Glasperlen und euren Kattun nicht -- laßt uns in Frieden.« Und er denkt daran, wie ernsthaft sie zauberten, ehe sie den Überfall wagten; er sagt sogar, er hätte eine Ahnung gehabt, daß der Sieg diesmal nicht auf seiner Seite sein würde.

»Es war ihnen offenbar ernst mit ihrem Beten,« schreibt er, »sie wußten, daß sie Hilfe nötig hatten, und wendeten sich an den unbekannten Gott. Denn wenn der Schwarze auch den wahren Gott nicht kennt, so kennt Gott doch ihn; und Gott ließ sie merken, daß sie beten müssen, und erhörte ihr Gebet. Rosse werden zum Streittag bereitet, aber der Sieg kommt vom Herrn.«

Trotzdem er aber so denkt, weiß er, daß die Schwarzen gezüchtigt werden müssen, was dadurch geschieht, daß er ihnen zweihundert Kühe und fünfzehnhundert Schafe entführt. Da auch des Häuptlings Tochter eingefangen wurde, ließ er dem Vater sagen, wenn er versprechen wolle, sich künftig ruhig zu verhalten, könne er sie wieder haben. Die Köpfe Linants und seiner Gefährten hatten die Schwarzen an Pfählen aufgesteckt, die Leiber aber aus Furcht vor Gespenstern begraben. Es blieb bei diesem einen Überfall, aber noch eine gute Strecke begleiteten sie Gordon in gehöriger Entfernung am Ufer hin; und mehr wie einmal konnte er »Balak und Bileam« auf den Anhöhen beobachten, wie sie ihm von Herzen alles Böse wünschten.

Im September endlich wurde Dufile erreicht, wo der Nil in einem engen Thal zwischen Hügelreihen fließt; der Fluß, dessen Wassermassen an mehreren Stellen einem See gleichen, ist dort nur etwa hundert Fuß breit. ~Alles umsonst!~ war Gordons erster Eindruck, als er nach unsäglichen Mühen so weit gekommen war. Es hieß: bis hierher und nicht weiter, die Folafälle waren die Grenze. Doch konnte er sich damit trösten, daß er die Schifffahrt wenigstens bis dahin als möglich nachgewiesen hatte, und die errichteten Stationen von bleibendem Wert waren. Nachdem er sich vierzehn Tage in Dufile aufgehalten hatte, das er als eine Insel in einem Meer von Riedgras beschreibt, zog er landeinwärts nach Faschelie, wo er eine Bande Sklavenjäger aushob. An diesem Ort erreichte ihn ein »kühler« Brief des Khedive. Gordon, den es ohnehin verlangte, eine Statthalterschaft niederzulegen, die ihn lediglich zum Entdeckungsreisenden machte, gab alsbald Befehl zu packen und schickte sich an, eine Depesche abzufertigen, die seine Rückkehr melden sollte. Als nach wenig Tagen aber ein Brief in anderer Tonart von Kairo den ersten zu vernichten schien, hatte er nicht das Herz, sein Amt Knall und Fall niederzulegen. Dahin aber hatte er sich entschlossen, daß er es einem seiner Untergebenen überlassen wollte, zum erstenmal den ~Albert Njansa~ zu befahren. Dieses Zurücktreten von der Ehre, die sein Werk krönte, ist so bezeichnend für den Mann, daß man ihn selbst darüber hören muß:

»Ich wünsche einen Beweis zu liefern, wie wenig von den Lobhudeleien zu halten ist, die man dem Führer einer Expedition zollt. Hat nicht mein Schiffszimmermann das Seine gethan, daß wir die Nuggers so weit gebracht haben? Es ist keine Kunst den Njansa zu befahren, wenn die Boote zur Stelle sind. Es ist die Arbeit vieler und einer hat die Ehre. N. N. schrieb mir neulich und gratulierte mir zu meinen Lorbeeren. Da ~muß~ ich ja zeigen, daß es nichts damit ist!«

Am letzten Tag des Jahres kann er schreiben:

»Endlich ist der Dampfer in Sicht, d. h. die Lastträger, welche die einzelnen Teile daherschleppen. Die Arbeit war eine entsetzliche, und das ganze Jahr ist eine Last gewesen, die manch sauren Schweißtropfen gekostet hat.«

Und Gordon erklärt seiner Schwester, die schönste Entdeckungsreise, die er sich noch denken könne, wäre der Rückweg in die Heimat.

Ein Ergebnis seines Fleißes in jener Zeit sind seine Nilkarten.

»Wir haben den Fluß (im halben Zollmaßstab per Meile) von Khartum bis Dufile und wieder von Foweira bis Mruli, und ich hoffe, entweder ich oder einer meiner Offiziere wird die Strecke von Dufile bis zu den Murchisonfällen auch noch aufs Papier bringen.«

Somit blieben drei Lücken: 1) von Kositza nach Mruli, 2) von Foweira nach den Murchisonfällen und 3) der Albertsee. Trotz seinem Vorhaben, nicht selbst den See zu befahren, füllte er diese Lücken noch aus. Die Folafälle bei Dufile, wo der Fluß etwa eine Stunde lang durch tiefe Schluchten sich stürzt, sind die einzige Strecke des ganzen Nils, die er nicht zu durchschiffen vermochte.

[Illustration: Kartenskizze des Sudan.]

Ende Januar 1876 erreichte er Fatiko und Foweira im Lande Unyoro; dort hörte er, daß Kaba Rega mitsamt seinem Sessel sich nach Massindi davongemacht hatte. Foweira wurde nach einemfünftägigen Marsche durch dornenbewachsenes Land erreicht. Von dort ging er nach Mruli, um dann nach Urondogani vorzudringen. Die kurze Strecke von diesem Ort bis zum Viktoriasee ist das »einzige Stückchen« Nil, das Gordon schließlich nicht selbst bereiste.

Im Februar traf er mit seinem Unterbefehlshaber Gessi in Dufile zusammen. Letzterer machte sich von dort mit zwei Booten nach den Seen auf den Weg. Er umschiffte den Albert Njansa in neun Tagen und fand ihn etwa zweihundert Kilometer lang und achtzig breit. Durch einen Sturm wurde er an eine Insel verschlagen, die voll von Kaba Regas Truppen war; diese weigerten sich aber mit seinen Leuten anzubinden, weil sie den weißen Mann für einen Teufel hielten. Gessi errichtete des Khedive Flagge am See, und die Stämme ergaben sich nacheinander. Die Schwarzen in jener Gegend waren gekleidet, während in den vorher durchreisten Nilstrecken die Menschen nackt gingen.

Die nächsten Monate bis zum August waren für Gordon eine Zeit verhältnismäßiger Ruhe; er reiste zwischen den gewonnenen Stationen hin und her, und seine Briefe bezeugen es, daß seine Gedanken in stillen Tagen sich am liebsten den ewigen Dingen zuwenden.

Im September war er wieder auf dem Marsche nach Massindi. Kaba Rega hatte die meisten seiner Anhänger verloren, während Rionga und ein anderer Häuptling sich um die Herrschaft stritten. Längere Zeit vorher hatte Gordon Mannschaft nach Massindi abgefertigt und aus erhaltener Botschaft konnte er nur schließen, daß dieser Ort von den betreffenden Truppen besetzt sei. Als er aber in die Nähe kam, fand er, daß seine Araber ihn betrogen hatten und nie dort waren, obschon der Anführer seine Meldungen von dorther datierte. Er selbst kam mit einer kleinen Anzahl und geriet durch diesen Verrat der nichtswürdigen Mannschaft förmlich in eine Falle.

Die Stämme lauerten ihm von allen Seiten her auf.

»Ich danke Gott nicht nur mit Worten, sondern aus tiefster Seele,« schrieb er, »daß er uns glücklich durchbrachte.«

Er hatte nicht hundert Leute bei sich, und von diesen war ein Drittel kaum sechzehnjährig. Die Mannschaft, die er nach seinem Befehl in Massindi wähnte, lag die ganze Zeit auf der faulen Haut in Keroto, eine Tagereise davon entfernt. Als er hinkam, brach er in einen »wütenden« Zorn aus, dann aber beruhigte er sich.

»Als einer, dem selbst Erbarmung widerfahren ist, konnte ich nur Gnade vor Recht ergehen lassen,« sagte er. »Sie sind ein erbärmliches Volk, was kann man von ihnen erwarten!«

Während der nächsten Wochen errichtete er noch verschiedene Stationen, von welchen aus der ägyptische Einfluß sich geltend machen sollte. Es blieb den Besatzungen überlassen, den Kaba Rega in Ordnung zu halten.

Die drei Jahre seiner persönlichen Statthalterschaft am Äquator waren eine Zeit der Pionierarbeit und der Vorbereitung für weitere drei Jahre, die nun folgten. Er sollte erst zu dem Kampf gestählt werden, der ihm bevorstand. Nur durch innerliches Wachstum geht ein Mann wie Gordon »von Kraft zu Kraft«.

Am 29. Oktober schrieb er von Khartum aus: »Es giebt englische Spatzen hier; was für eine Freude, sie zu sehen!« Anfangs Dezember war er in Kairo, und am heiligen Abend des Jahres 1876 begrüßten ihn die Seinen in der Heimat.

Fünftes Buch.

Der General-Gouverneur des Sudan.

1. Als Ritter ohne Furcht.

»Man wirft mir vor, den Engländern nicht zu trauen,« sagte der alte Khedive Ismail, als es sich um seine Absetzung handelte, »habe ich nicht noch immer dem Gordon Pascha vertraut? Der ist ein ehrlicher Mann, ein guter Landverwalter und kein Diplomat!« Ismail war darum auch keineswegs damit einverstanden, einen so tüchtigen Mann zu verlieren. Gordon aber hatte erklärt, daß er nur dann zurückkehren werde, wenn ihm die gesamte Statthalterschaft der Sudanländer übertragen würde. Seine drei Jahre am Äquator waren ja keineswegs verlorene Zeit gewesen, er hatte die Sklavenjagd in seinem Bezirk geschwächt, wenn nicht unterdrückt, aber von der Hauptstadt Khartum aus hatte der General-Gouverneur Ismail Jakub Pascha seinen Bestrebungen stets entgegengearbeitet. Er mußte in Zukunft ganz freie Hand haben. Daß man ihm so weit entgegenkommen werde, erwartete er keineswegs, als er sich zu einer Besprechung nach Kairo begab; der Khedive aber war zu allem bereit. Jakub wurde beseitigt, und Gordon verließ die Residenz als Oberstatthalter einer von Südägypten bis zum Äquator, und vom Roten Meer bis Darfur sich erstreckenden Provinz. Er sollte drei Vakile oder Unterstatthalter haben, einen im eigentlichen Sudan, einen in Darfur, und einen am Roten Meere. Als die beiden Hauptzwecke seiner Verwaltung war »die Vervollkommnung der Verkehrsmittel und eine völlige Unterdrückung des Sklavenhandels« in Aussicht genommen. Außerdem hieß es im neuen königlichen Bestallungsschreiben: »An der abessinischen Grenze giebt es Streitigkeiten; ich trage Ihnen auf, dieselben zu schlichten«.

Am 18. Februar 1877 machte sich Gordon zum zweitenmal nach dem Sudan auf den Weg, nicht auf sich selbst vertrauend, wohl aber stark in der Kraft seines Herrn.

»Ich ziehe allein hinauf mit dem allmächtigen Gott, der mich führen und leiten wird; wie gut ist's, sich so völlig auf Ihn zu verlassen und nichts zu fürchten, ja und des Gelingens gewiß zu sein!«

Nach des Khedive Erklärung gab es Grenzstreitigkeiten mit ~Abessinien~. Die Lage war kurz die: nach König Theodors Tod hatte ein gewisser Kasa, unter dem Namen Johannes, sich zum Herrscher aufgeworfen, allein Johannes war, wie Gordon treffend bemerkte, nur da König, wo er sich gerade befand, anderwärts galt er nichts. Im Trüben fischend hatten die Ägypter darauf Bogos annektiert, während der rechtmäßige Regent, Walad el Michael, von Johannes gefangen gehalten, aber aus Furcht vor dem allzunah heranrückenden Nachbar unter der Bedingung freigelassen wurde, daß auch er sich gegen den gemeinsamen Feind zur Wehre setzen werde. Die Abessinier hatten zuerst die Oberhand. Walad aber ersah seine Gelegenheit, den Ägyptern sich anzuschließen und andere abessinische Häuptlinge aufzuwiegeln. Als nun Johannes sich von Anarchie umgeben sah, schickte er einen Gesandten nach Kairo und bot das südlich von Bogos gelegene Hamasen als Friedensopfer an. In Kairo aber nahm man gar keine Notiz von diesem Botschafter, ja man gestattete dem Pöbel, ihn auf offener Straße zu beleidigen, dann schickte man ihn zurück! Natürlich war Johannes voll Ingrimm, und im Bewußtsein, nicht zum besten gehandelt zu haben, sandte der Khedive nun Gordon als Bevollmächtigten, die Mißhelligkeiten beizulegen.

In der Wüste zwischen Massaua am Roten Meer und Keren (Senheit) spricht sich Gordon über seine Lage so aus:

»Nun ich wieder in dieser weiten Einsamkeit auf meinem Kamel bin, überdenke ich meine Lage. Dem Johannes habe ich annehmbare Bedingungen geschickt und hoffe, mit seinem einflußreichen General Alula in Senheit zusammenzutreffen. Gelingt es mir, die Sache abzuwickeln, dann gehe ich alsbald nach Khartum und von dort nach kurzem Aufenthalt nach Darfur, das in Aufruhr sein soll, doch glaube ich das nicht recht ... Die Wohlgeneigtheit des Khedive ist über alle Begriffe. Er hat Zeila, Berbera und Harrar meiner Provinz beigefügt. »Was du wirst von mir bitten, will ich dir geben, bis an die Hälfte meines Königreichs.« Was aber ist die Kehrseite? Das Opfer eines Lebens, das man erst selbst durchkämpfen muß. Sein Leben zu sofortigem Tod hingeben, ist nicht das schwerste! Aber ich habe den Kampf übernommen und will mein Leben nicht in Anschlag bringen. Und es ist mir dabei, als ob ich mit dem Khedive nichts mehr zu thun hätte. Gott der Herr muß den Kampf selbst unternehmen, ich bin zur Zeit sein Werkzeug. Die Ehre, die der Khedive mir erzeigt, hat mich gar nicht, oder richtiger nur sehr wenig bewegt; ich bin doch wohl ein bißchen stolz auf das Vertrauen, das er mir schenkt. Mancher möchte die große Verantwortung scheuen, aus Furcht, ihr nicht gewachsen zu sein; ich habe nicht daran gedacht. Ich weiß gewiß, daß mir's gelingen wird, denn ich verlasse mich nicht auf meinen Verstand -- Er leitet meine Wege. Sind doch alle zukünftigen Ereignisse für einen jeden von uns vorherbestimmt. Des Negers, des Arabers, des Beduinen Laufbahn, ihr Zusammentreffen mit mir u. s. w. ist längst beschlossen. Wie kann da einer sich viel darauf einbilden, wenn er etwas zu stande bringt!« ...

Er hatte eine Zusammenkunft mit Walad, und kam durch Alula zu einem Einverständnis mit Johannes, der mittlerweile von Menelek, dem König von Schoa, im Süden bedrängt war; eigentliche Erfolge konnte er aber nicht abwarten. Seine Anwesenheit in Khartum war dringend notwendig, denn die Sklavenjäger im Sudan thaten ihr möglichstes, die noch verstattete Frist auszunützen. Er beeilte sich daher. Schon auf dem Wege verschaffte er den Leuten Recht, wo er konnte. Die Thatsache, daß der neue Gouverneur einen jeden anhöre, der etwas zu klagen habe, ging wie ein Lauffeuer durchs Land. Er mußte zuletzt einen wandernden Briefkasten einführen, in welchen die Bittsteller ihr Anliegen an ihn sozusagen zur Post geben konnten. Auch das Unangenehme der Würde eines »großen Herrn« erfuhr er.