Chapter 8 of 27 · 3883 words · ~19 min read

Part 8

Daß er neben seinen Berufsarbeiten und täglicher fleißiger Beschäftigung mit Gottes Wort so viel Zeit fand, Gutes zu thun, verdankte er einerseits seiner Gewohnheit früh aufzustehen, andererseits seinem methodischen Fleiß, der nie auf einen andern Tag verschob, was sofort geschehen konnte. »Warum sollte man etwas hängen lassen, was man gleich erledigen kann,« pflegte er zu sagen. Immer beschäftigt sein, war offenbar die äußere Bedingung seiner Zufriedenheit. Einer Dame, die sich bei ihm über die Langeweile des Mode-Lebens beschwerte, gab er den guten Rat, sich doch einmal am Waschzuber ordentlich müde zu schaffen. Einer seiner Untergebenen, der über die Arbeiten seines Berufes in Gravesend berichtet hat, schreibt unter anderem: »Wenn Gordon an der Arbeit war, dann ~war's~ Arbeit, und keiner von uns hätte es sich beikommen lassen, ihn auf irgend etwas einen Augenblick länger warten zu lassen als absolut nötig war. ›Schon wieder fünf Minuten verloren, die wir nie wieder haben werden!‹ konnte er ausrufen. Er hielt strenge Ordnung, aber das hinderte keinen, mit völliger Liebe und Verehrung an ihm zu hängen.«

Gordons äußere Erscheinung soll durchaus nichts Überwältigendes gehabt haben. Er war nicht groß, hatte kein stattliches Auftreten; man sah ihm den Soldaten nicht an. Wer ihm zum erstenmale begegnete, konnte aus seinem bescheidenen Äußeren nicht schließen, daß er es mit einem der tüchtigsten Offiziere zu thun habe. Daß er der »Chinesen-Gordon« war, stand ihm nicht auf der Stirn geschrieben, obgleich er der denkbar offenherzigste Mensch war. Ein gewisses jugendliches Aussehen soll er bis ins mittlere Alter bewahrt haben. Die ihn kannten, stimmten darin überein, daß seine Macht über die Menschen von seinen blauen Augen ausging -- »sein Gesichtsausdruck hatte nichts bedeutendes, war aber von der Art, die es ›einem anthut,‹« sagt einer seiner Mitoffiziere, ein langjähriger Freund, »und im Umgang hatte er etwas unaussprechlich bezauberndes.« Man habe sich mit unwiderstehlichem Vertrauen zu ihm hingezogen gefühlt als zu einem Mann, der es gut mit einem meine; man habe ihm nur ins Auge zu sehen brauchen um zu wissen, daß man sich felsenfest auf ihn verlassen könne, selbst wenn alle andern einen im Stich ließen. Neben der Sanftmut und Güte seines Wesens, die alle rühmen, die je mit ihm zu thun hatten, konnte er aber auch herzhaft zornig werden, wie schon angedeutet wurde. Er kannte diese seine schwache Seite wohl, und wenn einer seiner Untergebenen einen Verweis verdiente, so suchte er für den zu erlassenden Tadel gern einen Stellvertreter, aus Furcht, von der Hitze mit fortgerissen zu werden.

Wohl der schönste Zug seines Wesens war seine wunderbare Demut, die nie heller leuchtete als im Umgang mit den Armen und Niedrigen. Solchen erzählte er auch mit größter Bereitwilligkeit aus seinem Leben in China und anderwärts, worüber seinesgleichen ihn nie reden hörten. Er war höflich gegen den Geringsten und konnte einen Bettler um Verzeihung bitten, wenn er ihm eine Münze hastig hingeworfen. Wer zu jener Zeit in Gravesend wohnte, der konnte hin und wieder sehen, wie er auf der Straße plötzlich stehen blieb, um vielleicht einem armen Waschweib ihre Last abzunehmen, sei's Bündel oder Korb, und ihr tragen zu helfen, und war einer seiner Freunde in der Nähe, vornehm oder gering, so konnte er gewärtig sein, auch aufgefordert zu werden, mit Hand anzulegen.

Gordon war ein Christ in des Wortes vollster Bedeutung, aber einer besonderen Gemeinschaft im englischen Sinn hat er nicht angehört. Dies ist schon durch seine Lebensführung begreiflich. Auch darf man wohl sagen, daß einer, der so in der Allgegenwart, ja Gemeinschaft Gottes wandelt, über die Unterschiede hinaus ist, die uns andere, die wir noch Schüler sind, in Klassen abteilen. Er hat sein Leben, wie wir gesehen haben, nach dem Wort eingerichtet: Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott dem Vater ist der, die Waisen und Witwen in ihrer Trübsal besuchen und sich von der Welt unbefleckt erhalten. Übrigens hielt er dafür, daß das Christentum eines Menschen sich vor allen Dingen in der gewöhnlichen Berufs- und Pflichterfüllung des Lebens bethätigen müsse. Das ist's, was der seltenen Energie zu Grunde liegt, die ihn zum großen Manne gemacht hat; das auch, was in der Gerechtigkeit, Festigkeit, Milde und Umsicht seinen Ausdruck fand, die seine Verwaltung des Sudan so rühmlich kennzeichneten. Er war überall und in allen Dingen ein Christ. Sich selbst für besser halten als andere, war nicht seine Sache. »Wir sind alle voll Schwären,« konnte er sagen, »manche verdecken ihre Schäden mit seidenen Lappen, andere haben nur Lumpen; reißt beides weg, und die Krankheit ist dieselbe.«

Auf sein inneres Leben und seine Stellung zur christlichen Lehre werden wir später zurückkommen. Die Früchte, die aus seinem Glauben erblühten, sind mit der kurzen Schilderung aus Gravesend wohl zur Genüge dargethan.

Im Jahr 1871 wurde Gordon nach Galatz geschickt, in eine ihm nicht unbekannte Gegend, wo er an der Donau-Mündung eine ähnliche Arbeit ausführen sollte wie daheim an der Themse. Die »öffentliche Meinung« aber fing an sich zu wundern, warum die Kräfte eines so eminent zum Kriegführen geschaffenen Mannes wie Gordon an eine Arbeit verschwendet würden, die jeder andere Ingenieuroffizier auch erledigen könne. Es war die Zeit der Asante-Sorgen, und die Zeitungen fingen an sich zu erkundigen, wo der »Chinesen-Gordon« stecke und warum man nicht ihn absende, um dem König Kofi das Handwerk zu legen. Unter den vielen Zuschriften an die öffentlichen Blätter in jener Zeit verdient ein »Mandarin« unterzeichneter Brief, den die Times brachte, hier wenigstens im Auszug wiedergegeben zu werden.

»Es ist zum Verwundern,« sagt der Schreiber, ein ehemaliger Offizier der stets siegreichen Armee, »wie wenig die erstaunlichen Thaten des Mannes, der als »Chinesen-Gordon« öfters genannt worden ist, in diesem Land bekannt geworden sind. Als einer, der in der stets siegreichen Armee unter ihm diente -- welche Bezeichnung ganz gewiß nicht aus seinem Munde stammt -- könnte ich lange Spalten füllen mit den Beweisen seiner unglaublichen Thatkraft, seiner über alles Lob erhabenen Um- und Vorsicht, seiner anspruchslosen Bescheidenheit, seiner Ausdauer und Herzensgüte, seines überlegenen Mutes, ja Heldenmutes. Es ist die einfache Wahrheit, daß alle, die je unter ihm gedient haben, seine militärische Tüchtigkeit, um nicht zu sagen sein Kriegsgenie, in alle Himmel erheben. Es giebt nicht viele Heerführer, denen ein ganzes Offizierkorps solch einstimmiges, begeistertes Lob zollt. Und noch wunderbarer ist die völlige Hingabe, mit der die chinesischen Truppen ihm anhingen, das unbedingte Vertrauen, das sie in irgend welches Unternehmen setzten, wenn nur er es persönlich leitete. In ihren Augen war er einfach ein Zauberer, dem alles möglich war .... In ihrem Glauben an seine gefeite Unverwundbarkeit bestärkte sie seine Gewohnheit plötzlich zu erscheinen, wenn die Truppen unter Feuer waren, wo er dann im dichtesten Kugelregen ganz ruhig dastand. Außer seinem spanischen Rohr, das die Soldaten seinen Zauberstab nannten, trug er ein kurzes Fernrohr, nie Waffen; oder richtiger, was er an Waffen trug, war unsichtbar.... Einmal nur erinnere ich mich Zeuge gewesen zu sein, wie Gordon einen Revolver zog. Es war bei Kuinsan, nachdem die Truppen ein Vierteljahr lang während der Sommerhitze im Quartier gelegen hatten. Man benutzte diese Zeit, sie einzuexerzieren, mit dem Gedanken an die geplante Einnahme von Sutschau. Die Hitze war entsetzlich. Ruhr und Cholera lichteten die Reihen, und die Disziplin war nicht ganz so stramm wie sonst..... Als gegen Ende September Befehl zum Abmarsch gegeben wurde -- es galt die Forts und Schanzenwerke zwischen Kuinsan und Sutschau -- war's besonders die Artillerie, die den Gehorsam weigerte. Eine Kompagnie wurde störrig und wollte sich nicht einschiffen ... da erschien Gordon mit seinem Dolmetscher. Er war zu Fuß, dem Anschein nach unbewaffnet und wie gewöhnlich sehr gefaßt. Sobald er zur Stelle war, erließ er durch den Dolmetscher die Ordre, daß jeder Soldat, der gesonnen sei, sich nicht einzuschiffen, vortreten solle. Nur einer trat vor. Da zog Gordon eine Pistole aus seiner Brusttasche, richtete sie gegen des Mannes Kopf und ließ ihm durch den Dolmetscher zurufen: »Marsch!« Der Mann gehorchte auf der Stelle und die ganze Kompagnie ihm nach. Sage einer -- das hätte jeder andere kaltblütige und entschlossene Offizier auch erreicht! Durchaus nicht! Wenigstens gab's unter uns damals nur ~eine~ Meinung, daß der Gehorsam in diesem Fall lediglich der grenzenlosen Achtung, ja Ehrfurcht zuzuschreiben war, mit welcher das ganze Korps zu Gordon aufsah. In der That war die Stimmung der Truppen damals eine solche, daß wenn irgend ein anderer Offizier es gewagt hätte, zu handeln wie Gordon handelte, offene Meuterei und die Ermordung der Offiziere die Folge gewesen wäre .... Die wahre Ursache der beispiellosen Erfolge des Korps ist einerseits wohl in der militärischen Tüchtigkeit des Anführers zu suchen, andererseits aber in seinem Charakter und seinem ganzen Wesen, welches der Art war, daß alle, die mit ihm in Berührung kamen, unbegrenztes Vertrauen in seine Fähigkeit setzten neben dem festen Glauben, daß er mit den besten ihm zu Gebot stehenden Mitteln die besten Resultate zu gewinnen der Mann war.[7] Wer Gordon kennt mit seiner anspruchslosen Persönlichkeit, seiner ruhigen zurückhaltenden Art, kann von seinem wunderbaren Einfluß über ein Heer von unwissenden Soldaten und aus aller Herren Länder zusammengelaufenen Offizieren nur auf die höchsten Eigenschaften seines Charakters schließen. Um einen Vergleich zu ziehen, so möchte es scheinen, daß die unwissenden Chinesen den Mann besser zu würdigen verstanden, als gewisse wohl unterrichtete Leute hierzulande.«

Allein die Regierung hatte taube Ohren; einer aus dem Ingenieurkorps, und wäre er selbst der »stets siegreiche General«, wie das Volk ihn neuerdings nannte, sei nicht fürs Kommando bestimmt, war die Entschuldigung. Als der Khedive aber nach einiger Zeit einen Kommandanten nötig hatte und sich dazu den Oberst Gordon ausersah, hatte die englische Regierung nichts dagegen einzuwenden.

Viertes Buch.

Im Lande der Schwarzen.

Die Sudanländer sind insbesondere durch deutsche Reisende allgemeiner bekannt geworden. Der Name »Sudan« bedeutet nichts anderes als das ~Land der Schwarzen~ und stimmt also mit der alten Bezeichnung »Äthiopien« überein, woraus sich ergiebt, daß der Sudan, heutzutage ein Land des Elends und der Knechtschaft, schon eine bessere Vergangenheit gekannt hat. Wir erblicken in ihm das Mohrenland der Bibel, das Land der Königin Kandaze. Im Propheten Jeremia ist zu lesen: Lasset die Helden ausziehen, die Mohren! Memnon, ein König von Äthiopien, zog mit zehntausend Mann den Trojanern zu Hilfe. Und auch neuerdings haben sich die Sudanesen als Soldaten bewährt, mit denen nicht zu spassen ist. Aber der Fluch Hams liegt auf dem Lande.

Sudan ist ein Gemeinname, er umfaßt die ungeheuren mittelafrikanischen Ländergebiete zwischen Ägypten im Norden und den Seen (Njansa) im Süden, zwischen dem Roten Meer im Osten und dem Lande Darfur im Westen. Khartum am Zusammenfluß des Blauen und Weißen Nils liegt so ziemlich in der Mitte zwischen dem Mittelländischen Meer und dem Viktoria Njansa, von Meer und See je sechzehnhundert Kilometer entfernt. Von Khartum nach der Ostgrenze des Sudans, nämlich bis zu den Hafenstädten Suakim und Massaua am Roten Meer, beträgt die Entfernung etwa sechshundert Kilometer, nach der Westgrenze bis Darfur sind es zwölfhundert. Die Hauptstationen zwischen Khartum und Ägypten sind Berber und Dongola, beide am Nil. In Berber mündet die Wüstenstraße von Suakim her, und zwischen diesen beiden Orten ist die Eisenbahnlinie projektiert, die den Sudan vom Roten Meer aus leichter zugänglich machen soll. Um die Entfernungen durch einen Vergleich zu veranschaulichen, so ist es von Kairo nicht weiter nach Petersburg als nach Gondokoro, der Hauptstadt der ägyptischen Äquatorialprovinz, während es von Khartum nach Gondokoro etwa so weit ist, als von Berlin nach Rom. Khartum und Gondokoro sind durch den Nil verbunden, durch den »Ssett« aber, eine Massenanhäufung von schwimmenden Wassergewächsen, sind diese Städte trotz aller Dampfer oft monatelang außer Verbindung.

Ägypten hat sich während der letzten sechzig Jahre in den Sudanländern ausgebreitet. Mehemet Ali mochte es redlich meinen oder nicht, als er sich anschickte, an die Stelle der herrschenden Anarchie im Sudan eine geregelte Regierung zu setzen, und seinen Sohn Ismail mit einem Soldatenhaufen und etlichen Gelehrten hinsandte, um von dem Lande Besitz zu nehmen. Dieser aber wurde mit samt seinem Gefolge von einem Häuptling verbrannt. Man wußte sich furchtbar zu rächen, und die ägyptische Gewaltherrschaft wurde aufgerichtet. Die geregelte Regierung bekundete sich in Unterdrückung und Aufstand, und die eingeführte Zivilisation beschränkte sich hauptsächlich auf Elfenbeinhandel, wogegen nichts zu erinnern gewesen wäre, wenn nicht auch das »schwarze Elfenbein«, der Negerhandel, zur Goldquelle geworden wäre. Der Sklavenhandel nahm nach und nach so zu, daß er zum offenkundigen Skandal wurde. Die arabischen Händler zahlten eine beträchtliche Abgabe an die ägyptische Regierung, die deshalb ein Auge zudrückte. Das Elend im Land spottete aller Beschreibung; ein ehrliches Gewerbe konnte neben dem Menschenraub nirgends aufkommen. Europäische Händler waren die Urheber des Unfugs. Um das Jahr 1860 mußten sich diese aber angesichts der öffentlichen Meinung zurückziehen. Seither haben die Araber die Negerjagd und den Negerhandel ins Unglaubliche getrieben. Die Einwohnerschaft der Sudanländer besteht nämlich aus zwei Hauptklassen, von welchen die eine, die eingewanderten Araberstämme, die natürliche Unterdrückerin der andern, der Neger, ist. ~Schweinfurth~ beobachtete die Sklavenhändler mehrere Jahre lang. Vor zwanzig Jahren, schreibt er, gab es Hunderte von Denka-Dörfern auf der östlichen Seite des Flusses, jetzt ist die ganze Strecke zur Einöde geworden. Man stößt allenthalben auf Spuren, daß Dörfer und angebaute Gegenden da zu finden waren, wo jetzt alles verwüstet ist; die Bevölkerung muß wenigstens um zwei Drittel abgenommen haben. Sir ~Samuel Baker~ ist der Ansicht, daß niemand anders als die ägyptischen Pascha an der Verwüstung des Denka-Landes schuld seien. »Das Land ist vollständig entvölkert infolge der Razzien der vom Statthalter von Faschoda begünstigten Sklavenjäger.« Er durchreiste das Land nach allen Richtungen und kam allerwärts auf Spuren zerstörter Dörfer. Im Jahre 1864 sah er die Gegend des Viktoria-Nils zum erstenmal; das Jahr 1872 brachte ihn wieder dahin. »Die in diesen Jahren stattgefundene Veränderung ist nicht zu beschreiben; damals war die Landschaft ein Garten, dicht bevölkert und voll reicher Produkte. Jetzt ist alles zur Wüstenei geworden! Niemand ist schuld daran, als die Khartumer Händler, welche Weiber und Kinder in die Sklaverei führen und plündern und zerstören, wo sie hinkommen.« »Man sieht meilenweit keine Menschenseele,« schreibt Gordon, als er den Sobat hinaufdampfte: »die Sklavenhändler haben die ganze Bevölkerung aufgerieben und die Gegend zur vollständigen Wildnis gemacht.«

Während einer Reihe von Jahren geschah nichts, um dem schändlichen Handel zu steuern. Zwar wurden Proklamationen erlassen, aber, wie Schweinfurth sagt, schien eine unüberwindliche Neigung zum Sklavenhandel jedem Türken oder Ägypter angeboren, der im Dienste der Regierung den Sudan verwalten half. Und als der Greuel dem Khedive endlich zu arg wurde, war dies nicht sowohl eine Regung von Mitleid mit den armen Negern, als vielmehr Furcht vor einem sich erhebenden Machthaber, der seine Oberherrschaft im Sudan bedrohte. Die Sklavenhändler zählten nach Tausenden; mit bewaffneten Horden zogen sie durchs Land, ja so mächtig wurden sie, daß sie die Abgaben an die Regierung nicht länger zu entrichten für nötig fanden. Auch das war ein Grund, ihnen das Handwerk zu legen. Unter den Sklavenhändlern war besonders einer, der durch seinen unglaublichen Reichtum, seine aus Sklaven rekrutierten Truppen, sowie durch die beträchtliche Anzahl seiner befestigten Stationen fast die Stellung eines Königs einnahm. Es war dies der berüchtigte Sebehr Rachama, der schwarze Pascha. Schweinfurth fand ihn von fürstlichem Hofstaat umgeben. Seine Gäste wurden von reichgekleideten Sklaven in mit kostbaren Teppichen behangene Vorzimmer geführt, und um den königlichen Glanz seiner Umgebung zu erhöhen, wurden Löwen herbeigebracht. Sein Reichtum und sein Aberglaube schienen einander die Waage zu halten, wenigstens wird erzählt, daß er einmal fünfundzwanzigtausend Maria-Theresia-Thaler einschmelzen ließ, um Kugeln aus Silber zu gießen, mit denen ein Feind beschossen werden sollte, der angeblich gegen Blei gefeit war. Ursprünglich ein Elfenbeinhändler, hatte er sich auf das »schwarze Elfenbein« verlegt. Er war Herr von nicht weniger als dreißig Stationen, die sich bis ins Innere von Afrika erstreckten, und sein Name verbreitete Schrecken durch den ganzen Sudan. Von den einzelnen Stationen aus wurden Streifzüge auf die Neger unternommen; auf den Stationen fanden sich die Kleinhändler ein, welche ihm die Sklaven abkauften und durch die Wüste an die Grenze schleppten. Als Schweinfurth im Jahre 1871 die Raubhöhle Schekka, Sebehrs Hauptstation an der Südgrenze Darfurs, besuchte, fand er daselbst nicht weniger als zweitausendsiebenhundert solcher Händler, die gekommen waren, um sich mit Sklaven zu versehen. Schon 1869 hatte es die ägyptische Regierung versucht, Sebehrs großer Macht einen Zügel anzulegen. Eine Truppenabteilung unter einem Anführer Namens Bellal folgte dem Sklavenräuber in die Bahr el Ghasal. Es kam auch zu einem Gefecht, in welchem Bellal, sowie die meisten seiner Soldaten umkamen. Sebehr selbst trug eine Fußwunde davon. Der Khedive war nicht wenig entrüstet, mußte sich aber vorläufig damit zufrieden geben, daß nicht er, sondern Sebehr Herr im Sudan war, den Tausende von Sklavenhändlern als solchen anerkannten. Zwar dem Namen nach war Sebehr ägyptischer Unterthan, aber in Wirklichkeit souveräner Herr.

Die Eroberung Darfurs war eines der mit Bellals Unternehmen in Aussicht genommenen Projekte. Dieses Land war damals noch frei. Es hatte seit vierhundert Jahren seine eigenen Sultane. Darfur ist der Kornspeicher für den westlichen Sudan, und der regierende Sultan hatte dem drohenden Überfall Bellals eine Ausfuhrsperre entgegengesetzt, was nicht nur seinem offenen Feinde, sondern auch den Sklavenhändlern ungelegen kam. Sebehr war Manns genug, einen Gegenschlag zu führen. Er plante seinerseits eine Einnahme Darfurs. Das konnte dem Khedive nicht einerlei sein. Fiel Darfur in Sebehrs Hand, dann war nichts wahrscheinlicher, als daß der ganze Sudan sich ihm ergeben würde. Der Khedive nahm zur Politik der Feigheit seine Zuflucht und beschloß, lieber mit als gegen Sebehr zu handeln, worauf ägyptische Truppen unter Ismail Pascha Jakub vom Norden her in Darfur einfielen, während die Sklavenhändler es im Süden bedrängten.

In einer Schlacht wurde der Sultan von Darfur erschossen, und als seine beiden Söhne den Leichnam decken wollten, fielen auch sie. Ihr jüngerer Bruder war ein Kind, und ein entfernterer Verwandter Namens Harun beanspruchte die Thronfolge. Darfur aber wurde unterjocht und Sebehr zum Pascha gemacht. Diese Ehre war ihm keineswegs genügend; er und seine Horden hätten das Land erobert, sagte er, ihm komme es daher zu, als Generalgouverneur die neue Provinz zu verwalten. Er hatte sogar die Kühnheit, selbst nach Kairo zu gehen, um seine Ansprüche dort geltend zu machen. Zwei Millionen Mark soll er mit sich genommen haben, um die Pascha zu bestechen. Es nützte ihm nichts, er wurde in Kairo festgehalten. Soliman, Sebehrs Sohn, beunruhigte an seines Vaters Statt das Land und war die Seele eines gewaltigen Aufstandes. Wie derselbe von Gordon und seinem kühnen Stellvertreter Gessi unterdrückt wurde, werden wir später hören.

Der Khedive, der den Sklavenhandel geduldet, wo nicht geschützt hatte, so lange er ihm eine Rente abwarf, verfiel auf philanthropische Motive, sobald seine Oberherrschaft gefährdet war. Durch ganz Europa posaunte er die Nachricht, daß er gesonnen sei, den greulichen Handel auszurotten. Nur zu diesem Ende habe er Sir Samuel Baker an den Äquator geschickt und nun auch den genialen Gordon berufen. Das ganze Nilbecken bis zu den Seen am Äquator wurde zu einem Teile von Ägypten erklärt. Selbst an jenen äußersten Grenzen -- so lautete das vielverheißende Manifest -- müßten Leib, Leben und Freiheit fürderhin als heilige Dinge gelten. Unter dieser Maske der Menschenliebe wurde Gordon, der als einer der aufrichtigsten Menschenfreunde, als einer der kühnsten Heerführer bekannt war, für den neuen Gouverneurposten in Aussicht genommen. Oberägypten sollte einen Regierungsbezirk für sich bilden, und der Elfenbeinhandel innerhalb seiner Grenzen wurde zum Staatsmonopol erklärt.

Gordon war noch in Galatz, als ihm die neue Thätigkeit angeboten wurde. Im Jahre 1872 war er in Konstantinopel mit dem ägyptischen Minister Nubar Pascha zusammengetroffen, und dieser, von seiner Tüchtigkeit überzeugt, hatte ihn gefragt, ob er nicht einen Nachfolger für Baker zu empfehlen wisse. Gordon erblickte in dem sich eröffnenden Wirkungskreise eine Möglichkeit, den geknechteten Schwarzen zu dienen, und bot im folgenden Jahr seine Dienste an, vorausgesetzt, daß der Khedive bei der englischen Regierung um ihn einkommen wolle und diese nichts dawider habe. In England schien man seiner nicht zu bedürfen, und so machte er sich auf den Weg zur Ausrichtung eines großen Berufs im Innern des schwarzen Weltteils. Es war der Tag, der die Nachricht vom Tode Livingstones nach England brachte, an welchem Gordon von London aufbrach! Jener war mit dem Gebete auf den Lippen gestorben, daß der Herr sich Afrikas erbarmen und einen Befreier senden möge. War es nicht wie eine Antwort auf diese Bitte, daß Gordon sich rüstete, um den Kampf mit dem großen Unrecht aufzunehmen, das jener ans Licht gebracht hatte? Die Namen Livingstone und Gordon sind wie zwei Sterne an Nachthimmel Afrikas; beide sind untergegangen; wann wird der Tag anbrechen?

Der Khedive setzte seinem neuen Statthalter denselben Jahresgehalt aus, den Baker bezogen hatte, nämlich zweimalhunderttausend Mark, Gordon selbst aber bestimmte nur vierzigtausend. Das war dem Khedive und noch andern Leuten ein Rätsel. Wer den Mann aber kannte und überdies wußte, auf welche Weise Ismail seine Schatzkammer füllte, dem war die Handlungsweise erklärlich. Gordon verabscheute einen Gewinn, der, wie er wohl wußte, dem Schweiß der Fellahs erpreßt wurde; es wäre ihm wie Blutgeld vorgekommen; er nahm daher nur so viel, als er durchaus nötig hatte. »Wie Mose, so verachte auch ich den Reichtum Ägyptens,« schreibt er. »Wir haben einen König, der mächtiger ist, denn diese alle, und bessere Güter in ihm, als die Welt uns bieten könnte. Ich beuge mich keinem Haman.«

Gordons Auftrag bestand darin, eine fast unbekannte Provinz zu ordnen, in der bewaffnete Händler ihr Wesen trieben und durch Elfenbein und Schwarze sich bereicherten. Die eingeborenen Stämme hatten sie grausam unterdrückt und gezwungen, mit ihnen Handel zu treiben, ob sie wollten oder nicht. Einige dieser Tyrannen hatten Erlaubnis, im Lande zu wohnen, vorausgesetzt, daß sie sich des Sklavenhandels enthielten; man hatte sie dem Gouverneur vom Sudan unterstellt. Dieser aber war von Khartum aus nicht im stande gewesen, seine Autorität geltend zu machen, und aus diesem Grunde hatte der Khedive die neue Äquatorialprovinz gebildet. Wenn der Sklavenhandel und das Raubwesen erst einmal abgeschafft wäre, dann sollte aller rechtmäßige Handel frei sein. Gordon sollte eine Kette von Stationen errichten, sollte versuchen, das Vertrauen der Stämme zu gewinnen und der Sklavenjagd auf alle mögliche Weise entgegenarbeiten.

Aber bei seinem kurzen Aufenthalte in Kairo hatte er mit dem ihm eigenen Scharfblick den Khedive und seine Pläne durchschaut. »Ich glaube, den wahren Beweggrund entdeckt zu haben,« schreibt er, »man hofft, uns Engländern Sand in die Augen zu streuen.« Trotzdem schwankte er keinen Augenblick. Er wußte, daß er in eines Höheren Dienst stand, und das gab ihm Kraft. So schreibt er einmal:

»Wer dürfte es wagen, der nicht den allmächtigen Gott auf seiner Seite hat? Ich kann es und will es thun, ~denn mein Leben achte ich für nichts~ -- ich würde nur viel zeitlichen Verdruß mit dem ewigen Frieden vertauschen!« Und weiter: »~Wer doch den Tod immer als Erlöser vor Augen hätte!~ Welche Ruhe ist des Menschen Teil, der so denkt, und was für Thaten kann er vollbringen -- nichts kann ihn mehr beunruhigen, in welchem Amt er auch stehe!«

Es war Gordons Wunsch, als gewöhnlicher Passagier sich nach Suakim zu begeben; allein Nubar Pascha erklärte, der Gouverneur von Oberägypten müsse mit Gepränge reisen. Ein Gefolge wurde ernannt, und, von einem Adjutanten des Khedive begleitet, sollte Gordon mit einem Extrazug nach Suez fahren. Aber unterwegs versagte die Lokomotive, und die Reise mußte mit dem gewöhnlichen Zug fortgesetzt werden -- ein Hauptspaß für Gordon. »Wir haben groß angefangen und dürfen klein aufhören,« berichtet er darüber. Von Suakim ging's durch die Wüste nach Berber; etwa zweihundertundzwanzig Mann Militär, die mit ihm an Bord waren, bildeten die Eskorte für den vierzehntägigen Marsch, dessen Länge Gordon keineswegs beklagte, denn es war ihm vor allen Dingen darum zu thun, seinen Soldaten, die von Mannszucht nichts wußten, Gelegenheit zu geben, ihn kennen zu lernen. Was persönlicher Einfluß vermag, das wußte er von China her.