Part 15
In der folgenden Nacht stellten sich sieben Männer in Gessis absichtlich nicht erleuchtetem Verhau ein, seine Truppen für die Bande Rabis haltend, die sie in der Nähe wußten; sie sagten, sie seien vom ~Sultan Idris~ entsandt, der alsbald hinterdrein käme und Rabi möchte ihn zum Anschluß erwarten. Gessi schickte durch einen der sieben die Antwort, daß er den Sultan da und da zu sehen hoffe. Die anderen sechs wurden zu Gast gebeten und sahen sich in kurzem als Gefangene.
Gessis Plan war alsbald entworfen; er beabsichtigte sich Rabis zu versichern und dann den nachkommenden Sultan Idris zu empfangen. In größter Eile ging's vorwärts. Mit Tagesanbruch überfiel er jenen in seinem Lager, vernichtete seine Horde, bemächtigte sich aller seiner Vorräte und seiner Flagge, und nur der Häuptling selber entkam durch die Schnelligkeit seines Pferdes. Dann, in der Richtung zurückfallend, wo er seinen »Verbündeten« wußte, ließ er sein Zelt aufschlagen und Rabis Standarte daneben pflanzen. Seine Leute legte er im Umkreis in Hinterhalt; darnach schickte er ein halb Dutzend Schwarzer aus, die wie von ungefähr dem Sultan in die Hände gerieten. Wem sie gehörten? war die Frage. Dem Rabi, lautete die Antwort, und sie wären auf der Jagd. Da sandte Idris sie zurück, um seine Ankunft binnen einer Stunde zu melden. Ein plötzlicher Sturmwind und Regenguß trieb ihn und seine Leute vorwärts, und Schutz suchend, lief die Bande im Durcheinander in die Falle. Da krachte ein Signalschuß und Musketenfeuer knatterte um sie her. So groß war ihre Verwirrung, daß nicht einer die Gegenwehr versuchte. Idris und etliche seiner Araber waren die einzigen, die entkamen, und das nur, weil sie sich im Wetter unter einen Baum geflüchtet hatten und dadurch etwas zurückgeblieben waren. Reiche Beute fiel in Gessis Hand. Er kehrte nach Dem Soliman zurück, das er vor neun Tagen verlassen hatte, seine Rückkehr glich einem Triumphzug. Die Sklavenhändler in der Umgegend schienen in alle Winde zerstreut. Das Volk hatte sich erhoben und die Flüchtigen mit Pfeil und Speer verfolgt. Die gefangenen Anführer brachte Gessi in Ketten mit sich, während die besiegte Mannschaft Lasten von erbeutetem Elfenbein hinter ihm herschleppte. In Dem Soliman fanden die Rächer eine wohlverdiente Ruhe.
Indessen hatte Gordon in Schekka mit den fast unbezwingbaren Schwierigkeiten seiner Verwaltung ritterlich weiter gekämpft. Auch um diese Zeit schrieb man ihm wieder von Kairo und begehrte zweihundertundvierzigtausend Mark aus dem Sudan. Er meldete zurück: »Wenn die zerlumpten Truppen hier Kleidung und Löhnung haben, dann kann man wieder davon reden.«
In Darfur fand er die alte Mißwirtschaft: »Ich verzweifle am ägyptischen Regiment!«[12] Immer wieder ist's ihm sonnenklar, daß das Hauptelend des Landes von der Gewinnsucht der Beamten ausgeht.
»Ich habe dem Khedive telegraphiert, den Sohn des Sultans Ibrahim herzuschicken (der in Kairo festgehalten wurde) und mit ihm die rechtmäßige Sultansfamilie hier wieder einzusetzen, denn mit diesem Diebspersonal von Beamten ist eine gerechte Regierung unmöglich.... Mich kennen die Leute von Darfur und haben Vertrauen zu mir ... ich werde dann dem Harun, der noch immer seine Ansprüche behauptet, schreiben, daß es ihn nichts nützt, länger gegen Ägypten und den rechtmäßigen Sultan aufkommen zu wollen, daß ich ihn angreifen könnte, daß das aber nur neues Elend übers Land bringen würde und ich ihn deshalb auffordere, mir zu helfen, Land und Leute für den jungen Sultan zu gewinnen.«
Es war immer wieder Gordons Politik, mit Großmut den Feind zu gewinnen, dem geschlagenen Feinde voran zum nächsten Siege zu eilen und den noch gegen ihn ankämpfenden aufzufordern, ~ihm zu helfen, zu thun, was recht ist~! Oft ist ihm diese wunderbare Taktik gelungen, manchmal auch nicht. Harun wollte nichts davon wissen. Wir werden später sehen, wie gerade an dieser hochherzigen Gewohnheit Gordons, Feinde zu seinen Mitarbeitern zu machen, die ihm entgegentretende Politik ihre Handhabe fand, ihn dem Verderben zu überlassen. Seine Großmut war oft zu gut für die Welt und darum ihr unverständlich; Krämerseelen nannten ihn einen Enthusiasten. Ja, es war der göttliche Enthusiasmus, der den Sünder für seine Sünde züchtigt, ihn selbst aber wieder aufrichtet, der den Saulus zu Boden schlägt und im Paulus sein Rüstzeug gewinnt.
Und wieder der Sklavenhandel:
»Gott ist mein Zeuge, wenn ich diesen Greuel vernichten könnte, ich ließe mich heute nacht noch erschießen; dies beweist wenigstens mein heißes Verlangen, aber ich mag kämpfen wie ich will, ich sehe wenig Hoffnung, dieses Übel zu bewältigen.«
In Stunden des Kleinmuts war ihm in dieser Zeit der erste Gedanke gekommen, sein Amt als Generalgouverneur niederzulegen, weil er fühlte, daß er das Land nicht so regieren konnte, wie es seinem eigenen Herzen genügte. Daran knüpfte sich für ihn die Frage: soll er, wenn er die glänzendere Würde niederlegt, sich nach Darfur zurückziehen und sein Leben dort opfern? Durch dauernde Anwesenheit in jenem Land, in dem das ganze Greuelwesen wurzelt, könnte er vielleicht das ersehnte Ziel erreichen. Manch einer (besonders wenn die Frage ihm nicht selbst gilt) möchte hier sagen, das ist ja ein schöner Beruf, für den man gern sterben könnte! Es ist auch nicht der Tod, den Gordon fürchtet, sondern die »lange Kreuzigung in diesem fürchterlichen Land.« Seine Körperkräfte sind geschwächt und der physische Mut gebricht ihm, solch ein Kreuz auf sich zu nehmen.
»In den Tod gehen, ja, aber ach! es wäre ein langes, langes Hinsterben, und ich vermag es nicht!«
Mittlerweile ist er rüstig wie immer, wenigstens das Beste zu thun, was in seiner Kraft steht.
»Diesen Abend wurden sieben eingefangene Händler mit dreiundzwanzig Sklaven vor mich gebracht; das Elend dieser letzteren war unsäglich -- es waren Kinder von kaum drei Jahren darunter, die durch diese Wüste hergetrieben worden sind, vor der es mir auf meinem Kamel bangt ... Ich höre, daß andere auf dem Weg sind, und manche von den armen Weibern haben nicht einen Fetzen, um sich zu decken. Wir haben in diesen neun Monaten wenigstens zweitausend abgefangen, und das ist wohl nicht der fünfte Teil der Karawanen, die hier durch sind. Und wie viele sind unterwegs umgekommen? ... Ich habe mit einigen Häuptlingen gesprochen, es ist trostlos zu hören, daß mehr als ein Drittel der Bewohner dieses Landes in die Sklaverei geschleppt worden ist ... Ich höre, daß Kalaka in großer Aufregung ist, seit mein Kommen in Aussicht steht. Ein Sklavenhändler dort soll einen Mann erschossen haben; ich werde ihn dafür erschießen lassen, wenn ich hinkomme. Ich werde wohl eine beträchtliche Anzahl dort wegfangen. Sie wissen sich nicht zu helfen, kein Schlupfwinkel ist mehr übrig, denn die Beduinen helfen mit.«
Diese notgedrungenen Freunde fingen eine Menge Händler weg, und die Sklaven liefen umher wie herrenlose Schafe, wurden auch immer wieder von Händlern aufgeschnappt, die sie gern als ihr Eigentum betrachteten. Die aufgegriffenen Sklavenhändler züchtigte Gordon stets nach dem -- zwar ungenügenden -- Gesetz; er ließ sie durchpeitschen und setzte sie, wo er konnte, hinter Schloß und Riegel.
Ehe er Schekka verließ, um nach Kalaka weiter zu ziehen, hörte er noch von Gessis namhaften Erfolgen. Die Straße nach Kalaka trug überall Spuren, daß die Händler des Weges gezogen waren. An manchen Orten bleichten Schädel und Menschenskelette zu Hunderten; hier und dort lagen die Schädel aufgehäuft, ein grauenhaftes Denkmal des entsetzlichen Handels. Wie viele Tausende von armen Schwarzen mochten da vorbeigetrieben worden sein! Man fragt sich, wohin sie nur alle geschleppt werden? Ein Teil wird als Dienstsklaven verwendet, besonders in den Küstenländern des Roten Meeres; die ganze mohammedanische Welt aber ist, teils offenkundig, teils heimlich, eine Empfangsstätte für Sklaven, meist Weiber und Kinder. Das Haremswesen verschlingt alljährlich eine große Anzahl. Im Blick auf dieses Endziel des schändlichen Handels möchte man fast sagen: es ist ein Glück, daß die meisten unterwegs erliegen! In Kalaka hob er ein ganzes Nest von Händlern aus und wenigstens tausend Sklaven, welch letztere er den eingebornen Stämmen überlassen mußte. Und weiter ging's durch die Wüste nach Darra, nach Fascher und Kobeh an der obersten Grenze des Landes. Was für Reisen! Er sagte einmal in jener Zeit: nur kraft seines Kamels sei er einigermaßen Herr im Land. Auf dem Weg nach Kolkol an der äußersten Nordwestgrenze wurde er mit seiner Schar von etwa hundertundfünfzig Banditen überfallen und mehrere Stunden lang ging es ihm mit seinen Leuten »hinderlich«, wie er sagte; aber schließlich zogen die Räuber, die »seine Kamele und seine Sachen« wollten, den kürzeren. In Kolkol angekommen, hatte er die Länge und Breite der ägyptischen Herrschaft durchreist. Er faßt seine Eindrücke in die Worte zusammen: »Das Elend dieser verkommenen Länder ist unsäglich -- die Regierung selbst hat sie in eine Wüstenei verwandelt.« Kolkol nannte er ein Gefängnis; es hatte seit zwei Jahren niemand den Weg dahin gefunden. Die Garnison war in entsetzlichem Zustand. Aus diesem verlassenen Nest sandte er eine ganze Bande hilfloser Besatzung nach Khartum, vierhundert Araber mit Weibern und Kindern. Von dieser äußersten Grenze des Elends trat er den Rückweg nach Khartum an, zunächst über Fascher, Omschanga und Tuescha. Während seiner kurzen Abwesenheit hatten sich die Banditen wieder in Schekka gesammelt und von dort sich ins Innere des Landes geschlagen. Obschon er auf diesem Zuge mehrere tausend Sklaven weggefangen und viele Händler bestraft hatte, so stand der greuliche Betrieb doch alsbald wieder in Blüte.
»Es ist anzunehmen, daß in diesen zwei Jahren allwöchentlich etwa 600 Sklaven hier durch sind! Während meiner Amtszeit! Habe ich da Ursache stolz zu sein?«
Bei dem vorhandenen Wassermangel war das Elend der Ärmsten oft über alle Beschreibung; und meist konnte er mit den Befreiten nichts anfangen, als sie den Eingebornen überlassen. So ging's auch mit ein paar hundert Sklaven, die er in und um Tuescha aufgegriffen hatte. Er ließ sie vor sich kommen und sagte ihnen, daß er keine Möglichkeit hätte, sie in ihre Heimat zurückzuschaffen, daß sie aber jetzt frei wären. Sie waren alle damit einverstanden, sich den Leuten dort anzuschließen. Drei schwarze Weiber wurden vor ihn gebracht, um über die Händler ausgefragt zu werden, und als Beweis, daß selbst im größten Elend die Eitelkeit oft oben auf ist, erzählt er, daß eine derselben sorgfältig eine Ecke des schmutzigen Fetzens aufknöpfte, den sie als Kleidungsstück um sich gewickelt hatte, und etliche Glasperlen daraus zum Vorschein brachte; die hing sie sich um den Hals und guckte dann um so zufriedener in die Welt. Aber von anderen, besonders von einem kaum vierjährigen Bübchen sagt er, daß das Lachen ein Ding sei, das ihn nie ankäme, die Bitterkeit seines jungen Lebens sei zu groß!
In Tuescha sah er Gessi wieder, der ihm um Jahre gealtert schien; vielleicht konnte Gessi dasselbe von ihm sagen. Wie wir gesehen haben, hatte Gessi dem Räubervolk in der Bahr el Ghasal tüchtige Schläge versetzt und nebenbei reiche Ladungen an Elfenbein erobert. Nur Soliman selbst war ihm bis jetzt noch immer entkommen; doch waren seine Tage gezählt! Gordon belohnte den heldenmütigen Italiener, indem er ihn zum Pascha der Osmanlie zweiter Klasse ernannte und ihm vierzigtausend Mark dazu schenkte. Während er selbst nach Khartum zurückkehrte, wandte sich der neue Pascha wieder seinem Kampfgebiet zu. Schon nach wenigen Tagen brachte ein Überläufer ihm die Nachricht, daß Soliman im Schild führe, sich mit Harun zu vereinigen. Alsbald machte er sich auf, dies zu verhindern. Der Sohn Sebehrs versuchte sein Heil in der Flucht in der Richtung von Gebel Marah, einem schwierigen und wenig bekannten Hügelland. Neunhundert seines Gesindels waren mit ihm: Rabi mit siebenhundert entrann auf andern Wegen. Gessi, der seine Streitkräfte noch nicht zusammengezogen hatte, konnte mit nur zweihundertundneunzig Mann zur Verfolgung sich aufmachen; aber diese waren wohlbewaffnet und durch die unlängst errungenen Siege innerlich gehoben. Durch einen mit bewundernswerter Kühnheit ausgeführten Eilmarsch überraschte er Soliman und die Seinen in einem Dorf Namens Gara zu früher Morgenstunde im Schlaf. Drei Tage und drei Nächte hatte der unaufhaltsame Pascha sich und seiner Schar kaum Ruhe gegönnt und dem Feind auf Querpfaden den Weg abgeschnitten. Wie manches friedliche Dorf hatte die ruchlose Horde Solimans auf ähnliche Weise zur Nachtzeit überfallen! Wie manche Wohnstätte hatten sie mit Feuer verwüstet und die nichts ahnenden Bewohner mit sich geschleppt! Das Blut war in Strömen geflossen, und viele Tausende von Menschen waren durch sie dem Elend der Sklaverei verfallen. Jetzt war die Stunde der Rache gekommen.
Mit seiner geringen Streitmacht wagte Gessi es nicht, das Dorf zu umstellen. Er wagte es nicht einmal, sie dem Feind zu zeigen, sondern hielt sie im Wald zurück, um jenen über die Anzahl zu täuschen. Dem Soliman gab er zehn Minuten Bedenkzeit, die Waffen zu strecken; ergebe er sich in der kurzen Frist nicht, so habe er keine Gnade zu erwarten. Die schlaftrunkene Bande glaubte sich von Gessis ganzer Streitkraft umringt und ergab sich im Schrecken der Überraschung. Einige der Sklavenhändler hatten sich beim ersten Alarm in den Wald geflüchtet, die meisten aber, unter ihnen Soliman selbst, gehorchten dem Befehl und legten ihre Waffen nieder. Als der Sohn Sebehrs entdeckte, mit wie wenig Leuten Gessi ihn überwältigt hatte, erfaßte ihn ein wilder Ingrimm. »War das eure ganze Anzahl?« schrie er. »Sie genügte!« entgegnete ihm Gessi kaltblütig. Da brach jener in Zornesthränen aus -- »wäre mein Vater hier gewesen, wir wären nie erlegen! Es sind ihrer nur dreihundert, und ihr (seine Häuptlinge) meintet, es wären dreitausend!«
Den Tag über ließ Gessi sie im Dorf bewachen und sie verhielten sich ruhig; als es aber dunkel wurde, schien Leben über sie zu kommen, und er vermutete, daß Botschaft zwischen ihnen und ihren entlaufenen Gefährten hin- und hergehe. Sie planten ein Entkommen in der Nacht, in der Hoffnung, ihren Verbündeten Abdulgassin zu erreichen, der mit seiner Bande nicht allzuweit entfernt war. Gessi entdeckte die Pferde seiner Gefangenen, die gesattelt bereit standen. »Nun,« schrieb er, »sah ich, daß die Zeit gekommen war, diese Schurken ein für allemal unschädlich zu machen.« Er traf eine Auswahl. Ihren bewaffneten Sklaven war er erbötig Leben und Freiheit zu schenken, wenn sie zu ihren Stämmen zurückkehren wollten. Dazu waren sie mehr als bereit und er ließ sie unter dem Geleite seiner Mannschaft ziehen. Die kleineren Sklavenhändler, etwa hundertfünfzig an der Zahl, machte er zu Gefangenen. Die Haupträdelsführer aber, d. h. Soliman und zehn andere, wurden erschossen. Dazu hatte er Gordons Vollmacht. Zwei Jahre vorher in der »Höhle Adullam« hatte dieser sie gewarnt, daß sie die Sklavenjagd mit ihrem Leben würden büßen müssen, sofern sie nicht davon abließen. Sie hatten die Warnung in den Wind geschlagen, und nun war das Maß ihrer Bosheit voll. Keiner zeigte Reue. Dem Sohn Sebehrs schien der Mut zu entfallen, denn er sank vor dem Schuß zu Boden; ein anderer vergoß Thränen; die übrigen aber gingen ohne Spur von Rührung in den Tod. Auf diese Nachricht versprengte der Schrecken Abdulgassins Horde und auch Rabi mit den Seinen floh.
Damit war der Sklavenhandel für den Augenblick aufs Haupt geschlagen, und da die Eingebornen sich nun auch allerwärts gegen ihre Bedrücker erhoben, so fanden die flüchtigen Händler nirgends einen Schlupfwinkel. Abdulgassin, die Hyäne dieses Landes, der ganze Dörfer entvölkert hatte, wurde später eingefangen und erschossen. Rabi entkam -- wohin wußte niemand. Nun war Friede und eine Zeit der Ruhe kam über die gequälten Neger, die sich in ihren Heimstätten wieder ansiedeln konnten; sie wußten ihrer Freude kein Ende, schrieb Gessi.
So wurde die Macht Sebehrs in seinem Sohne gebrochen, aber noch war er selber unbestraft. Der schwarze Pascha war ein König gewesen, der mächtigste aller Sklavenhändler in der Welt. Weithin, bis ins Innere von Afrika hinein, hatte er seine festen Plätze und Raubhöhlen; ganze Länder hatte er verwüstet, wo vorher die schwarzen Stämme in verhältnismäßigem Wohlstand ihr Naturleben führten. Mit fürstlichem Glanz hatte der greuliche Menschenräuber im Lande geherrscht; aus einem Strom von Thränen und Blut war sein Reichtum gewonnen worden, und nun war der Strom versiegt. Ihm selbst schien der verdiente Lohn zu werden; denn unter dem Nachlaß seines Sohnes fanden sich Briefe von seiner Hand, die ihn als den Anstifter des ganzen Aufstandes verrieten. Er wurde in Kairo vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. »Es wird ihm nichts geschehen,« sagte Gordon, als er's vernahm; und so war es! Er blieb nicht nur am Leben, sondern wurde sogar eines Gnadengehaltes für würdig erachtet. Warum? muß ein Rätsel bleiben. Der abgesetzte König der Sklavenhändler wurde nach wie vor in Kairo festgehalten und hat seine zweitausend Mark monatlich aus der vizeköniglichen Kasse bezogen! Die verkehrte Schwäche, die ihm das Leben schenkte, hat viel dazu beigetragen, daß Gordons und Gessis glänzende Erfolge den greulichen Menschenhandel im Sudan zwar zu unterdrücken, aber nicht auszurotten vermochten. Sebehr war und blieb eine Macht der Finsternis, und die Schlußszene von Gordons Lebensdrama, die tieftragische, ist zweifelsohne mit sein Werk.
4. Als Gesandter in Abessinien.
Auf dem Rückweg nach Khartum erfuhr Gordon in Fodja, daß Gessi den Soliman und seine Genossen überwältigt und erschossen hatte. Er selbst hatte dem Sklavenhandel in Darfur mehr wie einen empfindlichen Schlag versetzt. Zwar war er zu der Überzeugung gekommen, daß eine völlige Vernichtung des Unwesens ein Ding der Unmöglichkeit war, insolange nämlich als die ägyptische Regierung nicht von Grund aus eine andere würde; aber für den Augenblick lag der Greuel am Boden und das gequälte Land atmete auf. In Fodja erreichte ihn auch die zweite Nachricht, daß die seit Monaten drohende Umwälzung in Kairo stattgefunden und daß Ismail zu Gunsten seines Sohnes Thewfik abgedankt hatte. Es lag ihm ob, den Regierungsantritt des neuen Khedive in den Sudanländern zu verkündigen.
»Es ließ mich kühl,« sagte Gordon, »ich telegraphierte an die verschiedenen Unterstatthalter und quittierte dem Cherif Pascha den Empfang der Anzeige -- damit begnügte ich mich.«
Ismails Glückswechsel ließ ihn übrigens nicht kalt, er nahm aufrichtigen Anteil an seiner Demütigung, obschon er seine Politik öfters beklagt, ja getadelt hatte. Die Veränderungen in Kairo, welche mit dem neuen Khedive die dem Sklavenhandel freundlichen Pascha wieder ans Ruder brachten, bestärkten ihn aber ohne Zweifel in seinem bereits gefaßten Vorsatz, sein Amt niederzulegen. Er hatte das übernommene Werk vollbracht, so weit es ihm möglich schien; die Würde an sich hatte keinen Reiz für ihn. Mit diesen Gedanken kehrte er nach Khartum zurück.
Um diese Zeit erhielt er einen Brief von seinem alten Freunde, dem Gouverneur Li in China, folgenden Inhalts:
»Sehr freute es mich von Ihnen zu hören. Es sind vierzehn Jahre, seit wir uns trennten, und wenn ich Ihnen auch bisher nicht geschrieben habe, so spreche ich doch oft von Ihnen und gedenke Ihrer mit großer Teilnahme. Die Wohlthaten, die Sie China erwiesen haben, verschwanden nicht mit Ihrer Person, sondern sind jetzt noch in den Gegenden fühlbar, in denen Sie eine so wichtige und thatkräftige Rolle spielten. Das Volk segnet Sie um des Friedens und des Gedeihens willen, dessen es sich seither erfreute. Ihre Erfolge in Ägypten sind durch die Welt erschollen; ich lese oft in den Zeitungen von Ihrem edlen Werk am obern Nil. Sie sind ein Mann, der sich stets zu helfen weiß, in was für Lagen Sie sich auch befinden. Ich hoffe, daß Ihnen ein langes Leben geschenkt werde, denn Sie verbreiten Segen um sich her, wohin auch immer Ihr Beruf Sie führt. Ich lasse es mir ernstlich angelegen sein, mein Volk auf eine höhere Stufe zu bringen und dieses Land mit andern Ländern innerhalb der »vier Meere« in einem Bruderbündnis zu vereinigen. Ich beantworte Ihre Fragen: -- Kwoh Sung Ling hat sich vom öffentlichen Leben zurückgezogen und erfreut sich der Ruhe. Jang Ta Jen ist schon lang gestorben. Dem Sohn des Na Wang geht es gut, er ist Regimentsoberst mit fünfhundert Leuten unter ihm. Die Pataschau-Brücke, die Sie teilweise zerstörten, ist bald nach Ihrer Abreise wieder aufgebaut worden und ist in recht gutem Zustand. -- Kwoh Ta Jen, der chinesische Minister, schrieb mir, daß er die Freude hatte, Sie in London zu sehen. Ich wollte, ich wäre auch dabei gewesen; aber die Pflichten dieses Lebens führen die verschiedenen Menschen in verschiedene Teile der Welt und es ist eine weise Einrichtung der Vorsehung, daß wir nicht alle am selben Orte sind. Ihnen Glück und Segen wünschend meinen Gruß.«
An diesem Brief des alten Chinesen kann man nur seine Freude haben; steht es doch nicht bloß ~zwischen~ den Zeilen zu lesen, daß Gordons Werk dort ein bleibendes war.
Gordon verließ Khartum Ende Juli und erreichte Kairo am 23. August. Acht Tage später begab er sich als außerordentlicher Gesandter zum König von Abessinien. Thewfik setzte offenbar Vertrauen in ihn, obschon er halb und halb gefürchtet hatte, daß Gordon beabsichtige, sich als Sultan im Sudan aufzuwerfen. »Das würde unser einem aber doch nicht passen,« meinte Gordon. Seine abessinische Reise bezog sich auf die alten Wirren. Mit ihm ging sein schwarzer Schreiber Berzati Bey, der in seinem Dienst stand seit er jenen anderen der Bestechlichkeit wegen entlassen hatte und dem er nachrühmte, daß er die unschätzbare Eigenschaft besessen habe, es ihn wissen zu lassen, wenn er anderer Meinung war als er. Dieser Berzati stammte aus einer alten muselmännischen, in Khartum ansässigen Familie. Als Schüler eines namhaften Gelehrten dieser Stadt erlangte er eine tüchtige Bildung. Die Geschichte des Landes kannte er von Grund aus und verstand sich auf verschiedene Geheimschriften. »Er war in diesen drei Jahren mein bester Freund,« sagt Gordon, »obwohl wir manchmal hintereinander gerieten. Ich verdanke ihm viel; denn ob er zwar ein guter Patriot und fester Muselman war, riet er mir doch stets ehrlich zum Besten des Volkes .... Er hat übrigens seine Last -- vier Weiber; hat mancher doch an ~einer~ genug. Ein paar Männer wie Berzati Bey könnten Ägypten aufhelfen; aber solche sind selten. Spötter nennen ihn den ›schwarzen Gnomen.‹«
Die Abessinier hatten das Grenzland Bogos inne. Am 11. September 1879 machte sich Gordon von Massaua zu einer Zusammenkunft mit dem in Gura lagernden Alula auf den Weg. Unterwegs schrieb Gordon:
»Wir sind einer Karawane begegnet, die von Gura kommt ... Sie brachte die Bestätigung der Nachricht, daß Alula auf des Königs Befehl den Walad el Michael und alle seine Offiziere gefangen genommen habe, und daß Walads Sohn, Metfin, erschlagen sei. In Massaua traf mich die Kunde, daß Abdulgassin, der letzte der Anführer von Sebehrs Banditen, eingefangen und auf meinen Befehl erschossen worden sei. Er war jener Schurke, der einen Negerknaben umbrachte und in dessen Blut seine Flagge tauchte. (Bei der Einnahme von Dem Idris, um den Himmel günstig zu stimmen!) So giebt's immer mehr Lücken in meiner Fürbitte für die Feinde. Sebehrs Anführer und Walads Sohn, sie waren alle in mein Gebet eingeschlossen. Ich gestehe, ich bin dieses Leben müde, es wäre mir kein Kummer, wenn Walads Bande mir unterwegs auflauerte.«
Wie charakteristisch ist dieser Brief für den Schreiber! Als Soldat giebt er den Schurken ihren verdienten Lohn, er läßt sie erschießen; als Christ hat er es nie unterlassen, sie mit Namen in seiner Fürbitte vor Gott zu bringen!
Gordon litt auf dieser Reise viel von der Hitze. Er nennt sich einen Hiob voll Schwären. Aber wenn auch der Körper schwach ist, seine Aufgabe führt er durch und entwirft sich seine Pläne auf dem Ritt durch die Wüste.
»Ich bin entschlossen, entweder mit oder ohne des Königs Hilfe mit Walad und seinen Leuten fertig zu werden und dann mit Johannes selbst ins reine zu kommen.«
Unter Hilfe verstand er nicht Waffen, sondern ein Versprechen, daß Walads Truppen, wenn sie Bogos räumten, eine Zuflucht gewährt werde. Wo Barmherzigkeit am Platze war, unterließ er es gewiß nicht, darauf hinzuarbeiten! Er erreichte Gura halbtot von seinem Wüstenritt und vernahm, daß Alulas Lager auf einem steilen Berg sich befand, und weil sein Lasttier erschöpft war, so erstieg er die Höhe mühsam zu Fuß. Er fand den abessinischen Befehlshaber in einem niedern, langen Gezelt von Baumzweigen, an dessen oberem Ende Alula auf einem Diwan saß, wie eine Mumie in weiße Tücher gewickelt, die nur die Nase sichtbar ließen.
»Feierliche Stille herrschte; und alle Anwesenden waren gleich ihm vermummt, als ob meine Nähe sie vergiften könnte. Die Figur auf dem Diwan regte sich nicht, und war wirklich so eingewickelt, daß mich ein Verlangen ankam, dem Mann nach dem Puls zu fühlen. Der Mensch muß krank sein, dachte ich. Durchaus nicht -- es war Freund Alula!«