Part 16
Und Gordon sah, als Alula nach einiger Zeit die weiße Hülle etwas fallen ließ, daß er ein ganz kräftiger, sogar hübscher junger Mann von etwa dreißig Jahren war. Auch den andern schien nach und nach die Furcht vor Gift zu vergehen. Gordon fand die Audienz aber tödlich langweilig, denn Alula schien ihm durch Schweigen imponieren zu wollen. Nach langer Pause gestattete er ihm zu rauchen, was eine besondere Vergünstigung war, indem der König einen Befehl erlassen hatte, allen Rauchern die Nase abzuschneiden. Gordon lehnte es ab und betrachtete sich einstweilen die Priester, die den Hofstaat vervollständigten. Viel erreicht wurde bei dieser Gelegenheit darum nicht, weil Alula vorläufig nur den einen Zweck verfolgte, dem Gesandten mit wenig Höflichkeit zu begegnen. Ägypten hatte Abessinien schlecht behandelt, Gordon wußte sich daher über den unmanierlichen Empfang zu trösten.
»Bei der nächsten Audienz aber werde ich meinen sudanischen Thronsessel mitbringen, sowie einen geeigneten Sitz für den schwarzen Gnomen.«
Als Alula jedoch verlangte, daß der Gesandte am Fuße des Berges kampiere und täglich zu ihm hinaufklettere, schlug ihm Gordon dies rundweg ab; das wisse er im voraus, daß er in diesem Falle dann stets schlechter Laune zur Audienz kommen würde, was den Verhandlungen gewiß schädlich wäre. Alula gab dies zu und ließ ihm ein Zelt neben sich aufschlagen. Als ägyptischer Gesandter war Gordon in der Feldmarschallsuniform. Die Audienzen führten zu dem Beschluß, daß Gordon zum König Johannes selbst reisen sollte und daß Alula bis auf weiteres sich der Feindseligkeiten zu enthalten versprach.
Der König befand sich in Debra Tabor bei Gondar, zwölf Tagereisen von Gura entfernt. Aber geduldig wie immer, wenn's Arbeit gab, machte Gordon sich auf den Weg durch ein entsetzliches Land und über die steilsten Berge »über die Kruste des Erdballs hinschleichend.« Bei Adowa kam er an der Bergeinöde vorüber, in der Walad el Michael festgehalten wurde.
»Die Abessinier setzen ihre Staatsgefangenen nämlich auf unzugängliche Berge, die Amba genannt werden. Es giebt deren drei verschiedene Arten: erstens solche, die so steil sind, daß der Gefangene in einem Korb durch einen Flaschenzug hinaufgeschafft wird; zweitens, andere, die durch einen einzigen Fußweg zugänglich sind; und drittens solche, deren Höhe auf zwei oder drei Wegen erreicht werden kann. Auf diesen Amba befindet sich kultivierbares Feld und auch Wasser. Ein Gefangener kann da existieren und in Vergessenheit seine Sünden bereuen, bis eine neue Revolution ihn vielleicht auf den Thron setzt.«
Unterwegs vernahm Gordon, daß ein aufrührerischer Häuptling ihn zu überfallen gedenke, aber trotzdem gelangte er ungefährdet nach Debra Tabor. Der König selbst gab zu, daß er auf den denkbar schlechtesten Wegen zu ihm geführt worden war. Gordon schloß daraus, daß Alula den Gesandten auf diese liebenswürdige Weise von der Unwegsamkeit des Landes zu überzeugen hoffte, damit dieser Ägypten von etwaigen Kriegsgedanken zu heilen vermöchte.
Als er den abessinischen Hof erreichte, wurde er alsbald vorgelassen. Der König saß auf seinem Thron, neben ihm stand Ras Arya, sein Vater, der Itagé oder Hohepriester, und ein Stuhl war für den Gesandten hingestellt. Da ertönten Kanonenschüsse, »das ist Ihnen zu Ehren,« erklärte der König und bedeutete ihm alsbald, er sei entlassen. Ein paar erbärmliche, halbfertige Hütten waren das Gesandtschaftsquartier. Bei Tagesanbruch erscholl das Psalmensingen, das Gordon in Alulas Lager früher schon vernommen hatte.
Von dieser Audienz hat außerdem folgendes verlautet. Der König saß auf seinem Thronsessel, und der für den Gesandten bestimmte Stuhl stand auf niederer Stufe in ziemlicher Entfernung; Gordon hatte den Stuhl genommen und sich in die Nähe des Königs gesetzt, um ihm begreiflich zu machen, daß er als Ägyptens Vertreter von der abessinischen Majestät nicht allzu geringschätzig zu behandeln sei. Da fuhr der König ihn an: »Wissen Sie nicht, Gordon Pascha, daß ich Sie dafür auf der Stelle hinrichten lassen kann?« »Gewiß,« sagte Gordon, »ich bin auch bereit dazu, wenn es des Königs Wille ist.« »Was -- bereit zu sterben?« rief Johannes entsetzt. »Ich bin immer bereit,« entgegnete der Pascha ruhig; »der König würde mir durch einen gewaltsamen Tod sogar einen Dienst erweisen, den meine Religion mir selbst nicht gestattet, indem ich dadurch von aller Not erlöst würde, welche die Zukunft mir noch bringen kann.« Da erblaßte Johannes vor Entsetzen. »Dann hat meine Gewalt keine Schrecken für Sie?!« stammelte er. »Durchaus keine,« war die kurze Antwort. Worauf der König: »Sie sind entlassen!«
Die Verhandlungen waren ganz unbefriedigender Natur und mitten darin erklärte Johannes, er müsse sie abbrechen und Gesundbrunnen trinken, »ganz +à la mode+,« sagt Gordon; »der Brunnen sprudelt durch ein Bambusrohr in einer alten Hütte.« Auch dort wurde nichts weiter erreicht. Johannes hatte vielerlei Begehren: Bogos, Massaua und andere Städte, dann einen Abuna[13] (Erzbischof) und zwanzig bis vierzig Millionen Mark, wollte aber seinerseits lediglich nichts einräumen. Gordon versprach den Abuna, indem er seinen Privateinfluß geltend machen wolle, aber Bogos und sonstige Ländereien werde Ägypten nicht abtreten. Er wahrte die ihm anvertrauten Interessen und betrachtete sich lediglich als des Khedive Sendboten. Johannes glaubte ihm in persönlicher Weise beikommen zu können. »Sie sind ein Engländer und ein Christ,« sagte er, worauf ihm Gordon rasch entgegnete: »Hier bin ich ein Ägypter und Muselmann.« Als der Gesandte seine Bitten zu Gunsten der Soldaten vorbrachte, wurde Johannes zornig und hieß ihn seiner Wege gehen. Einen Brief an den Khedive werde er ihm nachschicken.
Und so begab sich Gordon auf den Rückweg. Der Brief wurde ihm auch nachgesandt; er lautete folgendermaßen: »Ich habe das Schreiben erhalten, das Sie mir durch ~jenen Menschen~ sandten; ich will keinen geheimen Frieden mit Ihnen schließen. Wollen Sie Frieden, so wenden Sie sich an die Sultane von Europa.« Auf dem Rückweg wurde Gordon, sei es mit, sei es ohne des Königs besonderen Befehl, von dessen Vater mit hundert und zwanzig Abessiniern überfallen und gefangen genommen. Mehrere Tage lang wurde er im Lande hin- und hergeschleppt und mußte sich viel Widerwärtigkeiten gefallen lassen. Geld erwies sich als den Schlüssel, der ihn schließlich durchließ; es kostete ihn achtundzwanzigtausend Mark, Massaua zu erreichen.
»Das durchgemachte Elend lasse ich unbeschrieben,« sagt Gordon, »Gottlob, es ist vorüber. Zwischen zwei Abessiniern zu schlafen, ist kein Vergnügen, und so verbrachte ich meine letzte Nacht in diesem Land.«
Den König Johannes schildert Gordon als einen grausamen, halbverrückten Menschen.
So endete diese ganz nutzlose Mission, und Gordon kehrte nach Ägypten zurück. Auch in diesem Jahre (1879) lagen über dreitausend Kilometer Kamelritt hinter ihm und zwölfhundert hatte er in Abessinien auf Maultieren zurückgelegt. In den drei Jahren seiner Oberstatthalterschaft beliefen sich seine Kamelreisen auf etwa vierzehntausend Kilometer. Abgesehen von den Schwierigkeiten, dem neuen Khedive zu dienen, war es Zeit, daß er sein Amt niederlegte; der britische Konsulatsarzt in Kairo fand seine Nervenkraft erschöpft und ihn auch sonst leidend; die körperliche Übermüdung, die vielen Sorgen und die ungenügende Nahrung der letzten drei Jahre hatten selbst einer eisernen Gesundheit, wie der seinigen zugesetzt. Er sollte nach England zurückkehren und ruhen. Der Abschied von Kairo war kein angenehmer; es gab noch Verhandlungen mit den Pascha, denen er stets die Wahrheit sagte. Aber er konnte Ägypten nicht anders machen als es war; einem der Pascha schickte er zu guterletzt noch telegraphisch das Wort: »Mene Mene Tekel Upharsin«, und dann schiffte er sich nach England ein. Mochten die Pascha denken was sie wollten, die Wünsche von Tausenden geleiteten ihn. Im Sudan blieb er dem Volk in dankbarer Erinnerung als ~der gute~ Pascha. So lang er da war, waltete Gerechtigkeit im Land; als er fort war, wußten es die Unterdrückten nur zu gut, was sie an ihm verloren hatten.
Sechstes Buch.
Zwischenzeit.
Gordon sollte in England der Ruhe pflegen. Das war leichter gesagt, als gethan. Energischen Naturen ist oft nichts eine größere Last als das Nichtsthun. Gordons Erholungszeit war eine kurze. England empfing seinen Helden mit Genugthuung, die Presse sprach von ihm als dem »ungekrönten König«. Man wußte von seinem heroischen Kampf gegen den Sklavenhandel, man bewunderte den unscheinbaren bescheidenen Mann, der waffenlos das Werk einer Armee vollbracht, den Held von Gottes Gnaden; man ärgerte sich über den Khedive, der seinen besten Diener so wenig zu schätzen wußte, und man sagte sich, daß wenn ausländische Einflüsse sich nicht geltend machten, der Sklavenhandel alsbald aufs neue erblühen werde, da Gordon Afrika den Rücken gewandt habe. Daß nicht viele Jahre vergingen, ehe das Land in schlimmerer Lage war als vorher, ist eine bekannte Thatsache.
Im Grunde aber kannte England seinen Helden doch nicht; erst seit es ihn verloren, hat das Land ihn wirklich schätzen lernen. Daß man seiner in englischen Diensten nicht zu bedürfen schien, ist erklärlich, wenn man bedenkt, was für ein Mann er war. Seine Stärke lag in dem Glauben, der Berge versetzt; höheren Orts mochte er als eine Art Fanatiker gelten, der nicht überall zu brauchen war: Paule, du rasest! Auch bei seiner diesmaligen Anwesenheit in England ging Gordon geflissentlich allen Ehren aus dem Wege; mit wahrer Kriegslist soll er die Leute umgangen haben, die ihn gern eingeladen und zum großen Mann gemacht hätten. Er verbrachte mehrere Wochen mit den Seinen und zog sich dann (im Winter 1880) nach Lausanne zurück. Einen Sohn seines kurz vorher verstorbenen Bruders nahm er mit sich.
Ein englischer Geistlicher, der ihn daselbst kennen lernte, beschreibt ihn folgendermaßen: »Der Fremde war von nur mittlerer Größe und wohl gebaut; sein Gesicht von tiefen Linien durchfurcht; seine schöne breite Stirn und ein sehr entschlossener Mund schienen auf ungewöhnlichen Ernst des Denkens, sowie auf praktischen Verstand zu deuten. Er schien beides, sanft und stark; eine gewisse Weichheit lag in seiner wohllautenden kraftvollen Stimme und sprach aus seinen ausdrucksvollen blauen Augen. Nach einiger Zeit redete er mich an, und da ich leidend war, so erbot er sich mir zur Begleitung auf kurzen Spaziergängen. Unsere Unterhaltung wandte sich bald auf Dinge des Glaubens, und die Unmittelbarkeit, die Einfachheit und der tiefe Ernst, mit dem er sich darüber aussprach, machte einen großen Eindruck auf mich.« Mehrere Tage vergingen und sein neuer Freund erfuhr zwar seinen Namen, hatte aber keine Ahnung, daß er es mit dem Gordon Chinas und des Sudans zu thun habe. Weder sein Gespräch, noch sein Aussehen verriet es. Als der Geistliche eines Tages in sein Zimmer trat, fand er ihn über arabischen Dokumenten. »Das sind Todesurteile,« sagte Gordon aufsehend. »Todesurteile! ei, wer sind Sie denn?« rief der Geistliche fast entsetzt. »Wissen Sie das nicht?« entgegnete er ruhig; »ich war Generalgouverneur vom Sudan, und bin es noch dem Namen nach; indem ich nun diese Schriftstücke unterzeichne, ist's damit zu Ende.« Gordon stand damals in seinem achtundvierzigsten Jahr.
Nach London zurückgekehrt bot sich ihm neue Arbeit an. Die Leute trauten ihren Ohren nicht, als sie hörten, der gewesene Generalgouverneur vom Sudan hätte die Stelle eines Privatsekretärs unter dem neuernannten Generalgouverneur von Indien, Lord Ripon, angenommen. Daß er damit sozusagen vom Herrn zum Diener wurde, das war, sofern es Gordon betraf, nicht das Erstaunliche, denn er schätzte eine Stellung überhaupt nur, insoweit sie ihm einen Wirkungskreis bot, Gutes zu schaffen; aber es war ein verfehlter Schritt, und bald genug sollte er das selbst einsehen.
»In einer schwachen Stunde,« schrieb er, »hatte ich die Stelle angenommen. Aber kaum war ich in Bombay gelandet, so sah ich auch, daß ich auf einem solchen unverantwortlichen Posten nicht hoffen konnte, einen guten Zweck zu erreichen. Überdies war es mir alsbald klar, daß meine Ansichten mit denen der übrigen Beamten durchaus nicht harmonierten, und so legte ich die Stelle nieder ... Es war besser, die Sache rasch vom Zaun zu brechen, noch ehe ich von Staatsgeheimnissen Kenntnis erhielt, die mich unter diesen Umständen nichts angingen. Ich hätte ja freilich ein paar Monate bleiben können und dann einen bösen Finger oder sonst was kriegen, was meinen Abschied motiviert hätte. Aber die übernommene Arbeit war mir eine so verhaßte, daß es besser war, sie sofort niederzulegen, um so mehr, als das Urteil der Welt mir ganz gleichgültig ist ... Es gehört mit zu den Geheimnissen der Vorsehung, daß wir Menschen manchmal (in gutem Glauben) Schritte thun und sie alsbald bereuen; so ging es mir, indem ich diese Stelle annahm.«
Die wahre Erklärung ist die, daß ihm klar wurde, er werde sich nie mit einer Verwaltung einigen können, die dem reichen Indien große Schätze entzieht, ja fürstliche Gehälter für englische Beamten, während über Millionen Hindu ein übers anderemal Hungersnot hereinbricht. Mit derlei Regierungsresultaten konnte er »durchaus nicht harmonieren«. Er hat übrigens mit dem ihm eigenen Humor folgendes als Grund seines Rücktritts angegeben: »Wie kann ich einen Posten bekleiden, auf dem fortwährend Toilette zu machen ist -- Frack zu Festessen, Frack zu Soireen, Frack zu Bällen, Frack und Orden, Orden und Frack -- kein Wunder, daß ich davonlief!«
Er beschäftigte sich als nächstes mit dem Gedanken, sich nach Sansibar einzuschiffen, um den dortigen Sultan zu einem Unternehmen gegen die Sklavenhändler zu bewegen, als ihm eine Aufforderung von seinen alten Freunden in China zuging, sie zu besuchen. Das Telegramm lautete: »Bitte, kommen Sie und urteilen Sie selbst. Es ist eine Gelegenheit Gutes zu thun, die benutzt werden sollte. Arbeit, Stellung, Bedingungen lassen sich gewiß zu Ihrer Befriedigung ordnen, wenn Sie hier sind. Nehmen Sie sechs Monate Urlaub und kommen Sie!« Die Antwort des »ungekrönten Königs« war seiner würdig:
»Gordon kommt mit erster Gelegenheit nach Shanghai -- Bedingungen ihm gleichgültig.«
Seine Regierung zögerte mit dem Urlaub, da man nicht recht wußte, was zu Grunde lag. Hierauf erklärte er dem Kriegsministerium seinen Wunsch, aus englischen Diensten entlassen zu werden, und schiffte sich nach Hongkong ein. Er wußte selbst nicht, was er in China etwa für Arbeit finden würde -- es war eine Zeit drohender Feindseligkeiten zwischen den Chinesen und Russen -- das aber wußte er und hatte es auch seiner Eingabe beigefügt, daß er Friede und nicht Krieg zu befürworten gedachte. Endlich gewährte man ihm den gewünschten Urlaub und gab ihm sein Entlassungsgesuch zurück. In Petersburg war die Aufregung nicht gering, als es bekannt wurde, daß der »Chinesen-Gordon« nach China unterwegs sei. ~Der~ Mann war ja eine bedenkliche Verstärkung des Feindes.
In China traf Gordon mit seinem alten Kampfgenossen, dem Staatsmann Li, zusammen und ließ sich die Sachlage von ihm erklären. Da schien es ihm abermals das allein Richtige, seine Stellung als englischer Offizier niederzulegen, um zu Rat und That freie Hand zu haben. Er telegraphierte nach London:
»Nach Unterredung mit Li-Hung-Tschang wünscht derselbe mein Hierbleiben. Ich kann China in dieser Krisis nicht im Stich lassen und wünsche Freiheit, nach Gutdünken zu handeln. Ich bitte daher mein Abschiedsgesuch zu gewähren.«
Sein Aufenthalt in China war zwar ein kurzer, aber lang genug, um nicht nur jenem Land, sondern einem ganzen Weltteil einen unschätzbaren Dienst zu leisten; denn ihm ist es zu verdanken, daß ein Völkerkrieg zwischen Rußland und China nicht zum Ausbruch kam. Er war ein Militärgenie, wie es wenige giebt; er hatte es aber längst gelernt, kriegerische Ehren für nichts zu achten, und freute sich, einen Einfluß zu besitzen, der einem großen Land den Frieden erhielt. Er hinterließ außerdem den Chinesen allerlei guten Rat; man hatte dort nicht vergessen, was man diesem Manne verdankte, und hörte ihn gern. An Li hatte er jetzt seine Freude. Dieser hatte seit der Taipingszeit Gordons gute Meinung gerechtfertigt und sich als einen der tüchtigsten Berater der Regierung im blumigen Land erwiesen. Und was China seither an Fortschritt erreicht hat, ist sein Werk. Als er den Mann wieder sah, von dem er so viel gelernt hatte, fiel er ihm um den Hals und küßte ihn. Der stets siegreiche General ist seither aus dem Kampf dieser Welt in den »großen Frieden« hinübergegangen, in China aber ist sein Einfluß, wie Li in jenem Brief sagte, mit seiner Person nicht verschwunden.
Siebentes Buch.
Bei den Basuto.
Im Winter 1881 finden wir Gordon wieder in England. Die Zeitungsschreiber fingen an sich zu wundern, was man wohl als nächstes von ihm hören werde. Das Kriegsministerium hatte auch sein zweites Entlassungsgesuch nicht angenommen. Er hätte am liebsten schon damals einen langgehegten Plan ausgeführt und sich im heiligen Lande eine Zeit der Ruhe gegönnt, aber noch lagen andere Dinge dazwischen. Es war das Jahr der irischen Wirren. Er machte einen Besuch auf der Schwesterinsel und fand, daß die niederen Volksschichten daselbst -- aus was für Ursache war ihm gleichgültig -- elender und verkommener sind als die Armen irgend eines andern ihm bekannten Landes. Der hoffnungslose Zustand Irlands schnitt ihm ins Herz. Mit seiner gewohnten Freimütigkeit veröffentlichte er seine Ansichten in der Times, die von dem Gedanken ausgingen, daß eine Nation, die s. Z. vierhundert Millionen Mark für die westindischen Neger erübrigen konnte, ein ähnliches für die Irländer zu thun im stande sein dürfte. Seine an sich höchst beachtenswerten Vorschläge waren aber viel zu opferwillig, als daß sie den maßgebenden Kreisen eingeleuchtet hätten. In gewohnter Weise leerte er seinen eigenen Beutel in Irland und mußte sich von einem Bekannten in Dublin zur Rückreise nach London aushelfen lassen.
Um diese Zeit erreichte eine Todesnachricht England, die ihn tief betrübte: am 30. April 1881 war Romulus ~Gessi~ im französischen Spital zu Suez nach längerem Leiden gestorben. Der tapfere Italiener war ein Opfer des Landes geworden, für das er mit Gordon sein Leben eingesetzt hatte. Kehren wir für einen Augenblick in die Bahr el Ghasal zurück. Nachdem Gessi dort den Sklavenhändlern den Garaus gemacht hatte, blieb er daselbst als Statthalter. Nun das Greuelwesen unterdrückt war, konnte er das fruchtbare Land einen Garten nennen. Die Schwarzen hielten sich zu ihm und Land und Leute schienen sich von dem Jammer zu erholen. Gordons Nachfolger in Khartum aber, kein anderer als jener berüchtigte Rauf, den Gordon früher wegen Tyrannei zweimal gezüchtigt hatte und in welchem die ägyptische Regierung ihren Ersatzmann zu erblicken schien, als sie Gordon verlor, machte es ihm unmöglich, in seiner Stellung zu verbleiben. Am 25. September 1880 legte er sie nieder, als gerade ein Dampfer die Reise nilabwärts unternahm. Lassen wir ihn das entsetzliche Ende selbst erzählen:
»Zu spät sah ich meine Thorheit ein. Die Grasverstopfungen im Nil hatten sich aufs neue angehäuft, und das Boot war der schweren Arbeit, sich durch den Ssett zu ringen, nicht gewachsen. Die Maschine war eine schwache, nur vierzig Pferdekraft, und durch die Nachlässigkeit des Kapitäns war sowohl der Holzvorrat als die Zahl der Matrosen viel zu gering. Die vorhandene Nahrung war für fünfundzwanzig Tage berechnet, wir waren drei Monate unterwegs; fünfhundertsechzig Seelen waren an Bord, und obgleich wir Tag und Nacht arbeiteten, war an kein Vorwärtskommen zu denken. Die Nahrung ging zu Ende. Meine Soldaten wurden mutlos; weithin nichts als Sümpfe, und Hungersnot in der schrecklichsten Lage war unser Los. Es waren einige Sklavenhändler an Bord, die ich sehr gegen ihren Willen nach Khartum mitnahm; diese verbreiteten die Nachricht, daß ich sechzig Säcke voll Korn versteckt hielte; ich konnte die Soldaten nur heißen, das Schiff durchsuchen und essen was sie fänden. Dann behaupteten die Händler, ich hätte das Korn (vor der Abfahrt) verkauft; Drohungen wurden laut, und von da an ging ich nur mit geladener Pistole umher. Die Hungersnot nahm zu. Zuerst wurden die Lederüberzüge der Betten gegessen und dann das Schuhwerk. Im Fluß fand sich hie und da eine nahrungshaltige Pflanze, aber leider in geringer Menge. Und zuletzt nährten sich die Lebendigen von den Toten. Was mich am Leben erhielt, war zuweilen ein Fisch, den meine Diener mit einem gebogenen Draht fingen. Ein Nugger begleitete uns, und so lange der Besitzer desselben Nahrung hatte, teilte er sie großmütig mit mir. Gern wären wir zurückgekehrt, aber vor uns und hinter uns hatte der Wind die entsetzlichen Massen zusammengetrieben, und weithin war durch heftigen Regen das Land ein See. Das Holz gebrach und wir verbrannten ein Boot. Der Tod lichtete unsere Reihen täglich; zuerst starben die Kinder, dann die Weiber. Der Truppenbefehlshaber schloß sich in seine Kajüte ein und erwartete sein Schicksal. Niemand wollte mehr arbeiten; nur der Kapitän, zwei Heizer, vier Matrosen und der Steuermann unterstützten mich noch. Langsam brachten wir das Schiff vorwärts, aber es war wenig genug, was wir mit ausgehungertem Körper leisten konnten. Soweit das Auge reichte, saß das Boot wie in einer dichten Wiese fest. Überall um uns her lagen die Toten; niemand rührte einen Finger, die Leichen zu entfernen. Die Luft war verpestet und das Wasser auch. Aasvögel waren unsere Gäste. Von den fünfhundertfünfzig Seelen, welche die Reise antraten, waren nach zwei Monaten noch hundert übrig -- hundert Skelette, nicht menschliche Körper. Am letzten Tag des Jahres machte ich mein Testament und legte es auf den Tisch in meiner Kajüte. Nach zwei Tagen hörte ich Schüsse, es war ein Signal des Dampfers »Bordeen« von Khartum. Unsere Abreise dorthin war telegraphisch gemeldet worden; aber der Generalgouverneur besann sich lang, bis er uns Hilfe entgegenschickte. Der »Bordeen« hatte eine tüchtige Maschine und schleppte uns bald durch den Ssett. Auf dem uns erlösenden Dampfer fanden wir eine Bande von Sklavenhändlern, die landaufwärts wollten, um aufs neue ihre Menschenjagd zu beginnen: neues Elend, Raub, Mord und Qualen jeder Art erwartete die armen Stämme, die kaum angefangen hatten, aufzuatmen. Um ein bißchen Elfenbein zu erlangen, sollte wieder Blut in Strömen fließen. An einer Station fanden wir eine Herde gestohlener Ochsen und tausend Sklaven. Die Händler, die sich wie Heuschrecken von allen Seiten her einfanden, kauften die Armen und trieben sie vor sich her.«
Gordon wußte nur zu gut, daß menschlich geredet sowohl er als Gessi vergeblich gearbeitet hatte. Auf seinem Weg nach Mauritius kehrte er in Suez ein und besuchte das Grab seines Kampfgenossen.
Gordons nächster Aufenthaltsort nämlich war die Insel Mauritius; er begab sich dahin als Ingenieur-Kommandant. Einer seiner Mitoffiziere war zu dem Posten ausersehen, fand sich aber aus Familienrücksichten bewogen, einen Ersatzmann zu suchen, was nicht gegen die englische Militäreinrichtung verstößt. Jeder andere hätte sich mit der auf diese Weise übernommenen Stelle einer schönen Geldentschädigung erfreut. Gordon machte hiervon eine Ausnahme; ihm genügte es, einem andern einen Gefallen zu erweisen. Die zehn Monate, die er auf der schönen Insel verbrachte, waren äußerlich eine stille und friedliche Zeit für ihn. Berufsmäßig machte er verschiedene Vorlagen zur Beherrschung des indischen Ozeans. Er besuchte die Seyschellen, deren Schönheit ihn so entzückte, daß er schrieb: »Ich habe den Ort gefunden, wo einst der Paradiesgarten war!« Seines Erachtens sind diese Inseln die Überreste eines versunkenen Landes. Im März 1882 wurde er Generalmajor, und im folgenden Monat begab er sich ans Kap.