Chapter 3 of 27 · 3947 words · ~20 min read

Part 3

Der Kan Wang oder Schildkönig war zu dieser Zeit Generalissimus; dieser hatte vier Jahre in Hongkong gelebt und urteilte richtig, wenn er meinte, daß es den Taipings förderlich sein dürfte, mit den Ausländern anzuknüpfen. Wichtiger als der Besitz von Su und Hang erschien es ihm, in der Richtung von Schanghai vorzudringen, um dort europäische Dampfer zu erlangen, die auf dem Jangtsze dienlich sein sollten. Er urteilte praktisch, der Schildkönig, denn die Stimmung unter den Engländern und Amerikanern in den Hafenstädten war selbst zu dieser Zeit noch eine geteilte. Überdies mochten die Taipings wohl auf Beihilfe rechnen, denn die Engländer und Franzosen waren schon unterwegs, um in der Mandschurei ihre Streitkräfte zu vereinigen, von dort aus den chinesischen Kaiser aus der Ruhe seines Palastes aufzuschrecken und ihn für den bei den Taku-Forts erlittenen Schimpf zu züchtigen. In der That war auch etwas wie ein Waffenstillstand zwischen den Rebellen und den Verbündeten zu stande gekommen, wenn von einem Waffenstillstande überhaupt da die Rede sein kann, wo aktive Feindseligkeiten noch nicht ausgebrochen waren. Der englische Admiral Hope war den Jangtsze hinaufgefahren, welcher Fluß durch den Vertrag von Peking europäischen Schiffen zugängig war, und hatte unter den Mauern Nankings mit dem Tien Wang selbst unterhandelt. Das Ergebnis hievon war, daß die Rebellen sich verbindlich machten, Schanghai auf Jahresfrist in Frieden zu lassen. Die Verbündeten konnten ruhig nordwärts ziehen.

Dies ist der Punkt, an welchem das Leben Gordons in den breiten Strom der Weltgeschichte einmündet.

Im Sommer 1860 war er nach China beordert worden und nahm nun teil an der Operation gegen die Kaiserstadt. Er war dabei, als der Sommerpalast in Brand gesteckt wurde. Hören wir darüber seine eigenen Aufzeichnungen:

»Am elften Oktober erhielten wir Befehl, in möglichster Eile Schanzen aufzuwerfen und Batterien gegen die Stadt zu richten. Die Chinesen verweigerten die Übergabe des Thores, und so lang dies der Fall war, wollten wir nicht mit ihnen unterhandeln. Auch die Gefangenen sollten ausgeliefert werden. Diese waren sehr mißhandelt worden, und zwar, wie gesagt wird, im Sommerpalast selbst in Gegenwart des Kaisers ... Wir waren bereit, die vierzig Fuß hohe Mauer zu stürmen; die Chinesen hatten Bedenkzeit bis zum 13. mittags. Um halb zwölf ergaben sie sich, und wir nahmen Besitz von der Stadt. Sie erhielten weitere Frist bis zum 23., während welcher Zeit sie für jeden ihrer Mißhandlung erlegenen Engländer 200000 Mk. beibringen mußten, und 10000 für jeden Eingeborenen. Die Strafgelder wurden auch richtig gezahlt und der Vertrag gestern unterzeichnet.«

Dem englischen General, Lord Elgin, blieb nun die Entscheidung, ein Exempel zu statuieren. Die Stadt in Brand stecken, hätte tausende von Unschuldigen mit den Schuldigen getroffen. Im Sommerpalast aber hatten sich genügende Beweise der daselbst verübten Grausamkeiten vorgefunden; somit sollte der stattliche Palast zerstört werden. Und so wurde der Juen-Ming-Juen (Garten der Gärten) in Brand gesteckt, und der schwarze Rauch hing wie ein Trauermantel über Peking. Gordon beschrieb und beklagte die Zerstörung:

»Unsere Leute plünderten in fast vandalischer Weise, und was ein Raub der Flammen wurde, wäre nicht durch 80 Millionen Mark wieder herzustellen ... Die Pracht und Schönheit des Zerstörten ist kaum zu beschreiben ... Es that einem im Herzen weh, den furchtbaren Brand mit anzusehen ... es war ein entsetzlich entwürdigendes Geschäft für eine Armee, jedermann wollte nur plündern ...«

Die Franzosen hatten schon vorgesorgt mit der Verheerung und die kostbarsten Gegenstände einfach zusammengeschlagen.

Die beiden Armeen verzogen sich allmählich, die Engländer ins Winterquartier nach Tientsin. Gordons Aufenthalt daselbst verlängerte sich weit über sein Erwarten, nämlich bis zum Frühjahr 1862. Er war damit beauftragt, die Umgegend aufzunehmen. Öfters gab's auch einen Ritt nach den 220 Kilometer entfernten Takuforts, und einmal einen beträchtlicheren Ausflug mit seinem Kameraden Cardew nach der großen Mauer -- ein ziemlich kühnes Unternehmen, denn sie durchritten da weite Gegenden, die noch nie von Europäern betreten waren. Einen vierzehnjährigen Jungen, der etwas Englisch verstand, nahmen sie mit als Dolmetscher. Ein Zelt und Kochgerät führten sie auf einem Karren mit sich. Bei Kalgan erreichten sie die 2000 Kilometer lange Mauer des Schi Hoangi, die 240 Jahre älter ist als die christliche Zeitrechnung, zweiundzwanzig Fuß hoch, und sechzehn dick. »Es war wunderschön,« schreibt Gordon, »die endlose Mauerlinie sich über die Hügel hinziehen zu sehen.« Von Kalgan schlugen sie eine westliche Richtung ein nach Taitong, wo die Mauer nicht ganz so hoch ist. Daselbst sahen sie riesige Karawanen von Kamelen, die Thee nach Rußland trugen. In dieser Gegend fanden sie sich genötigt, die Achsen ihres Karrens verlängern zu lassen; denn die Fuhrwerke in jenem Lande laufen breitspuriger als anderswo, und ihre Räder paßten nicht in die ausgefahrenen Geleise der Landstraßen! Der Hauptzweck ihrer Reise war, zu erkunden, ob außer dem Tschatiau-Paß noch ein anderer vom russischen Gebiet nach Peking führe. Auf einem großen Umweg in südwestlicher Richtung suchten sie lange vergeblich die Straße übers Gebirge ostwärts; erst bei Taijuen fanden sie ihren Rückweg nach Peking und Tientsin.

Im Mai 1862 erhielt Gordon Befehl, sich mit einer Abteilung Infanterie nach Schanghai zu werfen, weil dort die Taipings aufs neue die Gegend unsicher machten. Der himmlische König hatte den Engländern sagen lassen, er werde Schanghai angreifen, sobald das Jahr des Waffenstillstandes um sei. Im Januar 1862 hatte er dann auch seinen »Getreuen« in die Gegenden der Konsulatstadt geschickt, und von da an datiert die feindliche Stellung der Engländer gegen die Rebellen.

Mit dem militärischen Oberbefehl innerhalb des Distrikts betraut, marschierte Gordon zuerst nach Singpu, erstürmte die Stadt und vertrieb die Taipings aus verschiedenen Plätzen, wo sie sich festgesetzt hatten. In erster Linie sollte Gordon dafür sorgen, daß der sogenannte »dreißig Meilen Umkreis«[1] um Schanghai her von feindlichen Überfällen gesichert bleibe.

»Wir hatten einen Besuch von den Taipings,« schreibt Gordon. »In einzelnen Haufen kamen sie bis in die nächste Nähe des Stadtgebiets, steckten in Brand was sie konnten und trieben die Landleute zu Tausenden vor sich her. Wir zogen ihnen entgegen, aber ohne viel Erfolg. Gräben und Sümpfe hindern allerwärts ~unser~ Fortkommen, die Rebellen sind uns in dieser Hinsicht weit überlegen ... Es ist unfaßlich, was für Haufen flüchtigen Landvolkes nach Schanghai kommen, sobald die Taipings in der Nähe sind; mindestens fünfzehntausend Flüchtlinge sind eben hier, und keineswegs nur Weiber und Kinder, sondern stämmige Männer, die sich wohl wehren könnten, aber die Angst lähmt ihnen alle Thatkraft. Weiterhin im Land haben die Leute Unglaubliches zu leiden und viele sterben Hungers. Dieser Aufruhr ist eine entsetzliche Landplage, und unsere Regierung sollte alles Ernstes eingreifen, um ihn zu unterdrücken. Worte können nicht das Elend beschreiben, das überall herrscht, wo die Rebellen hinkommen; die reiche Provinz ist zur Wüste geworden.«

Für die Kaiserlichen hatte das Jahr 1861 schon einen Umschwung gebracht. Der Kaiser Hien-Fong war am 21. August auf seinem Jagdschloß in der Tartarei gestorben -- im sechsundzwanzigsten Jahre seines Lebens und im elften seiner unglücklichen Regierung. Unfähig mit den großen Schwierigkeiten einer Übergangsperiode zu kämpfen, hatte er wie manch anderer Fürstenschwächling sich durch Befriedigung seiner Genußsucht zu entschädigen gesucht. Schließlich aber »ergriff seine Krankheit ihn mit erneuter Heftigkeit, und am siebzehnten Tage des Mondes schwang er sich auf mit dem Drachen als Gast der oberen Räume.« Wohl mochte die arme Seele des untauglichen Monarchen, dessen sterbliche Hülle in einem »cedernen Schloß« zur Ruhe gebettet wurde, auf ihrem Drachenritt den vorangegangenen Kaisern manches zu klagen haben. Elend und Aufruhr hatte während der ganzen Regierungszeit dieses Jünglings das himmlische Reich verheert, und Rebellen herrschten an seiner Statt; allerwärts hatte das Volk sich von ihm losgesagt, der kaiserlichen Gewalt Trotz bietend, und zur Vollstreckung der heiligen Befehle fanden sich nur schlechte Statthalter, denen die eigene Größe mehr galt als die Wohlfahrt des Volkes. Jahr um Jahr durchzogen die rebellischen Horden das Land; die Brandfackel nächtlicher Zerstörung kündete ihren Weg, und der Rauch brennender Städte und Dörfer verhüllte der Sonne Licht am hellen Tage. Ein wahnwitziger Usurpator hatte es nicht nur gewagt, den Drachenthron für sich zu begehren, sondern sich außerdem noch göttlicher Ehre vermessen, während kriegerische Heervölker der abendländischen Barbaren das Kaiserreich demütigten, ja die jungfräuliche Kaiserstadt Peking bezwangen, die noch nie einem Fremdling sich erschlossen, und den Palast des himmlischen Sohnes in Brand steckten.

So mochte der arme Kaiserjüngling gedacht haben. Wir aber erkennen in der mancherlei Trübsal die Wehen einer sich neu gestaltenden Zeit. Des Monarchen Tod öffnete Thür und Thor für neue Dinge. Der Thronerbe war ein Kind, und die Regentschaft neben der Kaiserin-Witwe bestand aus Vertretern der fremdenfeindlichen Partei. Als daher der Bruder des verstorbenen Kaisers, ein weitsichtiger Prinz, der die Konvention von Peking unterzeichnet hatte, an den Hof gerufen wurde, war die Hoffnung, daß er lebendig zurückkehren würde, keineswegs stark. Man hielt dafür, daß die Einladung nichts anderes bedeute, als die höfliche Erlaubnis, wie sie einem irrenden Mitglied der kaiserlichen Familie zukommt, sich in der Stille mittelst einer seidenen Schnur aus der Welt zu befördern. Zum Glück fürs Land aber war die Hauptgewalt in den Händen einer Frau von außergewöhnlichem Verstand und männlichem Charakter, nämlich der Kaiserin-Witwe, und diese erkannte alsbald, daß Prinz Kung sich besser auf die wahren Interessen des Landes verstehe, als die Ratgeber des verstorbenen Kaisers. Und während jedermann von seinem demnächstigen Selbstmord zu hören erwartete, griff er plötzlich in den Gang der Dinge ein und stürzte sofort -- gleichzeitig mit dem Einzug des jungen Monarchen in Peking -- durch den berühmten Staatsstreich vom 2. November 1861 die fremdenfeindliche Partei. Ihre Hauptvertreter wurden hingerichtet. Von da an datiert ein freundliches Einvernehmen zwischen den ausländischen Bevollmächtigten und der kaiserlichen Regierung. Die Zeit war in der That gekommen, da die verschiedensten Interessen in natürlicher Weise zusammenwirkten, die Taipings auszurotten und dem himmlischen Reich zu einem neuen besseren Stand der Dinge zu verhelfen.

2. Die stets siegreiche Armee.

Das Jahr 1861 war britischerseits den Rebellen gegenüber eine Zeit des Waffenstillstandes gewesen, in diesem Jahr aber hatten die Taipings ihre erste empfindliche Niederlage erlitten, ja eine Reihe von Niederlagen. Sie hatten versucht, sich des Jangtsze-Thales wieder zu bemächtigen mit besonderen Absichten auf Hangtschau. Aber obgleich dieses Jahr durch Hien-Fongs Tod eine innere Umwälzung der Monarchie mit sich brachte, so hatte die Macht der Kaiserlichen doch stetig gewonnen, und die Rebellen sahen sich mit Ende des Jahres wieder in die Gegend von Schanghai zurückgeworfen. Man darf die Vernichtung der Taipings daher nicht ausschließlich britischen Waffen zuschreiben.

Wie bereits erwähnt, hatten die Handelsherren von Schanghai es schon vorher für geraten gehalten, sich durch ein Privatsöldnerheer gegen Überfälle möglichst zu sichern. Der Amerikaner Ward, ein tüchtiger Soldat, und nach ihm Burgevine, ein weniger tüchtiger Glücksritter, befehligte diesen Truppenhaufen, der sich des hochtrabenden Titels der »stets siegreichen Armee« erfreute.

Die Leute des blumigen Landes haben eine Vorliebe für schöne Redensarten. Ihre Flüsse sind alle wohllautplätschernd, ihre Berge voll himmlischen Weihrauchs; das geringste Dörfchen fühlt sich als eine Pflanzstätte süßduftenden Korns, und jeder gewöhnliche Nachen ist ein Wunder der kristallenen Flut. Der Chinese findet solche Benennungen keineswegs lächerlich, er hält im Gegenteil dafür, daß der pure Wortlaut der Dinge irdisches Geschick beeinfluße. In den chinesischen Klassikern wird nichts so sehr betont als die Thatsache, daß Weisheit eine richtige Benutzung der Worte sei. Es fragte einmal einer den alten Mencius, worin er sich auszeichne; »ich verstehe mit Worten umzugehen«, war die tiefsinnige Antwort. Und anderswo wird darauf hingewiesen, wie selbst tugend- und talentvolle Menschen durch übelgesetzte Rede sich oft ganz in den Schatten stellen. Konfucius erklärte, der erste Schritt zu einer wohlgeordneten Regierung sei, »die Bezeichnung der Dinge zu verbessern«, und fügte bedeutungsvoll hinzu: »einen unpassenden Namen haben heißt in ungünstiger Lage verharren, allem Übel ausgesetzt.« Derlei Ideen sind gang und gäbe in China, und jeder Schwarzhaarige läßt sich's daher angelegen sein, sich und den Seinen schöne Namen zu gewinnen. Selbst die Regierung richtet ihre Erlasse nach dem Geschmack des Volkes ein, ob nun vom Sohne der Erde und des Himmels auf dem Drachenthron die Rede ist, oder vom Büttel des geringsten Mandarins. Daher also die Bezeichnung Tschang Seng Tschiun oder stets siegreiche Armee.

Der General-Gouverneur der Kiang-Provinzen war Li Futai oder Li-Hung-Tschang, ein tüchtiger Soldat und berühmter Staatsmann. Tseng-kwo-fan, (der Vater des kürzlich verstorbenen, bekannten Marquis Tseng), der kaiserliche Generalissimus, hatte ihm den Oberbefehl von Schanghai übertragen. Der englische General Staveley erklärte ihm bei seiner Ankunft, daß, obgleich die Verbündeten den Dreißig-Meilen-Umkreis verteidigen würden, die allgemeine Bekämpfung des Aufstands doch nach wie vor den Chinesen überlassen bleibe. Li machte sich sofort daran, die chinesischen Truppen auf europäische Waffen einzuüben. Wards Söldner waren bislang ihren eigenen Weg gegangen, erst nachdem er gefallen war und sein Nachfolger Burgevine sich mit Li überworfen hatte, verschmolzen die fremden Söldner mit den chinesischen Rekruten, und Li bat den englischen General, einem seiner Offiziere den Oberbefehl zu übertragen.

Der rechte Mann war bald gefunden in Gordon, der zwar noch nie im Oberkommando gestanden, der aber mehr denn irgend ein anderer für den verantwortungsvollen Posten geeignet war. Seinen Ruf von Sebastopol her hatte er in Peking und Schanghai aufrecht erhalten, und es spricht sehr für den Mann, daß er dem ehrenvollen Antrag keineswegs in blinder Aufregung Folge leistete, sondern im Gegenteil den gelassenen Wunsch vortrug, seine Arbeit der militärischen Kenntnisnahme des Terrains innerhalb des Dreißig-Meilen-Umkreises zuerst zu Ende bringen zu können, weil das für eventuelle Operationen jedenfalls von Wert sei. In einem Offizier, Namens Holland, ernannte man darum einen zeitweiligen Ersatzmann, unter dessen Führung die »stets siegreiche Armee« von den Taipings bei Taitsan glänzend geschlagen wurde. Erst im Frühjahr 1863 übernahm Gordon den Oberbefehl. Er schreibt darüber an seine Eltern:

»Ich fürchte, es wird Euch unlieb sein, daß ich das Kommando übernommen habe; es geschah nicht ohne reifliche Überlegung meinerseits. Ich halte dafür, daß es ein gutes Werk ist, diesen Aufstand zu unterdrücken; es ist eine einfache Pflicht der Menschlichkeit und kann außerdem dazu beitragen, dieses Land der Zivilisation zugänglich zu machen. Ich will nicht tollkühn handeln, und ich hoffe, bald nach England zurückkehren zu können -- ich will nicht vergessen, daß das Euer Wunsch ist. Ich kann wohl sagen, daß, wenn ich mich geweigert hätte, den mir übertragenen Posten anzunehmen, die Truppen sich verlaufen hätten und der Aufruhr allem Anschein nach das Land noch Jahre lang im Elend erhalten würde. Ich hoffe, daß das nun nicht der Fall sein wird und daß ich Euch sehr bald Beruhigendes werde schreiben können.[2] Ihr müßt es Euch nicht zu nahe gehen lassen; ich glaube wirklich, daß ich das Rechte thue .... Ihr seid mir stets gegenwärtig und dürft Euch darauf verlassen, daß ich nichts Unbesonnenes thun will.«

Gordon hatte gerade das dreißigste Jahr zurückgelegt. Sein Heer zählte bei der Übernahme zwischen drei- und viertausend Mann mit etwa hundertundfünfzig Offizieren, war aber später erheblich stärker. Die Uniform war eine halb-europäische, aus dunklem Wollenzeug und grünem Turban bestehend; die Soldaten waren anfänglich nichts weniger als mit ihrer Montur einverstanden, denn ihre Landsleute erblickten in ihnen nur »nachgemachte fremde Teufel«; unter der Bezeichnung »fremde Teufel« fasst nämlich der Chinese alle Ausländer zusammen. Später aber, als die Armee anfing, sich wirklich als die »stets siegreiche« zu erweisen, wurden die Leute stolz auf ihre eigenartige Kleidung und hätten sich dieselbe nicht wieder nehmen lassen. Ja, soweit ging die gute Meinung eines chinesischen Statthalters, daß er dafür hielt, schon ihren Fußstapfen folge der Sieg und demgemäß Entmutigung der Rebellen; er ließ daher viele tausend Paare europäischen Schuhwerks unter das Landvolk verteilen, um die Spuren von Gordons Truppen möglichst zu vervielfältigen! Ein Oberst dieses Korps erhielt etwa fünfzehnhundert Mark pro Monat, die Majore, Hauptleute, Adjutanten u. s. w. eine entsprechende Summe in absteigender Linie bis zum Leutnant, der sich auf sechshundert Mark stellte; die Unteroffiziere circa hundert Mark in abnehmendem Verhältnis bis zum Gemeinen, dessen Sold ungefähr vierzig Mark monatlich betrug. Im Feld verabfolgte man außerdem noch Rationen. Der Oberbefehlshaber selbst erhielt eine stattliche Summe -- 5200 Mark monatlich, also 62400 Mark im Jahr; -- »aber das ist sehr gleichgültig«, schreibt Gordon.

Sämtliche Offiziere waren Ausländer. Amerikaner bildeten die Mehrzahl, dann Engländer, Franzosen, Spanier, Deutsche. Im allgemeinen waren es tapfere Leute, die sich rasch in eine gegebene Lage zu finden wußten, im Feuer meist großen Mut entwickelten, im übrigen aber leicht einander in die Haare gerieten. Die Disziplin war so scharf wie thunlich, doch war es nicht oft nötig, summarisch einzugreifen, Gordons persönlicher Einfluß machte sich bald fühlbar. Das Schlimmste war die Trunksucht; innerhalb eines Monats starben einmal elf Offiziere an +delirium tremens+. »Man mußte froh sein, überhaupt Offiziere zu kriegen«, schrieb einer, der aus Erfahrung reden konnte; »sie schlugen sich gut, und das war schließlich die Hauptsache.« Ein anderer schreibt: »Es waren sogar offenkundige Freunde der Rebellen unter ihnen und solche, die alle Landesgesetze in den Wind schlugen; aber Offiziere wie Gemeine lernten sehr bald einen Anführer respektieren, auf dessen Tapferkeit, Kriegsgeschick, Gerechtigkeitsliebe und persönliche Güte sie alle Ursache hatten sich jederzeit zu verlassen, einen, der sich nie selbst schonte[3], wo es Gefahr gab, und der mit fester Hand alle Privathändel darnieder zu halten wußte, die bislang dem Erfolg oft hinderlich im Wege gestanden.«

Der Kriegsschauplatz, auf welchem Gordon seine Armee innerhalb anderthalb Jahren dreiunddreißigmal ins Gefecht führte, war die von der Jangtsze-Mündung im Norden und von der Bucht von Hangtschau im Süden begrenzte Provinz Kiangsu, eine stumpfe Halbinsel, die von Hangtschau bis Nanking am Jangtsze, der Residenz des Taiping, über zweihundert Kilometer breit ist, während der Querdurchschnitt in der Mitte zwischen diesen beiden Punkten bis zum Meer dreihundert Kilometer beträgt. Am nordöstlichen Ende, etwa vierzig Kilometer vom Ufer entfernt, liegt inmitten zahlloser Buchten die Stadt Schanghai. Das von unzähligen Flüssen, Flüßchen und Kanälen durchzogene Land ist von fast lagunenartigem Charakter und, abgesehen von den einzelnen Hügeln, flach wie Holland, fruchtbar und reich an Dörfern und Städten. Stellenweise liegt das Land tiefer als der Spiegel des Meeres, und lange Strecken erheben sich nur wenige Fuß darüber. Der Verkehr ist größtenteils zu Schiff. Zum Manövrieren in Kriegszeiten ist es daher ein schwieriges Land, und es kam Gordon gut zu statten, daß er sich eine so gründliche Kenntnis desselben verschafft hatte. Ja, er war mit dem gesamten Kriegsschauplatz weit besser vertraut als die Rebellen, die das Land seit zehn Jahren durchstreift hatten. Er wußte genau, welche Kanäle zur Zeit schiffbar waren und welche nicht; er wußte, wo der Boden Artillerie tragen würde und wo er versumpft war. Er ging auch alsbald daran, sich durch eine kleine Flotte von Kanonenbooten zu verstärken, die in dem wasserdurchfurchten Land seiner Infanterie als Bedeckung dienen konnte und die überdies durch rasche Truppenbeförderung seine viertausend Mann in der Meinung des Feindes vervielfachte. Mit Gordons Korps kooperierte eine kaiserliche Armee; der dieselbe befehligende General war Li Adong, ein Mann, vor dessen militärischer Tüchtigkeit Gordon alle Achtung hatte. Gleichwohl hatte sich Gordon völlige Unabhängigkeit vorbehalten, und die wurde ihm auch zugestanden.

Seine »Siegreichen« brannten vor Begier, die Scharte von Taitsan auszuwetzen, er aber ließ nichts übereilen. Er hatte das eine große Ziel im Auge, den Aufruhr schnell und gründlich aufs Haupt zu schlagen, und wußte genug von den bisherigen Ergebnissen, um einzusehen, daß hitziges Scharmützeln hier und dort, oder eine Taktik der Defensive -- wie z. B. das energische Sauberhalten des Dreißig-Meilen-Umkreises -- oder auch wiederholtes Angreifen des Feindes in seinen Verschanzungen wie in Taitsan, durchaus ungenügend sei, wenn es sich darum handle, dem ganzen Aufstand ein Ende zu machen. Ihm erschienen plötzliche Überfälle an Orten, wo man ihn am wenigsten erwartete, der geeignetste Kriegsplan; denn nicht nur gewannen seine Soldaten bei ziemlich sicheren Erfolgen immer mehr an Selbstvertrauen, sondern er zwang die Rebellen sehr bald, sich allerwärts seines Erscheinens gewärtig zu halten, zu einer Stellung der Defensive also, und ließ ihnen weder Zeit noch Mut, Schanghai oder die andern Hafenstädte zu beunruhigen.

Nicht viele Tage gingen ins Land, ehe er mit zweihundert Mann Artillerie und so viel Infanterie, als seine beiden Dampfer tragen konnten, d. h. etwa tausend Mann, den Jangtsze hinaufdampfte. Etwa hundert Kilometer aufwärts, am südlichen Ufer, liegt Fusan, ein Piratennest, wo die Taipings sich befestigt und kurz zuvor einen kaiserlichen Angriff zurückgeschlagen hatten. Die Kaiserlichen waren dort verschanzt und unter ihrer Deckung brachte er seine Leute ruhig ans Land, obgleich die Taipings in ziemlicher Stärke seinen Bewegungen aus nächster Nähe zusahen. Er erreichte Fusan, und es gab eine dreistündige Beschießung; einen Ansturm warteten die Taipings gar nicht ab, sie wandten sich alsbald zurück. Fusan war der Schlüssel zu dem fünfzehn Kilometer südlicher gelegenen Tschanzu, wo eine kaiserliche Besatzung sich bisher tapfer gehalten hatte.

Die Einwohner dieser Stadt waren selbst Rebellen gewesen, hatten sich aber wieder der kaiserlichen Sache zugewandt. Der getreue Wang hatte darauf die Stadt belagert und als Beweis, was er zu thun vermöchte, die Köpfe von drei bei Taitsan erschlagenen europäischen Offizieren über die Mauern werfen lassen; allein die Einwohnerschaft hielt aus. Auf dem Wege dahin fand Gordon die Leichname von fünfunddreißig von den Taipings gekreuzigten Kaiserlichen. Er vertrieb die Rebellen mit einem Verlust von nur zwei Toten und sechs Verwundeten auf seiner Seite. Der Feind zog sich nach Sutschau zurück; ein gut Stück Land war somit den Rebellen abgenommen. Die Leute von Tschanzu empfingen ihren Befreier mit großem Jubel und bedauerten lebhaft, ihm kein Geschenk machen zu können. »Das sei nicht Mode bei ihm«, entgegnete Gordon.

Der Kaiser übrigens lohnte den glänzenden Anfang damit, daß Gordon den Titel Tsung-Ping erhielt, was annähernd durch Brigadegeneral wiederzugeben ist. Eine Besatzung von dreihundert Mann in Tschanzu zurücklassend, kehrten die Siegreichen nach Sung-Kiang zurück.

Nordwestlich von Schanghai liegt Taitsan, von wo in südwestlicher Richtung der Weg durch Kuinsan nach Sutschau führt. Das waren die drei Hauptorte der Rebellen, der letztere als Provinzialhauptstadt der bedeutendste. Die Taipings hatten diese Stadt seit 1860 inne. Gordon machte sich marschfertig. Es war unbekannt, welchen der drei Orte er zuerst angreifen würde; man vermutete, Kuinsan sei das Ziel. Dieser Ort, als Verbindungsglied zwischen den beiden anderen Städten, war strategisch von großer Wichtigkeit; überdies hatten die Rebellen daselbst unter einem hergelaufenen Engländer eine Kugelgießerei in voller Thätigkeit. Auf dem Wege dahin erfuhr Gordon, daß der Kommandant von Taitsan dem Gouverneur Li einen Vorschlag zur Übergabe gemacht habe, daß demzufolge ein kaiserlicher Truppenteil als Besatzung dahin abgezogen sei, daß der Taiping den Kaiserlichen aber damit nur eine Falle gestellt und dreihundert derselben enthauptet habe, deren Köpfe er als Beweis seiner Geschicklichkeit nach Sutschau und Kuinsan sandte. Gordon nahm alsbald die verräterische Stadt aufs Korn.

Kein leichtes Unternehmen! Die feindliche Garnison war zehntausend Mann stark, darunter waren zweitausend auserlesene Truppen mit französischen, amerikanischen und englischen Überläufern bei den Batterien, während er nur dreitausend Mann befehligte. Aber das war ihm einerlei, er belagerte die Stadt sofort. Nach zwei Tagen war Bresche geschossen und die Stürmenden in vollem Anmarsch. Der erste Angriff wurde jedoch zurückgeschlagen. Darauf ließ Gordon seine Artillerie die Bresche über den Köpfen der Stürmenden hinweg beschießen. Dieser zweite Angriff war erfolgreicher; die Flagge der Siegreichen wehte von den erstürmten Zinnen, und die Taipings retteten sich in tollster Flucht. Gordon schreibt darüber an seine Mutter:

»Am 24. April verließ ich Sung-Kiang mit etwa dreitausend Mann, um Kuinsan anzugreifen, eine große Stadt zwischen Taitsan und Sutschau. Ehe ich aber soweit kam, erfuhr ich, daß die Taipings zu Taitsan vorgegeben hatten, mit den Kaiserlichen unterhandeln zu wollen, die abgesandte kaiserliche Besatzung aber verraten und vernichtet hatten. Ich änderte daher alsbald meinen Plan und marschierte nach Taitsan; am ersten Tag wurde die äußere Verschanzung angegriffen, am zweiten Tag die Stadt selbst. Die Rebellen wehrten sich tüchtig, aber es half nichts; die Stadt fiel. Taitsan ist ein wichtiger Ort und die Einnahme nach dem verübten Verrat eine verdiente; der Kommandant hat eine Kopfwunde davongetragen. Diese Stadt erschließt uns ein großes Stück Land. Die chinesischen Behörden sind voll Lobes über meine Leute. Ich bin jetzt ein Tsung-Ping Mandarin (die zweitoberste Würde) und habe viel Einfluß. Nicht daß ich das an sich schätzte, aber ich bin immer gewisser, daß ich recht daran that, das Kommando zu übernehmen. Du würdest mir ebenfalls recht geben, könntest Du Dich mit eigenen Augen von der Niederträchtigkeit der Rebellen überzeugen. Taitsan war stark befestigt, es ist eine Fu oder Hauptstadt.«