Part 22
»Hätte man uns den Sebehr Pascha geschickt, als ich es beantragte, so wäre Berber aller Wahrscheinlichkeit nach nicht gefallen, und man stünde jetzt mit einer Regierung im Sudan dem Mahdi gegenüber. Man hielt für gut, es wegen seiner Vorgeschichte als Sklavenhändler zu verweigern. Angenommen, der Grund sei ein triftiger, so ist er in solange trotzdem ein ganz thörichter, als wir keine Schritte thun, den Sklavenhandel künftighin in diesen Ländern zu hindern. Es kommt einfach darauf hinaus: Ich schicke den A. nicht hin, weil er das und das thun könnte, aber ich lasse den B. dort, der ebenfalls so handelt.«
»Ich bin nicht dafür, den Sudan zu halten, es ist ein ganz nutzloses Land, das wir nicht verwalten könnten, und die Ägypter nach den neuesten Ereignissen noch weniger. Ich suche nur den Weg, ~wie man sich mit Ehren und mit möglichst geringen Unkosten daraus zurückziehen kann~ (wir dürfen nicht vergessen, daß wir an all diesem Wirrsal schuld sind) ... es ist für mich lediglich die Frage, sich mit ~Anstand zurückzuziehen~. Sebehr würde die Schaggyeh (einen Beduinen-Stamm) und die Khartumer beruhigen und er würde mit dem Mahdi ins reine kommen. Dann könnten wir das Land verlassen ... Soviel ist sicher, daß ihr nur mit Hilfe Sebehrs (oder der Türken) vor dem November 85 auf Rückzug rechnen könnt!! Die Türken wären unter den jetzigen Umständen die beste, wenn auch kostspieligste Lösung. ~Die könnten den Sudan halten~; gebt ihnen vierzig Millionen. Nach den Türken ist Sebehr mit zehn Millionen das Beste; er würde den Sudan ~eine Zeit lang~ halten. In beiden Fällen giebt's hier Sklavenhandel. Aber Ägypten wäre gesichert und ihr könntet bis Januar 85 hier fertig sein. Ist euch keiner dieser Auswege recht, dann seid darauf gefaßt, daß es hier noch gerade genug Plackerei geben und euer Feldzug schließlich ~ein völlig zweck- und glanzloser sein wird~.«
Hat je ein Prophet den Ausgang eines Unternehmens bestimmter vorhergesagt?
Unterm 8. November heißt es in dem Tagebuch weiter:
»Es liegt auf der Hand, daß wenn Sebehr mit euch käme und in quasi unabhängiger Stellung zum Regenten ernannt würde ... ihm die Leute massenhaft zufielen, die den Mahdi und seine Derwische herzlich satt haben, sich aber an ihn halten müssen, weil ihr das Land räumen wollt; sogar unsere Anhänger werfen wir dem Mahdi in die Arme. Sebehrs Einsetzung würde euch auch die Arbeit in der Sennar-Gegend sparen ... Mit den Booten, die ihr habt, hätte er die Nil-Verbindung bald hergestellt. Und was den Sklavenhandel betrifft, so ist der Mahdi zehnmal schlimmer als Sebehr, auf den man durch Hilfsgelder einwirken könnte, daß er in Schranken bliebe. Sebehr wäre für uns eine Art Vermittelung zwischen dem Davonlaufen und der fortwährenden Gegenwart von Truppen im Land. Der Mahdi wäre nie im stand, das Volk gegen Sebehr aufzuhetzen. Nur weil man den Leuten keinen Mittelpunkt bietet, ~müssen~ sie sich an jenen halten. Hätte man den Sebehr kommen lassen, der Mahdi hätte lange nicht so viel Anhang; und wäre er hier gewesen, so wäre Berber nicht gefallen.«
Wir haben vorgegriffen, doch ist aus diesen Mitteilungen ersichtlich, daß Gordons Vorschlag keine plötzliche Eingebung, keine Unüberlegtheit war; es war vielmehr ein Gedanke, der durch jede neue Erfahrung bei ihm sich vertiefte. Es folgt hier eine frühere Depesche an Sir E. Baring, den Vertreter Englands in Kairo, die in gedrängten Sätzen Gordons Ansicht in der Sebehrfrage klar und eingehend darlegt.
Khartum, den 8. März 1884.
»Die Ernennung Sebehrs ist gleichbedeutend mit der Möglichkeit des Rückzugs der ägyptischen Angestellten von Khartum, sowie der Besatzungen von Sennar und Kassala.
Ich sehe keine andere Möglichkeit, dies ins Werk zu setzen, als eben durch ihn, der als ein Eingeborner dieses Landes ein Mittelpunkt für die Bessergesinnten werden wird, die sich um so eher ihm anschließen werden, weil sie wissen, daß er sich hier in seiner Heimat niederlassen wird.
Ich bin nicht der Ansicht, daß die Thatsache, dem Sebehr auf zwei Jahre Hilfsgelder zu bewilligen, mit der Räumungspolitik unverträglich wäre.
Was das Halten von Sklaven betrifft, so könnten wir es auch dann nicht unterdrücken, wenn wir selbst im Sudan blieben. Ich habe immer gesagt, daß der Vertrag vom Jahre 1877 unausführbar ist, also würde Sebehrs Ernennung in dieser Hinsicht durchaus keinen Unterschied machen.
Mit der Sklavenjagd hätte es nach Räumung der Bahr el Ghasal und der Äquator-Provinzen von selbst ein Ende.
Sollte Sebehr nach Ablauf von zwei Jahren und nachdem er Hilfsgelder eingesteckt hat, sich jener Gegenden zu bemächtigen suchen, so könnten wir leicht von Suakim her einen Druck auf ihn ausüben, welcher Ort nach wie vor in unserer Hand bliebe.
Ich halte dafür, daß Sebehr mit dem Sudan selbst und mit der Befestigung seiner Stellung zu viel zu thun haben wird, als daß ihm Zeit bliebe, sich um jene Gegenden zu kümmern.
Was die Sicherheit Ägyptens betrifft, so war Sebehr lange genug in Kairo, um unsere Macht kennen gelernt zu haben; er würde es sich nicht leicht beikommen lassen, etwas gegen Ägypten zu unternehmen. Ich glaube im Gegenteil, daß er Handelsvorteile in einem Bündnis suchen würde, denn er ist ein geborener Krämer.
Das Zurückziehen der Besatzungen anlangend, so habe ich bis jetzt nur das erreicht, daß die Invaliden, die Witwen und Kinder der in Kordofan Gebliebenen flußabwärts geschickt werden.
Nach heutigem Bericht ist Sennar ruhig.
Auch Kassala wird sich infolge von Grahams Sieg ohne Mühe halten, aber die Verbindung ist abgeschnitten, sowie auch die Verbindung mit Sennar.
Es wird unmöglich sein, der Straße nach Kassala und Sennar Herr zu werden oder die ägyptischen Truppen von hier weg zu befördern, wenn Sebehr nicht kommt. Sein Kommen würde die ganze Sachlage ändern.
Die Äquator-Provinzen und die Bahr el Ghasal sind soweit sicher, aber ich kann die dortigen Besatzungen nicht zurückziehen, ehe der Nil steigt, was in zwei Monaten zu erwarten ist.
Dongola und Berber sind ruhig, aber ich fürchte, daß der Weg zwischen Berber und Khartum nicht lange mehr offen sein wird, denn auf der ganzen Strecke treiben des Mahdi Anhänger ihr Wesen.
Am Blauen Nil ist eine Besatzung von tausend Mann von den Rebellen eingeschlossen, doch fehlt es ihnen nicht an Proviant; ehe der Nil steigt, kann ich ihnen nicht zu Hilfe kommen.
Auch Darfur, soweit ich Nachricht habe, ist ruhig; der neueingesetzte Sultan läßt sich hoffentlich angelegen sein, Anhang unter den Stämmen zu gewinnen.
Es ist ganz unmöglich, einen andern Mann als Sebehr mit Erfolg hier einsetzen zu wollen. Kein anderer hat soviel Einfluß wie er. Hussein Pascha Khalifa könnte nur mit Dongola und Berber fertig werden.
Wird Sebehr nicht hierher geschickt, dann fehlt alle Aussicht, die Besatzung zu retten; das fällt schwer ins Gewicht zu seinen Gunsten.
Auch ist es unmöglich, das Land zwischen Sebehr und anderen Häuptlingen zu teilen; keiner der andern könnte sich auch nur einen Tag gegen die Helfershelfer des Mahdi halten; auch Hussein Pascha Khalifa würde fallen.
Die Häuptlinge weigern sich, gemeinsame Sache zu machen; Loyale und Rebellen stehen einander gegenüber.
Es ist durchaus nicht zu fürchten, daß Sebehr sich je mit dem Mahdi unter eine Decke stecken werde. Sebehr wird hier weit größere Macht besitzen als der Mahdi und wird sich nicht scheuen, ihm dies begreiflich zu machen.
Der Mahdi ist mit dem Papst zu vergleichen, Sebehr aber würde Sultan sein; da ist keine Gefahr, daß die zwei sich einigen.
Sebehr ist dem Mahdi fünfzigmal gewachsen. Er ist auch aus guter Familie (ein direkter Abkömmling der Abassiden), genießt Ansehen und würde die Sultanwürde gut bekleiden; der Mahdi ist von all dem das Gegenteil und ein Fanatiker dazu.
Ich zweifle gar nicht, daß Sebehr, dem die Stämme verhaßt sind, die Aufruhrsaat gesäet hat und zwar in der Hoffnung, daß man ihn dann hier nötig haben würde, um Ordnung zu schaffen.
Es ist die Ironie des Schicksals, die ihm seinen Wunsch erfüllt, wenn er hierher geschickt wird.«
Gordon predigte mit dieser klaren Auseinandersetzung tauben Ohren, die Minister im fernen England und außer Zusammenhang mit Land und Leuten, erklärten Sebehrs Ernennung für eine Unmöglichkeit; die öffentliche Meinung würde sich dagegen auflehnen, hieß es. Und als Berber von den Rebellen bedroht wurde, zog man sich auf den Standpunkt der Friedenspolitik zurück und verweigerte eine Truppensendung.
Schon im März 1884 war die Lage Khartums eine bedenkliche geworden. Etliche Kilometer nördlich von der Stadt befindet sich das kleine Halfaja, woselbst eine Truppenabteilung von achthundert Mann, welche Gordon mit Waffen versehen hatte, von viertausend Rebellen eingeschlossen war. Der Ort liegt am Fluß, aber neuerdings war auch die Schiffahrt abgeschnitten. Die Besatzung hielt mutig aus und Gordon beschloß, ihr zu Hilfe zu kommen. Die Rebellen wurden täglich kühner und waren der Stadt selbst schon so nahe gerückt, daß ihre Kugeln den Palast erreichten. Es schien, als ob man sich auf die Verteidigung Khartums beschränken müsse, allein der Versuch, jene Getreuen zu entsetzen, sollte gemacht werden. Gordon hatte drei Dampfer kriegstüchtig gemacht und mit Geschütz versehen; mit diesen und zwölftausend Mann zog er aus. Nach zwei Tagen hatte er mit Verlust von zwei Mann die Belagerten entsetzt, und mit der Besatzung von Halfaja, ihren Kamelen und Pferden und einem beträchtlichen Vorrat von Kriegsbedarf kehrte er nach Khartum zurück. Der Jubel in der Stadt soll keine Grenzen gekannt haben, aber nur zu bald stand der öffentlichen Freude die Unglückspost gegenüber, daß Schendi den Rebellen erlegen und Berber bedroht sei. Die Khartumer selbst erlebten auf ihren Sieg eine böse Niederlage. Denn als die Rebellen fortfuhren, sich in der Nähe der Stadt zu postieren und den Palast zu beschießen, beschloß Gordon einen zweiten Ausfall, den er den ägyptischen Truppen unter ihren eigenen Offizieren übertrug. Er selbst beobachtete die Bewegungen vom Dach des Palastes aus. Die feindliche Linie erstreckte sich mehrere Kilometer weit am Blauen Nil hin. Die Ägypter drangen stetig vor und der Feind zog sich hinter die Dünen zurück, die, teilweise mit Bäumen und Strauchwerk bewachsen, eine natürliche Schutzwehr bilden. Es schien, als ob die Rebellen den Kampf weigern wollten, und die andern rückten ihnen nach, ihre Anführer voraus, bis diese wie von einem plötzlichen Schrecken ergriffen unversehens kehrt machten und auf ihre eigene Mannschaft eindrangen. Es entstand Unordnung; in die gebrochenen Reihen stürzten sich die berittenen Rebellen und die Flucht der Ägypter war die Folge. Ein Rebell durchrannte mit seinem Speere sieben Flüchtlinge in sieben Minunten. Das fürchterlichste Gemetzel zog sich bis in die Nähe von Khartum. Es war in jeder Hinsicht eine schimpfliche Niederlage. Die überbleibende Mannschaft aber war laut in der Anklage gegen ihre beiden Anführer, welche den ganzen Reißaus ins Werk gesetzt hatten. Es wurden sogar Beweise beigebracht, daß einer derselben einen Kanonier zu Boden schlug, der sein Geschütz gegen den Feind richten wollte. Sieben Stunden nach dem Gefecht lagen noch Verwundete umher; zum Glück waren es nur zwanzig, denn die Araber machten den Verwundeten den Garaus wo sie konnten. Oberst Stewart holte sie heim mit einem der Dampfer und brachte sie ins Lazaret. Weithin lagen die Erschlagenen, zweihundert an der Zahl, während der Feind nur vier Mann eingebüßt hatte.
Den beiden Anführern wurde übrigens ihr Lohn zu teil; die Leute brandmarkten sie einstimmig als Verräter, welche absichtlich gegen ihre Mannschaft kehrt gemacht hatten, um für den Feind eine Öffnung zu gewinnen. Beide Pascha, Said und Hassan, wurden vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen. In Hassans Wohnung fand sich ein beträchtlicher Waffenvorrat vor, und es ergab sich überdies, daß beide den Truppen ihre Löhnung vorenthalten und selbst eingesteckt hatten. Sie hatten es offenbar darauf abgesehen, früher oder später zum Feinde überzugehen. Die Stimmung Khartums litt übrigens nicht durch diese Niederlage. Die Bevölkerung war voll guter Zuversicht zu ihrem Statthalter und es fehlte nicht an handgreiflichen Beweisen der Opferwilligkeit. Ein wohlhabender Araber bot Gordon ein unverzinsliches Darlehen von siebentausend Thaler an, ein anderer war erbötig, zweihundert Mann auf eigene Kosten zu bewaffnen. Die Stadt war bereit, sich an Gordon zu halten, der sie seinerseits nicht im Stich lassen würde. Die Rebellen schickten täglich ihre Grüße über die Mauern und schienen es besonders auf den Regierungspalast abgesehen zu haben, der nach kurzer Zeit mit Kugeln gespickt war. Den Statthalter selbst, der viele Stunden auf seinem Dach verbrachte, traf keine; sie fielen zu seiner Rechten, sie fielen zu seiner Linken, er selbst schien gefeit wie früher.
Dem falschen Propheten hatte Gordon anbieten lassen, er wolle ihn zum Sultan von Kordofan ernennen, wenn er zu unterhandeln bereit sei. »Ich bin der Mahdi,« lautete die großartige Antwort. Drei bewaffnete Derwische erschienen eines Tages vor Khartum und begehrten Audienz. Sie wurden vor Gordon gebracht. Ihr Auftrag war, die Feierkleider zurückzubringen, die dieser dem Mahdi als Friedensgeschenk übersandt hatte. Darauf produzierte sie ein Derwischgewand, das Gordon anlegen sollte, um sich damit als Muselman und Anhänger des Propheten Mohammed Achmet, des Mahdi, zu bekennen. Es läßt sich denken, daß jener mit nicht allzuviel Zeremonie für die zugedachte Ehre sich bedankt hat. Von Stund an war es klar, daß von einer Räumung des Landes keine Rede sein konnte, wenn nicht der Mahdi wie einst Pharao mit Gewalt, im gegenwärtigen Falle mit Waffengewalt, belehrt wurde, daß er diese Leute müsse ziehen lassen. Auf britische Truppen aber war nicht zu rechnen und Gordon sah, daß ihm nichts weiter übrig blieb, als selbst zu handeln; auch war er rasch entschlossen und erließ an alle ägyptischen Truppen, welche durch die Wüste nordwärts zogen, den telegraphischen Befehl zurückzukehren.
Es läßt sich hier passender Weise Gordons Ansicht über den Abfall vom Glauben einschalten. Vorausgeschickt sei die Bemerkung, daß der Mahdi nicht alle Europäer in diesem Stück so fest fand wie unsern Helden. Als Obeid in die Hände des falschen Propheten fiel, soll nur einer der dortigen römischen Missionspriester Treue gehalten haben, alle andern mitsamt den Nonnen trieb die Angst dem Mohammedanismus in die Arme. Die letzteren gingen sogar noch weiter, und traten mit dortigen Griechen in ein nominelles Ehebündnis, um sich vor Gewalt zu schützen. Da wird der Papst einen schönen Lärm schlagen, meinte Gordon, das ist ja eine Union der katholischen Kirchen. Es ist übrigens nicht dieser Scherz, worauf wir hinweisen wollten, sondern auf folgende Stelle in seinem Septembertagebuch:
»Was die an den Mahdi und an verschiedene Araber-Häuptlinge geschriebenen Briefe anlangt, so gebe ich zu, daß sie scharf waren, aber es ist keine Kleinigkeit, wenn ein Europäer aus Furcht vor dem Tod seinem Glauben abschwört; es war nicht so vor alters, und sollte auch heute nicht so leicht von statten gehen, wie das Vertauschen eines Rockes mit einem andern. Wenn der christliche Glaube auf Einbildung beruht, dann werft ihn immerhin ab; aber es ist niedrig und ehrlos das zu thun, um sein Leben zu retten, wenn man ihn für den wahren Glauben hält. Was kann stärker sein als diese Worte: ›Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater!‹ Die alten Märtyrer betrachteten solche als ihre Feinde, die sie davon abzuhalten suchten, ihren Glauben frei zu bekennen. Und was für Männer hatten wir in England zur Zeit der Glaubensverfolgungen, als die Reformation sich Bahn brach, und damals galt es nicht um das, um was es hier gilt; es handelte sich dort nur um die Messe, während es sich hier um unsern Herrn und sein Leiden handelt.... In politischer wie moralischer Hinsicht ist es besser für uns, nichts mit den abtrünnigen Europäern im arabischen Feldlager zu thun zu haben. Verrat führt nie zu gutem Ende, und mag es uns gehen wie es will, so ist es besser wir fallen mit reinen Händen ..... Mit Ehren zu erliegen, ist besser als ein Sieg mit Unehren, und auch die Ulema in der Stadt sind dieser Meinung. Sie wollen nichts mit Verrat zu thun haben.«
Wo im obigen Punkte stehen, hatte Gordon angemerkt, wenn die Tagebücher je gedruckt würden, sei es vielleicht gut, die ganze Stelle zu unterdrücken, denn kein Mensch habe das Recht, einen andern zu richten.
Es mag eine schwere Zeit inneren Kampfes für Gordon gewesen sein, als es ihm aus den englischen Depeschen immer klarer wurde, daß man ihm nicht nur die Hilfe Sebehrs verweigerte, sondern überhaupt gesonnen war, ihn sich selbst zu überlassen -- Krieg sollte vermieden werden; und das Schlimmste war noch, daß die Hälfte der abgesandten Depeschen ihn gar nicht erreichte. Es fehlte nicht an dringenden Vorstellungen seinerseits, und wochenlang schien Schweigen die Antwort zu sein. Wohl war er mit dem Gedanken ausgezogen, daß er als ein Friedensapostel kraft seines persönlichen Einflusses die ihm übertragene Mission erfüllen solle. Daß seine Regierung ihm aber gegebenen Falls unter die Arme greifen, daß sie ihn mindestens nicht im Stich lassen würde, das sollte keiner Vorversprechungen bedurft haben! Gordon hatte wieder und wieder erklärt, daß es ganz unmöglich wäre, die ägyptische Besatzung von Khartum zurückzuziehen, ohne die Stadt dem Mahdi zu überantworten und, was noch schlimmer wäre, die ägyptischen Besatzungen von Kassala, Sennar, Berber, Dongola und weiterhin in der Bahr el Ghasal ihrem Schicksal zu überlassen; dies aber erschien ihm als eine Feigheit, zu der er die Hand nicht bieten wollte. Was den Aufstand an sich betrifft, so war Gordon der Ansicht, daß es zu jener Zeit noch nicht tausend Mann englischer Truppen bedurft hätte, um gründlich aufzuräumen. Und als es klar war, daß englisches Militär zu diesem Zweck nicht vorhanden sei, kam er um die Erlaubnis ein, an die Türken zu appellieren; auch dies wurde ihm verweigert. Es war um diese Zeit, im März, daß der verlassene Held in einer eigentümlichen Depesche der englischen Regierung wie den ägyptischen Behörden seinen Dank für alle bisherige Beihilfe aussprach und die Erklärung beifügte, die betreffenden Machthaber hätten alles gethan, was von ihnen zu erwarten sei. Gordons englischer Biograph, Hake, macht darauf aufmerksam, daß diese Worte, so satirisch sie auf den ersten Blick erscheinen, auch nicht die Spur von Hohn enthalten, daß sich vielmehr die einfache und männliche Haltung des Mannes darin auspräge, von Stund an die Verantwortung der Lage auf ~seine~ Schultern zu nehmen als einer, der sich gezwungen sieht, der Übermacht der Umstände nach bestem Ermessen in eigener Kraft entgegen zu treten. In der Freiheit des Handelns aber lag die eine Hoffnung, die Tausende zu retten, deren Ankerpunkt er war. Es liegt etwas unendlich Rührendes darin, daß Gordon sich, abgesehen von seinem Pflichtgefühl überhaupt, für die ägyptischen Besatzungen aufopferte, für Menschen, die er im besten Fall immer nur als »Schafe« kennen gelernt hatte und von denen er nie viel Gutes sagen konnte. Diese Thatsache ist nicht der geringste Edelstein in der Krone des unvergleichlichen Mannes. Ein schönes Streiflicht hiezu giebt uns sein Tagebuch unterm 27. Oktober:
»Nicht weil ich dieses Volk hochachte, befürworte ich es, ihnen zu helfen, sondern weil sie ein so kraftloses, selbstsüchtiges Geschlecht sind, und weil dies die Frage unserer Pflicht ihnen gegenüber nicht beeinflussen kann. Die Erlösung der Menschen hätte nicht stattgefunden, käme unser Verdienst dabei in Betracht.« Und anderswo: »es ist ja gerade, ~weil~ wir so unwert sind, daß der Herr uns erlöst hat.«
Selbst im eigenen Lager war Gordon vor Verrat nicht sicher, und die Wohlgesinnten waren ein verzagtes Volk. Hake vergleicht ihn treffend mit dem kühnen Schiffsführer, der mit fester Hand ans Steuer tritt, um, so es möglich ist, die ihm anvertrauten Seelen in der Sturmnot zu retten. Ein Segel am Horizont war in Sicht gewesen, ja die eigene englische Flagge, aber trotz seiner Notsignale beharrte der ferne Segler auf seiner Bahn. Man hatte ihm nur zurücksignalisiert: »Ihr habt Boote und könnt euch davonmachen; laßt das Schiff sinken, es ist doch nicht zu retten.« Nicht so der Tapfere; trug sein Schiff doch kostbare Dinge, Schätze, die er nicht gering achtete, als da sind die Ehre des Mannes und die des Volkes, dem er angehört, und Gerechtigkeit, ja Erbarmung gegen die Hilflosen, die an ihn sich halten. Ist sein Schiff anderen nicht so viel wert, daß sie es retten, so will er thun was er kann, und lieber mit versinken, als ehrlos davongehen. Er ruft sein Schiffsvolk zusammen und sagt ihnen: »Selbst ist der Mann!« Er heißt sie die nutzlose Notflagge einziehen und zeigt ihnen, wie das lecke Schiff noch flott zu halten ist. Er beseelt sie mit einem Heldenmut und die Verzagenden legen Hand an, seiner Führung vertrauend. Wohl hätten sie Rettungsboote, sagt er ihnen, aber nicht für alle, und wer die eigene Haut retten wolle, der könne es immerhin versuchen. Die Sturmflut steigt, Wellen türmen sich auf Wellen, und zwischen den Wogen gähnt das Grab. Das ferne Segel, die ihm teure Flagge verschwindet am Horizont. Wohl kostet es ihn bitteren Schmerz, doch wächst der Mut ihm mit der Not. Noch ist es Tag, er will thun, was er kann als Schiffsherr und Steuermann; und kommt die Nacht, so ist Gott über ihm und ist auch dann noch da, wenn kein Polarstern mehr leuchtet.
Und Gordon blieb in Khartum, als englische Saumseligkeit sich zurückzog. Wer will es ihm verargen, daß die Haltung der Regierung, auf die er sich verlassen hatte, ihn mit Entrüstung erfüllte? Mit nackten Worten meldete er derselben, daß, möchten sie thun, was sie verantworten könnten, er nie und nimmer eine Besatzung verlassen werde, die an ihn sich klammere, daß er allen und jeden Versuch machen werde sie zu retten, ob solche Versuche auf den Leisten der Diplomatie paßten oder nicht. Die Khartumer hätten ihm ihr Geld geliehen, er hätte sie veranlaßt ihr Getreide billig zu verkaufen, er könne sein Schicksal von dem ihren nicht trennen.
»Soweit ich die Lage beurteilen kann,« telegraphierte er am 5. Mai an Sir E. Baring, der für ihn die englische Regierung vertrat, »ist sie einfach die: Sie erklären es als Ihre Absicht, weder Khartum noch Berber mit Truppen zu Hilfe zu kommen, und Sie verweigern mir Sebehr. Ich betrachte mich unter diesen Umständen frei, zu handeln wie die Lage gebietet. So lange es möglich ist, werde ich hier feststehen, und wenn ich den Aufruhr unterdrücken kann, werde ich es thun. Vermag ich es nicht, dann ziehe ich mich an den Äquator zurück und ~überlasse Ihnen den unauslöschlichen Schimpf, die Besatzungen von Sennar, Kassala, Berber und Dongola im Stich gelassen zu haben, mit der Gewißheit obendrein, daß Sie den Mahdi früher oder später doch noch werden vernichten müssen -- und dann unter größeren Schwierigkeiten als jetzt -- wenn Sie anders Ägypten nicht auch fahren lassen wollen.~«
Dieses Telegramm war sozusagen Gordons letzter Hilferuf an die englischen Minister; er verhallte ungehört. Die Stimme des Volkes zwar erhob sich und wollte den Helden nicht verlassen sehen. Auch im Parlament kam die Sache wieder und wieder zur Sprache. Lord Granville erklärte, daß wenn Gordon sich verlassen fühle, es nur deshalb sein könne, weil die englischen Telegramme ihn nicht erreichten; und Gladstone gab die keiner Auslegung bedürfende Erklärung ab, daß es Gordon jederzeit frei stünde, seinen Auftrag niederzulegen und nach England zurückzukehren! Die öffentliche Meinung in jenen Tagen glich einer wogenden See; Gordons Telegramm konnte nichts anderes als Teilnahme hervorrufen. In einer Versammlung englischer Bürger wurde einstimmig erklärt: »Wir verwerfen die Politik, die im Begriff ist, Gordon im Stich zu lassen, als eine unwürdige und das Land entehrende.« Und sowohl in dieser Versammlung als anderwärts wurde darauf hingewiesen, daß Gordons eigenartige Mission selbst den Ministern gegenüber von der Voraussetzung nicht zu trennen wäre, daß er nach seiner Einsicht handeln müsse, und daß man ihm, als er die Sendung übernahm, zu verstehen gegeben hätte, Unterstützung würde ihm nötigenfalls werden. Es seien leere Versprechungen gewesen; er habe um Geldmittel telegraphiert, man habe sie ihm verweigert; er habe nachgewiesen, daß Sebehr die beste Lösung der Frage sei, man sei ihm entgegengetreten; er habe um Truppen nachgesucht, man habe ihn benachrichtigt: er dürfe nicht darauf rechnen.