Part 14
Die Reise ging über Suez, Aden, Zeila nach Harrar; er wollte den Raouf Pascha, der als grausamer Tyrann dort schaltete, abermals seines Amtes entsetzen; es war derselbe, dem er vier Jahre vorher eine Züchtigung hatte zu teil werden lassen. In Harrar blieb er nur so lang als nötig war, um Ordnung zu schaffen; dann kehrte er nach Zeila zurück, wo er nach »achttägigem fürchterlichem Marsch« am 9. Mai 1878 anlangte. Müde wie er war, ging's alsbald weiter nach Massaua und Berber. Ihn verlangte nach Khartum zurück, wo ein Berg von Arbeit seiner harrte. Das Volk freute sich seiner Rückkehr und treulose Beamte zitterten; nicht weniger als acht seiner hochgestellten Untergebenen entsetzte er ihren Würden. Aber nur zu gut wußte er, daß er mit eingefleischter Veruntreuung im ungleichen Kampf stand, weil Ägypten wie die Türkei im Regierungswesen von oben bis unten durch und durch faul ist; und Menschenkraft, selbst die eines Gordon, reicht da nicht aus, auf die Dauer zu bessern.
Die erste Nachricht von außen, die ihn in Khartum erreichte, war die, daß Walad el Michael in Abessinien eingefallen sei und sich des Ras Bariu bemächtigt habe. Somit waren Gordons Briefe an Johannes jetzt in Walads Hand, was dem Schreiber übrigens kein großer Kummer war. Walad wußte nun, wessen er sich zu versehen hatte, und daß Gordon, obschon er sich von ihm lossagte, bei Johannes um sein Leben eingekommen war.
Die zweite ungleich bedenklichere Nachricht war ein erneuter und verstärkter Aufstand der Sklavenjäger. Soliman hatte sich in die Bahr el Ghasal zurückgezogen, wo die ganze Bande der aus ihren Nestern verjagten Sklavenhändler sich zur letzten verzweifelten Gegenwehr um ihn scharte. Während Gordon den Menschenhandel im Norden im Schach hielt und die Verbindungen der Räuber mit ihren Märkten abschnitt, erhob sich Soliman im Süden, und seine Horden überfluteten die Bahr el Ghasal.
»Ich habe den ganzen Besitz der Sebehrfamilie konfisziert,« schrieb Gordon, als er dies vernommen, »und sende eine Truppenabteilung gegen den Sohn.«
Diese Unterwerfung persönlich zu leiten war ihm schon deshalb nicht möglich, weil durch Anhäufung des Ssett in den Flüssen und Seen die Verbindung der Bahr el Ghasal mit Khartum oft monatelang abgeschnitten ist. Der Generalgouverneur durfte seine Provinz auf eine solche Möglichkeit hin nicht verlassen. Aber außerdem war eine Zeit der Schwierigkeiten angebrochen, der selbst seine Energie oft manchmal erliegen wollte. Die Paschas in Ägypten arbeiteten ihm geradezu entgegen.
»Ich stehe so ziemlich mit ganz Kairo auf dem Kriegsfuß, und Dornen sind mein Teil. Aber diese Arbeit ist mir nun einmal übertragen, ich will sie durchführen, und Gott wird mich von allem Übel erlösen. Wenn man sich von den irdischen Dingen nur immer innerlich frei halten und sie dem göttlichen Walten überlassen könnte, wie viel leichter wäre dann alles! Ich verzweifle nicht, aber wenn ich sehe, daß trotz aller Anstrengung kein wirklicher Fortschritt erreicht wird, dann überfällt mich ein Überdruß und ich wollte ich wäre daheim ... Seit die einsamen Kamelritte hinter mir liegen, habe ich keine erquicklichen Gedanken mehr ... Die fortwährenden Händel sind sehr niederdrückend und täglich möchte ich rufen: Wie lang, Herr, wie lang! Ich habe nie einen ruhigen Tag ... Aber so schwer es auf mir liegt, so ist es doch besser hier arbeiten, als anderwärts ein nutzloses Leben führen.«
Man sieht hieraus und aus ähnlichen Stellen, daß selbst ein Glaubensheld wie Gordon seine Stunden hat, wo er innerlich gebrochen ist und wie David und Hiob und andere Gottesknechte zu Zeiten meint, daß das Böse siegen werde. Auch körperlich hatte er zu leiden.
»Ich war mehrere Tage recht unwohl und so allein in meinem großen einsamen Haus. Und dann schleppte ich mich von einem Zimmer ins andere, weil die Gedanken mir keine Ruhe ließen. Bei all dem habe ich den großen Trost, mich nie vor dem Tod zu fürchten.« Und einige Wochen später: »Gottlob ich bin fast wieder wohl, aber ich war zwei Tage recht elend. Die ganze Stadt ist krank dieses Jahr. Aber so krank ich war (und zwar gleichzeitig mit meiner Dienerschaft -- alles lag darnieder), war es mir doch lieb, in meinem großen Haus allein zu sein und niemand zur Last zu fallen ... Ich glaube, mein armer Kopf hat nie mehr nutzlose Arbeit vollbracht als in jenen beiden Nächten. Bittschriften verfolgten mich und wenn ich meinte sie erledigt zu haben, so waren sie von neuem da; es war entsetzlich.« Und hieran knüpft er die nicht leicht zu beantwortende Frage an seine Schwester: »Was möchtest du lieber, nach einem kampflosen Leben die ewige Seligkeit in geringerem Maße erreichen, oder durch ein Heer von Prüfungen hier durch müssen, um die ewige Seligkeit in größerem Umfang zu gewinnen? Merke, die ewige Seligkeit, als eine vollständige, in beiden Fällen! Ich weiß nicht, was ich wählen würde, ich möchte lieber nicht wählen, obschon ich ein abgehärteter Mann bin, denn dies Leben ist eine ~fürchterliche~ Schule.«
Unter den äußeren Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen hatte, war der trostlose Zustand der Finanzen nicht die geringste: das Volk war über und über besteuert, aber mehr als zwei Drittel der Schatzung ging nie ein. Die Steuereinnehmer waren wie die weiland römischen Zöllner, die nebenher ihre eigenen Geschäfte machten. Gebt uns ein Sechstel als »Bakschisch«, sagten sie den Leuten, dann stellen wir euch ein Zeugnis aus, daß ihr nicht mehr zahlen könnt. Als Gordon die Verwaltung antrat, fand er, daß es vorher allgemein üblich war, den Gouverneur zu bestechen, um z.B. eine Stelle zu erhalten, und zwar so, daß ein Bewerber zwölftausend Mark »Bakschisch« für eine Anstellung zahlte, die ihm kaum mehr als ein Drittel dieser Summe an Jahresgehalt eintrug. Natürlich lag der Schluß nahe, daß die Beamten auf ganz andere Einkünfte als ihren Gehalt ihr Augenmerk richteten. Gordons Wachsamkeit legte manchem das Handwerk; das System war aber so eingerissen, daß er sich anfänglich der ihm zukommenden »Bakschisch«-Gelder gar nicht erwehren konnte; er legte sie in die Verwaltungskasse. Aber Ägypten selber betrachtete das abhängige Land nur als eine Geldquelle, und nicht zufrieden mit rechtmäßigen Einkünften, wie z. B. dem Ertrag des Elfenbeins, war es unter den ägyptischen Paschas ganz üblich, ihr eigenes Defizit aus dem Sudan zu decken. Selbst der Khedive telegraphierte seinem Statthalter Gordon, so oft er sich in Geldverlegenheit befand.
»Ich bin hinter den Büchern gewesen,« schreibt dieser, »und habe einen guten Streich geführt. Die Finanzverwaltung von Kairo telegraphierte um eine halbe Million Mark, die der Sudan dorthin schulde. Ich habe die (alten) Abrechnungen nachgesehen und finde, das umgekehrt Kairo dem Sudan hundertachtzigtausend Mark schuldet!«
Er ließ sich nie dran kriegen, von keinem Vizekönig und keinem Minister. Im ersten Jahr seiner Verwaltung fand er ein Defizit von über fünf Millionen Mark in seinen Finanzen, im zweiten Jahr hatte er's auf eine Million heruntergebracht, und mit der Zeit hoffte er der Schulden ganz Herr zu werden und rechtmäßige Überschüsse nach Kairo zu schicken. Er hatte oft Ebbe in der Kasse und dabei die fortwährenden Schwierigkeiten mit dem Sklavenhandel -- »wahrlich, man ist hier nicht auf Rosen gebettet!« rief er aus.
Denn bei aller übrigen Not hatte er ein wachsames Auge auf die Sklavenwirtschaft. Im Juli z. B. meldete er:
»Wir haben in diesen zwei Monaten zwölf Sklaventransporte abgefangen; auch ist mir ein Brief von einem Händler in der Bahr el Ghasal in die Hände gefallen, worin dieser seinen Abnehmern schreibt, er habe eine Menge Sklaven bereit, wisse aber nicht, wie sie landabwärts bringen. Er wird sich wundern, die Antwort von ~mir~ zu erhalten ... So weit es in meiner Macht steht, soll dieser Handel aufhören.«
Einige Wochen später wurde von seinen Leuten eine Karawane von neunzig Sklaven aufgefangen, die Überbleibsel von einer viermal größeren Anzahl, die über achthundert Kilometer weit durch die Wüste hergeschleppt worden waren; die wenigsten davon waren über sechzehn Jahre alt, die meisten ganz junge Kinder.
»Es fällt mir schwer, die Händler nicht nach Verdienst zu züchtigen (ihm selbst waren ja die Hände über ein gewisses Maß hinaus gebunden); aber ich darf nicht vergessen, daß Gott es zuläßt, und ich muß nach dem Gesetz handeln. Ich thue mein Bestes, und fürs übrige ist Er Generalgouverneur.«
In der Bahr el Ghasal waren, wie bereits gemeldet, die Sklavenjäger in erneutem Aufstand, und zwar abermals infolge eines geheimen Aufruhrs Sebehrs, jener Geißel Zentral-Afrikas, von welchem der ganze Greuel ausging. Der schwarze Pascha hoffte seiner Gefangenschaft in Kairo dadurch ledig zu werden, daß man ihn als den einen Mann, der die Bahr el Ghasal zu beschwichtigen vermöchte, nach dem Sitz des von ihm selbst hervorgerufenen Aufruhrs schicken würde. Sein Sohn Soliman war sein Stellvertreter. Und daß er so rechnete, war keineswegs weit vom Ziel geschossen; Gordon erlebte es in den nächsten Monaten, daß rücksichtlich des Sudaner Budgets Nubar Pascha ihm von Kairo aus den Vorschlag machte, ihm den Sebehr als eine Art Finanzbeirat zu schicken. Derselbe hoffte den Sudan so zur Blüte zu bringen, daß Ägypten in kurzer Zeit auf eine halbe Million Mark Einkünfte von dorther werde rechnen können. Gordon meldete zurück: ja, eine halbe Million aus Sklaventransporten, er begehre solcher Hilfe nicht.
Der Umfang des Aufstandes war anfänglich weder in Kairo noch in Khartum bekannt; später stellte es sich heraus, daß die Hauptsklavenhändler die Provinzen des Sudan von vornherein unter sich verlost hatten und sich mit der Hoffnung trugen, ihre Fahnen auf den Mauern Kairos wehen zu lassen. Keineswegs ein unmöglicher Traum! Auch als jener Aufstand unterdrückt war, erklärte es Gordon als seine Meinung, daß irgend ein entschlossener Anführer den Sudan gegen Ägypten aufwiegeln könne, wie das ja auch durch den Mahdi seither geschehen ist. Es sind nicht nur die Sklavenjäger, die das Brandmaterial in jenen unglücklichen Ländereien ausmachen, obschon diese an sich zu jener Zeit mächtig genug waren, um Ägypten in Atem zu erhalten, ein weiterer Zündstoff ist in den arabischen Stämmen vorhanden, die vor Hunderten von Jahren übers Rote Meer herüberkamen und sich im Innern von Afrika festsetzten. Diese Araber sind kriegstüchtige Leute, stolz auf ihre Abkunft und nach moslemischen Begriffen von sittlicher Lebensart. Diese sind es hauptsächlich, die sich dem Mahdi anschlossen, um die verhaßten Ägypter zu vertreiben, und sie waren es, die in jenem Aufstand Solimans Horden verdoppelten und verdreifachten. Fürs übrige stehen sie den Negern näher als den Ägyptern; sie selbst aber treiben Sklavenhandel, und Solimans Banditen waren zum Teil Angehörige dieser Stämme. »Unser ist das Land,« war der Schlachtruf jener Araber, »wir brauchen keinen Effendina (Khedive) hier!« »Wären Sebehr und seine Leute nicht so verruchte Sklavenjäger,« schrieb Gordon, »und hätten sie sich nicht solch furchtbare Grausamkeiten zu schulden kommen lassen, es wäre für den Sudan vielleicht besser gewesen, die Aufrührer hätten ihren Zweck erreicht. Und -- fügte er fernsichtig bei, -- wenn England und Frankreich sich nicht besser vorsehen und für eine gerechte Verwaltung sorgen, so ist ein Sichlosreißen des Sudan von Ägypten nur noch eine Frage der Zeit.«
Gordon verlor keinen Augenblick, den Aufruhr zu dämpfen, und da er nicht selbst den Rebellen entgegenziehen konnte, so entsandte er ~Gessi~, seine rechte Hand, einen tüchtigen Soldaten, der uns schon vom Äquator her bekannt ist und den Gordon bei dieser Gelegenheit folgendermaßen beschreibt:
»Romulus Gessi, Italiener, neunundvierzig Jahre alt; kurz, von gedrungener Gestalt; ein kaltblütiger, entschlossener Mann, und in praktischen Dingen ein geborenes Genie.«
Auf seinem Wege nilaufwärts stieß dieser tapfere Soldat auf reichliche Beweise, daß die ägyptischen Beamten eigenen Gewinnes halber mit den Händlern unter ~einer~ Decke steckten. Nicht nur begegneten ihm bei jeder Wendung mit Menschenware beladene Boote, sondern sogar Dampfer, die unter der Flagge der Regierung dem Sklaventransport Vorschub leisteten. Auf einem der Boote fand er an dreihundert Schwarze und unter diesen einige Lastträger, die als freie Menschen mit Ladungen von Elfenbein und Getreide nach Lado gekommen waren. Ibrahim Fansi aber, der dortige Statthalter, bemächtigte sich ihrer und verschiffte sie auf seine Rechnung in die Sklaverei. Zum Glück begegneten sie einem handfesten Befreier. Gessi war auf dem Wege nach den Äquatorialdistrikten, um auf den verschiedenen Stationen seine Streitmacht zu vervollständigen. Auf dem Rückwege landete er seine Mannschaft in Gaba Schambil, aber erst mit Anfang September konnte er durch das überschwemmte Land westwärts ziehen und infolge der Regenzeit mußte er wochenlang in Rumbehk am Bahr el Rohl bleiben. Dort erreichte ihn die Nachricht, daß der Sohn Sebehrs sich zum Herrn der Bahr el Ghasal aufgeworfen habe, daß er in Dem Idris die ägyptische Besatzung überfallen und vernichtet habe, wodurch ein beträchtlicher Vorrat von Kriegsbedarf in seine Hände gefallen sei. Die Häuptlinge der Araber in der Umgegend wandten sich ihm auf diesen Erfolg hin massenweise zu, und solche, die es nicht thaten, metzelte er nieder. Weiber und Kinder erlagen entweder seiner Grausamkeit oder wurden in die Sklaverei geschickt. Rings umher hatte er die Leute ihrer Kornvorräte beraubt, so daß sie zu Hunderten Hungers starben.
Soliman hatte sechstausend Mann, und es verlautete, er beabsichtige einen Überfall auf Rumbehk; Gessi hatte nur dreihundert reguläre Truppen mit zwei Feldstücken und etwa siebenhundert schlechtbewaffnete Irreguläre. Er erwartete noch bis dreihundert Mann Verstärkung und machte sich alsbald daran, Rumbehk zu befestigen. Seine von Gordon erwartete Hilfe blieb aber aus, weil sein Schreiben an den Generalgouverneur fünf Monate lang nach Khartum unterwegs war! Hilfe von den benachbarten Bezirksstatthaltern erhielt er nicht. An Beamten scheint die Provinz keinen Mangel gelitten zu haben. In Dem Idris hatte sich eine »fabelhafte Anzahl« derselben die Langeweile mit Tricktrackspielen vertrieben, während Jussuf Bey, der Bezirksgouverneur, ein ruchloses Leben führte, worin seine Untergebenen, sämtlich seine Neffen und Vettern, ihn nach Kräften unterstützten. Ägyptische Wirtschaft! Am 17. November verließ Gessi seine feste Stellung, und das war der Anfang eines Kriegs- und Siegesmarsches, das Ergebnis einer Energie, wie sie nur aus Gordons Schule hervorgehen konnte. Unaufhaltsam durch das Land der Ströme vorwärtsdringend und auf Flößen übersetzend -- einmal inmitten von Krokodilen -- verschanzte er sich in dem am gleichnamigen Fluß gelegenen Dorfe Wau. Dort kamen ihm die Eingebornen Hilfe suchend von allen Seiten entgegen. Über zehntausend Menschen hatte Soliman aus den Dörfern der Bahr el Ghasal geraubt. Ein Araberhäuptling schloß sich ihm mit siebenhundert Bewaffneten an und nun warf er sich auf Dem Idris, welche Stadt er befestigte, eines Überfalls von Soliman gewärtig.
Der Sohn Sebehrs aber hatte sich überraschen lassen; bei dem überschwemmten Lande wähnte er Gessi noch in weiter Ferne und war selbst im Begriff, in seine Höhle zu Schekka zurückzukehren. Als ihm aber die Nachricht von der Nähe des Feindes kam, sammelte er rasch seine Streitkräfte, über zehntausend Mann, und warf sich auf Dem Idris. So sicher war er seiner Sache, daß er schon die Stricke in Bereitschaft hielt, um Gessi und seine Handvoll Leute zu binden. Viermal kam es zum Angriff, und viermal wurde er zurückgeschlagen, das erstemal am 27. Dezember, wobei er tausend Tote und fünf Standarten zurückließ. Aus Mangel an Munition konnte Gessi den zurückgeworfenen Feind nicht verfolgen. Dieser machte vierzehn Tage später einen neuen Angriff und wurde abermals zurückgeschlagen. Soliman und seine Häuptlinge hatten sich vorher im Kriegsrat mit einem Eidschwur auf den Koran zu Sieg oder Tod verbündet. Durch Überläufer wußte Gessi davon und verband sich seinerseits mit seinen Leuten, ihr Leben so teuer als möglich zu verkaufen. So wenig Kriegsbedarf hatte Gessi, daß er nach dem ersten Angriff die Kugeln des Feindes sammeln und wieder gießen lassen mußte. Er sah aber, daß den schwarzen Soldaten der Sklavenhändler der Mut gebrach, daß die Araber mit gezückten Schwertern hinter ihnen standen und den Zagenden den Garaus machten. Am folgenden Morgen kam es zum dritten Angriff und sieben Stunden lang wütete der Kampf. Endlich wichen die Horden Solimans. Dieser war in verzweifelter Wut von seinem Pferd gesprungen und weigerte sich zu fliehen; wenn der Tod ihn nicht finde, wolle er ihn suchen, schrie er, aber seine Leute schleppten ihn mit Gewalt davon. Abermals nach vierzehn Tagen, in der Nacht des 28. Januar 1879, stürmte der Feind heran. Eine von Solimans Bomben setzte ein Strohdach in Brand, und das Lager stand in Flammen. Gessi war dadurch gezwungen, den Kampf im offenen Feld zu wagen, aber nach drei Stunden hatte er die Sklavenhändler in die Flucht geschlagen.
Im März erhielt er Zufuhr von Pulver und Blei und konnte es wagen, den Feind in seiner Verschanzung anzugreifen. Solimans Lager bestand aus einem Verhau von Baumstämmen, im Zentrum war eine feste Verschanzung, die sechs- bis achttausend Mann deckte, und darum her standen statt der Zelte Reisighütten. Eine Rakete der Angreifenden fiel ins Lager, und im Augenblick brannte alles lichterloh. Die Rebellen suchten mit verzweifelten Anstrengungen des Feuers Herr zu werden, aber bald stand auch die äußere Einpfählung in Flammen, und den Banditen blieb keine Wahl als einen Ausfall zu machen. Sie wurden auf ihr brennendes Lager zurückgeworfen und retteten sich zuletzt in wilder Flucht. Ihr Verlust war ein beträchtlicher. Die Nacht senkte sich auf Gessis müde Schar, die seit dreizehn Stunden der Nahrung ermangelte. Am andern Morgen bemächtigten sie sich des halbverbrannten Lagers; verkohlte Leichen bedeckten die Stätte und weithin lagen die auf der Flucht Umgekommenen. Mangel an Schießbedarf verhinderte Gessi abermals, seinen Sieg auszubeuten. Der Statthalter von Schekka, als der nächste, der Zufuhr hätte verschaffen können, ließ ihn im Stich, und als die Pocken in Dem Idris ausbrachen, war seine Lage in der That eine traurige.
Während der tapfere Italiener den Sohn Sebehrs auf diese Weise im Schach hielt, war Gordon, wie wir gesehen haben, an der Arbeit in Khartum. Der Anfang 1879 brachte ihm nicht weniger als drei Einladungen nach Kairo; er umging sie mit der Antwort, daß der Zeitpunkt ein kritischer und eine Folgeleistung für ihn mit der Niederlegung seines Amtes gleichbedeutend sei. Während er täglich seine wirkliche Rückberufung erwartete, erhielt er die Nachricht vom Fall seines Gegners, des Nubar Pascha selbst. Gordon hatte dem Gessi deshalb keine Verstärkung schicken können, weil Nubar ihm das Militär verweigert hatte. Es war bei dieser Gelegenheit, daß dieser ihm statt eines dringend nötigen Regiments Soldaten den Sebehr anbot! Gordons Sorge um Gessi nahm täglich zu, und wiederholt telegraphierte er dem Khedive um Genehmigung eines Zuges seinerseits nach Kordofan und Darfur. Mitte März machte er sich dann nach Schekka auf den Weg.
Den Zweck seines die Unterstützung Gessis bezweckenden Unternehmens beschreibt Gordon folgendermaßen:
»Erstens galt es, die Anhänger des Sohnes Sebehrs in Kordofan zu verhindern, den Sklavenhändlern Hilfe zuzuführen; zweitens, dem Feind den Rückzug abzuschneiden und Sebehrs Horden zu verhindern, in Darfur einzufallen und sich daselbst mit dem angeblichen Sultan zu vereinigen, der im Hügelland noch sein aufrührerisches Wesen trieb; und drittens, Gessi moralischen Beistand zu gewähren sowie ihm den nötigen Kriegsbedarf zukommen zu lassen.«
In größter Eile drang Gordon vorwärts nach Schekka. Durch Gluthitze bei Tag und empfindliche Kälte bei Nacht, über sandige Strecken und verdorrtes Gras trug sein Kamel ihn durch die wasserlose Wüste. Der Weg ging über Obeid, wo die Leute »sauer sahen, weil er Handel und Gewerbe durch Unterdrückung der Sklavenjagd beeinträchtigte.« Da und dort faßte er unterwegs Sklavenkarawanen ab, konnte die Händler aber nur durchpeitschen und ihnen die verbotene Ware abnehmen.
Persönlich hatte er »keinen sehnlicheren Wunsch, als sie zu erschießen,« -- es war lediglich das Gesetz,[11] das ihn daran verhinderte.
Auf einem nächtlichen Ritt in jener Zeit aber sah er einen Ausweg, den Greuel besser als bisher zu unterdrücken.
»Von gestern abend halb sieben bis halb vier diesen Morgen habe ich auf meinem Kamel gesessen. Und auf diesem langen Ritt zeigte sich mir eine Möglichkeit den Sklavenhandel zu vernichten, dadurch nämlich: 1) ~wer im Lande Darfur wohnt, muß eine Aufenthaltskarte haben~; 2) ~niemand darf das Land betreten oder es verlassen ohne Paß für sich und sein Gefolge~. Auf diese Weise kann niemand im Land verweilen, ohne seine Erwerbsquelle nachzuweisen, und niemand kann ohne Kenntnisnahme der Regierung darin umherreisen. Ein Zuwiderhandeln dieser Verordnung wird mit Gefängnis oder durch Beschlagnahme des Besitzes der Schuldigen bestraft.«
Er berichtete dies der Schwester als einen guten Nachtgedanken, den er aber nicht seinem eigenen klugen Kopf zuschrieb, denn es steht in Klammern daneben: »So aber jemand unter euch Weisheit mangelt, der bitte von Gott, der da giebt einfältiglich jedermann, und rückt es niemand auf.« Allerdings sieht er nur zu bald ein, daß sein Nachtgedanke zwar theoretisch gut, aber praktisch unausführbar ist; denn wer sollte der Paßanwendung Nachdruck verleihen? Am 8. April erreichte er Schekka, »diese Sündenhöhle.« »Das Entsetzen der Sklavenhändler« -- es waren ihrer mehrere hundert beisammen -- »war groß«.
Am Tage vorher hatte ihn die Nachricht von Gessis Erfolgen erreicht, dem um diese Zeit auch die ersehnte Verstärkung geworden war. Während Gordon in Schekka dem Greuel den Boden sozusagen unter den Füßen wegzog, errang Gessi in der Bahr el Ghasal neue Siege. Die armen Schwarzen wußten sich nicht zu fassen vor Glück! Ein Dorf ums andere wurde ihnen zurückerobert, und ihre grausamen Unterdrücker fanden die verdiente Strafe. Mehr als zehntausend jener Unglücklichen schenkte er ihre Heimat wieder. Einmal brachten seine Späher ihm acht Sklavenjäger ins Lager und mit ihnen achtundzwanzig zusammengekoppelte Kinder. Er ließ die Schurken sofort erschießen. Ein paar Tage später hängte er eine ganze Reihe derselben im Wald auf. Kein Tag verging, daß nicht ein Negerhäuptling kam und sich ihm mit Dankesthränen zu Füßen warf; jetzt endlich konnten sie's glauben, daß es eine Regierung gebe, der es obliege, sie zu schützen.
Am 1. Mai verließ er Dem Idris und suchte den Sohn Sebehrs in seinem eigenen Nest auf, das seinen Namen trug -- Dem (d. h. Stadt) Soliman. Der Überfall war in Plan und Ausführung ein so glänzender, daß der junge Bandit ums Haar in seine Hände gefallen wäre. Die Stadt wurde erobert, und die reichen Vorräte kamen Gessis Truppen sehr zu statten. Der Sohn Sebehrs aber war zu einem andern Sklavenjäger, einem der mächtigsten Rebellen, Namens Rabi, entkommen. Mit sechshundert Mann machte sich Gessi auf den Weg, ihn zu verfolgen. Durch das verwüstete Land, das nach Rache gegen den Feind schrie, drängte der Rächer. Der Hunger folgte ihm auf den Fersen, zog vor ihm her, er achtete es nicht. Er erreichte ein Dorf, das noch die Spuren der vor kurzem verschwundenen Einwohner trug; es war spät am Abend, er fand Obdach vor dem strömenden Regen, aber nicht eine Handvoll Durra. Da ging seinen Leuten der Mut aus. Mit Tagesanbruch rief er sie zusammen und sagte ihnen, daß er keine Nahrung für sie habe, daß aber der Feind nicht weit sei, und was sie ihm abjagen könnten, gehöre ihnen. Da feuerte der Hunger die Mannschaft an und weiter ging's im Sturmschritt. Sie kamen an Gräbern vorüber und scheuchten Raubvögel von ihrem Fraß auf, fanden unbeerdigte Leichen und frische Fußstapfen, dann Häuser und ein ausgestorbenes Dorf. Da stürzte ihnen ein weißes Weib mit aufgelöstem Haar und fast ohne Kleidung entgegen, sie trug ein Kind an der Brust, und ihr abgehärmtes Gesicht sprach von Schrecken und Jammer. Mit strömenden Thränen sank sie dem Anführer zu Füßen. Ihr Mann, ein ägyptischer Offizier, war bei dem Überfall von Dem Idris niedergemetzelt und sie als Beute entführt worden. Von ihr erfuhr Gessi auch, daß der Feind nicht weit war.
In den Häusern gab's wenigstens genug Durra, die ausgehungerten Soldaten zu sättigen. In der folgenden Nacht lagerten sie in einem dichten Wald; Kundschafter wurden ausgeschickt. Die brachten nach zwei Stunden Nachricht von weithin leuchtenden Wachtfeuern. Gessi hielt dafür, daß er auf eine Sklavenkarawane gestoßen sei, denn die Hauptbande vermutete er in einem noch entfernteren Dorfe. Er teilte seine Mannschaft in der Absicht, die Karawane zu umgehen und sich zuerst der Rebellen zu versichern; aber die eine Abteilung verfehlte ihren Weg und kam mit Sklavenhändlern ins Gemenge. Schüsse fielen, und in wenig Augenblicken war die Bande auseinandergesprengt. Einige Händler fielen ihnen in die Hände, und diesen wurden nun dieselben Ketten angelegt, unter denen eben noch ihre Opfer geseufzt hatten. Ihr Anführer war Abu Snep, einer der berüchtigtsten Sklavenhändler in der ganzen Bahr el Ghasal. Aber der Rebellenhaufe hatte die Schüsse vernommen, und plötzlich -- es war noch dunkle Nacht -- erleuchtete eine Feuersbrunst den Himmel; die flüchtigen Banditen hatten das Dorf angezündet, und als Gessi es in der Morgenfrühe erreichte, fand er einen rauchenden Trümmerhaufen. Nirgends eine Menschenseele, nur ein kleines Sklavenbübchen, das sich in der Verwirrung versteckt hatte. Das Kind berichtete, daß Soliman selbst keine vierundzwanzig Stunden vorher im Dorf gelagert hatte.